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Die Bedeutung des Auslandseinsatzes für das berufliche Selbstverständnis von Soldaten

Magisterarbeit 2005 103 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Einordnung und Begründung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Von der Verteidigungs- zur Einsatzarmee
2.1 Neue Aufgaben der Bundeswehr
2.2 Zur Anpassung auf der Makroebene
2.3 Zur Anpassung auf der Mikroebene

3. Zur Militär- und Organisationssoziologie
3.1 Militärsoziologie – ein Überblick
3.2 Zur Subjektperspektive in der Organisationssoziologie
3.3 Die Bundeswehr als Organisation
3.4 Zum bürokratischen Charakter der Bundeswehr

4. Die abhängige Variable: Das berufliche Selbstverständnis
4.1 Zum Begriff der Einstellung
4.2 Drei Ebenen des beruflichen Selbstverständnisses
4.3 Zur Identitätsfunktion des Berufes
4.4 Drei Typen des Berufsverständnisses

5. Einflussfaktoren
5.1 Zwischenmenschliche Beziehungen
5.2 Lohn
5.3 Anerkennung
5.4 Selbstverwirklichung
5.5 Beförderungen
5.6 Inhalt der Arbeit
5.7 Arbeitsprinzipien
5.8 Bewertung des Bundeswehr
5.9 Wertebewußtsein
5.10 Identifikation mit der Rolle

6. Empirische Ergebnisse
6.1 Entwicklung des Fragebogens
6.2 Eigenschaften der Antwortgruppen
6.3 Überprüfung der Hypothesen
6.3.1 Zwischenmenschliche Beziehungen
6.3.2 Lohn
6.3.3 Anerkennung
6.3.4 Selbstverwirklichung
6.3.5 Beförderungen
6.3.6 Inhalt der Arbeit
6.3.7 Arbeitsprinzipien
6.3.8 Bewertung der Bundeswehr
6.3.9 Wertebewußtsein
6.3.10 Identifikation mit der Rolle
6.4 Zur Berufszufriedenheit
6.5 Zur aktionalen Ebene des beruflichen Selbstverständnisses
6.6 Arbeitsmotivation
6.8 Job oder Berufung

7. Zusammenfassung und Ausblick

8. Literaturverzeichnis

TABELLEN- UND ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Tabelle 1: Auslandseinsätze der Bundeswehr

Abbildung 1: Three-Component View of attitudes

Abbildung 2: Teilnahme an Auslandseinsätzen

Abbildung 3: Dienstgradgruppen

Tabelle 2: Durchschnittsalter

Tabelle 3: Durchschnitt Dienstjahre

Abbildung 4: Antwortverteilung zur Aussage(6.2) „Ich habe unter meinen Kameraden gute Freunde.“

Abbildung 5: Antwortverteilung zur Aussage (6.21) „Auf meine Kameraden kann ich mich immer verlassen.“

Abbildung 6: Antwortverteilung zur Aussage (6.8) „Mit der Höhe meines Soldes bin ich nicht zufrieden.“

Abbildung 7: Antwortverteilung zur Aussage (6.20) “Meine Arbeit als Soldat wird in der Öffentlichkeit ausreichend anerkannt.“

Abbildung 8: Antwortverteilung zurAussage (6.22) “ Ich hatte bei meiner Arbeit bisher selten die Möglichkeit, meine eigentliche Talente und Fähigkeiten einzusetzen.“

Abbildung 9: Antwortverteilung zur Aussage (6.3) „Ich hatte bei der Arbeit bisher die Möglichkeit, Neues zu lernen und mich weiterzuentwickeln.“

Abbildung 10: Antwortverteilung zur Aussage (6.24) „Das Vorgehen bei Beförderungen ist oft ungerecht.“

Abbildung 11: Antwortverteilung zur Aussage (6.10) „Meine Arbeit ist sinnvoll.“

Abbildung 12: Antwortverteilung zur Aussage (6.13) „Wenn es die Umstände erfordern, können Vorschriften und Befehle schon ´mal großzügig ausgelegt werden.“

Abbildung 13: Antwortverteilung zur Aussage (6.9) „Im internationalen Vergleich mit den anderen NATO-Armeen nimmt die Bundeswehr einen Spitzenplatz ein.“

Abbildung 14: Antwortverteilung zur Aussage (6.27) „Es ist meine Pflicht als Soldat, die Menschenrechte zu verteidigen und Menschen in Not zu helfen.“

Abbildung 15: Antwortverteilung zur Aussage (6.26) „Es ist nicht Aufgabe der Bundeswehr, für die Freiheit anderer Völker zu kämpfen.“

Abbildung 16: Selbsteinschätzung bezüglich des Attribute selbstlos/egoistisch

Tabelle 4: Selbsteinschätzung bezüglich der stereotypen Attribute des Soldaten

Abbildung 17: Berufszufriedenheit

Tabelle 5: Auswirkung mehrerer Variablen auf die Berufszufriedenheit

Abbildung 18: Antwortverteilung zur Aussage (6.7) „Ich kann den Soldatenberuf weiterempfehlen.“

Abbildung 19: Antwortverteilung zur Aussage (6.14) „Ich hätte einen anderen Beruf ergriffen, wenn sich die Gelegenheit dazu geboten hätte.“

Abbildung 20: Antwortverteilung zur Aussage (6.18) „Ich beschäftige mich in meiner Freizeit mit sicherheitspolitischen Themen..“

Abbildung 21: Antwortverteilung zur Aussage (6.1) „Mein Beruf ist meine Leidenschaft.“

Abbildung 22: Antwortverteilung zur Aussage (6.23) „Ich bin vor allem bei der Bundeswehr, weil ich hier viel Geld verdienen kann.“

1. Einführung

Vom Balkan über Djibouti bis Afghanistan, von der Beobachtermission bis zum Kampf gegen den internationalen Terrorismus: In Krisenregionen auf drei Kontinenten sind derzeit Soldaten der Bundeswehr aktiv. Nach den Vereinigten Staaten von Amerika stellt Deutschland die meisten Soldaten für internationale Einsätze.

Im Gegensatz zu beispielsweise den Armeen der USA, Frankreichs oder Großbritanniens ist die Bundeswehr im internationalen Krisenmanagement jedoch noch ein „Newcomer“, der sich auf die Herausforderungen auf globalem Parkett erst einzustellen hat. Ein umfangreicher Umstrukturierungsprozess der Streitkräfte wurde hierfür angestoßen.

Gleichzeitig wertet die Bundeswehr die Erfahrungen der Rückkehrer aus dem Einsatz aus, um etwa Mängel in der Versorgung, Betreuung oder Organisation zu erkennen und diesen entgegenzusteuern. Auf diese Weise können Motivationseffekte erzielt und die Arbeit im Einsatz effizienter gestaltet werden.

Nicht Nachgegangen wurde bisher allerdings der Frage, welche Auswirkungen der Auslandseinsatz auf die Einstellung zum Soldat-Sein insgesamt, also zum beruflichen Selbstverständnis der Soldaten besitzt.[1] Mit dieser Studie soll ein Beitrag geleistet werden, um diese Lücke zu schließen: Mittels eines Fragebogens wird das berufliche Selbstverständnis von Bundeswehrsoldaten mit bzw. ohne Einsatzerfahrung erhoben und vergleichend gegenüber gestellt.

Besondere Relevanz erfährt diese Fragestellung dann, wenn man die Bundeswehr aus dem Blickwinkel der Organisationssoziologie betrachtet. Die Einordnung des Themas in den Bereich der Organisationssoziologie und die hierauf aufbauende Begründung der Arbeit findet im Folgenden statt.

1.1 Einordnung und Begründung der Arbeit

Die vorliegende empirische Untersuchung zur Bedeutung des Auslandseinsatzes für das berufliche Selbstverständnis von Soldaten der Bundeswehr fällt eo ipso in den Forschungsbereich der Militärsoziologie. Präziser: Dem Zweig der Militärsoziologie, dessen Forschungsgegenstand das Militär als Organisation sowie der soldatische Beruf ist. Gleichzeitig lässt sich dieser Bereich der Militärsoziologie auch als Teilgebiet der Organisationssoziologie verstehen und bildet damit eine der Schnittstellen dieser beiden soziologischen Disziplinen.

Aus organisationssoziologischer Perspektive ist der deutsche Militärapparat vor allem eines: Eine hochbürokratische Organisation; viele postulierten Eigenschaften bürokratischer Organisationen lassen sich in der Bundeswehr nachweisen.

Eine Besonderheit bürokratischer Organisationen tritt vor allem in Phasen des Wandels deutlich hervor: Sie erweisen sich oft als zäh und reformunwillig.[2] Oft ist es der Widerstand der Organisationsmitglieder, der Reformprozesse erschwert oder sogar zum vorzeitigen „Ende einer Dienstfahrt“ führt, um es in Heinrich Bölls Worten zu sagen. Ein Grund hierfür ist mit Sicherheit die Angst der Mitarbeiter vor dem Neuen, gerade weil sie durch die bürokratische Organisationskultur Stabilität und Berechenbarkeit gewohnt sind. Aber auch generell lässt sich sagen, dass Menschen von ihrer Natur her auf eine stabile Umwelt hin angelegt sind und Veränderungen gegenüber meist erst einmal skeptisch eingestellt sind.[3] Sie bevorzugen das Gewohnte und neigen durch selektive Wahrnehmung dazu, ständig nach Bestätigungen für die Überlegenheit des Status quo gegenüber dem Neuen zu suchen.[4]

Widerstände gegen den Umstrukturierungsprozess der Bundeswehr spiegeln sich u.a. in den Eingaben beim Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Dr. Wilfried Penner, wieder. Viele Eingaben beziehen sich auf Schwierigkeiten, die durch den ununterbrochenen Anpassungsdruck im Zuge des „Umbaus“ der Bundeswehr entstehen.[5]

Um diesen Widerständen entgegenwirken zu können, ist es wichtig, die Einstellungen der Mitglieder zur eigenen Organisation (in diesem Fall der Soldaten zur Bundeswehr) ihrer Rolle in der Organisation, sowie die durch die Umwandlungen der Organisation evozierten Einstellungsänderungen zu kennen, um dieses Wissen als konstituierendes Moment in den Reformprozess mit einfließen zu lassen.[6]

Da das internationale Krisenmanagement mittlerweile zur Hauptaufgabe der Bundeswehr herangewachsen ist und dementsprechend ein immer größerer Anteil der deutschen Soldaten Einsatzerfahrung besitzt, erfährt der Versuch einer Konnektion von Einsatzerfahrung und beruflichem Selbstverständnis zusätzliche Berechtigung. Denn es ist davon auszugehen, dass die Einsatzerfahrung prägenden Charakter auf die Einstellung der Soldaten zu ihrem Beruf besitzt.

In diesem Sinne liegt dieser Studie die Hoffnung zu Grunde, dass die gewonnen Erkenntnisse über die Bedeutung des Auslandseinsatzes für das berufliche Selbstverständnis auch für Kommunikation des Reformprozesses gegenüber den eigenen Soldaten nutzbar gemacht werden können. Und zwar in dem Sinne, dass größeres Verständnis für die Umstrukturierungen erzeugt wird. Denn die Menschen in der Organisation sind es, die den Wandel tragen und daher gilt es, sie dafür zu gewinnen.

1.2 Aufbau der Arbeit

Nach diesem ersten einführenden Teil dient das zweite Kapitel der Darstellung der neuen Aufgaben der Bundeswehr nach der geostrategischen Wende Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts sowie dem Reformprozess, der durch diese notwendig wurde.

Am Ende dieses Abschnitts wird besonders in Blick genommen, welche Anforderungen an die Akteure der Reform auf der Mikroebene – also der Ebene des einzelnen Soldaten – mit dem Reformprozess einhergehen und inwieweit diese Forderungen bereits erfüllt wurden.

Der dritte Hauptteil dient der Einordnung der Arbeit in ihren theoretischen Bezugsrahmen. Hierzu wird in einem ersten Schritt in einer kurzen Tour d´horizon ein Überblick in die verschiedenen Bereiche der militärsoziologischen Forschung gegeben. Den Schwerpunkt bildet hier der militärtheoretische Bereich „Organisation und Beruf“, in den diese Arbeit fällt.

In einem zweiten Schritt wird die subjektorientierte Forschungsperspektive vorgestellt. Die grundlegenden Forderungen und Elemente der Subjektperspektive in der Organisationssoziologie werden dargelegt und auf diese Arbeit übertragen.

Drittens gilt es die Bundeswehr als bürokratische Organisation darzustellen. Dies ermöglicht, Erkenntnisse der Organisationssoziologie über die Auswirkungen einer bürokratischen Organisationsstruktur auf das berufliche Selbstverständnis für die Untersuchung fruchtbar zu machen.

Im vierten Hauptteil wird die abhängige Variable, das berufliche Selbstverständnis, definiert. Dies erfolgt über den aus der Psychologie stammenden Begriff der „Einstellung“. Darauf aufbauend wird die Identitätfunktion des Berufes dargestellt, da sie entscheidende Erklärungsgröße für das berufliche Selbstverständnis darstellt. Zudem werden drei klassische Typen von Berufsverständnissen vorgestellt, die später als Orientierungsrahmen zur Einordnung der empirischen Ergebnisse fungieren.

Die Entwicklung der Hypothesen erfolgt im fünften Abschnitt der Arbeit. Hier gilt es in erster Linie, dem Auslandseinsatz immanente Einflussgrößen auf das berufliche Selbstverständnis herauszuarbeiten. Als Grundlage werden Erkenntnisse aus der Organisationssoziologie sowie Theorien der Sozialpsychologie bemüht. Solch interdisziplinäres Vorgehen ist hier nur konsequent, da es von ihren Fragestellungen her gerade im Bereich der subjektorientierten Soziologie viele Überschneidungen mit der Psychologie gibt.[7]

Mit dem 6. Hauptabschnitt beginnt der empirische Teil dieser Arbeit. Hier wird zuerst die Entwicklung des Fragebogens geschildert. Anschließend der Untersuchungsverlauf sowie die empirischen Befunde dargestellt.

Das abschließende siebte Kapitel dient der Zusammenfassung und Einordnung der wichtigsten Ergebnisse und verweist auf mögliche Anknüpfungspunkte für zukünftige Untersuchungen.

2. Von der Verteidigungs- zur Einsatzarmee

Das Ende der bipolaren Weltordnung zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts bedeutete eine grundlegende Veränderung der geostrategischen Lage Deutschlands. Die Konfrontation der beiden politischen Blöcke hat mit der Auflösung des Warschauer Paktes und der UdSSR im Jahr 1991 ihr Ende gefunden. Die sicherheitspolitische und strategische Lage Deutschlands hat sich damit grundlegend verbessert. Eine unmittelbare Bedrohung der Bundesrepublik Deutschland und seiner Verbündeten der NATO mit massiven konventionellen Kräften besteht heute eher nicht mehr – auch wenn sie nicht kategorisch ausgeschlossen werden kann. Zudem hat sich die Vorwarnzeit eines potentiellen Angriffs auf die Bundesrepublik deutlich erhöht.

Diese Entwicklungen führten Anfangs der 90er Jahre zunächst zu Legitimationsproblemen der Bundeswehr in der Öffentlichkeit[8] sowie zur Forderung eines massiven Abbaus des Umfangs der Streitkräfte und der Verteidigungsausgaben. Gleichzeitig wurde jedoch auf außenpolitischer Seite Stimmen laut, die eine größere Verantwortung der Bundesrepublik Deutschlands auf internationaler Bühne postulierten. Diese Forderungen der Bündnispartner richteten sich anfangs vor allem auf friedenserhaltende Maßnahmen im Rahmen der Vereinten Nationen. Doch bereits im Jahr 1991 – im Rahmen des Golfkrieges – war klar, dass die NATO-Bündnispartner auch eine aktive Teilnahme Deutschlands an Kampfeinsätzen erwarten.[9]

2.1 Neue Aufgaben der Bundeswehr

Im Zuge des Jugoslawien-Krieges kam Deutschland der Forderung seiner Bündnispartner nach einer aktiven Teilnahme auch in Kampfeinsätzen nach. Am 16. Oktober 1998 verabschiedete sich der Bundestag von dem außenpolitischen Grundsatz, keine Soldaten in ausländische Kampfeinsätze zu schicken. Nach dem Scheitern der diplomatischen Bemühungen war es dann am 24. März 1998 so weit. Im Rahmen der Operation „Allied Force“ begann die NATO mit Luftangriffen auf das ehemalige Jugoslawien. Unter den ersten Kampfflugzeugen waren vier „Tornados“ der Bundesluftwaffe.[10]

Die Hauptkraftanstrengungen der Bundeswehr richten sich allerdings auf „peace-keeping-Aufträge“ wie der ISAF-Einsatz in Afghanistan, der KFOR-Einsatz im Kosovo sowie der SFOR-Einsatz in Bosnien-Herzegowina.

Mittlerweile ist die Bundeswehr zum einem „Global Player“ auf dem militärischen Parkett avanciert. Mit rund 7.300 Soldaten ist die Bundeswehr derzeit in internationalen Einsätzen tätig, in sieben Missionen auf drei Kontinenten. Damit zählt Deutschland zu den größten Truppenstellern weltweit.

Einen kurzen Überblick über die größeren aktuellen Auslandseinsätze der Bundeswehr liefert folgende Tabelle:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Auslandseinsätze der Bundeswehr[11]

2.2 Zur Anpassung auf der Makroebene

Mit der „alten“ Bundeswehr, die jahrzehntelang in Kategorien der territorialen Bedrohung und territorialen Verteidigung gedacht hat, waren diese Aufgaben auf dem internationalen Parkett nicht mehr zu bewältigen. Daher galt es – und gilt es immer noch – die Bundeswehr an die neuen Herausforderungen anzupassen.

Die aufkommenden Rufe nach einer Freiwilligenarmee schienen in diesem Zusammenhang angesichts der neuen Rahmenbedingungen nur konsequent. Nach langen Jahren der Diskussion scheinen sich die Bundesregierung und die Vertreter der größten Oppositionspartei aber mittlerweile einig, die bisherige Mischung aus Wehrpflichtigen, Zeit- und Berufssoldaten beizubehalten. Dennoch ist die Diskussion um die Umstrukturierung der Bundeswehr hin zu einer Freiwilligenarmee nie ganz abgeebbt.

Angepasst an die neuen Aufgaben der Bundeswehr haben sich die politischen und militärischen Planer aber insoweit, als sie für die Streitkräfte eine neue Struktur schufen. Mitte der 90er Jahre wurden die so genannten Krisenreaktionskräfte (KRK) ins Leben gerufen, die in erster Linie die neuen Aufgaben bewältigen sollten. Sie setzen sich aus Berufs- und Zeitsoldaten und freiwillig länger dienenden Wehrpflichtigen zusammen, und können nach entsprechendem Entschluss des Bundestages weltweit eingesetzt werden. Daneben stehen die Hauptverteidigungskräfte (HVK), die sich mit Masse aus Wehrpflichtigen rekrutieren und stark mobilmachungsabhängig sind, weiterhin für die Verteidigung im Rahmen des Bündnisses. Ergänzt werden diese beiden Komponenten durch eine militärische Grundorganisation mit Unterstützungsaufgaben.

Der Vorteil der KRK-Verbände besteht darin, dass sie es ermöglichen, „Krisen und Konflikte dort zu bewältigen, zumindest einzudämmen, wo sie entstehen“.[12]

Im Lauf der letzten Jahre haben die KRK-Kräfte einen immer höheren Stellenwert innerhalb der Bundeswehr eingenommen.

So wurde ihr Hauptauftrag – das internationale Krisenmanagement – mit dem Erlass der neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien durch den Bundesminster der Verteidigung, Peter Struck, auch zum Hauptauftrag der Bundeswehr erhoben.[13] Besonders im Gedächtnis geblieben ist dabei Strucks Begründung für den sicherheitspolitischen Kurswechsel: „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt.“[14]

Die Hauptaufgabe der HVK-Kräfte dagegen, die Landes- und Bündnisverteidigung, wurde damit gleichzeitig in ihrer Priorität zurückgestuft.

Neben dieser Prioritätenverschiebung des Auftrages der Bundeswehr beinhaltet die Weisung des Verteidigungsminsters die generelle Formel, Auftrag, Aufgaben und Ausrüstung der Truppe in ein ausgewogenes Verhältnis mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu bringen.[15] Dies erfordert unter anderem eine neue Material- und Ausbildungsplanung, ein neues Stationierungskonzept sowie die geplante Reduzierung der Streitkräfte auf 250.000 Mann und 75.000 Zivilbeschäftigte bis 2010.[16]

Um diese Forderungen erfüllen zu können, ist es notwendig, die Wirtschaftlichkeit der Bundeswehr zu verbessern. Die Einführung moderne Management-methoden – wie beispielsweise Outsourcing – soll dazu beitragen.[17]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bundeswehr sich jetzt seit ca. zehn Jahren in einem permanenten Veränderungsprozess befindet. Wie für eine bürokratische Organisation typisch, kommen die Reformen von oben und betreffen die gesamte Organisation en bloc.[18]

2.3 Zur Anpassung auf der Mikroebene

Neben den strukturellen Maßnahmen auf der Makroebene gilt es gleichzeitig, dass Anforderungsprofil für die einzelnen Mitglieder der Organisation an die neuen Bedingungen anzupassen. Im Falle der Neujustierung der Bundeswehr mit Konzentration auf das internationale Krisenmanagement wurde bereits umfassende Arbeit geleistet. Besonders das Zentrum Innere Führung in Koblenz, die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, das Sozialwissensschaftliche Institut der Bundeswehr in Strausberg sowie die zuständigen Referate der Führungsstäbe der einzelnen Teilstreitkräfte im Verteidigungsministeriums auf der Hardthöhe in Bonn haben sich an der Diskussion um die Anpassung der Berufsanforderungen des Bundeswehrsoldaten an die neuen Aufgaben der deutschen Streitkräfte beteiligt; neue Anforderungsprofile für den „modernen“ Soldaten im weltweiten Einsatz wurden entwickelt.[19]

Auf der Grundlage dieser Überlegungen und natürlich basierend auf Erfahrungen früherer Einsätze und den Erkenntnissen anderer Armeen werden die Soldaten, bevor sie in den Einsatz gehen, entsprechend vorbereitet und ausgebildet. Allein am VN-Ausbildungszentrum an der Infanterieschule des Heeres in Hammelburg wurden bereits über 50.000 Kontingentsoldaten geschult.[20]

Aufgrund von Rückmeldungen aus dem Einsatzland werden die Lehrgänge ständig neu konzipiert und entsprechend den sich wandelnden Bedingungen in den verschiedenen Einsatzgebieten angepasst.[21]

Wie bereits einleitend erwähnt, ist es für den Reformprozess wichtig, Einstellungen der Mitglieder zur Organisation und durch den Reformprozess ausgelöste Einstellungsänderungen zu kennen, um dieses Wissen als konstituierendes Moment in die organisatorische Umgestaltung mit einfließen zu lassen.

Insbesondere nach der Aufspaltung der Bundeswehr in HVK- und KRK-Kräfte gab es viele Spekulationen über einstellungsmodifizierende Folgen dieser Neustrukturierung. Kritische Stimmen wiesen darauf hin, dass innerhalb der KRK-Kräfte ein Elitebewusstsein entstehen könnte, welches zu Neid und Rivalität zwischen Soldaten dieser beiden Teile führen könnte und im Worst-Case sogar zu einem Auseinanderfallen der Streitkräfte. Durch die Presse geisterte schon das Gespenst von der Zwei- oder Mehr-Klassen-Armee.[22]

In dieser Arbeit wird allerdings davon ausgegangen, dass es nicht in erster Linie die Zugehörigkeit entweder zur KRK-Kräften oder zu HVK-Kräften ist, sondern die aktive Erfahrung des Auslandseinsatzes, die sich einstellungsbildend auf die Soldaten auswirkt.[23]

Zwar wurden im Rahmen der verschiedensten Arbeitskreise der Zentrums Innere Führung mehrere Untersuchungen zum beruflichen Selbstverständnis von Soldaten durchgeführt und zahlreiche empirische Daten über Erfahrungen von Soldaten im Einsatz gesammelt, hinsichtlich der Auswirkungen des Auslandeinsatzes auf die Einstellung zum Soldat-Sein insgesamt besteht jedoch noch Forschungsbedarf.

3. Zur Militär- und Organisationssoziologie

Wie in Abschnitt 1.1 dargestellt, lässt sich diese Arbeit in einen Schnittstellenbereich der Militär- und Organisationssoziologie einordnen. Daher wird in einem ersten Schritt ein kurzer Überblick über die militärsoziologische Forschung gegeben. Zweitens wird die Subjektperspektive in der Organisationssoziologie vorgestellt, die auch in dieser Arbeit zur Anwendung kommt. Abschließend wird die Bundeswehr als Organisation definiert und ihr bürokratischer Charakter aufgezeigt.

3.1 Militärsoziologie – ein Überblick

Innerhalb der modernen Militärsoziologie lassen sich drei Hauptforschungsrichtungen ausmachen. Die älteste kann mit dem Titel „Organisation und Beruf“ versehen werden und beschäftigt sich mit organisatorischen Problemen und Abläufen innerhalb des Militärapparates sowie der Berufsmotivation und -einstellung des Soldaten. Der zweite Bereich bezieht sich auf zivilmilitärische Beziehungen, heißt, das Militär wird in dialektischer Beziehung zu anderen gesellschaftlichen Organisationen gesetzt und Wechselwirkungen werden herausgearbeitet. Zur Kennzeichnung dieses Forschungszweiges wird nicht der Begriff „Militärsoziologie“ verwendet, sondern es wird ersatzweise von „Militär und Gesellschaft“ (englisch: „Armed Forces and Society) gesprochen.[24] Die Betrachtung der zivil-militärischen Beziehungen ist allerdings kein exklusives Studienobjekt der Militärsoziologie. Auch von Historikern und Staats- und Politikwissenschaftlern wird dieses Feld stark beackert.

Der dritte Bereich der Militärsoziologie wird im angelsächsischen Raum als „sociology of war and armed group conflict“ bezeichnet.[25]

In diese Kategorie fallen praktisch alle Konzepte, die mit Schlagworten wie Rüstungskontrolle, Abschreckungsstreitkräfte, Aufstände und Kleinkriege in der Dritten Welt und die hieraus resultierenden sicherheitspolitischen Managementprobleme (insbesondere der beiden damaligen Supermächte) gekennzeichnet werden können.[26] Ebenso wie im Forschungsbereich „Militär und Gesellschaft“ haben auch in diesem Gebiet vor allem Staats- und Politikwissenschaftler ihre wissbegierigen Fühler ausstreckt.

Anders als die Bereiche „Militär und Gesellschaft“ und „sociology of war and armed group conflict“ ist der Forschungszweig „Beruf und Organisation“ exklusiver, heißt, der Militärsoziologie bzw. der Organisationssoziologie vorbehalten. Betrachtet werden hier die Streitkräfte selbst von ihrer Binnenorganisation her, und zwar mit dem Ziel, interne Probleme zu lösen, Organisationsstrukturen effektiver zu machen und Einstellungen und Motivation der Soldaten in Führungsentscheidungen mit einzubeziehen.

Dieser Forschungsansatz ist der ursprünglichste der modernen Militärsoziologie. Seine Wiege ist die USA zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Im Dezember 1944 beauftragte das amerikanische Heer erstmals Sozialwissenschaftler mittels Methoden der kommerziellen und politischen Meinungsforschung, Informationen über Ausbildung, Führung, Einstellung, Motive und Motivation der Soldaten zu sammeln.[27] Dazu wurde ein Forschungsbereich (Research Branch) in die amerikanische Heeresleitung integriert, der aus fast 200 Sozialwissenschaftlern bestand. Klangvolle Namen, wie Dollard, Guttmann, Cantril, Lazarsfeld, Likert oder Merton, die in der Nachkriegszeit die sozialwissenschaftliche Szene in den Vereinigten Staaten berherrschten, engagierten sich in diesem Projekt. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden unter dem Titel „American Soldier“ von Samuel A. Stuffer et al[28] veröffentlicht. Dieses Werk bildet den Grundstein des Hauptstroms der heutigen Militärsoziologie, die Analyse der militärischen Organisation und Profession.[29]

In diesem Strom der Militärsoziologie bewegten sich bekannte Persönlichkeiten der Sozialwissenschaft, wie Samuel P.Huntington („The soldier and the State“), der das heutige Bild vom „Staatsbürger in Uniform“ mit den Begriffen „professional versus citizen soldier“ umschrieb und Charles Moskos („The American Enlisted Man“), der unterschiedliche Berufsrollen bzw. Soldatentypen ausmachte.

Die wohl schillerndste Figur in der Militärsosziologie ist aber Morris Janowitz (1919-1988), der vor allem in den 50er Jahren mit der Kleingruppen- und Motivationsforschung und seinen Kostruktionsmodellen von Soldaten wissenschaftliche Aufmerksamkeit erreichte.[30]

Wie die angeführten Beispiele von Vertretern des Bereiches „Organisation und Profession“ der Militärsoziologie andeutet, beschränkte sich die Forschung - und beschränkt sich auch noch immer - sehr stark auf den amerikanischen Raum. Zudem fehlen vielen Arbeiten der theoretische Hintergrund. Oft werden Ergebnisse nur aus der Sammlung und Erhebung von Daten gewonnen, die nicht in soziologische Theorien angebettet sind und daher oft relativ haltlos im wissenschaftlichem Raum schweben.

3.2 Zur Subjektperspektive in der Organisationssoziologie

In der Organisationssoziologie wurde festgestellt, dass anstatt der Makroperspektive, die lange bevorzugt wurde, eine größere Focussierung auf die „Mikropolitik“ von Organisationen mit Betonung der in ihr lebenden bzw. arbeitenden Individuen nötig sei. Büschges und Abraham fordern sogar, dass grundsätzlich, unabhängig von der Aggregationsebene des Erklärungsgegenstandes, für sozialwissenschaftliche Erklärungen auf die Ebene der handelnden Einheiten, in der Regel der Individuen, zurückgegriffen werden muss.[31]

In den 80er Jahren hat vor allem Karl Bolte mit seinen Arbeiten im Rahmen der Arbeits- und Berufssoziologie eine Lanze für eine Subjektperspektive in der Soziologie gebrochen. Das zentrale Forschungsanliegen dieser Perspektive sieht er darin, „…das wechselseitige Konstitutionsverhältnis von Mensch und Gesellschaft besonders ins Blickfeld zu rücken.“[32] Dies kann dadurch geschehen, dass gesellschaftliche Strukturen oder Strukturelemente (z.B. Arbeit in Form von Berufen, Berufstypen bestimmter Art oder Arbeitsmarktstrukturen) daraufhin analysiert werden,

1. in welcher speziellen Weise sie menschliches Denken und Handeln prägen,
2. wie Menschen bestimmter sozio-historisch geformter Individualität innerhalb dieses strukturellen Rahmens agieren und so u.a. zu seiner Verfestigung oder Veränderung beitragen und
3. wie schließlich die betrachteten Strukturen selbst einmal aus menschlichen Interessen, Denk- und Verhaltensweisen hervorgegangen sind.[33]

Subjektorientierte Soziologie sollte, so Bolte, aber nicht als neuer Theorieansatz oder gar als Analyseschema verstanden werden, dass man in ständig gleicher Form auf verschiedene Gegenstandsbereiche anwenden kann. Vielmehr geht es um eine Forschungsperspektive , d.h. um ein spezifisches „In-den-Blick-nehmen“, bei dem es darauf ankommt, vorhandene Theorieansätze so zu verwenden, dass der Forderung optimal entsprochen wird, gesellschaftlich Strukturen hinsichtlich ihrer menschenprägenden Wirkung sowie als spezifischen Rahmen und spezifische Resultante menschlichen Verhaltens darzustellen.[34]

Die Aussagen Boltes zur Subjektperspektive sind quasi Arbeitsanleitung dieser Untersuchung.

In seinem Sinne wird ein spezifisches Aggregationsniveau der Organisation „Bundeswehr“ betrachtet, nämlich die Gruppe von Soldaten, die im Einsatz waren. Untersucht wird die „menschenprägende Wirkung“ des Einsatzes im Hinblick auf das berufliche Selbstverständnis.

Der Forderung Boltes nach Theoriebezogenheit wird in dieser Arbeit im Besonderen Rechnung getragen. Auch gerade deshalb, weil ein Großteil der militärsoziologischen Untersuchungen diese vermissen lässt.

3.3 Die Bundeswehr als Organisation

Der Begriff der „Organisation“ stammt aus der Umgangssprache - so wie viele Grundbegriffe der Sozialwissenschaften. Dies hat zur Folge, dass der Begriff mehrdeutig und unbestimmt ist. Je nach Zielsetzung, Fragestellung und Objektbezug, wissenschaftlicher Perspektive, theoretischem Ansatz und Bezugsrahmen findet man die unterschiedlichsten Definitionen von „Organisation“.

Drei grundlegende Merkmale von Institutionen sind aber den meisten Definitionen gemein[35]: Sie sind erstens bewusst zur dauerhaften Erreichung eines bestimmten Ziels oder eines bestimmten Zwecks gebildet worden. Im Fall der Bundeswehr ist dieses Ziel in erster Linie die Abwehr von äußeren Gefahren, welche den Bestand der Bundesrepublik Deutschland gefährden könnten. Das Ziel bzw. der Zweck des Vorhandenseins der Streitkräfte wird durch ihren Auftrag bestimmt.

Zweitens besitzen Organisationen eine gedanklich geschaffene und allgemein verbindliche festgelegte Ordnung und Struktur. Die horizontale Strukturierung der Bundeswehr drückt sich in der Unterteilung der Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine aus. Diese Kategorien lassen sich weiter runterbrechen. So wird beispielsweise innerhalb des Heeres zwischen der Kampftruppe, den Kampfunterstützern und den Logistik- und Fernmeldetruppen sowie dem Sanitätsdienst unterschieden. Die vertikale Ordnung drückt sich in der strikten hierarchischen Struktur aus. Die Position des einzelnen Soldaten innerhalb der Organisation ist aufgrund seiner speziellen Funktion und seinem Dienstgrad genau festgelegt. Sie bestimmen sein Verhältnis zu anderen Soldaten, denen gegenüber sie gleichgestellt, vorgesetzt oder untergeben sind. Nach dem Prinzip von „Befehl und Gehorsam“ ist deren Zusammenarbeit geregelt.

Zudem müssen drittens die Aktivitäten der Mitglieder und die verfügbaren Mittel mit Hilfe der vorgegebenen Ordnung und Struktur der Organisation so koordiniert werden, dass die Erreichung des Ziels bzw. die Erfüllung des Auftrages auf Dauer gewährleistet werden kann. Ein wichtiges Instrumentarium ist dabei das „Regelwerk“ der Organisation. Im Falle der Bundeswehr besteht dieses aus einer Vielzahl von Dienstvorschriften und Befehlen.

3.4 Zum bürokratischen Charakter der Bundeswehr

Je größer eine Organisation ist, desto wichtiger ist es, dass die Handlungen der einzelnen Mitglieder weithin berechenbar sind, damit die Funktionssicherheit der Organisation als Ganzes gewährleistet werden kann.[36] Traut man Max Weber, so gibt es genau eine Strukturform, die diese Funktionssicherheit am besten gewährleistet: Die Bürokratie. In seinen Ausführungen über die Bürokratie beschreibt Weber bürokratische Strukturen aus der dimensionalen Perspektive. Das heißt, er zählt eine Reihe von Organisationsmerkmalen auf, die die bürokratische Organisation ausmachen und entwirft somit in der für ihn typischen Weise einen Idealtypus der Bürokratie.[37]

Im Anschluss an Weber haben zahlreiche Soziologen sich in ihren Erörterungen über die Bürokratie entweder direkt auf die Weberschen Formulierungen berufen[38], oder sie haben von ausgewählten Dimensionen Gebrauch gemacht, die auf dem Weberschen Modell beruhen.[39] Sechs Merkmale von bürokratischen Organisationen sind bei fast allen Autoren zu finden:

1. Eine Arbeitsteilung, die auf funktioneller Spezialisierung beruht.
2. Eine genau fixierte Autoritätshierachie.
3. Ein System von Regeln, das die Rechte und Pflichten der Positionsinhaber festlegt.
4. Ein System von Verfahrensweisen zur Bewältigung von Arbeitssituationen.
5. Unpersönlichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen.
6. Beförderung und Auslese, die auf fachlicher Kompetenz beruhen.[40]

Die angeführten Merkmale lassen sich auf die Bundeswehr übertragen. Die funktionelle Spezialisierung innerhalb der Bundeswehr spiegelt sich beispielsweise in den verschiedenen Truppengattungen (Panzer, Panzergrenadier, Pionier etc.) wieder. Jede Truppengattung besitzt ihre spezifischen Aufgaben im Gefecht der vebundenen Waffen. Ebenso besitzt jeder Soldat über seine Position genauestens definierte Aufgaben. Vom einfachen Gefreiten als beispielsweise Krad-Melder, dem Pionier-Unteroffizier als Baggerführer über den Hauptmann als Kompaniechef bis hin zum Oberstleutnant als Batallionskommandeur oder dem General als beispielsweise Divisionskommandeur.

Die Autoritätshierachie innerhalb der Bundeswehr ist durch die Vorgesetztenverordnung genauestens geregelt. Aufgrund seiner fachlichen Position, seinem Aufgabenbereich, seines Dienstgrades, besonderer Anordnung oder in Notfällen auch der eigenen Erklärung ist ein Soldat anderen vorgesetzt und damit befugt, ihnen Befehle zu erteilen. Wobei die Nichtbefolgung von Befehlen sanktioniert ist.

Die Rechte und Pflichten der Soldaten sind im Soldatengesetz sowie in zahlreichen Befehlen und Verordnungen präzise fixiert. Wobei diese sich nicht nur auf den Dienst sondern auch auf die Zeit außerhalb des Dienstes beziehen.

Die Bewältigung von Arbeitsaufgaben erfolgt durch ein komplexes System von Dienstvorschriften, in denen jede Art dienstlicher Aktivität, von Reinigen der Waffe, über den Vorgang des Tarnens bis hin zum Gruß des Vorgesetzten genauestens angeleitet ist.

Eine Unpersönlichkeit der zwischenmmenschlichen Beziehungen ist vor allem im Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergeben zu beobachten. Diese drückt sich beispielsweise in der Anrede aus, die in der Regel entweder aus Dienstgrad und Nachnamen oder nur aus dem Dienstgrad besteht. Aber auch gleichgestellte Soldaten reden sich meist nur mit Nachnamen an. Der Gebrauch des Vornamens ist eher unüblich.

Die Beförderung und Auslese der Soldaten ist in großem Maße von ihrer Kompetenz abhängig. Soldaten, die sich über die Grundwehrdienstzeit hinaus verpflichten möchten, durchlaufen ein mehrtägiges Auswahlverfahren. Permanente Beurteilung der Soldaten, sei es auf Lehrgängen oder im regulären Dienst durch Vorgesetzte, bestimmen den Aufstieg in der Hierachie.

Resümmierend lässt sich sagen, dass die Bundeswehr alle aufgeführten Merkmale deutlich erfüllt und sich somit als bürokratische Organisation darstellt.

4. Die abhängige Variable: Das berufliche Selbstverständnis

Zahlreiche verschiedene Begriffsbestimmungen von beruflichem Selbstverständnis kursieren in den Sozialwissenschaften. Auch zum beruflichen Selbstverständnis von Soldaten gibt es etliche Definitionen. So definiert z.B. Hoffmann: „Das berufliche Selbstverständnis der Soldaten ist die subjektiv empfundene, innerlich akzeptierte und tatsächlich geäußerte Auffassung über den eigenen Beruf im gesellschaftlichen und militärischen Kontext. Es äußert sich in der Art, in der sich der Soldat mit seinem Beruf identifiziert und wie er in seinem dienstlichen und außerdienstlichen Handeln, seinen Verpflichtungen und Aufgaben gegenüber Staat und Bundeswehr nachkommt.“[41] Der ehemalige Inspekteur der Heeres, Gert Gudera, fasst es noch allgemeiner: „Das Selbstverständnis des Soldaten begründet sich aus der Verpflichtung, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.[42]

Die Vielzahl der verschiedenen Begriffsbestimmungen weist auf die Problematik hin, den Begriff des beruflichen Selbstverständnisses greifbar zu machen. Eine eher allgemeine Definition unter Verwendung des Konstrukts der Einstellung macht dies möglich und soll daher für diese Studie Geltung haben:

„Berufliches Selbstverständnis ist die Einstellung einer Person gegenüber seinem Beruf.“[43]

Bevor dieser Definition immanente Aussagen herausgearbeitet werden können, muss in einem kurzen Exkurs der zentrale Begriff der „Einstellung“ näher erläutert werden.

[...]


[1] Vgl. Biehl, H. / vom Hagen, U. / Mackewitsch, R.: SOWI-Arbeitspapier Nr. 125 – Motivation von Soldaten im Auslandseinsatz, Strausberg 2000, S. 3.

[2] Vgl. Bosetzky, H. / Heinrich, P. / Schulz zur Wiesch, J.: Mensch und Organisation – Aspekte bürokratischer Sozialisation, 6. Auflage, Stuttgart 2002, S. 65.

[3] Vgl. von Rosenstiel, L. / Comelli, G.: Führung im Prozess des Wandels, in: Wirtschaftspsychologie aktuell 1/2004, S. 30-34, S.31.

[4] Vgl. Watson, G.: Widerstand gegen Veränderungen. In: Bennis, W.G./Benne, K.D./Chin, R. (Hrsg.): Änderung des Sozialverhaltens, Stuttgart 1975, S. 415-429, S. 417ff.

[5] Vgl. Penner, W.: Jahresbericht des Wehrbeauftragten, Berlin 2004.

[6] Vgl. Bohner, G. / Stahlberg, D. / Frey, D.: Soziale Einstellungen, in: Graf Hoyos, C. / Frey, D. (Hrsg.): Arbeits- und Organisationspsychologie, Weinheim 1999, S. 373-384, S. 373. Anmerkung des Verfassers: Da Arbeitgeber und Dienstherren die Widerstände ihrer Beschäftigten im Hinblick auf Veränderungen fürchten, haben sie für seine Überwindung beträchtliche Summen bereitgestellt. Dies führte dazu, dass eine Reihe von Wissenschaftlern und Managementberatern unter dem Etikett „Organisationsentwicklung“ (OE) sich dieser Aufgabe zuwandte und versucht dies – zumeist in Weiterentwicklung des Human-Relations-Ansatzes – mit so genannten normativ-reedukativen Strategien. Diese konzentrieren sich auf Partizipation, Sensibilisierung und Umerziehung der Organisationsmitglieder im Hinblick auf ihre Einstellungen, Werte, Normen und wechselseitigen Beziehungen. Grundannahmen der OE dienten als Anregung für diese Arbeit. Vgl. u.a.: Kempf, T.: Das Konzept der Organisationsentwicklung (OE), in: Zeitschrift für Organisation 47/1978, S. 201-208; Hoefert, H.W.: Der Mensch in der Organisation, Gießen 1985.

[7] Vgl. Weede, E.: Mensch und Gesellschaft, Tübingen 1992, S. V. Anmerkung des Verfassers: Organisationspsychologie, wie sie in dieser Arbeit verstanden wird, ist vor allem angewandte Sozialpsychologie. Diese analysiert als Grundlagendisziplin der Psychologie die Interaktionen zwischen Menschen bzw. das Verhalten des Menschen in der Gesellschaft. Ihr Anwendungsbezug ergibt sich konsequenterweise aus dem Kontext, in welchem die Erkenntnisse dieser Grundlagenforschung verwendet werden. Wenn z.B. Interaktionsphänomene innerhalb einer Organisation betrachtet werden sollen, dann bietet es sich folglich an, auf entsprechende sozialpsychologische, nomologisch formulierte Kenntnisse zurückzugreifen. Vgl. Bungard, W.: Organisations-psychologie als angewandte Sozialpsychologie? In: Schultz-Gambard, J. (Hrsg.): Angewandte Sozialpsychologie, Weinheim 1987, S. 149-151, S. 149.

[8] Zum Wandel des öffentlichen Meinungsbildes zur Bundeswehr in den 90er Jahren siehe Millotat, C.: Wo steht die Bundeswehr? – Plädoyer für ihre gerechte Behandlung und die Würdigung ihrer Leistungen, in: Europäische Sicherheit 4/98, S. 10-15.

[9] Vgl. Linnenkamp, H.: Neue Aufgaben der Bundeswehr – alte Ausbildung?, in: Sicherheit und Frieden 3/97, S. 168.

[10] Vgl. Bundeswehr: Der Weg zum KFOR-Mandat, auf: http//www.bundeswehr.de/wir/kfor.php, 30.10.2003.

[11] Quelle: Auslandseinsätze der Bundeswehr – aktuelle Zahlen der im Ausland eingesetzten deutschen Soldaten, auf: http://www.bundeswehr.de/forces/einsatzzahlen.php, 25.03.2004. Anmerkung des Verfassers: Von Einsatz soll dann gesprochen werden, wenn Soldaten für eine begrenzte Zeit, mit dienstlichem Auftrag, in nicht-institutionalisierten Zusammenhängen außerhalb ihres Heimatlandes eingesetzt werden. Verwendungen wie beispielsweise die des Militärattachés in einem anderen Staat werden dementsprechend nicht als Auslandseinsatz definiert.

[12] Naumann, K.: Sicherheit in Europa. Konsequenzen für die Bundeswehr, in: Europäische Sicherheit, 1/95, S. 10.

[13] Vgl. Marberg, J. / Michael, R.: Klasse statt Masse, in Y.-Magazin der Bundeswehr 11/2003, S.12-15, S. 12.

[14] Laude, S.: Ein Dienst für unser Land – Interview des Bundesminsters für Verteidignug, in: Märkische Allgemeine, 28.06.03, S. 3.

[15] Vgl. Marberg / Michael: Klasse statt Masse, S. 15.

[16] Vgl. Marberg / Michael: Klasse statt Masse, S. 15.

[17] Eine entscheidende Rolle in diesem Prozess nimmt die Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb mbH (g.e.b.b.) ein. Sie fungiert als Bindeglied zwischen Bundeswehr und Wirtschaft. Im Auftrag des Bundesministeriums für Verteidigung gliedert sie Serviceaufgaben der Bundeswehr aus, und organisiert sie in privatrechtlicher Form. Vgl.: Biederbick, K.-G.: Offen für neue Wege, in: Y.-Magazin der Bundeswehr, Special 06/2003, S. 4-5, S. 5.

[18] Vgl. Crozier, M.: Der bürokratische Circulus vitiosus und das Problem des Wandels, in Mayntz, Renate: Bürokratische Organisation, S. 277-288, Köln 1968, S. 285.

[19] Zu den Anfoderungsprofilen vgl. Beck, H-C.: Neue Schwerpunkte in der Inneren Führung. Das erweiterte Aufgabenspektrum verlangt, dem Soldaten neue Orientierung zu geben, aber auch die Ausbildung zu ergänzen, in: Truppenpraxis / Wehrausbildung, 11/98, S. 745; Heeresführungskommando: Befehl Nr. 38 / Ausbildung 1. und 2. Kontingent GECONSFOR (L) / GECONKFOR (L), Koblenz 1999, Anlage A.

[20] Vgl. Folkerts, H.-J.: Die VN-Ausbildung in Hammelburg, in: Puzicha, K. J. / Hansen, D. / Weber, W.: Psychologie für Einsatz und Notfall, Bonn 2001, S. 128-134, S. 128.

[21] Vgl. Folkerts: Die VN-Ausbildung in Hammelburg, S. 134.

[22] Vgl. Klein, P. / Zimmermann, R. P.: Die zukünftige Wehrstruktur der Bundeswehr, Baden-Baden 1997, S. 8.

[23] Anmerkung des Verfassers: In der Masse werden für Auslandseinsätze KRK- und KSK-Kräfte (Krisensonderkommando) mobilisiert. HVK-Kräfte sind aber ebenfalls in den Einsätzen aktiv.

[24] Vgl. Moskos, C.: The Military, in: Annual Review of Sociology, 2/1976, S. 55, vgl. auch: Janowitz, M. / Little, R.: Sociology and the Military Establishment, Beverly Hills, 1974.

[25] Vgl. Schlösser, D.: Militärsoziologie, Königstein/Ts., 1980, S. 10.

[26] In die Reihe der Befürworter einer so verstandenen Militärsoziologie kann beispielsweise Kurt Lang gerechnet werden. Für Lang ist das Forschungsprojekt der Militärsoziologie am besten definiert durch den Bezug auf organisierte Gewalt. Alle diejenigen Situationen und Strukturen, in denen das Gewaltelement einen gewichtigen und legitimen Raum einnimmt, sind Forschungsobjekt. In seinem Sinne sollte sich Militärsoziologie also vorwiegend auf die permanenten Strukturen beziehen, die für die Kriegsführung unerläßlich sind. Vgl. Lang, K.: Military, in: Sills, D.L. (Hrsg.): Encyclopedia of the Social Sciences. New York 1968, S. 305-312, S. 306f.

[27] Vgl. Schlösser: Militärsoziologie, S. 6.

[28] Stouffer, S A. et al: The American Soldier, Princeton 1949.

[29] Vgl. Schlösser: Militärsoziologie, S. 7.

[30] Anmerkung des Verfassers: Janowitz entwickelt in seinem Hauptwerk „The Professional Soldier“ einen im Weber´schen Sinne zu verstehenden Idealtypus des Soldaten. Vgl. Janowitz, M.: The Professional Soldier, Glencoe/Illionois 1960.

[31] Büschges, G. / Abraham, M.: Einführung in die Organisationssoziologie, 2. Auflage, Stuttgart 1997, S. 71. Anmerkung des Verfassers: In der Organisationssoziologie werden grundsätzlich vier Aggregationsniveaus von Organisationen unterschieden: 1. Personen, wie auch Gruppen verschiedener Art als Kollektive von interagierenden Personen (z.B. Arbeitsgruppen, ausländische Mitarbeiter, Betriesbrat), 2. Teile der Organisation resultierend aus der arbeitsteiligen Differenzierung, der hierachischen Struktur oder aus der Umsetzung des Organisationszweckes in Organisationsprogramme (z.B. die Abteilungen Verkauf, Finanzen, Kundendienst oder die Verwaltung), 3. die einzelne Organisation als Ganzes (z.B. das Autohaus, die Apotheke oder das Krankenhaus) im Hinblick auf eine oder mehrere Eigenschaften der Organisation (den Krankenstand, die Personalstruktur oder die Größe), 4. bestimmte Segmente oder Sektoren der Organisationsumwelt oder die Organisation als Teil eines umfassenderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems (wie z.B. dem Arbeitsmarkt oder dem Krankenstand einer gesamten Branche), vgl. Büschges / Abraham: Organisationssoziologie, S. 70f.

[32] Bolte, M. / Treutner, E. (Hrsg.): Subjektorientierte Arbeits- und Berufssoziologie, New York, 1983, S. 15.

[33] Bolte / Treutner: Subjektorientierte Arbeits- und Berufssoziologie, S. 15f.

[34] Bolte / Treutner: Subjektorientierte Arbeits- und Berufssoziologie, S. 16.

[35] Vgl. Gukenbiehl, H.L.: Institution und Organisation, in Korte, H. / Schäfers, B.: Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie, 2. Auflage, Opladen 1993, S. 95-110, S. 104f.

[36] Vgl. Schmidtchen, G.: Terrorismus – Der Weg in die Gewalt, in: manager magazin 4/1978, S. 154-158, S. 154.

[37] Anmerkung des Verfassers. Weber erklärt seine idealtypische Art der Konstruktion folgendermaßen: Der Idealtypus wird gewonnen „durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluss einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen (...) Er ist ein künstliches Gedankenbilde, das in seiner begrifflichen Reinheit (...) nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar“ ist. Weber, M.: Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Derselbe: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1951, S. 53f.

[38] Vgl. z.B.: Parsons, T.: The Structure of Social Action, New York, 1937, S. 506 oder auch Merton, R. K.: Social Theory and Social Structure, Glencoe 1949, S. 151f.

[39] Vgl. z.B.: Dimock, M.E.: Administrative Vitality, New York 1959, S. 5 oder auch Blau, P.: Bureaucracy in Modern Society, New York 1956, S. 19.

[40] Hall, R. H.: Die dimensionale Natur bürokratischer Strukturen, in: Mayntz, Renate (Hrsg.): Bürokratische Organisation, Köln 1968, S. 69-81, S. 70f.

[41] Hoffmann, O.: Rollenbild und Selbstverständnis der deutschen Soldaten, Bonn 2002, S.16.

[42] Bundeswehr: Weisung Inspekteur des Heeres: Anforderungen für den Unteroffizier, auf: http://www.bundeswehrforum.de/weisunghuffz.pdf, 07.11.2003.

[43] Bosetzky / Heinrich / Schulz zur Wiesch,: Mensch und Organisation, S. 123.

Details

Seiten
103
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638881043
Dateigröße
849 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81376
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Seminar für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Bedeutung Auslandseinsatzes Selbstverständnis Soldaten

Autor

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Titel: Die Bedeutung des Auslandseinsatzes für das berufliche Selbstverständnis von Soldaten