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Das erste ökumenische Konzil von Nicäa (325)

Seminararbeit 2005 27 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1 Die 8 ersten ökumenischen Konzile (Überblick)
1.2 Warum ökumenisch? (Definition)

2. Die Trinitätslehre der alten Kirche
2.1 Das Trinitätsverständnis bei Irenäus, Tertullian und Origenes
2.2 Der Monarchianismus und Sabbellianismus
2.3 Arius und seine Theologie

3. Das Konzil von Nicäa (325)
3.1 Einberufung und Ablauf
3.2 Der arianische Streit
3.3 Anmerkungen zur Osterfestfrage
3.4 Die Inhalte der zwanzig Kanones
3.5 Die Fortsetzung des arianischen Streites

Anhang: Literaturverzeichnis

1. Einführung

1.1 Die 8 ersten ökumenischen Konzile (Überblick)

1. 325 zu Nicäa: Jesus Christus ist das Wort Gottes (der Logos). Er ist aus Gott geboren (gezeugt) und nicht erschaffen. Er ist mit dem Vater "wesens eins".
2. 381 zu Konstantinopel: Dreieinigkeitslehre: Gott ist ein Wesen in drei Verwirklichungsgestalten (Hypostasen). Homoousios bedeutet jetzt 'wesensgleich' (Ertrag der kappadozischen Väter[1]).
3. 431 zu Ephesus: Maria ist die Gottesmutter. Verurteilung der Nestorianer[2] (Sezessionstendenzen verstärkt).
4. 451 zu Chalcedon: Die zwei Naturen in Christus sind unvermischt und ungetrennt. Kanon 28: Die Bischöfe von Rom und Konstantinopel haben den gleichen Rang.
5. 553 zu Konstantinopel: unter Justinian[3]: Drei Kapitel; Origines[4] wird verurteilt.
6. 680 zu Konstantinopel: Jesus Christus hat zwei Willen, der menschliche gehorcht dem göttlichen. Papst Honorius[5] wird verurteilt.
7. 692 zu Konstantinopel: Ergänzungen zum 5. und 6. Konzil. Kein Zöllibatszwang für Priester und Diakone, keine Abbildung Christi als Lamm. Differenzen zum Westen auch hinsichtlich Kirchenrechtsquellen (alte Kirchenordnungen etc.).
8. 787 zu Nicäa: Ja zur Bilderverehrung. Synode zu Frankfurt unter Karl d. Grossen[6].

Wenn im Laufe dieser Arbeit von nur 7 ökumenischen Konzilien gesprochen wird, so liegt das daran, dass das in der Übersicht genannte Konzil von Konstantinopel im Jahre 692 als Ergänzung zu den zwei vorangegangen Konzilien betrachtet wird.

1.2 Warum ökumenisch? (Definition)

Generell ist die Frage, welche Konzile letztendlich als ökumenisch bezeichnet werden können nicht einfach abzuhandeln. Dies liegt m. E. daran, dass eine univoke Unterscheidung von "ökumenischen", d.h. allgemeinen und teilkirchlichen, also regionalen Synoden nicht exakt möglich ist[7]. Ein Beispiel dafür ist die so genannte "Räubersynode[8]", also das zweite Konzil von Ephesus im Jahre 449, welche zwar einen ökumenischen Anspruch hatte, trotzdem aber von katholischer und orthodoxer Seite nicht anerkannt wurde.

Vorbild jedenfalls für die ökumenischen Konzile war das Apostelkonzil[9] zu Jerusalem[10]. Der Begriff "ökumenisch" leitete sich v. griech.: "oikeo / oikia" "wohnen

bzw. Haus" ab und bezeichnete die gesamte bewohnte Erde (ursprüngliche Bedeutung von griech.: oikoumenê).

Ökumenisch wird deshalb ein Konzil immer dann genannt, wenn seine Teilnehmer die ganze Kirche repräsentieren. Dies ist dabei räumlich wie auch theologisch zu

verstehen. Einzelne Konzile wurden erst durch die Rezeption ihrer Beschlüsse zu Ökumenischen Konzilen aufgewertet.

Die ersten Ökumenischen Konzile wurden vom Römischen Kaiser einberufen, der auch die Ergebnisse derselben bestätigte. Später wurde diese Praxis von den römischen Päpsten übernommen. Ökumenische Konzile besaßen allgemein christliche und kirchliche Gültigkeit wenn es darum ging, den weltweiten missionarischen Auftrag der Kirche zu verbreiten. Mit dieser weltweiten Ausdehnung rechtfertigte Augustinus ihre Rechtgläubigkeit, welche auch als Kriterium zur Abgrenzung gegen bestimmte Häresien diente. "Ökumenisch" und "katholisch" werden dabei synonym gebraucht.

Die Tendenz, die eigene Theologie als die alleinige Wahrheit wahrzunehmen und damit den Anspruch zu verknüpfen, die einzige wahre Kirche zu vertreten, führte

dazu, dass in späterer Zeit einzelne christliche Konfessionen ihrerseits Ökumenische Konzile einberiefen. Auch in der Orthodoxie sind die ökumenischen Konzile die höchste institutionelle Entscheidungsinstanz. Allerdings gelten sie nicht per se als unfehlbar, denn mehrmals wurde Konzilen, die sich selbst als "ökumenisch" bezeichnet hatten, dieser Status von einem anderen Konzil wieder aberkannt, weil die Zustimmung in der Bevölkerung fehlte. Nur die Kirche als ganzes gilt als unfehlbar, wobei offen bleibt in welchen Institutionen, Gremien, oder Bewegungen sich diese Unfehlbarkeit jeweils äußerte.

Im Katholizismus ist das entscheidende Kriterium dafür, ob ein Konzil ökumenisch ist oder nicht, seine Leitung durch den Papst oder seine Beauftragten, sowie die Zustimmung des Papstes zu den Beschlüssen.

Alle gesamtkirchlichen Angelegenheiten wurden durch Ökumenische Konzile (325 - 787), die der Kaiser einberief, geregelt. Die orientalischen Kirchen außerhalb des Reiches schieden dabei wegen dogmatischer Gegensätze aus der Ökumene aus.

Insgesamt gibt es drei Konzilstypen, die in ihrer Struktur verschieden sind. Weil in dieser Arbeit das Altertum den zeitlichen Hintergrund bildet, wird hierauf entsprechend eingegangen. Im ersten Jahrtausend sind es die ersten sieben

Konzile, die als ökumenisch gelten: Nicäa 325, Konstantinopel 381, Ephesus 431, Chalcedon 451, Konstantinopel 552 und 680, sowie Nicäa 787. Die darauf folgenden fanden ohne die griechisch-orthodoxe Kirche und nach der Reformation ohne die

Protestanten statt. Aus diesem Grunde können alle folgenden Konzilien nicht mehr als ökumenisch bezeichnet werden.

Von den sieben ökumenischen Konzilien ist das erste, das Konzil von Nicäa, Thema dieser Arbeit. Dabei gebe ich vorgängig einen Überblick über das Trinitätsverständnis in der alten Kirche, gefolgt von einer Gegenüberstellung der bedeutenden Irrlehren Monachianismus und Sabbellianismus in der Zeit vor 325. Als Hinführung bis zur Einberufung des Konzils beleuchte ich den Arianismus und seine Problematik. Den Hauptteil bildet dann das Konzil von Nicäa selbst, wobei ich aber nur auf die Streitfragen, die m. E. am wichtigsten waren, eingehe. Dabei geht es in erster Linie um die Lösung der arianischen Frage und der Osterfestfrage. Im Anschluss daran gebe ich noch einen Überblick über die Inhalte der 20 verabschiedeten Kanones, gefolgt von einem Ausblick in Bezug auf die zukünftigen Streitigkeiten über den Arianismus.

2. Die Trinitätslehre der alten Kirche

2.1 Das Trinitätsverständnis bei Irenäus, Tertullian und Origenes

Erst im zweiten Jahrhundert sollte es zu einer größeren Klarheit in der Gotteslehre kommen. Hier ist Irenäus[11] von Bedeutung, bei dem zwei Grundzüge zu beobachten sind. Er betont die Einheit Gottes sehr stark und scheut sich dabei nicht, möglicherweise in die modalistische Ecke gestellt zu werden. In seiner "Darstellung

der apostolischen Verkündigung" heißt es: Nach dem Dasein und der Kraft seines Wesens gibt es Einen Gott", dann aber: "Nach dem Vorgang und der Vollführung der Erlösung gibt es jedoch Vater und Sohn". Irenäus will damit unbedingt jegliche Art von pluralistischer Redeweise über Gott vermeiden. Natürlich wusste er zwischen Gott-Vater, Sohn und Heiliger Geist zu unterscheiden. Wie andere Apologeten vor

ihm war auch Irenäus der Meinung, dass Gott seit aller Ewigkeit sein Wort und seine Weisheit bei sich hatte. Sie waren gleichsam Hypostasen. Vor der Schöpfung der Welt hat Gott sein Wort und seine Weisheit herausgesetzt und der Sohn ist von dem Vater vor aller zeit gezeugt. Vehement weißt Irenäus jegliche Spekulationen ab, die das Geheimnis der Zeugung des Sohnes ergründen wollen. Insofern hat Irenäus die Trinitätslehre in den Grundzügen entfaltet. Ihre Charakteristik hat sie darin, dass sie nicht wie die spätere Trinitätslehre im 4. Jahrhundert, von drei gleichewigen Personen ausgeht, sondern von der Person des Vaters, der bei und neben sich sein Wort und seine Weisheit hat. Hier kommt die Stellung von Sohn und Geist nicht klar zum Ausdruck, ergo ist die Trinitätslehre bei Irenäus nur vom heilsgeschichtlichen Aspekt her erfolgt. Am Kreuz hat Gott in Jesus Christus gelitten, nicht ein Mensch, auch nicht ein adoptierter Mensch, sondern der ewige, präexistente Logos. Gott, nicht der Mensch hat die Erlösung vollbracht. Damit weist Irenäus der Kirche den Weg zum Bekenntnis von Nicäa[12].

Tertullian[13] dokumentiert sein Verständnis von der Trinität in einer Streitschrift namens "Adversus Praxeam" (Gegen Praxeas). Praxeas[14] vertritt, wie schon

Sabellius, den Modalismus [Vater, Sohn und heiliger Geist sind drei verschiedene Modi (Erscheinungsformen) des einen Gottes]. Gott hat demnach drei Gesichter. Im

AT erscheint er als Vater, im NT als Sohn und seit Pfingsten als heiliger Geist. Damit drückt der Modalismus aus: Gott ist 'einer'; Vater, Sohn und heiliger Geist ist 'eins'.[15]

Im Gegensatz zum Modalismus formuliert Tertullian: Vater, Sohn und heiliger Geist sind "unum, non unus", sie sind wohl wesenseins, doch nicht ein Wesen. Mit der Formel "tres personae, una substantia"[16] nimmt er praktisch schon das ökumenische Bekenntnis von Konstantinopel im Jahre 381 vorweg.

Tertullians Trinitätslehre entfaltet sich im Laufe der Heilsgeschichte. Als Gott sprach: Es werde Licht!, trat der Sohn aus dem Vater heraus wie der Bach aus der Quelle.[17]

Erst mit dem Werden der Kirche tritt auch der Geist aus dem Vater durch den Sohn hervor.[18] Am Ende der Tage wird der Bach wieder zur Quelle zurückfließen. Christus wird das Reich dem Vater zurückgeben und Gott wird wieder sein Alles in Allem

(1. Kor. 15,26ff). Vater, Sohn und Geist sind verschiedene Personen: In Gott selber ist ein Werden.

Das Trinitätsverständnis bei Origenes ist durch zwei Grundzüge gekennzeichnet. Einerseits betont er, wie auch Tertullian, die Einheit Gottes sehr stark. Doch diese Einheit kommt bei ihm weniger deutlich zum Ausdruck. Er hebt vielmehr neben ihr die Unterschiede der Personen hervor. In seiner Definition ist nur der Vater Gott.

[...]


[1] Die drei Kappadozier oder drei kappadozischen Väter sind Basilius von Caesarea, sein jüngerer Bruder Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz, drei Kirchenväter aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass sich die Trinitarier im arianischen Streit durchsetzen konnten.

[2] Die Nestorianer sahen die Naturen in Christus als unvermischt und getrennt und bildeten so eine Extremposition im Streit um die Christologie. Begründer war Nestorius (geb. nach 381; gest. frühestens 451 in Ägypten) der 428 bis 431 Patriarch von Konstantinopel war. Er entstammte der Antiochenischen Schule. Dem entsprechend lehrte er, dass Christus zwei Naturen besitze - eine göttliche und eine menschliche. Seine Gegner, zunächst vornehmlich aus der Alexandrinischen Schule, sahen darin eine Verletzung der Dreieinigkeit Gottes und griffen ihn scharf an. Der Streit eskalierte, als Nestorius anstatt des Titels Gottesgebärerin für Maria als abgeschwächte Variante den Titel Christusgebärerin vorschlug.

[3] Justinian I., genannt "der Große" war byzantinischer Kaiser von 527 - 565.

[4] Origines (*185 in Alexandria; †254 in Tyros/Libanon oder 253 in Caesarea) war einer der frühesten und bemerkenswertesten, aber auch umstrittensten Kirchenväter. Dieses Konzil hat auch die Präexistenz der Seele verurteilt, die von Origines und einigen seiner Schüler postuliert worden war. Dieses Konzil hat aber nicht, wie oft fälschlicherweise behauptet wird, die Reinkarnation verurteilt - Reinkarnation wird in den Dokumenten überhaupt nicht erwähnt.

[5] Honorius I. war Papst vom 3. November 625 bis zum 12. Oktober 638. Es heißt, dass das Fest der Erhebung des Kreuzes (Fest der Kreuzeserhöhung) während seines Pontifikats eingeführt wurde, das auch durch bemerkenswerte Missionierungen aufgefallen sei. Für seine nachgiebige Haltung gegenüber den Monotheleten - die mit der des Kaisers Heraclius übereinstimmte - traf ihn vierzig Jahre nach seinem Tod das Anathema durch das 3. Konzil von Konstantinopel.

[6] Unter dem Pontifikat Hadrians wurde 787 die Bilderverehrung wiederhergestellt, welche 754 verdammt worden war. Diese Reform konnte sich aber gegen den Widerstand Karls des Großen nicht durchsetzen, da die Beschlüsse von 787 von der Synode zu Frankfurt im Jahre 794 verworfen wurden.

[7] Vgl. Klaus Schatz: Allgemeine Konzilien – Brennpunkte der Kirchengeschichte. Paderborn u.a.: Verlag Ferdinand Schöningh 1997, S. 13 und 17.

[8] In der Folge des Konzils von Ephesus im Jahre 431 fand in 449 die so genannte "Räubersynode" statt (auch Räubersynode von Ephesus oder lateinisch latrocinium Ephesinum genannt, 4. Ökumenisches Konzil der monophysitisch-orthodoxen Kirchen), eine Kirchenversammlung, die nicht mit dem Konzil in 431 verwechselt werden darf, auf der sich die Monophysiten unter Dioskur von Alexandrien durchsetzten. Er hat dabei die Hilfe von Soldaten und militanten Mönchen in Anspruch genommen, um die Glaubensmeinung des Eutyches durchzusetzen. Der Ausdruck Räubersynode geht auf einen Ausspruch von Papst Leo I. zurück.

[9] Der Anlass für das so genannte erste Apostelkonzil, das etwa im Jahr 49 in Jerusalem stattfand, war die Frage, ob Nichtjuden ohne Beschneidung Christen werden können, d.h. ohne auch Juden zu werden. Die Frage war in Antiochia aufgetaucht, wo Paulus und Barnabas wirkten.

[10] Vgl. Apg.15; Gal. 2, 1-10.

[11] Irenäus von Lyon (geb. ca. 135 - gest. 202) war Bischof in Lugdunum in Gallien (heute Lyon/Frankreich). Er gilt als erster systematischer Theologe und seine Schriften waren in der frühen Entwicklung der christlichen Theologie wegweisend.

Irenäus verfasste zahlreiche Bücher, von denen die fünfbändige Ausgabe der Entlarvung und Widerlegung der so genannten Erkenntnis (lat: "Adversus haereses") die wichtigste erhaltene ist.

Zentrum seiner Theologie ist die Einheit Gottes, im Gegensatz zur Aufteilung des gnostischen Gottes in eine Zahl göttlicher "Äonen" und die gnostische Unterscheidung zwischen einem transzendenten "höchsten Gott" und einem niederen "Demiurgen", der die Welt erschaffen habe. Irenäus verwendet die Logostheologie, die er von Justin dem Märtyrer übernimmt, aber zieht es vor, vom Sohn und vom Geist als den beiden "Händen Gottes" zu sprechen. Christus ist für ihn der unsichtbare Vater, der sichtbar gemacht wurde. Seiner Betonung der Einheit Gottes entspricht eine Betonung der Einheit der Heilsgeschichte.

[12] Vgl. Armin Sierszyn: 2000 Jahre Kirchengeschichte, Band I, Holzgerlingen: Hänssler-Verlag, 1995, S. 149.

[13] Tertullian (geb. um 160, gest. um 230) war ein bedeutender, aber auch umstrittener früher Kirchenvater. Er hieß eigentlich Quintus Septimius Florens. Sein Beiname Tertullianus bedeutet in etwa: "Dreimal im Käfig".

Tertullian wurde in Karthago (im heutigen Tunesien) als Sohn eines römischen Offiziers geboren. Um 190 wurde er Christ und siedelte nach Rom über. Er studierte die klassischen Fächer (Grammatik, Jus, Rhetorik) und arbeitete als Rechtsanwalt. Viele seiner Schriften lesen sich auch wie ein juristisches Plädoyer, entweder für oder wider. Zu seinen Werken zählen viele Streitschriften gegen die Juden, gegen die Gnosis (Valentinianer und Doketisten), gegen Marcionisten, andere Häresien und gegen die Kindertaufe, aber auch Verteidigungsschriften für das Christentum vor heidnischem Publikum.

Mehr als dreißig seiner Schriften sind erhalten. In der ersten Zeit seiner Schriftstellerei beschäftigte er sich mit privaten (u.a. De pallio, De patienta, Ad uxorem) und katechetischen Themen (u.a. De spectaculis, De idololatria, De testimonio animae, De baptismo). 197 schrieb er seine ersten apologetischen Werke. Tertullian plante offenbar ein größeres apologetisches Werk, als die Christenverfolgung in Karthago drastisch zunahm. Deshalb änderte er seinen Plan und stellte nun in Kürze sein gesammeltes Material zum Apologeticum zusammen, welches den Vorständen der afrikanischen Provinz überreicht worden ist. Während der Severianischen Verfolgung richtete er eine Trostschrift an die im Kerker befindlichen Märtyrer um 202 (Ad martyras). Sein Sprachstil hob sich von anderen ab: Tertullian schrieb engagiert, leidenschaftlich, ja sogar polemisch. Zwischen 207 und 213 trat er einer montanistischen Sekte bei und plädierte nun enthusiastisch für die Legitimation dieser Sekte. Tertullian starb im hohen Alter irgendwann zwischen 220 und 240. Sein Verdienst lag darin, dass er die Theologie in die Latinität geholt hatte. Er übersetzte zahlreiche biblische Texte aus dem Griechischen und schuf dabei neue lateinische Worte. So geht der trinitas - Begriff auf ihn zurück. Viele spätere Vaterunser-Auslegungen sind von ihm abhängig. Außerdem wurde sein Apologeticum als große Ausnahme ins Griechische übersetzt, was auf eine große Relevanz dieses Werkes hinweist.

Der "heidnischen" Philosophie (vor allem Platon und der Stoa) blieb er -- trotz aller Angriffe im Detail -- im Ganzen verpflichtet. In "De pallio" rechtfertigt er seine Gewohnheit, weiterhin den Philosophenmantel zu tragen.

Durch seinen scharfen, glänzenden Stil und die Tatsache, dass er war der erste Kirchenvater war, der auf Lateinisch schrieb, gilt er als der Vater des Kirchenlateins. Er prägte z.B. das Wort trinitas für die Dreifaltigkeit Gottes. Er beeinflusste nachhaltig spätere Kirchenväter, vor allem Cyprianus und Augustinus, die ebenfalls im Gebiet des heutigen Tunesien wirkten, und somit die gesamte westliche Kirche.

[14] Praxeas, Konfessor aus Kleinasien, lebte um die Wende vom 2. zum 3.Jh. Er stammt aus Kleinasien. Von seinem Leben und Denken wissen wir nur sekundär aus einer Schrift Tertullians (adv. Praxean) einiges. In dieser Schrift wird davon berichtet, daß P. aus Kleinasien nach Rom gekommen sei und einen römischen Bischof, dessen Name nicht genannt wird, bei dem es sich aber eigentlich nur um Zephyrinus (198-217) handeln kann, dazu veranlasst habe, die für die so genannten Montanisten, eine eschatologisch-rigoristische Erweckungsbewegung, die seit dem letzten Drittel des 2. Jahrhunderts gegen die weltfreundlich erscheinende Bischofskirche protestierte, bereits ausgestellten Friedensbriefe zurückzunehmen, und von dem Vorhaben, die Charismen der Gruppe anzuerkennen, zurückzutreten. Um dieses Ziel zu erreichen, hat P. offenbar nicht nur Mitteilungen über die "Propheten und ihre Kirchen" gemacht, sondern sich auch auf Erklärungen früherer römischer Bischöfe berufen, die dem Montanismus wenigstens nicht zustimmten. Auch die Lehre von P. kennen wir aus der genannten Schrift des Tertullian. Sie fasst diese in einem Satz zusammen: "Es wird also der nach den Zeiten (in der Fülle der Zeiten) geborene Vater und leidende Vater, Gott selbst, der allmächtige Herr, Jesus Christus genannt." (Kap. 2). Dieses Zitat kennzeichnet P. als Modalisten, der Jesus Christus als Erscheinungsform (modus) des Vaters verstehen möchte und deshalb Gott als den am Kreuz Leidenden (Patripassianer) begreift. Diesem Modalismus stellt der Montanist Tertullian die genannte Schrift adv. P. in dem Moment entgegen (213), als P. von Rom nach Karthago gelangte. Sie sollte nicht nur den Modalismus bekämpfen, sondern gleichzeitig auch den Montanismus als rechtgläubig empfehlen. - Wegen der durchaus unbefriedigenden Kenntnisse über P. kann eine Würdigung nicht vorgenommen werden, es sei denn, dass man betont, dass P. der erste gewesen ist, der die modalistische Christologie nach Rom gebracht hat und die römische Kirche dazu veranlassen konnte, die Gemeinschaft mit den Montanisten abzubrechen, oder besser, gar nicht aufzunehmen.

[15] Vgl. Kapitel 2.2, S. 11 "Der Monarchianismus und Sabbellianismus".

[16] Vgl. Sieben, Hermann-Josef: Adversus Praxeam: lateinisch/deutsch = Gegen Praxeas / Tertullian. Übers. und eingeleitet von Hermann-Josef Sieben. Freiburg im Breisgau: Herder, 2001.

[17] BKV: Bibliothek der Kirchenväter Bd. 24 Tertullian II. München: Verlag Joseph Kösel, 1913, S. 98.

[18] Ebd. S. 99.

Details

Seiten
27
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638071437
Dateigröße
970 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81130
Institution / Hochschule
Cummins Memorial Theological Seminary
Note
Sehr gut
Schlagworte
Konzil Nicäa

Autor

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Titel: Das erste ökumenische Konzil von Nicäa (325)