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Das Geschlechterverhältnis in der Moderne: Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen

Seminararbeit 2001 17 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Individualisierung und Pluralisierung
2.1 Theoretischer Hintergrund und Definitionen
2.2 Moderne Gesellschaften zwischen Freiheit und Zwang

3. Moderne Lebensläufe und Geschlechterrelevanz
3.1 Die Integration der Frau in die Erwerbsarbeit
3.2 Neue Lebenslaufsmodelle junger Frauen

4. Doppelte Lebensführung, doppelte Belastung
4.1 Zwischen Wunsch und Wirklichkeit
4.2 Beispiel: Sozialgeschichte der Ehe
4.3 Beispiel: Familienalltag

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner schriftlichen Ausarbeitung zu dem Referatsthema „Das Geschlechterverhältnis in der Moderne: Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen.“ Stütze ich mich hauptsächlich auf das Buch, von Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim (Hrsg.): „Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften“. Zunächst werde ich mich mit einer Begriffsklärung (Was bedeutet Individualisierung?), sowie mit theoretischen Grundlagen und Fragen auseinandersetzen, bevor ich auf die Rolle der Frau im Allgemeinen und auch im Konkreten gesellschaftlichem Zusammenhang eingehen werde. Konzentrieren werde ich mich dabei auf die so genannte doppelte Lebensführung, auf die Lebensführung von Frauen die Beruf und Familie gleichermaßen zu bewältigen haben.

2. Individualisierung und Pluralisierung

2.1 Theoretischer Hintergrund und Definitionen

Die Individualisierungstheorie vertritt den Standpunkt, dass eine Analyse aus der Sicht der Individuen angebracht beziehungsweise notwendig sei, und dass Analysen und Theorien die diese nicht mit einbeziehen, die soziale Realität unmöglich begreifen können.[1]

Individualisierung ist ein Ensemble gesellschaftlicher Entwicklungen und Erfahrungen, welches besonders gekennzeichnet ist durch zwei Aspekte:

Erstens die Auflösung vorgegebener sozialer Lebensformen wie etwa von Staatsformen, Familie, Klasse, Stand etc., sowie zweitens durch die Einbindung in institutionell vermittelte Beziehungen, Anforderungen, Kontrollen, Zwänge (wie dem Arbeitsmarkt, der Wohlfahrt, der Bürokratie, etc.), die auf das Individuum besonders ausgerichtet sind, sowie durch die Einbindung in neue Lebenslaufmodelle.[2]

Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim sprechen hier von einem historisch neuen Individualismus (im Gegensatz zur Renaissance), dem institutionalisierten Individualismus. Das heißt, dass immer mehr Menschen an der Individualisierung teilhaben, und dass diese von der Gesellschaft noch gefördert oder sogar auferlegt wird.

„Das Neue ist erstens die Demokratisierung von Individualisierungsprozessen und zweitens (eng damit zusammenhängend) die Tatsache, dass Grundbedingungen der Gesellschaft Individualisierungen begünstigen beziehungsweise [auch] erzwingen (Arbeitsmarkt, Mobilitäts- und Ausbildungsanforderungen, Arbeits- und Sozialrecht, Rentenvorsorge etc.): die institutionalisierte Individualisierung.“[3]

Entgegen der zitierten These berufen sich Institutionen dennoch auf eine antiquierte Vorstellung von Individuen. Heute findet eine solche Pluralisierung von Lebensformen statt (Vielzahl neuer Lebensentwürfe, Bastel- und Drahtseilbiographien[4]), dass Individuen zu einem nicht mehr kalkulierbaren Störfaktor werden. Der Versuch zu normieren und zu standardisieren muss notwendigerweise fehlschlagen.[5]

Die Individualisierungstheorie steht zum Teil diametral entgegengesetzt zur klassischen Soziologie und stellt diese gewissermaßen in Frage. Das wird deutlich in der Kritik an der traditionellen Familiensoziologie:

„Im modernen Lebenslauf mit seiner Bildungs- und Arbeitsmarktrelevanz für den Einzelnen scheinen familienzyklische und erwerbsarbeitslineare Anforderungsprofile familial und kulturell nicht mehr über komplementäre Lebensführungen zwischen den Geschlechtern eingelöst werden zu können, und damit gerät nicht nur die Familie als Institution ins trudeln, sondern es labilisiert sich auch die familiensoziologische Grundannahme von der relativen Abgrenzbarkeit ihres Gegenstandes.“[6]

2.2 Moderne Gesellschaften zwischen Freiheit und Zwang

„Die Menschen sind zur Individualisierung verdammt. Individualisierung ist ein Zwang, ein paradoxer Zwang allerdings, zur Herstellung, Selbstgestaltung, Selbstinszenierung nicht nur der eigenen Biographie, sondern auch ihrer Einbindung und Netzwerke, und dies im Wechsel der Präferenzen und Lebensphasen und unter dauernder Abstimmung mit anderen und den Vorgaben von Arbeitsmarkt, Bildungssystem, Wohlfahrtsstaat usw.“[7]

Beck, Beck-Gernsheim gehen davon aus, dass in der Moderne alle Freiheiten wie Liebe, Religion, Moral, etc. zu riskanten Freiheiten werden.[8] Absicherungen durch Institutionen wie zum Beispiel der Kirche existieren nicht mehr, in der Form eines allgemeingültigen Sicherheitsgaranten. Im Gegenzug erhält das Individuum aber freie Wahlmöglichkeiten im Dschungel institutioneller Anforderungen.

Die vielen Möglichkeiten, die sich dem Individuum bieten sind gekennzeichnet von Komplexität, Diskontinuität, Unübersichtlichkeit und Risiken. So gibt es keine linear verlaufenden Biographien mehr, sondern vielmehr Biographien zum selber basteln, Eine Regeldichte, bestehend aus institutionellen Vorgaben (Wohlfahrt, Bafög, Arbeitslosenhilfe,...), führt also zu so genannten Bastel- oder auch Drahtseilbiographien.

Angesichts der vielen Wahlmöglichkeiten sind Ungewissheit und Ratlosigkeit kennzeichnend für das moderne Subjekt. Die falsche Wahl gepaart mit einer Niederlage im Privaten führt schnell zur „Bruchbiographie“.[9]

Die Entscheidungen über Schulabschluss, Ausbildung, Beruf, Partnerschaft, Elternschaft, Verdienst, etc. werden begleitet von Anforderungen was Flexibilität, Mobilität etc. angehen. Lässt man sich zum Beispiel auf eine Partnerschaft ein, so ist man an diese gebunden. Noch problematischer gestaltet sich die Familiengründung, insbesondere die Mutterschaft, für die Planung der eigenen Biographie, da sie einen Bruch in der Erwerbstätigkeit mit sich bringt.

Der Wohlfahrtsstaat ist auf Individuen ausgerichtet, das heißt er setzt Erwerbstätigkeit beziehungsweise -bereitschaft, Bildungsbeteiligung, Mobilität und Flexibilität voraus. Das gilt insbesondere für Frauen, da sie mit dem Eintritt in die Erwerbstätigkeit einer doppelten Belastung ausgesetzt sind und im Gegenzug bei familialen Angelegenheiten nicht entlastet werden. Selbstständigkeit vermengt mit fehlender sozialer Integration kann zu Unsicherheit führen.

Im Sinne der Aufklärung meint Individualisierung Autonomie. (Selbstständigkeit, Emanzipation,...) Allerdings hat sich diese mit Anomie (fehlende soziale Integration) vermengt. So kann Selbstständigkeit von Vereinzelung begleitet sein.

[...]


[1] Vgl.: Beck, U./ Beck-Gernsheim, E.: Individualisierung in modernen Gesellschaften –Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie in Beck, U./Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1994, 26-32

[2] Vgl.: Beck, U./ Beck-Gernsheim, E.: Individualisierung in modernen Gesellschaften –Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie, S.11 und Geissler, B./ Oechsele, M.: Lebensplanung als Konstruktion: Biographische Dilemmata und Lebenslauf-Entwürfe junger Frauen, S.139 beide in Beck, U./Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1994,

[3] Beck, U./ Beck-Gernsheim, E.: Individualisierung in modernen Gesellschaften –Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie in Beck, U./Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1994, S.21

[4] Werde ich im folgenden Kapitel näher drauf eingehen

[5] V gl. : Beck, U./ Beck-Gernsheim, E.: Individualisierung in modernen Gesellschaften –Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie in Beck, U./Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1994, S.32

[6] Born, C./Krüger, H/Lorenz-Meyer, D.: Der unentdeckte Wandel: Annäherung an das Verhältnis von Struktur und Norm im weiblichen Lebenslauf, Berlin 1996, S.20

[7] Beck, U./ Beck-Gernsheim, E.: Individualisierung in modernen Gesellschaften –Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie in Beck, U./Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1994, S.14

[8] Beck, U./Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1994

[9] Vgl.: Beck, U./ Beck-Gernsheim, E.: Individualisierung in modernen Gesellschaften –Perspektiven und Kontroversen einer subjektorientierten Soziologie in Beck, U./Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt a. M. 1994, S.14

Details

Seiten
17
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638880114
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81547
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Geschlechterverhältnis Moderne Individualisierung Pluralisierung Lebensformen Soziologischer Sicht

Autor

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