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Georg Simmel und die Soziologie des Fremden

Seminararbeit 2003 17 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. EINORDNUNG
2.1 GEORG SIMMEL: SOZIOLOGIE DES FREMDEN
2.2 ROBERT E. PARK UND DER ‚MARGINAL MAN’

3. VERSCHIEDENE ASPEKTE DES FREMDEN
3.1 DIE GENESE DER GRUPPE
3.2 DER FREMDE ALS HÄNDLER
3.3 DER FREMDE ALS ELEMENT DER GRUPPE
3.4 DIE OBJEKTIVITÄT DES FREMDEN
3.5 NÄHE UND DISTANZ

4. DIE MODERNE GROSSSTADT

5. FAZIT

LITERATUR

1. EINLEITUNG

Nach der Einordnung des Exkurs über den Fremden in das Gesamtwerk Simmels, sowie der Erläuterung der Bedingungen für die Existenz des Fremden, also der Erweiterung der Gruppe, werde ich, um die Besonderheiten der Simmelschen Sichtweise auf den Fremden zu verdeutlichen, zunächst diese ergänzend und kontrastiv anhand der Definition des ‚marginal man’ von Robert Ezra Park hervorarbeiten.

Robert Ezra Park ist einer der wichtigsten Vertreter der so genannten ‚Chicagoer Schule’ gewesen. Er war im Rahmen eines mehrjährigen Deutschlandaufenthaltes selber Schüler Simmels, hat diesen rege rezipiert und mit dafür gesorgt, dass Simmels Überlegungen früh schon in die amerikanische Soziologie ihren Eingang fanden. Seine Konzeption des ‚marginal man’ stellt eine mögliche Weiterentwicklung des Theoriegebildes Georg Simmels dar.

„Park verleiht dem Fremden die kosmopolitischen Wesenszüge, die Simmel bereits seinem Großstädter zugedacht hatte, und die beide am markantesten in der Figur des emanzipierten Juden als dem >>ersten Weltbürger<< verkörpert sehen“.[1]

2. EINORDNUNG:

2.1 GEORG SIMMEL: SOZIOLOGIE DES FREMDEN

Georg Simmel verschreibt sich nicht einer einzelnen spezifischen weltanschaulichen Strömung, vielmehr anerkennt er deren prinzipielle Vielfalt und Eigenarten an und entwirft ein „spezifisch neues Denken“[2], welches sich vor allem in Relationen und Wechselwirkungen manifestiert. Es ist „genau dieser Denkstil, der ihn heute wieder modern erscheinen lässt.“ Schon „um 1900 [hatte Simmel] eine intellektuelle Höhe und Tiefenschärfe des kulturtheoretischen“ und soziologischen Denkens erreicht, von der seine Schüler noch lange profitieren sollten. Sein Werk wurde insbesondere innerhalb der ‚Chicagoer Schule’ in den USA rege rezipiert; in Deutschland ging es in den 1960ern innerhalb der ‚Frankfurter Schule’ erneut in den Diskurs ein.

Eingebettet in das neunte Kapitel „Der Raum und die räumliche Ordnungen der Gesellschaft“ des umfangreichen Werkes Georg Simmels „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ erschien der „Exkurs über den Fremden“ erstmals 1908. Nicht losgelöst, sondern eben als Teil jenes Werkes soll hier der Fremde mit seinen besonderen Eigenschaften und den besonderen Wechselwirkungsformen in welchen er sich entwickelt und bewegt betrachtet werden.

Aber nicht nur die soziologischen Raumstrukturen welche der Fremde bildet und durch die er gebildet wird, sondern eben auch der geschichtliche Entwicklungsprozess der Gruppe, welcher durchaus als Bedingung, Ursache und Wirkung des Fremden gesehen werden kann, sollte zum Verständnis der Soziologie des Fremden beitragen. Denn erst durch die wechselseitig entsandten Fremden zweier zuvor strikt voneinander getrennter Gruppen entwickelt sich gewissermaßen eine Dynamik, welche Wandel und Annäherung dieser vorantreibt, und welche in der modernen Metropole gipfelt.

2.2 ROBERT E. PARK UND DER ‚MARGINAL MAN’

„Allgemein handelt es sich“ bei dem Konzept des ‚marginal man’ „um einen Menschen, der sich (...) im Grenzbereich zweier Kulturen befindet, der an zwei Kulturen teilhat, ohne einer wirklich anzugehören.“[3] Der ‚marginal man’ ist, wie Michael Makropoulos deutlich macht, der ‚Mann auf der Grenze’, also der Mensch, der sich in der Schnittstelle mehrerer Kulturen bewegt. Als Randseiter kann er nur im Hinblick auf eine homogene Gruppe, von welcher er abgetrennt ist, gesehen werden.[4]

Robert E. Park bezeichnet seinen so entworfenen Typus auch als ‚cultural hybrid’, den kulturellen Mischling. Er vereint in sich gewissermaßen alle die Eigenschaften, welche die moderne Großstadt kennzeichnen, indem er „gewissermaßen der Träger kulturellen Wandels“[5] ist, welcher sich wohl nirgends sonst so verdichtet beobachten lässt, wie in der amerikanischen Metropole im frühen 20sten Jahrhundert. Explizit im Chicago der 1920er und 1930er Jahre, welches gekennzeichnet war von großen Einwanderungswellen und explosivem Wachstum.

3. VERSCHIEDENE ASPEKTE DES FREMDEN

3.1 DIE GENESE DER GRUPPE

Simmel geht, verkürzt dargestellt, davon aus, dass in der Vergangenheit mehrere kleinere Gruppen existierten, welche untereinander kaum Kontakt pflegten. Diese Gruppen waren höchst heterogen nach außen, jedoch nach innen homogen organisiert. Mit dem quantitativen Anwachsen einer Gruppe, bzw. ihrer soziologischen Spannkräfte, welche nicht „immer mit der Kleinheit oder Größe der Gruppe“[6] sondern vielmehr mit der „Enge und Weite des Rahmens“ zusammenfallen, erwächst die Notwendigkeit der Differenzierung unter den Mitgliedern. Sie werden sich neue Wege der Auf- beziehungsweise Verteilung von Rechten und Pflichten innerhalb ihrer Gesellschaft suchen müssen, was die Entwicklung der Individualisierung begünstigt.[7] Zugleich werden dadurch, dass die Mitglieder keine geschlossene Einheit mehr bilden Lücken entstehen, d.h., die Gruppe wird nun, da sie sich öffnet, sowohl Fremden die Möglichkeit des Hinzukommens gewähren können als auch ihren Mitgliedern die des Fremdwerdens in einer anderen Gesellschaft.

„Die Differenzierung und Individualisierung lockert das Band mit den nächsten, um dafür ein neues – reales und ideales – zu den Entfernteren zu spinnen.“[8]

Individualität fördert also die Hinwendung zum Fremden, was insbesondere auch bezüglich der persönlichen Beziehungsebene zwischen Menschen gilt.[9]

3.2 DER FREMDE ALS HÄNDLER

Historisch tritt der Fremde zunächst als Händler in Erscheinung. Zum Fremden im Simmelschen Sinne wird der Händler erst, wenn er sich entschließt zeitweise an einem Ort zu bleiben und sich etabliert, selbstverständlich ohne dass er dabei die Möglichkeit des Weiterziehens jemals ausschließen könnte, denn diese ist gewissermaßen tief in seiner Persönlichkeit verwurzelt.

„Es ist hier (...) der Fremde nicht in dem (...) Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potentiell Wandernde, der obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.“[10]

In Gesellschaften in welchen „eigentlich die wirtschaftlichen Positionen schon besetzt sind“[11] und nur der Handel mit nicht landesüblichen Waren (also der Zwischenhandel innerhalb der wirtschaftlichen Sphären an einem Raumpunkt) einen Eintritt in die Gesellschaft erlaubte, also nur der Handel immer noch mehr Menschen aufnehmen kann und auch nur hier „die Intelligenz immer noch Erweiterungen“ findet, ist es nur nahe liegend, dass der Fremde immer nur als Händler auftritt. Das klassische Beispiel für den Fremden als Händler ist die Geschichte der europäischen Juden. Wobei, was Simmel nicht berücksichtigt, die europäischen Juden nicht nur weil sie Fremde waren zu Händlern wurden. Eigentlich übernahmen sie eine Aufgabe, die der christlichen Bevölkerung moralisch untersagt war (das Geldgeschäft galt als schmutzig und unvereinbar mit religiösen Werten). Zudem wurde ihnen die Ausübung eines Handwerks zum Broterwerb verwehrt, indem sie aus Zünften ausgeschlossen wurden. Die europäischen Juden wurden regelrecht in den Funktionsbereich des Handels hineingedrängt. Ein Phänomen, welches sich fortsetzt, betrachtet man zum Beispiel die Anwerbung von Gastarbeitern in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg, oder, um eine aktuelleres Beispiel anzuführen, die Diskussion über die ‚Greencard’, wobei Fremde ebenfalls Aufgaben übernehmen, die die Einheimischen aus verschiedenen Gründen nicht übernehmen wollen oder wozu ihnen das ‚Knowhow’ fehlt. Simmel stellt klar, dass die besonderen Wechselwirkungsformen des Fremden gleichermaßen auch die des Händlers sind. Der Fremde als Händler (bzw. der Händler als Fremder) ist es, der neue Qualitäten von außen in die Gruppe hinein bringt, sei es in Form von bislang unbekannten Produkten oder fremden Traditionen, Innovation usw.

[...]


[1] Reuter 2002: S.100

[2] Vgl.: Lichtblau 1997: S.14; die folgenden Zitate ebd. S.14 u. 13

[3] Lindner 2002: S. 220

[4] Vgl.: Makropoulos 26.04.03: 9f

[5] Reuter 2002: S.95

[6] Simmel [1908] 1992, S.703; folgendes Zitat ebd.

[7] „Die Elemente des differenzierten Kreises sind undifferenziert, die des undifferenzierten Kreises differenziert.“ Simmel [1908] 1992, 797

[8] Simmel [1908] 1992, S.795

[9] Vgl.: Simmel [1908] 1992, S.741

[10] Simmel [1908] 1992, S. 764

[11] Simmel [1908] 1992, S. 766; Folgendes Zitat ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638866064
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81545
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Georg Simmel Soziologie Fremden

Autor

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Titel: Georg Simmel und die Soziologie des Fremden