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Bioterrorismus - eine neue Sicherheitspolititsche Herausforderung

Seminararbeit 2007 33 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Unterschiedliche Wahrnehmung des Bioterrorismus

2 Bioterrorismus als eine neue Bedrohung
2.1 Renaissance der Bio – Waffe
2.1.1 Technologischer Wandel
2.1.2 Die „geeignete Waffe“ für Terroristen
2.2 Paradigmenwandel des Terrorismus
2.2.1 Veränderte Motivation
2.2.2 Aum Shinrikio – das Streben nach Biowaffen
2.2.3 Der 11. September und die Milzbrandbriefe

3 Internationale Reaktionen auf den Bioterrorismus
3.1 Biowaffenübereinkommen
3.1.1 Ziele des BWÜ
3.1.2 Schwächen des BWÜ
3.2 Staatliche Maßnahmen
3.2.1 Sicherheitsstrategie der Europäischen Union
3.2.2 Sicherheitsstrategie der USA

4 Risiko eines terroristischen Anschlages mit Biowaffen
4.1 Wahrscheinlichkeit eines Anschlages
4.2 Auswirkungen eines Anschlages

5 Maßnahmen zur Bekämpfung des Bioterrorismus
5.1 Aktiver Schutz
5.1.1 Impfstoffe
5.1.2 Detektionssysteme
5.2 Präventionsmaßnahmen
5.2.1 Bekämpfung des Terrorismus
5.2.2 Stärkung des BWÜ

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Unterschiedliche Wahrnehmung des Bioterrorismus

Terrorismus und Biowaffen stellen in der heutigen Zeit eine der größten Bedrohungen für die internationale Sicherheit dar. Der Alptraum wäre aber eine Kombination dieser beiden Bedrohungen und dies scheint – laut Aussage von Präsident George Bush – eine reale Möglichkeit zu sein: „Bioterrorismus ist eine wirkliche Bedrohung für unser Land. Er ist eine Bedrohung für jede Nation, die die Freiheit liebt. Terroristische Gruppen bemühen sich um den Besitz biologischer Waffen; wir wissen, dass einige Schurkenstaaten bereits über sie verfügen (...) Biologische Waffen sind die potenziell gefährlichsten Waffen auf der Welt (Geißler 2003: 1).

Neben der Befürchtung eines Einsatzes von nuklearen Waffen durch Terroristen ist seit den neuesten Entwicklungen in der Molekular- und Gentechnologie auch die Angst vor einem Bio – Waffenanschlag gestiegen. Seit den Anschlägen der AUM Sekte 1995 in Tokio, der Al Quaida auf das World Trade Center 2001 sowie den darauf folgenden Milzbrand – Attentaten geht es nicht mehr um die Frage ob sich Terroristen der Bio – Waffen bedienen werden, sondern nur noch um das wann und wie eines solchen Anschlages.

Andererseits gehören die Biowaffenforschung der AUM Sekte und die Milzbrandbriefe zu den Ausnahmen und blickt man zurück, so war es das Ziel der Terroristen, dass viele Menschen hinschauen aber jedoch nicht, dass viele Menschen sterben (vgl. Kelle / Schaper 2001:I). Auch die Flugzeuganschläge auf das World – Trade Center verdeutlichen, dass Terroristen noch nicht über die möglichen Techniken verfügen, Massenvernichtungswaffen effizient einzusetzen und somit in erster Linie auf konventionelle Waffen zurückgreifen.

Aufgrund dieser unterschiedlichen Ansichten will ich in meiner Hausarbeit die Frage erörtern wie hoch die Bedrohung eines terroristischen Anschlages mit Bio – Waffen einzuschätzen ist.

Zuerst werde ich die Ursachen für die neue Wahrnehmung der bioterroristischen Bedrohung aufzeigen und darauf aufbauend die getroffenen Präventionsmaßnahmen näher erläutern. Danach werde ich aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse eine Einschätzung über das Risiko und die Auswirkungen eines Anschlages geben und mögliche Lösungsansätze zur Bekämpfung des Problems erläutern.

2 Bioterrorismus als eine neue Bedrohung

„Eine biologische Waffe ist eine Waffe, deren Waffenwirkung auf der Freisetzung eines biologischen Kampfstoffes beruht. Ein biologischer Kampfstoff ist ein Bakterium, Virus oder Toxin, dessen Waffentauglichkeit auf seiner biologischen, nämlich krankmachenden, Wirkung beruht“ (Schäfer 2002: 7). Während Viren und Bakterien die Fähigkeit zur Selbstproduktion haben, sind Toxine, hochgiftige Substanzen, die auf organischem Ursprung aufbauen (Schlangen- und Pflanzengifte).

Terroristen haben aus zwei Gründen den Einsatz von Biowaffen bisher gemieden: Erstens fehlten ihnen die technischen Möglichkeiten, um Kampfstoffe effizient herzustellen und zweitens lag es nicht im Interesse von terroristischen Organisationen, andere Gesellschaften auszulöschen. Warum sich diese zwei Aspekte gewandelt haben, werde ich im folgenden näher erläutern.

2.1 Renaissance der Bio – Waffe

2.1.1 Technologischer Wandel

Der Wunsch, biologische Waffen militärisch effizient einzusetzen, war zu Zeiten des zweiten Weltkrieges am stärksten vorhanden, jedoch erkannte man schnell, dass solche Kampfstoffe große Unzulänglichkeiten aufwiesen. Dabei gaben zwei Gründe den Hauptausschlag für das Scheitern von Biowaffen in der Vergangenheit.

Zum einen bestand das Problem der „weaponization“ der Biowaffe, d.h. die Schwierigkeit, den Kampfstoff im Kriegsgebiet zu verbreiten. Viele biologische Agenzien und Toxine werden großflächig am besten in Aerosolform freigesetzt, weil die Krankheitserreger auf diesem Wege besonders infektiös sind. Im Falle von Sprengsätzen würden bei der Detonation auch die biologischen Substanzen zerstört werden. Versucht das Militär mit Hilfe von Flugzeugen die biologischen Substanzen über den Gegner zu versprühen (wie sie auch in der Landwirtschaft eingesetzt werden), besteht das Problem, dass die tieffliegenden Flugzeuge ein leichtes Ziel für den Gegner darstellen. Außerdem sind die Vorrichtungen zur Ausbringung der Substanzen in der Landwirtschaft auf relative große Aerosolpartikel ausgerichtet, die sich sofort über den behandelten Flächen absetzen und nicht in der Luft schweben, wie es bei dem Einsatz von Biowaffen erwünscht wäre.

Zum anderen fanden Bio – Waffen so gut wie keinen militärischen Nutzen, da sie im Kampfeinsatz nicht kontrollierbar waren. Es bestand die Gefahr der Selbstinfizierung mit den verbreiteten biologischen Substanzen, wie z.B. bei Pocken. Aufgrund der teuren Impfstoffe wäre am Ende nicht das Militär sondern die Zivilbevölkerung Leitragender solcher Einsätze gewesen. Außerdem reichten die Kenntnisse in der Biowaffenforschung nicht aus, um unabhängig von Umwelteinflüssen wie z.B. UV Strahlung oder Kälte, effiziente B – Kampfstoffe zu produzieren.

Der Wandel kam mit den Entwicklungen in der Bio – und Gentechnologie, die es ermöglichten, neue Kampfstoffe effektiver und für militärische Einsätze attraktiver zu machen. Die potenziell nützlichen Erkenntnisse der Gentechnologie werden seitdem für die Modifikation der vorhanden biologischen Kampfstoffe missbraucht, um diese gegen äußere Faktoren resistenter zu machen (z.B. hitzbeständiger). Zusätzlich gelingt es mittlerweile Toxine, wie z.B. Botulinustoxin, dass 100.000 mal so giftig ist wie das von der AUM Sekte eingesetzte Sarin, synthetisch herzustellen. (vgl. Heepe 1998: 227).

„Durch die einfachen und heute weit verbreiteten gentechnischen Verfahren lassen sich klassische biologische Kampfstoffe effektiver gestalten bzw. auf die Bedürfnisse von Militärs zuschneiden“ (Neuneck / Mölling 2005: S.238). Mit den neu gewonnen Erkenntnissen im Bereich von Impfstoffen ist es möglich geworden, die eigene Armee vor einer Ansteckung mit der hervorgerufenen Krankheit zu schützen.

Das notwendige Wissen zur Herstellung von Biowaffen ist durch die globale Verbreitung biotechnischer Verfahren weltweit verfügbar. Über das Internet können sich Terroristen Fachwissen aneignen und „die Züchtung bzw. Vermehrung der Erreger ist unter Beachtung gewisser Sicherheitsvorkehrungen in jedem “Waschküchenlabor“ möglich“ (Heepe 1998: 221). Die Einrichtung neuer Labors und die Ausweitung bestehender Forschungsprogramme vervielfacht außerdem die Zahl derer, die Zugang zu sensitivem Wissen und sensitiven Materialien haben.

2.1.2 Die „geeignete Waffe“ für Terroristen

Schon 1923 sollen Terroristen in Berlin angeblich versucht haben, Cholera- und Typhuserreger als biologische Waffe einzusetzen (vgl. Heepe 1998: 221). Dieser Versuch blieb damals erfolglos, heute jedoch besitzen biologische Waffen einige ideale Eigenschaften, die sie begünstigen, von Terroristen eingesetzt zu werden. Der US-Geheimdienst CIA erwartet im Laufe der nächsten zehn Jahre einen starken Anstieg terroristischer Aktivitäten mit Biowaffen: „Es ist zu erwarten, dass Schurkenstaaten, Terroristen, innerstaatliche Splittergruppen, Zellen ethnischer oder religiöser Eiferer, selbst Einzelpersonen mit altem Groll versuchen werden, ...mit leicht zugänglichen chemischen und biologischen Agenzien.. eine Massenpanik in Ballungsräumen und massive Zerstörung anzurichten“ (Barnabay 2002: 56).

Im Unterschied zu Atomwaffen ist die Herstellung von Biowaffen relativ billig und einfach. Um eine Atombombe zu bauen, benötigt man ca. 10 – 15 Jahre, im Vergleich dazu für die Entwicklung einer biologischen Waffe max. zwei Jahre. (vgl. Hausschild 1999: 17). Außerdem ist es möglich, die biologische Substanz in geringen Mengen zu produzieren und zu lagern, wodurch Kontrollmaßnahmen erheblich erschwert werden. Sie sind für den versteckten Einsatz allein schon deshalb hilfreich, weil sie bei herkömmlichen Sicherheitskontrollen (z.B. am Flughafen) nicht erfasst werden. Innerhalb kürzester Zeit lassen sich Bakterien, Viren, Rickettsia oder Pilze vermehren, um dann kurzfristig eingesetzt zu werden. Dieser verdeckte Biowaffenangriff ist bei keiner anderen Waffe möglich. Ein B-Waffeneinsatz kann unter Umständen erst dann als bewiesen gelten, wenn eine natürliche Ursache der aufgetretenen Krankheitssymptome ausgeschlossen werden kann.

Im Vergleich zu chemischen und atomaren Waffen haben sie ein „höheres Schadenspotential pro Volumeneinheit“, d.h. geringe Mengen reichen aus, um im großen Radius die Bevölkerung mit dem Virus zu infizieren. Eine Atombombe von der Größe der Hiroshima Bombe würde zwischen 23.000 und 80.000 Menschen töten, 300 kg Nervengas Sarin 60 bis 200 Menschen, jedoch 30 kg. Anthrax hingegen 30.000 bis 100.000 Menschen. (vgl. Barnabay 2002: 37). Ist es bereits schwierig, die Streitkräfte im Einsatz gegen B-Waffen zu schützen, so stellt der Schutz der Bevölkerung fast ein unlösbares Problem dar.

Biologische Waffen sind ein nahe liegendes Mittel, um in stark asymmetrischen Konflikten eine Art Gleichgewicht herzustellen. Sie bieten den Terroristen die Möglichkeit, sich gegenüber einem übermächtigen Gegner behaupten zu können. In gewisser Weise besteht ein abstrakter Grund für Terroristen, um über ausreichend Drohpotential gegenüber der USA zu verfügen, sich Biowaffen einzueignen.

Terroristen können auf die „weaponization“ und die Herstellung eines komplexen Trägersystem (Flugzeuge, Raketen, Flugkörper etc.) weitgehend verzichten. Anstatt der Sprühflugzeuge ist die Zerstäubung von B-Agenzien über eine Klimaanlage in Hochhäusern oder Flughäfen denkbar.

Die hohen Sicherheitsstandards bei der Produktion der biologischen Substanzen spielen für Terroristen eine untergeordnete Rolle. Im Gegensatz zu militärischen Operationen muss die B-Waffe nicht den verschiedensten Umwelteinflüssen angepasst werden, wie z.B. beim Einsatz in Gebäuden.

Hinzu kommt noch, dass die Krankheitserreger eine gewisse Inkubationszeit brauchen und den Terroristen somit ausreichend Zeit für den Rückzug bleibt. Die Dekontamination ist im Gegensatz zur Ausbringung sehr aufwendig, und es kann vorkommen, dass Krankheitserreger noch über Jahrzehnte persistieren (z.B. die Milzbranderreger auf Gruinard) (vgl. Heepe 1998: 222).

2.2 Paradigmenwandel des Terrorismus

2.2.1 Veränderte Motivation

Die klassischen Szenarien von Terroristen waren Geiselnahmen, Bombenanschläge, Ermordungen und dergleichen mehr, die darauf abzielten, Einzelpersonen oder Gruppen zu erpressen oder politischen Druck auszuüben. Um ihre Ziele zu realisieren, war der Einsatz von Bio-Waffen nicht erforderlich. Traditionelle Mittel wie zum Beispiel Autobomben waren noch ausreichend, um deren Ziele zu verwirklichen.

Terrororganisationen wie die RAF oder die ETA hofften, durch ihre Aktionen Anerkennung in der Gesellschaft zu finden. Ein biologischer Angriff, der eine Vielzahl von Toten zur Folge hätte, würde genau das Gegenteil bewirken. Alte, Kranke und Kinder würden bei Biowaffenschlägen am stärksten betroffen sein, diese waren aber bisher nicht das Ziel der Terrororganisationen.

Die Befürchtung, sich bei der Ausbringung des biologischen Kampfstoffes selbst mit den Krankheitserreger zu identifizieren, schreckte die ehemaligen Terroristen ab. Anders als bei den Selbstmordanschlägen der Al Quaida – Anhänger, wollten sie nicht ihr eigenes Leben für die Erreichung ihres Ziels opfern.

Ein weiterer Aspekt, der sie von einem Einsatz von Bio – Waffen abhielt, ist die Entkopplung von Ursache und Wirkung. Die Inkubationszeit zwischen Freisetzung des Krankheitserregers und dem Auftreten des ersten Opfers kann sich über einen längeren Zeitraum hinziehen und es könnte passieren, dass der Anschlag nicht für den Akt einer Terrorgruppe gehalten wird. Eine Bio – Waffe besteht aus in der „Natur“ vorkommenden Agenzien und der Angriff kann durchaus auch als natürlichen Krankheitsausbruch gedeutet werden (vgl. Kelle / Schaper 2001: 4).

Seit den neunziger Jahren ist eine neue Tendenz beim transnationalen Terrorismus festzustellen; immer mehr symbolische Ziele werden angegriffen werden und die Anschläge sind mit hohen Opferzahlen verbunden (vgl. Hirschmann 2002: 7f.). In den letzten Jahren ging die Zahl der terroristischen Anschläge zurück, allerdings ist die Zahl der Todesopfer gestiegen. Die Anschläge am 11. September 2001 auf das World Trade Center (über 3000 Tote), am 11. März 2004 in Madrid (191 Tote) sowie am 07. Juni 2005 in London (38 Tote) verdeutlichen dies. Offenbar ging es den Attentätern nicht allein um ein Maximum an Aufmerksamkeit sondern auch um ein Maximum an Opfern. Der ehemalige Führer der Hisbolah, Hussain Mussawi hatte verkündigt: „Wir kämpfen nicht, damit uns der Feind anerkennt und uns etwas bietet. Wir kämpfen, um den Feind auszulöschen“ (Daase 2005: 34). Neben den hohen Opferzahlen werden auch die ökonomischen, sozialen und psychologischen Folgen mit einkalkuliert. „Viele Fachleute gehen daher davon aus, dass solche terroristische Gruppen eher geneigt sind, sich chemische, biologische oder atomare Waffen zu beschaffen“ (Schneckener 2003: 6). Die bisherigen Anschläge wurden noch mit konventionellen Waffen betrieben, allerdings zeigte sich an ihnen, dass die Terroristen in der Lage waren, in logistischer, technischer und operativer Hinsicht immer komplexere Operationen durchzuführen.

Nicht nur die Waffenart hat sich verändert sondern auch die Motive sind andere geworden. Während früher Symbole der Macht (Politiker, Industrielle) direkt bekämpft wurden, wird heute zunehmend die Bevölkerung Opfer von Anschlägen. Das neue Hauptziel ist, den Zentralstaat anzugreifen, und dies lässt sich am besten mit Verunsicherung und Angst in der Bevölkerung erzeugen. Panik und Schockeffekte sind das eine, die Mobilisierung von Sympathisanten und Unterstützern sind das andere. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Medien, die den Terrorismus als spektakuläres Ereignis an den Zuschauer, Leser und Hörer bringen. „Nur durch Verbreitung der Nachrichten über den Terror und die Gräueltaten unter einem großem Publikum können Terroristen eine max. Wirkung erzielen, die sie benötigen, um fundamentalen politischen Wandel durchzusetzen“ (Hirschmann 2002: 10).

Den heutigen Terrorgruppen stehen bessere finanzielle Möglichkeiten bereit, um Anschläge in diesem Maße durchzuführen, z.B. durch weltweite Kapitaltransfers und legale Geschäftsaktivitäten. Richteten sich früher die Terroranschläge auf nationale Ziele, die sich auf Regionen oder ein Land eingrenzen ließen, so finden heute die Operationen auf internationaler Ebene statt. Transnationalistischer Terrorismus, verkörpert durch islamistische Netzwerke vom Typ Al Quaida, stellt ein globales Gefährdungspotenzial da. „Die spezifische Organisationsform des transnationalen Terrorismus sind dezentrale, netzwerkartige Strukturen, die sich ungeachtet regionaler Schwerpunkte über den gesamten Globus erstrecken“ (Schneckener 2003: 6). Terroristen lassen sich nicht mehr eindeutig lokalisieren und deshalb ist es auch im Bezug auf Massenvernichtungswaffen für die Terrororganisationen leichter geworden, diese geheim zu produzieren und zu lagern.

2.2.2 Aum Shinrikio – das Streben nach Biowaffen

Von den über 8000 gezählten Fällen, in denen Terroranschläge in der Vergangenheit angedroht, geplant oder ausgeübt wurden, gibt es nur max. 60, bei denen nukleare, chemische oder biologische Materialien im Spiel waren (vgl. Daase 2005: 35). Das Beispiel der AUM Sekte ist interessant, da neben der geringen Häufigkeit von Terroranschlägen mit MVW, diese Terrororganisation sich intensivst mit der Entwicklung von Biowaffen auseinander gesetzt hat. AUM investierte erhebliche finanzielle Mittel – Schätzungen gehen von zehn bis 20 Millionen US Dollar aus – beschäftigte ausgebildete Fachleute und besaß angemessene Ausrüstungen“ (Aken/ Hunger 2006: 219). Die USA war die Hauptbezugsquelle für die Sekte, nicht nur für Programme zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen, sondern auch für sein gewaltiges Geschäftsimperium.

Der Anschlag ereignete sich in der Tokioer U-Bahn, bei dem 12 Menschen starben und 3000 verletzt wurden. Das Motiv dafür war so bizarr wie die ganze Sekte selbst: Die Polizei fand in den AUM – Unterlagen Dokumente, dass die Welt 1997 eine verheerende Katastrophe erleiden werde und mindestens 90 % aller Menschen in den großen Städten sterben würden – unter anderem aufgrund von Gasangriffen. Die Sekte arbeitete offenbar daran, diese Prophezeiung wahr zu machen. Hätten die Terroristen nicht eine fehlerhafte Sarin – Charge benutzt und das Gift besser verteilt, dann wären ihrem Angriff Zehntausende von Menschen zum Opfer gefallen. (vgl. Barnabay 2002: 54).

Die Ursprünge des AUM – Biowaffen Programms lassen sich bis auf das Jahr 1990 zurück datieren, in welchem die Sekte versuchte, das Toxin Botulismus herzustellen. Der Versuch, dieses Toxin anzuwenden, schlug fehl, entweder weil es ihnen nicht gelang, das Toxin zu isolieren und zu vermehren oder aber weil beim Einsatz am internationalen Flughafen Narita die produzierten Mengen nicht ausreichend, um einen Schaden anzurichten.

Weitere Experimente der AUM Sekte Biowaffen zu produzieren, befassten sich mit der Herstellung des Milzbrand-Erregers Bacilus anthracis. Den ersten Versuch, diesen Krankheitserreger auf die Bevölkerung zu verteilen, startete die Sekte vom Dach eines Hochhauses. Weitere Versuche folgten, in denen die Sekte Sprühfahrzeuge zur Verteilung einsetzte. Allerdings blieben diese Versuche erfolglos, wahrscheinlich weil sie einen nicht – infektiösen Stamm der Bakterien verwandten. Laut Medienberichten soll die Sekte über den Erreger des Q-Fiebers verfügen und außerdem wurden Stimmen laut, dass es ihnen gelang den Ebola – Erreger zu isolieren (vgl. Kelle / Schaper 2001: 6).

Diese Vermutungen haben sich jedoch nicht bestätigt und betrachtet man zusammenfassend die hohen finanziellen Mittel und den über Jahre dauernden Versuch, Krankheitserreger zu isolieren, zu produzieren und waffenfähig zumachen, so lässt sich feststellen, dass sie darin völlig gescheitert sind. Die technischen Hürden, eine funktionsfähige Biowaffe zu entwickeln, liegen wohl doch noch höher als das von Heepe genannte „Waschküchen Labor“(siehe Kapitel 2.1.1). Das Beispiel der AUM Sekte zeigt, dass eben ein Vordiplom in Biologie und unbegrenzte finanzielle Mittel nicht ausreichen, um Biologische Substanzen als Massenvernichtungswaffe effizient einzusetzen.

2.2.3 Der 11. September und die Milzbrandbriefe

Die Anschläge vom 11. September wurden nicht mit Massenvernichtungswaffen verübt, sie zeigen jedoch, dass es Terrororganisationen gibt, wie die Al Quaida, die den Tod Tausender nicht nur in Kauf nehmen, sondern als zentrales Element in die Planung ihrer Angriffe mit einbeziehen.

Die Milzbrandattentate vom Oktober 2001 hingegen stehen in keiner Verbindung mit einer terroristischen Organisation, aber bei diesen Anschlägen wird deutlich, dass der Einsatz von Krankheitserregern als biologische Waffe eine neue Dimension im Repertoire terroristischer Mittel darstellen könnte. Innerhalb von zwei Monaten wurden durch die Versendung von mit Milzbrand infizierten Briefen 22 Fälle von Milzbrand bekannt. Davon wurde elf mal Lungenmilzbrand und elf mal Darmmilzbrand diagnostiziert (vgl. Geißler 2003: 281).

Die Angst davor, dass die Al Quaida Biowaffen besitzen könnte, ist seit diesen zwei Anschlägen sehr groß. Präsident George Bush äußerte die Vermutung, sowohl die Terroristenangriffe des 11 Septembers als auch die Milzbrandattacken seien von Osama Bin Laden veranlasst worden (vgl. Barnabay 2002: 10). Es wäre vorstellbar, dass der Einsatz einer Biowaffe durch Terroristen einen vergleichbaren technischen Quantensprung wie die Flugzeugattentate darstellen würde. Zugang zu den Erregern hätten sie sich außerdem aus einem staatlichen Programm, z.B. dem der ehemaligen Sowjetunion oder des Iraks, verschaffen können. „Schließlich liefern die irakische Führung und ihre offiziellen Medien ausreichend Material, das zur Untermauerung dieser These herangezogen werden kann“ (Kelle / Schaper 2001: 13). Wenn man allerdings auf den Entwicklungspfad der Ereignisse blickt, so laufen - bezogen auf Zahl der Opfer und Art der Mittel - beide Anschläge vielmehr in die entgegengesetzte Richtung. Die Anzahl der Opfer, fünf Tote und 17 Verletzte, hätte AL Quaida genauso gut mit konventionell terroristischen Mitteln bewerkstelligen können. Osama Bin Laden erklärte in einem Interview: „that if America used chemical or nuclear weapons against us, then we may retort with chemical and nuclear weapons. We have weapons as detterent.” (Kelle / Schaper 2001: 12) Das Interessante in diesem Interview ist dabei nicht seine Drohung, im Besitz chemischer und nuklearer Waffen zu sein, sondern dass er keine Bio-Waffen erwähnt.

Ein zweites Szenarium wäre die Vorstellung, dass amerikanische Terroristen Urheber der Milzbrand-Attentate sind. „Wir sollten ein hausgemachtes Verbrechen nicht ausschließen. Es wäre eine gute Tarnung für einen Schurken im eigenen Land“, so äußerte sich John Elredge, Redakteur von Nuclear, Biological and Chemical Defence (vgl. Barnabay 2002: 13). Der Grund für die Vermutung resultiert daraus, dass die Adressaten der Briefe ausgewählte Medienvertreter und Repräsentanten des politischen Systems waren. Es ist nicht das Ziel amerikanischer Terrorgruppen, eine große Anzahl an Mitbürgern zu umzubringen, sondern eine Verunsicherung in der Bevölkerung auszulösen und deren Glauben in die politische Führung des Landes so weit zu unterminieren, dass ein Umsturz möglich wird. Die Milzbrandbriefe hätten nach den Ereignissen des 11. September diese Reaktion herbeiführen können. Zugang zu den Milzbrandsporen könnte sich die Organisation über ein altes US-Biowaffen Programm verschafft haben, da die verwendeten Bakterien Spuren eines solchen Programms aufweisen. „Sporen gerade diesen Stammes sind früher im Biowaffenprogramm der USA bearbeitet und waffenfähig gemacht worden (...).“ (Geißler 2003: 283).

Beide Szenarien gründen nur auf Vermutungen aber eine Bestätigung dafür, dass Terroristen in Zukunft Biowaffen als Massenvernichtungswaffen einsetzen werden, kann darin nicht gesehen werden. Denn weder kann man bei den Milzbrandbriefen von einem Einsatz von Biowaffen als Massenvernichtungswaffen sprechen, noch kann eine Verbindung zwischen dem 11. September und den Milzbrandbriefen etabliert werden.

Trotzdem müssen Präventivmaßnahmen ergriffen werden, um einen terroristischen Anschlag mit Biowaffen in der Zukunft zu verhindern.

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Details

Seiten
33
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638877749
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80836
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,7
Schlagworte
Bioterrorismus Sicherheitspolititsche Herausforderung

Autor

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Titel: Bioterrorismus - eine neue Sicherheitspolititsche Herausforderung