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Die Väter: Narren der Uneinsichtigkeit in Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe"

Seminararbeit 2005 28 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Gesellschaftliche Situation
1.2 Novellensammlung Die Leute von Seldwyla
1.3. Entstehung und Titel der Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe

2. Väter als typische Vertreter der Dorfbewohner
2.1. Darstellung der Väter
2.2. Handlungsweise der Väter
2.3. Sprachliche Ausdruckweise den Dörfler
2.4. Gesellschaftliche Position der beiden Bauern

3. Vorgeschichte des Streites
3.1. Verwilderter Acker
3.2. Betrug an den schwarzen Geiger
3.3. Versteigerung des Ackers

4. Die Väter: Narren der Uneinsichtigkeit
4.1. Ursache und Anfang der Streitgeschichte
4.2. Eskalation des Streites
4.3. Habgier und Beschränktheit der Vätern
4.4. Beziehung der Seldwyler zu den Streitenden
4.5. Benehmen der beiden Gegner

5. Untergang der beiden Familien
5.1. Einfluss der Vätern auf das Schicksal ihrer Familien
5.2. Zerbrechen der Kinder an der Schuld der Väter

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Gegenstand dieser Arbeit ist die Darstellung der Narrheit der Väter in Gottfried Kellers Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe. Die Behandlung des Themas in der vorliegenden Arbeit untergliedert sich in vier Teilbereiche: die Väter als typische Vertreter der Landsleute, die Vorgeschichte des Streites, die Väter als Narren der Uneinsichtigkeit und der Untergang der beiden Familien. In Verbindung damit sollen zugleich folgende Fragen beantwortet werden: Warum sind die Väter die typischen Vertreter ihres Landes? Warum werden sie zu Narren? Welchen Einfluss haben die beiden Streitenden auf das Schicksal ihrer Familien? Sind die Väter schuldig für den Tod ihrer Kinder?

Zunächst werden die gesellschaftliche Situation in der Schweiz des 19. Jahrhunderts und die Mentalität ihrer Bürger im Zusammenhang mit der Novellensammlung Die Leute von Seldwyla und der Entstehung der Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe beleuchtet . Dann soll der Begriff Typus erklärt werden. Danach versucht die Verfasserin, die oben dargestellten Fragen zu beantworten. Die Antworten werden im Zusammenhang mit biblischen und mythologischen Motiven betrachtet. Die darauf folgende Geschehensanalyse umfasst den Handlungszusammenhang, die Gestaltungen der beiden Bauern, die Darstellung des Marti-Manz- und Väter-Kinder-Konfliktes in der Novelle. Zum Schluss sollen die Thesen der Novelle zusammengefasst werden.

1.1 Gesellschaftliche Situation

„Keller wurde als Mensch und Dichter in den Jahren geformt, da die heutige Schweiz sich in Geburtswehen emporrang zu einem politischen Gebilde, das mit einer Jahrhunderte alten Vergangenheit brach und gewillt war, die großen Gedanken der französischen Revolution in die Wirklichkeit überzuführen: die Freiheit der Persönlichkeit und die politische Gleichheit aller Bürger, das Recht des Volkes auf Bestimmung seines staatlichen Schicksals, aber auch aller öffentlichen Interessen“ - so Fränkel.[1]

Wenn man aber die großen ideologischen und demokratischen Probleme des 19. Jahrhunderts außer Betracht lässt und versucht, das kleine bürgerliche Niveau des damaligen Schweizers zu verstehen, dann werden die Themen von Kellers Novellen begreiflicher und klarer. Die Provinz in der Schweiz war geprägt durch eine kleinbürgerlich-bäuerliche Welt, deren Geist und Denkweise Keller in seinen Novellensammlungen beschrieb.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Schweiz war die Zeit der Kapitalisierung und der Ökonomisierung der Gesellschaft. Ihre Auswirkungen auf das Individuum und Kollektivum führten zu einer Gesellschaft, die sich von ihrem ehemaligen bürgerlichen Humanitätsideal entfernte. Die Zerstörung der Zunftschranken brachte den Handwerkern Selbstständigkeit und Eigentum, aber auch die strengere Konkurrenz und damit die soziale Deklassierung. Die neuen bürgerlichen und bäuerlichen Rechte veränderten die menschliche Mentalität.

Im poetischen Realismus nehmen die Darstellungen der wirtschaftlichen Verhältnisse des Bürgertums zu. Gesellschaftliche Verhältnisse werden zum Zentralthema.

Kellers Hauptthemen sind die wirtschaftliche Beziehung zwischen den Menschen, ihr moralisches und unmoralisches Benehmen, die Familie und die Gemeinschaft. Er stellt das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die Spannung zwischen persönlicher Leidenschaft und dem bürgerlichen Ordnungsbedürfnis in den Mittelpunkt seines Schaffens. Er beschäftigt sich mit der bürgerlichen Verantwortung und dem fehlenden sozialen Bewusstsein, mit der Integration des Bürgers in das gesellschaftliche System und Kollektivum. Man kann über den sozialgeschichtlichen Hintergrund in Kellers Novellen sprechen.[2]

In seinen Novellensammlungen zeigt Keller keine bloßen Probleme oder Geschehen. Er verwandelt sie poetisch und ästhetisch. Die feine Art von Kellers literarischen Darstellungen ruft seine malerische Studien ins Gedächtnis und die damit verbundene Vorstellung von Schönheit. Keller sprach über das „poetische Spiegelbild“ und über das „erhöhte Spiegelbild“.[3] „Der Begriff des Abbilds bedeutet für Kellers ästhetische Position zunächst deren materialistische Fundierung, aber gewiß nicht bloß mechanische Reproduktion des Wirklichen.“[4]

Resümierend kann man sagen, dass Keller die Zeitgeschichte in einer dialektischen und poetischen Einstellung zeigt.

1.2 Novellensammlung Die Leute von Seldwyla

Benno von Wiese schätzt Gottfried Keller als Novellisten sehr hoch und unterstreicht: „Keller muss vor allem als Höhepunkt der deutschen Novelle des 19. Jahrhunderts herausgehoben werden.“[5]

In der Zeit des bürgerlichen Realismus in Deutschland (etwa 1848-1898) erreicht die Novelle ihren Höherpunkt. Sie versucht sich von der didaktischen moralischen Erzählung zu trennen. Gottfried Keller protestiert dagegen: „Mich beschleicht […] das Gefühl, daß die Novelliererei zu einer allgemeinen Novelliererei geworden sei, einer Sintflut in der herumzuplätschern kein Vergnügen und bald auch keine Ehre mehr sei“.[6]

Die Novellensammlung Die Leute von Seldwyla wird sowohl dem bürgerlichen, als auch dem poetischen Realismus zugeordnet. Mit dem ersten Begriff wird eine historische Einordnung vorgenommen. Der zweite Begriff wird zur Beschreibung von poethologischen Besonderheiten literarischer Werke verwendet und akzentuiert, wie erzählt wird.

Keller ist ein geborener Humorist. Sein Humor weist sich als eine spezifische erzähltechnische Form der Kritik (Poetisierung der Kritik) aus. „Aus der Mischung von Humor, Heimatliebe, Hingabe und ironischer Distanz entstanden die Leute von Seldwyla (1856, 1874) mit ihren zehn heiter-ernsten Novellen aus dem Leben der närrisch-leichtsinnigen[7] Kleinstadt.“[8] Eine literarische Ausnahme von dieser Sammlung bildet die Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe. Das ist eine tragische Geschichte. Sie stellt aber auch die närrisch-leichtsinnigen Gestalten dar.

Der Autor benutzt für die Sammlung keinen Gattungsbegriff Novelle. Er bezeichnet sie als Erzählungen.[9]

Die Leute von Seldwyla (alle fünf Novellen des ersten Teiles) schreibt Keller in Berlin, als er in höchster finanzieller Not ist. Die Sammlung erscheint beim Eduard Vieweg in Braunschweig im Jahr 1856.[10]

Der Name Seldwyla bedeutet einen wonnigen und sonnigen Ort, ein Glücksdörfchen, bzw. kleines Glücksdorf[11] und symbolisiert eine kurze Zeit des Glückes. Seldwyla ist eine fiktive, kleine bürgerliche Stadt irgendwo in der Schweiz, die für das Land typisch ist, wo die Zeit stehen geblieben ist. Es „ […] „steckt noch in den gleichen alten Ringmauern und Türmen wie vor dreihundert Jahren“. In Zürich betätigen sich Männer in Politik, Wirtschaft und Geschichte; in Seldwyla wird alles auf kindische Weise betrieben. In Zürich beruht die Blüte des Gemeinwesens auf der Tüchtigkeit der Bürger; in Seldwyla herrscht die sonderbare Lage, „dass die Gemeinde reich ist und die Bürgerschaft arm“ […]“.[12] Im Leben der kleinen Lumpen von Seldwyla passiert nichts. Sie bleiben dieselbe wie zuvor: keine echten Träumer, aber auch keine echten Kapitalisten.

Am 15 Juni 1855 erklärt Keller dem Verleger Vieweg, dass seine Leute von Seldwyla „von allgemein menschlichem Inhalte, aber auf dem schweizerisch lokalen Hintergrunde“ entstanden sind.[13]

1.3. Entstehung und Titel der Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe

Die Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe gehört zum ersten Teil der Sammlung. Mann kann den Namen des ganzen Zyklus vielleicht als eine Art Symbol des kurzen Glückes der Protagonisten, Vreni und Sali, betrachten: die jungen Verliebten sind nur für kurze Zeit zusammen glücklich.

Das Thema der Verkehrung der bürgerlichen humanen Prinzipien regt Keller schon früher an, seine Verwirklichung wird aber später erfolgen, und zwar nach einem Bericht: „Im Dorfe Altsellerhausen bei Leipzig liebten sich ein Jüngling von 19 Jahren und ein Mädchen von 17 Jahren, beide Kinder armer Leute, die aber in tödlicher Feindschaft lebten und nicht in eine Verbindung des Paares willigen wollten. Am 15. August begaben sich die Verliebten in eine Wirtschaft, wo sich arme Leute vergnügen, tanzten da selbst bis nachts ein Uhr und entfernten sich hierauf. Am Morgen fand man die Leichen beider Liebenden auf dem Felde liegen: Sie hatten sich durch den Kopf geschossen.“[14]

Das Thema wird zunächst in einem Gedicht (siehe Anlage) und dann Jahre später in der Novelle realisiert. Keller zeigt in der Novelle moralische gesellschaftliche Probleme. Er beschreibt seine Schweizer Landsleute mit ihren Dogmen und ihrer Intoleranz.

In der Novelle fällt indirekt der Name Shakespeare (bzw. Romeo und Julia), der für viele Autoren des Realismus ein Vorbild für realistische Sprach-; Gestaltung und Figurendarstellung ist. Auch Keller benutzt produktiv den Namen in Romeo und Julia auf dem Dorfe. Gerhard Kaisers Meinung nach weicht Keller „in einem entscheidenden Punkt von Shakespeares „Romeo und Julia“ und der novellistischen Quelle dieser Tragödie ab: Bei Shakespeare wird die bestehende Verfeindung der Sippen in der tragischen Liebe Romeos und Julias überwunden. Bei Keller hält sich die Gemeinschaft der Kinder als Liebe im aufbrechenden Haß der Familien durch.“[15] Der Verfasserin Meinung nach ist Shakespeares Romeo und Julia eine reine Liebestragödie, während Kellers Novelle die Liebesgeschichte als Sozial- und Ehregefühltragödie darstellt. Der Tod, als Folge des sozialen Unrechts, ist mit dem verletzten Ehregefühl verbunden.

[...]


[1] Fränkel, Jonas.: Gottfried Kellers politische Sendung. Bouvier Verlag Herbert Grundmann. Bonn 1978. S.167.

[2] „H. Richter betont zu Recht den sozialkritischen Zug der Novelle, der in der Darstellung der bäuerlichen Verhältnisse liegt.“ In: Kaiser, Gerhard: Wandrer und Idylle. Goethe und die Phänomenologie der Natur in der deutschen Dichtung von Geßner bis Gottfried Keller. Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen, 1977. S.285

Emil Ermatinger teilt die Hans Gsells Meinung, „dass das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bei Keller von starken Brüchen durchzogen ist.“ In: Kaiser, Gerhard: Gottfried Keller. Das gedichtete Leben. Insel Verlag. Frankfurt am Main 1981. S.689.

Heinrich Richartzs Meinung nach, hängt Kellers Konzeption von Kunst „aufs engste zusammen mit seiner demokratischen Grundüberzeugung und einer auf den demokratischen Gedanken bezogene Analyse der positiven und negativen Tendenzen der zeitgenössischen Schweiz“ (Richartz, Heinrich: Literaturkritik als Gesellschaftskritik. Bouvier Verlag Herbert Grundmann. Bonn 1975. S.51)

[3] Briefe an W. Baumgartner von 28.1.1849, 1, 275 und an P. Heyse von 27.7.1881, 3.1, 37. In: Hildt, Friedrich: Gottfried Keller. Literarische Verheißung und Kritik der bürgerlichen Gesellschaft im Romanwerk. Bouvier Verlag Herbert Grundmann. Bonn 1978. S.118.

[4] Hildt, S.246.

[5] Wiese, Benno von: Novelle. Sammlung Metzler Realien zur Literatur. 8. durchgesehene Aufgabe. Band 27. Metzler. Stuttgart 1982. S.69.

[6] Briefwechsel Heyse/Keller, 1919, S. 384. In: Weise, Novelle,B.27, S.66.

[7] „Narrenliteratur. Satirisch-didaktische Dichtung, die menschlich-geistige Schwächen, moralische Fehler und öffentliche Missstände der Zeit in Verkleidung des Närrischen als Krankheiten des Geistes lächerlich darstellt und scharf geißelt, das Widersinnige für das Normale ausgibt oder andererseits gerade in den Mund des Narren Wahrheiten legt, die ein anderer verschweigen müsste.“ (Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. 8. verbesserte und erweiterte Auflage. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart 2001. S.546.)

In der Literatur sind Narrenfiguren Träger von Zeit- und Moralkritik. (Nach Brockhaus, B.9, S.479.)

[8] Martini, Fritz: Deutsche Literaturgeschichte. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart 1991. S.422.

[9] Die Leute von Seldwyla im endgültigen Titel heißen Erzählungen. „In sich jedenfalls sind die kleineren epischen Werke Kellers fast durchgehend novellistisch strukturiert im Sinne Goethe-Dictums vom 29. Januar 1827 zu Eckermann, eine Novelle sei nichts anderes als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit. Das gilt für den Großteil der Seldwyler Geschichten auf den ersten Blick: „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ behandelt einen tödlichen Sieg der Liebe über den Haß.“ (Kaiser, GK, S.271.)

[10] Die Erstausgabe von 1856 […] hatte die Novelle an dritter Stelle aufgeführt, nach Pankraz, der Schmoller und Frau Regel Amrain und ihr Jüngster. Als Keller 1874 die zweite Auflage herausbrachte, rückte die Novelle an die zweite Stelle. […] Festzuhalten ist ferner, dass Keller den einleitenden Abschnitt in der zweiten Auflage, der mit dem in der Erstausgabe identisch war, für eine Sonderausgabe von Romeo und Julia (1876 bei Göschen) leicht umformulierte. Diese veränderte Einleitung wurde seither für alle Ausgaben der Erzählung übernommen […]. (Erläuterungen und Dokumente. Gottfried Keller. Romeo und Julia auf dem Dorfe. Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2003. S.63)

[11] Aus den Namensbestandteilen Saelde (Glück) und Wyla (Weiler, Villa) bildet Keller einen alemannischen Ortsnamen im Phantasieraum seiner Muttersprache.“ (Kaiser, GK, S.271)

[12] Kaiser, GK, S.279.

[13] Kaiser, GK, S.270.

[14] Züricher Freitagszeitung, Nr. 96 vom 3. September 1847, die Rubrik Sachen.

[15] Kaiser, Gerhard: Wandrer und Idylle. Goethe und die Phänomenologie der Natur in der deutschen Dichtung von Geßner bis Gottfried Keller. Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen, 1977. S.261.

Details

Seiten
28
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638886918
ISBN (Buch)
9783638937863
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80953
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie
Note
1,5
Schlagworte
Väter Narren Uneinsichtigkeit Gottfried Kellers Romeo Julia Dorfe Proseminar Novellen Realismus Thema Romeo und Julia auf dem Dorfe

Autor

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