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ÖVP, CDU/CSU und der Rechtsextremismus der Nachkriegszeit (1945-57). Ein Vergleich der Entwicklung in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland

Magisterarbeit 2005 172 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung
1. Fragestellungen und Literaturlage:
2. Gliederung der Arbeit:

B. Die Entwicklung in Österreich zw. 1945-1957
I. Vierte Partei statt vierter Bund (1945-49)
1. Die historische Ausgangsituation am Beginn der Zweiten Republik:
1.1. Die ÖVP als Neugründung des christlichsozialen Lagers:
1.2. Zur Situation des Dritten Lagers 1945:
2. Die Allparteienregierungen und die Auswirkungen der Entnazifizierung:
3. Das nationale Lager formiert sich neu:
4. Die Gründung des VdU:
II. Die Bürgerblock-Option (1949-53)
1. Die Nationalratswahl 1949:
2. Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungstendenzen:
2.1. Das Ausbleiben der „Parteireform“ der ÖVP:
2.2. Das abgewendete Verbot des VdU:
3. Bundespräsidentenwahl 1951:
4. „Politik zwischen Bündnis und Inhalierung“: ÖVP und VdU 1952/53:
4.1. Der Beginn des „Raab-Kamitz-Kurses“ der ÖVP:
4.2. Die Auswirkungen der österreichischen Amnestiegesetzgebung:
5. Die Nationalratswahl 1953 und die Intervention Theodor Körners:
III. Die ÖVP und der Zerfall der „Dritten Kraft“ (1953-57)
1. Der Einfluß der ÖVP bei der Neuformierung des Dritten Lagers:
2. Die Nationalratswahl von 1956 und die ÖVP/FPÖ-Kooperation bei der Bundespräsidentenwahl 1957:
Abschließende Zwischenbetrachtung:

C. Die Entwicklung in der Bundesrepublik zw. 1945-1957
I. CDU/CSU und die Neuformierung des Rechtsextremismus (1945-49)
1. Die Gründung der Unionsparteien:
2. Die Auswirkungen der Entnazifizierung:
3. Die parteipolitische Neuformierung des Rechtsextremismus in den
Besatzungsjahren:
4. Die Bundestagswahl 1949: Weichenstellung „Bürgerblock“:
II. Die Blütezeit der nationalistischen Splitterparteien in der Bundesrepublik (1949-53)
1. Die Integration der NS-Mitläufer durch die Regierung Adenauer:
2. Analyse des Rechtsextremismus:
3. Eine „Dritte Kraft“? Die kleineren Bürgerblockparteien und die
„große Rechtspartei“:
4. Die Bundestagswahl 1953:
III. Adenauers Sammlungskurs (1953-57)
1. Die Absorption der Kleinparteien:
2. Der Niedergang des Rechtsextremismus:
Abschließende Zwischenbetrachtung:

D. Vergleichende Abschlußbetrachtung:

E. Literaturverzeichnis:

ÖVP, CDU/CSU und der Rechtsextremismus der Nachkriegszeit (1945 - 57)

Ein Vergleich der Entwicklung in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland

A. Einleitung

Österreich und Westdeutschland waren zwei Nachfolgestaaten des „Dritten Reiches“, die bereits wenige Jahre nach ihrer Gründung mit einem postfaschistischen Rechtsextremismus konfrontiert wurden. Die hier vorliegende – literaturgestützte – Magisterarbeit greift diesen Aspekt der politi­schen Nachkriegsentwicklung in beiden Ländern auf und verfolgt den Umgang der christdemokrati­schen Regierungsparteien ÖVP und CDU/CSU mit rechtsextremistischen Kräften im Zeitraum von 1945 bis 1957. Die Arbeit stellt einen Versuch dar, aus einer vergleichenden Perspektive Unter­schiede und Gemeinsamkeiten in der politischen Entwicklung in beiden Ländern herauszuarbeiten und zu benennen. Einen solchen Vergleich im Rahmen einer Magisterarbeit zu vollziehen, erscheint naheliegend, weil er noch nicht unternommen worden ist.

Der Untersuchungsschwerpunkt der Arbeit wurde auf die Entwicklungen in Österreich gelegt, da diese als wenig erforscht und aufgearbeitet zu bezeichnen sind. Die Entwicklung in der frühen Bun­desrepublik dagegen ist bereits wesentlich ausführlicher beleuchtet worden. Die Darstellung zur Entwicklung in der Bundesrepublik wurde vor diesem Hintergrund auf die Hervorhebung der zen­tralen Aspekte begrenzt und stärker gerafft, um eine Basis für das abschließende Vergleichskapitel zu schaffen. Die Entwicklung in Österreich bildet das Untersuchungsobjekt der Arbeit, die in der Bundesrepublik das Vergleichsobjekt.

1. Fragestellungen und Literaturlage

Als Voraussetzung für einen Vergleich ist es von Bedeutung, die historische Entwicklung in Öster­reich und der Bundesrepublik unter klaren, leitenden Fragestellungen zu analysieren. Gefragt wird deshalb danach, wie sich der Rechtsextremismus der Nachkriegszeit in beiden Ländern herausbil­dete, auf welche Gruppen in der Gesellschaft er sich stützte und wie ÖVP und CDU/CSU auf den parteipolitisch organisierten Rechtsextremismus reagierten. Der Begriff „Rechtsextremismus“ wird dabei als ein Sammelbegriff verstanden, der eine Reihe politischer Einstellungen und Strömungen umfassen kann, z. B. Militarismus, Nationalismus, Antisemitismus, rassistische und biologistische Theoreme, Streben nach einer der modernen pluralistischen Industriegesellschaft entgegengestellten „Volksgemeinschaft“ bzw. nach autoritären politischen Strukturen und Staatsformen, Glorifizierung des Nationalsozialismus und des Dritten Reiches oder Geschichtsrevisionismus. Für Österreich ist zudem die Leugnung der österreichischen Eigenstaatlichkeit von gesonderter Bedeutung.[1]

In diesem Zusammenhang erscheint einleitend der Hinweis darauf wichtig, daß sich der von der Politikwissenschaft entwickelte Rechtsextremismus-Begriff mit seinen zentralen Kriterien oftmals nur schwer auf die Entwicklungen im Untersuchungszeitraum anwenden läßt. Dieser Umstand er­scheint in der Bundesrepublik bereits bei einem zeitgenössischen Beobachter wie Fritz Rene Alle­mann. Unter den Verbotsandrohungen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl in Österreich wie in der Bundesrepublik existierten, waren offen rechtsextreme Bestrebungen eine Ausnahme. Vielmehr haben sich diese Strömungen Parteien angegliedert, die – manchmal nur zur Tarnung – ein demokratisches Profil nach außen hin besessen haben. Dies läßt es gerechtfertigt erscheinen, die Untersuchung nicht nur auf rechtsextremistische Splitterparteien zu begrenzen, sondern auch die westdeutschen Bürgerblockparteien DP, BHE und FDP in sie miteinzubeziehen. Für Österreich erscheint dieser Hinweis besonders wichtig, da dort in der Nachkriegszeit mit dem VdU eine Partei mit einem liberalen Programm aufgetreten ist, die jedoch in der politischen Praxis rechtsextreme politische Strömungen in diesem Land absorbierte.

Die Literatur, auf die sich die Arbeit stützt, läßt sich in Darstellungen zur Parteiengeschichte und in Untersuchungen zur institutionellen Aufarbeitung der „Last der Vergangenheit“ differenzieren. Die Forschungslage in Österreich und der Bundesrepublik weist in beiden Aspekten deutliche Unter­schiede auf. Nicht nur zu der der Unionsparteien[2], auch zur Geschichte des Rechtsextremismus[3] in der Bundesrepublik liegt eine wahre Fülle von Darstellungen vor, gleiches gilt hinsichtlich der Ent­nazifizierung nach 1945 und dem institutionellen Umgang mit dem Nationalsozialismus in der frü­hen Bundesrepublik.[4] Für Österreich bestehen dagegen nach wie vor große Lücken. Zwar hat die „Waldheim-Affäre“ wie die „Reder-Frischenschlager-Affäre“ in den achtziger Jahren die Auseinan­dersetzung in der österreichischen Zeitgeschichte mit dem „Dritten Reich“ befördert, nach wie vor scheint ihr Schwerpunkt jedoch in der Untersuchung der Geschichte der Ersten Republik zu liegen. Die Literatur zum Austrofaschismus ist wesentlich umfangreicher als diejenige zur Aufarbeitung des Dritten Reiches in der Zweiten Republik. Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, daß für die Ge­schichte der ÖVP zwar beispielsweise die Überblicksdarstellung von Ludwig Reichhold, die Studie zur „Großen Koalition“ von Manfred Rauchensteiner und ein voluminöser von Robert Kriechbaumer heraus­gegebener Sammelband existieren,[5] der neben einem allgemeinen Abriß der Geschichte der ÖVP Aufsätze zu ihren organisatorischen Besonderheiten umfaßt, es jedoch leider keine Studien gibt, die eine Spezialfrage wie den Umgang der Partei mit den Mitläufern des „Dritten Reiches“ aufgreifen. In gewissem Umfang Ausgleich schaffen hier Untersuchungen zur österreichischen Entnazifizierungs- bzw. Amnestierungspolitik.[6] Die Memoirenliteratur der maßgeblichen ÖVP-Politiker der 50er Jahre betont vorrangig die „christliche Versöhnungspolitik“ gegenüber den „Ehemaligen“, wenn sie sich nicht auf die Darstellung des Weges zum Staatsvertrag beschränken.[7] Als gänzlich unerforscht kann nach wie vor die Geschichte der ÖVP-Rechtsabspaltungen „Junge Front“ und „Aktion für politi­sche Erneuerung“ bezeichnet werden. In parteiengeschichtlichen Darstellungen zum VdU sind in dieser Hinsicht wesentlich mehr Informationen zu finden. ÖVP-nahe Darstellungen betonen eben­falls fast ausschließlich die Versöhnung der Bürgerkriegsgegner von 1934 – Sozialisten und Christ­lichsoziale – und den Anteil der Partei am Abschluß des Staatsvertrages. Die vorliegende Arbeit stellt vor diesem Hintergrund einen Versuch dar, auf breiter Literaturlage diese Aspekte vertiefend zu bearbeiten.

Als Standartwerk zum österreichischen Rechtsextremismus der Zweiten Republik kann der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes herausgegebene Sammelband „Rechtsex­tremismus in Österreich nach 1945“ gelten.[8] Mit der Geschichte des VdU beschäftigt sich die Darstel­lung von Riedlsperger und die ungedruckten Dissertationen von Müller-Klingspor, Stäuber und Grabher, die vorrangig die Entstehung des VdU in ihrem Ablauf rekonstruieren. Aufschlußreicher für die Querbeziehungen zwischen ÖVP und VdU ist die Darstellung des FPÖ-nahen Wiener Hi­stori­kers Lothar Höbelt, die als einzige der genannten Werke auf breiterer Quellengrundlage beruht, je­doch an vielen Stellen von politischen Präferenzen überformt ist und den Aspekt der rechtsextre­men Verstrickung des VdU nahezu komplett ausblendet. Untersuchungen zum VdU unterhalb der Bundesebene fehlen, sieht man von einigen Abschnitten in der Dissertation von Lehmann-Horn zur Kärntner FPÖ ab. Informationen zum Ablauf des Wandels vom VdU zur FPÖ liefert der „offi-

zi­elle“ FPÖ-Parteihistoriker Piringer.[9] Anders als für Deutschland liegt für Österreich jedoch in gewis­sem Umfang Memoirenliteratur aus dem „nationalen Lager“ vor, sowohl vom „liberalen“ wie vom „nationalen“ Flügel des VdU, die eine interessante Innenperspektive ermöglichen und daher in die Untersuchung eingearbeitet wurden.[10] Quelleneditionen, wie sie für Deutschland existieren, feh­len für Österreich.[11]

2. Gliederung der Arbeit

Um ein möglichst hohes Maß an Vergleichbarkeit zu schaffen, folgen die Kapitel einem gleichen Aufbau, indem der Gesamtuntersuchungszeitraum in drei Phasen (1945-49, 1949-53, 1953-57) diffe­renziert wird.

Betrachtet werden für Österreich und der Bundesrepublik im Zeitraum 1945 - 1949 nach einer kur­zen Skizzierung der historischen Ausgangsbedingungen im Jahre 1945 und der Gründungsge­schichte der Parteien zunächst die Prozesse, die in beiden Ländern zur Herausbildung des Nach­kriegsrechtsex­tremismus führten. Gefragt wird danach, worin die Faktoren bestanden, die ihm politische Dynamik verliehen. Es wird zudem versucht, die gesellschaftliche Basis aufzuzeigen, die rechtsextremistische Parteien in zwei jungen Demokratien fanden, die sich bei ihrer Gründung nicht zuletzt auch als An­tithese zum „Dritten Reich“ verstanden haben.

In diesem Abschnitt werden für Österreich jene Prozesse analysiert, die nach dem Krieg zur Neu­formierung des dortigen „nationalen Lagers“[12] führten. Vorangestellt sind einige kurze Anmerkun­gen zur innenpolitischen Situation in Österreich nach dem Krieg sowie ein kurzer Abriß der Grün­dungsgeschichte der ÖVP, auf deren eigene Form „vergangenheitspolitischer“ Belastung durch den Austrofaschismus hingewiesen wird. Erörtert wird in diesem Abschnitt darüber hinaus die Einheit von liberalem Programm und rechtsextremer Verstrickung, die – als Ergebnis der historischen Ent­wicklung – ein traditionelles Kennzeichen des „nationalen Lagers“ in Österreich ist. Im Mittelpunkt dieses Abschnittes steht anschließend die Frage, inwieweit von einem nennenswerten rechtsextremi­stischen Potential nach 1945 in Österreich gesprochen werden kann und worin seine Quellen lagen. Versucht wird, gesellschaftliches Konfliktpotential zu benennen, wie es in Österreich vor allem im Kontext der sich in schematisierten Formen vollziehenden Entnazifizierung entstand. Nach einigen frühen von den Besatzungsmächten unterbundenen Anläufen wurde eine rechtsextremistische Par­tei im Nachkriegsösterreich erstmals anläßlich der Nationalratswahl von 1949 in Form des „Ver­bandes der Unabhängigen“ (VdU) Realität, nachdem die ÖVP den Versuch aufgab, daß sich neu formierende „nationale Lager“ durch einen „vierten Bund“ zu integrieren und statt dessen mit der Jungen Front eine VdU-Konkurrenzorganisation gründete, die ehemalige Nationalsozialisten und frühere Wehrmachtsoldaten für die Partei gewinnen sollte.

Im entsprechenden einleitenden Abschnitt zur Entwicklung in der Bundesrepublik wird die Ent­wicklung bis zur ersten Bundestagswahl von 1949 verfolgt. Versucht wird, die Hintergründe für die Neuformierung des Rechtsextremismus zu benennen. Thematisiert werden in diesem Zusammen­hang ebenfalls die Auswirkungen der Entnazifizierung sowie die sozioökonomischen und politisch- kulturellen Rahmenbedingungen, die die Neuformierung rechtsextremistischer Parteien begünstig­ten. Anmerkungen zur Gründungsgeschichte und Gründungsmotiven der Unionsparteien treten hinzu.

Hiervon ausgehend, verfolgt die Untersuchung in einen zweiten Schritt den Umgang von ÖVP und CDU/CSU mit diesen Nachkriegsphänomenen zwischen 1949 und 1953. Dies geschieht aus einer regierungs- wie aus einer parteipolitischen Perspektive. Der Umgang von ÖVP und CDU/CSU mit rechtsextremistischen Kräften auf der Regierungsebene bestand in dieser Phase im wesentlichen aus einer Amnestie- und Integrationspolitik gegenüber den ehemaligen Nationalsozialisten, die – dies betrifft wesentlich stärker die Entwicklung in der Bundesrepublik – von einer Ahndung und Abwehr offen neonazistischer Bestrebungen begleitet wurde. In Österreich erscheint die Phase bis zur Na­tionalratswahl von 1953 als ein Zeitraum, der von einer vehementen Konkurrenz der Parteien um die Zielgruppe der ehemaligen Nationalsozialisten bestimmt war, die durchaus zu einem verwerfli­chen „Buhlen um die Ehemaligen“ ausarten konnte. Zwischen 1949 - 1953 etablierte sich im Nach­kriegsösterreich – begleitet von der Integration ehemaliger Nationalsozialisten durch die Regie­rungspolitik der SPÖ/ÖVP-Koalition – mit dem VdU vorübergehend eine rechtsextremistische Partei, die in jener Zeit zwar einerseits ihre größten Wahlerfolge erzielte, sich andererseits aber be­ständig am Rande eines Verbotes bewegte. Es wird in diesem Abschnitt ferner dargelegt, daß sich im Vorfeld der zweiten Nationalratswahl darüber hinaus, tendenziell dem Modell des Bürgerblocks in der Bundesrepublik vergleichbar, die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung des VdU eröffnete. In der Bundesrepublik wurden CDU und CSU zwischen 1949 und 1953 mit einer „nationalistischen Welle“ konfrontiert, einer kurzen Blütezeit nationalistischer Splitterparteien, die bis zur zweiten Bundestagswahl anhielt, durch das SRP-Verbot und die „Naumann-Affäre“ jedoch im Vorfeld be­reits abebbte. Nach der ersten Bundestagswahl zeigten sich bei den Landtagswahlen, aber auch bei Bundestags- und Landtagsnachwahlen die Schwierigkeiten der Unionsparteien, politische Integrati­onskraft zu entfalten. Thematisiert wird daneben insbesondere die Integration der NS-Mitläufer in die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft durch die Regierungspolitik des „Bürgerblocks“ sowie die Auswirkungen, die diese auf die weitere Entwicklung des Nachkriegsrechtsextremismus in der Bundesrepublik zeigte. Die Arbeit versucht in diesem Zusammenhang auch zu zeigen, daß die christdemokratischen und gemäßigt-konservativen Parteien ÖVP und CDU/CSU durch die Exi­stenz des Nachkriegsrechtsextremismus in jener Phase selbst Veränderungsprozessen unterworfen waren. Vor allem am Beispiel der ÖVP läßt sich dieser Umstand sehr deutlich zeigen. Waren beide Parteien in ihrer Gründungsphase zunächst von einem starken antinationalsozialistischen und christlichen Ethos geprägt, das nicht zuletzt auch ein Erbe des christlichen Widerstandes gegen Hit­ler war, so veränderten sie durch die Herausforderung, die die Existenz der nationalistischen und rechtsextremistischen Parteien darstellte, nachhaltig ihre Programmatik und ihren politischen Standpunkt.

Im dritten Abschnitt (1953 - 57) werden in kurzer Form die Entwicklungen bis zur Bundestagswahl in der Bundesrepublik bzw. Bundespräsidentenwahl in Österreich von 1957 verfolgt. Diese Phase erscheint in beiden Ländern als ein Zeitraum der parteipolitischen Konsolidierung. In diesem Ab­schnitt wird für die Bundesrepublik die zunehmende Absorption der kleineren Bürgerblockparteien in die Union umrissen, ein Prozeß, der zugleich von einer Marginalisierung des Rechtsextremismus begleitet wurde. Blickt man auf Österreich, so ließ sich die Nationalratswahl von 1953 durchaus als historische Zäsur betrachten, die die oben genannten ÖVP/VdU-Koalitionsabsichten beendete: Das Veto des österreichischen Bundespräsidenten Theodor Körner verhinderte eine Regierungsbeteili­gung des VdU, die von der ÖVP und dem gemäßigtem Flügel des VdU angestrebt wurde. Die Ab­kehr der ÖVP vom Linkskatholizismus, ihr Kurswechsel hin zum Wirtschaftsliberalismus in der Kanzlerschaft Julius Raabs führte zusammen mit dem österreichischen Staatsvertrag von 1955 sowie der zunehmenden Integration ehemaliger Nationalsozialisten durch die Regierungspolitik der ÖVP/SPÖ-Koalition zum Zerfall des heterogenen VdU, der sich mehr und mehr radikalisierte. Am Endpunkt dieser Entwicklung stand die Gründung der FPÖ, deren Führung mit Anton Reinthaller ein prominenter früherer Nationalsozialist übernahm. Diese Entwicklungen sind im dritten Ab­schnitt Gegenstand einer differenzierten Betrachtung.

Im abschließenden Kapitel D. wird der Versuch unternommen, die Ergebnisse der Arbeit in einer vergleichenden Perspektive zu diskutieren. Dies geschieht auf Basis der einleitend genannten Leit­fragen.

B. Die Entwicklung in Österreich zw. 1945 - 1957

I. Vierte Partei statt vierter Bund (1945 - 1949)

1. Die historische Ausgangsituation am Beginn der Zweiten Republik

1.1. Die ÖVP als Neugründung des christlichsozialen Lagers

Die ÖVP war 1945 eine Parteineugründung, die in der politischen Tradition des christlichsozialen Lagers Österreichs stand. Als ihre unmittelbare Vorläuferin gilt die im Jahr 1891 gegründete Christ­lichsoziale Partei (CP), die nach einer Reihe kleinerer Vorgründungen die erste Partei des christlich­sozialen Lagers von Bedeutung darstellte. Dieses Lager hatte sich im 19. Jahrhundert aus einer „Mi­lieukonstellation“ gebildet, die vom konservativen Adel, dem Klerus, von großen Teilen des Klein- und Mittelbürgertums sowie der Bauernschaft und der katholischen Arbeiterschaft getragen wurde. Das zentrale ideologisch prägende Element des christlichsozialen Lagers war – neben der Gegner­schaft zum Sozialismus und (vor allem auf kulturpolitischem Gebiet) zum Nationalliberalismus – die katholische Soziallehre.[13] In der Ersten Republik war die CP langjährige Regierungspartei und Träge­rin des „Austrofaschismus“ zwischen 1934 und 1938. Dieser gilt als Endpunkt einer Entwicklung, die nach dem Scheitern der Koalition von CP und SDAP im Jahr 1920 einsetzte und von den zu­nehmend gewaltsamen Formen annehmenden Gegnerschaft der beiden großen Lager – dem christ­lichsozialen und dem sozialistischen – geprägt wurde. Im Zuge ihres Versuches, die von ihnen be­fürchtete Etablierung des Sozialismus zu verhindern, verwandelten sich die Christlichsozialen „in Demokraten und Republikaner auf Probe“, agierten zunehmend autoritär und wiesen antidemokra­tische und antiparlamentarische Tendenzen auf.[14] Seit den ausgehenden zwanziger Jahren hatten die Furcht vor der „Bolschewisierung“ Mitteleuropas sowie der Siegeszug des Faschismus in Italien und der Aufstieg des Nationalsozialismus im Deutschen Reich eine Annäherung an faschistische Ideen bewirkt, eine Entwicklung, die zudem durch den traditionellen Etatismus des österreichischen Kon­servatismus mit begünstigt wurde und dem Stellenwert des militanten Katholizismus innerhalb der politischen Rechten Österreichs in der Zwischenkriegszeit entsprach. Die Ausschaltung des österrei­chischen Nationalrates am 4.3.1933 markierte jene innenpolitische Wende, die im Zuge einer for­cierten Unterdrückung der Opposition 1934 schließlich zum Bürgerkrieg und dem Verbot der SDAP führte. Nach 1934 verfolgte die CP im Zeichen einer Abwehr der Bedrohung „von links und rechts“ einen mit dem Begriff „Austrofaschismus“ beschriebenen autoritären Kurs.

Die zentrale Rolle, die die CP als Vorgängerin der ÖVP bei der Begründung des Ständestaates spielte, wurde in der Zweiten Republik fallweise vom politischen Gegner auf der Rechten wie der Linken instrumentalisiert, vor allem in den Auseinandersetzungen zum Verlauf der Entnazifizie­rung.[15] Ohne die Diskussion an dieser Stelle im Detail nachzuzeichnen, bleibt festzuhalten, daß in der Forschung der Begriff „Austrofaschismus“ und eine Einordnung des Ständestaates in die faschi­sti­schen Regime der zwanziger und dreißiger Jahre umstritten bleiben.[16] Der Historiker Francis L. Car­sten etwa verweist darauf, daß das Dollfuß-Regime eher einer „traditionellen Rechtsdiktatur“ als ei­nem faschistischen Regime geglichen habe. Er argumentiert, daß Dollfuß rechtmäßiger Kanzler ge­wesen und seine Diktatur von der CP, deren Abgeordneten für die Verfassung vom 1. Mai 1934 stimmten, von der Kurie, der Bürokratie sowie von gesellschaftlichen Eliten unterstützt worden sei, denen die Abwehr der „Drohung von links und rechts“ gemeinsam gewesen sei. Die faschistischen Heimwehren hätten zwar das System unterstützt, bei seiner Gründung allerdings keine entschei­dende Rolle eingenommen. Everhard Holtmann hebt zudem das Scheitern des Versuchs hervor, in Form der „Vaterländischen Front“ eine faschistische Partei zu gründen. Diese habe allenfalls zah­lenmäßig einen Massenfaktor dargestellt, „mobilisierende Kraft und propagandistische Ausstrah­lung“ dagegen vermissen lassen.[17] Allerdings war, auch wenn keine direkte Vergleichbarkeit zwi­schen dem Austrofaschismus und dem nationalsozialistischen Regime im Deutschen Reich gezogen wer­den kann, für die Gründergeneration der ÖVP nach 1945 die Notwendigkeit gegeben, sich vom Dollfuß/Schuschnigg-Regime zu distanzieren. Für die ÖVP war der Umgang mit dem Austrofa­schismus in der Frühphase der Zweiten Republik ein großes Problem, daß immer wieder in ihren theoretischen Organen thematisiert wurde. Die dort zu findenden Ausführungen von Funktionären der frühen ÖVP zum Austrofaschismus waren durch ein zwiespältiges Verhältnis zu ihm gekenn­zeichnet, das eine Konsequenz aus dem Widerspruch darstellte, der sich aus der Notwendigkeit der Distanzierung zum Austrofaschismus und der zahlreichen personellen Kontinuitäten zwischen CP und ÖVP ergab. Die ÖVP griff nach 1945 letztlich auf die Selbstinterpretation des „Ständestaates“ zurück und rechtfertigte diesen als Abwehrmaßnahme gegen Sozialdemokratie und Nationalsozia­lismus, als Teil des österreichischen Abwehrkampfes der Regierung Dollfuß/Schuschnigg, der bis 1938 durch das Abseitsstehen der Sozialdemokratie und der westeuropäischen Demokratien verlo­ren worden wäre.[18] Allerdings konnte nach dem Krieg kein Zweifel darüber bestehen, daß das beruf­ständische System, das den Austrofaschismus kennzeichnete, als autoritäre Interpretation der päpst­lichen Enzyklika „Quadragisimo Anno“ eng mit den gesellschaftspolitischen Vorstellungen der CP verbunden war, so daß ihr eine direkte Verantwortung am Bruch der Demokratie zukam. Daher stand die Volkspartei mit der amerikanischen Besatzungsmacht, der das Dollfuß/Schuschnigg-Re­gime als eine Variante des europäischen Vorkriegsfaschismus galt, nach dem Krieg in einem span­nungsreichen Verhältnis.[19]

Nach dem Untergang des Austrofaschismus und dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich 1938 sahen sich die Funktionäre der VF einer scharfen Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt. Sie gerieten zu großen Teilen in Konzentrationslagerhaft, sofern sie sich ihr nicht durch eine Flucht ins Exil entzogen. Diese politische Verfolgung im Dritten Reich und die Zeit der Inhaf­tierung in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern spielte eine wichtige Rolle für die politi­sche Willensbildung des christlichsozialen Lagers für die Zeit nach Adolf Hitler. Das Konzentrati­onslager Dachau, in dem „Vaterländische“ und Sozialisten nach 1938 gemeinsam inhaftiert waren, gilt als Ort, wo jene Annäherung der Gegner des Bürgerkrieges von 1934 einsetzte, die als „Geist der Lagerstraße“ beschrieben worden ist.[20] Auch der christlichsoziale Widerstand nach 1938 wurde vorrangig von jenen Kräften getragen, die sich zwischen 1934 und 1938 im Rahmen der Vaterländi­schen Front gegen den autoritären Ständestaat gewandt und das Ziel einer Koalition mit den Soziali­sten verfolgt hatten. Die Erfahrung der nationalsozialistischen Herrschaft gilt als wichtige Zäsur in der Geschichte des christlichsozialen Lagers, weil sich in ihr die Abkehr der Christlichsozialen von traditionellen antiparlamentarischen Ressentiments vollzog. Diese Erfahrungen und die in Dachau von den dort festgehaltenen Funktionären der ehemaligen Vaterländischen Front entwickelten Ideen mündeten in die Vorstellung einer politischen „Sammelbewegung“, die fernab konfessioneller Bin­dungen alle gesellschaftliche Kräfte und verschiedene politische Strömungen integrieren und nach dem „Dritten Reich“ an die Stelle der alten Christlichsozialen Partei treten sollte.[21] Die neue Partei sollte nicht einen politischen Arm des Kirchenvolkes darstellen, sondern eine „antimarxistische Sammelbewegung“, auch wenn das Episkopat, trotz eines offiziellen Verzichts auf parteipolitische Einflußnahme, die ÖVP in der Zweiten Republik als Stütze zur Durchsetzung seiner Interessen sah.[22]

Der „Ständegedanke“ der Christlichsozialen der Zwischenkriegszeit lebte in der „bündischen Struktur“ der ÖVP fort, eine der wichtigen organisatorischen Besonderheiten der Partei, die sich in der Frühphase ihrer Konstituierung durchsetzte. Die Gliederung in Bünden, deren Entstehung sich bezeichnenderweise vor der eigentlichen Gründung der Partei vollzog, sollte Vertretungskompetenz für große Bevölkerungsgruppen signalisieren, aber auch die Integration verschiedener ideologisch-programmatischer Strömungen (Konservatismus, Liberalismus, katholische Soziallehre und ge­mäßigter Elemente des deutschnationalen Lagers) ermöglichen. Bei diesen Bünden handelte es sich um den „Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbund“ (ÖAAB), dem „Wirtschaftsbund“ (ÖWB) und dem „Bauernbund“. Die Obmänner der Bünde wurden zu Stellvertretern des ÖVP-Parteiobmannes ernannt. Neben der Gliederung in Bünden entwickelte sich der Föderalismus der Landesorganisationen der ÖVP zu einem wichtigen Element und einer weiteren „zentrifugalen Kraft“ der Partei.[23] Hierbei spielte auch die Situation in der ersten Phase der Besatzung eine Rolle, die als Konsequenz aus der Teilung des Landes dazu geführt hatte, daß sich innerparteiliche Separa­tionsbestrebungen der westlichen Landesorganisationen entwickelten, die erst auf einer gesamtöster­reichischen Länderkonferenz (24. September 1945) eingedämmt werden konnten. Seitdem bestand auf Bundes- wie auf Landesebene ein austariertes Geflecht der Parteiorgane, das von Vertretern der Bünde besetzt wurde und der innerparteilichen Koordination diente.[24]

Nicht nur eine organisatorische Basis, auch ein neues politisch-programmatisches Selbstverständnis mußte von der Partei nach 1945 entwickelt werden. Trotz personeller Kontinuitäten zur CP erfolgte daher die Gründung einer Partei, die sich programmatisch in wesentlichen Punkten von ihrer Vor­gängerin unterschied. Der Zwang, sich von der CP zu distanzieren und sich ein neues geistiges Profil zu geben, bescherte der Volkspartei eine Periode geistiger Fruchtbarkeit und programmatischer Kreativität, wobei sie vor allem eine bewußte „Österreich-Ideologie“ entwickelte. Bereits in den „Programmatischen Leitsätzen“, dem ersten Programm der Partei vom April 1945, wurde die Selb­ständigkeit Österreichs als staats- und kulturpolitisches Ziel genannt. Im theoretischen Organ der ÖVP, den Österreichischen Monatsheften, wurde in den ersten beiden Jahrgängen die Idee der „Österrei­chischen Nation“ konsequent weiterentwickelt. Bei ihr handelte es sich um eine Abkehr von Schuschniggs Definition des „zweiten deutschen Staates“ sowie Ignatz Seipels Idee von „Öster­reichs Sendung im Donauraum“, mit der dieser die Existenz des Kleinstaates nach 1918 zu kompen­sieren gehofft hatte. Das Bekenntnis zur historischen, politischen und kulturellen Eigenständigkeit begründete ein neues Nationalbewußtsein, das seine Wurzeln nicht nur in den Erfahrungen der Parteieliten in den Konzentrationslagern und Gefängnissen des Dritten Reiches hatte, sondern auch auf der von Dollfuß propagierten Österreich-Ideologie beruhte, die „als eine der Hauptwurzeln der neuen österreichischen Identität bezeichnet werden kann.“ Das Bekenntnis zur Eigenständigkeit Österreichs wurde in der Zweiten Republik Konsens aller maßgebenden politischen Kräfte „und demonstrierte, wie es konservativem Denken nach der völligen Diskreditierung durch den Austrofa­schismus gelungen ist, in der Zweiten Republik hegemonial zu werden.“[25]

Daß die programmatische Diskussion in der Illegalität im wesentlichem von der christlichen Arbei­terbewegung getragen wurde, zeigten deutlich die „Programmatischen Leitsätze“ vom April 1945. Die christliche Arbeiterbewegung konnte zwar ihr in der Widerstandszeit populäres „labouristi­sches“ Parteikonzept, die auch in Deutschland im Berliner CDU-Gründerkreis um Jakob Kaiser oder dem Frankfurter Kreis um Eugen Kogon und Walter Dirks anzutreffende Vorstellung der Überwindung des aus der Zwischenkriegszeit bekannten Parteienschemas mit seiner Unterscheidung zwischen ideologisch gebundenen Parteien, nach 1945 nicht umsetzen.[26] Dennoch entsprach die Programmatik der frühen ÖVP im wesentlichen den Vorstellungen ihres Arbeitnehmerflügels und trug die Handschrift der aus dem ÖAAB kommenden Karl Lugmayr, Alfred Missong, Felix Hurdes und Louis Weinberger. Erkennbar wird dies in den „Programmatischen Leitsätzen“ in den Teilen III. und IV., die die Ziele der Wirtschafts- und Sozialpolitik festlegten. Das Programm nannte das „Gemeinwohl als oberster Richtschnur der Wirtschaftsführung“ und befürwortete staatliche Wirt­schaftslenkungsmaßnahmen sowie die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien.[27] Aufgrund der stark von der katholischen Soziallehre beeinflußten frühen Programmatik der ÖVP, deren Einfluß auch im „Wiener Programm“ des ÖAAB und dem Parteiorgan Österreichische Monatshefte deutlich zu erkennen war, wird die ÖVP der vierziger Jahre mit der linkskatholischen französischen MRP ver­glichen. Auch Felix Hurdes, der erste Generalsekretär der ÖVP, hat die Partei der Nachkriegszeit im Rückblick als Partei der „linken Mitte“ bezeichnet.[28] Dieser Zusammenhang ist bei den Abschnitten zur Konstituierung einer zweiten nichtsozialistischen Partei zu berücksichtigen, die in ihren wesent­lichen Teilen von ehemaligen Nationalsozialisten getragen wurde. Sie war auch ein Reflex auf die Verstaatlichungsmaßnahmen, die von ÖVP und SPÖ gemeinsam getragen wurden[29] und der die wirtschaftspolitischen Zielsetzungen der „Programmatischen Leitsätze“ zu Grunde lagen.

1.2. Zur Situation des Dritten Lagers 1945

Für ein Verständnis jener Vorgänge, die in den folgenden Abschnitten Gegenstand sind, erscheint es hilfreich, eine kurze Skizzierung der aus der Habsburgermonarchie und der Ersten Republik herrüh­renden Problematik des Dritten Lagers zu vollziehen.[30] Von Bedeutung ist hierbei insbesondere eine Erläuterung der Koinzidenz von liberalem Programm und rechtsextremistischer Verstrickung. Diese stellt ein traditionelles Kennzeichen dieses Lagers dar und prägte auch die Entwicklung des VdU. Grundzüge der parteipolitischen Entwicklung erklärend darzustellen, gestaltet sich nicht einfach, da im 19. und 20. Jahrhundert unzählige Parteien des Dritten Lagers bestanden, die oftmals Splitter­gruppen blieben, deren einzige Gemeinsamkeit im „Anschlußgedanken“ bestand.

Die Entwicklung des national-freiheitlichen Lagers setzt mit der Revolution von 1848 ein, nach de­ren Scheitern sich die Durchsetzung liberaler Ziele im Zeichen des Neoabsolutismus vorrangig auf ökonomischem Gebiet beschränkte. Frühe historische Vorläufer von VdU und FPÖ wurden nach dem Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund nach 1866 gegründet, als mit dem „Deut­schen Volksverein“ (1867) und dem „Verein der Deutschnationalen“ (1869) erste Organisationen der deutschnationalen Bewegung entstanden. Im gleichen Zeitraum konstituierte sich die deutschli­berale „Verfassungspartei“, die als Partei des Groß- und Bildungsbürgertums von 1867 bis 1879 eine einflußreiche politische Kraft in der österreichischen Reichshälfte (Cisleithanien) der Habsburger­monarchie war. Dort befanden sich die Deutschen in der Minderheit und wurden mit starken natio­nalen Bewegungen der Slawen konfrontiert. Dies führte zu einem Aufschwung des Nationalismus. Die Liberalen verbanden sich unter diesem Eindruck zunehmend mit nationalen Gruppen, die orga­nisatorisch die Oberhand gewannen. Eine Rolle spielte hierbei auch, daß die Liberalen keine Kon­zepte zur Lösung der im Zuge der Industrialisierung entstandenen sozialen Frage besaßen und sich unfähig zeigten, ein organisatorisches Kraftfeld zu bilden. Auf diesem Wege kam es zur Einheit von liberalen und deutschnationalen Kräften im Dritten Lager Österreichs.

Radikalisierungstendenzen im Dritten Lager, das sich aufgrund der „Spannung zwischen der Interes­senvertretung deutscher Wähler und der verantwortlichen Leitung eines Vielvölkerstaates“ zuneh­mend weiter zersplitterte, wurden durch das Auftreten Georg Ritters v. Schönerer und seines „All­deutschen Verbandes“ markiert. Dadurch, daß deutschnationale Tendenzen zunehmend die libera­len verdrängten, verschob sich der Schwerpunkt im deutschfreiheitlichen Lager in der Spätphase der Habsburgermonarchie allmählich von seinem „gouvernmentalen und großbürgerlichen Flügel“ zum „oppositionellen und mittelständischen Flügel“.[31] Die Zeitspanne bis 1910 blieb eine Phase der politi­schen Einflußlosigkeit und eine Phase völliger parteipolitischer Fragmentierung[32], erst in die­sem Jahr entstand mit dem „Nationalverband der Deutschfreiheitlichen Abgeordneten“ eine Art Dachverband der sich auf das Erbe des Liberalismus berufenen Gruppierungen. Das historische Muster, das sich bis zum Ende der Monarchie erkennen ließ, bestand in einer „beständigen Ablöse einer Parteiformation durch die nächste“. In deren Verlauf saugte die Kombination von Nationali­tätenstreit und Kulturkampf gesellschaftliches Konfliktpotential auf und verhinderte damit die Ent­stehung eines Parteiensystems, das der sozialen Differenzierung einer sich modernisierenden Gesell­schaft entsprochen hätte. Allerdings zeigte sich auch, daß das nationale Lager durch seine Verbände und Vereine eine gesellschaftliche Überorganisation besaß, die das Fehlen fester Parteistrukturen zu kompensieren half.[33]

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie und der Gründung der Republik Österreich am 12.11.1918 war das politische Spektrum des Lagers äußerst heterogen und dabei nicht frei von Sek­tierertum. Die Zusammenfassung der verschiedenen nationalen Splittergruppen zu einer einheitli­chen politischen Kraft war angesichts der Konkurrenz geschlossener Parteiblöcke wie dem der Christlichsozialen und dem der Sozialisten eine politische Notwendigkeit. Ein Zusammenschluß von insgesamt siebzehn deutschnationalen und liberalen Parteien vollzog sich am 5. - 7.9.1920 mit der Gründung der „Großdeutschen Volkspartei“. Wichtige deutschnationale Gruppierungen wie die „Deutsche Bauernpartei“ (der spätere „Landbund“) und die „Deutsche Nationalsozialistische Ar­beiterpartei“ (DNSAP) – die Vorläuferin der österreichischen NSDAP – blieben dieser Neugrün­dung fern. Vorrangiges Ziel der Partei, deren „Salzburger Programm“ bis 1934 die programmatische Grundlage bildete, war der Anschluß an das Deutsche Reich. Die Partei war nicht frei von antipar­lamentarischen Tendenzen, was ihr Bild allerdings zunächst nicht entscheidend prägte, da sich die Großdeutschen zur Demokratie und zur republikanischen Staatsform bekannten. Obwohl die libe­rale Tradition in Österreich älter als die nationale war, trat sie als originäre parteibildende Kraft nach 1918 nicht mehr in Erscheinung.[34]

Die Entwicklung des Dritten Lagers in der Ersten Republik war dadurch geprägt, daß es seit den späten zwanziger Jahren rasch vom Nationalsozialismus aufgezogen wurde. Die Großdeutsche Volkspartei entwickelte sich im Verlaufe der zwanziger Jahre zu einer „Partei der Minderheit“, der etwa 10% der Bevölkerung zuzurechnen war. Wie ihre Vorläufer in der Habsburgermonarchie blieb sie eine „typische Honoratiorenpartei“.[35] Das Auseinanderklaffen von Parteiführung und einer Anhän­gerschaft, die sich in einer Unzahl von Gruppen und Vereinigungen mit teils starkem politi­schen Eigenleben – im Deutschen Schulverein, im Deutschen Turnerbund, im Deutschen und Österreichischen Alpenverein oder nationalen Studentenverbindungen – organisierte, wurde der Großdeutschen Volkspartei im Zuge der Radikalisierungstendenzen der zwanziger Jahre „zum Schicksal“. Versuche, diese schwache gesellschaftliche Verankerung etwa im Vorfeld der National­ratswahl von 1923 durch Wahlbündnisse mit dem Landbund und den österreichischen Nationalso­zialisten auszugleichen, scheiterten. Die Entfremdung zwischen der Großdeutschen Volkspartei und ihrer Anhängerschaft wuchs in einer gemeinsamen Koalition mit den Christlichsozialen, in der die Großdeutschen die Schilling-Sanierung des Kanzlers Seipel mittrugen (die vor allem ihre eigene Stammwählerschaft traf) oder die Genfer-Anleihe unterstützten, die mit einem Verzicht auf den Anschluß für zwei Jahrzehnte verbunden war. Die von Anfang an bestehende Kluft ist durch diese Maßnahmen vertieft worden, was die spätere rasche Eroberung des nationalen Lagers durch die österreichischen Nationalsozialisten begünstigte. Diese erfolgte in Österreich jedoch auf eine zeitlich verzögerte Weise zum Erfolg der Nationalsozialisten im Deutschen Reich. Während die NSDAP im Deutschen Reich in den Jahren 1924 bis 1930 eine rasche Zunahme der Stärke und des Einflusses erfuhr und in den Septemberwahlen von 1930 über sechs Millionen Stimmen (18,3%) erhielt, er­zielte die österreichische NSDAP im gleichen Jahr lediglich 108.000 Stimmen – weniger als 3%. Es erscheint unwahrscheinlich, daß die NSDAP ohne die in den frühen dreißiger Jahren verstärkt ein­setzenden Hilfen aus dem Deutschen Reich in Österreich an die Macht gekommen wäre.[36] Die Erfolg­losigkeit der österreichischen Nationalsozialisten war unter anderem darauf zurückzuführen, daß in diesem Land die Wahlmüden und traditionellen Nichtwähler fehlten, denen die NSDAP im Deutschen Reich ihren Aufstieg verdankte. Als Rekrutierungsfeld der österreichische NSDAP gelten – neben den Heimwehren, die zunächst die aktivistischste Organisation auf der Rechten waren – vor allem die subkulturellen Ableger des nationalen Lagers, die völkischen Turn- und Sportvereine oder die alldeutschen und großdeutschen Organisationen. Die Absorption des Dritten Lagers in der Er­sten Republik durch die österreichischen Nationalsozialisten erfolgte also vorrangig im nicht-partei­politisch gebundenen Bereich.[37] Die umfassende nationale Bewegung Österreichs und die parlamenta­risch-politische Vertretung des nationalen Lagers, die Großdeutsche Volkspartei, sind „nur teilweise“ – bei Anschlußkundgebungen, nationalen Festtagen – und „im Grunde nie vollstän­dig miteinander verwachsen“. Die Großdeutschen erschienen oft wie ein „Generalstab ohne Ar­mee“, die Nationalen als „eine Bewegung ohne Führerkorps“.[38] Verluste der Großdeutschen Volkspar­tei und des Landbundes bei den Landtagswahlen des Jahres 1932 (beide Parteien konnten in Wien, Niederösterreich, Salzburg und bei den Gemeinderatswahlen in Kärnten und der Steier­mark keine Mandate erringen) zeigten, daß das österreichische nationale Lager in den frühen dreißi­ger Jahren relativ schnell im Nationalsozialismus aufging. Den Stimmenzuwachs von durchschnitt­lich 20% erzielten die Nationalsozialisten zum großen Teil auf Kosten der ihnen nahe stehenden Rechtsparteien, die wesentlich erfolgloser als die Sozialdemokraten und die Christlichsozialen in der Abwehr des nationalistischen Ansturms waren. Nachdem sich das Parlament am 4.3.1933 selbst ausschaltete, sah die Großdeutsche Volkspartei in der Gründung einer „nationalen Einheitsfront“ – nach dem Vorbild der deutschen Harzburger Front – unter Einschluß der NSDAP am 15.5.1933 ein Mittel des politischen Überlebens. Realpolitisch war das Bündnis von großer Bedeutung, weil der Regierung dadurch ein nationales Lager in einer bis dahin nicht gekannten Geschlossenheit gegen­über stand. Die Einheitsfront erlosch mit dem Verbot der NSDAP durch die Regierung Dollfuß im Sommer 1934.[39] Nach dem Erlaß der Mai-Verfassung wurde die Großdeutsche Volkspartei zu „kultu­rellen Volksbünden“ degradiert, „der Einfluß [der Partei] war zu einem Nichts zusammenge­schmolzen“. Bis zum Jahr 1935 verlor die Partei ihre Anhängerschaft nahezu vollständig an die – nunmehr illegale – NSDAP. Die 1933 geschlossene Kampfgemeinschaft führte das Ende der Groß­deutschen Volkspartei herbei, die damit einer Entwicklung erlag, die sich mit der der DNVP im Deutschen Reich nach der Machtergreifung vergleichen läßt. Vergleichbare Aussagen lassen sich über das Schicksal des Landbundes treffen, der bis zur Regierungsumbildung am 21.9.1933 zunächst noch im Kabinett Dollfuß vertreten war und erst im Zusammenhang mit der Gründung der Vater­ländischen Front aus der Regierung ausschied. Nur wenige Monate später beschloß der Landbund seine Selbstauflösung (18.5.1934). Wie die Mehrheit der Großdeutschen war auch seine Anhänger­schaft längst durch den Nationalsozialismus absorbiert worden.

Das inhomogene und in fast allen sozialen Milieus verankerte deutschnationale Lager des 19. und 20. Jahrhunderts hatte sich – faßt man diese Darstellung zusammen – trotz seiner Zersplitterung durch programmatische und organisatorische Grundtendenzen ausgezeichnet, die bis zum Ende der Ersten Republik nahezu gleich blieben und auch beim VdU, als Partei des Dritten Lagers der Zwei­ten Republik, eine Rolle spielen sollten. Die deutschnationalen oder „deutschfreiheitlichen“ Parteien Österreichs waren stets Honoratiorenparteien, deren regionale Hochburgen über Jahrzehnte hinweg nahezu gleich blieben. Auffallend war ferner die geringe parteipolitische Organisationsdichte, die durch zahlreiche Vorfeldorganisationen kompensiert wurden, die dem nationalen Lager insgesamt eine locker zusammengefügte Struktur gaben und sein eigentliches Rückrat bildeten. Die Wähler­schaft war überwiegend protestantisch, laizistisch, akademisch gebildet und entstammte dem Klein­bürger- bzw. Kleinstadtmilieu. Das programmatische Kernelement kann im Anschlußgedanken ge­sehen werden. Infolge der Radikalisierungstendenzen der zwanziger und dreißiger Jahre wurde die­ses politische Lager von der NSDAP absorbiert, so daß es nach 1945 seiner partiellen Identität mit dem Nationalsozialismus wegen schwer diskreditiert war. Die Maßnahmen zur Entnazifizierung, die nach dem Krieg eingeleitet wurden, mußten das Dritte Lager daher substantiell schwer treffen. Die Entnazifizierung trug allerdings dazu bei, daß es sich nach dem Ende des Dritten Reiches neu for­mieren konnte. Dabei erwiesen sich die politischen Traditionen des Dritten Lagers als erstaunlich beharrlich.

2. Die Allparteienregierungen und die Auswirkungen der Entnazifizierung

Bis 1945 hatte die österreichische Gesellschaft zwei Diktaturen erfahren, der Wille zu einem demo­kratischen Neuanfang war daher nach dem Krieg stark verankert. Von der Staatsgründung im April 1945 bis zu den ersten Wahlen im November gleichen Jahres schlossen sich die neu zugelassenen Parteien ÖVP, SPÖ und KPÖ zu einer von den sowjetischen Besatzungsbehörden zugelassenen provisorischen Allparteienregierung unter Karl Renner zusammen, die zur Staatsgründung legiti­miert und mit großer Machtfülle ausgestattet war, weil sie durch das Fehlen eines Parlamentes Le­gislative und Exekutive vereinte.[40] Als wesentliches innenpolitisches Problem stellte sich für die Par­teien die Frage der Bewältigung der nationalsozialistischen Herrschaft dar, die bereits die erste Na­tionalratswahl nach dem Krieg bestimmte.

Auseinandersetzungen zwischen SPÖ und KPÖ auf der einen, der ÖVP auf der anderen Seite ent­zündeten sich an der Frage, ob ehemalige Mitglieder der NSDAP zur ersten Nachkriegswahl zuge­lassen werden sollten. SPÖ und KPÖ gingen in einem ideologischen Urteil davon aus, daß sich die Stoßrichtung des Nationalsozialismus wie bei allen faschistischen Bewegungen gegen das Proletariat gerichtet habe und vermuteten unter den NSDAP-Mitgliedern vorrangig bürgerliche Gruppen, de­ren Ausschaltung bei den Wahlen einen Wahlausgang zu ihren Gunsten bewirken würde.[41] Bei den Länderkonferenzen des Jahres 1945, auf denen diese Frage von den Parteien diskutiert wurde, be­antragte die Volkspartei dagegen eine Wahlzulassung für diejenigen NSDAP-Mitglieder, die „unter Zwang und Terror“ zu den Nationalsozialisten gestoßen waren. Die Haltung der ÖVP widersprach dem gemeinsamen Ziel der Parteien, rasche Neuwahlen zu ermöglichen und war zudem unpraktika­bel, da in kurzer Zeit kaum zu bestimmen war, welche NSDAP-Mitglieder unter „Zwang und Ter­ror“ und „ohne sich jemals nationalsozialistisches Gedankengut angeeignet zu haben“ der Partei beigetreten waren.[42] Letztlich setzte sich daher bei den Länderkonferenzen der Standpunkt von SPÖ und KPÖ durch. Wesentlich ist, daß bei den ersten Nationalratswahlen erstmals deutlich wurde, daß die sich im Rahmen der Entnazifizierung ergebende Frage des zukünftigen Umgangs mit früheren NSDAP-Mitgliedern von den österreichischen Parteien dazu instrumentalisiert werden würde, das innenpolitische Kräfteverhältnis zwischen ihnen zu verändern.

Entgegen des Kalküls von SPÖ und KPÖ errang die ÖVP bei den Nationalratswahlen vom 25. No­vember 1945 die absolute Mehrheit. Leopold Figl übernahm die Regierungsbildung und stellte er­neut eine Allparteienregierung zusammen. Fragt man nach den Gründen für diesen Wahlerfolg, so ist vor allem auf die atypische Wahlsituation des Jahres 1945 hinzuweisen. Zum einen fehlten durch ihren Ausschluß Hunderttausende ehemalige NSDAP-Mitglieder, was durch die Abwesenheit der Kriegsgefangenen verstärkt wurde, deren Zahl ebenfalls in die Hunderttausende ging. Zum anderen profitierte die Volkspartei von ihrem politischen Monopol als einzige nichtsozialistische Kraft, deren stark in den Vordergrund gestelltes Österreich-Bewußtsein einem in der Nachkriegszeit weit ver­breitetem Bedürfnis entsprach, nach der Erfahrung des Dritten Reiches die Eigenständigkeit Öster­reichs gegenüber Deutschland hervorzuheben.[43] Während bei der letzten demokratischen Wahl im Jahre 1930 neben den Christlichsozialen noch 8 weitere bürgerliche Parteien kandidiert hatten, deckte 1945 nur die ÖVP das nichtsozialistische Spektrum ab. Diese Stellung war zum einen der Unterstützung der ÖVP durch die amerikanischen Besatzungsbehörden geschuldet, deren Einfluß der Partei vor allem in Oberösterreich und Salzburg zugute kam, wo sich in den folgenden Jahren die entschiedensten Befürworter einer zweiten bürgerlichen Partei finden sollten. Zudem war es gelungen, den „Sammlungsgedanken“ in den Bundesländern auf dem Verhandlungswege zu ver­wirklichen, beispielsweise, als der frühere Landbund-Vorsitzende Vincenz Schumy für die Volks­partei gewonnen und so eine Neugründung dieser deutschnationalen Partei der Zwischenkriegszeit verhindert werden konnte, auf die vor allem Renner als Konkurrenz zur ÖVP gesetzt hatte.[44]

Die Allparteienregierung unter Leopold Figl bildete den Hintergrund für den weiteren Verlauf der Entnazifizierung in Österreich, die dort im Gegensatz zur deutschen Entnazifizierung von allen politischen Kräften gemeinsam getragen wurde, sowohl von den im Nationalrat vertretenen Parteien als auch von den alliierten Besatzungsbehörden.[45] Da der Verlauf der Entnazifizierung den Ausgang der zweiten Nationalratswahl und die im Vorfeld erfolgten Veränderungen des Parteienwesens be­einflußte, soll sie im folgendem kurz erläutert werden.

Den Rahmen der österreichischen Entnazifizierung bildeten das „Verfassungsgesetz über das Ver­bot der NSDAP“ (8.5.1945) und das „Verfassungsgesetz über Kriegsverbrechen und nationalsoziali­stische Untaten“ (26.6.1945), zwei Gesetze, die bereits wenige Tage nach dem Amtsantritt der ersten Nachkriegsregierung erlassen worden waren. Das Verbotsgesetz zerschlug die NSDAP als Organi­sation samt ihrer Gliederungen und schrieb eine Registrierung der ehemaligen Nationalsozialisten vor, die zwischen dem 1.7.1933 und dem 27.4.1945 Mitglieder der Partei oder ihrer Wehrverbände (SA, SS, NSKK, NSFK) gewesen waren. Ferner sah das Verbotsgesetz „Sühnefolgen“ vor. Das Kriegsverbrechergesetz war die strafrechtliche Ergänzung zum Verbotsgesetz und sollte eine Ahn­dung jener Straftaten ermöglichen, die im Verlaufe von Kriegshandlungen oder in der Ausübung dienstlicher Gewalt begangen worden waren. Mit diesen Gesetzen wurde ein politisches Verfahren beträchtlicher Tragweite eingeleitet, immerhin besaß die NSDAP annährend 700.000 Mitglieder (1942) in den Gauen der „Ostmark“, so daß nach 1945 jeder vierte Österreicher formell ein ehema­liger Nationalsozialist war.[46]

Die Phase der eigenständigen Durchführung der Entnazifizierung durch die österreichischen Be­hörden begann 1946, nachdem es bis dahin zu einem Nebeneinander von alliierten Maßnahmen, vor allem dem „automatic arrest“, einer Verhaftungswelle hochrangiger Nationalsozialisten, und denen der österreichischen Behörden gekommen war. Nachdem die Phase der eigenständigen Entnazifizie­rung durch die österreichischen Behörden begonnen hatte, richteten sich die Maßnahmen vor allem gegen die „Illegalen“, diejenigen NSDAP-Mitglieder, die bereits vor 1938 zur Partei gestoßen waren und als Kern des Nationalsozialismus in Österreich betrachtet wurden. Sie galten als Hochverräter, die durch ihre Zugehörigkeit zur NSDAP vor 1938 den „Anschluß“ mit vorbereitet hatten. Nach­dem es nach 1938 einen Ansturm auf die Vorteile versprechende Einstufung als „Illegaler“ gegeben hatte, wurden im Jahr 1946 100.000 Illegale registriert, obwohl ihre Zahl vor 1938 lediglich auf 70.000 Personen geschätzt wird.[47] Ein weiterer Schwerpunkt der Entnazifizierung lag in Maßnahmen gegen die NS-Funktionäre sowie gegen Mitglieder des SD, der Gestapo und des Volksgerichtshofes. Bestanden Anzeichen eines Wiederauflebens nationalsozialistischer Aktivitäten, konnte die Regie­rung die früheren Nationalsozialisten kollektiv inhaftieren. Vor allem das Kriterium der „Illegalität“ wurde allerdings zunehmend als unzureichend empfunden, nachdem die Entnazifizierung von den österreichischen Behörden übernommen wurde. Nach der so genannten „Drei-Parteien-Einigung“ (1946), die durch den Alliierten Rat durch zahlreiche Änderungen modifiziert wurde, beschloß der Nationalrat 1947 ein neues Entnazifizierungsgesetz. Nunmehr wurden die ehemaligen Nationalso­zialisten durch ihre Stellung im Parteiapparat in „Belastete“ und „Minderbelastete“ voneinander unterschieden. Für beide Gruppen wurden gestaffelte Sühnemaßnahmen festgelegt, die vom Aus­schluß politischer Rechte bis zum Verlust des Arbeitsplatzes, Berufsverbot, Gehalts- und Vermö­gensstrafen u. ä. reichten. Das Entnazifizierungsgesetz von 1947 war der Abschluß der österreichi­schen Entnazifizierungsgesetzgebung und der Beginn von Amnestiebemühungen.

Die Frage des zukünftigen Umgangs mit den Minderbelasteten rückte mehr und mehr ins Zentrum, nachdem die Nationalratsparteien die Entnazifizierungsgesetzgebung neu bestimmten. Als die not­wendige Integration ehemaliger Nationalsozialisten in das demokratische Staatswesen anstand, zeigte sich, daß die Entnazifizierung an ihre Grenzen gelangt war. Vor allem das Ziel einer „Massensäube­rung“, die jeden zu erfassen trachtete, der formal mit der NSDAP in Bezug gestanden hatte, erwies sich als undurchführbar und mußte die ohnehin schwierige Integration ehemaliger Nationalsoziali­sten weiter verzögern. Zudem hatte die Entnazifizierung zu einer „künstlichen Arbeitslosigkeit“ geführt, die den Wiederaufbau gefährdete, was auch den nun auf raschen Wiederaufbau des zer­störten Landes drängenden Alliierten bewußt war. Die Entnazifizierung sollte daher für die Minder­belasteten abgeschlossen werden. Mit ihrem Aktionsprogramm von 1947 rückte auch die SPÖ von ihren zunächst propagierten „Umerziehungsplänen“ ab, nachdem sie 1945 die Forderung der ÖVP nach Wahlzulassung noch abgelehnt hatte. Auch die KPÖ wollte sich auf eine Bestrafung ranghoher Nationalsozialisten beschränken. Ab 1947 drängte die österreichische Regierung daher zunehmend auf Teilamnestien (etwa einer Jugendamnestie), womit sie allerdings wiederholt am Veto der sowjeti­schen Besatzungsmacht scheiterte, bis diese Anfang 1948 selbst einen Amnestievorschlag unter­breitete. Aus dem sowjetischen Vorschlag ging die Minderbelastetenamnestie von 1948 hervor, die die Entnazifizierung für 90% der früheren Nationalsozialisten beendete. Übrig blieben die „Belaste­ten“ als Kern des österreichischen Nationalsozialismus, die erst von den Amnestien der Jahre 1955 bis 1957 profitierten, sofern ihre Strafen in den fünfziger Jahren nicht ausliefen.[48]

In weiten Teilen der Bevölkerung war die Entnazifizierung bis zur Minderbelastetenamnestie auf Ablehnung gestoßen. Sie wurde nicht als ein Verfahren zur Demokratisierung empfunden, sondern als Strafe der Siegermächte. Darauf weisen empirische Erhebungen zur Entnazifizierungsgesetzge­bung hin, die von den amerikanischen Besatzungsbehörden begleitend erhoben wurden. Dem Ent­nazifizierungsgesetz von 1947 stimmten nur 14% der Befragten zu, während es von 24% abgelehnt wurde und 44% keine Meinung äußerten, obwohl es ein Schritt auf dem Weg zur Integration der NS-Mitläufer war. Statt dessen forderten in der US-Zone Wiens und in Linz 25% sowie in Salzburg 33% der Befragten eine „Generalamnestie“ für alle ehemaligen Nationalsozialisten und unterschie­den dabei nicht zwischen Mitläufern und hochrangigen NSDAP-Mitgliedern, die sich möglicher­weise Verbrechen schuldig gemacht hatten.

Da die Minderbelasteten mit ihrer Amnestierung das Wahlrecht zurückerhielten, stellten sie einen gewaltigen innenpolitischen Einflußfaktor dar. Nun zeigte sich, daß das „Prinzip der Kollektiv­schuld“, daß die Entnazifizierungsmaßnahmen bis 1948 bestimmte, zur Herausbildung einer Oppo­sition gegen die drei im Nationalrat vertretenen Parteien beigetragen hatte, die ja gemeinsam mit den Alliierten den Verlauf der Entnazifizierung bestimmten. Dieser einte durch die gemeinsame Erfah­rung von Benachteiligung die heterogene Gruppe der ehemaligen Nationalsozialisten, die von ihren politisch-ideologischen Voraussetzungen her in sich fragmentiert war. Dadurch, daß die Entnazifi­zierung die ehemaligen Nationalsozialisten nicht nur ihrer politischen Rechte beraubte, sondern auch ihre berufliche Rehabilitierung erheblich erschwerte, wurden sie in eine Notgemeinschaft hin­eingedrängt und zwangsläufig dem Staat entfremdet.[49] Die von den Sühnemaßnahmen Betroffenen sahen sich ungerechtfertigt verfolgt, glaubten, nur ihre Pflicht erfüllt zu haben. Zahlreiche „Ehema­lige“ entwickelten infolge der Entnazifizierung eine Aversion gegen das demokratische Österreich und seine tragenden Parteien – vor allem auch, weil die ÖVP in der Tradition der Regierungen Doll­fuß und Schuschnigg gesehen wurde und man ihr als Nachfolgerin einer Partei, die sich zwischen 1934 und 1938 selbst totalitärer Methoden bedient hatte, keine Legitimation zur Entnazifizierung zusprach. Da viele Mitglieder der NSDAP Parteien des Dritten Lagers der Zwischenkriegszeit ent­stammten, entstand im Zusammenhang mit der Ablehnung der Entnazifizierung ein gesellschaftli­ches Fundament zur Bildung einer neuen Rechtspartei. Nach 1945 hieß es daher bald, in den Inter­nierungslagern sei die NSDAP neu gegründet worden.[50] In ihnen bildeten sich in vielen Fällen jene Autoritäten heraus, die sich später als Sprecher ihrer Schicksalsgenossen parteipolitisch zu profilie­ren suchten. „Die Alliierten legten die Grundlage zur Bildung von Nazizirkeln, als sie in Glasenbach (Salzburg), Wolfsberg (Kärnten), Tulln und Korneuburh (Niederösterreich) Lager errichteten. Hier waren die 'Führer' unter sich und knüpften Verbindungen an, die sie auch nach ihrer Entlassung aufrechterhielten.“[51] Vor allem anhand der Vorgänge im Lager Glasenbach, wo nach dem Krieg ne­ben hochrangigen Nationalsozialisten auch Kriegsverbrecher (z. B. die Kommandanten der Kon­zentrationslager Treblinka und Theresienstadt) und höherrangige Wehrmachtsdienstgrade inhaftiert waren, läßt sich dies gut zeigen. Die genannten Gruppen fanden in Glasenbach zu einer Einheit zusammen, auch unter dem Einfluß einer recht liberalen amerikanischen Lagerverwaltung, im Rah­men derer schwerbelastete Nationalsozialisten wieder zu ihrer „Führerrolle“ kamen.[52] Die Haft in Glasenbach brachte nicht nur eine umfangreiche „Märtyrer-Literatur“[53] hervor, einige der „Lagerauto­ritäten“ nahmen nach der Gründung des VdU und später der der FPÖ in diesen Parteien eine hervorgehobene Position ein – so beispielsweise Anton Reinthaller, Franz Langoth oder Erich Kernmeyr.[54]

3. Das nationale Lager formiert sich neu

Konfliktpotential in der Nachkriegsgesellschaft entstand allerdings nicht allein im Zusammenhang mit der Entnazifizierung. Auch ehemalige Wehrmachtsoldaten, die in den späten vierziger Jahren zunehmend aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, fanden kaum Anschluß an die bestehen­den österreichischen Parteien. Ihnen brachte man wenig Respekt entgegen, da sie als Angehörige der Armee eines Regimes, das einen verheerenden Krieg provoziert hatte, in die Ablehnung des Dritten Reiches mit einbezogen waren. Nach dem Krieg galten die ehemaligen Wehrmachtssoldaten vor allem als „Kriegsverlängerer“. Eine zeitgenössische Meinungsumfrage der Berichte und Informationen stellte 1947 fest, daß sich 67% der Heimkehrer für die Gründung einer neuen Partei aussprachen, 47% wünschten sich wiederum eine „Rechtspartei“. Da nach 1939 über eine Million Österreicher zur Wehrmacht eingezogen worden waren, war die gesellschaftliche Dimension dieser Bevölke­rungsgruppe beträchtlich.

Neben den Wehrmachtsangehörigen bleiben vor allem die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge in diesem Zusammenhang zu nennen. Sie waren in besonderem Maße den Ambivalenzen der Zweiten Republik ausgesetzt, da ihre traditionelle deutschnationale Gesinnung, bei vielen Volksdeutschen in den Ländern der ehemaligen Habsburgermonarchie Bestandteil ihrer politisch-kulturellen Identität, nach dem Krieg unerwünscht war, weil alle Parteien die „österreichische Nation“ beschworen. Die Volksdeutschen fanden aus diesem Grund keinen Anschluß an die bestehenden Parteien, die zudem vorrangig die Interessen der Einheimischen vertraten. Ihre ökonomische Integration gestaltete sich ohnehin schwierig und sollte sich bis zur Mitte der fünfziger Jahre hinauszögern.[55]

Ehemaligen Nationalsozialisten, Kriegsheimkehrern und Volksdeutschen wurde zunehmend das Fehlen einer parteipolitischen Alternative zur „Demokratur“[56] in Wien bewußt, zu einer Regierung, die zwar demokratisch gewählt, andererseits durch Parteidiziplin, Proporzdenken und einer rigiden alliierten Kontrolle derart eng gebunden war, daß eine Interessenwahrung aller österreichischen Bürger nicht gewährleistet schien. Mißtrauen gegen die Großparteien artikulierte in Österreich tradi­tionellerweise das heterogene nationale und nationalliberale Lager, dessen Neuformierung die Alli­ierten nach dem Krieg allerdings dadurch verhindert hatten, indem sie durch ihren Beschluß vom 11.9.1945 allein die drei bestehenden Parteien lizenziert hatten und die Entstehung weiterer von ihrer Genehmigung abhängig machten. Kräfte des Dritten Lagers hatten von den Alliierten wenig Unterstützung zu erwarten, die vielmehr eine Verteilung der nationalen Wählerklientel auf die beste­henden Parteien anstrebten. Die Minderbelastetenamnestie von 1948 verlieh allerdings den bis dahin nicht abnehmenden Rufen nach einer „vierten Partei“[57] eine erhebliche Dynamik. Anzeichen einer Erweiterung des starren österreichischen Parteiensystems waren bald nicht mehr zu übersehen.

Berücksichtigt man, daß das nationale Lager in der Zwischenkriegszeit weitestgehend im National­sozialismus aufgegangen war, war seine Neuformierung aus dem Blickwinkel eines demokratischen Neuanfanges nicht unproblematisch, vor allem auch, weil sich neonazistische Organisationen in der unmittelbaren Nachkriegszeit bereits im Untergrund gebildet hatten. Die bekannteste Gruppe war im Umfeld von ehemaligen Funktionären der Hitlerjugend entstanden und wurde von dem Grazer Kaufmann Theodor Soucek geführt, der den Plan verfolgte, nach Kriegsende gemäß den Weisungen Hitlers in den Untergrund zu gehen und von dort aus einen Partisanenkampf weiterzuführen. Ihre Aktivitäten finanzierte diese Gruppe, der insgesamt 200 ehemalige Nationalsozialisten angehört ha­ben sollen, über den Schwarzmarkthandel. Die Gruppe um Soucek war nach ihrer Aushebung durch die englischen Besatzungsbehörden 1948 Gegenstand einer Debatte im Nationalrat, in der Innenmi­nister Helmer klarstellte, daß derartige Bestrebungen auch in Zukunft mit dem rigorosen Durchgrei­fen der Behörden zu rechnen hätten. Mit dieser Haltung entsprach er den alliierten Forderungen nach einer konsequenten Durchführung der Entnazifizierung und einer ebenso konsequenten Ahn­dung neonazistischer Tendenzen. Umgekehrt erhoffte sich der Nationalrat hiervon ein Entgegen­kommen des Alliierten Kontrollrates im Hinblick auf die Minderbelastetenamnestie. Helmer zog daher auch einen klaren Trennungsstrich zwischen den verhafteten militanten „Ehemaligen“ – nach seinen Worten eine „Handvoll Desperados“[58] – und dem stillen Rest der früheren NSDAP-Mitglie­der.

Der erste Versuch von Bedeutung, das nationale Lager nach dem Krieg neu zu formieren, war aller­dings die „Verfassungstreue Vereinigung“ (VV),[59] bei der es sich um einen Rückgriff auf die parteipoli­tischen Traditionen der Zwischenkriegszeit handelte. Die VV war ein Versuch, den Land­bund wiederzugründen, der neben der Großdeutschen Volkspartei die andere Hälfte des nationalen Lagers der Zwischenkriegszeit war. Im Gegensatz zu den Großdeutschen hatte sich der Landbund bis 1934 gegen die Heimwehren und die Nationalsozialisten halten können. Erst dann kam es zur Spaltung der Partei: Ein Teil des Landbundes entwickelte sich zum Bundesgenossen der CP und versuchte, sich mit dem Ständestaat zu arrangieren – hierbei handelte es sich um jenen Flügel, der 1945 in der ÖVP aufging, die ursprünglich den Titel „Christlichsoziale und Landbund“ trug. Ein anderer Flügel des Landbundes stieß ins nationalsozialistisch geführte Lager der „nationalen Oppo­sition“. Aus diesem Umfeld entstammten die maßgeblichen Kräfte bei der Gründung der Verfas­sungstreuen, wobei hier vor allem der frühere Minister Karl Hartleb und der Wiener Universitäts­professor Ernst Schönbauer zu nennen sind. Obwohl Mitglieder der VV mit der „Grazer Verschwö­rung“ in Verbindung standen, worauf der spätere VdU-Nationalrat Fritz Stüber in seinen Erinnerun­gen hinweist, stellte das Innenministerium dem Gründerkreis am 1. Juli 1947 einen Nichtuntersa­gungsbescheid aus. Die ÖVP-Nationalräte Raab und Gschnitzer versuchten bis dahin erfolglos, die Gründer der VV von ihren Plänen abzubringen; sie sollten im zweiten Nationalrat statt dessen 15 Abgeordnete aus ihren Reihen stellen, was der Stärke des nationalen Lagers in der Ersten Republik entsprochen hätte.[60]

Die Gründung der VV war ein Beispiel dafür, wie eng die Bestrebungen zur Gründung „vierter Parteien“ mit der Nationalsozialistengesetzgebung in Zusammenhang standen. „Verfassungstreu“ nannte sich diese Organisation, weil ihre Initiatoren die Nationalsozialistengesetzgebung für verfas­sungsfeindlich hielten. Dementsprechend erhofften sie sich vor allem aus den Reihen der ehemali­gen Nationalsozialisten Zuspruch, wobei allerdings bis zur Einstellung der Aktivitäten des Alliierten Kontrollrates nur Mitglieder und Funktionäre geworben werden sollten, die nicht registrierungs­pflichtig waren. Der Versuch, den Landbund zu reaktivieren, blieb allerdings trotz dieser umsichti­gen Vorgehensweise der Gruppe um Hartleb und Schönbauer in seinen Ansätzen stecken. Zum Problem entwickelte sich die Parteizeitung Alpenländischer Heimatruf, die von mit Berufsverboten be­legten nationalsozialistischen Journalisten redigiert wurde, die unter Pseudonymen die ÖVP und die Alliierten angriffen und den Nationalsozialismus verherrlichten.[61] Aufgrund der neonazistischen Ausrichtung des Parteiblattes wurde die VV aufgelöst. Die Gruppe um Hartleb stellte allerdings ihre Aktivitäten nicht ein, sondern bewegte sich im Umfeld des „Gmundener Kreises“, eines informellen politischen Zirkels ehemals Internierter, der die wahre Vertretung der nationalen Tradition des Dritten Lagers für sich reklamierte.[62] Ehemalige Funktionäre der VV avancierten nach seiner Grün­dung zu tragenden Kräften im VdU, wo sie dessen extremistischen Flügel bildeten.

Parallel hierzu hatten sich in Westösterreich, wo nationalliberale Parteien und der Nationalsozialis­mus vor 1938 stark verankert waren, weitere Ansätze zur Bildung einer vierten Partei gezeigt. West­österreich entwickelte sich seit 1947/48 immer mehr zum eigentlichen Zentrum der Opposition gegen Wien und die dort regierenden Parteien. Im Westen konzentrierten sich die Volksdeutschen, außerdem war vielen ehemaligen Nationalsozialisten in der Frühphase der Besatzungszeit die Flucht in die westlichen Besatzungszonen geglückt, so daß hier die Ablehnung der Nationalsozialistenge­setzgebung besonders zu spüren war. Oppositionellen Kräften wurde vor allem in Salzburg[63] eine öffentliche Stimme verliehen, was an der Rolle der parteiunabhängigen Salzburger Nachrichten lag, die auch der bürgerlichen Ablehnung des Sozialisierungskurses der Wiener Koalition in den ersten Nachkriegsjahren Ausdruck gab.[64] Ihr Leiter, Gustav Canaval, stand als Mitarbeiter von Julius Raab in den „Ostmärkischen Sturmscharen“ ursprünglich der ÖVP nahe, mit der er sich allerdings wegen der Nationalsozialistengesetzgebung überwarf. 1947 agierte Canaval und sein Mitarbeiter Viktor Reimann zunehmend für eine vierte Partei und gründete in Salzburg einen „Schutzverband zur Wahrung staatsbürgerlicher Rechte“.[65] Dort profilierte sich zudem Herbert Kraus, seit 1947 Herausge­ber der Zeitschrift Berichte und Informationen und Gründer eines Institutes, das mit politi­schen Analysen kritisch die Nachkriegsentwicklung begleitete, als weitere publizistische Stimme ge­gen Entnazifizierung und große Koalition. Politischen Einfluß verschaffte ihm auch seine Arbeit im Radio-Forum des US-Rundfunksenders Rot-Weiß-Rot, wo er sich durch eine massive Kritik an der öffentlichen Verwaltung hervorhob. Durch seinen Einfluß in Presse und Rundfunk gelangten die Attacken von Kraus zu weiter Verbreitung. Bei den inhaftierten Nationalsozialisten in Glasenbach fanden die Artikel von Kraus eine derartige Resonanz, daß sie innerhalb des Lagers öffentlich verle­sen und handschriftlich verbreitet wurden.[66] Canaval, Reimann und Kraus, in deren Umfeld das Schlagwort von der „Dritten Kraft“ neben SPÖ und ÖVP entstand[67], verstärkten durch ihre Publizi­tät in Westösterreich zunehmend die Angst der Volkspartei vor einer neuen Partei, die Teile ihrer Wählersegmente aufnehmen könnte. Die Folge war ein heftiges Amnestieren und Intervenieren zugunsten der „Ehemaligen“, das 1947/48 von diversen Integrationsversuchen nationaler Wähler­schichten begleitet wurde.[68]

Bis 1947 hatten in der ÖVP allerdings noch Überlegungen bestanden, aus eigener Kraft die Grün­dung einer von ihr unabhängigen, aber prinzipiell mit der Volkspartei koalitionsfähigen Partei zu initiieren, die frühere Großdeutsche und Landbündler, ehemalige Nationalsozialisten sowie Kriegs­heimkehrer ansprechen sollte. Für die Leitung dieser Partei hatte man den Grazer Universitätspro­fessor Josef Dobretsberger vorgesehen, einen ehemaligen christlichsozialen Minister der Zwischen­kriegszeit.[69] Von diesen Plänen kam die ÖVP ab, weil sie sich letztlich selbst das Ziel setzte, das rund 1 Mill. Wähler umfassende Potential der „Ehemaligen“, Heimkehrer und Volksdeutschen zu erfassen und befürchtete, eine mit ihr konkurrierende Partei könnte das bürgerliche Wählerpotential spalten und, als Vorstufe zu einer „Volksdemokratie“ von SPÖ und KPÖ nach osteuropäischem Muster, einen sozialistischen Wahlsieg ermöglichen. Die eventuelle Gründung einer „vierten Partei“ versuchte die ÖVP zu verhindern oder doch derartig zu verzögern, bis es ihr selbst gelungen war, einen Teil des nationalliberalen Lagers zu gewinnen. Notwendige Voraussetzung hierfür war aller­dings ein erweitertes politisches Image der Partei, die durch ihr Taktieren in der NS-Frage und durch die bewußt „antideutsche“ Haltung vieler ihrer Spitzenfunktionäre das nationale Lager vor den Kopf gestoßen hatte. Dort wurde, wie Stüber berichtet, beklagt, daß sich die Volkspartei von ihrem Bünd­niskonzept aus dem Jahr 1945 entfernt habe und seither zur Programmatik und Taktik der CP zu­rückgekehrt sei.[70] Der seit 1947 verstärkt unternommene Versuch, Heimkehrer, Flüchtlinge und ehemalige Nationalsozialisten für die ÖVP zu gewinnen und einer möglicherweise im Entstehen begriffenen vierten Partei die Basis zu entziehen, war eng mit den Nationalräten Alfons Gorbach (Steiermark) und Alfred Maleta (Oberösterreich) verbunden.

Maleta hat in einer Parlamentsrede zu dieser Ideologieerweiterung Stellung genommen. Im Namen der Gesamtpartei wandte er sich an die Liberalen, Altnationalen und Kriegsheimkehrer und ver­sprach den Umworbenen eine „gleichberechtigte Aufnahme“ in die Volkspartei sowie eine einfluß­reiche innerparteiliche Beteiligung. Gleichzeitig wandte er sich gegen das Konzept der bürgerlichen Einheitsliste Seipels aus dem Jahr 1927. Statt einer solchen Zusammenfassung nichthomogener Gruppen sprach sich Maleta für die Schaffung einer geistigen Plattform aus – die er allerdings nur für möglich hielt, wenn die Christen ihren Klerikalismus, die Liberalen ihre Forderungen nach „zü­gelloser Freiheit“ und die Nationalen schließlich nach den Erfahrungen von Krieg und Drittem Reich ihr Geschichtsbild einer Revision unterzögen.[71]

Zur gleichen Zeit, als Maleta seine Pläne im Nationalrat darlegte, hatte Alfons Gorbach in der Stei­ermark damit begonnen, aktiv um die von 1949 wahlentscheidene Klientel der früheren Nationalso­zialisten zu werben. Gorbach unterstützte die „Heimkehrer Hilfs- und Betreuungstellen“ (HHB), die entstanden waren, weil sich die lizenzierten Parteien zunächst wenig der Kriegsheimkehrer annah­men. Sie waren anfangs überparteilich und verfolgten das Ziel, den Heimkehrern bei ihrer gesell­schaftlichen Wiedereingliederung zu helfen, etwa indem man ihre Interessen bei den Behörden durchsetzte.[72] Die größte derartige Organisation, deren Leitung der spätere ÖVP-Politiker Ernst Graf Strachwitz innehatte, befand sich in Graz. In vielen Orten der Steiermark, Kärntens und Tirols erfuhren die HHB wesentlich stärkeren Zulauf als die lokalen Organisationen der Volkspartei. Die in den HHB geäußerte Kritik an der Entnazifizierungsgesetzgebung griff Gorbach auf und initiierte die Gründung eines „Amnestieausschusses“ seines steirischen Landesverbandes, der Amnestiegesuche ehemaliger Nationalsozialisten aufnahm. Aufgabe der Ausschüsse war es, den „gutgesinnten und durch keine persönliche Schuld belasteten ehemaligen Nationalsozialisten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, damit diesen Kreisen die Möglichkeit gegeben ist, auf gesetzlichem Boden die unerträgli­chen Härten des Verbotsgesetzes aufzuzeigen und Abänderungsvorschläge für die berufenen Stellen der Österreichischen Volkspartei auszuarbeiten“.[73] Auf diesem Wege entstand schnell ein Naheverhält­nis zu früheren Nationalsozialisten, wobei Gorbach allerdings eine scharfe Trennung zwischen ehemaligen und gesinnungstreuen NSDAP-Mitgliedern zog. Seine Amnestieausschüsse sollten allein ersteren vorbehalten bleiben. Mit seinen steirischen Befriedungsausschüssen sei es ihm gelungen, wie es Gorbach später ausdrückte, „einige Tausend Nationalsozialisten“ der Partei zuzu­führen.[74]

Auch außerhalb des steirischen Landesverbandes von Gorbach trat die Volkspartei immer offensi­ver für die von der Nationalsozialistengesetzgebung Betroffenen ein. Wie weit die Partei hierbei ging, wurde im Jahr 1948 deutlich, als sie sogar die Interessen der „Ariseure“ zu ihrem Anliegen machte, die sich nach dem Krieg in einem „Verband der Rückstellungsbetroffenen“ organisiert hat­ten. Staatsekretär Graf erklärte auf dem vierten Landesparteitag der Salzburger Volkspartei 1948 die NS-Frage zum „wichtigsten Problem“ und unterstrich die Rolle seiner Partei bei der Amnestiege­setzgebung, von der frühzeitig feststand, daß sie 1949 einen „Wahlkampfschlager“ bilden sollte. Der Salzburger ÖAAB forderte auf dem gleichen Parteitag eine Beseitigung der „Ungerechtigkeiten und Härten des NS-Gesetzes“ und schloß hierbei die „Belasteten“ mit ein.[75]

In den Reihen der SPÖ stieß diese Politik auf Kritik. Innenminister Schärf warf der Volkspartei vor, sie wolle durch die Amnestieausschüsse Gorbachs einen „neuen Führerkorps“ aus denen schaffen, „die 1945 abseits stehen mußten“. Ferner habe die Volkspartei entgegen den Ausführungen Maletas im Parlament nicht versucht, die einzelnen Nationalsozialisten geistig zu gewinnen, sondern ge­glaubt, durch die Übernahme der nationalsozialistischen Führerschaft auch deren frühere Gefolg­schaft zu gewinnen – eine Taktik, die bereits Schuschnigg bei der Eingliederung der Nationalen Front in die Vaterländische Front verfolgt habe.[76] Die SPÖ hatte allerdings zeitgleich ebenfalls damit begonnen, um die „Ehemaligen“ zu werben, weil sie dringend Akademiker für die ihr zustehenden Proporzposten in der verstaatlichten Industrie benötigte.

Im Zusammenhang der Tätigkeit Gorbachs in der Steiermark wurde erstmals die seltsame Annahme von führenden Politikern der Volkspartei deutlich, zwischen Führern und Gefolgschaft des Natio­nalsozialismus bestände nach wie vor eine Verbindung. Diese Politik krankte, wie sich spätestens 1948/49 zeigte, an ihrer Vernachlässigung des ideologischen Aspekts: Weite Teile der Partei gingen davon aus, daß einer Integration der „Ehemaligen“ in die ÖVP nichts im Wege stände, sofern man ihre rechtliche Benachteiligung beseitigte. Die Partei erkannte nicht, daß sich unter den früheren Nationalsozialisten zwar viele Mitläufer, die sich von einer Parteimitgliedschaft Vorteile versprochen hatten, allerdings auch die Reste der Dritten Lagers der Zwischenkriegszeit befanden, die allein durch die Amnestiegesetzgebung nicht zu gewinnen waren.[77] Hierzu bedurfte es einer Erweiterung des politischen Charakters der Volkspartei, die beim christlichsozialen Flügel der Partei auf scharfen Widerstand stieß. Vor allem Bundeskanzler Figl, Generalsekretär Hurdes und der Leiter der Furche – einem wichtigen kulturpolitischem Blatt der Volkspartei – Friedrich Funder taten sich durch scharfe Ablehnung hervor.[78] Zwischen Funder und Maleta entzündeten sich heftige Programmdebatten, wobei Maleta stets darauf verwies, daß die ÖVP als Nachfolgerin der Christlichsozialen bereits durch ihre 1945 erfolgte Umbenennung auf eine ideologisch-programmatische Verbreiterung abge­zielt habe. Dieser Konflikt sollte die weitere Entwicklung in der Frage der „vierten Partei“ bestim­men, als sich in Salzburg parallel zum Verbot der VV und der Amnestiepolitik der Volkspartei ein weiterer Gründerkreis herauskristallisierte.

Herbert Kraus war im Zuge seiner publizistischen und wissenschaftlichen Tätigkeit zunehmend Unterstützung für eine Parteineugründung signalisiert worden – von Industriellen, Altnationalen aus akademischen Umfeld, Vertriebenenverbänden und den „Parteilosen Betriebsräten“. Bei letzteren handelte es sich um die betriebliche Interessenvertretung von Arbeitern, die in der Zeit des Natio­nalsozialismus sozialisiert worden waren und sich vor allem in den Betrieben, die nach 1938 neu gegründet worden waren, einen unabhängigen Status gegenüber den SPÖ- und ÖVP-nahen Organi­sationen bewahrten.[79] Eine Mitarbeit bei den Verfassungstreuen hatte Kraus zuvor abgelehnt, weil ihn die deutschnationale Ausrichtung dieser Organisation abgeschreckte. Die Erfahrungen im Zu­sammenhang mit dem Verbot der VV brachten Kraus zu der Überlegung, die liberalen Kräfte, die nicht an die Tradition der Christlichsozialen und des Ständestaates anknüpfen wollten, in einem vierten ÖVP-Bund zu sammeln. Dieser Bund sollte zudem für frühere Nationalsozialisten und Kriegsheimkehrer vorgesehen sein und durch ein System wechselseitiger Vorstandskooptationen institutionell in der Volkspartei verankert werden.[80] Bei Wahlen sollte eine interne Listenkopplung erfolgen und die gewählten Vertreter des „vierten Bundes“ im Parlament selbständig agieren. Kraus war der Überzeugung, ein solcher „Rechtsblock“ könne bei Nationalratswahlen mit einem Stim­menanteil von 55 bis 63% rechnen. Diesen Plan diskutierte er mit ÖVP-Landespolitikern und dem einflußreichen Innenstaatssekretär Ferdinand Graf.[81]

Interessanterweise unterbreitete der VV-Gründer Karl Hartleb der ÖVP fast zeitgleich den Vor­schlag einer Listenverbindung zwischen einer nationalen vierten Partei und der Volkspartei, ein Vor­schlag, der sich auf das Vorbild der Listenverbindung von 1919/20 bezog. Eine solche Verbindung zweier formal selbständiger Parteien hätte allerdings, anders als der Vorschlag Kraus’, einer Ände­rung des Wahlrechtes und Zustimmung der SPÖ bedurft, die nicht zu erwarten war.[82] Letztlich wurde die Idee eines „vierten Bundes“ statt einer „vierten Partei“ nicht verwirklicht, wobei die Frage nach den Gründen, die den Ausschlag für das Scheitern gegeben haben, nicht abschließend beant­wortet werden kann. Der spätere VdU-Gründer warf den ÖVP-Politikern, mit denen er seine Pläne erörterte, das Fehlen konkreter Vorstellungen von einer zukünftigen Politik für frühere Nationalso­zialisten und Kriegsheimkehrer vor. Zudem habe sich vor allem seitens Figls starker Widerstand gegen einen „vierten Bund“ in der Volkspartei bemerkbar gemacht. Grundsätzlich ist das Urteil zu treffen, daß ein vierter Bund im Gegensatz zu dem Vorschlag Hartlebs nicht von vornherein unrea­listisch war. Da die ÖVP nicht zentralistisch aufgebaut war und ihre Bünde innerparteilich ein hohes Maß an Eigenständigkeit besaßen, hätte sie die organisatorischen Möglichkeiten besessen, den Plan Kraus’ zu verwirklichen. Die Folge wäre allerdings eine Veränderung des innerparteilichen Gleich­gewichts der Bünde und eine Aufwertung des Wirtschaftbundes gewesen, die durch die Herein­nahme nationalliberaler Kräfte entstanden wäre. Gerade dies wurde von christlichsozialer Seite, der Politiker wie Figl oder Hurdes zuzurechnen waren, befürchtet. Allerdings bleibt festzuhalten, daß Teile der ÖVP die zukünftigen Wahlchancen einer vierten Partei vollkommen falsch eingeschätzt zu haben scheinen.[83] Raab etwa ging davon aus, diese werde nicht einmal das Grundmandat erzielen – und die ehemaligen Nationalsozialisten „hole“ er sich selber. Diese Absicht prägte schließlich den Wahlkampf zum zweiten Nationalrat, der von einer scharfen Konkurrenz zwischen der Volkspartei und dem VdU geprägt war, der von Kraus schließlich nach dem Scheitern des „vierten Bundes“ gegründet wurde.

4. Die Gründung des VdU

Nach dem Ende seiner Gespräche mit der ÖVP kündigte Kraus am 4.2.1949 im Rahmen einer Pres­sekonferenz in Salzburg die Gründung des „Verbandes der Unabhängigen“ an. Auf ihr stellte er der Öffentlichkeit seine „12 Punkte für einen neuen Liberalismus“ vor, die Forderungen wie den „Ab­bau der Staatsbürokratie“, den „Abbau der bürokratischen Exporthemmnisse“ sowie der „Entstaat­lichung der Wirtschaft“ umfaßten und vor allem für die „Beendigung der Entnazifizierung“, die „Eingliederung der Volksdeutschen“ und die „Wiedergutmachung jedes der in den letzten 15 Jahren erlittenen Unrechts“ eintraten. Die Gründungsversammlung des VdU fand am 26.3. in Salzburg statt. Hier wurde die Führung des Verbandes gewählt, eine Zusammensetzung von Einzelpersön­lichkeiten und einer Reihe von unterstützenden Organisationen. Dies entsprach den Vorstellungen von Kraus, der keine Partei im herkömmlichen Sinne, sondern eine locker strukturierte „Bewegung“ gründen wollte, in der verschiedene gesellschaftliche Gruppen und unabhängige Einzelpersönlich­keiten ihren Platz finden sollten. Zu den letztgenannten zählten in der VdU-Führung in erster Linie die „Wortführer der Registrierten“. Hierzu waren neben dem VdU-Gründer und seinem engen Mit­arbeiter, dem Salzburger Journalisten Viktor Reimann, die ehemaligen leitenden Funktionäre der Verfassungstreuen Vereinigung zu rechnen, deren Strukturen vor allem in Kärnten das organisatori­sche Rückrat des Verbandes bildete. Einflußreiche Vertreter der Verfassungstreuen im VdU-Vor­stand waren der frühere nationalsozialistische Journalist Fritz Stüber und Karl Hartleb. Die Tätigkeit des prominenten „Landbündlers“ Hartleb in der Verbandsleitung signalisierte darüber hinaus, daß der VdU an die Tradition des klassischen Dritten Lagers anknüpfte. Proponenten des nationalsozia­listischen Regimes in Österreich wurden 1949 dagegen nicht in die Verbandsleitung aufgenommen. Zum einen war Belasteten parteipolitische Tätigkeit ohnehin verwehrt, zum anderen hatte Kraus – der vor allem in den Reihen der „Kreisleiter und Parteijournalisten“ gesinnungstreue Nationalsozia­listen vermutete – im Zuge der Konstituierung des VdU eine Aufnahmesperre für die Belasteten durchgesetzt, um den österreichischen Behörden und den Besatzungsmächten keine Möglichkeit zu bieten, gegen die „Unabhängigen“ vorzugehen. Allerdings hatte sich der VdU-Gründer zuvor um die Hilfe des „Gmundener Kreises“ bemüht: „Kraus [hatte sich] der Unterstützung ehemaliger Na­tionalsozialisten versichert, die ihm aufgrund ihrer Personenkenntnis im Land oder weil sie sich im Lager Glasenbach Autorität hatten erringen können, wertvolle Dienste leisten konnten.“[84] Franz Langoth und die früheren NS-Funktionäre Karl Kowarik und Erich Kernmeyr warben intensiv im Hintergrund für den neuen Verband, und die VdU-Landesorganisation in Oberösterreich wurde durch den prominenten „Glasenbacher“ Schachmayr aufgebaut, der nach 1949 sogar Kandidaten für Landtagswahlen rekrutieren sollte.

Neben den „Wortführern der Registrierten“ war den Repräsentanten ehemaliger Wehrmachtssolda­ten eine zentrale Rolle zugedacht, die in der VdU-Führung durch den Luftwaffenoberst und Ritter­kreuzträger Gordon Gollob vertreten wurden. Die „Unabhängigen Betriebsräte“ – die in jener Zeit über 25% aller Mitglieder im ÖGB ausmachten – waren durch Thomas Neuwirth und Oskar Hue­mer vertreten. Als Unterstützer trat eine Reihe von Organisationen auf: die „unabhängige Presse“ – neben den Berichten und Informationen die Kufsteiner Sonntagspost sowie das oberösterreichische Echo der Heimat -, der „Kongreß der Parteilosen“ von Gustav Canaval, die „Demokratische Union“[85], der „Verband zur Wahrung der Staatsbürgerrechte“ und eher obskure Kleingruppen wie der „Interes­senverband der Kleinsparer“ und die „freiwirtschaftlichen Sozialisten“. Im Laufe der Gründung des VdU war es somit gelungen, das außerhalb der etablierten Parteien stehende Oppositionspotential zur Gänze aufzusaugen. Der VdU verstand sich demnach als „geschlossene Front der Opposition“ aller „politisch obdachlos gewordener Österreicher“ und wollte den Eindruck der „Größe, Mächtig­keit und der möglichst breiten Basis“ vermitteln, um politisch nicht ignoriert zu werden. Obwohl es sich beim VdU von seinen Zielen her um eine Partei handelte, wurde er als „Verband“ konstituiert, was verhindern sollte, daß die neue Organisation wie 45 Parteien vor den Unabhängigen am Ein­spruch des Alliierten Kontrollrates scheitern würde. Im Gegensatz zu einer Partei konnte ein Ver­band nur durch einen einstimmigen Beschluß des Alliierten Rates verboten werden, aber dennoch einer Besonderheit im österreichischen Wahlrecht wegen prinzipiell an der zweiten Nationalratswahl teilnehmen. Kraus war vom Wiener Verfassungsrechtler Helfried Pfeiffer, einem früheren national­sozialistischem Professor, der nach 1945 mit Berufsverbot belegt wurde, darauf aufmerksam ge­macht worden, daß sich Verbände gemäß der nach dem Krieg wieder in Kraft gesetzten Verfassung von 1929 in Form einer „Wahlpartei“ beteiligen könnten, sofern gewisse formale Kriterien (hundert Unterschriften von Wahlberechtigten pro Wahlkreis) eingehalten wurden. Die unwahrscheinliche Genehmigung einer Partei, die sich gezielt gegen die österreichischen Lizenzparteien und als Sam­melbecken ehemaliger Nationalsozialisten gründete, wurde auf diesem Wege unterlaufen.[86] Zudem trug diese Konstituierung als „Verband der Unabhängigen“ dem in der frühen Nachkriegszeit viel­fach geäußerten Mißtrauen gegen Parteien Rechnung, die als „Hochburgen ungerechtfertigter Privi­legien“ galt.[87] Nicht nur durch seinen Namen, auch durch die Art seiner Organisation grenzte sich der VdU gegen die etablierten Parteien ab. Im Gegensatz zu SPÖ und ÖVP wurde darauf verzichtet, einen disziplinierten und durchorganisierten Parteiapparat zu schaffen.[88] Der VdU war vielmehr ganz auf seine lokalen Repräsentanten zugeschnitten, die in manchen Fällen nicht einmal Mitglieder des VdU waren.[89] Hierbei handelte es sich zum einen um einen Rückgriff auf die für das Dritte La­ger typische Organisationsform der „Honoratiorenpartei“, zum anderen entsprach dies den Zielen des Parteigründers, der die von ihm geschaffene Organisation als „Reformbewegung“ verstanden wissen wollte. Ein weiterer Unterschied gegenüber den etablierten Parteien bestand darin, daß nicht Wien, sondern Salzburg als Sitz der Verbandsleitung ausgewählt wurde, wo auch die Parteizeitung des VdU, die Neue Front, erschien. Salzburg wurde als Sitz gewählt, weil diese Stadt sich seit 1945 zu einem Zentrum der Opposition gegen die Wiener Regierung entwickelt hatte und dort wesentlich freier als im sowjetisch besetzten Osten gearbeitet werden konnte. Eine Rolle spielte außerdem, daß Salzburg zusammen mit Linz vor dem „Anschluß“ das Zentrum des Nationalsozialismus in Öster­reich gewesen war.[90]

Das erste Programm, das der VdU im Zuge seiner Gründung beschloß, wies ihn nicht als rechtsex­tremistische Organisation aus. Vielmehr erschien er als „Sozialbewegung der Ehemaligen“ und als politische Interessenvertretung von Kriegsheimkehrern und Heimatvertriebenen. Zentrale Forde­rung war die der Beseitigung der Nationalistengesetze, daneben wurde die Bekämpfung der „Aus­wüchse des Parteienstaates“ angekündigt. Liberale Züge trugen die Ausführungen, die sich im Pro­gramm zur Wirtschafts- und Sozialpolitik fanden: Der VdU trat gegen die Sozialisierungen und für „uneingeschränkten Wettbewerb“ ein, forderte eine größere Vermögensstreuung und – im Rahmen des „wirtschaftlich Machbaren“ – eine moderne Sozialgesetzgebung. Diese Ablehnung der Soziali­sierungen der unmittelbaren Nachkriegszeit lag den Zuwendungen zugrunde, mit denen Industrielle den VdU bedachten und zum Aufbau der Parteiorganisation verwendet wurden. Für eine Partei, die an die Traditionen des „Dritten Lagers“ anknüpfte, war ein Verzicht auf deutschnationale Pro­grammatik überraschend. Lediglich die Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum wurde hervorgeho­ben, was im gleichen Abschnitt durch das Bekenntnis zur „Wahrung der staatlichen Eigenständig­keit“ Österreichs relativiert wurde.[91] Das erste Programm des Verbandes trug deutlich die Hand­schrift seines Gründers, der die Auffassung vertrat, eine Partei des Dritten Lagers könne unter den Bedingungen der Zweiten Republik und nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Weltkrieges allenfalls Bestand haben, wenn sie an die liberale Traditionslinie anknüpfte. Aus der nationalen dagegen konnte Kraus keine praktischen Schlußfolgerungen für die Gegenwart ziehen. Er hielt den „Anschluß“ als staatsrechtliche Idee für überlebt und wollte den österreichischen Na­tionalismus durch die Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa“ kompensieren, in deren Rahmen ihm ein Zusammenschluß Österreichs und Deutschlands möglich schien.[92] Insgesamt wollte Kraus als „Anwalt und Umerzieher der Nazi“[93] den VdU als einen Versuch verstanden wis­sen, das geistig zusammengebrochene Lager auf neue Ziele hin auszurichten und ehemalige Natio­nalsozialisten im Zuge dessen in die Demokratie zu integrieren. Das unter seinem Einfluß entstan­dene Programm war ein „Programm von oben“: Es wurde erst am 22.7.1949 beschlossen, Monate nach der Gründung des VdU Ende März gleichen Jahres und nicht von einem Parteitag, sondern vom Parteivorstand. Man kann bezweifeln, ob sich das VdU-Programm mit den „soziologischen und politischen Realitäten“ des Verbandes vollkommen deckte, bei dessen Gründung programmati­sche Erwägungen eine untergeordnete Rolle einnahmen. „Der Zeitpunkt, der kleine Kreis bei der Beschlußfassung, die politische Inhomogenität des VdU und die Interessenvielfalt“ seiner Anhänger bzw. Mitglieder sprechen dagegen.[94]

Bei einer Mitgliederschaft, die nach VdU-Angaben zu 80% aus ehemaligen Nationalsozialisten be­stand[95], lag daher die eigentliche Problematik des Verbandes. Grundsätzlich kann zwar davon ausge­gangen werden, daß diese den Nationalsozialismus in seiner Gesamtheit für eine überlebte politische Idee hielt. Durch den publizistischen Kampf gegen die NS-Gesetzgebung hatte sich der Salzburger Gründerkreis des VdU allerdings auch Anhänger erworben, die den neuen Verband als eine Mög­lichkeit betrachteten, einzelne Elemente des Nationalsozialismus - der keine in sich kohärente Ideologie war - zu verwirklichen. Vor allem in der unteren und mittleren Verbandsführung blieb der Glaube an „das Gute“ im Nationalsozialismus verankert, zudem war bei vielen Mitgliedern und Funktionären der „Verfassungstreuen“ ein zumindest ambivalentes Verhältnis zu ihm anzunehmen. Gleiches galt für die Repräsentanten der nationalen Parteien der Zwischenkriegszeit, die man ihrer Signalwirkung wegen in den Verband aufgenommen hatte. In der Literatur finden sich zudem Hin­weise darauf, daß VdU-Funktionäre beim Aufbau der Landesverbände gezielt „gesinnungstreue“ ehemalige Nationalsozialisten um sich geschart haben. Die Aufnahmesperre für die „Belasteten“, die Kraus im Zuge der Verbandsgründung durchsetzte, sprechen dafür, daß er sich der Problematik seiner Partei bewußt war. Selbst diejenigen, die an die nationalen Parteien der zwanziger und dreißi­ger Jahre anschließen wollten, sollten nach dem Willen des VdU-Gründers in der Partei eine Min­derheit bilden und „nicht mehr als 15 bis 20 Prozent der Funktionen im Parteivorstand und der Or­ganisation“ einnehmen. Daß sich Kraus mit diesen Vorstellungen – wenn auch nur vorübergehend – durchsetzen konnte, war nicht denkbar ohne die spezifischen Bedingungen in der Frühphase der Zweiten Republik. Vor allem auf die latente Interventionsdrohung der Besatzungsmächte sowie auf das rigorose Vorgehen gegen rechtsextremistische und neonazistische Bestrebungen ist hinzuweisen, daß die österreichischen Behörden mit dem Fernziel des Staatsvertrages bislang an den Tag gelegt hatten. Nur unter diesen Bedingungen konnten sich liberale Kräfte durchsetzten, wobei der VdU-Gründer schon von seiner Sozialisation und seinen politischen Interessensschwerpunkten her kein typischer Vertreter des nationalen Lagers war. Daß die Entstehung des VdU im Kontext einer Ent­nazifizierung zu betrachten war, die auf Maßnahmen der politischen Reorientierung und Aufklärung verzichtete, sondern 1945/46 sowie 1947/48 auch unter alliiertem Druck von bürokratisch-formalen Maßnahmen bestimmt war, mußte diese Problematik verstärken. Daß die österreichischen Groß­parteien die Entnazifizierung „in einer Weise beendeten, die kontraproduktiv“ zum bislang vollzo­genen wirkte[96], trat hinzu. Die Entstehung eines „Sammelbeckens der Ehemaligen“ barg daher in sich die Gefahr, sich zu einer demokratiefeindlichen Bewegung zu entwickeln, auch wenn der Ver­band nach den Vorstellungen seines Gründers der Versuch war, liberale Politik mit einer „nationa­len“ Anhängerschaft zu machen.

[...]


[1] Holzer, Willibald I.: Zur wissenschaftlichen Propädeutik des politischen Begriffs Rechtsextremismus. In: Dokumentations­archiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Rechtsextremismus in Österreich nach 1945, Wien 1981, S. 13-50; Galanda, Brigitte: Ideologie. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Rechtsextremismus in Österreich nach 1945, S. 51-135; Winkler, Jürgen R.: Rechtsextremismus. Gegenstand-Erklä­rungsansätze-Grundprobleme. In: Schubarth, Wilfried/Stöss, Richard (Hrsg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepu­blik Deutschland. Eine Bilanz, Opladen 2001, S. 38-68. Dudek, Peter/Jaschke, Hans-Gerd: Entstehung und Entwick­lung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Zur Tradition einer besonderen politischen Kultur. Dokumente und Materialien, 2 Bd., Opladen 1984, Bd.1, S. 21 ff., Pfahl-Traughber, Armin: Rechtsextremismus, Bonn 1993, S. 18ff.

[2] An dieser Stelle sollen thematisch hervorgehoben werden: Bösch, Frank: Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer Erfolgspartei 1945-1969, Stuttgart/München 2001 (mit dem Schwerpunkt d. Analyse der „Sammlungspo­litik“); Gurland, Arcadius R. L.: Die CDU/CSU. Ursprünge und Entwicklung bis 1953, Frankfurt/Main 1980 (ausführ­lich zum Richtungsstreit in d. frühen CDU); Kleinmann, Hans-Otto: Geschichte der CDU 1945-1982, Stuttgart 1993 (als Überblicksdarstellung); Becker, Winfried: CDU und CSU 1945-1950. Vorläufer, Gründung und regionale Ent­wicklung bis zum Entstehen der CDU-Bundespartei, Mainz 1987 (als detaillierte Überblicksdarstellung zur Grün­dungsgeschichte); Buchhaas, Dorothee: Die Volkspartei. Programmatische Entwicklung der CDU 1950-1973, Düssel­dorf 1981 (zur Programmgeschichte).

[3] Hier seien als Überblicksdarstellungen hervorgehoben: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, 3 Bd., Köln 1989; Benz, Wolfgang (Hrsg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Voraussetzungen, Zusammenhänge, Wirkungen. Frankfurt/Main 1989; Dudek, Peter/Jaschke, Hans-Gerd: Entste­hung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Zur Tradition einer besonderen politischen Kultur. Dokumente und Materialien, 2 Bd., Opladen 1984; Jenke, Manfred: Verschwörung von rechts? Ein Bericht über den Rechtsradikalismus in Deutschland nach 1945, Berlin 1961; Plattner, Johann Hubert: Rechtsextremismus in der Bun­desrepublik Deutschland, (Diss.) München 1998; Schubarth, Wilfried/Stöss, Richard (Hrsg.): Rechtsextremis­mus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Opladen 2001; Stöss, Richard: Die extreme Rechte in der Bun­desrepublik. Entwicklung-Ursachen-Gegenmaßnahmen, Opladen 1989; Tauber, Kurt P.: Beyond Eagle and Swastika. German Na­tionalism since 1945, 2 Bd., Middletown 1967.

[4] Zu nennen sind vorrangig Brochhagen, Ulrich: Nach Nürnberg. Vergangenheitsbewältigung und Westintegration in der Ära Adenauer, Hamburg 1994; Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS- Vergangenheit, München 1996; Kielmansegg, Graf, Peter: Lange Schatten. Vom Umgang der Deutschen mit der natio­nalsozialistischen Vergangenheit, Berlin 1989; Kittel, Manfred: Die Legende von der >>Zweiten Schuld<<. Ver­gan­genheitsbewältigung in der Ära Adenauer, Frankfurt/Main 1993; Bergmann, Werner/Erb, Rainer/Lichtblau, Al­bert (Hrsg.): Schwieriges Erbe. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt a. M./New York 1995; Bude, Heinz: Bilanz der Nachfolge. Die Bundesre­publik und der Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1992. König, Helmut: Die Zukunft der Vergangenheit. Der National­sozialismus im politischen Bewußtsein der Bundesrepublik, Frankfurt/Main 2003.

[5] Kriechbaumer, Robert/Schausberger, Franz (Hrsg.): Volkspartei - Anspruch und Realität. Zur Geschichte der ÖVP seit 1945, Wien/Köln/Weimar 1995; Kriechbaumer, Robert: Von der Illegalität zur Legalität. Die ÖVP im Jahr 1945. Politische und geistesgeschichtliche Aspekte des Entstehens der Zweiten Republik, Wien 1985; Reichhold, Ludwig: Geschichte der ÖVP, Graz/Wien/Köln 1975. Im folg. zit.: Reichhold, Geschichte der ÖVP. Reichhold, Ludwig: Die Chance der ÖVP. Anatomie und Zukunft einer Partei, Graz 1972; Rauchensteiner, Manfried: Die Zwei. Die Große Koalition in Österreich 1945-1966, Wien 1987.

[6] Stiefel, Dieter: Entnazifizierung in Österreich, Wien/München/Zürich 1981; Botz, Gerhard/Sprengnagel, Gerald (Hrsg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt/New York 1994; Meissl, Sebastian/Mulley, Klaus-Dieter/Rathkolb, Oliver (Hrsg.): Ver­drängte Schuld, verfehlte Sühne. Entnazifizierung in Österreich 1945-1955, München 1986; Mizuno, Hiroko: „Die Vergangenheit ist vergessen“. „Vergangenheitsbewältigung“ in Österreich. Die österreichische Amnestiepolitik und die Reintegration der ehemaligen Nationalsozialisten 1945-57, (= ungdr. Diss.) Graz 1999.

[7] Maleta, Alfred: Bewältigte Vergangenheit. Österreich 1932-1945, Graz/Wien/Köln 1981; Gorbach, Alfons: Gedan­ken zur Politik, Wien 1961; Gruber, Hermann: Die Jahre in der Politik. Erinnerungen, Klagenfurt 1982; Raab, Julius: Selbstporträt eines Politikers, Wien/Köln/Stuttgart/Zürich 1964. Am stärksten erscheint dieser Aspekt bei Maleta und Gorbach.

[8] Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Rechtsextremismus in Österreich nach 1945, Wien 1981. Daneben existiert auch ein amerikanischer Sammelband: Parkinson, F. (Hrsg.): Conquering the Past: Austrian Nazism Yesterday an Today, Detroit 1989.

[9] Riedlsperger, Max E.: The Lingering Shadow of Nazism: The Austrian Independent Party Movement since 1945, New York 1978. Im folg. zit.: Riedlsperger, Lingering Shadow. Stäuber, Roland: Der Verband der Unabhängigen (VdU) und die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ). Eine Untersuchung über die Problematik des Deutschnationalismus als Einigungsfaktor einer politischen Partei in Österreich seit 1945, (= Diss.) St. Gallen 1974; Müller-Klingspor, Her­mann: Die Neubegründung des freiheitlich-natio­nalen Lagers in Österreich von 1945 bis 1949, (= ungdr. Diss.) Wien 1972. Im folg. zit.: Müller-Klingspor, Neubegründung. Grabher, Günter: Der Liberalismus als Pro­gramm. Freiheitli­ches Denken in Österreich, (= ungdr. Diss.) Salzburg 1992; Höbelt, Lothar: Von der vierten Partei zur dritten Kraft. Die Geschichte des VdU, Graz/Stuttgart 1999. Im folg. zit.: Höbelt, Vierte Partei. Lehmann-Horn, Knut: Die Kärnt­ner FPÖ 1955-1983. Vom Verband der Unabhängigen (VdU) bis zum Aufstieg von Jörg Haider zum Landespartei­obmann, Klagen­furt 1992; Piringer, Kurt: Die Geschichte der Freiheitlichen. Beitrag der Dritten Kraft zur österreichi­schen Politik, Wien 1982.

[10] Für die „Liberalen“: Kraus, Herbert: >Untragbare Objektivität<. Politische Erinnerungen 1917 bis 1987, Wien/München 1988, ferner Reimann, Viktor: Die Dritte Kraft in Österreich, Wien 1980. Im folg. zit.:Reimann, Dritte Kraft. Für die „Nationalen“: Stü­ber, Fritz: Ich war Abgeordneter. Die Entstehung der freiheitlichen Opposition in Österreich, Graz/Stuttgart 1974; Langoth, Franz: Kampf um Österreich. Erinnerungen eines Politikers, Wels 1951; Kern[meyr], Erich: Das harte Leben, Wels 1950.

[11] Eine Ausnahme stellt dar: Schausberger, Franz/Steinkellner, Friedrich (Hrsg.): Protokolle der Landesparteitage der Salzburger ÖVP, 2 Bd., Salzburg 1986.

[12] Nach der klassischen „Drei-Lager-Theorie“ von Adam Wandruszka ist das im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstandene österreichische Parteiensystem durch die Herausbildung dreier politischer Grundströmungen geprägt worden, dem sozialdemokratischen, dem katholisch-konservativem und dem deutschnationalen, „Drittem Lager“. Vgl. Wandruszka, Adam: Österreichs politische Struktur. Die Entwicklung der Parteien und politischen Bewegungen. In: Benedikt, Heinrich (Hrsg.): Geschichte der Republik Österreich, München 1954, S. 289-486. Im folg. zit.: Wan­druszka, Politische Struktur. Da diese Klassifizie­rung v. der Zeitgeschichtsforschung übernommen worden ist, wird sie auch dieser Arbeit zugrunde gelegt.

[13] Zur Konstituierung des christlichsozial-konservativen Lagers s. Ableitinger, Alfred: Das konservative und christdemokrati­sche Lager. Christlichsoziale und Österreichische Volkspartei. In: Zöllner, Erich (Hrsg.): Österreichs Erste und Zweite Republik, Wien 1985, S. 57-80. Im folg. zit.: Ableitinger, Konservatives und christdemokratisches Lager. Wandruszka, Politische Struktur, S. 302-307; Knoll, Reinhold: Zur Tradition der Christlichsozialen Partei. Ihre Früh- und Entwicklungsgeschichte bis zu den Reichsratswahlen 1907, Graz 1973. Ferner Righardt, Hans: Das Entste­hen der katholischen Versäulung in Österreich 1887-1907. In: Zeitgeschichte 11 (1983/84), S. 69-104.

[14] Hanisch, Ernst: Demokratieverständnis, parlamentarische Haltung und nationale Frage bei den österreichischen Christlich­sozialen. In: Drabek, Anna M./Plaschka, Richard G./Rumpler, Helmut (Hrsg.): Das Parteiwesen Österreichs und Ungarns in der Zwischenkriegszeit, Wien 1990, S. 73-86, hier S. 76.Vgl. hierzu und zum folgenden auch die detail­lierte Darstellung bei Staudinger, Anton: Christlichsoziale Partei und Errichtung des „Autoritären Ständestaates“ in Österreich. In: Jedlicka, Ludwig/ Neck, Rudolf (Hrsg.): Vom Justizpalast zum Heldenplatz. Studien und Dokumenta­tionen 1927 bis 1938, Wien 1975, S. 65-81 sowie Mommsen, Hans: Theorie und Praxis des österreichischen Stände­staates 1934 bis 1938. In: Heintel, Peter/Leser, Norbert/ Stourzh, Gerald/Wandruszka, Adam (Hrsg.): Das geistige Leben Wiens in der Zwischenkriegszeit, Wien 1981, S. 174-192.

[15] Während der VdU in den Auseinandersetzungen um die österreichische Amnestiepolitik zur Relativierung des Nationalso­zialismus immer auf den „faschistischen“ Charakter des Ständestaates hinwies, arbeitete die SPÖ auf den Länderkonferenzen von 1945, wo über d. Wahlzulassung d. ehem. Nationalsozialisten beraten wurde, zunächst auf eine Gleichstellung von Austrofaschisten und Nationalsozialisten hin. Vgl. Mizuno, Hiroko: Die Länderkonferenzen von 1945 und die NS-Frage. In: Zeitgeschichte 28 (2001), S. 241-253. S. hierzu auch Klamper, Elisabeth: „Ein einig Volk von Brüdern“ Vergessen und Erinnern im Zeichen des Burgfriedens. In: Zeitgeschichte 24 (1997), S. 170-185. Im folg. zit.: Klamper, Burgfrieden.

[16] Als Überblick vgl. die Dokumentation v. Reichhold, Ludwig: Kampf um Österreich. Die Vaterländische Front und ihr Widerstand gegen den Anschluß 1933-1938, Wien 1984, S. 370ff.

[17] Carsten, Francis L.: Faschismus in Österreich. Von Schönerer zu Hitler, München 1977, S. 220. Im folg. zit.: Carsten, Faschismus in Österreich. Holtmann, Everhard: Zwischen Unterdrückung und Befriedung, Wien 1978, S. 13ff.

[18] Vgl. Seidenberger, Reinhard: Faschismusinterpretationen von SPÖ und ÖVP in den Jahren 1945 bis 1949: Deutungsmu­ster und Funktionen, (= ungdr. Dipl.-Arb.) Wien 1992, S. 95ff. Vgl. Manoschek, Walter: „Aus der Asche dieses Krieges wieder auferstanden“. Skizzen zum Umgang der Österreichischen Volkspartei mit Nationalsozialismus und Antisemitismus nach 1945. In: Bergmann/Erb/Lichtblau (Hrsg.): Schwieriges Erbe, S. 49-64, hier S. 51. Exempla­risch erscheint dies bei Maleta, Alfred: Bewältigte Vergangenheit. Österreich 1932-1945, Graz/Wien/Köln 1981, S. 108ff.

[19] Rathkolb, Oliver: US-Entnazifizierung in Österreich zwischen kontrollierter Revolution und Elitenrestauration (1945 bis 1949). In: Zeitgeschichte 9/10 (1984), S. 302-325, hier S. 303. S. auch Rauchensteiner, Die Zwei, S. 65. Noch in den fünfziger Jahren sah sich die ÖVP deswegen veranlaßt Rudolf Strasser, den außenpolitischen Referenten von Ge­neral­sekretär Alfred Maleta, als „Lobbyisten“ in die USA zu entsenden. Vgl. hierzu Strasser, Rudolf: „Lobbying für die ÖVP“. In: Demokratie und Geschichte 2 (1998), S. 13-33. Im folg. zit.: Strasser, „Lobbying für die ÖVP“.

[20] Vgl. hierzu als grundlegende Studie Kriechbaumer, Robert: Von der Illegalität zur Legalität. Die ÖVP im Jahre 1945. Politische und geistesgeschichtliche Aspekte des Entstehens der Zweiten Republik, Wien 1985. Im folg. zit.: Kriech­baumer, Die ÖVP im Jahre 1945.

[21] Reichhold, Geschichte der ÖVP, S. 46. Vgl. hierzu auch Leser, Norbert: Geistige Strömungen in Österreich seit 1945. In: Zeitgeschichte 7 (1979/80), S. 385-405, hier S. 392ff. sowie Enderle-Burcel, Gertrude: Die österreichischen Par­teien 1945 bis 1955. In: Sieder, Reinhard/Steinert, Heinz/ Tálos, Emmerich (Hrsg.): Österreich 1945-1995. Gesell­schaft-Politik-Kultur, Wien 1996, S. 80-93, hier S. 82. Im folg. zit.: Enderle-Burcel, Parteien.

[22] Sauer, Walter: Katholizismus und politisches System in Österreich. Aspekte ihres Verhältnisses seit 1945. In: Zeitge­schichte 7 (1979/80), S. 406-426, hier S. 408ff.

[23] Rill, Robert: Die Österreichische Volkspartei – eine Chance für den Konservatismus in Österreich? In: Ders./ Zellen­berg, Ulrich (Hrsg.): Konservatismus in Österreich, Graz/Stuttgart 1999, S. 273-290, hier S. 276. Im folg. zit.: Rill, ÖVP.

[24] Bruckmüller, Ernst: Die ständische Tradition – ÖVP und Neokorporatismus. In: Kriechbaumer, Robert/ Schausber­ger; Franz (Hrsg.): Volkspartei – Anspruch und Realität, S. 281-316, hier S. 293ff; Enderle-Burcel, Parteien, S. 82. Zur „bündischen Struktur“ s. auch Reichhold, Ludwig: Die Chance der ÖVP. Anatomie und Zukunft einer Partei, Graz 1972, S. 14ff. Im folg. zit.: Reichhold, Die Chance der ÖVP.

[25] Vgl. Reiterer, Albert F.: Die konservative Chance. Österreichbewußtsein im bürgerlichen Lager nach 1945. In: Zeitge­schichte 14 (1986/87), S. 379-397, hier S. 380. Im folg. zit.: Reiterer, Konservative Chance. Diesem Urteil folgt Tancsits, Claudia: Katholischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Österreich. In: Rill, Robert/ Zellenberg, Ulrich E. (Hrsg.): Konservatismus in Österreich, Graz/ Stuttgart 1999, S. 255-272, hier S. 255. Zur „Reaustrifizie­rungspolitik“ der frühen ÖVP siehe auch Hanisch, Ernst: Reaustrifizierung in der Zweiten Republik und das Problem eines österreichischen Nationalismus. In: Musner, Lutz/Wunberg, Gotthart/Cescutti, Eva (Hrsg.): Gestörte Identitä­ten? Eine Zwischenbilanz der Zweiten Republik, Innsbruck/Wien/München/Bozen 2002, S. 27-34, hier S. 28-30. Im folg. zit.: Hanisch, Reaustrifizierung.

[26] Reichhold, Ludwig: Geschichte der ÖVP, S. 23. Weinberger, Louis: Tatsachen, Begegnungen und Gespräche. Ein Buch um Österreich, Wien 1948, S. 120ff. Dies wird auch hervorgehoben v. Skalnik, Kurt: Die Österreichische Volks­partei. In: Hannak, Jacques (Hrsg.): Bestandsaufnahme Österreich 1945-1963, Wien/Hannover/Bern 1963, S. 25-45, hier S. 26. Im folg. zit.: Skalnik, Österreichische Volkspartei.

[27] Die programmatischen Leitsätze der Österreichischen Volkspartei, 1945. In: Berchtold, Klaus (Hrsg): Österreichische Parteiprogramme 1968-1966, München 1967, S. 376-379, hier S. 378.

[28] Kriechbaumer, Programme und Programmdiskussionen. In: Ders./Schausberger, Franz (Hrsg.): Volkspartei – An­spruch und Realität, Wien/Köln/Weimar 1995, S. 103-136, hier S. 108ff. Im folg. zit.: Kriechbaumer: Programme und Programmdiskussionen. Vgl. hierzu ferner Skalnik, Kurt: Parteien. In: Weinzierl, Erika/Skalnik, Kurt (Hrsg.): Öster­reich. Die Zweite Republik. Bd.2, Graz/Wien/Köln 1972, S. 197-228, hier S. 202. Im folg. zit.: Skalnik, Parteien.

[29] S. hierzu als Überblick Weber, Fritz: Österreichs Wirtschaft in der Rekonstruktionsperiode nach 1945. In: Zeitge­schichte 14 (1986/87), S. 267-298, insb. S. 279ff. Im folg. zit.: Weber, Österreichs Wirtschaft.

[30] Grundlegend zur Konstituierung des Dritten Lagers im 19. Jh. neben Wandruszka, Politische Struktur, S. 369-374 vor allem Höbelt, Lothar: Kornblume und Kaiseradler. Die deutschfreiheitlichen Parteien Altösterreichs 1882-1918, Wien/München 1993. Im folg. zit.: Höbelt, Kornblume und Kaiseradler.

[31] Höbelt, Kornblume und Kaiseradler, S. 352; Wandruszka, Adam: Deutschliberale und deutschnationale Strömungen. In: Heintel, Peter/Leser, Norbert/ Stourzh, Gerald/Wandruszka, Adam (Hrsg.): Das geistige Leben Wiens in der Zwischenkriegszeit, Wien 1981, S. 28-33, hier S. 29. Im folg. zit.: Wandruszka, Deutschliberale und deutschnationale Strömungen. Vgl. hierzu im selb. Band auch den Beitrag von Carsten, Francis L.: Die Vorläufer des Nationalsozialis­mus. In: Heintel/Leser/Stourzh/Wandruszka (Hrsg.): Das geistige Leben Wiens in der Zwischenkriegszeit, S. 193-204.

[32] „Heillose Zersplitterung und immer neue Parteigründungen [waren] die unverwechselbaren Kennzeichen des nationa­len Lagers“. Vgl. Steininger, Rudolf: Polarisierung und Integration. Eine vergleichende Untersuchung der strukturellen Versäulung der Gesellschaft in den Niederlanden und in Österreich, Meisenheim am Glam 1975, S. 185.

[33] Höbelt, Kornblume und Kaiseradler, S. 358.

[34] Ackerl, Isabella: Thesen zu Demokratieverständnis, parlamentarischer Haltung und nationaler Frage bei der Großdeut­schen Volkspartei. In: Drabek, Anna M./Plaschka, Richard G./Rumpler, Helmut (Hrsg.): Das Parteiwesen Österreichs und Ungarns in der Zwischenkriegszeit, Wien 1990, S. 147-156, hier S. 147. Im folg. zit.: Ackerl, Groß­deutsche Volkspartei. Als Kurzcharakteristik des Landbundes vgl. Burkert, Günter R.: Der Landbund für Österreich. In: Tálos, Emmerich et. al. (Hrsg.): Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918-1933, Wien 1995, S. 207-217. Zur Bipolarität des Dritten Lagers der Zwischenkriegszeit s. Sauer, Manfred: Die Großdeutsche Volkspartei“ und der „Landbund für Österreich“ in der Ersten Republik. In: Freie Argumente 2 (1974), S. 19-38. Im folg. zit.: Sauer, Großdeutsche Volkspartei und Landbund. Ferner Höbelt, Lothar: Die Parteien des nationalen Lagers in der Ersten Republik. In: Carinthia I 179 (1989), S. 359-384.

[35] Ackerl, Großdeutsche Volkspartei, S. 150-155.

[36] Carsten, Faschismus in Österreich, S. 154.

[37] Carsten, Faschismus in Österreich, S. 181; Wandruszka, Deutschliberale und deutschnationale Strömungen, S. 31; Pauley, Bruce F.: Der Weg in den Nationalsozialismus. Ursprünge und Entwicklung in Österreich, Wien 1988, S. 83.

[38] Wandruszka, Politische Struktur, S. 385. Verglichen mit der Großdeutschen Volkspartei wies der Landbund jedoch eine stärkere gesellschaftliche Verankerung auf, vor allem in der Kärntner Bauernschaft. Vgl. Sauer, Großdeutsche Volkspartei und Landbund, S. 22.

[39] Zur Absorption der Großdeutschen Volkspartei durch den Nationalsozialismus in Form dieses Bündnisses vgl. im Detail: Ackerl, Isabella: Das Kampfbündnis der NSDAP mit der Großdeutschen Volkspartei vom 15. Mai 1933. In: Jedlicka, Ludwig/Neck, Rudolf (Hrsg.): Vom Justizpalast zum Heldenplatz. Studien und Dokumentationen 1927 bis 1938, Wien 1975, S. 121-127. Die ideologisch-programmatische Nähe zwischen Großdeutschen und Nationalsoziali­sten unterstreicht Ardelt, Rudolf: Zwischen Demokratie und Faschismus. Deutschnationales Gedankengut in Öster­reich 1919-1930, Wien/Salzburg 1972. Diese hat die Absorption zweifellos befördert.

[40] Zur hieraus hervorgehenden Weichenstellung „Proporzdemokratie“ vgl. Naßmacher, Karl-Heinz: Das österreichische Regierungssystem. Große Koalition oder alternierende Regierung? Köln/Opladen 1968, S. 93. Die Zweite Republik war damit mit Beginn eine Antwort auf die „'Fragmentierung' der österreichischen Gesellschaft, auf das tief eingewur­zelte Gegeneinander zwischen politischem Katholizismus und Marxismus“ und begann „als Elitenkartell zwischen den alten Kräften der beiden alten Lager“. Vgl. Pelinka, Anton: Der verdrängte Bürgerkrieg. In: Ders./Weinzierl, Erika (Hrsg.): Das Große Tabu. Österreichs Umgang mit seiner Vergangenheit, Wien 1987, S. 143-153, hier S. 146. Im folg. zit.: Pelinka, Bürgerkrieg. Zum Prozeß der Koalitionsbildung vgl.: Kraus, Therese: Leopold Figl. In: Weissensteiner, Friedrich/Weinzierl, Erika (Hrsg.): Die österreichischen Bundeskanzler. Leben und Werk, Wien 1983, S. 266-295, hier S. 280. Im folg. zit.: Kraus, Figl.

[41] Reichhold; Geschichte der ÖVP, S. 121. Zweifellos waren sich die Parteien bewußt, daß die NSDAP in den ÖVP-„Zielgruppen“ (Selbständige, Gewerbetreibende, öffentl. Bedienstete, Angestellte) überdurchschnittlich verwurzelt war. Vgl. Botz, Gerhard: Soziale „Basis“ und Typologie der österreichischen Faschismen im innerösterreichischen und europäischen Vergleich. In: Jahrbuch für Zeitgeschichte 1980/81. Faschismus in Österreich und international, Wien 1982, S. 15-56.

[42] Mizuno, Hiroko: „Die Vergangenheit ist vergessen“. „Vergangenheitsbewältigung“ in Österreich. Die österreichische Amnestiepolitik und die Reintegration der ehemaligen Nationalsozialisten 1945-57, (= ungdr. Diss.) Graz 1999, S. 129. Im folg. zit.: Mizuno, Vergangenheitsbewältigung. S. auch Stiefel, Dieter: Entnazifizierung in Österreich, Wien/München/Zürich 1981, S. 64. Im folg. zit.: Stiefel, Entnazifizierung.

[43] „Je mehr die Lasten [des] 'deutschen' Krieges zunahmen und eine Katastrophe sich abzeichnete, je stärker der innere Terror anwuchs und die Propaganda leerlief, je öfter es zu Mentalitätskonflikten mit den reichsdeutschen Beamten und Militärs kam, desto eher wurde das Österreichische rehabilitiert und als Rettungsweg aus dem Krieg entdeckt.“ Vgl. Hanisch, Ernst: Ein Versuch, den Nationalsozialismus zu „verstehen“. In: Pelinka, Anton/Weinzierl, Erika (Hrsg.): Das Große Tabu. Österreichs Umgang mit seiner Vergangenheit, Wien 1987, S. 154-162, hier S. 160. Vgl. hierzu auch Kriechbaumer, Die ÖVP im Jahre 1945, S. 135ff sowie Hanisch, Reaustrifizierung, S. 28/29.

[44] Zur Integration der Reststrukturen des Landbundes in die ÖVP vgl. Haas, Alexander: Die vergessene Bauernpartei. Der Steirische Landbund und sein Einfluß auf die österreichische Politik 1918-1934, Graz 2000, S. 315ff. Entgegen des irrigen Titels beschäftigt s. d. Autor ausführlich mit d. allg. Entwicklung des Landbundes. S. hierzu auch Reich­hold, Geschichte der ÖVP, S. 126; Kriechbaumer, Die ÖVP im Jahr 1945, S. 143. Kraus weist darauf hin, daß infolge dessen bei der Neuformierung des Dritten Lagers vorrangig ehm. „Großdeutsche“ zum VdU gestoßen wären. Kraus, Herbert: Österreich zwischen 1945 und 1955 (= Schriftenreihe des Freiheitlichen Bildungswerkes Bd. 2), Wien 1979, S. 18. Im folg. zit.: Kraus, Österreich zwischen 1945 und 1955.

[45] Stiefel, Dieter: Nazifizierung plus Entnazifizierung = Null? Bemerkungen zur besonderen Problematik der Entnazifizie­rung in Österreich. In: Meissl, Sebastian/Mulley, Klaus-Dieter/Rathkolb, Oliver (Hrsg.): Verdrängte Schuld, verfehlte Sühne. Entnazifizierung in Österreich 1945-1955, München 1986, S. 28-36, hier S. 29. Im folg. zit.: Stiefel, Nazifizierung plus Entnazifizierung.

[46] Stiefel, Entnazifizierung, S. 81-83. Manoschek, Walter: Verschmähte Erbschaft. Österreichs Umgang mit dem National­so­zialismus 1945 bis 1955. In: Sieder, Reinhard/ Steinert, Heinz/ Tálos, Heinz (Hrsg.): Österreich 1945-1995. Gesellschaft-Politik-Kultur, Wien 1996, S. 94-106, hier S. 98. Im folg. zit. Manoschek, Verschmähte Erbschaft. Siehe hierzu auch: Botz; Gerhard: Verdrängung, Pflichterfüllung, Geschichtsklitterung: Probleme mit der NS-Vergangen­heit. In: Ders./Sprengnagel, Gerald (Hrsg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt a. M./New York 1994, S. 89-104; Blänsdorf; Agnes: Zur Konfrontation mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik, der DDR und Österreich. Entnazifizierung und Wiedergutmachungsleistungen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte H. 16-17 (1987), S. 3-18, hier S. 9ff. Im folg. zit.: Blänsdorf, Konfrontation mit der NS-Vergangenheit. Botz, Gerhard: Eine deutsche Geschichte zwischen 1938 bis 1945? Österreichische Geschichte zwischen Exil, Widerstand und Verstrickung. In: Zeitgeschichte 14 (1986/87),
S. 19-28, hier S. 26. Im folg. zit.: Botz, Österreichische Geschichte.

[47] Vgl.. Stiefel, Nazifizierung plus Entnazifizierung, S. 32ff.

[48] Stiefel, Entnazifizierung, S. 308; Stiefel, Nazifizierung plus Entnazifizierung, S. 34/35. Zur Beendigung der Entnazifizie­rung im Kontext des Kalten Krieges vgl. ferner: Knight, Robert: Kalter Krieg, Entnazifizierung und Österreich. In: Meissl, Sebastian/Mulley, Klaus-Dieter/Rathkolb, Oliver (Hrsg.): Verdrängte Schuld, verfehlte Sühne. Entnazifizierung in Österreich 1945-1955, München 1986, S. 37-51.

[49] Viktor Reimann, einer der Initiatoren des VdU, beschrieb das NS-Gesetz noch in seinen 1980 erschienenen Erinnerun­gen als „das grausamste Gesetz nach den Nürnberger Rassegesetzen des Dritten Reiches“. Vgl. Reimann, Dritte Kraft, S. 10.

[50] Höbelt, Vierte Partei, S. 68.

[51] Reimann, Dritte Kraft, S. 92/93.

[52] Hierzu grundlegend Svoboda, Wilhelm: „…vorbehaltlos meine Pflicht erfüllt“. Das Internierungslager Glasenbach (Camp „Marcus W. Orr“). In: Zeitgeschichte 22 (1995), S. 3-29. Die Inhaftierten durften das Lager selbst verwalten und wurden von der einh. Bev. mit zusätzlichen Nahrungsmitteln versorgt. Eine Konfrontation mit NS-Verbrechen (etwa durch Film- od. Photodokumente) erfolgte nicht. S. 4ff. Im folg. zit.: Svoboda, Glasenbach. Vgl. hierzu auch (aus einer Gegenperspektive) Leitner, Walter: Das Lager Glasenbach. Im Rückblick eines Internierten. In: Marx; Erich (Hrsg.): Befreit und besetzt. Stadt Salzburg 1945-1955, Salzburg 1996, S. 85-89.

[53] Bekannteste Beispiele sind: Kern, Erich: Das harte Leben, Wels 1950; Langoth, Franz: Kampf um Österreich, Wels 1951; Rendulic, Lothar: Glasenbach-Nürnberg-Landsberg. Ein Soldatenschicksal nach dem Krieg, Graz/Göttingen 1953; Hiess, Joseph: Glasenbach. Buch einer Gefangenschaft, Wels 1956.

[54] Zur „Symbolfigur des nationalen Lagers“ Langoth siehe Schuster, Walter: Deutschnational, Nationalsozialistisch, Entnazifiziert. Franz Langoth. Eine NS-Laufbahn, Linz 1999. Im folg. zit.: Schuster, Langoth. Für eine Einschätzung seiner politischen Nachkriegskarriere aufschlußreich insb. Kap. V. (S.245-258) und Kap. VI., S. 259ff. Der Langoth von Hermann Göring verliehene Beinamen „Vater Langoth“ blieb diesem auch in seiner pol. Tätigkeit im VdU erhal­ten.

[55] Vgl. Riedlsperger, Lingering Shadow, S. 31.

[56] Ebd., S. 27.

[57] Müller-Klingspor hält den „Terminus technicus“ „Vierte Partei“ für einen „ Begriff, der symbolisch die Unzufrieden­heit derjenigen ausdrückt, die mit der, im Grunde wenig demokratischen, Monopolerteilung der Alliierten für lediglich drei Parteien, nicht einverstanden waren.“ Müller-Klingspor, Neubegründung, S. 48. Das Problem der „Vierten Par­tei“ ist Gegenstand bei Autengruber, Peter: Kleinparteien in Österreich zwischen 1945 bis 1966, (= ungdr. Dipl.-Arb.) Wien 1985, S. 69ff. Im folg. zit.: Autengruber, Kleinparteien.

[58] Stenographisches Protokoll des österreichischen Nationalrates, III. Band, 14.1.1948, S. 2083 (Helmer).

[59] Reimann, Dritte Kraft, S. 51.

[60] Als detaillierte Beschreibung des Ablauf der Gründungsgeschichte der „Verfassungstreuen“ vgl. Stüber, Abgeordneter, S. 17ff., S. 29. Zur politischen Tätigkeit des ehm. „Landbündlers“ Hartleb nach 1945 vgl. Scheuch, Hanno: Karl Hart­leb. In: Freie Argumente 3 (1985), S. 156-163.

[61] Vgl. hierzu Lindinger, Michaela: „Des Teufels Wochenblatt“. Neonazismus in der österreichischen Nachkriegspresse am Beispiel von Oststeirischer Wochenpost/Alpenländischer Heimatruf (29. Mai 1947 - 2. Oktober 1948). In: Medien und Zeit. Forum für historische Kommunikationsforschung 6 (1991), S. 8-21.

[62] Vgl. hierzu Svoboda, Wilhelm: Der Gmundener Kreis und die Stacheldrahtgemeinschaft. In: Arche 1995 (1995), S. 16-21. Im folg. zit.: Svoboda, Gmundener Kreis. Der Gmundener Kreis um Langoth, Kernmeyr, Schachmayr, Kowarik u. a. war ein informeller Zirkel höherer und mittlerer NS-Funktionäre, die die pol. Nachkriegsentwicklung durch ihre weitreichenden Beziehungen zu den Großparteien beeinflußen wollten und tragende Kräfte des VdU waren. Ihre Ar­beit richtete sich gegen die NS-Gesetzgebung. Zum Gmundener Kreis vgl. auch Schuster, Langoth, S. 246.

[63] Vgl. Stiefel, Entnazifizierung, S. 90. Der z. B. von Kraus gerühmte „Geist von Salzburg“ wies in die Richtung, daß die deutschnationalen Zirkel in dieser Stadt von den alliierten Entnazifizierungsmaßnahmen substantiell kaum getroffen wurden. Siehe hierzu Kraus, Erinnerungen, S. 156ff. sowie Reimann, Dritte Kraft, S. 135. Salzburg blieb im Untersu­chungszeitraum eine Hochburg von VdU und FPÖ. Vgl. Hanisch, Ernst: The denazification in Salzburg – a region with strong German-nationalist traditions. In: Larsen, Stein Ugelvik (Hrsg.): Modern Europe after Fascism 1943-1980s, Bd. 1, New York 1998, S. 378-395.

[64] Das vehemente Eintreten der „Salzburger Nachrichten“ für die ehem. Nationalsozialisten ist Gegenstand bei Löcker, Daniel: Zum politischen Diskurs über NS-Täter und Mitläufer in Österreich 1945-1949, (= ungdr. Dipl.-Arb.) Wien 1993.

[65] Zu Canaval s. Prandtstetten, Rainer: Gustav Adolf Canaval. Analyse einer publizistischen Persönlichkeit, (= ungdr. Diss.) Wien 1971. Im folg. zit. Prandtstetten, Canaval. Canaval versuchte beständig, zwischen dem „nationalen Lager“ und der ÖVP zu vermitteln, nachdem er sich dieser 1949 wieder angenähert hatte. Zu Canavals Rolle bei der Formie­rung der Dritten Kraft vgl. Prandtstetten, Canaval, S. 82 ff. Die Oppositionsrolle der nationalliberalen Salzburger Presse wurde auch dadurch erleichtert, daß die Besatzungs­mächte in Österreich auf eine politisch-kulturelle „Reedu­cation“ verzichteten. Vgl. Wagnleitner, Reinhold: Die kultu­relle Reorientierung Österreichs nach dem Zweiten Welt­krieg: Prolegomena zum Phänomenen der symbolischen Pe­netration. In: Zeitgeschichte 11 (1983/84), S. 326-348, hier S. 328.

[66] Svoboda, Glasenbach, S. 6/7.

[67] Prandtstetten, Canaval, S. 86.

[68] Rathkolb, Oliver: NS-Problem und politische Restauration: Vorgeschichte und Etablierung des VdU. In: Meissl/Mulley/Rathkolb (Hrsg.): Verdrängte Schuld, verfehlte Sühne, S. 73-99, hier S. 81. Im folg. zit.: Rathkolb, Eta­blierung des VdU. Dies hing u. a. auch damit zusammen, daß die ÖVP ihre Verbindungen zum christlichsozialen Wi­derstand bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit kappte. Vgl. Ders.: Raoul Bumballa, ein po­litischer Nonkonfor­mist 1945. Fallstudie zur Funktion der O-5 im Widerstand und in der Parteienrestauration. In: Ar­delt, Rudolf G./Huber, Wolfgang J. A./ Staudinger, Anton (Hrsg.): Unterdrückung und Emanzipation. Festschrift für Erika Wein­zierl, Wien/Salzburg 1985, S. 295-320, hier S. 306ff.

[69] Rauchensteiner, Die Zwei, S. 98/99.

[70] Stüber, Abgeordneter, S. 95.

[71] Zudem verfaßte er eine Broschüre, in der er die Minderbelastetenamnestie von 1947 auf die Bemühungen der Volkspar­tei zurückführte. Vgl. Maleta, Alfred: Die Amnestie für Nationalsozialisten. Ein Erfolg der Österreichischen Volkspartei, Wien 1948.

[72] Reimann, Dritte Kraft, S. 96.

[73] Bleier-Bissinger, Hanna: Bundeskanzler Dr. Alfons Gorbach und seine Zeit. Leben und Sterben der Nachkriegskoali­tion, Graz 1988, S. 183. Im folg. zit.: Bleier-Bissinger, Gorbach. Zur Amnestiepolitik Gorbachs siehe auch Kriech­baumer, Robert: Alfons Gorbach. Ein Mann des Ausgleichs, Wien 1987, S. 10ff. Beide Autoren heben vor allem die „christlichen Versöhnungsmotive“ dieser Politik hervor, blenden die wahltaktischen jedoch vollständig aus. Die Tätig­keiten der steirischen ÖVP reichten soweit, daß unmittelbar vor der Nationalratswahl von 1949 eine Spendenaktion für „in Not geratene“ Nationalsozialisten initiiert wurde, vgl. Mizuno, Vergangenheitsbewältigung, S. 225.

[74] Die Versöhnungsmotive seiner Amnestiepolitik hob Gorbach auch selbst hervor, vgl. Ders.: Gedanken zur Politik, Wien 1961, S. 32ff. Auch Außenminister Hermann Gruber rühmte sich, mit der Kärntner ÖVP 8.000 Amnestierungen durchgesetzt zu haben, vgl. mit 6.000 der SPÖ. S. Gruber, Hermann: Die Jahre in der Politik. Erinnerungen, Klagen­furt 1982, S. 50.

[75] Manoschek, Verschmähte Erbschaft. S. 101-102.

[76] Schärf, Adolf: Österreichs Erneuerung 1945-55. Das erste Jahrzehnt der Zweiten Republik, Wien 1955, S. 240ff. Im folg. zit.: Schärf, Österreichs Erneuerung.

[77] Höbelt, Vierte Partei, S. 40.

[78] Kriechbaumer, Robert: Die Geschichte der ÖVP. In Ders./Schausberger, Franz (Hrsg.): Volkspartei – Anspruch und Realität, Wien/Köln/Weimar 1995, S.11-102, hier S. 35. Im folg. zit.: Kriechbaumer, Geschichte der ÖVP.

[79] Zur Rolle der „Parteilosen Betriebsräte“ im frühen VdU vgl. Kraus, Herbert: Österreich zwischen 1945 und 1955,
S. 10.

[80] Kraus, Erinnerungen, S. 193-196.

[81] ebd., S. 199ff.

[82] Höbelt, Vierte Partei, S. 46/47.

[83] Vgl. hierzu die Darstellung interner ÖVP-Diskussionen bei Strasser, „Lobbying für die ÖVP“, S. 21. Raab z. B. äußerte, daß nicht einmal die Konstituierung der „vierten“ Partei gelingen würde.

[84] Svoboda, Gmundener Kreis, S. 17.

[85] Die „Demokratische Union“ war eine 1945 gegründete bürgerliche Kleinpartei, die zwar nicht verboten, aber nie eine Lizenz erhalten hatte, da sich ihr aus Opposition zur ÖVP Kriegsheimkehrer und „Ehemalige“ angeschlossen hatten. Vgl. Autengruber, Peter: Die Demokratische Union 1945-1957. In: Zeitgeschichte 17 (1990), S. 34-50.

[86] Für d. Genehmigung eines Verbandes war allein d. Zustimmung des Innenministeriums erforderlich, die d. SPÖ bereit­willig ausstellte. Reimann, Dritte Kraft, S. 120ff., S. 138. Zur Rolle des SPÖ-Innenministers in diesem Kontext s. auch: Müller-Klingspor, Neubegründung, S. 137. Der Alliierte Kontrollrat erkannte die Praxis der „Wahlparteien“ mit seinem Beschluß vom 9.9.1949 offiziell an. Vgl. Gläser, Eleonore: Propaganda für die Wahlen 1949, (= ungdr. Diss.) Wien 1951, hier S. 85f. Im folg. zit.: Gläser, Propaganda.

[87] Kraus, Erinnerungen, S. 201.

[88] Reimann, Dritte Kraft, S. 106.

[89] Riedlsperger, Lingering Shadow, S. 45.

[90] Stäuber, VdU und FPÖ, S. 76.

[91] Das Programm des Verbandes der Unabhängigen, 1949. In: Berchtold, Klaus (Hrsg.): Österreichische Parteipro­gramme 1868-1966, München 1967, S. 484-488, hier S. 485/86.

[92] Die europäische Orientierung des VdU hat sein Gründer in Veröffentlichungen immer wieder hervorgehoben. Vgl. Kraus, Österreich zwischen 1945 und 1955, S. 7 sowie Ders., Das geistige Erbe des VdU. Moralische Erneuerung und Europa. In: Freie Argumente 16,2 (1989), S. 21-26.

[93] Kraus, Erinnerungen, S. 254.

[94] Frischenschlager, Friedhelm: Funktions- und Inhaltswandlungen von Parteiprogrammen am Beispiel der FPÖ-Pro­gramme. In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 7 (1978), S. 209-220, hier S. 210. Im folg. zit.: Fri­schenschlager, FPÖ-Programme. Zudem war das Dritte Lager von der Gründung der Zweiten Republik ausgeschlos­sen. Vgl. Hanisch, Reaustrifizierung, S. 33. Die Verbindlichkeit d. Bekenntnisse zur Eigenstaatlichkeit Österreichs für d. VdU/FPÖ-Anhängerschaft erscheinen deshalb grundsätzlich fragwürdig. Vgl. Luther, Kurt Richard: Zwischen un­kritischer Selbstdarstellung und bedingungsloser externer Verurteilung. Nazivergangenheit, Antisemitismus und Holo­caust im Schrifttum der Freiheitlichen Partei Österreichs. In: Bergmann/Erb/Lichtblau (Hrsg.): Schwieriges Erbe, S. 138-167, hier S. 139ff. Bezeichnenderweise erfolgten erste Versuche, diesen Programmpunkt zu revidieren, unmittel­bar nach dem Einzug in den Nationalrat durch eine Schrift Stübers, die deutliche Vergleichbarkeit mit „europanatio­nalistischen“ SRP/DRP-Konzepten aufwies. Vgl. Stüber, Fritz: Die Internationale der Nationalen, Wien 1951.

[95] Manoschek, Verschmähte Erbschaft, S. 102. Riedlsperger spricht nur von 60% ehem. Nationalsozialisten, vgl. Riedlsper­ger, Lingering Shadow, S. 45. Als Partei ohne entsprechend ausgebildete Strukturen hat der VdU keine Stati­stiken geführt. Unzweifelhaft bleibt jedoch, daß die Basis des Dritten Lagers „zu Beginn der Zweiten Republik vom ehemals nationalsozialistischem Lager und dessen Umfeld geprägt“ war. Vgl. Perchinig, Bernhard: National oder libe­ral: Die Freiheitliche Partei Österreichs. In: Gerlich, Peter/Müller, Wolfgang C. (Hrsg.): Zwischen Koalition und Konkurrenz. Österreichs Parteien seit 1945, Wien 1983, S. 69-90, hier S. 70. Zu dieser Problematik s. auch Müller-Klingspor, Neubegründung, S. 175.

[96] Rathkolb, Etablierung des VdU, S. 99.

Details

Seiten
172
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638847360
ISBN (Buch)
9783638845762
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81597
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Fakultät für Geschichtswissenschaften
Note
1,6
Schlagworte
CDU/CSU Rechtsextremismus Nachkriegszeit Vergleich Entwicklung Bundesrepublik Deutschland

Autor

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Titel: ÖVP, CDU/CSU und der Rechtsextremismus der Nachkriegszeit (1945-57). Ein Vergleich der Entwicklung in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland