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Unterschiede zwischen der Journal- und der Buchfassung von Adalbert Stifters "Brigitta"

Seminararbeit 2006 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Entstehung der Journal- und Buchfassung von Brigitta

3 Die Unterschiede zwischen den Fassungen
3.1 Die Kapitelüberschriften
3.2 Die Einführung
3.3 Syntaktische und wörtliche Veränderungen
3.4 Stilistische Veränderungen
3.5 Die Ausgestaltung einzelner Passagen
3.6 Die Aktualität des Stoffes
3.7 Änderung von Zahlenangaben

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den zwei verschiedenen Fassungen der Novelle Brigitta von Adalbert Stifter und untersucht, worin die wesentlichsten Unterschiede liegen. Dieser Vergleich bildet den Schwerpunkt der Untersuchung.

Es wird aber auch gezeigt, aus welchen Gründen Stifter die entsprechenden Änderungen vorgenommen hat.

Nachdem ich vorab kurz auf die Hintergründe zur Entstehung der beiden Brigitta - Fassungen eingehe, beginnt der eigentliche Teil der Untersuchung, der darauf eingeht, welche Unterschiede es zwischen der Journal- und der Buchfassung gibt und warum der Autor die entsprechenden Änderungen macht. Dabei wird zunächst auf Verschiedenheiten hinsichtlich der Kapitelüberschriften und des Anfangs der Erzählung eingegangen. Anschließend zeige ich weitere Änderungen im Bezug auf syntaktische, wörtliche und stilistische Merkmale auf. Außerdem wird die Ausgestaltung einzelner Passagen und die Aktualität des Stoffes in den beiden Fassungen untersucht. Zuletzt nimmt diese Arbeit Bezug auf die Änderungen bei Zahlenangaben.

Dazu muss von vornherein gesagt werden, dass die Unterschiede der Fassungen lediglich exemplarisch an einzelnen Beispielen dargestellt werden können, da eine Untersuchung sämtlicher Änderungen im Rahmen der vorliegenden Hausarbeit nicht möglich ist.

Anmerkung: Wenn im weiteren Verlauf dieser Arbeit Textpassagen aus Brigitta zitiert werden, wird dem Leser das Auffinden derselbigen durch eine direkte Angabe der Seitenund Zeilenzahl erleichtert. Wenn dabei aus der Journalfassung zitiert wird, ist dies durch ein „J“ markiert, bei Zitaten aus der Buchfassung steht ein „B“[1].

2 Die Entstehung der Journal- und Buchfassung von Brigitta

Wie von den meisten Erzählungen Adalbert Stifters existieren auch von Brigitta zwei unterschiedliche Fassungen.

Die ursprüngliche Version schrieb Stifter im Jahr 1842 und sie erschien 1844 in dem Almanach Gedenke mein! Taschenbuch für 1844 [2]. Da seine Erzählungen zunächst alle in Journalen, wie „Zeitschriften, Almanachen und Taschenbüchern“[3], veröffentlicht wurden, nennt man diese Urfassungen für gewöhnlich auch Journalfassungen. Für die Sammlung seiner Texte unter dem Titel Studien arbeitete Stifter „sämtliche Erzählungen sehr gründlich um“[4]. Das sagt er in der Vorrede zu den Studien auch ganz deutlich:

Die Fehler, welche mir durch zugekommene Urteile bekannt geworden sind, habe ich, so weit ich sie einsah, zu verbessern gesucht, da ich den ganzen Stoff umarbeitete, - die andern, die ich nicht einsah, oder deren Vermeidung außer den Grenzen meiner Kräfte lag, sind freilich stehen geblieben[5].

Dementsprechend hat er „auch die Journalfassung von Brigitta entscheidend überarbeitet“[6]. Diese sogenannte Buchfassung schrieb er 1846 und sie wurde 1847 im 4. Band von Adalbert Stifters Studien [7] veröffentlicht.

3 Die Unterschiede zwischen den Fassungen

3.1 Die Kapitelüberschriften

Eine der auffälligsten Änderungen gegenüber der Journalfassung sind die Kapitelüberschriften in der Buchfassung von Brigitta:

In der früheren Ausführung sind die Kapitel noch mit römischen Ziffern durchnummeriert, in der überarbeiteten Version nennt Stifter sie „Steppenwanderung“ (B 411,2), „Steppenhaus“ (B 426,13), „Steppenvergangenheit“ (B 445,10) und „Steppengegenwart“ (B 462,6).

Dabei beziehen sich die Überschriften direkt auf das Geschehen im jeweiligen Kapitel und gleichzeitig auf den Schauplatz, nämlich die Steppe, die „immer da [ist]; als wirkliche Szene oder als mitbewußter Hintergrund“[8]: „Durch diese Überschriften wird die Bewegung der Figuren durch Raum und Zeit auf die 'Steppe' bezogen, die wiederum in verschiedenen Bedeutungsebenen das Leben der Titelgestalt bestimmt“[9]. Dabei verweisen „[d]ie Kapitelüberschriften [...] auf den Autorerzähler zurück, der den Ich-Erzähler schuf und für die Leser einen metaphorischen Zusammenhang zwischen den Kapiteln, jenseits von Chronologie und Handlungszusammenhang, erstellt.“[10]

Die von Stifter beabsichtigte Wirkung, die hinter der Einfügung dieser Kapitelüberschriften steckt, ist die „Steigerung der Leseraktivität“[11].

3.2 Die Einführung

Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Fassungen fällt gleich zu Beginn des Textes auf. So beginnt in der Journalfassung die Einführung, die der namenlose Erzähler seinem Bericht voranstellt, folgendermaßen:

Wenn wir in einem jener Bücher lesen, in denen die menschliche Seele beschrieben wird, so ist alles klar, die Kräfte sind gesondert, die Verrichtungen fertig, und die Sache liegt vor uns; seh'n wir dann aber in die Seele selber, so ist es wieder dunkel, magische Dinge geschehen, als stünde in jenem Buche noch nicht das Rechte, wir ahnen endlose Gebiete, dann blitzt es oft auf, als läge hinter denen erst noch recht ein seltsames Land, und so fort, daß das Herz sich vor sich selber fürchten möchte - wer weiß, wie weit es geht; eine gelegentliche That, ein glücklicher Blick der Wissenschaft zuckt zuweilen den Schleier weg, aber das Ahnen ist dann schauerlicher, als das Wissen - man denke nur an die zwei merkwürdigen, unbestreitbaren Thatsachen: Der Geisterfurcht und des Somnambulismus (J 211,1-13).

Diese Ausführungen sind in der Buchfassung sehr stark abgeändert. So streicht Stifter beispielsweise die Passagen über Somnambulismus und Geisterfurcht völlig. Insgesamt ist die Einführung in der Buchfassung auch viel allgemeiner gehalten:

Es gibt oft Dinge und Beziehungen in dem menschlichen Leben, die uns nicht sogleich klar sind und deren Grund wir nicht in Schnelligkeit hervorzuziehen vermögen. Sie wirken dann meistens mit einem gewissen, schönen und sanften Reize des Geheimnisvollen auf unsere Seele. In dem Angesichte eines Häßlichen ist für uns oft eine innere Schönheit, die wir nicht auf der Stelle von seinem Werte herzuleiten vermögen, während uns oft die Züge eines andern kalt und leer sind, von denen alle sagen, daß sie die größte Schönheit besitzen (B 411,3-11).

Diese Änderungen werden daran liegen, dass „[z]wischen der Journal- und der Buchfassung von Brigitta [...] Feuchterslebens 'Lehrbuch der ärztlichen Seelenkunde'“ erschien und Stifter deshalb auf seine ursprüngliche Ausführung, die „noch ganz im Zeichen von Jean Pauls 'Muthmaßungen über einige Wunder des organischen Magnetismus' steht“[12], verzichtete.

Außerdem ist die Einführung in der Journalfassung wesentlich länger, als in der Buchfassung: “Whereas the unnamed narrator's discussion about beauty and the soul originally covered three pages, Stifter saw fit three years later to confine the discussion to less than a page“[13].

[...]


1 Zitiert wird bei der Journalfassung nach: Stifter, Adalbert: Brigitta. Novelle. In: Doppler, Alfred und Frühwald, Wolfgang (Hg.): Adalbert Stifter. Werke und Briefe. Historisch Kritische Gesamtausgabe. Bd. 1,2. Studien. Journalfassungen. Zweiter Band. Hrsg. von Helmut Bergner und Ulrich Dittmann. Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1979, S. 211 - 257. Bei der Buchfassung wird zitiert nach: Stifter, Adalbert: Brigitta. In: Doppler, Alfred und Frühwald, Wolfgang (Hg.): Adalbert Stifter. Werke und Briefe. Historisch Kritische Gesamtausgabe. Bd. 1,5. Studien. Buchfassungen. Zweiter Band. Hrsg. von Helmut Bergner und Ulrich Dittmann. Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1982, S. 409 - 475.

2 Stifter, Adalbert: Brigitta. Novelle. In: Gedenke mein! Taschenbuch für 1844. 13. Jg. Wien und Leipzig 1844, S. 1 - 56.

3 Naumann, Ursula: Adalbert Stifter. Stuttgart 1979, S. 22.

4 Ebd. S. 22.

5 Adalbert Stifter. Vorrede. In: Doppler, Alfred und Frühwald, Wolfgang (Hg.): Adalbert Stifter. Werke und Briefe. Historisch Kritische Gesamtausgabe. Bd. 1,4. Studien. Buchfassungen. Erster Band. Hrsg. von Helmut Bergner und Ulrich Dittmann. Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1980, S. 11f.

6 Dittmann, Ulrich: Erläuterungen und Dokumente. Adalbert Stifter. Brigitta. Stuttgart 2003, S. 45. (Kursivsetzung im Original).

7 Stifter, Adalbert: Brigitta. In: Studien. Bd. 4. Pesth und Leipzig 1847.

8 Mautner, Franz H.: Randbemerkungen zu 'Brigitta'. In: Lothar Stiehm (Hg.): Adalbert Stifter. Studien und Interpretationen. Gedenkschrift zum 100. Todestage. Heidelberg 1968, S. 92.

9 Dittmann 2003, S. 45.

10 Ebd. S. 6.

11 Ebd. S. 44.

12 Doppler, Alfred und Frühwald, Wolfgang (Hg.): Adalbert Stifter. Werke und Briefe. Historisch Kritische Gesamtausgabe. Bd. 1,9. Studien. Kommentar. Hrsg. von Ulrich Dittmann. Stuttgart / Berlin / Köln 1997, S. 321.

13 Block, Richard: Stone Deaf: The Gentleness of Law in Stifter's Brigitta. In:Monatshefte für deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur 90 (1998), S. 17.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638877046
ISBN (Buch)
9783638877107
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81123
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,9
Schlagworte
Unterschiede Journal- Buchfassung Adalbert Stifters Brigitta Stifter

Autor

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Titel: Unterschiede zwischen der Journal- und der Buchfassung von Adalbert Stifters "Brigitta"