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Die Rolle der Musik während der Apartheid in Südafrika

Zwischenprüfungsarbeit 2005 25 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2.1 Was heißt Apartheid?
2.2 ’Rasse’, ’die schwarze Bevölkerung’ und ’ethnische Gruppe’
2.3 Die Entstehung der Apartheid
2.4 Die wichtigsten Gesetze der Apartheidpolitik
2.4.1 Population Registration Act 1950
2.4.2 Prohibition of Mixed Marriages Act 1949 und Immorality Act 1950
2.4.3 Group Areas Act 1950
2.4.4 Suppression of Communism Act 1950
2.4.5 Bantu Education Act 1953
2.5 Der Kampf des African National Congress gegen die Apartheid
2.5.1 Die Entstehung des ANC
2.5.2 Das Sharpeville Massaker
2.5.3 Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation)
2.5.4 Die Zeit von 1980 bis 1994

3. Musik und soziale Bewegungen
3.1 Soziale Bewegungen
3.2 Die Mobilisierung von Traditionen
3.3 Kultur und Musik als kognitive Praxis

4. Die Bedeutung der Musik in Südafrika
4.1 Die Musik der Arbeiter
4.2.1 Isicathamiya
4.2.2 Maskanda
4.2.3 Das Radio
4.3 Umkhonto we Sizwe und Toyi-Toyi
4.3.1 Toyi-Toyi
4.4 Nkosi Sikelel’i Afrika und die Nationalhymne Südafrikas
4.4.1 Nkosi Sikelel’i Afrika
4.4.2 Die Nationalhymne Südafrikas

5 Zusammenfassung und Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

Über 40 Jahre lang wurde die schwarze Bevölkerung in Südafrika durch die Apartheidpolitik der weissen Minderheit unterdrückt. Doch die Menschen haben nie aufgegeben und mit allen Mitteln für die Unabhängigkeit Südafrikas gekämpft. Dabei war die Musik ständig präsent. Doch welche Bedeutung hatte sie für die Menschen und welche Rolle hatte sie im Kampf? Diese Fragen möchte ich in meiner Arbeit beantworten.

Um die Bedeutung der Musik während der Apartheid erkennen zu können, muss man zuerst über die Grundzüge der Apartheidpolitik Bescheid wissen. Deshalb werde ich in einem ersten Teil die Entstehung und die wichtigsten Gesetze der Apartheid aufzeigen. Danach werde ich in einem kurzen Teil über den African National Congress (ANC) die Reaktion der schwarzen Bevölkerung auf die Unterdrückung erläutern. Ich werde kurz auf die Entstehung des ANC eingehen und seine Methoden beleuchten, mit denen er gegen die Regierung kämpfte.

Der zweite Teil ist ein eher theoretischer Teil, in dem ich zuerst erkläre, was man unter einer sozialen Bewegung versteht und weshalb man im Falle von Südafrika von einer sozialen Bewegung sprechen kann. Dann werde ich in Bezug auf das Buch von Eyerman und Jamison (1998) die Bedeutung von Musik in sozialen Bewegungen behandeln. Dabei werde ich immer wieder konkrete Beispiele aus Südafrika erläutern.

Im dritten Teil werde ich dann anhand von zwei Beispielen auf die südafrikanische Musik eingehen. Ich konzentriere mich dabei erstens auf die Bedeutung der Musik für die Arbeiter, da sie meines Erachtens unter der Apartheid eine besonders schwere Stellung hatten[1]. Als zweites Beispiel habe ich Toyi-Toyi[2] gewählt, weil es auf eindrückliche Weise die ungemeine Ausdauer und Kraft der Menschen zeigt. Zum Schluss werde ich noch kurz auf das Lied Nkosi Sikelel’i Afrika eingehen, das den Weg Südafrikas vom Kampf gegen die Unterdrückung bis zur multikulturellen Nation zeigt.

Die Idee für das Thema dieser Arbeit kam mir, als ich den Film ’Amandla! A Revolution in Four-Part Harmony’ von Lee Hirsch (2001) gesehen habe. So diente mir vor allem der Film als Inspiration für die Arbeit. Zitate und Informationen aus diesem Film habe ich mit (Hirsch 2001) gekennzeichnet.

2 Die Apartheidpolitik in Südafrika

In einem ersten Teil werde ich nun etwas genauer auf die Apartheidpolitik und ihre Bedeutung für die schwarze Bevölkerung Südafrikas eingehen. Zu diesem Thema gibt es sehr viel Literatur und dementsprechend viele Punkte, die interessant wären. Ich werde allerdings nur auf die Grundzüge eingehen und diejenigen Punkte ansprechen, die wichtig sind, um die Bedeutung der Musik während dieser Zeit zu verstehen. Zudem werde ich kurz die Begriffe ’Rasse’, ’die schwarze Bevölkerung’ und ’ethnische Gruppe’ umreißen.

2.1 Was heißt Apartheid?

Das Wort ’Apartheid’ stammt aus dem Afrikaans und bedeutet wörtlich übersetzt ’Getrenntsein’. Die Apartheid war die Politik der Afrikaander[3] in Südafrika von 1948 bis 1994 und beruhte auf einer strikten Rassentrennung.

Der Begriff ’Apartheid’ hat seinen Ursprung in den 1930er Jahren. Als die United Party (UP) und die Afrikaner Nationalist Party (NP) 1947/48 um die Gunst der Wählerschaft kämpften, wurde der Begriff der Apartheid neu verwendet. Er stand von da an für eine ”physical separation of black and white, this separation to be achieved by legislative policies and state action” (Clark und Worger 2004: 4).

2.2 ’Rasse’, ’die schwarze Bevölkerung’ und ’ethnische Gruppe’

Ursprünglich wollte ich nur kurz in einer Fußnote erwähnen, wie ich in meiner Arbeit die heiklen Begriffe ’Rasse’, ’ethnische Gruppe’ und ’die schwarze Bevölkerung’ benutze. Ich kam jedoch zum Schluss, dass diese Begriffserläuterung zu wichtig ist, als dass sie nur in einer Fußnote erwähnt werden soll.

Im Verlauf meiner Arbeit werde ich sehr oft von verschiedenen Rassen und Rassentrennung sprechen. Ich benutze dabei ganz bewusst den Begriff ’Rasse’, da er während der Apartheid verwendet wurde, um zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu unterscheiden. Dabei bezog sich der Begriff auf das äußere Erscheinungsbild der Menschen, vor allem auf die Hautfarbe. So wurde die Bevölkerung grob in vier verschiedene Rassen aufgeteilt: Weiße, Schwarze (Eingeborene, Bantu), Asiaten und Mischlinge.

Ein weiterer Ausdruck, den ich immer wieder verwenden werde, ist derjenige der ’schwarzen Bevölkerung’. Damit sind ausschließlich diejenigen Menschen gemeint, die von der Regierung als schwarz (oder Bantu) klassifiziert worden sind. Auch die anderen nicht-weißen Rassen waren unter der Apartheid klar benachteiligt, jedoch wurde die schwarze Bevölkerung ganz klar am meisten diskriminiert. In meiner Arbeit gehe ich auf die anderen Rassen kaum ein.

Im Zusammenhang mit dem Group Areas Act werde ich von ethnischen Gruppen sprechen. Damit sind die verschiedenen Ethnien innerhalb der schwarzen Bevölkerung, wie zum Beispiel Xhosa, Ndebele, etc. gemeint. Die Unterscheidung wurde von der Regierung nur im Zusammenhang mit den Homelands gemacht. In anderen Belangen (z.B in der Bildungspolitik) war nur die Rasse, nicht aber die ethnische Zugehörigkeit von Bedeutung.

2.3 Die Entstehung der Apartheid

Die schwarze Bevölkerung in Südafrika wurde nicht erst während der Zeit der Apartheid diskriminiert. Bereits während der früheren kolonialen Herrschaft wurde eine Politik der Rassentrennung praktiziert. So entwickelten sich viele Gesetze der Apartheid auf der Basis dieser kolonialen Vergangenheit.[4]

Ein Grund für die Entstehung der Apartheid kann in den Ereignissen während des zweiten Weltkriegs gesehen werden. Durch die Beteiligung am Krieg durchlebte Südafrika eine grosse wirtschaftliche und soziale Transformation. Von überall her kamen sowohl schwarze als auch weisse Arbeiter in die Städte und zum ersten Mal überstieg der Anteil der schwarzen in den Städten denjenigen der Weissen. Zwischen den Arbeitern verschiedener Rassen kam es zu einem Wettstreit um die Arbeitsplätze, was oft zu Spannungen und Streiks führte. Die schwarzen Arbeiter durften die Städte nur mit speziellen Bewilligungen betreten. Außerdem durften sie nur in den ihnen zugewiesenen Behausungen leben, die durch die lokale Behörde kontrolliert wurden und meistens in schlechtem Zustand waren. Die Unzufriedenheit der Schwarzen wuchs und die Proteste gegen die schlechten Bedingungen mehrten sich. Die weisse Bevölkerung fühlte sich bedroht und verlangte stärkere Gesetze.

Nach dem zweiten Weltkrieg begannen die zwei grössten Parteien Südafrikas sich dem Begehren der weissen Bevölkerung anzunehmen. Die Nationalist Party (NP) verfolgte dabei ”an idealized vision of white rule that attempted to eliminate African resistance by moving Africans out of the picture“ (Clark und Worger 2004: 41). Die Wirtschaft Südafrikas konnte jedoch kurzfristig nicht auf die schwarzen Arbeiter verzichten. Deshalb forderte die NP, dass die Schwarzen in so genannten Homelands leben sollten und sich nur als Besucher und unter Kontrolle der Behörden in den Städten aufhalten dürfen. Dieser Plan wurde den weissen Stimmbürgern wie folgt präsentiert:

„[...] apartheid, which professes to preserve the identity and safeguard the future of every race, with complete scope for everyone to develop within its own sphere while maintaining its distinctive national character, in such a way that there will be no encroachment on the rights of others, and without a sense of being frustrated by the existence and development of others….” (Krüger 1960 zitiert nach Clark und Worger 2004: 41-42)

Mit ihrer Apartheidpolitik gewann die NP 1948 die Wahlen und übernahm so, mit D.F Malan als Premierminister, die Regierung Südafrikas. Die Politik der NP sollte von da an über 40 Jahre lang die Geschichte Südafrikas prägen.

2.4 Die wichtigsten Gesetze der Apartheidpolitik

Kurz nach ihrer Wahl hatte die NP Angst, dass sie bei den nächsten Wahlen wieder abgewählt werden könnte und begann deshalb sofort mit der Ausarbeitung der Gesetze ihrer Apartheidpolitik. Jeder Aspekt des Lebens der Einwohner Südafrikas wurde fortan durch die Zugehörigkeit zu einer Rasse bestimmt. Die Menschen in Südafrika hatten verschiedene Rechte und Privilegien, je nach dem zu welcher Kategorie sie gehörten. Ab 1950 wurden hunderte von Gesetzen ausgearbeitet, die jeden Aspekt des Lebens der Südafrikaner regelten. Ich werde mich im Folgenden jedoch nur auf diejenigen konzentrieren, die ich als wichtig für das Verständnis der Apartheid in Zusammenhang mit dieser Arbeit erachte.

2.4.1 Population Registration Act 1950

Der Grundpfeiler der Apartheid war der Population Registration Act von 1950, der Mechanismen zur Bestimmung und Registrierung aller Südafrikaner bot. Die Menschen wurden entweder als ’Weisse’, ’Mischlinge’, ’Asiaten’[5] oder ’Eingeborene’[6] klassifiziert. Die Menschen wurden aufgrund ihres Aussehens und später auch ihrer Abstammung einer Kategorie zugeordnet. Es gab jedoch viele Fälle, in denen die Klassifikation durch Aussehen nicht eindeutig vorgenommen werden konnte. So war es zum Beispiel oft schwierig, eindeutig zu bestimmen, ob jemand ein Mischling oder ein Weisser war. Deshalb entwickelte die Regierung willkürliche Verfahren, um die Zugehörigkeit einer Person zu einer Rasse zu bestimmen. Eine Methode um dies zu entscheiden war, einen Kamm durch das Haar der zu klassifizierenden Person zu ziehen. Konnte der Kamm nicht ohne zu stoppen durch das krause Haar gezogen werden, wurde die Person mit grosser Wahrscheinlichkeit als Mischling klassifiziert (Giliomee und Schlemmer 1989: 84).

Der Akt lieferte ein starres Klassifikationssystem, das den individuellen Zugang zu legalen Rechten regelte.

2.4.2 Prohibition of Mixed Marriages Act 1949 und Immorality Act 1950

Diese zwei Gesetze regelten die persönlichen Beziehungen zwischen den Rassen. Der Prohibition of Mixed Marriages Act von 1949 verbot die Heirat zwischen Weissen und Mitgliedern anderer Rassen. Der Immorality Act von 1950 war die Ausweitung dieses Gesetzes und verbot sexuellen Verkehr zwischen Weissen und anderen Gruppen. Dabei handelte es sich um eine Segregation auf individueller Ebene.

2.4.3 Group Areas Act 1950

Unter der Apartheid wurde die Segregation jedoch nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der geographischen Ebene vollzogen. Ab 1950 wurde ganz Südafrika in verschiedene geographische Gebiete aufgeteilt, in denen die verschiedenen Rassen getrennt leben sollten. Die Regierung teilte dabei den einzelnen Gruppen Land zu und siedelte dort ansässige Gruppen um.

Als Erweiterung des Group Areas Acts trat 1951 der Bantu Authorities Act in Kraft. Darin wurden der schwarzen Bevölkerung separate Gebiete zugewiesen. Die Regierung entschied, dass die wahren Heimatgebiete der Schwarzen ihre “tribal reserves“ (Clark und Worger 2004:48) waren. Später wurden so genannte Homelands (oder auch Bantustans) geschaffen. Die schwarze Bevölkerung wurde von der Regierung in acht ethnische Gruppen[7] eingeteilt und jeder Gruppe wurde ein Homeland[8] zugewiesen . Was mit kleineren Gruppen, wie zum Bespiel den San, geschah, konnte ich nicht herausfinden. Ich nehme an, dass sie willkürlich einer der acht ethnischen Gruppen zugeteilt wurden. Weiter lässt sich auch nicht erklären, weshalb den zwei Gruppen Xhosa und Sotho je zwei Homelands zugewiesen wurden. Dazu Deegan (2001):

“Some homelands were scattered and fragmented pieces of land with no common domiciliary ethnic group […]. Even if ethnic identity was accepted as a legitimising rationale, if taken to its logical conclusion there was no reason why two Xhosa homelands, the Ciskei and the Transkei, should be separated.” (2001:37)

[...]


[1] Offiziell waren sie Bewohner von Homelands in ruralen Gebieten. Die meisten waren jedoch auf Arbeit in der Stadt angewiesen, wo sie aber nur als billige Arbeitskräfte geduldet wurden und unter schlechten Umständen leben mussten.

[2] Toyi-Toyi ist eine Kombination von Tanz und Gesang, und stammt ursprünglich aus Zimbabwe.

[3] Afrikaander sind weisse Südafrikaner (früher vor allem Bauern, Boer genannt), die ursprünglich Holländisch sprachen. Sie wollten sich von der Englischen Dominanz lösen und konstruierten ihre eigene Identität. So entwickelte sich das Afrikaans, eine Art holländischer Dialekt, und sie nannten sich Afrikaander, was soviel bedeutet wie ’Menschen von Afrika’ (Clark und Worger 2004: 19).

[4] Quelle für die Kapitel 2.2 und 2.3: Clark und Worger (2004: 35-61), wenn nicht anders vermerkt.

[5] Asiaten kamen erst 1959 als Kategorie hinzu.

[6] später ’Bantu’

[7] Xhosa, Zulu, Ndebele, Venda, Swasi, Sotho, Tswana und Tsonga (Clark und Worger 2004: 65)

[8] Ciskei, Transkei (beide von den Xhosa bewohnt), KwaZulu (Zulu), KwaNdebele (Ndebele), Venda (Venda), KwaNgwane (Swasi), Lebowa (Nordsotho), Qwaqwa (Südsotho), Bophutatswana (Tswana), und Gazankulu (Tsonga) (Clark und Worger 2004: 65)

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638836609
ISBN (Buch)
9783640859474
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81131
Institution / Hochschule
Universität Bern – Institut für Ethnologie
Note
"keine"
Schlagworte
Rolle Musik Apartheid Südafrika

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Titel: Die Rolle der Musik während der Apartheid in Südafrika