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Die Entwicklung der Doppelnamigkeit im mittelalterlichen Regensburg

Hausarbeit 2004 27 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Terminologie

2. Herkunft und Bildung der Familiennamen
2.1 Das althochdeutsche Sprachgut
2.2 Die onomastischen Umwälzungen und der Bedarf für Familiennamen

3. Die historische Situation im mittelalterlichen Regensburg

4. Kriterien für die Festigkeit der Beinamen

5. Die Beinamen-Kategorien in den Regensburger Quellen
5.1 Beinamen aus Rufnamen
5.2 Beinamen nach der Herkunft
5.3 Beinamen nach der Wohnstätte
5.4 Beinamen nach dem Beruf, Amt und Stand
5.5 Beinamen aus Übernamen

Schluss

Einleitung

Der Vorname begleitet uns von der Taufe bis zur Bahre und ist sprachliches Zeichen unserer Individualität und Einzigartigkeit. Von den Eltern ausgewählt und im Standesamt unter die Aufsicht staatlicher Bürokratie gestellt, dient er zur Befriedigung der kommunikativen Grundbedürfnisse einer Sprachgemeinschaft, die in vielen Fällen der mündlichen Sprachverwendung von der appellativen Funktion Gebrauch macht. Bei offiziellen Anlässen und der schriftlichen Kommunikation genügt die Identifizierungsfunktion des Vornamens allein nicht und erst in Verbindung mit dem Familiennamen konstituiert sich der vollständige Name in einem rechtlichen Kontext. Das heute selbstverständliche System der Doppelnamigkeit ist nur in seiner Geschichtlichkeit zu begreifen. Die Herausbildung der Familiennamen ist ein soziologisch und sprachwissenschaftlich komplexer Prozess, dessen Ursachen und Verlauf in dieser Arbeit erörtert werden sollen. Zugleich soll auf der synchronen Ebene die Semantik und Typologie ausgewählter Belege schlaglichtartig beleuchtet werden. Als Materialgrundlage wähle ich die drei, von Josef Widemann edierten Urkundenbücher der Stadt Regensburg[1], die den Zeitraum von ca. 760-1378 umfassen und sich auf Grund ihres umfangreichen Korpus an Urkunden als Quellen anbieten. Regensburg hatte bei dem Wandel der Personennamengebung eine Vorreiterrolle inne, da sich hier die onomastischen Umwälzungen verdichteten und in das deutsche Sprachgebiet ausstrahlen konnten. Über das Nameninventar liegen einige Monographien und Aufsätze vor.[2] Besonders hervorzuheben ist die ausführliche linguistische Analyse von Volker Kohlheim, der die Struktur der Regensburger Rufnamen des 13. und 14. Jhdts. akribisch untersucht hat.[3]

1. Terminologie

Bereits in mittelhochdeutscher Zeit begegnen zahlreiche Bezeichnungen des Beinamens: zuoname, lūtname, nāchname, übername, mitename, unname, undername, wandelname.[4] Die Belege in den Regensburger Quellen „spiegeln allerdings eine frühe Phase der Familiennamenentwicklung (12. - 14. Jh.) wider“[5], da sie sich in wesentlichen Aspekten von den modernen Familiennamen unterscheiden: Merkmale wie Erblichkeit und Festigkeit sind beim Übergang von der Einnamigkeit zum neuen onomastischen System der Doppelnamigkeit[6] „noch nicht durchgehend nachweisbar“[7], was das mhd. wandelname zum Ausdruck bringt.[8] Die vorliegende Arbeit orientiert sich an der gebräuchlichen Terminologie und bezeichnet mit Familienname einen fest und erblich gewordenen Beinamen, der dem Rufnamen hinzugefügt wird. Ob aber bei einem Namenbeleg tatsächlich schon ein Familienname in unserem Sinne vorliegt, lässt sich im konkreten Fall nicht immer eindeutig klären.

2. Herkunft und Bildung der Familiennamen

2.1 Das althochdeutsche Sprachgut

Um die späteren onomastischen Umwälzungen nachvollziehen zu können, lohnt ein kurzer Blick auf die germanische Namengebung, denn das „mhd. Namensystem hat [...] ohne Frage schon in ahd. Zeit und noch früher seine Vorläufer. Dort sind seine Grundlagen zu suchen“.[9] Im Zentrum des Interesses steht die Frage, mit welchen sprachlichen Mitteln familiäre Bindungen und Verwandtschaftsbeziehungen zum Ausdruck gebracht wurden, da die „Angehörigen der verschiedenen germanischen Stämme [...] noch keine Familiennamen [kannten]“.[10] Die germanische Personennamengebung, deren indogermanische Wurzeln bei der Motivation und Komposition der oftmals zweistämmigen Namen offensichtlich sind,[11] bringt zwar gelegentlich Beinamen hervor, welche jedoch „mehr zufällig und willkürlich gebraucht werden“[12] und mit dem Tod des Namenträgers unwiderruflich in der Versenkung verschwanden[13], so dass die

„Beinamen [...] in der Überlieferung stets nur vereinzelt auf[treten]. Durch sie ist innerhalb der Welt der germ. Stämme keine geregelte Doppelnamigkeit begründet worden, wie sie seit mhd. Zeit bestand“.[14]

Ohne die differenzierende Funktion fester Beinamen, kommt der Wahl des Rufnamens zur Kenntlichmachung der Sippenzugehörigkeit besonderes Gewicht zu. Gottschald unterscheidet sechs mögliche sprachliche Maßnahmen:[15] Den Stabreim, den Ablaut, die Gleichheit eines Namengliedes, wobei eine Vertauschung selten, aber möglich ist, die Vererbung des gesamten Namens und eine Kombination der Bestandteile der Elternnamen.[16] Dieses Prinzip lässt sich an der, drei Generationen verbindenden genealogischen Kette Heribrand, Hildebrand und Hadubrand im Hildebrandslied[17] veranschaulichen.[18] Die Personen werden als Hiltibraht Heribrantes sunu (S.46, Z.6) und Hadubraht Hiltibrantes sunu (Z.12) eingeführt. Aber auch ohne diese patronymischen Beifügungen des nachgestellten Vatersnamens im Genetiv in Kombination mit sunu (Sohn) wären die verwandtschaftlichen Beziehungen allein an den Rufnamen erkennbar. Die Alliteration, die Übereinstimmung des letzten Namengliedes und der Ablautwechsel weisen die Individuen als einer Sippe zugehörig aus.

[...]


[1] Regensburger Urkundenbuch. 1 Band. Urkunden der Stadt bis zum Jahre 1350. Hrsg. von Josef Widemann. München: Verlag der K. Akademie 1912 (= Monumenta Boica 53). Im Folgenden als RUBI zitiert. Regensburger Urkundenbuch. 2 Band. Urkunden der Stadt 1351-1378. Hrsg. von Josef Widemann. München: C.H. Beck 1956 (= Monumenta Boica 54). Im Folgenden als RUBII zitiert. Die Traditionen des Hochstifts Regensburg und des Klosters St. Emmeram. Hrsg. von Josef Widemann. München: C.H. Beck 1942 (= Quellen und Erörterungen zur Bayerischen Geschichte 8). Im Folgendenden als TE zitiert.

[2] Für eine knappe Übersicht der Forschungsliteratur vgl.: Kohlheim, Rosa: Regensburger Beinamen des 12. bis 14. Jahrhunderts. Beinamen aus Berufs-, Amts- und Standesbezeichnungen. Hamburg: Buske 1990 (= Bay- reuther Beiträge zur Dialektologie 6). S. 1.

[3] Kohlheim, Volker: Regensburger Rufnamen des 13. und 14. Jahrhunderts. Linguistische und sozio-onomastische Untersuchungen zu Struktur und Motivik spätmittelalterlicher Anthroponymie. Wiesbaden: Steiner 1977 (= Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik Beiheft 19).

[4] Vgl. Bach, Adolf: Deutsche Namenkunde. Band. 1. Die deutschen Personennamen. Heidelberg: Winter 19532. S. 73.

[5] Kohlheim, Rosa: Regensburg. Ein frühes Beispiel für die Entstehung der Doppelnamigkeit im deutschsprachigen Raum. In: Namenkundliche Informationen 52. (1987). S. 1.

[6] Rosa Kohlheim verwendet synonym den Terminus „Zweinamigkeit“, in der Forschung hat sich jedoch die Bezeichnung Doppelnamigkeit durchgesetzt. Dieser Terminus ist nicht mit dem Doppelnamen, unter dem man zwei, mit einem Bindestrich verbundene Familiennamen versteht, zu verwechseln. Vgl. Kohlheim, Rosa: Die Beinamenführung bei Frauen im spätmittelalterlichen Regensburg. In: Blätter für die oberdeutsche Namenforschung 22. (1985). S. 47.

[7] Kohlheim, Rosa 1987: S. 1.

[8] Vgl. Debus, Friedhelm: Die Entwicklung der deutschen Familiennamen in sozioökonomischer Sicht. In: Duden. Name und Gesellschaft. Soziale und historische Aspekte der Namengebung und Namenentwicklung. Mannheim: Duden 2001. S. 169.

[9] Bach 1953: S. 73.

[10] Duden. Familiennamen. Herkunft und Bedeutung. Bearbeitet von Rosa Kohlheim/ Volker Kohlheim. Mannheim: Duden 2000. S. 13.

[11] Vgl. die teilweise wörtliche Übereinstimmung mit den griech. Namen, z.B. Peri-kles (viel-gerühmt) und Vil- mar. Heintze, Albert/ Cascorbi, Paul: Die deutschen Familiennamen geschichtlich, geographisch, sprachlich. Hildesheim: Olms 19677. S. 20.

[12] Bach 1953: S. 73.

[13] Vgl. Duden. Familiennamen 2000: S. 13.

[14] Bach 1953: S. 73.

[15] Vgl. Gottschald, Max: Deutsche Namenkunde. Unsere Familiennamen nach ihrer Entstehung und Bedeutung. Berlin: de Gruyter 1971. S. 48-49.

[16] Vgl. Bach 59: S. 67. Die Sippenzugehörig kann auch durch den Vatersnamen und eine Endung kenntlich gemacht werden, z.B.: Karo-linger, „die von Karl abstammen“.

[17] Das Hildebrandslied. In der langobardischen Urfassung hergestellt. Hrsg. von Willy Krogmann. Berlin: Erich Schmidt 1959 (= Philologische Quellen und Studien).

[18] Vgl. Duden. Familiennamen 2000: S. 13.

[19] Gottschald 1971: S. 40.

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638862790
ISBN (Buch)
9783638862844
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81613
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Entwicklung Doppelnamigkeit Regensburg

Autor

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Titel: Die Entwicklung der Doppelnamigkeit im mittelalterlichen Regensburg