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Literaturpreise und Literaturpreisverleihungen nach 1945

Literaturpreise als Indikatoren für Normen und Werte einer Kultur

Diplomarbeit 2007 117 Seiten

Didaktik - Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Einleitung

1. Pierre Bourdieus Theorie
1.1. Die Entstehung eines relativ autonomen “literarischen Feldes“
1.2. Die Akteure (Autoren) im relativ autonomen “literarischen Feld“
1.3. Literaturpreise
1.4. Literaturpreisverleihungen

2. Geschichte der Literaturpreise in der Bundesrepublik Deutschland und Österreich nach 1945
2.1. Geschichte der Literaturpreise in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945
2.2. Wichtige Literaturpreise in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945.
2.3. Geschichte der Literaturpreise in Österreich nach 1945
2.4. Wichtige Literaturpreise in Österreich nach 1945

3. Der Literaturnobelpreis
3.1. Geschichte des Literaturnobelpreises
3.2. Verleihungszeremonie des Literaturnobelpreises

4. Der Georg-Büchner-Preis
4.1. Die Entwicklungsphasen des Georg-Büchner-Preises von 1923 bis 2004
4.2. Geschichte des Georg-Büchner-Preises nach 1951
4.3. Träger des Georg-Büchner-Preises
4.4. Die Verleihungszeremonie des Georg-Büchner-Preises
4.5. Politische Auseinandersetzungen beim Georg-Büchner-Preis
4.5.1. Der Fall Peter Handke
4.5.2. Der Fall Günter Grass
4.6. Der Alternative Georg-Büchner-Preis

5. Der Ingeborg-Bachmann-Preis
5.1. Die Geschichte des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs
5.2. Vom Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zum Medienspektakel
5.3. Die Autoren beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
5.4. Literaturskandale beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
5.5. Der österreichische Skandalisierungseinzelgänger Thomas Bernhard .

6. Schlussbetrachtung

7. Beilagen
Beilage 1
Beilage 2

8. Literaturverzeichnis und Internetquellen

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Vorwort

Unter Kultur in der europäischen Gesellschaft wird verstanden:

„das von Menschen zu bestimmten Zeiten in abgrenzbaren Regionen in Auseinandersetzung mit der Umwelt in ihrem Handeln Hervorgebrachte (Sprache, Religion, Ethik, Institutionen [Familie, Staat u. a.], Recht, Technik, Kunst, Musik, Philosophie, Wissenschaft), auch der Prozeß des Hervorbringens der verschiedenen Kulturinhalte und - modelle (Normensysteme und Zielvorstellungen) und entsprechender individueller und gesellschaftlicher Lebens- und Handlungsformen [...].“1

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) beschreibt in seinem Werk „Die verborgenen Mechanismen der Macht“, dass Kultur das Ergebnis eines Kampfes in einer Gesellschaft ist. Nach Bourdieu ist Kultur „hierarchisch organisiert und sie trägt zur Unter- und Überordnung von Menschen bei, wie etwa ein Möbel- oder ein Kleidungsstück, an denen man sofort erkennen kann, auf welcher Sprosse der sozialen und kulturellen Hierarchie sein Besitzer steht. Im Bereich der Politik, aber nicht allein dort, verurteilen die offiziöse Kultur und der von ihr beanspruchte Respekt diejenigen zum Schweigen, die nicht als Träger dieser Kultur anerkannt sind.“2

Innerhalb dieser durch einen Kampf entstandenen Kultur entsteht wiederum Kunst. Unter Kunst in einer Kultur wird verstanden:

„Bezeichnung für die Gesamtheit des von Menschen Hervorgebrachten, das nicht durch eine Funktion eindeutig festgelegt oder darin erschöpft ist, zu dessen Voraussetzungen hohes und spezifisches Können gehört und das sich durch seine gesellschaftliche Geltung auszeichnet als Ausdruck von Besonderheit. Im heutigen Verständnis ist diese Gesamtheit in die Teilbereiche Literatur, Musik, die bildenden Künste wie Architektur, Bildhauerei, Malerei, die darstellenden wie Theater, Tanz und Film gegliedert [...].“3

Bourdieu beschreibt in seinem Werk „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft” wie Kultur und Kunst in allen Gesellschaftsklassen als Unterscheidungsmerkmal verwendet wird.4

Auch in der Welt der Kunst herrscht eine eigene Logik, Kunst als Unterscheidungsmerkmal anzuwenden. Innerhalb einer Gesellschaft hat Kunst die Funktion „symbolische Macht” zu gewinnen. Bourdieu hat in seinem Werk „Die verborgenen Mechanismen der Macht” eine Theorie der Macht beschrieben. Die verborgenen Mechanismen der Macht sind alle Formen subtiler Machtausübung („symbolische Gewalt“), die vor allem durch die Sprache, aber auch durch den „Habitus“ zustande kommen. Die Sprache ist gleichzeitig ein Mittel des Ausdrucks und der Zensur. Nach Bourdieu besteht eine Sprache paradoxerweise aus „jenen Dingen, die sie auszusprechen erlaubt, aber auch aus jenen, die sie auszusprechen und zu denken verbietet, die aber von anderen Sprachsystemen wiederum zugelassen werden [...].“5

Über den Begriff der „symbolischen Macht” schreibt er:

„Die symbolische Macht ist eine Macht, die in dem Maße existiert, wie es ihr gelingt, sich anerkennen zu lassen, sich Anerkennung zu verschaffen;

d. h. eine (ökonomische, politische, kulturelle oder andere) Macht, die die Macht hat, sich in ihrer Wahrheit als Macht, als Gewalt, als Willkür verkennen zu lassen.“6

Bourdieu hat die Wirkung der „symbolischen Macht“ anhand seines Konzepts der Kapitalakkumulation und des „symbolischen Gewinns“ durch Kunst deutlich gemacht.7

Innerhalb der Kunst, im Teilbereich Literatur, werden zahlreiche Werke mit einem Literaturpreis ausgezeichnet. Durch einen Literaturpreis erhalten wiederum Literaturpreisträger und die beteiligten Instanzen „symbolisches Kapital“ bzw. „symbolische Macht“.

Die Zahl der Literaturpreise und Literaturpreisträger ist allein in der Bundesrepublik Deutschland seit 2001 um gut 40% auf nunmehr 2400 angestiegen.8 Diese Kulturpreise, Literaturpreise und andere Auszeichnungen spiegeln wiederum Trends und Umbrüche in der Kultur einer Gesellschaft.

Bei den Literaturpreisen wird das Verhältnis zwischen Kunst (Literatur) und Markt (Werbung für politische, kommerzielle, kulturelle, religiöse oder humanitäre Zwecke) transparent. In dieser Verbindung zwischen Kunst (Literatur) und Markt spielt der Autor eine Schlüsselrolle. Der Name des Autors verbindet sich mit einem Literaturpreis. Das Verhältnis zwischen dem Autor (Person) und seinem Literaturpreis ist aber ambivalent.

Bei diesem ambivalenten Verhältnis zwischen Autor und dem Literaturpreis ist einerseits (bei dotierten Auszeichnungen) die materielle Förderung wichtig und werden andererseits ideelle Werte sichtbar gemacht.9

Durch die Publizität der Medien erhalten Literaturpreise wiederum symbolische Bedeutung (immaterieller Wert). Diese symbolische Bedeutung hat großen Einfluss auf das Leben eines Preisträgers.

Dabei steht für einen Preisträger viel auf dem Spiel. Er kann durch den Preis seinen „Marktwert” steigern, aber er kann auch durch einen Skandal degradiert werden, wie es z. B. bei Peter Handke mit dem Heinrich-Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf im Mai 2006 geschah (siehe Kapitel 1.4.).

Einleitung

Die heutige hauptsächlich christliche europäische Kultur wurde bereits in der Antike durch die griechisch-römische Kultur mit ihrem „Humanitätsideal“ geprägt. Die griechisch-römische Kultur der Antike hat großen Einfluss auf unsere europäische Kultur. Die griechische Kultur ist von „klassischen“ Autoren wie z. B. Shakespeare, Goethe, Schiller, Kleist und Lessing in die Literatur implementiert worden. Sie ist nicht nur in der Literatur, sondern auch in Opern, Theater, Politik, Gesellschaft und Sport usw. ein elementarer Bestandteil.

Auch die ersten großen Wettbewerbe reichen in diese Zeit zurück. In mykenischer Zeit wurde in Olympia der Held Pelops verehrt. Der Mythos erzählt, dass Pelops, ein lydischer Königssohn, den König Oinomaos von Pisa (Pisa bei Olympia) in einem Wagenrennen auf Leben und Tod bezwungen hat. Im Jahre 776 v. Chr. fanden nach griechischer Überlieferung die ersten Olympischen Spiele zur Erinnerung an dieses Wagenrennen statt. Der erste Olympiasieger der Geschichte war der Läufer Koroibos aus Elis.1 Städte wie Athen, Kos, Mazedon und Syrakus realisierten schon damals, dass Wettbewerbe für das Ansehen und die Wirtschaft vorteilhaft waren. Die ersten Olympiasieger (nur Männer) waren daher schon im Jahre 300 v. Chr. keine Amateure mehr, sondern Profis. Sie wurden gesponsert, trainiert, motiviert und gefeiert.

So schreibt der griechische Dichter Epictetus:

“You say, ‘I want to win at Olympia.’ […] If you do, you will have to obey instructions, eat according to regulations, keep away from desserts, exercise on a fixed schedule at definite hours, in both heat and cold; you must not drink water nor can you have a drink of wine whenever you want. You must hand yourself over to your coach exactly as you would to a doctor. Then in the contest itself you must gouge and be gouged, there will be times when you will sprain a wrist, turn your ankle, swallow mouthfuls of sand, and be flogged. And after all that there are times when you lose.”2

Die ersten Spiele in Olympia waren religiöse Feste, bei denen Zeus verehrt wurde. Der Hauptpreis war ein Kranz aus Olivenzweigen, die von einem Olivenbaum auf dem heiligen Grab des Zeus gepflückt wurden.3 Die Olympischen Spiele waren zuerst noch regional begrenzt, heutzutage sind sie ein herausragendes internationales Ereignis.

Die Antike kannte bereits den Wettbewerb, Sieger gewannen durch ihren Sieg Ruhm, Einfluss und Macht. Sie wurden zu Helden erhoben. Die Verlierer dagegen wurden degradiert oder fanden sogar den Tod.

Auch in der Literatur erhalten die aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Träger eines Literaturpreises Ruhm, Einfluss und ökonomischen Gewinn für ihre kreativen Leistungen. Die heutigen Literaturwettbewerbe stehen noch immer in der Tradition des Sängerwettstreits, wie dem mittelalterlichen Sängerwettstreit auf der Wartburg.4 Die Wettbewerbe dienten dazu Künstler zusammen zu bringen, um ihr Werk zu präsentieren und zu fördern und um es schließlich in die Öffentlichkeit zu bringen.

Die Literaturwettbewerbe sind heutzutage Events des Literaturbetriebs mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erlangen. Es handelt sich bei dieser Form der Verbreitung von Literatur um einen Wettbewerb mit Mitteln, die von den Spielregeln der modernen Gesellschaft diktiert werden. Massenmedien und Großverlage propagieren häufig statt Qualität fast nur auflagenstarke Bestseller und Bestsellerautoren.5

Durch Wettbewerbe und Literaturpreise wird die Vermarktung der Literatur transparent. Die Verbindung Literatur und Markt kann man als ein Netzwerk betrachten. Dieses Netzwerk kann man aus historischer, praktischer und kulturanalytischer Perspektive betrachten.

Aus historischer Perspektive sind Literatur und Buchmarkt miteinander verbunden. Diese historische Perspektive geht von der Literaturgeschichte aus und betont z. B. die harmonische Verbindung zwischen Literatur und Buchmarkt im 18. Jahrhundert.

Bei der praktischen Perspektive sind Literatur und Buchmarkt nicht eng miteinander verbunden, doch findet zwischen Literatur und Buchmarkt ein Austausch von „symbolischem“ und „ökonomischem Kapital“ statt.

Die kulturanalytische Perspektive geht davon aus, dass Literatur und Buchmarkt einander gegenseitig fördern oder hemmen. Literatur und Markt werden als ein Teil des Zeichen- und Wertesystems der Kultur betrachtet.6

Alle Beteiligten und beteiligten Gruppen in diesem Netzwerk versuchen ihren Nutzen daraus zu ziehen, solange bei ihrem symbolischen Auftreten ihre ökonomischen, sozialen und kulturellen Interessen nicht gefährdet werden. In diesem Netzwerk werden Spielregeln angewendet, die man befolgen muss. Wenn man diese Spielregeln geschickt anwendet („feldmäßig“), wird “ökonomisches Kapital“ in “symbolisches Kapital“ umgewandelt und umgekehrt.7 Dieses Netzwerk mit seinen Spielregeln ist auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu zurückzuführen.

Literaturpreise und Verleihungsinszenierungen werden auf internationalem, nationalem und regionalem Gebiet sehr unterschiedlich präsentiert. Die Verleihungsinszenierung des Literaturnobelpreises beispielsweise könnte man als den Gipfel der heutigen internationalen Zeremonialkultur betrachten. Die Zeremonie hat einen festen Ablauf und wird von Mitgliedern des schwedischen Könighauses begleitet.

Bei dem Ingeborg-Bachmann-Preis handelt es sich um einen Wettbewerb mit mehreren Teilnehmern in Klagenfurt. Die Jurymitglieder wirken als Akteure an der Performance mit, da sie die literarischen Werke öffentlich kritisieren. Die Verleihungsinszenierung des Ingeborg-Bachmann-Preises verläuft inoffizieller als die des Literaturnobelpreises. Anstandsregeln, Dekor und materielle Symbolik spielen bei diesem Preis eine marginale Rolle. Die Medien spielen dagegen eine wichtige Rolle.

Bei der Verleihungszeremonie des Georg-Büchner-Preises wird ein/e designierte/r Laureat/in mit einer Rede geehrt. Die Performance des Preises ist meist zurückhaltend, was die feste Struktur des Ablaufs angeht. Die Medien sind nur dann interessiert, wenn es sich um eine Berühmtheit handelt.8 Hinter jeder Preisauszeichnung steht also eine ritualisierte Verleihungszeremonie. Diese ritualisierten Verleihungszeremonien können nur erfolgreich sein, wenn Geber und Adressaten sich loyal zueinander verhalten.

Die Literaturpreise werden wiederum vom Bund, den Ländern, Gemeinden und durch Stiftungen finanziell unterstützt und gefördert oder von privaten Unternehmen gesponsert.

Ab 1950 entwickelte sich in der Bundesrepublik Deutschland die Kulturförderung durch den vom BDI (Bundesverbandes der Deutschen Industrie) gebildeten „Kulturkreis“. Der „Kulturkreis“ gründete 1996 wiederum den „Arbeitskreis Kultursponsoring“ (AKS).9 Diese Entwicklung zeigt das zunehmende Interesse an Kunst und Kultur seitens der Wirtschaft. Die Begriffe Kultur- und Kunstförderung und Kultur- und Kunstsponsoring werden dabei nebeneinander verwendet. Die Kultur- und Kunstförderung findet auf Bundes- und Landesebene durch Stiftungen (Kulturstiftungen des Bundes, Landeskulturstiftungen und Stiftungen dotiert aus privaten Mitteln) statt. Es ist in Deutschland traditionell eine Aufgabe der Bundesländer, die kulturellen Belange zu unterstützen und zu fördern. Die Stiftungen beabsichtigen mittels langfristiger Förderaktivitäten indirekt kommunikative Auswirkungen. Die Stiftungsphilosophie erhoffen sie mittels Kommunikation zu erreichen bzw. weiterzugeben.

Kultur- und Kunstsponsoring findet heutzutage in der Bundesrepublik vielfältig durch Wirtschaftskonzerne statt. Dennoch ist das Kultur- und Kunstsponsoring auf Länder- und Bundesseite noch immer am größten.10 Die Wirtschaftsunternehmen erhoffen durch das Sponsoring eine immaterielle, meist kommunikative Gegenleistung für ihre finanzielle Unterstützung. Das wichtigste Motiv der Unternehmen, sich auf Kultur- und Kunstsponsoring einzulassen, ist der Imagetransfer, d. h. die Veränderung des Unternehmensimages. Für ein Unternehmen ist es aber wichtig, dass der „symbolische Gewinn“, den ein Künstler einbringt, mit seinem Imagebedürfnis übereinstimmt. Das Verhältnis zwischen Kultur und Kunst auf der einen Seite und Wirtschaft auf der anderen Seite ist paradox. Bei der Verbindung Kultur/Kunst und Markt ist es wichtig, dass die Grenzen gewahrt bleiben. Die Marktstrategien der Förderer und Sponsoren können für Kultur/Kunst vorteilhaft sein, wenn sie ihre eigenen Interessen einbringen oder abgrenzen.11

Bourdieu erwähnt zu diesem paradoxen Verhältnis zwischen Kultur/Kunst und Wirtschaft folgendes:

„Daraus folgt, daß die Nutzung oder Ausbeutung kulturellen Kapitals sich für die Eigner ökonomischen oder sozialen Kapitals als besonders problematisch erweist. Ob es sich nun um private Mäzene handelt oder, im Gegenteil, um Unternehmer, die ein „Kaderpersonal“ mit spezifischen kulturellen Kompetenzen beschäftigen (von den neuen Staatsmäzenen ganz zu schweigen), immer stellt sich folgendes Problem: Wie läßt sich diese so eng an die Person gebundene Kapitalform kaufen, ohne die Person selbst zu kaufen - denn das würde zum Verlust des Legitimationseffekts führen, der auf der Verschleierung von Abhängigkeiten beruht? Wie ist die für bestimmte Unternehmen erforderliche Konzentration von kulturellem Kapital zu bewerkstelligen, ohne zugleich eine Konzentration der Träger dieses Kapitals herbeizuführen, was vielerlei unerwünschte Folgen haben könnte?“12

Bei der Ökonomisierung des Teilbereichs Literatur und im Besonderen der Literaturpreise spielen einerseits die Interessen der Förderer, Sponsoren und Stiftungen eine Rolle, andererseits die Interessen des Preisträgers, des Autors. Der Autor erhält durch den Literaturpreis “symbolisches Kapital“. Er ist dagegen eine Person, die „kulturelles inkorporiertes Kapital“ besitzt. Diese Kapitalform lässt sich nicht ändern oder kaufen. Der Autor lässt sich nicht von seiner Person oder seinem Werk abgrenzen.

Durch die Literaturpreise wird das relativ autonome „literarische Feld“ mit den „außerliterarischen“ Kräftefeldern (ökonomischen und politischen) verbunden. “Symbolisches Kapital“ im „literarischen Feld“ lässt sich aber nur durch Spielteilnehmer der „außerliterarischen“ Felder akkumulieren, wenn sie die Spielregeln (Code) und den „Habitus“ des „literarischen Feldes“ berücksichtigen. Die Grenzen der Interessen des „literarischen Feldes“ und die der „außerliterarischen“ Felder (politisch, ökonomisch, Medien etc.) werden nicht gewahrt. Durch die Literaturpreisverleihungen werden die verschiedenen Interessen sichtbar. Normen und Werte einer Gesellschaft werden bestätigt oder kritisiert und führen öfters zu Skandalen. Die Skandale führen wiederum zu dem Issue-Management.13

In den nächsten Kapiteln wird veranschaulicht, wie Literaturpreise entstehen und funktionieren anhand Bourdieus relationaler Theorie.

Hinter jeder Literaturpreisvergabe spielt sich eine ritualisierte Verleihungszeremonie ab und der Preisträger wird zur öffentlichen Person geweiht. Was die gesellschaftliche Bedeutung der Literaturpreise angeht, welche Rolle die Literaturpreisträger dabei spielen und wie Literaturpreise und Literaturpreisträger sich in einem „literarischen Feld“ zueinander verhalten, wird anhand des Literaturnobelpreises, des Georg-Büchner-Preises und des Ingeborg-Bachmann-Preises näher beschrieben.

Literaturpreise sind mehr als nur Auszeichnungen literarischer Werke, sie sind Indikatoren für Normen und Werte einer Gesellschaft bzw. einer Kultur.

1. Pierre Bourdieus Theorie

Pierre Bourdieu hat im Rahmen der Kultursoziologie eine empirische Theorie entwickelt, in der er das Alltagsleben mit einem Spiel vergleicht. Diese Theorie könnte man relational nennen, weil sie vom Primat der Relationen ausgeht.1 Grundbegriffe dieser Theorie sind „Kapital“, „Feld“ und “Habitus” mit „deren Kernstück die doppelsinnige Relation zwischen den objektiven Strukturen (den Strukturen der sozialen Felder) und den inkorporierten Strukturen (den Strukturen des Habitus) ist [...].“2 Seine Theorie geht wiederum auf Karl Marx, Max Weber und Emil Durkheim zurück. Nach Bourdieu ist die gesellschaftliche Welt eine akkumulierte Geschichte. In diese akkumulierte Geschichte führt er den Kapitalbegriff ein. Die Struktur und das Funktionieren der gesellschaftlichen Welt versucht er mit der Theorie der Kapitalakkumulation zu erklären.3 Nach Bourdieu ist „Kapital“:

„Kapital ist akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Material oder in verinnerlichter, ‚inkorporierter’ Form. [...] Als vis insita ist Kapital eine Kraft, die den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnt; gleichzeitig ist das Kapital als - lex insita - auch grundlegendes Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt. Auf das Kapital ist es zurückzuführen, daß die Wechselspiele des gesellschaftlichen Lebens, insbesondere des Wirtschaftslebens, nicht wie einfache Glückspiele verlaufen [...].“4

Die Akkumulation von Kapital in objektiver oder verinnerlichter Form braucht aber Zeit.

Bourdieu führt in seiner Theorie der Kapitalakkumulation nicht nur die Kapitalform der Wirtschaftstheorie ein, sondern führt den Begriff des „Kapitals in allen seinen Erscheinungsformen“ ein.5 Er unterscheidet dabei „ökonomisches“, „kulturelles“ und “soziales Kapital“:

1. Das „ökonomische Kapital“ ist „unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts.“6

2. Das „kulturelle Kapital“ lässt sich in drei Formen unterscheiden:

a. Inkorporierter Zustand.

Das „kulturelle Kapital“ in inkorporiertem Zustand ist an eine „Person“ gebunden und kann nicht durch Schenkung, Vererbung, Kauf oder Tausch kurzfristig weitergegeben werden.

Das „kulturelle Kapital“ in inkorporiertem Zustand ist ein verkörpertes Kulturkapital und wird sichtbar in kulturellen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissensformen, die körpergebunden sind.7

Der Autor z. B. besitzt ein „kulturelles inkorporiertes Kapital“, das nur auf dem Wege der sozialen Vererbung weitergegeben werden kann. Diese soziale Vererbung bleibt häufig unsichtbar und ist langfristig.

Weil das „kulturelle inkorporierte Kapital“ verborgen bleibt, wird es leicht als bloßes “symbolisches Kapital“ aufgefasst.8

b. Objektivierter Zustand.

Das „kulturelle Kapital“ in objektiviertem Zustand ist materiell

übertragbar (z. B. Schriften, Gemälde, Denkmäler usw.).

Objektiviertes Kulturkapital besteht nur fort, wenn es von Handelnden angeeignet und in Auseinandersetzungen verwendet wird. Ort dieser Auseinandersetzung ist das Feld der kulturellen Produktion (Kunst, Wissenschaft usw.) und das Feld der sozialen Klassen.9

c. Institutionalisierter Zustand.

Institutionalisiertes Kulturkapital sind Bildungstitel usw. Mit diesen

Titeln wird institutionelle Anerkennung verliehen. „Ökonomisches

Kapital“ (Titel) wird in “kulturelles Kapital“ (institutionelle Anerkennung) umgewandelt.10

3. Bei dem „sozialen Kapital“ handelt es sich um Ressourcen, die auf der

„Zugehörigkeit zu einer Gruppe“ beruhen.

Die Beziehungen des „sozialen Kapitals“ können nur aufrechterhalten bleiben, wenn eine Grundlage von materieller und/oder symbolischer Tauschbeziehung existiert.11

Das soziale Beziehungsnetz ist nach Bourdieu „das Produkt individueller oder kollektiver Investitionsstrategien, die bewußt oder unbewußt auf die Schaffung und Erhaltung von Sozialbeziehungen gerichtet sind, die früher oder später einen unmittelbaren Nutzen versprechen.“12 In diesem Beziehungsnetz wird durch Delegation das „soziale Kapital“ einer bestimmten Gruppe von einem Bevollmächtigten vertreten. Das Delegationsprinzip hat aber eine paradoxe Eigenschaft, nämlich die, „daß der jeweilige Mandatsträger die im Namen einer Gruppe angesammelte Macht auch über und bis zu einem gewissen Grade gegen diese Gruppe ausüben kann. Die Mechanismen der Delegation und der Repräsentation (sowohl im theatralischen, wie im rechtlichen Sinne) tragen somit das Prinzip der Zweckentfremdung des mit ihrer Hilfe geschaffenen Sozialkapitals bereits in sich.“13

Das Zweckentfremdungsprinzip wird z. B. durch die Repräsentation einer Gruppe von Adligen sichtbar. Der Adlige repräsentiert eine „symbolische Macht“, die auf Anerkennung beruht.

Diese drei Kapitalformen („ökonomisches“, „kulturelles“ und „soziales“ Kapital) sind nach Bourdieu untereinander transferierbar. Das „kulturelle“ und „soziale Kapital“ ist unter bestimmten Voraussetzungen in “ökonomisches Kapital“ konvertierbar.14

Das „symbolische Kapital“ ist eine den anderen drei Kapitalformen („ökonomisches“, „kulturelles“ und „soziales“) übergeordnete Ressource und kommt zustande mittels gesellschaftlicher Anerkennungsakte. Bourdieu nennt das „symbolische Kapital“, „eine beliebige Eigenschaft (eine beliebige Kapitalsorte, physisches, ökonomisches, kulturelles, soziales Kapital), wenn sie von sozialen Akteuren wahrgenommen wird, deren Wahrnehmungskategorien so beschaffen sind, daß sie sie zu erkennen (wahrzunehmen) und anzuerkennen, ihr Wert beizulegen, imstande sind.“15 Das „symbolische Kapital“ wirkt wie eine magische Kraft und entfaltet symbolische Wirkung, sobald es von den sozialen Akteuren wahrgenommen wird. Diese Akteure verfügen über die nötigen Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien, um diese symbolische Wirkung wahrzunehmen, zu erkennen und anzuerkennen.16

So ist das „institutionelle kulturelle Kapital“ in Form von Bildungstiteln immer auch “symbolisches Kapital“, da es von den anderen Akteuren des Feldes anerkannt wird. “Soziales Kapital“ ist immer auch “symbolisches Kapital“, da es auf Anerkennung angewiesen ist, um als Machtmittel einsetzbar zu sein. “Symbolisches Kapital“ räumt den Akteuren einen „Kredit“ an Ansehen und damit ein bestimmtes Prestige ein.17

Auch die Welt der Kunst hat ihre eigene Logik, Geschichte, Sprache und ihre spezifischen Interessen, die sich in einem Handlungsraum abspielen. Dieser Handlungsraum ist ein sozialer Raum/Universum und wird in Bourdieus Terminologie als „Feld” bezeichnet.

Dieser soziale Raum (soziales Universum) ist ein „Feld der Macht“ oder „Kraftfeld“, „das für die in ihm engagierten Akteure eine zwingende Notwendigkeit besitzt, und als ein Feld von Kämpfen, in dem die Akteure mit je nach ihrer Position in der Struktur des Kraftfelds unterschiedlichen Mitteln und Zwecken miteinander rivalisieren und auf diese Weise zu Erhalt oder Veränderung seiner Struktur beitragen.“18 Dieses „Feld der Macht“ ist ein Raum der Machtverhältnisse zwischen Akteuren, die mit verschiedenen Kapitalsorten versehen sind. Um dieses „Feld“ mit seinen Instanzen zu beherrschen, werden „kulturelles“ und “ökonomisches Kapital“ eingesetzt. Diese Kämpfe im „Feld“ sollen etwas verändern oder erhalten, dies hängt vom „Wechselkurs“ der Kapitalsorten ab.19

In einem sozialen Raum werden starke Zwänge ausgeübt. Die Akteure in diesem Raum kämpfen dauerhaft um die Veränderung dieses Raumes. Der Raum verändert sich denn auch fortwährend. Nach Bourdieu ist der Raum ein Spiel: „Der Raum, das sind hier die Spielregeln, denen sich jeder Spieler beugen muß.“20 Das Spiel und die Spielregeln mit den Kapitalformen („ökonomischen“, „sozialen“ und „kulturellen“) bleibt bestehen. Die Spielsituation in diesem Raum ändert sich aber fortwährend.

Um in einem „Feld“ mitspielen zu können, muss man über eine bestimmte Sprache und über eine bestimmte Kultur verfügen.21

Die Akteure in einem sozialen Raum verteilen sich „in einer ersten Dimension nach dem Gesamtvolumen des Kapitals, das sie besitzen, und in einer zweiten Dimension nach der Struktur dieses Kapitals, das heißt nach dem relativen Gewicht, das die verschiedenen Kapitalsorten - „ökonomisch“ und „kulturell“ - im Gesamtvolumen ihres Kapitals haben.“22 (siehe Beilage I).

Es gibt verschiedene „Felder“ (Universen), z. B. ein „politisches Feld“, „ökonomisches Feld“, „literarisches Feld“, „kulturelles Feld“ etc. Jedes „Feld“ ist autonom und hat seine eigene Struktur, sein eigenes Grundgesetz (Nomos) und Grenzen, die sich überschneiden. Die Universen sind unterschiedlich und haben nicht aufeinander reduzierbare Grundgesetze, es sind „Austragungsorte für besondere Formen von Interesse“.23

Der Staat einer Gesellschaft ist wiederum in der Lage das Funktionieren dieser „Felder“ zu regeln, entweder durch finanzielle Förderungen (im „ökonomischen Feld“ oder „kulturellem Feld“) oder durch juristische Intervention.24 In einem „Feld“ gibt es eine wechselseitige Beziehung zwischen der Struktur des „Feldes“ und den verinnerlichten Einstellungen der teilhabenden Akteure, die sich in ihren Lebensstilen spiegeln. Letztere beschreibt Bourdieu mit seinem Modell des „Habitus“. Nach Bourdieu ist der „Habitus“ ein Denk-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsschema, das im vorgegebenen gesellschaftlichen Rahmen feldintern und feldextern konstituiert und über Praxisformen oder wörtliche Stellungnahmen des Akteurs auf dessen Stellung im „Feld“ und somit auf die Struktur des „Feldes“ zurückwirkt.

Der “Habitus” ist „das generative und vereinheitlichende Prinzip, das die intrinsischen und relationalen Merkmale einer Position in einen einheitlichen Lebensstil rückübersetzt, das heißt in das einheitliche Ensemble der von einem Akteur für sich ausgewählten Personen, Güter und Praktiken.“25 In Bourdieus Werk „Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes“ (1992) werden die Spielregeln der Kunst im „literarischen Feld“ offengelegt und die Spielregeln, denen die Autoren und die literarischen Institutionen folgen, differenziert.26 Nach seiner Theorie ist der

Handlungsspielraum des Literaturbetriebs durch eine feste Struktur beschränkt. Die Hauptakteure (Autoren) sind gesellschaftlich geprägt und keineswegs völlig frei agierende Subjekte. Bourdieus Theorie des „literarischen Feldes“ zielt darauf ab:

„den Bereich der Kulturgüterproduktion als einen Ort der Konkurrenz zu beschreiben, in dessen Rahmen alle Akteure mit der Akkumulation ‚symbolischen Kapitals’ befaßt sind; die verschiedenen Einrichtungen - Literaturkritik, Publikationsmedien, Zusammenschlüsse - sind Mittel und zugleich Schauplätze der Versuche, solche symbolischen Gewinne zu erzielen. Das Nicht-Intentionale, sondern sozial Vermittelte dieses Verhaltens sucht Bourdieu im Begriff ‚Habitus’ faßbar zu machen, es kann in der Tat nicht darum gehen, das Interesse des individuellen Autors zu denunzieren, vielmehr soll die Grundstruktur des literarischen Prozesses objektiv faßbar gemacht werden.“27

1.1. Die Entstehung eines relativ autonomen “ literarischen Feldes “

Was sich im „literarischen Feld“ abspielt, hängt von der spezifischen Geschichte des Feldes ab und von der Auseinandersetzung der Kräfte im Feld.1 Werner Kraus betont in seiner Arbeit „Literaturgeschichte als geschichtlicher Auftrag“, dass das literarische Kunstwerk in einem Feld immer eine Antwort auf einen gegebenen Zustand der Geschichte ist, es ist nie eine einfache Widerspiegelung, sondern bringt das Wesentliche eines geschichtlichen Zeitpunktes zum Ausdruck.2

Die Entstehung eines relativ autonomen „literarischen Feldes“ geht auf

Gajus Cilnius Maecenas zurück, ein vermögender römischer Diplomat aus dem

1. Jahrhundert vor Christus. Er förderte Dichter seiner Zeit und nach ihm ist das Mäzenatentum in den modernen Gesellschaften benannt. Dieses Mäzenatentum beruht auf der Logik der Anerkennung. Der Mäzen versucht durch seine Unterstützung das Werk eines Künstlers auszuzeichnen, wobei Geber und Nehmer „symbolischen Gewinn“ erhalten.3

Im 18. Jahrhundert änderte sich das Verhältnis zwischen Kunstproduzenten und Mäzen oder einem offiziellen Beschützer der Künste.

Am Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Autonomie des “literarischen Feldes“ zu. Die literarische „peergroup“ bestimmte nun die Spielregeln und Reihenfolge der Akteure.

Je autonomer das „ literarische Feld“ wird, desto unabhängiger wird es von den Bewertungskategorien der anderen Felder. Mit zunehmender Autonomie wird das Feld schließlich immer weniger zugänglich für diejenigen, die seine Geschichte nicht kennen. Die Geschichte eines Feldes ist hierbei ein Kampf um die Etablierung legitimer Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien.4

Bourdieu rückt in seinem Werk „Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes” die Bedeutung der Kämpfe um Anerkennung, um „Ehre“ im Sinne von Reputation und Prestige im „literarischen Feld“ in den Vordergrund. Er bringt das künstlerische Schaffen in Verbindung mit ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Beziehungen in den einzelnen autonomen Feldern.5 Ziel dieser Kämpfe ist der Erwerb „symbolischen Kapitals“ als wahrgenommene und als legitim anerkannte Form der anderen drei Kapitalformen („ökonomisch“, „kulturell“ und „sozial“). Das „symbolische Kapital“ hat innerhalb eines spezifischen Feldes Wert und ist nicht unmittelbar in ein anderes Feld konvertierbar. Das „symbolische Kapital“, erworben z. B. im „politischen Feld“, ist nicht unmittelbar im „literarischen Feld“ wirksam.6 Das „symbolische Kapital“ des „literarischen Feldes“ ist ein Kapital der Anerkennung und der Konsekration spezifischer Art:

„Diese Anerkennung läßt sich nicht am kommerziellen Erfolg messen -

sie ist eher das Gegenteil -, aber auch nicht an der sozialen Anerkennung

- Zugehörigkeit zu Akademien, Auszeichnungen durch Preise, usw. - noch an der einfachen Berühmtheit, die, wenn sie nicht geziemend erworben ist, sogar diskreditieren kann.“7

Nach Bourdieu hat das „literarische Feld“ eine relative Autonomie. Die Entstehung der Autonomisierung des „literarischen Feldes“ fängt in dem Moment an, „da spezifische Kultur-schaffende erschienen, die für die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit und ihre spezifische Würde kämpften.“8

Diese relative Autonomie hängt von feldexternen (politischen und ökonomischen) Instanzen ab und ist historisch variabel. Nach Bourdieu ist das „literarische Feld“: „der Ort einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Prinzipien der Hierarchisierung, dem heteronomen Prinzip, das denen zuneigt, die das Feld wirtschaftlich und politisch beherrschen, und dem autonomen Prinzip [...]. Der Grad der Autonomie variiert beträchtlich je nach Epoche und nach den nationalen Traditionen, die die gesamte Struktur des Feldes bestimmen.“9

Das Feld der kulturellen Produktion besteht aus zwei Subfeldern, einerseits das Subfeld der „reinen“ Produktion („Kunst und Politik“) und andererseits das Subfeld der Massenproduktion („Politik und Gesellschaft“). Das Subfeld der „reinen“ Produktion ist bestimmt für einen eingeschränkten Markt der Produzenten und hat einen hohen Autonomiegrad, viel “symbolisches Kapital“ und wenig “ökonomisches Kapital“. In diesem Subfeld gilt die anti-ökonomische Ökonomie der „reinen“ Kunst.10 Die eingeschränkte Produktion hat lange Produktionszyklen, viel Risiken und beschränkte Profite. Das Subfeld der Massenproduktion richtet sich nach den Erwartungen des breiten Publikums. Dieses Subfeld hat einen niedrigen Autonomiegrad, viel „ökonomisches“ und wenig “symbolisches Kapital“.11 Die Massenproduktion hat kurze Produktionszyklen, kennt wenig Risiken und bietet viel Profit.

Das Kräfteverhältnis zwischen den zwei Hierarchisierungsprinzipien hängt von der Autonomie ab:

„Je größer die Autonomie und je günstiger das symbolische Kräfteverhältnis den von der Nachfrage unabhängigsten Produzenten ist, desto deutlicher der Schnitt zwischen den beiden Polen des Feldes, nämlich dem Subfeld der eingeschränkten Produktion, deren Produzenten nur andere Produzenten, und damit ihre unmittelbaren Konkurrenten, beliefern, und dem Subfeld der Massenproduktion, das sich symbolisch ausgeschlossen und diskreditiert findet. In dem ersten, dessen Grundregel die Unabhängigkeit von externen Aufträgen ist, basiert die Ökonomie der Praktiken auf einer Umkehrung der Grundprinzipien des Feldes der Macht und desjenigen der Ökonomie: Wer verliert, gewinnt. “ 12

Diese zwei Subfelder sind wiederum in das „Feld der Macht“ eingegliedert, in dem soziale Kräfte wirken, Kräfte der Anziehung und Abstoßung (siehe Beilage II).13 Dieses „Feld der Macht“ besitzt hohes “ökonomisches“ und “kulturelles Kapital“. Im „Feld der Macht“ findet ein Spiel statt, zwischen Akteuren und Institutionen mit dem Ziel über Kapital zu verfügen, um so dominierende „Positionen“ zu besetzen, vor allem im „ökonomischen“ und „kulturellen Feld“.14

Dem Funktionieren aller „sozialen Felder“ (religiös, wissenschaftlich, ökonomisch, politisch), auch das der Literatur und das der Macht, liegt die illusio zugrunde. Die illusio ist das kollektive Einverständnis mit dem Spiel in einem Feld, das zugleich Ursache und Wirkung der Existenz des Spiels ist. Diese illusio lenkt den Blick auf den Schöpfer des Produktionsprozesses, nämlich den Autor. Der Autor wird aber im „literarischen Feld“ selbst erschaffen; „durch all jene nämlich, die ihren Teil dazu geben, daß er ‚entdeckt’ wird und die Weihe erhält als ‚bekannter’ und ‚anerkannter’ Künstler - die Kritiker, Schreiber von Vorworten, Kunsthändler usw.“15

Intern wird im relativ autonomen „literarischen Feld“ gekämpft „zwischen den beiden Prinzipien der Hierarchisierung, des heteronomen Prinzips, an dem sich diejenigen orientieren, die das Feld politisch und ökonomisch dominieren, und andererseits dem autonomen Prinzip (l’art pour l’art), das sich durch die Unabhängigkeit gegenüber dem Ökonomischen definiert. Entscheidend ist aber die Anerkennung durch die ‚pairs’ und nicht die Entsprechung gegenüber den externen Erwartungen eines Mäzens oder des Marktes.“16

Die Struktur des „literarischen Feldes“ wird zunächst durch die Beziehung zu externen dominanten (politischen oder ökonomischen) Instanzen und durch das System der Stellungnahmen bestimmt.17 Das „Feld der Macht“ und seine relativ autonomen Kräfte- bzw. Kampffelder werden von Bourdieu folgendermaßen veranschaulicht:

„Erster Punkt also: es gibt einen Raum von Positionen, die nur besetzt werden können, wenn man eine Kapitalart unter anderem in sehr hohem Maße besitzt, und deren Logik man nur durchschauen kann, wenn man sie in ihren wechselseitigen Beziehungen erfaßt. Zweitens: innerhalb dieses Raumes findet man Unterräume, die Feldern entsprechen: Intellektuelles und künstlerisches Feld, Feld der hohen öffentlichen Verwaltung, Feld der ökonomischen Macht, religiöses Feld usf. Der eigentliche Gegenstand der Analyse sind die objektiven Relationen, die sich zwischen diesen verschiedenen Unterräumen etablieren, und die Mechanismen, die diese Relationen reproduzieren, indem sie die Akteure, die diese Positionen zu besetzen sich anschicken, auf eine Weise redistribuieren, daß die Strukturen verewigt werden, und dass vor allem, indem sie ihnen Eigenschaften und Dispositionen einprägen, die diesem Ziel angepaßt sind. Anders gesagt, indem sie bestimmten Akteuren das Recht zum Eintritt verleihen, aber auch das Verlangen dazuzugehören in ihnen wachrufen.“18

Die Strukturen eines sozialen Raums sind die “Dispositionen“ des Einzelnen, die einen “Habitus” bilden. Die „Dispositionen“ sind nach Bourdieu:

„Die Dispositionen, will heißen das Ensemble von inkorporierten Eigenschaften, einschließlich Eleganz, ungezwungenes Auftreten, ja selbst Schönheit, sowie das eigentliche Kapital in seiner dreifachen

Ausprägung als ökonomisches, soziales und kulturelles, stellen gleichsam Trümpfe dar, die sowohl über die Art des Spiels als auch über den Erfolg dabei entscheiden, das heißt über den gesamten Prozeß des gesellschaftlichen Alterns, den Flaubert ‚Erziehung des Herzens’ nennt.“19

Dieser “Habitus” ist die objektive Kategorisierung von Angehörigen bestimmter sozialer Klassen innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen und darüber hinaus ein auf das Subjekt bezogenes Konzept der Verinnerlichung kollektiver “Dispositionen“. “Habitus” ist also das Produkt von „sozialem“ und „kulturellem Kapital“. “Dispositionen“ können Individuen dazu bringen, im Kollektiv zu handeln.20

Der Strukturwandel des Feldes ist historisch bedingt. Die Veränderung im Feld geschieht meist durch eine Innovation in der Feldstruktur selbst. Diese Innovation geschieht nur, wenn ein adäquates Publikum vorhanden ist.21 Die “Positionen“, d. h. die Strategien der in die literarischen Kämpfe verwickelten Akteure und Institutionen sind abhängig von der Position, die sie in der Struktur des Feldes einnehmen.22 Die Neulinge im Feld wollen die herrschenden Produktionsnormen brechen und das gelingt ihnen meist nur mit Unterstützung externer Veränderungen, um die Anerkennung ihrer Produkte durchzusetzen.23 Die “Positionen“ im “literarischen Feld“ können nur entstehen, wenn es im Feld Akteure gibt, die über die notwendigen “Dispositionen“ (Indifferenz gegenüber materiellen Profiten und Mut zum Risiko) verfügen.

[...]


1 Werner Digel / Gerhard Kwiatkowski (Hrsg.): Meyers großes Taschenlexikon in 24 Bänden. Bd. 12. Mannheim, Wien, Zürich 1987, S. 257.

2 Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik & Kultur 1. Hrsg. von Margareta Steinrücke. Aus dem Franszösischen von Jürgen Bolder unter Mitarbeit von Ulrike Nordmann u.a. Hamburg 2005, S. 27.

3 Digel / Kwiatkowski 1987, S. 265.

4 Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1982, S. 298.

5 Bourdieu 2005, S. 19f.

6 Bourdieu 2005, S. 82.

7 Bourdieu 2005, S. 49.

8 Andreas Johannes Wiesand (Hrsg.): Handbuch der Kulturpreise 4. Preise, Ehrungen, Stipendien und individuelle Projektförderungen für Künstler, Publizisten und Kulturvermittler in Deutschland und Europa. Bonn 2001, S. VIII.

9 Wiesand 2001, S. VIII.

1 Donald G. Kyle: Winning at Olympia. In: Archaeology. Ancient Games. The World of the Olympic Athlete, 49, July/August 1996, No. 4, S. 35.

2 Kyle 1996, S. 27. (Epictetus, Discourses 15.2-5, trans. W.E. Sweet).

3 Kyle 1996, S. 28.

4 Erhard Schütz (Hrsg.): Das BuchMarktBuch. Der Literaturbetrieb in Grundbegriffen. Hamburg 2005, S. 240.

5 Hans F. Prokop: Österreichisches Literaturhandbuch. Wien, München 1974, S. 19.

6 Schütz 2005, S. 6f.

7 Doris Moser: Der Ingeborg-Bachmann-Preis. Börse, Show, Event. Wien, Köln, Weimar 2004. (Literaturgeschichte in Studien und Quellen Bd. 9), S. 444.

8 Burckhard Dücker/ Dietrich Harth/ Marion Steinicke/Judith Ulmer: Literaturpreisverleihungen: ritualisierte Konsekrationspraktiken im kulturellen Feld. In: Forum Ritualdynamik.Diskussionsbeiträge des SFB 619 „Ritualdynamik“ der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Hrsg. von Dietrich Harth und Axel Michaels 11, April 2005, S. 11-13.

9 http://www.aks-online.org/aks_engine.shtml?id=64 (gesehen am 05.06.2006).

10 Wiesand 2001, S. XIX.

11 Wiesand 2001, S. XXX.

12 Bourdieu 2005, S. 56.

13 Moser 2004, S. 385.

1 Bourdieu: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt am Main 1998, S. 7.

2 Pierre Bourdieu 1998, S. 7.

3 Bourdieu 2005, S. 52 Bourdieu 2005, S. 49.

4 Bourdieu 2005, S. 52 Bourdieu 2005, S. 49.

5 Bourdieu 2005, S. 50.

6 Bourdieu 2005, S. 52.

7 Bourdieu 2005, S. 59.

8 Bourdieu 2005, S. 56f.

9 Bourdieu 2005, S. 61.

10 Bourdieu 2005, S. 62.

11 Bourdieu 2005, S. 63.

12 Bourdieu 2005, S. 65.

13 Bourdieu 2005, S. 68f.

14 Bourdieu 2005, S. 52.

15 Bourdieu 1998, S. 108.

16 Bourdieu 1998, S. 173.

17 http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/theorien/modernisierung/unterpunkte/kapital.htm (gesehen am 09.03.2006).

18 Bourdieu 1998, S. 49f.

19 Bourdieu 1998, S. 51.

20 Bourdieu 2005, S. 38.

21 Bourdieu 2005, S. 13f.

22 Bourdieu 1998, S. 19f.

23 Bourdieu 1998, S. 149.

24 Bourdieu 1998, S. 51.

25 Bourdieu 1998, S. 21.

26 Pierre Bourdieu: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt am Main 1999, S. 2.

27 Herbert Zeman (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert. Mit Beiträgen von Walter Zettl, Joseph P. Strelka, Ernst Fischer, Wolfgang Kraus. Graz 1999. (Geschichte der Literatur in Österreich von den Anfängen bis zur Gegenwart Bd. 7), S. 456.

1 Bourdieu1998, S. 71.

2 Joseph Jurt: Das literarische Feld. Das Konzept Pierre Bourdieus in Theorie und Praxis. Darmstadt 1995, S. 13.

3 Jurt 1995, S. 117.

4 Bourdieu 1999, S. 253.

5 Jurt 1995, S. 74.

6 Jurt 1995, S. 85.

7 Jurt 1995, S. 90.

8 Jurt 1995, S. 112.

9 Jurt 1995, S. 112.

10 Bourdieu 1999, S. 228.

11 Bourdieu 1999, S. 229.

12 Bourdieu 1999, S. 344f.

13 Bourdieu 1999, S. 29.

14 Bourdieu 1999, S. 344.

15 Bourdieu 1999, S. 271.

16 Jurt 1995, S.90.

17 Jurt 1995, S. 93.

18 Frank Hillebrandt: Die Habitus-Feld-Theorie als Beitrag zur Mikro-Makro-Problematik in der Soziologie aus der Sicht des Feldbegriffs. Technische Universität Hamburg-Harburg. Arbeitsbereich Technikbewertung und Technikgestaltung. WP 2. Working Papers zur Modellierung sozialer Organisationsformen in der Sozionik. Hamburg 1999, S. 10.

19 Bourdieu 1999, S. 30.

20 http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=284&type=diskussionen (gesehen am 8.11.2006).

21 Jurt 1995, S. 95.

22 Bourdieu 1998, S. 64f.

23 Bourdieu 1999, S. 401.

Details

Seiten
117
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638850452
Dateigröße
946 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81714
Institution / Hochschule
Universiteit van Amsterdam – Vrije Universiteit Amsterdam
Note
7,5
Schlagworte
Literaturpreise Literaturpreisverleihungen

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Titel: Literaturpreise und Literaturpreisverleihungen nach 1945