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Der Holocaust in Kinder- und Jugendbüchern

Seminararbeit 1999 21 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur uber das Dritte Reich

3. Warum sollten sich gerade Jugendliche mit dem Holocaust beschaftigen?

4. Wie kann die Kinder- und Jugendbuchliteratur uber den Holocaust zur Aufklarung der Jugendlichen beitragen?

5. Genaue Analyse von Gudrun Pausewangs „Reise im August“
5.1 Inhalt
5.2 Literarische Gestaltung
5.3 Verknupfung der Individualgeschichte mit den Ereignissen in Deutschland
5.4 Entwicklung von Alice
5.5 Die Darstellung der Ursachen
5.6 Fazit

6. Kurzanalysen
6.1 Carlo Ross: „Im Vorhof der Holle“
6.2 Anne Frank: „Das Tagebuch der Anne Frank“
6.3 Robert Hess: „Die Geschichte der Juden“

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Judenvernichtung im Dritten Reich ist ein Thema, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Nur wer uber die Vergangenheit Bescheid weiB, kann aus ihr lernen. Die Menschen mussen wissen, zu was der Mensch fahig sein kann. Und das AusmaB dieser Fahigkeiten hat uns der millionenfache Mord an den Juden und anderen Minderheiten im Dritten Reich gezeigt. Besonders die Jugend, die Verantwortlichen fur morgen, muB daruber aufgeklart werden.

Diese Hausarbeit untersucht, wie die Kinder- und Jugendliteratur zu dieser Aufklarung beitragen kann und ob die heutigen Bucher dieser Aufgabe gerecht werden.

Zunachst stelle ich kurz die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur uber den Holocaust seit 1945 dar. Danach untersuche ich die Zusammenhange zwischen jugendlichen Neonazis und der Unwissenheit uber die Geschichte der letzten 70 Jahre. AnschlieBend gehe ich der Frage nach, auf welche Weise die Kinder- und Jugendliteratur zur Aufklarung der Jugendlichen uber die Judenvernichtung etwas beitragen kann.

Fur die Analysen habe ich aus der Menge der Bucher zum Thema Holocaust zum einen „Das Tagebuch der Anne Frank“[1] gewahlt, weil es durch seine Entstehung auf einzigartige Weise die Gefuhle des Lesers anspricht. Die anderen drei Bucher sind in den 90er Jahren geschrieben bzw. uberarbeitet worden. Jedes der vier Bucher spricht einen anderen Teil der Judenverfolgung an. „Das Tagebuch der Anne Frank“ schildert sehr eindringlich, wie sich Juden uber zwei Jahre vor den Nationalsozialisten versteckt halten, immer in der Angst vor Entdeckung. In der „Reise im August“[2] steht die Deportation zu den Gaskammern im Vordergrund. Bei „Im Vorhof der Holle“[3] dagegen wird der „Alltag“ in einem Konzentrationslager beschrieben. Das vierte Buch schlieBlich erzahlt auf sachlicher Ebene „Die Geschichte der Juden“[4].

Die „Reise im August“ habe ich besonders ausfuhrlich analysiert und dabei vor allem folgende Gesichtspunkte berucksichtigt: Wie gelungen ist die literarische Gestaltung? Wurde die Individualgeschichte der handelnden Figuren mit den Ereignissen im Dritten Reich sinnvoll verknupft? Wie entwickelt sich die Hauptfigur? Werden die Ursachen der Judenverfolgung angesprochen?

Als Quellen bezeichne ich hier die Kinder- und Jugendbucher uber den Holocaust. Vor allem nach 1975 wurden viele Erzahlungen zu diesem Thema veroffentlicht, so dab man heutzutage eine vielfaltige Auswahl hat, von der Flucht aus Deutschland uber das Leben im Exil bis zur Aufarbeitung der eigenen Erlebnisse nach dem Krieg. Erst in den letzten 10 bis 15 Jahren haufen sich vor allem autobiographische Romane. Dies hangt sicherlich damit zusammen, dab auch viele Juden ihre Erlebnisse verdrangt hatten und nun im Alter aufarbeiten.

Die Forschung hat die Kinder- und Jugendbucher des letzten Jahrzehnts mit dem Thema Holocaust noch nicht aufgegriffen. Die meisten Jugendbucher aus der Zeit vor 1983 dagegen sind in einer Analyse zusammengefabt und von Ernst Cloer herausgegeben worden.[5] Auch die Reihe Europaische Hochschulschriften befabte sich schon 1980 mit dem deutschen Faschismus als Thema in der neueren Jugendliteratur.[6] Etwas aktueller ist die „Geschichte der Deutschen Kinder- und Jugendliteratur“[7], die 1990 erschien, aber nur kurz auf die Darstellung des Dritten Reiches eingeht. Besonders interessant bei der Frage nach der Unwissenheit der Jugendlichen von heute ist eine gerade erschienene Studie von Silbermann und Stoffers, in der sie das Wissen aller Altersgruppen uber Auschwitz untersuchen.[8]

2. Entwicklung der Kinder - und Jugendliteratur uber das Dritte Reich

Jahrlich gibt es etwa 1600 Neuerscheinungen bei den Kinder- und Jugendbuchern. Zum Thema Drittes Reich kamen aber in den Jahren 1945 bis 1981 insgesamt nur 162 neue Bucher heraus. Das heiBt, bei den jahrlichen 1600 Neuerscheinungen behandelten etwa 4 bis 5 Bucher den Nationalsozialismus.[9]

Doch in den letzten 15 bis 20 Jahren wurde diese Epoche haufiger berucksichtigt. Ein GroBteil dieser Bucher sind erzahlende Sachliteratur, aber es gibt auch viele Romane zu diesem Thema. Relativ neu sind Bilderbucher, die durch die Darstellung historischer Bilddokumente Fiktion und Fakten verbinden.[10]

Der Schwerpunkt der Bucher uber das Dritte Reich hat sich verlagert. So wurde 1945 bis 1960 die Mitverantwortung der Deutschen meist tabuisiert. Es entstand der Eindruck, daB die deutsche Bevolkerung genauso Opfer sei wie alle anderen und die Schreckensherrschaft des Dritten Reiches nur von einer kleinen Fuhrungsgruppe ausgegangen sei.

1960 bis 1965 kam es in Deutschland wieder zu ersten Hakenkreuzschmierereien und Verwustungen von judischen Friedhofen. Doch in den Buchern herrschte immer noch die Meinung vor, daB nur die kleine Fuhrungsspitze an dem Ungluck in Deutschland schuld sei. AuBerdem wurden infolge des Kalten Krieges die DDR und die Sowjetunion mit dem Dritten Reich gleichgesetzt.

Mitte der 1960er Jahre erhielten in der offentlichen Diskussion vor allem die Gesellschaftskritik und Gesellschaftsreform Prioritat. Man beschaftigte sich mehr mit der Gegenwart, so daB die Produktion von Jugendliteratur uber die NS-Zeit zuruckging. Um 1975 stieg die Zahl der Veroffentlichungen von Literatur uber dieses Thema wieder. AuBerdem wurde die Darstellung und Deutung des Nationalsozialismus sehr viel differenzierter betrachtet. Mehr und mehr wurde auch der Alltag im Dritten Reich berucksichtigt und auch Themen wie Antisemitismus und Judenvernichtung ruckten mehr in den Vordergrund. Dagegen wurden aber die Ursachen des Dritten Reiches und der Widerstand noch zu wenig behandelt.[11]

Seit 1979 liegen die Schwerpunkte dieser Literatur auf Kindheit und Jugend sowie dem Holocaust. Politischer Widerstand wird eher weniger behandelt, da viele Deutsche ambivalente Meinungen dazu haben. Flucht und Vertreibung spielen als Themen keine groBe Rolle mehr, da die Fluchtlinge nun groBtenteils integriert sind. Weitere nur am Rande erwahnte Themen sind die Verfolgung anderer Minderheiten wie Sinti und Roma und Bibelforscher sowie Euthanasie und Zwangssterilisation. Dies resultiert wohl daraus, daB die Betroffenen auch heutzutage noch ein geringeres Ansehen besitzen und sich meist nicht literarisch auBern konnen oder wollen.[12]

Auch in den 1990er Jahren wurden recht viele Bucher zum Thema Judenverfolgung veroffentlicht, wie zum Beispiel „Reise im August“, „Im Vorhof der Holle“ oder „Die Geschichte der Juden“, auf die ich spater noch zu sprechen kommen werde.

3. Warum sollten sich gerade Jugendliche mit dem Holocaust beschaftigen?

Es hat sich in der Geschichte haufiger gezeigt, daB besonders Jugendliche unter bestimmten Voraussetzungen, auf die ich spater noch eingehen werde, anfallig fur (rechts)radikale Gruppen sind. Darum mussen gerade sie uber die Schrecken des Nationalsozialismus aufgeklart werden, nach dem Motto: Wehret den Anfangen!

Diese Aufklarung wurde in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Krieg versaumt. Die Schrecken wurden verdrangt und in der Schule meist nicht behandelt. Auch mit den Eltern konnten viele Jugendliche nicht sprechen, da das gesamte Thema fast uberall tabuisiert wurde. Ebenso wurde der Nationalsozialismus in den 1970ern meist in der Schule nicht erwahnt. Studien Ende der 1970er Jahre haben gezeigt, daB die Jugendlichen zu jener Zeit nur wenige Kenntnisse uber das Dritte Reich und besonders uber die Judenvernichtung hatten.[13]

Erst um 1975 begann man aufzuhorchen und Themen wie Judenverfolgung und - vernichtung anzugehen. In den letzten 20 Jahren ist daraus ein weites Forschungsgebiet geworden und viele Schrecken wurden auch der breiten Offentlichkeit bekannt. Diese Veranderung spiegelt sich in der Kinder- und Jugendliteratur wider. Wie ich schon erwahnt habe, stieg ab 1979 die Anzahl der Jugendbucher, die sich mit der Judenverfolgung beschaftigen.[14]

Ungefahr seit dieser Zeit wird in der Schule neben dem Nationalsozialismus auch der Holocaust behandelt, da diese beiden Themen untrennbar miteinander verbunden sind. Dabei sollte man sich aber nicht nur auf das Erlernen der Jahreszahlen beschranken, sondern auch die Ursachen des Dritten Reiches behandeln. Nur wer uber die Wurzeln des Nationalsozialismus und der Judenvernichtung informiert ist, kann die Vorzeichen in unserer heutigen Welt erkennen.

Doch einer Studie von 1999 zufolge wissen von den 14-17 Jahrigen 21,9% nicht, wer oder was Auschwitz ist. Auf die Frage nach den Grunden der Inhaftierung der Juden gaben 22,2% dieser Altersgruppe an, keine Ahnung zu haben. Erst mit dem Alter steigt laut Studie auch das Wissen uber Auschwitz.[15]

AuBerdem darf nicht ubersehen werden, daB in Deutschland immer wieder rechtsextreme Gruppen in die Schlagzeilen geraten, die Gefahr des Nationalsozialismus also noch lange nicht gebannt ist. Daher ist es wichtig, die Menschen uber den Holocaust aufzuklaren und damit die Folgen des Nationalsozialismus aufzuzeigen.

Jugendliche in Krisensituationen wie Arbeitslosigkeit und genereller Perspektivlosigkeit sind besonders gefahrdet, in rechtsextremistische Gruppen hineinzurutschen. AuBerdem gibt es in vielen Familien nur noch wenig Kommunikation, so daB die Jugendlichen nicht gelernt haben, Streitigkeiten verbal zu losen. Dort gibt es meist auch eine hohe Gewaltbereitschaft. Ein weiteres Kennzeichen sind jahrelange MiBerfolge in der Schule, so daB die Selbstachtung der Jugendlichen sehr gering ist. Ein Mensch braucht Erfolge, um ein Selbstwertgefuhl entwickeln zu konnen. Und genau dort haken die rechtsextremen Gruppen ein: sie fullen die Lucke der Perspektivlosigkeit und geben den Jugendlichen das Gefuhl gebraucht zu werden, so daB ihre Selbstachtung wieder steigt.[16]

Um also zu verhindern, daB sich Jugendliche rechtsextremen Gruppen anschlieBen, weil sie aus Unwissenheit die Folgen des Neonationalsozialismus nicht voraussehen konnen, mussen sie die Geschichte kennen. Nur so konnen sie aus ihr lernen, ahnliche Entwicklungen in der Zukunft erkennen und verhindern. Die schon erwahnte Studie von 1999 ergab zwar, daB die wichtigste Informationsquelle der Jugendlichen uber den Holocaust das Fernsehen ist, doch immerhin 36% der 14-17 jahrigen gaben Bucher als Informationsquelle an.[17] Zur Aufklarung kann also unter anderem die Kinder- und Jugendliteratur beitragen. Darauf gehe ich im nachsten Kapital naher ein.

[...]


[1] Frank, Anne: Das Tagebuch der Anne Frank; Frankfurt 39. Auflage 1974.

[2] Pausewang, Gudrun: Reise im August; Ravensburg 1999.

[3] Ross, Carlo: Im Vorhof der Holle; Munchen 5. Auflage 1999.

[4] Hess, Robert: Die Geschichte der Juden; Ravensburg 1988, neu bearbeitet 1999.

[5] Cloer, Ernst (Hg.): Das Dritte Reich im Jugendbuch. Funfzig Jugendbuch-Analysen und ein theoretischer Bezugsrahmen; Braunschweig 2. Auflage 1985.

[6] Weber, Bernd: Der deutsche Faschismus als Thema neuerer Jugendliteratur. Zwischen Verdrangung und Aufklarung; Europaische Hochschulschriften Reihe 11, Padagogik; Bd. 97; Frankfurt 1980.

[7] Wild, Reiner (Hg.): Geschichte der Deutschen Kinder- und Jugendliteratur; S. 361-364; Stuttgart 1990.

[8] Silbermann, Alphons/Stoffers, Manfred: Auschwitz: Nie davon gehort? Erinnern und Vergessen in Deutschland; Berlin 2000.

[9] Cloer, E. (Hg.): Das Dritte Reich im Jugendbuch S. 15.

[10] Wild, R. (Hg.): Geschichte der Deutschen Kinder- und Jugendliteratur S. 361.

[11] Cloer, E. (Hg.): Das Dritte Reich im Jugendbuch S. 15-16.

[12] (Hg) Wild, R.: Geschichte der Deutschen Kinder- und Jugendliteratur S. 362.

[13] Bossmann, Dieter (Hg.): „Was ich uber Adolf Hitler gehort habe...“ Folgen eines Tabus: Auszuge aus Schuler- Aufsatzen von heute; Frankfurt 1977 zit. in Cloer, E.: Das Dritte Reich im Jugendbuch S. 389ff.

[14] Cloer, E. (Hg.): Das Dritte Reich im Jugendbuch S. 16.

[15] Silbermann, A./Stoffers, M.: Auschwitz: Nie davon gehort? S. 205-206.

[16] Cloer, E. (Hg.): Das Dritte Reich im Jugendbuch S. 10-11.

[17] Silbermann, A./Stoffers M.: Auschwitz: Nie davon gehort? S. 227-230.

Details

Seiten
21
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638151399
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v8057
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Germanistik
Note
gut
Schlagworte
Holocaust Kinder- Jugendbüchern Proseminar Geschichtsdidaktik

Autor

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