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Nationalsozialistische Wirtschafts- und Sozialpolitik 1933-1945

Ökonomische Wege und Ziele in den Krieg

Seminararbeit 2001 29 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Einführung und Hinführung zum Kernthema
2.1 Ursache der wirtschaftlichen Probleme - Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre
2.2 Die nationalsozialistische Wirtschafts- und Sozialpolitik in einem groben Querschnitt und Abriss
2.2.1 unmittelbare Maßnahmen nach dem Machtantritt 1933 und bis Kriegsbeginn
2.2.2 Das Wirtschaftsgefüge bei Kriegsbeginn und in der Blitzkriegsphase 1939-
2.2.3 Der Übergang zur totalen Kriegswirtschaft ab

3. Genauere Analyse der Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches
3.1 Der Autarkiegedanke
3.2 Die bilaterale Handelspolitik der NSDAP und Schachts „Neuer Plan“

4. Die Überwindung der Krise durch Arbeitsbeschaffung
4.1 Konkrete wirtschaftstheoretische Grundlagen der NS-Wirtschaft
4.2 Das Sofortprogramm der NSDAP
4.3 Das Aufbauprogramm der nationalsozialistischen Partei

5. Literaturangaben/Quellen

1. Vorbemerkung

Am 30. 01. 1933 wurde Adolf Hitler vom damaligen Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Am Abend dieses 30. 01. 1933 begrüßte das deutsche Volk mit einem großen Fackelzug durch Berlin jubelnd die neue Führung des Deutschen Reiches.1 Und brachte damit auch die Hoffnung auf wirtschaftlich bessere Zeiten als in den vergangenen Jahren zum Ausdruck. Dr. Joseph Goebbels, Gauleiter von Berlin und ab März 1933 Reichsminister für Propaganda, notierte später in seinem Tagebuch zu diesem Tag:

„ ...Das ist der Aufbruch der Nation! Deutschland ist erwacht. In einer spontanen Explosion bekennt sich das Volk zur Revolution der Deutschen! ...“2

Kabinett Hitler, Januar 1933 (http://www.bwbs.de/UserFiles/Image/1931-1935/Kabinett_Hitler(1).jpg)

Der Regierung unter Hitler gehörten zunächst nur zwei Nationalsozialisten an (Göring und Frick), neben ihnen saßen acht Minister, die den Deutschnationalen nahe standen, darunter von Papen, der Vizekanzler wurde, Konstantin von Neurath (Reichsaußenminister) und Hugenberg, dem für die Wirtschaftspolitik Zuständigen.

Von Papen meinte zu der Berufung Hitlers zum Reichskanzler: „Wir haben uns ihn engagiert“. Man war der festen Überzeugung, durch die Struktur der Führung des Reiches der nationalsozialistischen Bewegung und ihrem Führer Adolf Hitler genügend Zügel angelegt zu haben.3 Wie sich später herausstellte ein folgenschwerer Irrtum!

Die folgende Arbeit versucht zu erläutern, wie sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten auf die wirtschaftliche Orientierung am Weltmarktgeschehen des Deutschen Reiches auswirkte und auf welche Art und Weise eine Lösung der wirtschaftlichen Probleme Deutschlands durch die Partei Hitlers herbeigeführt wurde.

Bei meiner Betrachtung gehe ich zunächst auf die Ursachen der wirtschaftlichen Probleme ein (Punkt. 2.1). Danach wird die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik (auch in den einzelnen Etappen der 12jährigen Diktatur) in einem kurzen Querschnitt im Punkt 2.2 dargestellt und beispielhaft erläutert. Nach dieser allgemeinen Verortung, folgt in den Punkten 3 bis 5 die Antwort auf die eigentliche Fragestellung, wie sie eingangs formuliert wurde: Verortung der nationalsozialistischen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Aufgrund dessen Herausarbeitung von Antworten auf die Frage, wie sich nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten die Orientierung am Weltmarktgeschehen für das Deutsche Reich auswirkte und inwieweit Lösungen der wirtschaftlichen Probleme, auf welche Art und Weise, durch die NSDAP durchgeführt wurden. Der Schwerpunkt liegt also in den Gliederungspunkten 3 – 5 dieser meiner Arbeit.

2. Einführung und Hinführung zum Kernthema

2.1 Ursache der wirtschaftlichen Probleme - Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre

Ab dem 24. Oktober 1929 begann ein dramatischer Verfall der Aktienkurse an der New Yorker Börse. Dieser Tag ging in der Geschichte als „Schwarzer Freitag“ ein. Ursache des Aktienverfalls waren jahrelange Überinvestitionen in der Industrie und damit resultierend ein Überangebot an Waren, mit dem die Nachfrage nicht gleichauf war.4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Schwarzer Freitag“, 1929 (http://images.encarta.msn.com/xrefmedia/ sharemed/targets/images/pho/t014/T014425A.jpg)

Binnen kurzem weitete sich diese amerikanische Krise aufgrund der internationalen Finanz- und Wirtschaftsverflechtungen zur größten Krise der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert aus. Um liquide zu bleiben, mussten die US-Banken alle Gelder zurückfordern, welche sie kurzfristig in Europa angelegt hatten. In den Industrieländern sanken daher Produktion und Beschäftigung, Löhne und Preise stark ab. Da die sogenannten Selbstheilungskräfte des Marktes ebenso versagten wie die Instrumente der Wirtschaftspolitik, ging die konjunkturelle Krise der internationalen kapitalistischen Wettbewerbswirtschaft Mitte 1931 in eine tiefgreifende strukturelle Krise über. Erst Mitte der dreißiger Jahre wurde sie international mit unterschiedlichen Mitteln überwunden. In Deutschland geschah dies im Rahmen der nationalsozialistischen Aufrüstungspolitik, die mit einer gigantischen Staatsverschuldung einherging, was in den folgenden Gliederungspunkten noch näher zu erläutern sein wird. Die Weltwirtschaftskrise hat die Errichtung der NS-Diktatur keineswegs verursacht, aber sie hat diesen Prozess, dass die Nazis an die Macht kommen konnten, ermöglicht und maßgeblich beschleunigt, denn das Deutsche Reich war (nach den USA) am stärksten von dieser Krise betroffen worden.5 Obwohl sich schon 1928 ein Rückgang der Nachfrage angekündigt hatte, investierte die Industrie dennoch auch 1929 noch stark. Dadurch wurden die Überkapazitäten um ein Vielfaches massiv verstärkt, zumal bald alle Industrieländer die bereits bestehenden Zollschranken im Zuge der Krise erhöhten. Produktionsdrosselung war die Folge auf das Überangebot an Waren; Kurzarbeit und Entlassungen sowie Firmenzusammenbrüche waren an der Tagesordnung. Im Winter 1929 zu 1930 gab es schon weit mehr als 3 Millionen Arbeitslose in Deutschland, die materiell weitaus schlechter abgesichert waren als es heutzutage der Fall ist. Auch das war ein Grund, dass Hitler so rasch an Popularität gewinnen konnte.6

Es entstand im Zuge der Wirtschaftskrise ein Teufelskreis aus sich verringernder Kaufkraft, drastisch zurückgehender Nachfrage, einem steten Sinken der Produktion und weiteren Entlassungen, der auch die Dauerkrise in der Landwirtschaft verschärfte.

Viele kleine und mittlere Bauern waren unfähig, ihrer Schuldentilgung nach zu kommen. Es kam zu zahlreichen Zwangsversteigerungen, gegen die sich ein verzweifelter bäuerlicher Protest wandte.7

2.2 Die nationalsozialistische Wirtschafts- und Sozialpolitik in einem groben Querschnitt und Abriss

2.2.1 unmittelbare Maßnahmen nach dem Machtantritt 1933 und bis Kriegsbeginn

In den Jahren nach Ausbruch der Wirtschaftskrise waren die Nationalsozialisten nicht müde geworden, die Missstände anzuprangern, damit auch die verantwortlichen Politiker als unfähig zu beschimpfen und dem deutschen Volk nach einer nationalsozialistischen Regierungsübernahme „Arbeit und Brot“ zu versprechen. Da diese Propaganda eine zentrale Rolle gespielt und in weiten Kreisen Hoffnungen geweckt hatte, mussten Leistungen erbracht werden, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, durch Enttäuschung Gefolgschaft zu verlieren.8 Den Nationalsozialisten kam es auf spektakuläre Maßnahmen an, die einerseits großes Aufsehen erregten und andererseits eine Massenbeschäftigung ermöglichten. Am 1. Juni 1933 erschien das erste Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit, welches die sogenannte „Arbeitsschlacht“ einleitete (Bau von Autobahnen ein besonderer Schwerpunkt).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Reichsautobahnen, Irschenberg 1936 (http://images.google.de/images? svnum=10&um=1&hl=de&q=reichsautobahn)

Die NSDAP übernahm mit dem Verein das gesamte Projekt und gründete die Gesellschaft „Reichsautobahnen“. Am 23. September 1933 dann erfolgte durch den „Führer“ bei Frankfurt am Main der erste Spatenstich. An den verschiedenen Baustellen waren bald über 100.000 Arbeiter eingesetzt. Die niedrige Entlohnung wurde im Bewusstsein aller Beschäftigten überlagert von der Aufbruchstimmung im Reich und Teilnahme an der propagierten „Arbeitsschlacht“.9 Der Arbeitslosigkeitsabbau erfolgte im nationalsozialistischen Sinne durch die Einberufungen zur Wehrmacht (Einführung der allgemeinen Wehrpflicht war am 16. März 1935) und zum Reichsarbeitsdienst (RAD, Arbeitsdienstpflicht seit 1. Juli 1935). Erst 1937, trotz aller dieser Maßnahmen, sank die Zahl der Arbeitslosen unter die Millionengrenze. Im Jahre 4 nach der nationalsozialistischen Machtergreifung erreichte auch die Zahl der in der Industrie Beschäftigten den Stand von 1929: 6,2 Millionen. Beide Sachverhalte wiesen darauf hin, dass erst die nach dem Vier-Jahres-Plan einsetzende Rüstungshochkonjunktur und die wirtschaftlichen Autarkiebestrebungen in Deutschland die versprochene Arbeit und das verheißene Brot zu bringen vermochten.10

Das Konzept der Nationalsozialisten war aber in erster Linie eine massive Steigerung der Produktionsgüter- und Schwerindustrie, um alle geplanten Rüstungsvorhaben in die Tat umzusetzen. Dies bedingte die absolute Beibehaltung der in der Wirtschaftskrise eingeführten Minimallöhne, denn trotz Arbeitslosigkeit musste der Konsum niedrig gehalten werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erntedankfest auf dem Bückeberg 1933 (http://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/ba110361/index.jpg)

Die sog. „Rettung der deutschen Bauern“ hatte Hitler in seiner Erklärung vom 31. Januar 1933 als zweiten wichtigen Schwerpunkt seiner Wirtschaftspolitik genannt. Binnen vier Jahren müsse „der deutsche Bauer der Verelendung entrissen“ sein.11 Die Lage der Landwirte war infolge des Verfalls der Agrarpreise und der daraus resultierenden Verschuldung in der Tat sehr ungünstig. Die Sanierungsversprechungen der NSDAP hatten großen Stimmenzuwachs durch Teile der Landbevölkerung gebracht. Die nach der Machtübernahme durch den Reichsbauernführer Darré eingeleiteten Maßnahmen brachten keine echte Hilfe. „Die Förderung des an sich aufgrund der natürlichen Gegebenheiten am wenigsten rentablen Getreideanbaus und die Herauslösung der deutschen Landwirtschaft aus dem internationalen Markt dienten der geplanten Autarkie, nicht der Einnahmeerhöhung der Landwirte.“12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

KdF-Stadt (http://www.kubiss.de/kulturreferat/ reichsparteitagsgelaende/bilder/kdf_stadt.jpg)

Eine bedeutsame Rolle spielte der sog. „Sozialismus der Tat“. Auf Initiative der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (KdF) ging eine ganze Reihe von sozialpolitischen Maßnahmen vonstatten, welche die Popularität der Nazis im Volk steigerten.

In Wirklichkeit verbarg sich nämlich dahinter eine festumrissene Absicht, die ein KdF-Funktionär so formulierte:

„ ... Wir schickten unsere Arbeiter nicht auf eigenen Schiffen in Urlaub oder bauten ihnen gewaltige Seebäder, weil uns das Spaß machte oder zumindest dem einzelnen, der von dieser Einrichtung Gebrauch machen kann. Wir taten das nur, um die Arbeitskraft des einzelnen zu erhalten und um ihn gestärkt und neu ausgerichtet an seinen Arbeitsplatz zurückkehren zu lassen. KdF überholt gewissermaßen jede Arbeitskraft von Zeit zu Zeit genau so wie man den Motor eines Kraftwagens nach einer gewissen gelaufenen Kilometerzahl überholen muss. Betriebssport, Schönheit der Arbeit, Werkkonzerte sind alles keine Dinge an sich, sondern sie dienen immer wieder dem großen Gesamtziel, die Leistungen des deutschen Volkes auf allen Gebieten zu steigern...“13

Die Frage der Import-/Exportrechnung bzw. des Ausgleichs der Handelsbilanz löste Schacht durch seinen „Neuen Plan“.14 Dies wird unter Punkt 3.2 noch näher erläutert. Grundlage des Schachtschen Wirtschaftskurses: Es sollte nur noch auf Warenbasis Handel getrieben werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hjalmar Schacht 1933, Reichsbankpräsident (http://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/schacbio/index.html)

Da aber auch Devisen beschafft werden mussten, um die Rohstoffe einkaufen zu können, wurden bestimmte Waren (weit) unter dem Weltmarktpreis verkauft. Dies kam einer maßlosen Zerrüttung des Wirtschafts- und Geldgefüges gleich! Im Mai 1935 wurde Schacht zusätzlich in das Amt des Generalbevollmächtigten für die Kriegswirtschaft erhoben. Durch Einführung eines durchdachten Geldbeschaffungssystems und durch massive Devisenlenkung stellt er die finanziellen Mittel für Arbeitsbeschaffung und für die anrollende Aufrüstung zur Verfügung.

2.2.2 Das Wirtschaftsgefüge bei Kriegsbeginn und in der Blitzkriegsphase 1939-1941

Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik fußte nicht auf einem festumrissenen Programm. 1933 fasste man spontan zwei Ziele ins Auge:

Zum einen sollte die Arbeitslosigkeit durch das Arbeitsbeschaffungsprogramm massiv beseitigt werden. Zum anderen legten die Nationalsozialisten den zweiten Akzent auf die angestrebte „Wehrhaftmachung“ bzw. Wiederaufrüstung - nicht nur in der deutschen Wirtschaft. Die nach dem 1. Arbeitsschaffungsgesetz vom 1. Juni 1933 gewährten Steuernachlässe zum Beispiel, sollten der „Erhaltung und Erstarkung kriegswichtiger Betriebe“ dienen. Wo wurden diese Akzentuierungen deutlich? Die Zuschüsse beim Wohnungsbau beispielsweise waren an den Einbau von Luftschutzräumen gebunden. Alle diese Maßnahmen standen bereits unter dem Vorzeichen eines zu führenden Krieges! In seiner Denkschrift zum Vierjahresplan (August 1936) fasste Hitler alle diese Bemühungen zusammen und setzte das unabdingbare und festumrissene Ziel, dass die Wirtschaft und Wehrmacht innerhalb von vier Jahren kriegsbereit sein müssen. Dass vom 5.11.1937 überlieferte Hoßbach-Protokoll präzisierte die Ziele (siehe Anhang 7.).

Zu beachten ist bei all diesen Betrachtungen, dass die deutsche Wirtschaft aber dennoch ihrem inneren Gefüge nach von 1933 – 1939 keine Staatswirtschaft geworden war, denn das Ziel war nicht, die Mittel für die Gründung einer staatseigenen Rüstungsindustrie auszugeben.15

Die privatwirtschaftliche Ordnung blieb im Groben erhalten, der Staat dirigierte aber freilich weitgehend den gesamten Produktionsprozess unter der Doktrin des Vierjahresplans. Unter der Prämisse: „Das Wirtschaftsministerium hat nur die nationalwirtschaftliche Aufgabe zu stellen und die Privatwirtschaft hat sie zu erfüllen“, so hatte Hitler seine Denkschrift zum Vierjahrsplan ausgedrückt.16

Bis Kriegsbeginn 1939 war auf diese Art und Weise eine leistungsfähige Rüstungsindustrie aufgebaut worden. Dabei war die deutsche Kriegswirtschaft in der Herstellung von Rüstungsgütern den Gegnerstaaten haushoch überlegen, ohne dass die gesamte Volkswirtschaft auf Kriegserfordernisse umgestellt worden wäre, denn Friedensphasen mit intensiver Rüstung sollten mit kurzfristigen und raschen Feldzügen gegen jeweils einen isolierten Gegner wechseln, so die Planung Hitlers und seiner Militärs.17

Konzept war, dass man so die Zivilbevölkerung möglichst schonen und die Mängel in der Naturausstattung des deutschen Wirtschaftsraumes weitgehend kompensieren wollte.

Diese Planung funktionierte im Großen Ganzen bis zum Winter 1941/42, da die Rüstungspläne auf die Mobilmachungspläne haargenau abgestimmt wurden, auf Grund auch eines gewaltigen Verwaltungsapparates, der in den Jahren vor dem Krieg auf- und ausgebaut worden war.

Für den Zeitraum von 1939 bis 1941 kann also von einer improvisierten Kriegswirtschaft gesprochenen werden. In dieser Zeit war die Führung überaus bemüht, die Zuteilungen so hoch wie möglich zu halten und die Mittel der eroberten Gebiete dafür einzusetzen auf Kosten der Menschen in den besetzten Gebieten. So blieb die Versorgung lange auf einem hohen Niveau. Zu tieferen Eingriffen in die Lebensverhältnisse entschloss sich die NS-Führung erst ab 1943, als die „Festung Europa“ an allen Fronten zu bröckeln begann.18 Der Sicherung der Grundnahrungsmittel lag die Befürchtung zu Grunde, dass sich eine Mangelsituation wie im Ersten Weltkrieg nicht wiederholen sollte.

2.2.3 Der Übergang zur totalen Kriegswirtschaft ab 1942

Für den Russlandfeldzug war die deutsche Rüstungswirtschaft in ihrer Kapazität nicht erweitert worden. Die Bevölkerung bekam die neue Planung insofern hart zu spüren, als „Barbarossa“ (der Überfall auf die Sowjetunion) eine wesentliche Vergrößerung des Landheeres erforderte (180 Divisionen, gegenüber 61 im Polen- und 137 im Frankreichfeldzug). Problempunkt: Dadurch wurde nicht nur die Wiedereinberufung der nach dem Westfeldzug zeitweilig entlassenen Soldaten, sondern auch Neueinberufungen notwendig. Die für die verstärkte Rüstung erforderlichen Arbeitskräfte wurden mit Ersatzkräften aus den besetzten Gebieten gedeckt – die Zwangsarbeiterrate im Reich stieg somit stark an.

Zwangsarbeiter (http://www.deathcamps.org/occupation/pic/bigplaszow1.jpg)

Da die Blitzkriegsstrategie im Frühsommer/Spätherbst 1942 letztlich gescheitert war und durch ein neues Konzept auch nicht mehr ersetzt werden musste und konnte, befahl Hitler bereits im Dezember 1941 die massive Ausweitung und die Rationalisierung der Kriegswirtschaft. Normung und Standardisierung der Ausrüstung, Konzentration der Produktion in den leistungsfähigsten Betrieben, Neugründung von Rüstungsfabriken sowie die Einengung des Verbrauchergütersektors waren die Folge resultierend aus den gesetzten Zielen. Kern dieser Neuerung war die von Todt vorgeschlagene Zentralisierung der Rüstungssteuerung.19

Am 3. Juni 1943 gab Propagandaminister Goebbels vor Rüstungsarbeitern die offizielle Durchhalteparole aus:

[...]


1 Nationalsozialistische Herrschaft; Hehl, Ulrich, 1996, S. 1

2 vgl. Goerlitz, Erich; Immisch, Joachim: Zeiten und Menschen, Neue Ausgabe B, S. 77

3 Reich und Republik: Deutschland 1917 – 1933; Dederke, Karl-Heinz, 1996, S. 268 ff.

4 Der schwarze Freitag – Inflation und Wirtschaftskrise; Blaich, Fritz, 1985, S. 10 ff.

5 1933 – wie eine Demokratie stirbt; Schacht, Hjalmar, 1968, S. 23 ff.

6 Taschenhandbuch zur Geschichte; Goerlitz, Erich, 1992, siehe unter Nationalsozialismus

7 Weimarer Republik; Informationen zur politischen Bildung, 1998, S. 48 ff.

8 Die braune Gesellschaft – Ein Volk wird formatiert; Janka, Franz, 1997, S. 194 ff.

9 Die deutsche Wirtschaft von 1930 – 1945, Interna des Reichswirtschaftsministeriums; Boelcke, Willi, 1983, S. 50 ff.

10 Die deutsche Wirtschaft 1930 – 1945, Interna des Reichswirtschaftsministeriums; Boelcke, Willi,

1983, S. 50 ff.

11 Der Nationalsozialismus; Informationen zur politischen Bildung, 1991, S. 41

12 Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus; Barkai, Avraham, 1988, S. 34 ff.

13 Die braune Gesellschaft – Ein Volk wird formatiert; Janka, Franz, 1997, S. 172 ff.

14 Probleme des deutschen Wirtschaftslebens: Erstrebtes und Erreichtes; Deutsches Institut für Bankwissenschaft und Bankwesen, [1937], S. 15 ff.

15 Quellen zur deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Zeit des Nationalsozialismus; Steitz, Walter, 1998, S 44 ff.

16 Die deutsche Wirtschaft 1930 – 1945, Interna des Reichswirtschaftsministeriums; Boelcke, Willi, 1983, S. 56

17 Imperialismus im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft; Radkau, Joachim, 1976, S. 74 ff.

18 Politik, Gesellschaft, Wirtschaft von 1919 – 1945; Goerlitz, Erich; Immisch, Joachim, 1990, S. 233 ff.

19 Der Nationalsozialismus; Informationen zur politischen Bildung, 1991, S. 57 ff.

Details

Seiten
29
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638875653
ISBN (Buch)
9783638875936
Dateigröße
837 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81694
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Nationalsozialistische Wirtschafts- Sozialpolitik Proseminar Ernährungs- Wirtschaftspolitik Kanonen Butter

Autor

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Titel: Nationalsozialistische Wirtschafts- und Sozialpolitik 1933-1945