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Grundlagen der Ethik bei Emil Brunner

Seminararbeit 2007 36 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Hintergrund und Prägung Emil Brunners
1.2. Das Gebot und die Ordnungen

2. Grundbegriffe
2.1. Die natürliche Sittlichkeit
2.2. Evangelische Ethik und der Begriff des Guten
2.3. Ethik als theologische Disziplin

3. Anthropologie
3.1. Der Mensch im Widerspruch
3.2. Der Mensch als Sünder
3.3. Der Mensch als imago Dei – Streit mit Karl Barth
3.4. Der Mensch als Gemeinschaftswesen
3.5. Der Mensch in Freiheit und Verantwortung

4. Gottesbild
4.1. Gott als Schöpfer und Erlöser
4.2. Die Relevanz des Gottesbildes für die Ethik

5. Das Gebot
5.1. Unterscheidung Gesetz und Gebot
5.2. Gebot
5.3. Gesetz

6. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung

Emil Brunner hat mit seinem Entwurf einer evangelischen Ethik Theologiegeschichte geschrieben. Als Akademiker und Dozent, aber auch als Mann der Kirche und des gelebten Glaubens versuchte er einen Weg zu finden, Anliegen der Reformation neu zu formulieren, ohne dabei den modernen Menschen in seiner tatsächlichen Verfasstheit aus dem Blick zu verlieren. Seine Ethik steht auf einem biblischen Fundament, ist aber bestrebt, keiner abstrakten Ideologie oder realitätsfernen Orthodoxie anheim zu fallen. Zentral ist die Frage nach dem Guten, welches Brunner allein Gott zuschreibt. So wird die Frage nach dem Guten zur Frage, wer Gott ist, und insofern der Mensch sich in Gottes Tun hineinstellen lassen möchte auch zur Frage, wer der Mensch ist und wie er ethische Entscheidungen treffen kann. In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen, Brunners Antworten auf diese Fragen zu eruieren, indem ich die Grundlagen seiner Ethik untersuche. Als Hauptquelle verwende ich dabei die ersten beiden Teile seines frühen Buchs „Das Gebot und die Ordnungen“, stütze mich aber gelegentlich auch auf weiterführende Werke.

Nach einleitenden Fragen zur Prägung und zum Werk Brunners werde ich in einem ersten Teil der Arbeit Grundbegriffe seiner Ethik klären und die Ethik als solche im Feld der theologischen Wissenschaften zu verorten suchen. In einem zweiten Teil betrachte ich seine Anthropologie in ihren verschiedenen Aspekten, in einem dritten das Gottesbild, das seiner Ethik zugrunde liegt. Diese Teile beantworten im Bezug auf die Ethik die Frage nach dem „Wer“ - Wer gibt und wer empfängt Weisung? Im letzten Teil soll das „Gebot“ behandelt werden, das als Bindeglied zwischen Anthropologie und Gottesbild das eigentliche ethische Handeln betrifft. Ich werde dabei Brunners Unterscheidung zwischen Gebot und Gesetz nachvollziehen.

1.1. Hintergrund und Prägung Emil Brunners

Emil Brunner hat als reformierter Theologe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Wirkung entfaltet, die weit über die Grenzen Europas hinausging. Dank seiner internationalen Tätigkeit und den entsprechenden Sprachkenntnissen ist er insbesondere im amerikanischen Sprachraum, aber auch in Asien zum Teil stärker rezipiert worden als Karl Barth. Geboren 1889 in Winterthur, wurde sein theologisches Interesse dank seiner pietistisch geprägten Familie und Umwelt schon früh geweckt. Während und nach seiner Schul- und Studienzeit blieb er trotz einer beachtlichen Entwicklung und intensiven Auseinandersetzung mit den aktuellen theologischen Strömungen im Pietismus verwurzelt und brachte dessen Anliegen einer persönlichen Gottesbeziehung in seinen Schriften immer wieder zum Ausdruck.[1]

Die frühen Vorbilder und prägenden Gestalten in Brunners Ausbildungszeit waren die Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung Hermann Kutter (1863-1931), der ihn konfirmierte, und Leonhard Ragaz (1868-1945), bei dem er studierte. Mit beiden führte er über viele Jahre eine intensive Korrespondenz, die jedoch verebbte, nachdem Brunner einen eigenständigeren theologischen Weg einschlug und immer mehr Meinungsverschiedenheiten die Beziehungen überschatteten. Indem sich Brunner nach seinem Studium Karl Barth und der dialektischen Theologie annäherte, rückte er die Gottesfrage ins Zentrum und liess die Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft zeitweise in den Hintergrund treten, was seine Lehrer oftmals als Affront empfanden.

Trotz seiner offensichtlichen Begabung wurden der akademischen Karriere Brunners nach Abschluss seines Studiums Steine in den Weg gelegt. In der derzeit stark von der liberalen Theologie und dem Historismus geprägten theologischen Fakultät der Universität Zürich fanden sich mehrere Dozenten, die mit Brunners Angriff auf die Alleinherrschaft der historisch-kritischen Methode das eigene Lebenswerk und die Errungenschaften der neueren Bibelkritik gefährdet sahen. Nachdem ein erster Versuch, sich zu habilitieren, 1915 scheiterte und sich Brunner neben eines Amerikaaufenthalts mehrere Jahre lang in einer zurückgelegenen Gemeinde als Pfarrer betätigte, wurde die zweite, Hermann Kutter gewidmete Habilitationsschrift „Erlebnis, Erkenntnis und Glaube“ 1921 mit nur knapper Mehrheit angenommen. Eine ordentliche Professur erhielt Brunner 1924 gegen den Widerstand eines Teils des Kollegiums, weil sich der kantonale Kirchenrat für ihn einsetzte.

In den folgenden vierzig Jahren entfaltete Brunner seine Wirkung in zahlreichen Schriften, Artikeln, Referaten, Vorlesungen, privaten Zusammenkünften und Vortragsreisen, unter anderem in Amerika. Er schloss sich zeitweise der Oxfordgruppen-Bewegung an, verliess diese aber, als sich seitens deren charismatischen Führers Frank Buchman eine naive Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus abzeichnete. Das Engagement in einer Erweckungsbewegung macht deutlich, dass sich Brunner für einen lebendigen, gelebten Glauben jenseits kirchlicher Institutionen einsetzte. Dieses Anliegen vertrat er auch in der ökumenischen Bewegung, in der er prägend mitwirkte, und in seinem Mandat für den CVJM. Letzteres führte ihn auf ausgedehnte Vortragsreisen und verschaffte ihm gegen Ende seines Wirkens eine zweijährige Gastprofessur in Japan.

Brunners Leben und Werk ging einen Weg der Mitte, der ihn sowohl seitens der liberalen als auch seitens der konservativen Theologie der Kritik preisgab. Exemplarisch sei seine Bejahung der Bibelkritik erwähnt, die ihm die Zustimmung fundamentalistischer Gruppen verwehrte, während gleichzeitig seine vorwiegend theologische statt historische Begründung dafür bei den Liberalen auf Widerstand stiess. Nichtsdestotrotz offeriert Emil Brunner gerade in seinem Weg der Mitte theologisches Gedankengut, das in seiner Differenziertheit und Beziehung zum Leben, aber auch in seinem Bekenntnis zu einem real existierenden und wirkenden Gott nicht an Aktualität verloren hat.

1.2. Das Gebot und die Ordnungen

In seinem Werk „Das Gebot und die Ordnungen“, dessen Inhalt Thema der vorliegenden Arbeit ist, entfaltete Brunner eine „evangelische“ Ethik, die bis heute als „Meilenstein der Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts“ gilt.[2] Das Buch, an dem er seit Anfang der dreissiger Jahre gearbeitet hatte, erschien 1932 bei J. C. B. Mohr in Tübingen. Brunner selbst hielt es für gelungen und hielt trotz einer gewissen Entwicklung stets an seinen Grundgedanken fest:

„Im Ganzen […] muss ich sagen: Ich bin noch bei keinem Buch so ruhig gewesen und habe auch noch bei keinem wie bei diesem das Gefühl gehabt: so musste es sein – mag ich’s später auch wieder anders sehen und sagen müssen.“[3]

Nichtsdestotrotz ging dem Werk eine lange, intensive Auseinandersetzung voraus. Als er noch in den Anfängen des Projekts steckte, schrieb er an seinen Freund Eduard Thurneysen:

„Ich komme mir vor wie einer, der sich durch einen Urwald einen Weg hauen muss, und schon mehr als einmal meinte ich, nicht mehr durchzukommen. Es ist eine ungeheuerliche Verwilderung in allen ethischen Begriffen, und die Arbeit des letzten Jahrhunderts ist hier besonders dürftig […]. Es wird noch lang gehen, bis ich durch bin, und dann kommt erst noch mal eine Verarbeitung von Literatur, die mir in der Regel erst hilft, wenn ich selbst mit meiner Sache im Reinen bin. Freilich merke ich auch, dass sich die mühsame Arbeit lohnt; ich glaube wirklich, wir sind daran, die reformatorische Ethik neu aufzubauen.“[4]

Dieser Anspruch, so sollte sich herausstellen, war keineswegs zu hoch gegriffen. „Das Gebot und die Ordnungen“ stiess auf ein gewaltiges Interesse und verkaufte sich in nur zwei Monaten tausend Mal.[5] Da es unter der Herrschaft des Nationalsozialismus verboten wurde und keine weiteren Werke von Brunner in Deutschland publiziert werden durften (Restexemplare fielen der Vernichtung anheim), erschien die dritte Auflage des Buches in Zürich.[6]

Inhaltlich ist „Das Gebot und die Ordnungen“ in drei Bücher aufgeteilt: „Die Frage“, „Das Gebot“ und „Die Ordnungen“. Das erste Buch setzt sich intensiv mit der Geschichte der Ethik in der Philosophie und Theologie auseinander. Linien werden ausgezogen, Grundbegriffe geklärt und der Entwurf einer evangelischen Ethik als das „ganz andere“ Modell der natürlichen Sittlichkeit gegenübergestellt. Für Frank Jehle ist das erste Buch „insofern charakteristisch für Brunner, als er hier den ‚Feind’ auf seinem eigenen Gelände aufsucht, um ihn mit dessen eigenen Waffen zu schlagen.“[7] Indem er die philosophischen ethischen Systeme, insbesondere „den naturalistischen Ansatz Epikurs und den idealistischen Kants“[8], konsequent „zu Ende“ denkt, deckt er ihre Widersprüche und Schwierigkeiten auf.

Im zweiten Buch legt er mit dem „Gebot“ als dem unbestimmbaren und unvorhersehbaren Ruf und Willen Gottes das Fundament einer Situationsethik. Es wird hier die Abhängigkeit des Menschen vom Heiligen Geist und seine Unfähigkeit, selbst das Gute zu erkennen oder gar hervorzubringen, betont. Im dritten Buch schwenkt das Pendel jedoch ausgleichend in die andere Richtung, indem jegliche Willkür abgelehnt und durchaus erkennbare Schöpfungsordnungen propagiert werden. Obwohl es dieses letzte Buch ist, dass am meisten rezipiert und abgelehnt worden ist, möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit an die ersten beiden Bücher halten, um die Grundlagen der Ethik Brunners herauszuarbeiten. Letztere entwickelte und vertiefte Brunner zwar innerhalb der reformierten Tradition, zuweilen jedoch auch gegen sie. John Hart glaubt, in Brunners Ethik eine Mischung und Systematisierung von Kant, Ebner, Barth und Gogarten vorzufinden.[9] Fraglos greift jedoch eine derartige Vereinfachung zu kurz. Brunner war in der Tat von den besagten Autoren beeinflusst, bewahrte dabei aber seine Originalität. Er schrieb nicht ab, sondern setzte um und fort. Dies lässt sich beispielsweise in seinen Briefen und Notizen erkennen, die Frank Jehle in seiner Biographie aufbereitet hat. So hat sich Brunner insbesondere an seinem Vorbild Hermann Kutter und dessen Ethik abgearbeitet. Es störte ihn zunehmend, dass dieser predigte, die Ethik verstehe sich bei einem wahrhaft Gottesfürchtigen „von selbst“. Dies war Brunner zu einfach – er wollte der Ethik „ein grösseres Recht einräumen“.[10] Das Kantsche „Sollen“ hatte für ihn durchaus seine Berechtigung:

„Wir können mit dem sittlichen Ordnungsschaffen nicht warten, bis ‚alles’ aus dem Gottes-erlebnis ‚von selbst fliesst’.“[11]

Die Eigenständigkeit und intensive Auseinandersetzung Brunners wurde denn auch vielfach gewürdigt. Martin Buber liess Brunner in einem Brief wissen, dass „Das Gebot und die Ordnungen „[w]ie kein andres theologisches Werk unsrer Zeit“ geeignet sei, „entwirrend auf eine Generation zu wirken“.[12] Die Neue Zürcher Zeitung lobte das Werk wegen seines „unbeirrbaren, weltnahen Sinnes für die harte Wirklichkeit“ und „verantwortungsbewussten Ernstes“.[13] Kritischer äusserte sich Dietrich Bonhoeffer, der einem Freund anvertraute, er habe sich „sofort“ auf das „schon länger angekündigte Buch von Brunner […] gestürzt“. Er könne allerdings den Eindruck nicht loswerden, es sei besonders „im grundsätzlichen Teil“ zu schnell gearbeitet worden.[14] Später konkretisierte er seine Bedenken:

„Im Grunde hängt das alles am Problem der Ethik, d. h. eigentlich an der Frage nach der Möglichkeit der Verkündigung des konkreten Gebotes durch die Kirche. Und es scheint mir eine wirkliche Lücke in der Brunnerschen Ethik zu sein, dass er diese Frage nicht eigentlich in den Mittelpunkt rückt […]. Es bleibt nach dem ganzen Buch doch noch immer dunkel, was es für die Kirche bedeutet, dass sie ein konkretes Gebot geben bzw. nicht geben kann.“[15]

Die Kritik formuliert ein Bedenken, das von vielen Seiten geäussert wurde. Es fiel und fällt der Theologie nicht einfach, in einer wissenschaftlichen Ethik die völlige Abhängigkeit von Gott und die Unmöglichkeit des Vorauswissens „guter“ Lebensführung zu denken. Brunner selbst ging auf den Einwand ein, ohne ihm stattzugeben.[16] In den folgenden Abschnitten werde ich versuchen, zu zeigen, warum.

2. Grundbegriffe

2.1. Die natürliche Sittlichkeit

Bevor Brunner erläutert, was er unter einer evangelischen Ethik versteht, stellt er ihr den Begriff der natürlichen Sittlichkeit gegenüber. Die natürliche Sittlichkeit umfasst für ihn diverse Verständnisse der Moral, die das Gute im Menschen selbst suchen (vgl. GO 56).[17] Solche Verständnisse müssen, so ist er überzeugt, notwendigerweise entweder eudämonistisch oder gesetzlich sein: „Diese doppelte Möglichkeit steckt schon in der Zweideutigkeit des Begriffes: Gut. Wir sprechen vom Guthaben und vom Gutsein. Dort ist das Glück, das summum bonum der leitende Gedanke, hier die Pflicht und der durch sie bestimmte gute Wille“ (GO 54). Brunner greift hier einerseits, mit dem Vorwurf des Eudämonismus, die griechische, insbesondere aristotelische und epikureische Ethik an, die das Glück des Menschen als Ziel alles sittlichen Handelns setzt[18]. Auch der klassische Utilitarismus lässt sich in diese Tradition einreihen.[19] Andererseits stellt sich Brunner gegen den Pflichtbegriff im kategorischen Imperativ Kants.[20] Der „natürliche Mensch“, so Brunner, ist in seiner Beziehung zu Gott und zu seinen Mitmenschen grundsätzlich auf eine dieser Traditionen limitiert:

„[Der natürliche Mensch] ‚kennt’ Gott entweder in eudämonistisch-naturhafter oder in gesetzlicher Verzerrung. Und er hat zum Menschen entweder eine gesetzlich-gerechte oder eine unrein-liebende Beziehung. Der natürliche Mensch ist entweder ‚streng’-prinzipiell in seinem Verhalten zum andern; er weiss wohl von Verantwortung, aber diese ist von einem abstrakten Pflichtbegriff aus gedacht. Oder aber er ist prinzipienlos-locker; er liebt wohl – den Freund, das Kind, die Geliebte, den Volksgenossen –, aber diese Liebe ist parteiisch-auswählend, darum bedingt und selbstisch.“ (GO 288)

Der Eudämonismus, glaubt Brunner, führt letztlich zum Hedonismus, der „das Leben als solches in seiner Unmittelbarkeit und Triebhaftigkeit rechtfertigt“ (GO 52). Damit könne kein Anspruch mehr an den Menschen gestellt werden, verantwortlich und gegen die eigenen Neigungen zu handeln. Im Gegensatz dazu hat der kantsche Pflichtrigorist den Ernst der Lage erkannt und weiss, dass Sittlichkeit zuweilen ein Handeln aus Gehorsam und Prinzip erfordert. Doch er meint, dieses aus eigener Kraft bewerkstelligen zu können. Aus der „ursprünglichen Gotteserkenntnis“, die weiss, dass das Gute nur aus Gott selbst kommen kann, hat er den „fragmentarischen Gedanken behalten, dass nur eines gut sei, der Gehorsam gegen das Gesetz (Gottes) […] einfach darum, weil es (von Gott) geboten ist“ (GO 52). Er hat diesen Gedanken aber zum selbständigen, von Gott losgelösten Prinzip gemacht und ihm somit alle Lebendigkeit genommen (vgl. ebd.). Letztlich ist das „Gute, das man tut, weil man es soll“, eben nicht das Gute, sondern „Knechtschaft der Sünde“ (GO 61). Das Wissen darum, etwas gegen die eigenen Neigungen aus dem kategorischen Imperativ heraus zu tun, macht nur den „unendlichen, unüberwindlichen Abstand“ deutlich, der zwischen dem Wollen und dem Sollen liegt (GO 61). Dieser Abstand als Ursache der Gesetzlichkeit zeigt gemäss Brunner „das Herausgefallensein aus der ursprünglichen Einheit mit Gott“ (ebd.). Ein Handeln nach Prinzipien im Gegensatz zum Handeln aus einer lebendigen Beziehung zu Gott heraus macht den Nächsten zum blossen „Fall“, den der Mensch „gemäss ‚etwas’, aber nicht gemäss ihm selbst“ behandelt (GO 60).

Der eudämonistischen und gesetzlichen Ethik gemeinsam ist die Überzeugung, dass Ursprung, Sinn und Ziel der Sittlichkeit im Menschen zu finden sind: „Alle natürliche Ethik ist anthropozentristisch“ (GO 55). Der Mensch sucht und erwartet das Gute in sich selbst und glaubt, sein Leben selbst rechtfertigen zu können (vgl. GO 56). In der daraus resultierenden Selbstgewissheit des Menschen sieht Brunner das grösste Übel und die grösste Sünde (vgl. GO 57f). Es zeigt sich darin die „Undankbarkeit und der Hochmut dessen, der vergessen hat, dass er nur aus Gott sein Leben und alles Gute hat und haben kann“ (GO 59). Vergessen ist die christliche Botschaft, die als „Bilanz jedes Menschenlebens aussagt: ‚Sie sind allzumal Sünder.’[21] “ (GO 56). Von der antiken Philosophie über die Aufklärung bis hin zum Idealismus verwerfen die Ethiken, die sich auf die ratio berufen, die Idee der Ursünde im Glauben, der Mensch sei im Wesenskern gut. Sogar christliche Strömungen wie der Pietismus und der Neuprotestantismus haben sich dieser Tendenz gemäss Brunner angeschlossen und Jesus Christus darin eine untergeordnete, rein pädagogische Rolle zugeteilt (vgl. GO 88). Dass die natürliche Sittlichkeit dabei auf die Metaebene wissenschaftlich-ethischer Reflexion gehoben wurde, hat die Lage keineswegs verbessert:

[...]


[1] Biographische Angaben aus Jehle 2006

[2] Jehle 2006, S. 253

[3] An Thurneysen am 24. Mai 1932, zitiert nach: Jehle 2006, S. 254

[4] An Thurneysen, wohl Ende 1930, zitiert nach: Jehle 2006, S. 254

[5] Vgl. Jehle 2006, S. 254

[6] Vgl. ebd., S. 256

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Hart 2001, S. 118

[10] Jehle 2006, S. 92

[11] Nachlass 79, zitiert nach: Jehle 2006, S. 93

[12] Martin Buber an Brunner am 19. Juni 1932, zitiert nach: Jehle 2006, S. 254

[13] NZZ 1932, Nrn. 1222 und 1226, zitiert nach: Jehle 2006, S. 255

[14] Brief an Erwin Sutz, 1932, zitiert nach: DBW 11, S. 89

[15] Brief an Erwin Sutz, undatiert, zitiert nach: DBW 11, S. 100

[16] Vgl. Abschnitt 5.2.

[17] Pöhl bemängelt, dass Brunner anstelle einer Definition unreflektierte „religionshistorische, religionspsychologische und ideengeschichtliche Beschreibungen“ von natürlicher Sittlichkeit gibt. Dies kompliziere das Verständnis von Brunners Gedankengängen; vgl. Pöhl 1963, S. 27f

[18] Vgl. Aristoteles 62004, 1176b

[19] Vgl. Mill 1976

[20] Vgl. Kant 1984

[21] Röm 3,23

Details

Seiten
36
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638879934
ISBN (Buch)
9783638888417
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80888
Institution / Hochschule
Universität Basel – Theologische Fakultät
Note
gut
Schlagworte
Grundlagen Ethik Emil Brunner

Autor

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