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Politische Sprache als Machtinstrument

Diskursive Gestaltungsstrategien der französischen Rechten zur Schaffung eines rassistischen Feindbildes in Medien und Politik

Seminararbeit 2007 15 Seiten

Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 INSTRUMENTALISIERUNG DER VERGANGENHEIT IM DISKURS
2.1 Ideologische Verwurzelung in der französischen Revolution
2.2 Rassismus als Ethnopluralismus, eine frankreichspezifische Doktrin
2.3 Die Strategie der Schlagwortbildung

3 METAPHORIKEN ALS SPRACHLICHE SYMBOLE
3.1 Der Staat als Lebewesen
3.2 Infektionsmetaphoriken
3.3 Kontaminierungsmetaphoriken

4 KONKRETISIERTES FEINDBILD IN KARIKATUREN

5 SCHLUSSBETRACHTUNG

6 BIBLIOGRAPHIE

7 ANHANG

1 EINLEITUNG

Spätestens seit den französischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2002, bei denen es dem rechtsextremen Politiker Jean-Marie Le Pen mit fast 17 % der Wählerstimmen gelang, in die Stichwahl gegen Jacques Chirac einzuziehen, ist die Präsenz rechtsextremer Parteien weit über die Grenzen Frankreichs hinaus in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Auch die diesjährige Wahl im April 2007, bei der die Front National, Partei Le Pens, 10,44 % der Wählerstimmen erreichte, bestätigt den Einfluss rechter Gruppierungen auf die französische Politik. Den Grundpfeiler ihrer ideologisch-programmatischen Zielsetzungen bildet eine ablehnende Haltung gegenüber Immigranten, welche auch Basis ihrer öffentlichen Diskurse darstellt, mit dem Ziel potenzielle Wähler zu gewinnen.

In diesem Zusammenhang spielt das von Ulrich Sarcinelli entwickelte Konzept der ,symbolischen Politik’, welches unter anderem als Erklärungsansatz zum Erreichen politischer Ziele wie etwa einem höheren Anteil an Wählerstimmen dient, eine wichtige Rolle. Er geht davon aus, dass sich ,symbolische Politik’ in Abgängigkeit der situativen Kontexte ambivalent definieren lässt. Einerseits können laut seiner Theorie Realitätstäuschungen auf Grund des Gebrauchs von Symbolen, wie zum Beispiel Gesten oder Hymnen stattfinden. Andererseits kann man die Verwendung von Symbolen laut Sarcinelli nicht als Politiksurrogat ansehen, da sie auch zur Veranschaulichung komplexer politischer Zusammenhänge beitragen und so: politische Problemlagen zuspitzen, treffend abbilden, politisch motivieren und mobilisieren […] können“ (vgl. Sarcinelli 2005: 134).

Vor dem Hintergrund dieser Theorie soll in der vorliegenden Arbeit das Phänomen der politischen Sprache als Machtinstrument betrachtet werden; die Fragestellung lautet dabei: Warum gelingt es der französischen Rechten durch diskursive Muster in den Medien ein rassistisches Feindbild zu kreieren? Die zu überprüfenden Hypothesen der Hausarbeit beruhen darauf, dass der historische Kontext Frankreichs, insbesondere die Französische Revolution, den Nährboden für die Erschaffung eines Feindbildes in der Öffentlichkeit darstellt und die Vergangenheit im politischen Diskurs durch Schlagwortbildungen instrumentalisiert wird. In diesem Zusammenhang spielt auch die frankreichspezifische Doktrin des Ethnopluralismus eine gesonderte Rolle. Des Weiteren fungieren in den Medien propagierte sprachliche Metaphoriken, sowie Karikaturen als politische Symbole und ermöglichen die Suggerierung eines rassistischen Feindbildes.

Die Vorgehensweise der Untersuchung orientiert sich an der selektiven Betrachtung der historischen Dimension. Zudem werden sprachwissenschaftliche Analyse-methoden, wie Wortfeldanalysen und Schlagwortuntersuchungen, aber auch Methoden der Bildrezeption zur Überprüfung der Hypothesen herangezogen. Zum Zweck der näheren Eingrenzung des Themenkomplexes wird darauf hingewiesen, dass als Untersuchungsgegenstände primär Reden von Jean-Marie Le Pen, dem Gründer und Chefideologen der FN, sowie Karikaturen und Artikel aus der Tageszeitung Présent herangezogen werden. Beide Instanzen sind voneinander unabhängige, relevante Akteure der rechten Medien- und Politikszene Frankreichs, wobei die Front National dem antidemokratischen Spektrum zuzuordnen ist, die Zeitung Présent hingegen dem katholisch-traditionellen Flügel der französischen Rechten angehört (vgl. Camus 1998: 139ff.). Auf Grund dieser Tatsachen stellen sie einen ideologisch repräsentativen Querschnitt für die Untersuchung dar. Abschließend sollen die Ergebnisse zusammengefasst, sowie die Fragestellung beantwortet werden.

2 INSTRUMENTALISIERUNG DER VERGANGENHEIT IM DISKURS

2.1 Ideologische Verwurzelung in der französischen Revolution

Grundlage jeder Kultur bildet ein „kultureller Wissensvorrat und Symbolhaushalt“ (Lüsebrink et al. 2004: 23), der auf historische Ereignisse zurückgeht. Das Ziel eines so genannten „kollektiven Gedächtnisses“ besteht darin die Kontinuität und Identität von Gesellschaften zu wahren (vgl. Assmann 1988: 9ff.). Von herausragender politischer und sozialer Rolle des kollektiven Gedächtnisses in Frankreich ist die französische Revolution, welche verbunden mit dem Aufkommen der Idee der universellen Naturrechte des Menschen als ideologischer Ursprung der französischen , civilisation’ betrachtet wird. Der Aspekt der Gleichheit zwischen Individuen ist somit konstitutiv für die historische Entwicklung Frankreichs und ganz Europas, denn durch den philosophischen Hintergrund wurde langfristig auch politisch der europäische Demokratisierungsprozess ausgelöst.

Diese Entwürfe des Individuums und des Staatsgefüges dienten als Grundlagen der französischen Verfassungen nach 1789. Sie bieten noch heute Konfliktpotenzial für den Diskurs rechter Gruppierungen in Frankreich, da der Aspekt des Egalitarismus zwischen Individuen nicht akzeptiert wird. Im Gegenteil wird die „jakobinische Tradition kultureller Homogenisierung und Assimilation“ (Scharenberg 2006: 88) aufgegriffen und gegen Immigranten gerichtet. Die Ideen der Jakobiner, welche in der Endphase der französischen Revolution als politischer Klub durch ihre Terrorherrschaft versuchten, die Einheit des zentralistischen Frankreichs mit allen Mitteln zu wahren, wird von der französischen Rechten auf das heutige Frankreich projiziert und bildet mit der Verteidigung der „französische Identität gegenüber der Einwanderung aus islamisch geprägten Ländern“ (Scharenberg 2006: 88) ihre ideologische Basis. Le Pen selbst bestätigt dieses Gesellschaftsbild durch seine Definition des Begriffes ,Diskrimination’:

[Discrimination] n’est rien d’autre que l’appellation péjorative dont on affuble les distinctions contraires à l’égalitarisme des droits de l’homme […]. Il n’y a pas de vie sociale sans discrimination, sans différenciation (Le Pen 1989, eigene Hervorhebungen).

2.2 Rassismus als Ethnopluralismus, eine frankreichspezifische Doktrin

Das zugrunde liegende Modell dieses neurechten Diskurses in Frankreich ist der ,Ethnopluralismus’, ein Konzept, dass wörtlich übersetzt „Vielfalt der Völker“ bedeutet (vgl. Kriener et al. 1994: 17). Eine ethnopluralistsische Weltanschauung beruht darauf, dass das Individuum nur unter dem Aspekt der Zugehörigkeit zu bestimmten Völkern und Ethnien betrachtet wird. Zwischen diesen werden qualitativ keine Unterschiede festgestellt, die Vermischung der biologisch oder kulturell definierten Ethnien jedoch kann durch „Überfremdung“ anderer Individuen das Kollektiv des Volkes gefährden. Daraus ergibt sich im rechten Diskurs die Notwendigkeit des Schutzes der eigenen Volksgruppe (vgl. Kriener et al. 1994: 17). Sprachlich wird so eine Distanzierungsstrategie vom biologischen Rassismus, der aus der Selbstverherrlichung der eigenen Volksgruppe besteht, deutlich. Dies zeigt sich auch in folgendem Zitat des rechtsorientierten französischen Philosophen Alain de Benoist:

L’idée de la supériorité d’une nation, d’un peuple, d’une race, d’une civilisation est absurde. Particulièrement grotesque serait d’affirmer une supériorité de la civilisation occidentale – son chemin historique était lamentable, son état mentale d’aujourd’hui est épouvantable. Nous avons plus que jamais besoin d’un dialogue entre les cultures. Cependant, un dialogue n’est que possible si la différence sera respectée (Mohler 1993: 3, eigene Hervorhebungen).

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638862622
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81600
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Romanistik II
Note
1,0
Schlagworte
Politische Sprache Machtinstrument Seminar Politik

Autor

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Titel: Politische Sprache als Machtinstrument