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Lexikalische Merkmale des argentinischen Spanisch

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 28 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Überblick

3 Entwicklung der sprachwissenschaftlichen Erforschung des lateinamerikanischen Spanisch

4 Linguistischer Einfluss hispanischer und nicht-hispanischer Sprachen
4.1 Einfluss hispanischer Sprachen
4.2 Einfluss indigener Sprachen
4.3 Einfluss afrikanischer Sprachen
4.4 Einfluss europäischer Sprachen
4.4.1 Das Cocoliche
4.4.2 Der Lunfardo

5 Die diatopische Aufteilung Argentiniens (nach Fontanella de Weinberg)

6 Regionale Verbreitung der lexikalischen Merkmale des argentinischen Spanisch
6.1 La Región Bonaerense - Die Region Buenos Aires
6.2 El Litoral Fluvial - Die Uferregion am Río Paraná
6.3 El Nordeste - Der Nordosten
6.4 El Noroeste - Der Nordwesten
6.5 El Centro - Zentralargentinien
6.6 El Cuyo
6.7 La Patagonia - Patagonien

7 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Einem Spanisch sprechenden Touristen in Argentinien wird sicherlich schnell auffallen, dass er immer wieder mit anderen Varianten des argentinischen Spanisch konfrontiert wird. Sei es, wenn er sich in verschiedenen soziokulturellen Kontexten aufhält, sei es, wenn er von der Stadt aufs Land kommt, wenn er sich mit jungen und älteren Menschen unterhält, oder wenn ihn seine Reiseroute durch die zahlreichen Regionen Argentiniens führt. Neben den phonetischen und morphologischen Unterschieden wird er besonders auf die lexikalischen Eigenheiten stoßen.

Es hat sich mehrfach gezeigt, dass das argentinische Spanisch innerhalb der linguistischen Studien über das lateinamerikanische Spanisch überdurchschnittlich häufig Forschungsgegenstand war. Die regionalen sprachlichen Unterschiede in Argentinien waren immer wieder von besonderem Interesse. Die große Vielfalt der argentinischen regionalen Varianten wird deutlich, wenn man beispielsweise den Sprachgebrauch eines porteños, einem Einwohner der Hauptstadt Buenos Aires, mit dem eines tucumano vergleicht, die Sprechweise eines cordobés, einem Bewohner Córdobas, mit der eines cuyano oder eines correntino aus Corrientes.

Die Gründe für diese regionalen Unterschiede sind vielfältig. Manuel Alvar fasst diese zusammen in demografische, historische, soziokulturelle und ökonomische Faktoren. (Alvar, 209) In der vorliegenden Arbeit sollen die lexikalischen Merkmale und die Gründe für ihre Vielfalt und regionale Verbreitung ins Auge gefasst werden. Dafür wurde die Bibliographie auf einige ausgewählte Werke begrenzt, da sich einige sprachwissenschaftliche Studien durch unterschiedliche Herangehensweisen und eigene Schwerpunktsetzungen zum Teil im Weg stehen und manchmal sogar widersprechen.

2 Historischer Überblick

Um das heutige Argentinien mit seiner vielfältigen Sprachlandschaft grundlegend verstehen zu können, ist es notwendig zunächst die historische Entwicklung des Landes zu betrachten. Argentinien ist flächenmäßig das größte Land der Spanisch sprechenden Welt. Innerhalb seiner Landesgrenzen findet man eine Vielzahl an regionalen Dialekten und Soziolekten. Jedoch hat sich durch die Jahrhunderte hindurch das in der Region Buenos Aires vertretene, recht angesehene porteño als Prototyp des argentinischen Spanisch durchgesetzt. (Lipski, 162)

Seit der Unabhängigkeit von Spanien im Jahre 1810 blieb das Gebiet Argentiniens weitgehend unverändert. Durch die Kolonialzeit hindurch bestimmten jedoch häufig tief greifende Veränderungen sowohl in der Besiedlung des Landes als auch in der Rechtssprechung die Struktur Argentiniens, was zur Herausbildung eines „komplexen Mosaiks aus regionalen Dialekten“ (Lipski, 163) beitrug. Mit einem Eroberungszug direkt aus dem spanischen „Mutterland“ in den Hafen von Buenos Aires im Jahre 1536 begann die Besiedlung Argentiniens, die sich im gesamten von drei verschieden Standorten aus vollzog. Die spanischen Eroberer setzten ihren Zug von Buenos Aires aus fort, am Río de la Plata entlang bis hoch in den Nordosten, wo sie im Jahr 1541 die Stadt Asunción gründeten. Spanische Landsleute aus Kastilien und der Extremadura sowie einige Basken folgten ihnen nach. Die Eroberung des Nordwestens wurde von Peru aus initiiert und mit der Gründung der Städte Santiago del Estero und San Miguel de Tucumán gefestigt. Zusätzlich wurde Tucumán durch eine Einwanderungswelle aus Santiago de Chile bevölkert. Die Siedler von Cuyo kamen aus Chile und gründeten Mendoza, San Juan und San Luis. (Alvar, 211) Noch heute weist das Spanische im Westen des Landes eine starke Ähnlichkeit zu den Dialekten Zentralchiles auf. Jeder einzelne dieser Eroberungszüge bewirkte ein anderes Muster des Sprachkontaktes, womit die Grundlage für verschiedene linguistische Entwicklungen geschaffen war. (Lipski, 163f.)

Die Hauptgründe für die Wahl der Standorte der neu gegründeten Städte und die Ausdehnung des argentinischen Gebietes waren wirtschaftliche. Auf der Route zwischen Buenos Aires und Potosí im heutigen Bolivien, entlang derer besonders viele Städte entstanden, befanden sich die wichtigsten und produktivsten Silberminen. Dennoch zeichnet sich der Norden Argentiniens weniger durch reiche Mineralressourcen denn durch fruchtbares Ackerland aus. Daher wurde Nordargentinien hauptsächlich von Kleinbauern und Händlern besiedelt, die einen einfachen, ländlich-derben Dialekt verbreiteten. Aber auch in anderen Gebieten Argentiniens wurde der Nutzen der fruchtbaren Böden des Landes schnell erkannt, und es entwickelte sich eine unabhängige und vielfältige Agrarwirtschaft. In den Pampas wurde Schafzucht betrieben, welche noch heute in ganz Patagonien ein wichtiges Gewerbe darstellt. Die für die Viehzucht ideale Lage und Beschaffenheit der Pampas verhalf Argentinien noch vor der Unabhängigkeit zum führenden Fleischproduzenten der Welt zu werden. Zudem wurde Getreide angebaut, und im Westen entwickelte sich der Wein- und Obstanbau zur Hauptertragsquelle während in Tucumán die Zuckerindustrie florierte. (Lipski, 163ff.)

Schon im Jahre 1617 wurde Buenos Aires zur Hauptstadt der kolonialen Provinz Río de la Plata. Nicht nur flächenmäßig gewann Buenos Aires immer mehr an Bedeutung - sie wurde zur zweitgrößten Stadt der so genannten westlichen Hemisphäre - sondern auch in gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht genoss es großes Ansehen. Buenos Aires fungierte als Ausgangspunkt für jene Siedler, die 1726 Montevideo im heutigen Uruguay gründeten, was die Ähnlichkeit erklärt, die zwischen den Sprechweisen beider Städte besteht. Die später folgende Besiedlung der südlichen Pampas ging ebenfalls von Buenos Aires aus, wodurch von da an auch der Süden Argentiniens bis hinunter nach Patagonien sprachlich von der Metropole dominiert wurde. (Lipski, 164)

Allerdings spielten nicht nur die eroberungswütigen Spanier eine bedeutende Rolle in der Sprachentwicklung Argentiniens. Obwohl in vielen Gebieten, vor allem in der Region um Buenos Aires und in den Pampas, die bis dahin dort ansässige indigene Bevölkerung aufgrund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit dem Vormarsch der Spanier kaum standhalten konnte und allmählich verschwand, gab es einige Gegenden, in denen die indígenas ihre Präsenz behaupten konnten. Vor allem der Nordosten war von Guaraní-Stämmen besiedelt und von engem Kontakt zwischen dem Spanischen und der Sprache der Ureinwohner geprägt. Der Nordwesten Argentiniens war einst weitläufig von Quechua-Stämmen besiedelt, von denen es heute nur noch wenige gibt. Durch ihre starke Präsenz hatten die Quechua einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung regionaler Dialekte. Einige Quechua-Begriffe setzten sich sogar im landläufigen Spanisch Argentiniens fest. Grundsätzlich sind heute noch viele Wörter aus den indigenen Sprachen im argentinischen Spanisch zu finden, obwohl die ethnische Identität der indigenen Bevölkerungsgruppen unter der spanischen Eroberung stark gelitten hat und heute kaum noch in ihrer ursprünglichen Form besteht. Die meisten Begriffe jedoch beschränken sich auf lokal geprägte und Ortsbezeichnungen. (Lipski, 164f.)

Mit dem Beginn der Kolonialisierung wurden viele afrikanische Sklaven nach Argentinien gebracht. Die meisten blieben in der Hauptstadt oder wurden in andere argentinische Städte gebracht. Ein beachtlicher Teil stellte Kunsthandwerk her oder widmete sich der Musik, andere fanden ihr neues Leben und ihre Freiheit auf dem Land und wurden zu so genannten gauchos. Die Mehrzahl der Afrikaner jedoch arbeitete in der Landwirtschaft, in den Städten oder als Hausbedienstete. Durch die schnelle Anpassung an die neue Heimat setzten sich nur wenige afrikanische linguistische oder kulturelle Einflüsse fest. (Lipski, 164/ 166)

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg wurde Argentinien von mehreren Immigrantenwellen aus Europa überschwemmt. Neben Spaniern, die nach wie vor zahlreich nach Lateinamerika auswanderten, kamen Engländer, Franzosen, Russen, Syrer und Libanesen (Lipski, 167), aber auch Einwanderer aus Polen und Deutschland. (Alvar, 212) Auch aus Wales kamen einige Immigranten, die sich allerdings in geschlossenen, unabhängigen Gemeinden in Patagonien zusammenfanden, in denen noch heute Walisisch gesprochen wird, und damit nichts zur sprachlichen Entwicklung des Spanischen im Land beitrugen. Die größte Einwanderungswelle jedoch kam aus Italien, die den eindeutig nachhaltigsten Einfluss auf das argentinische Spanisch hatte. Der stete enge Sprachkontakt zwischen spanischen und italienischen Einwanderern über Jahrzehnte hinweg äußerte sich in einer Kontaktsprache, dem cocoliche, die von vielen aus dem Italienischen stammenden Begriffen und phonetischen Merkmalen geprägt wurde. Auch die charakteristische Aussprache im porteño in Buenos Aires wurde höchstwahrscheinlich vom Italienischen beeinflusst. (Lipski, 167)

3 Entwicklung der sprachwissenschaftlichen Erforschung des lateinamerikanischen Spanisch

Das Spanische Lateinamerikas war noch nicht immer Gegenstand sprachwissenschaftlicher Untersuchungen gewesen. Noch bis ins 20. Jahrhundert galt die Sprache des spanischen Mutterlandes als die übergeordnete Norm, das Spanische in Lateinamerika hingegen als eine inakzeptable Abwandlung jenes Standards. In Wörterbüchern wurde die charakteristische Lexik des lateinamerikanischen Spanisch daher meist nur mit dem Zusatz „voces corrompidas“ (Haensch, 47) erwähnt.

Das Interesse für die Sprachen in Lateinamerika, besonders für die der indigenen Bevölkerungsgruppen, bestand dennoch bereits im 16. Jahrhundert. Vor allem spanische Missionare begannen die indigenen Sprachen zu lernen, was ihnen natürlich besonders für die Christianisierung der heidnischen indígenas diente. Auch sie waren es, die ab Mitte des 16. bis in die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts die ersten Grammatiken und mehrere Wörterbücher über indigene Sprachen veröffentlichten - zu einem Zeitpunkt, als es noch so gut wie keine Wörterbücher über das lateinamerikanische Spanisch gab. (Haensch, 40f.)

Die ersten schriftlichen Fassungen der so genannten Amerikanismen beinhalten eine Mischung aus indigenen und spanischen Eigennamen. Einige spanische Begriffe waren in ihrer Bedeutung der lateinamerikanischen Lebenswelt angepasst worden - wie z.B. león -Puma, lagarto - Kaiman - oder von gebräuchlichen spanischen Wörtern abgeleitet - etwa armadillo - Gürteltier von Spanisch armado - bewaffnet. Während die Wörterbücher über indigene Sprachen sich noch auf eine Auswahl von alltäglichem und vor allem auch religiösem Vokabular konzentrierten, wurden die neuen Wörterbücher über das lateinamerikanische Spanisch mit einer neuen Intention verfasst: der europäische Leser sollte der amerikanischen Realität, die für ihn neu, unvorstellbar und undurchdringlich erschien, näher gebracht werden. Um geografische, historische oder literarische Texte Lateinamerikas mit ihrem die neue Welt betreffenden, unbekannten Vokabular zu verstehen, mussten ihm entsprechende Wörterbücher zur Verfügung stehen. Noch bis ins 20. Jahrhundert wies die Lexikographie des amerikanischen Spanisch diese Mischung aus Eigennamen für Personen, indígena-Stämme, Städte, Regionen, Flüsse und Berge, mit Namen und Begriffen aus der amerikanischen Lebenswelt auf. (Haensch, 41)

Im Jahre 1608 wurde das erste bekannte Wörterbuch des lateinamerikanischen Spanisch von Pedro Fernández Castro verfasst - jedoch enthielt es gerade einmal 18 Wörter. Einige Jahre später, 1627, wurde erstmals ein überaus bedeutendes Wörterverzeichnis über Amerikanismen veröffentlicht. Die Tabla para la inteligencia de algunos vocablos bezog sich als zugehöriges Glossar auf das historische Werk Noticias Historiales des spanischen Franziskaners Pedro de Simón. Schon in diesem frühen Werk hielt der Autor eine für die sprachwissenschaftlichen Untersuchungen des lateinamerikanischen Spanisch wichtige Tatsache fest: der unterschiedliche Sprachgebrauch innerhalb der verschiedenen Regionen. Er beschränkte sich hier auf Kolumbien, die Atlantikküste Kolumbiens, auf Venezuela und Peru. (Haensch, 42)

Ein weiteres bedeutendes Werk war das Vocabulario de voces proviniciales de América von Antonio de Alcedo (1786-89). Zwar handelte es sich dabei auch lediglich um ein Glossar, das ein anderes Werk ergänzte. Dennoch kann es als Übergang zur modernen Lexikographie bezeichnet werden, da es mit seinen objektiveren und nüchternen Definitionen und vor allem auch mit den Fachbezeichnungen von Flora und Fauna eine neue Form von Wörterverzeichnis darstellte. Soweit man weiß, sprach Alcedo als erster spanischer Lexikograph hinsichtlich der Lexik Lateinamerikas von „voces provinciales“. (Haensch, 43)

Die im 19. Jahrhundert in Europa aufkommende Romantik erweckte das allgemeine Interesse für das Leben auf dem Lande und für die Folklore. Insgesamt fühlten sich die Menschen stärker mit ihrer heimischen Region verbunden. In Spanien wurden einige Dialekt-Wörterbücher veröffentlicht, die Real Academia ließ und lässt bis heute immer mehr Regionalismen und Lokalismen des Iberischen Spanisch zu. Allerdings, so Haensch, scheinen diese im heutigen Kontext - angesichts der geringeren Beachtung von Amerikanismen, die in wesentlich weitläufigeren Sprachräumen geläufig sind - einen zu großen Stellenwert zugesprochen zu bekommen. Zu jener Zeit erschien in Lateinamerika ein Wörterbuch, das für dieses Jahrhundert typisch war: das Diccionario de provincialismos (oder voces provinciales), das die Wörter, die einer bestimmten Gegend - eines Landes, einer Region oder eines übernationalen Gebietes - eigen waren, nach dem spanischen Vorbild aufgriff. Dennoch blieb, trotz der politischen Befreiung der lateinamerikanischen Republiken, das Spanische der Iberischen Halbinsel Standard. Dies zeigte sich vor allem auch in Wörterbüchern und Wörterverzeichnissen, die sich um die Korrektur von (vermeintlichen) Fehlerhaftigkeiten des amerikanischen Spanisch bemühten. (Haensch, 44)

Als einer der ersten Autoren des 19. Jahrhunderts war sich R.J. Cuervo, ein großer amerikanischer Philologe, über die Autonomie des amerikanischen Spanisch bewusst. Trotzdem schaffte er es nicht, sich von der damals einzig akzeptierten puristischen Haltung gegenüber dem Spanischen freizumachen: zum einen empfahl Cuervo jene Amerikanismen zu bewahren, die der für Amerika typischen Lebenswelt entstammten und daher keine Entsprechung auf der Iberischen Halbinsel fanden. Zum anderen sollten im Falle einer Vielzahl an Synonymen das kastilische Wort das einzig gültige sein und die Indigenismen verdrängt werden. (Haensch, 45) Dies ist vergleichbar mit vielen anderen Wörterbüchern, die zu dieser Zeit entstanden. Zwar erwähnten sie die Amerikanismen, jedoch wurden diese häufig durch den bereits erwähnten Zusatz „voces corrompidas“ (Haensch, 47) degradiert.

Im Jahre 1846, als das lateinamerikanische Spanisch in Spanien noch immer wenig bekannt war, bezeichnete Vicente Salvá - einer der populärsten Lexikographen im Spanien des 19. Jahrhunderts - im Prolog seines neu erschienenen Nuevo Diccionario de la lengua castellana die Ignoranz gegenüber den „provincialismos de la América“ (Haensch, 48) als eine Ungerechtigkeit. Vor allem da gerade die Unabhängigkeitsbewegung erfolgreich verlaufen war, sollte das lateinamerikanische Spanisch mit seiner einzigartigen Flora und Fauna, seiner besonderen Lebenswelt, „sus singulares pájaros, animales y frutos, con las voces que espicifican los trabajos de sus ricas minas ó de los ingenios de azúcar, y con sus idiotismos“ das Recht haben, kastilische Wörterbücher zu bereichern. (Haensch, 48, Anm. 33)

In einigen lateinamerikanischen Ländern entstand Ende des 19. Jahrhunderts ein neuartiger Nationalismus. Vor allem in Argentinien wurde dieser durch die Einwanderungswellen angeheizt. Die argentinische Einwanderungsgesellschaft wollte ihr Problem der nationalen Identität lösen, was zum Teil durch den literarischen und linguistischen criollismo erreicht wurde, der wie eine nationale Selbstbestätigung wirkte. Der gaucho, dessen Existenz bis dahin eher am Rande der Gesellschaft angesiedelt gewesen war, wurde nun zum nationalen Symbol erhoben und die so genannte gaucho-Literatur erfreute sich großer Beliebtheit. Die Heldendichtung Martín Fierro, beispielsweise, entsprach in keiner Weise dem Sprachgebrauch der spanischen Krone, sondern enthielt eine Mischung von literarischen Elementen und solchen der gaucho-Sprache. Dennoch wurde sie zu einem nationalen Epos, da sie sich eben von der Sprache der „antigua Madre Patria“ derart unterschied und somit die argentinische Selbstbestätigung ermöglichte. Ein ähnliches Phänomen ereignete sich Jahrzehnte später hinsichtlich des Tango und des lunfardo - auf welchen in einem späteren Kapitel noch näher eingegangen wird - der als Sprache des Argentinischen Tangos eine einzigartige Popularität erlangte. Mit Abeilles Werk El idioma nacional de los argentinos erreichte der linguistische Nationalismus Argentiniens im Jahre 1900 seinen Höhepunkt. (Haensch, 49)

Im 20. Jahrhundert erschien in Lateinamerika eine neue Art von Wörterbüchern: das Diccionario general de americanismos, das sich nicht auf die Lexik eines bestimmten Landes oder einer Region sondern vieler lateinamerikanischer Länder konzentrierte. Jenes des aus Puerto Rico stammenden Autors Augusto Malaret wurde und wird als das erste und aus methodischer Sicht beste Wörterbuch erachtet. (Haensch, 51) Allerdings wurden durchaus auch Wörterbücher veröffentlicht, die sich lediglich mit dem Spanischen eines bestimmten Landes beschäftigten. So z.B. entstand im Jahr 1976 ein Wörterbuch von Abdad de Santillán, das sich ausschließlich mit dem Spanischen in Argentinien befasste. (Haensch, 54)

Mit der Gründung des Instituto de Filología Hispánica in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, das der Facultad de Filosofía y Letras der Universität von Buenos Aires untergeordnet war, gewann das argentinische Spanisch innerhalb der Sprachwissenschaft als Forschungsobjekt immer mehr an Bedeutung (Fontanella de Weinberg, 14) In den darauf folgenden Jahrzehnten wurden zahlreiche Studien durchgeführt, die sich mit verschiedensten Aspekten des argentinischen Spanisch beschäftigten, etwa mit der Sprache im sozialen Kontext oder mit Anredeformeln in der Sprache von Buenos Aires. Diatopische Variationen des argentinischen Spanisch bzw. die Gesamtheit der verschiedenen regionalen Varietäten Argentiniens waren häufig von Interesse und damit Objekt vieler Studien. Aber auch städtische Besonderheiten, die geschichtliche Entstehung des argentinischen Spanisch, der Sprachkontakt zwischen dem Spanischen und den Sprachen der Einwanderer wurden unter die sprachwissenschaftliche Lupe genommen. Als eine der vielen Sprachwissenschaftler, die sich mit dem Spanischen Argentiniens beschäftigt haben, soll vor allem María Beatriz Fontanella de Weinberg hervorgehoben werden. Für die vorliegende Arbeit werden die Kapitel zur Lexik aus Fontanella de Weinbergs umfassender Studie „El Español de la Argentina y sus Variedades Regionales“ in späteren Kapiteln von Bedeutung sein. Anfang der

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Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638873604
ISBN (Buch)
9783638873734
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80695
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Lexikalische Merkmale Spanisch Argentinien

Autor

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Titel: Lexikalische Merkmale des argentinischen Spanisch