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Gedenkstättenpädagogik und Yad Vashem: Grenzen und Möglichkeiten der historisch-politischen Bildung

Seminararbeit 2005 17 Seiten

Politik - Didaktik, politische Bildung

Leseprobe

GLIEDERUNG

1 Gegenstand dieser Arbeit

2 Gedenkstätten und Gedenkstättenpädagogik – Eine Einführung
2.1 Gedenkstätten – verschiedenen Typen
2.2 Ziele und Aufgaben von Gedenkstätten
2.3 Gedenkstätten und Erinnerungskultur in der BRD – historischer Überblick
2.4 Gedenkstättenpädagogik
2.4.1 Ausstellungen
2.4.2 Zeitzeugen
2.4.3 Aktives Lernen – Entdeckendes Lernen
2.4.4 Führungen

3 Yad Vashem
3.1 Entstehungsgeschichte, Ziele und Aufgaben
3.2 Gedenkorte in Yad Vashem
3.2.1 Das Tal der Gemeinden
3.2.2 Die Allee der Gerechten unter Völkern
3.2.3 Das Denkmal für die ermordeten Kinder
3.2.4 Das Museum und die Halle der Namen
3.3 Lernen in Yad Vashem

4 Zusammenfassung

1 Gegenstand dieser Arbeit

Das Jahr 2005 markiert einen neuen Punkt in Deutschlands Geschichte. 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Shoah, dem Holocaust, der Judenverfolgung und –ermordung, erinnert die vereinte Bundesrepublik der schrecklichen Verbrechen des Naziregimes. Mittels Gedenkfeiern, Ansprachen, großen Reden und aufwändigen Filmen (Der Untergang, Sophie Scholl, Speer und Er) wurde des 60. Jahrestags des Kriegsendes gedacht. Es scheint, als hätte das Interesse am dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte wieder zugenommen. Die Faszination an der „Banalität des Bösen“ ist ungebrochen.

Am 11. Mai 2005, einen Tag vor dem „Jerusalem-Tag“, wurde das jahrelang umstrittene neue Mahnmal für die ermordeten Juden Europas eingeweiht. Es ist die einzige Gedenkstätte in Deutschland, die nicht an einem authentischen Ort des Geschehens steht, wobei natürlich Berlin, und in diesem Fall speziell die Nähe zum Reichstag und Brandenburger Tor symbolischen Charakter erreicht (Plaketten, Hinweisschilder oder Installationen, die an einzelnen Orten an jüdisches Leben erinnern sind andere Typen des Gedenkens und hier nicht relevant). Doch die Stimmen der Besucher dieser Gedenkstätte sind kritisch. Was sollen die 2700 Betonstelen symbolisieren? Auch Äußerungen wie „Das ist alles so lange her, was hab ich mit dem Holocaust zu tun?“ und „Brauchen wir wirklich noch eine Gedenkstätte?“ wurden gehört. Auch diese kritischen, z.T. unreflektierten Stimmen spiegeln die kontemporäre Haltung v.a. von Jugendlichen zum Holocaust wider. Wie ist dieser zu begegnen?

Eine Antwort heißt politische Bildung (oder auch historisch-politische Bildung), die v.a. im Klassenzimmer den Jugendlichen beibringen soll, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzten. In den Achtzigerjahren, als die Jugend eine noch tiefere Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Vergangenheit forderte, entstand die Museumspädagogik und mit ihr die Gedenkstättenpädagogik. Ihre Aufgabe definiert Tomasz Kranz folgendermaßen: „Sie sollen im Großen und Ganzen Nachdenken und Diskurs stimulieren, und im Einzelnen zur Entwicklung der Fähigkeit beitragen, in moralische und existentielle Selbstreflexion einzutreten, und somit die Empfindsamkeit und Wachsamkeit gegenüber allen Formen von Intoleranz, Xenophobie und anderen für die Demokratie gefährlichen Tendenzen in der Gesellschaft wecken“ ( Kranz, 1998: 28) .

Diese Arbeit soll die Möglichkeiten sowie die Grenzen der Wirksamkeit von Gedenkstätten und Gedenkstättenpädagogik aufdecken und behandeln. Als besonderes Beispiel soll die zentrale GedenkstätteYad Vashemim Mittelpunkt stehen.

2 Gedenkstätten und Gedenkstättenpädagogik – Eine Einführung

Um ein sicheres Operieren mit den Begrifflichkeiten zu garantieren, sollen diese im folgenden Abschnitt geklärt werden.

2.1 Gedenkstätten – verschiedenen Typen

Nach Michael Zimmerman gibt es neun verschiedene Typen von Gedenkstätten, die unterschiedlichen Opfergruppen oder „Themengebieten“ unterliegen, z.B. Stätten des Gestapo- und Justizterrors oder „Konzentrationslager, die hauptsächlich oder ausschließlich von 1938 und während des Zweiten Weltkrieges als ‚Erziehungs- und Produktionsstätten‘... fungierten“ (Barlog-Scholz, 1992:80). (Auch Zimmerman bezieht Gedenktafeln, Installationen etc. nicht mit ein.) Die neun Arten von Gedenkstätten sollen im einzelnen hier nicht genannt werden, aber der Fakt, dass sie die Gemeinsamkeit teilen, an historisch-authentischen Orten des Geschehens eingerichtet zu sein (vgl. Barlog-Scholz, 1992: 82), ist wichtig und unterscheidet sie von zentralen Gedenkstätten wieYad Vashemin Jerusalem oder derHolocaustMemorialMuseumsin den USA, die in Zimmermans Aufzählung nicht berücksichtigt sind.

2.2 Ziele und Aufgaben von Gedenkstätten

Sicherlich haben historisch-authentische Gedenkstätten durch ihr besonderes Potential und ihre Aura einen anderen Stellenwert als z.B. Yad Vashem, doch ihre Aufgaben und Ziele sind identisch: „das Gedenken an die Opfer und das Vermitteln der historischen Erkenntnisse an die BesucherInnen“ (Barlog-Scholz, 1992: 83). Dass sich diese Aufgaben und Ziele durchaus erweitern können, zeigt die GedenkstätteYad Vashemin Jerusalem, die nicht nur archiviert, dokumentiert und aufklärt, sondern auch ein bedeutendes wissenschaftliches Forschungszentrum beinhaltet.

Das eigentliche Gedenken ist dem Namen „Gedenkstätte“ nach jedoch Mittelpunkt und Hauptziel jener Einrichtungen: „Gedenkstätten fühlen sich in erster Linie den Opfern des Nationalsozialismus verbunden“ (Barlog-Scholz, 1992: 83). Als Opfer gelten in diesem Falle jene, „die sich bewußt in den Kampf gegen das Regime gestellt haben und Menschen, die aus rassischen und sozialen Gründen verfolgt und vernichtet wurden“ (ebd.). Dass diese große Opfergruppe noch in weitere unterteilt werden kann, ist selbstverständlich.

Gedenken umfasst mahnen und erinnern. Vor allem zu Beginn der Geschichte der Gedenkstätten waren diese „Tätigkeiten“ die Hauptziele. Barlog-Scholz argumentiert, dass sich mit dem langsamen Aussterben von Zeitzeugen das Erinnern und Mahnen wandelt von einem persönlichen Gedenken zu einem vom Staat institutionalisierten. Zentrale Gedenktage wurden eingerichtet, z.B. der Volkstrauertag und der 20. Juli. Dass Hinterbliebene und Nachfahren von Opfern des Nationalsozialismus stets erinnern und mahnen, und dass durch sie die Geschichte weiter lebt, wird nicht berücksichtigt. Was sich tatsächlich im Laufe der letzten 50 Jahre innerhalb Gedenkstätten geändert hat, ist, dass Aufklärung und historisch-politische Bildung die zentralen Rollen eingenommen haben und nun als „Denk-Stätten“ und „Lernorte“ zu verstehen sind. Aus der Vergangenheit lernen und diese mit sich und der heutigen Zeit in Beziehung setzen sind Grundlagen für eine moralisch-demokratische Erziehung.

2.3 Gedenkstätten und Erinnerungskultur in der BRD – historischer Überblick

Um den soeben angedeuteten Wandel zu untermauern, ist es wichtig, den Entstehungsweg von Gedenkstätten zu skizzieren. Hierzu ein kurzer historischer Überblick:

Unmittelbar nach Kriegsende und in den ersten Nachkriegsjahren gab es bereits Gedenkstätten, die zumeist jedoch „nur“ aus Gedenktafeln oder anderen Hinweisen bestanden. Diese waren meist von Überlebenden initiiert, denen eine Dokumentation der Ereignisse an den entsprechenden Orten „zunächst noch nicht notwendig zu sein schien“ (Barlog-Scholz, 1992: 76), was sicherlich mit dem geringen zeitlichen Abstand zu begründen ist. Diese ersten Gedenkstättentypen fanden in der breiten Öffentlichkeit keine Aufmerksamkeit und verfielen, „bevor sie in den achtziger Jahren wieder entdeckt und restauriert wurden“ (Zimmermann in Barlog-Scholz, 1992: 76).

Einen ersten Wandel der Erinnerungs- und Gedenkkultur gab es erst in den 50er und 60er Jahren, die Rathenow und Weber alserste Etappeder „Vergangenheitsbewältigung“ ansehen (vgl. Rathenow, Weber: 39). Bislang wurden die Verbrechen der Hitlerdiktatur eben nur auf Hitler reduziert, sodass eine Auseinandersetzung der deutschen Nachkriegsgesellschaft mit dem Holocaust gänzlich fehlte. „Erst anitsemitische Schmierereien in Köln um die Jahreswende 1959/60“ (Rathenow, Weber, 40) sowie der Eichmann-Prozess (1961/62) und der Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963/65) gaben Anlass zum Um- und Nachdenken. Die ersten öffentlichen Gedenkstätten wurden jedoch von Interessengemeinschaften Überlebender durchgesetzt. So entstand 1965 die Einrichtung der Gedenkstätte Neuengamme, ebenso wie die Gedenkstätte Dachau (vgl. Barlog-Scholz, 1992: 77).

In den Sechziger- bis Achtzigerjahren vollzog sich ein erneuter Wandel des Geschichtsbewusstseins in der Bundesrepublik Deutschland, die im „Gedenkstättenboom“ der 80er Jahre gipfelte. Ausschlaggebend hierfür war die Forderung nach einer „radikale[n] Auseinandersetzung der akademischen Jugend mit dem Nationalsozialismus“ (Rathenow, Weber, : 42). Diese Auseinandersetzung beinhaltete v.a. eine neue wissenschaftliche Betrachtung der NS-Geschichte und durch die „lokal- und alltagsgeschichtliche Neugier“ (Barlog-Scholz, 1992: 78) entstanden zahlreiche Gedenkstätten an zumeist historisch-authentischen Orten. Gleichrangig dem Gedenken wurde jetzt das Dokumentieren vor Ort zum Zweck der Aufklärung, eine Komponente, die in der dritten Etappe nach der Vereinigung Deutschlands 1990 immer mehr an Bedeutung gewann, als es v.a. in den neuen Bundesländern zu rassistischen Ausschreitungen kam. „Die Annahme, ostdeutsche Bürger seien durch ‚antifaschistische‘ Erziehung gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit immunisiert worden, erwies sich als Trugschluss“ (Rathenow, Weber: 44). Im Zuge dieser neuen Zielsetzung, also Dokumentation, Aufklärung, moralisch-demokratische Erziehung und historisch-politische Bildung, entstand die Gedenkstättenpädagogik: „Als Lernorte entwickelten die Gedenkstätten Angebote, mit deren Hilfe ein Prozeß des Erinnerns initiiert werden sollte.“ (Genger, 1995: 49). Die Aufgabe der Gedenkstättenpädagogik ist es v.a., Wege und Methoden zu finden, an Orten des Gedenkens, Besucher, allen voran Jugendliche, zu einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu bewegen.

2.4 Gedenkstättenpädagogik

Die Gedenkstättenpädagogik ist ein relativ junger Zweig der Pädagogik und wurde ins Leben gerufen, als bewusst wurde, wie wichtig authentische Orte als Ergänzung im Rahmen des historisch-politischen Unterrichts sind, was v.a. durch „den immer größer werdende[n] zeitliche[n] Abstand zu[m] Nationalsozialismus“ (Rathenow, Weber, 1995: 13) hervorgerufen wurde. Wegen dieser Einbindung in den schulischen Unterricht tragen Gedenkstätten auch den Beinamen „Lernorte“, vorausgesetzt, sie leisten eine „sachliche Aufklärung durch Dokumente, originale historische Objekte... [ermöglichen] entdeckendes Lernen, das Selbständigkeit und Eigeninitiative der Lernenden erfordert.“ (Rathenow, Weber, 1995: 14) Außerdem sollen Lernorte „aktuelle Bezüge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft...herstellen, [sowie] Aspekte emotionalen und kognitiven Lernens integrieren.“ (ebd.)

Die Gedenkstättenpädagogik zielt v.a. darauf ab, Mittel und Wege zu konzipieren, mit denen in Gedenkstätten gearbeitet werden können und die den Schülern einen „differenzierte[n], nicht nur kognitiv orientierte[n] Zugang zu dieser Zeit [des Nationalsozialismus]“ (Rathenow, Weber, 1995: 13) bieten. Das heißt für Lehrer, die einen Gedenkstättenbesuch mit Schülern durchführen wollen, dass sie diesen genau planen müssen, z.B. mittels Fragestellungen, die sich auf ein bestimmtes Thema konzentrieren. Hierzu gibt es viel Literatur, die aus solchen Projekten resultieren. Einige Methoden und Mittel der Gedenkstätten und Gedenkstättenpädagogik sollen im folgenden erklärt und erläutert werden.

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Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638872065
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80697
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1.3
Schlagworte
Gedenkstättenpädagogik Vashem Grenzen Möglichkeiten Bildung

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Titel: Gedenkstättenpädagogik und Yad Vashem: Grenzen und Möglichkeiten der historisch-politischen Bildung