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Pop-Romane als Adoleszenzliteratur: "Relax" als Beispiel für den postmodernen Adoleszenzroman

Seminararbeit 2006 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Adoleszenzroman

3 Der literarhistorische Wandel des Adoleszenzromans

4 Gehören Pop-Romane zur Adoleszenzliteratur?

5 „Relax“ als Adoleszenzroman
5.1 Das Alter der Protagonisten
5.2 Die Suche nach Erlebnissen
5.2.1 Feiern und Drogen
5.2.2 Masturbation
5.3 Die Protagonisten als Rezipienten von Literatur
5.4 Die Position der Autorin
5.5 Die Erzählperspektive und -technik

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit widmet sich dem Pop-Roman als Gegenstand der Adoleszenzliteratur. Dabei werden die Fragen beantwortet, ob Pop-Romane als Vertreter der Gattung des Adoleszenzromans gelten können und wo ihre Gemeinsamkeiten liegen. Die daraus hervorgehende These, dass Pop- gleichzeitig auch Adoleszenzromane sind, wird dabei am Beispiel von „Relax“ der Autorin Alexa Hennig von Lange belegt. Dazu ist die Arbeit wie folgt aufgebaut: Zunächst gebe ich eine kurze Definition zur Gattung des Adoleszenzromans. Daraufhin wird ein Überblick des literarhistorischen Wandels dieser Romane gegeben, um zu zeigen, welchem genauen Typus sich die Pop- Romane zuordnen lassen. Anschließend widmet sich diese Arbeit explizit der Frage, ob Pop-Romane auch Adoleszenzliteratur sind und beantwortet diese anhand von Belegen verschiedener Autoren. Im folgenden Abschnitt wird schließlich „Relax“ auf Merkmale untersucht, die dafür sprechen, dass es sich hierbei ebenfalls nicht nur um einen Pop-, sondern zugleich um einen Adoleszenzroman handelt.

2 Der Adoleszenzroman

Der Gegenstand des Adoleszenzromans ist die Lebensphase des Menschen, „die den Ü bergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter markiert“[1]. Adoleszenzromane[2] beschreiben die „Bewältigung oder Nichtbewältigung der Adoleszenzkrise“, also das „Gelingen oder Mißlingen der Suche nach Identität“[3]. „In zeitlicher Hinsicht umfaßt Adoleszenz die Altersphase etwa vom 12. bzw. 13. bis 20./24. Lebensjahr“. Allerdings ist diese zeitliche Abgrenzung „sowohl nach unten als nach oben unscharf“[4]. So reicht die Postadoleszenz bis in das dritte und sogar vierte Lebensjahrzehnt hinein.

3 Der literarhistorische Wandel des Adoleszenzromans

Die Gattung des Adoleszenzromans hat eine lange Vorgeschichte, die sich mit „Anton Reiser“ (1785-1790) von Karl Philipp Moritz und Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) bis in das 18. Jahrhundert zurückführen lässt[5]. Carsten Gansel unterscheidet in seinem Artikel „Der Adoleszenzroman - zwischen Moderne und Postmoderne“ drei Arten von Adoleszenzromanen.

Um zu zeigen, welchem Typus des Adoleszenzromans die Pop-Romane entsprechen, gebe ich im folgenden einen kurzen Überblick der verschiedenen Gattungen.

Dabei muss von vornherein betont werden: Die Übergänge zwischen den verschiedenen Typen sind fließend, und, wenngleich es durchaus eine historische Abfolge gibt, bedeutet dies nicht, dass nicht am Ende der 90er Jahre auch Adoleszenzromane entstehen können, die im 'Was' und 'Wie' der literarischen Darstellung als traditionell einzuordnen sind.[6]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt die Form des klassischen bzw. traditionellen Adoleszenzromans auf. Hierzu zählen die Schülerromane. Bei den Protagonisten handelt es sich immer um männliche Adoleszente, die die Erfahrungen in der Schule aus ihrem Blickwinkel schildern. Dabei wird diese als „Zwangsanstalt“[8] wahrgenommen, welche die Schüler diszipliniert, schikaniert und peinigt. Die Lehrer werden von den Schülern als autoritäre und brutale Feinde empfunden, die in ihnen lediglich „Erziehungsobjekte“[8] sehen. Entsprechend wird die Schulatmosphäre als eine „Mischung aus Angst, Schrecken und permanenter Langeweile“[7] beschrieben. In den Schulromanen befinden sich die Protagonisten in einem unlösbaren Konflikt, der oft mit ihrem Tod endet[8]. Zu den Werken der traditionellen Adoleszenzromane zählt Gansel unter anderem „Der erste Schultag“ (1889) von Arno Holz, „Turnstunde“ (1904) von Rainer Maria Rilke, „Unterm Rad“ (1906) von Hermann Hesse und Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906)[9].

In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beginnt ein neuer Abschnitt in der Entwicklung des Adoleszenzromans, wobei Jerome D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ (1951, in Deutschland 1956 erschienen) als Erstlingswerk des modernen Adoleszenzromans gesehen werden kann. In der deutschen Literatur kamen die modernen Adoleszenzromane erst etwas später auf. Zu ihnen zählt Gansel beispielsweise Günter Grass' „Katz und Maus“ (1961), Peter Weiss' „Abschied von den Eltern“ (1961) und „Die neuen Leiden des jungen W.“ (1973) von Ulrich Plenzdorf[10]. In diesen modernen Adoleszenzromanen geht es „weiter um die Dichotomie von Jugend- und Erwachsenenwelt“[11]. Die jugendlichen Protagonisten lehnen die „weithin fremdbestimmte Lebensführung in der modernen, leistungsorientierten Industrie- und Massengesellschaft“[12] ab, trotzdem scheitern sie letztlich an ihr oder ziehen sich zurück. Die Helden opponieren also „gegen die Normen, Werte [und] die einseitigen Leistungsanforderungen der Erwachsenen“[13]. Dieser Konflikt äussert sich darin, dass der moderne Adoleszenzroman meist jugendliche Subkulturen darstellt, die sich durch ihre Protesthaltung - welche sich oft auch in ihrem Aussehen und Musikgeschmack widerspiegelt - von der übrigen Gesellschaft unterscheiden. Zu solchen Subkulturen zählen beispielsweise die Beatniks, Hippies, Rock'n'Roller und Punks[14]. In erster Linie bedeutet Adoleszenz hier „die Suche nach einem festen Wesenskern, nach einer unverwechselbaren Persönlichkeit, nach Individualität, kurz, es geht um den Erwerb von Identität, Handlungsautonomie und sozialer Verantwortung“[15].

In den 1990er Jahren entsteht schließlich der postmoderne Adoleszenzroman. In diesem spiegelt sich die postmoderne Erlebnisgesellschaft wider, in der das Jungsein als ein generationsübergreifendes Ideal gilt und Jugend nicht mehr länger vom biologischen Alter abhängt[16]. Des Weiteren ist „aus der durch Abgrenzung motivierten Sub- und Gegenkultur der 70er und 80er Jahre [...] die statusbetonte Alltagskultur der 90er Jahre geworden“[17], was zur Folge hat, dass der Generationenkonflikt sich entschärft.

An die Stelle des Antagonismus zwischen den differenten Lebensstilen und Wertevorstellungen tritt nun vielmehr ein Wertepluralismus: „Was früher provozierte, wird heute von den Generationen der Älteren akzeptiert. An die Stelle einander bekämpfender Gegensätze ist eine kulturelle Koexistenz verschiedener Stile getreten“[18]. Deshalb wandelt sich das bisher vorherrschende Adoleszenzroman-Thema: Aus der Suche nach der eigenen Identität wird „im modernen Verständnis“[20] eine „immer wieder neue Suche nach Erlebnissen“[19], wie sie oft auch in der Pop-Literatur thematisiert wird.

4 Gehören Pop-Romane zur Adoleszenzliteratur?

Wie man sieht, lassen sich einige Parallelen zwischen postmodernen Adoleszenz- und Pop-Romanen erkennen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob ein Vergleich von Popliteratur mit Adoleszenzromanen berechtigt ist.

Wie bereits zu Beginn des letzten Kapitels erwähnt, werden Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ und Karl Philipp Moritz' „Anton Reiser“ als die 'Gründungsromane' der Adoleszenzliteratur angesehen. Gleichzeitig sind sie die „Vorläufer des Pop- Romans“[20]. Auch Katharina Rutschky sieht in Goethes „Werther“ das „Urbild des Popromans“[21]. In ihrem Beitrag „Wertherzeit. Der Poproman - Merkmale eines unerkannten Genres“ bemerkt sie zudem: „[...]Popliteratur konzentriert sich auf den Abschied von der unschuldigen Kindheit und den Eintritt in die Welt der Erwachsenen [...]“[22]. Damit spricht Rutschky den Pop-Romanen genau den Inhalt zu, der die Adoleszenz bestimmt.

Dem entsprechend stellt auch Carsten Gansel fest: „Die neue deutsche Pop-Literatur ist in ihrem Kern Adoleszenzliteratur, ja eine Reihe von Texten stehen geradezu exemplarisch für den (post)modernen Adoleszenzroman“[23].

Zu diesen zählt er unter anderem Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“ (1998), Christian Krachts „Faserland“ (1995) und den, in dieser Arbeit behandelten, PopRoman „Relax“ (1997) von der Autorin Alexa Hennig von Lange[24].

Wie sich feststellen lässt, ist es also durchaus angemessen Pop-Romane zumindest als postmoderne Adoleszenzliteratur zu betrachten und sie auf deren spezifische Merkmale hin zu untersuchen.

5 „Relax“ als Adoleszenzroman

In Alexa Hennig von Langes „Relax“ wird ein Wochenende aus der Sicht zweier Adoleszenten beschrieben. Dazu ist der Roman in zwei Teile gegliedert, wobei die erste Hälfte die Geschehnisse aus der Ich-Perspektive des männlichen Erzählers „Chris“ beschreibt und der zweite Teil das Wochenende aus der Sicht seiner Freundin schildert. Am Ende der beiden Abschnitte treffen die Protagonisten schließlich „beim Tod des einen punktgenau zusammen“[25].

Im Folgenden untersuche ich den Pop-Roman „Relax“ auf Merkmale, die für Adoleszenz und Adoleszenzromane charakteristisch sind. Dabei gehe ich sowohl auf bereits im Verlauf dieser Arbeit genannte, als auch auf neue Aspekte ein.

[...]


1 Remschmidt, Helmut: Adoleszenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter. Stuttgart und New York 1992, S. 1 (Kursivsetzung im Original).

2 Die Bezeichnung des Adoleszenzromans wurde von dem Muster des angloamerikanischen „adolescent novel“ abgeleitet.

3 Ewers, Hans-Heino (Hrsg.): Jugendkultur im Adoleszenzroman. Jugendliteratur der 80er und 90er Jahre zwischen Moderne und Postmoderne. Weinheim und München 1994, S. 9.

4 Remschmidt, Helmut: Adoleszenz. 1992, S. 3 (Kursivsetzung im Original).

5 Vgl. Kaulen, Heinrich: Von Törleß zu Trainspotting. Über Jugend und Adoleszenzromane zwischen Moderne und Vormoderne. In: Wiener Zeitung vom 02. 04.1999. Vgl. auch: Steinlein, Rüdiger: Adoleszenzliteratur. In: Zeitschrift für Germanistik. NF 14 (2004) H 1, S. 11.

6 Gansel 2000, S. 373.

7 Ebd. S. 374.

8 Vgl. Ebd. S. 373 f.

9 Vgl. Ebd. S. 368.

10 Vgl. Gansel, Carsten: Adoleszenz, Ritual und Inszenierung in der Pop-Literatur. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Sonderband. Popliteratur. München 2002, S. 254.

11 Gansel 2000, S. 375.

12 Doderer, Klaus: Jeansliteratur. In: Doderer, Klaus (Hrsg.): Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur. 4. Band. Weinheim und Basel 1982, S. 320.

13 Gansel 2000, S. 375.

14 Vgl. Ebd. S. 376 f.

15 Ebd. S. 377.

16 Vgl. Ebd. S. 379.

17 Ebd. S. 379.

18 Ebd. S. 379.

19 Ebd. S. 380.

20 Ebd. S. 383.

21 Katharina Rutschky: „Wertherzeit. Der Poproman - Merkmale eines unerkannten Genres.“ In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 57 (2003) Heft 645 - 656. Februar 2003. S. 108.

22 Ebd. S. 107.

23 Gansel 2002, S. 236 (Kursivsetzung im Original).

24 Vgl. Ebd. S. 240 und Gansel 2000, S. 380. Anmerkung: Auch englischsprachige Werke der Popliteratur fallen, laut Gansel, in den Bereich des postmodernen Adoleszenzromans. Zu diesen zählt er unter anderem „Unter Null“ (1986), „Einfach unwiderstehlich“ (1987, dt. 1988) von Bret Easton Ellis; „Fever Pitch“ (1992), „High Fidelity“ (1995, dt. 1996) von Nick Hornby; „Trainspotting“ (1993, dt. 1996) von Irvine Welsh.

25 Rutschky 2003, S. 116.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638877039
ISBN (Buch)
9783638877091
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v81122
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Schlagworte
Pop-Romane Adoleszenzliteratur Relax Beispiel Adoleszenzroman Neue Popliteratur

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