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‚Die Goldenen Zwanziger’ - ein Kurzvortrag

Referat (Handout) 2001 14 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

‚Die Goldenen Zwanziger’

Geschlechterrollen in der Weimarer Republik

Bubikopf, Charleston, boxende Frauen und androgyne Männer – die ‚Goldenen Zwanziger’ setzten neue Trends in Sachen Geschlechterrollen. Alte Moral- und Idealvorstellungen wurden über den Haufen geworfen, die Frauenbewegung erlebte ihren vorläufigen Höhepunkt, Homosexualität war vorübergehend Salonfähig. Und doch bereitete diese glamouröse, aber mit all ihrer Toleranz auch sehr orientierungslose Zeit nach Weltkrieg und Wirtschaftskrise den Boden für den aufkommenden Nationalsozialismus und einen Rückfall in alte Wertvorstellungen und Rollenstereotype.

Warum scheiterte diese – aus heutiger Sicht so fortschrittliche Gesellschaft? Existierte diese Bewegung überhaupt in dem Mass, wie wir es uns vorstellen oder war es vielmehr nur eine kleine intellektuelle Oberschicht einer Generation in den Hauptstädten Zentraleuropas, welche unser heutiges Bild der zwanziger Jahre prägt?

Um die Jahrhundertwende herrschte in den Grossstädten Europas eine Aufbruchstimmung. Die Frauenbewegungen erlebten ihre ersten Erfolge, Jugendbewegungen und Nudisten verzeichneten grossen Zulauf. Es sah so aus, als ob die Geschlechterstereotype durchbrochen würden; eine sanftere Männlichkeit und eine freie Frau wurden propagiert.

Der erste Weltkrieg jedoch, ein maskulines Ereignis par excellence, erstickte diesen Trend im Keim. Jetzt wurden wieder Männer gebraucht, die dem klassischen Stereotyp entsprachen: Stark, mutig, hart opferbereit, mit dem Drang, sich einer höheren, überindividuellen Sache in den Dienst zu stellen. Den Frauen ebnete der Krieg zwar – wenigstens vorübergehend - den Weg zu grösser Unabhängigkeit, Männer erlebten die Frauen im Krieg jedoch hauptsächlich in der gewohnt ‚passiven’ Rolle der Krankenschwester und Prostituierten.

Doch der Krieg löschte das Ideal der anderen, sanfteren Männlichkeit nicht ganz aus. Tatsächlich trat während der zwanziger Jahre ein alternatives Ideal der Männlichkeit für einen kurzen Augenblick den ungleichen Kampf gegen die traditionelle Männlichkeit an. Die Sozialisten hatten während des Ersten Weltkriegs versucht, eine friedlichere Form von Maskulinität zu propagieren, die auf Solidarität gründete, aber jene, die aus dem Krieg zurückkehrten, waren doch, so sehr sie das Gemetzel auf den Schlachtfeldern erschüttert haben mochte, der lebende Beweis für die Stärke des normativen Stereotyps.[1]

Krieger

Obwohl die Kritik am Krieg nach 1917 allgegenwärtig war, waren Ideale wie Mut, Opferbereitschaft und Kameradschaft nie von dieser Kritik betroffen. Nach wie vor wurde ein klassisches Männerbild propagiert, das Gefühl, erst durch den Krieg frei zu werden, ein richtiger Mann zu werden, war noch immer weit verbreitet – der Krieger galt weiterhin als Inbegriff von Maskulinität, die Krise zur Jahrhundertwende hatte das Ideal der normativen Männlichkeit paradoxerweise nicht verändert, sondern gestärkt. Selbst vielzitierte Antikriegsdichter wie Siegfried Sassoon und Wilfried Owen in England oder Ludwig Renn in Deutschland hatten ein ebenso starkes Bewusstsein ihrer Maskulinität wie die Kriegsbefürworter. Sie neigten dazu, die Beweggründe für den Kampf zu kritisieren, nicht aber den Kampf selbst. Die Verbindung von Militarismus und Maskulinität war immer noch gegenwärtig.

Am stärksten propagiert wurde diese virile Männlichkeit von rechten Strömungen, der Krieger verkörperte den ‚Nationalcharakter’, er hatte die Aufgabe die Nation zu verteidigen. Viele, die für den Krieg zu jung gewesen waren, empfanden beim Lesen entsprechender Geschichten, beim Betrachten von Bilderbüchern, die aller Kriegsschrecken entledigt waren, grosses Bedauern darüber, dass sie dieses gewaltige Abenteuer, in dem sie ihre Männlichkeit hätten erproben können, verpasst hatten.[2]

Sozialisten

Vor dem Krieg und sogar im Laufe des Krieges war jedoch ein anderes und recht unterschiedliches Ideal der Männlichkeit zum Vorschein gekommen, welches das Bild des Kriegers kurzfristig ins Wanken zu bringen schien: der Pazifist, der Gewalt ablehnt, eine friedliche Revolte gegen den Krieg führt und die Solidarität aller Menschen beschwört und sich durch den Glauben an die individuelle Freiheit vom nationalistischen Krieger abhebt.

Dieses Bild wurde von linksgerichteten, vor allem von den Sozialisten propagiert. Sie lehnten nicht nur den Krieg ab, sondern stellten auch die Männlichkeit in Frage, die ihm den Boden bereitet hatte. „So bildete die sozialistische Vorstellung von einem ‚neuen Mann’ einen Gegenpol zur Maskulinität, wie wir sie kennen: sie gründete auf Solidarität, auf Gewaltverzicht und auf Ablehnung des Nationalismus als Ideal, das den modernen Mann läuterte. Dieser neue Mann konnte indes erst jenseits der bürgerlichen Gesellschaft Wirklichkeit werden; ein sozialistisches Gemeinwesen würde eine neue, radikal veränderte Männlichkeit hervorbringen. ‚Männlichkeit’ würde ‚Menschheit’ untergeordnet sein, einer Gemeinschaft, die die Maskulinität ihrer angestammten Eigenschaften beraubt hätte.“[3]

Dieser Mann stellte sich zwar immer noch in den Dienst einer höheren Sache, jedoch war diese nicht mehr der Nationalismus, sondern eine menschlichere Gesellschaft.[4] Unabdingbare Voraussetzung hierfür war, dass er zuerst seinen eigenen Geist und Charakter als freies moralisches Wesen schulte.

Dieses Ideal der Maskulinität sprach dem Mann seine Überlegenheit ab und ging von einer Gleichheit zwischen den Geschlechtern aus. Männer und Frauen sollten die sozialistische Gesellschaft der Zukunft aufbauen; beide hatten zu ebendiesem Zweck dieselbe Erziehung zu erhalten. Die kurzgeschnittenen Haare einer Frau – der sogenannte Bubikopf, sollte für ihre Unabhängigkeit sprechen.[5] Frauen galten weder als minderbemittelt, noch glaubte man, dass ihr ‚hysterisches’ Temperament sie davon abhalte, im öffentlichen Leben eine Rolle zu spielen – diese Vorurteile waren ansonsten unter Männern weit verbreitet. Trotzdem blieb die sozialistische Einstellung gegenüber Frauen eine konservative, auch wenn deren Emanzipation proklamiert wurde. Auch für das Bild des Mannes wurde immer wieder auf klassische Darstellungen zurückgegriffen: die idealisierte Figur des Arbeiters strahlte männliche Stärke aus und zollte der Ästhetik der modernen Maskulinität Tribut. Die Sportbewegung der Arbeiter schenkte dem männlichen Körper fast dieselbe Aufmerksamkeit wie die bürgerlichen Turnbewegungen. Auch die sozialistische Jugend sollte Körper und Geist trainieren und wissen, was männliche Schönheit ausmache. Heldentum, Disziplin und Einordnung, Konkurrenzgebaren – all diese Elemente klassischer Ideale waren den Arbeitern im Sport vertraut.

[...]


[1] Mosse, George L ., Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit. Frankfurt a. M. 1997, S.143f

[2] Mosse 142ff

[3] Mosse 158

[4] Adler, Max, Neue Menschen. Gedanken über sozialistische Erziehung. Wien und München 1923, S.69

[5] Pfoser, Alfred, Literatur und Austromarxismus. Wien 1986, S.42f

Details

Seiten
14
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638151825
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8113
Institution / Hochschule
Universität Bern – Historisches Institut
Note
sehr gut
Schlagworte
Goldenen Zwanziger’ Kurzvortrag Seminar Geschlechterrollen Thema Die Goldenen Zwanziger

Autor

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