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Romantische Topoi in ausgewählten Erzähltexten Hermann Hesses

Seminararbeit 2007 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorüberlegungen zur dt. Literatur der Romantik und ihrer Rezeption
1.1 Die deutsche Romantik (etwa 1790–1830)
1.2 Kurzer kulturgeschichtlicher Abriss
1.3 Romantische Ideale
1.4 Die Rezeption romantischer Topoi in der Literatur der Jahrhundertwende

2. Hermann Hesse und die Romantik
2.1 Zuordnung
2.2 Subjektivität
2.3 Vorbilder

3. Romantische Topoi in Hermann Hesses „Hermann Lauscher“
3.1 Rezeptionsgeschichte
3.2 Diegese
3.3 Kunst und Natur, Geist und Seele
3.4 prototypische und mystische Figuren
3.5 Träume, Märchen, Mythen

4. Schlussbetrachtungen

1. Vorüberlegungen zur dt. Literatur der Romantik und ihrer Rezeption

1.1 Die deutsche Romantik (etwa 1790–1830)

Die literarische Romantik bezeichnet eine umfangreiche Epoche, die jedoch wenig homogen ist. Sie beinhaltet eine Vielzahl verschiedener Elemente, jedoch ohne verbindende Strukturen und erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren. Die Epoche ist maßgeblich von einer allgemeinen Aufbruchsstimmung gekenn-zeichnet, in der man die deutsche Klassik (etwa 1780-1805) hinter sich lässt. Die Literaturwissenschaft spricht von der Romantik als Abgrenzungsbewegung. Sie definiert sich vor allem durch ihre Ablehnung gegenüber der Klassik, die mit ihrer Formstrenge, ihrem Rückbezug auf die Antike, im Zeichen der Vernunft und Sittlichkeit steht und angesichts der sich immer mehr beschleunigenden Welt, unmodern und nicht mehr zeitgemäß wirkt.

1.2 Kurzer kulturgeschichtlicher Abriss

In der Geschichte bezeichnet man die Zeit zwischen 1770 und 1830 im Allgemeinen als „Sattelzeit“. Dieser vom Historiker Reinhard Koselleck geprägte Begriff umfasst eine Zeit, in dem sich ein stetiger Wandel und eine „Umwertung aller Werte“ vollziehen. Der Wandel der Gesellschaft, hin zu einer modernen, bürgerlichen, geschieht durch das Auflösen der starren ständisch-hierarchischen Ordnung. Wirtschaftlich bahnt sich die industrielle Revolution an, die Neuerungen wie Arbeitsteilung mit sich bringt und den Grundstein für eine leistungsorientierte Gesellschaftsordnung legt. Spätestens die französische Revolution von 1789 vermittelt ein allgemeines Gefühl der Aufbruchsstimmung und wirkt als Katalysator für allgemeine Modernisierungstendenzen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Im Gegensatz zu Frankreich jedoch, bleibt die deutsche Gesellschaft und Kultur eher unpolitisch. Die bürgerliche Kultur der Frühromantik befindet sich auch geistig noch zwischen Revolution und Restauration und ist, trotz wachsendem Selbstbewusstsein, noch in alten Strukturen verhaftet. Das sich langsam etablierende Bildungsbürgertum vollzieht seine Identitätsbildung mit Hilfe kultureller Institutionen wie Museen, Opernhäuser, Konzertsäle und den, vor allem in berliner Gelehrtenkreisen populären, literarischen Salons von Henriette Herz oder Rahel Levin, um nur einige zu nennen.[1]

1.3 Romantische Ideale

Auch in der Romantik findet sich, wie in der Klassik, eine Rückbesinnung auf alte Ideale. Jedoch ist es das Mittelalter, das als „goldenes Zeitalter“ glorifiziert wird und gleichzeitig auch eine Rechristianisierung bewirkt, die der romantischen Literatur als Rechtfertigung für die Abkehrung von der, sich immer mehr vom Naturzustand entfernenden, Außenwelt dient.

Anstelle bekannter Mythen der Antike, die die Klassik für sich beansprucht, ist man bestrebt neue eigene Mythenwelten zu begründen. Darum findet eine Hinwendung zu volkstümlichen Sagen, Märchen und Volksliedern statt, die sich z. B. in den Märchensammlungen der Gebrüder Grimm oder den Märchennovellen Tiecks widerspiegeln. Das Resultat solcher Bestrebungen sind Kunstmärchen und Kunstlieder, eine Symbiose volkstümlicher Stoffe mit neuen literarischen Idealen.

Die Ziele und Motive der romantischen Literatur lassen sich am ehesten mit Hilfe der Unterscheidung zwischen Idealen der Frühromantik und denen der Spätromantik zusammentragen. Die Frühromantik war geprägt von

„Ideen der Entgrenzung, der Progression und der Öffnung geschlossener Denk- und Handlungszusammenhänge für neue Anstöße, ja für Widerspruch und Paradox, ferner durch eine kosmopolitische Haltung und durch gesellschaftlichen Liberalismus.“[2]

Ihnen ist die Einflussnahme auf intellektuellem Gebiet wichtiger als auf politischem. Die Spätromantik zeichnet sich hingegen durch eher restauratives Denken aus, was sich in einer „Verklärung der Vergangenheit“[3] niederschlägt.

Beiden gemeinsam ist jedoch die Rückbesinnung auf das Natürliche und Ursprüngliche, was im Gegensatz zu Zivilisation und Gesellschaft steht. Diese Zerrissenheit ist für romantische Literatur symptomatisch. Die Flucht in die Natur als Projektionsfläche für Gefühle und Emotionen, findet sich auch in anderen Künsten, wie der Musik und Malerei, wieder. In der Malerei ist Caspar David Friedrich von Bedeutung, ein romantischer Maler, der in seinen Darstellungen von einsam stehenden Bäumen oder Menschen am Meer ein religiös-verinnerlichtes Naturgefühl transportiert. Dieses Motiv des einsamen Menschen spielt auch in der Literatur, in der Rolle des armen Poeten oder des einsamen Dichters, eine Rolle, der sich in sich selbst zurückzieht. Was zählt, ist das reine Gefühl ohne gegenständlichen Inhalt und deshalb haben die Malerei und vor allem die (rein instrumentale) Musik der Literatur einiges voraus.

1.4 Die Rezeption romantischer Topoi in der Literatur

Es gibt viele Bezeichnungen für die Literatur der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es schwer ist verbindende Elemente der verschiedenen literarischen Strömungen auszumachen. Die Zeit um 1900 wird allgemein als der Beginn der modernen Literatur wahrgenommen. Aus dem Pluralismus verschiedener weltanschaulicher Einflüsse und Strömungen, die das intellektuelle Leben bestimmen, entwickeln sich verschiedene literarische Strömungen. Das Nacheinander literarischer Konzepte, die zu ihrer jeweiligen Blütezeit aufgrund philosophischer Begründungen Allgemeingültigkeit besitzen, wie z. B. das allgemeingültige Konzept der Klassik und das sich später davon distanzierende Literaturverständnis der Romantik, haben nicht länger Bestand. Die Avantgardeliteratur ist geprägt von verschiedenen Ansätzen, die in ihrer Gesamtheit deshalb Epoche machen, weil sie sich vor allem dem Zeitgeist verschrieben haben, der sich schlussfolgernd in ihren literarischen Produktionen widerspiegelt.[4] Man spricht daher auch vom Stilpluralismus der Jahrhundertwende.

In der Zeit zwischen der Romantik und der Literatur der Jahrhundertwende, finden sich einige Themen, die die Biedermeierliteratur und die des Realismus unter dem nachhallenden Einfluss der Romantik aufgegriffen haben. So bestimmte der „Hang zum Mythologisieren“[5], laut David, noch das ganze Jahrhundert und auch schizoide Motive finden, wie bei Mörikes „Maler Nolten“, das die „Nachtseiten des seelischen Lebens“[6] thematisiert, noch Entsprechung in der Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Das literarische Konzept der Jahrhundertwende weist sowohl inhaltlich, als auch historisch einige Parallelen zu dem der Romantik auf.

Der Mensch entfremdet sich in einer sich zunehmend beschleunigenden Welt, die durch wirtschaftlichen Expansionismus, Industrialisierung, Urbanisierung, Prole-tarisierung und der Umwertung vieler tradierter Lebensweisen gekennzeichnet ist, zunehmend auch von sich selbst. Die Literatur reagiert auf diese Fülle verschiedener Einflüsse mit einer Vielzahl verschieden gearteter, künstlerischer Maxime.[7] Nachdem die Literatur des Naturalismus versuchte dem Leser für das Elend der Welt die Augen zu öffnen, versucht ein neu aufkommender Symbolismus „die Augen krampfhaft zu schließen“ und greift auf „Traditionen zurück, die in der Romantik und zum Teil im Ästhetizismus ihre Wurzeln haben.“[8]

Die Kunst wird wieder, wie auch in der Romantik, Zufluchtsort. Die neuen Maximen und Aufgaben der „Neuromantik“ stellen sich antinaturalistisch dar:

„Man wolle keine Objektivität[…]sondern Weltanschauung, nicht überklugen Materialismus, sondern Mystik, nicht Tagespolitik, sondern Ewigkeitswerte, nicht Wirklichkeit, nicht Arbeiterelend, sondern Vornehmheit und Pracht, nicht Häßlichkeit,

sondern Schönheit, nicht Abklatsch der Wirklichkeit, sondern Stilisierung, nicht Alltag, sondern Außergewöhnliches.“[9]

Dieses Programm, aufgestellt von Julius Wiegand, einem zeitgenössischen Literaturwissenschaftler, verdeutlicht die wieder neu aufkommende Trennung von Kunst und Realität. Aus dem Bestreben heraus, die Literatur möglichst weltabgewandt zu gestalten, kommen gegensätzliche Strömungen wie Exotismus und Heimatliteratur auf, deren Schauplätze in andere, ferne Kulturen verlegt werden oder die Heimat, die Provinz, die Natur thematisieren. All das drückt ein Gefühl der Entfremdung aus. Der Leser findet über den Umweg exotischer Kultur und einer Flucht in die Innerlichkeit zu sich selbst zurück.

2. Hermann Hesse und die Romantik

„Die Erzählung als verkleidete Lyrik, der Roman als erborgte Etikette für die Versuche poetischer Naturen, ihr Ich- und Weltgefühl auszudrücken, das war eine spezifisch deutsche und romantische Angelegenheit, hier wußte ich mich ohne weiteres verwandt und mitschuldig.“[10]

2.1 Zuordnung

Hermann Hesse einer literarischen Strömung der Avantgardeliteratur zuordnen zu wollen, ist ein schwieriges Unterfangen. Teile seines Werkes kann man jedoch der so genannten Neuromantik (auch Neoromantik) zuordnen, die um die Jahrhundert-wende in der Avantgardeliteratur eine Renaissance erlebt. Dazu gehören frühe Schriften wie „Romantische Lieder“ (1889), „Eine Stunde hinter Mitternacht“ (1898/ 1899), „Hinterlassene Schriften des Hermann Lauscher“ (1901) und „Peter Camenzind“ (1904).

Andere lassen sich vielleicht dem Impressionismus zuordnen. Ludwig Völker bemerkte, Hesse sei für den Naturalismus zu jung und für den Expressionismus zu alt gewesen. Eine ähnliche Position vertritt Cornelia Blasberg, die über Hesse sagt, er habe eigenwillig an der Moderne vorbei geschrieben.[11]

2.2 Subjektivität

In vielen Literaturgeschichten und Abhandlungen zu Hesses Leben und Werk finden sich immer wieder Stimmen, die betonen, sein gesamtes Werk lese sich wie eine einzige Autobiographie oder sei stark autobiographisch beeinflusst. Diese Position lässt sich weder konsequent abstreiten, noch eindeutig bestätigen. Betrachtet man sein Frühwerk (siehe oben), wird eine gewisse Subjektivität jedoch augenfällig.

Kurt Weibel, der 1954 seine Dissertation unter dem Titel „Hermann Hesse und die deutsche Romantik“ veröffentlichte, bezeichnete Hesse als „Bekenntnisdichter“, der sich „ausschließlich mit der eigenen Situation, mit den eigenen Nöten und Leiden“ beschäftigt, aber „indem er von sich selber spricht, von allen“[12] spricht. Er führt weiterhin aus, dass das moderne Leben dieser Zeit den Einzelnen in „eine oberflächliche, mechanische Tätigkeit“ drängt, „an der die Tiefen seines Innern nicht teilhaben.“[13]

Die Art und Weise mit der Hesse sich in den ausgewählten Werken selbst reflektiert, weist dennoch über sich selbst hinaus und bleibt Ausdruck einer zeitgenössischen Abkehr von der Wirklichkeit. Kunst und wirkliches Leben werden dabei „in wertender Absicht dichotomisiert“.[14] Die Rückwendung in die Vergangenheit wertet Schwede als „Ausdruck der sehnsüchtigen Suche nach einem Ideal, einer Idylle“[15]. Hesse verwirklicht diesen Weg in die Idylle vor allem über literarische Darstellungen von Kindheitserinnerungen, wie sie sich in komprimierter Form in den Erzählungen des „Hermann Lauscher“ finden, auf die im Folgenden noch weiter eingegangen wird.

[...]


[1] Vgl. Schmitz-Emans, Monika: Einführung in die Literatur der Romantik. Darmstadt 2004. (=Einführung in die Germanistik).

[2] Ebd., S. 24.

[3] Ebd., S. 24.

[4] Vgl. Impressionismus, Symbolismus und Jugendstil. Hrsg. von Ulrich Karthaus. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 1991. (= Die deutsche Literatur. Ein Abriß in Text und Darstellung Bd. 13) S. 117f.

[5] David, Claude: Zwischen Romantik und Symbolismus 1820–1885.Gütersloh 1966. (=Geschichte der deutschen Gegenwart. Hrsg. von Horst Rüdiger). S. 45.

[6] Ebd., S. 45.

[7] Vgl. Schwede, Reinhild: Wilhelminische Neuromantik – Flucht oder Zuflucht? Ästhetizistischer, exotischer und provinzialistischer Eskapismus im Werk G. Hauptmanns, H. Hesses und der Brüder H. und Th. Mann um 1900. Diss. Frankfurt a. Main 1982. (= Hochschulschriften Literaturwissenschaft 81) S. 19.

[8] Ebd., S. 22.

[9] Julius Wiegand. Zit. nach: Schwede, S. 23.

[10] Hesse, Hermann: Vorrede eines Dichters zu seinen ausgewählten Werken. In: Hermann Hesse. Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Frankfurt a. Main 1970. Bd. 11, S. 10.

[11] Vgl. Ludwig Völker. Zit. nach: Philippi, Klaus-Peter: Hesse und die heutige Germanistik in Deutschland. Historisierung- Distanz- Kritik. URL: http://www.gss.ucsb.edu/projects/hesse/papers/philippi-calw-2003.pdf (Stand vom 18.03.07).

[12] Weibel, Kurt: Hermann Hesse und die deutsche Romantik. Berner Diss. Bern 1954. S. 5.

[13] Ebd., S. 5.

[14] Solbach, Andreas: Kontrolliertes Risiko. Die poetologische Problematik in Hesses Frühwerk. In: Herman Hesse und die literarische Moderne. Kulturwissenschaftliche Facetten einer literarischen Konstante im 20. Jahrhundert. Aufsätze. Hrsg. von Andreas Solbach. Frankfurt am Main 2004.

[15] Schwede 1982: S. 57.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638037266
ISBN (Buch)
9783656003779
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80855
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Romantische Topoi Erzähltexten Hermann Hesses Hesse Erzähler Kritiker

Autor

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