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Politischer Mord und Kriegskultur an der Wiege der Weimarer Republik

Bachelorarbeit 2006 106 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung:

I. Ideelle und strukturelle Ordnungsfaktoren im Kaiserreich
1. Nationalismus und (Para)Militarismus
2. Die Transformation der kaiserlichen Armee
a. im Heer
b. in der Marine
3. Friedensresolution und Vaterlandspartei – Verständigungs- contra Siegfrieden

II. Die erste Phase der Revolution
1. Die Suche der Volksbeauftragten nach einer Bewaffneten Macht
2. Die ersten politischen Morde
Exkurs: einige Bemerkungen zur Rezeptiongeschichte
3. Die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

III. Die Etablierung des politischen Mordes in der Bayrischen Räterepublik
1. Die erste Phase der Revolution
2. Das Attentat auf Kurt Eisner
3. Das Scheitern der Räterepublik

IV. Die Freikorps als halbstaatliche Träger einer uneingeschränkten
Gewaltkultur
1. Internationale Aspekte
2. Die Gardekavallerie-Schützendivision als Prototyp einer innerstaatlichen Eingreiftruppe
a. Vom Lynchmord zur Lynchjustiz
b. (Geheim-)Polizeiliche und juristische Rückendeckung
3. Der Soldatische Nationalismus
4. Sozialstruktur und Organisationsformen der Freikorps

V. Der Versailler Vertrag
1. Das Feindbild Erzberger
2. Die Politisierung der Marinebrigade Ehrhardt

VI. Vom Standrecht und „der Erschießung auf der Flucht“ (1920)
1. Politische Morde am revolutionären Gegner (aus geschlossener Formation)
a. Ausnahmezustand und Standrecht
b. Kanonisierter Mord

VII. Politischer Mord und Intellektuelle Verzweiflungstaten (1920-1922)
1. Die ersten Fememorde in Bayern
2. Die Märzaktion in Sachsen
3. Der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund
4. Vom Fememord zur intellektuellen Verzweiflungstat

Schluß

Quellen:

Literatur:

Einleitung:

Diese Studie befasst sich mit einer Thematik, welche untrennbar mit der Weimarer Republik verbunden ist: der politischen Gewalt. Mit Preußen und Bayern wird das Hauptaugenmerk nicht nur auf die zwei größten, sondern die für die politische Entwicklung bedeutsamsten Flächenstaaten der Weimarer Republik gerichtet. Beide hoben sich im weichenstellenden ersten Halbjahr der Revolution noch durch ein weiteres Charakteristikum von den anderen Einzelstaaten ab: der fatalen Bereitschaft der jeweiligen sozialdemokratischen Partei- und Staatsführer, mit den antidemokratischen Kräften im Offizierskorps zusammenzuarbeiten. Die Begründung dieses Bündnisses, daß ansonsten ein bolschewistischer Umsturz zu gewärtigen sei, muss als irreführend betrachtet werden. Während die bürgerliche Geschichtswissenschaft in den fünfziger Jahren (K.D. Erdmann) diese Frage eindeutig bejahte und sich mit dieser Überschätzung der linksradikalen Kräfte paradoxerweise in einem unbeabsichtigten Gleichklang mit der DDR-Geschichtsschreibung wiederfand, kamen die seit Anfang der sechziger Jahre einsetzenden Forschungen westdeutscher Historiker zu einem differenzierterem Bild. Die bereits seit den Jahren der Weimarer Republik vorherrschende liberaldemokratische Revolutionsdeutung („Rätestaat oder parlamentarische Demokratie“) wurde dahingehend korrigiert, daß die überwiegende Mehrzahl der Arbeiter- und Soldatenräte (E. Kolb und U. Kluge) von Mehrheitssozialdemokraten und gemäßigten Unabhängigen dominiert wurden. Allerdings vollzog sich nach der ersten Phase der Revolution (bis Januar 1919), als entscheidende Reformen (in Verwaltung, Heer und Großindustrie) bereits versäumt worden waren, eine Radikalisierung der enttäuschten Arbeiterbewegung. Die Rätebewegung versuchte ihren schwindenden Einfluss durch eine Ideologisierung zu kompensieren Die damit einhergehende Verhärtung und Ideologisierung wurde durch die Brutalität der Soldateska weiter angefacht, die im Unterschied zu dem elitär-intellektuell fundiertem Attentismus späterer Jahre den rechtsfreien Raum hemmungslos und weidlich nutzte. Dadurch konnte der völkische Nationalismus, der schon während des Krieges durch die Transformation des Kaiserlichen Armee entscheidenden Vorschub erhalten hatte, der jungen Demokratie ein hässliches Gepräge verleihen.

Eine historische Untersuchung zur Kriegskultur und der Herausbildung des politischen Mordes streckt ihre Fühler in verschiedene Bereiche der Wissenschaft. Soziologisch ist sowohl die gesellschaftliche Zugehörigkeit und Verortung der Täter und Opfer, als auch die Verantwortlichkeit politischer und militärischer Entscheidungsträger von Interesse. Psychologisch verdient die persönliche Vorgeschichte und die autoritär/militärische Prägung der Täter Beachtung, die die bereits während des Krieges im Offizierskorps ausgeformten Stereotypen von Feindbildern und Ersatzwelten reproduzierten. Gemäß den psychologischen Kategorien Freuds (Projektion, Rationalisierung) folgen sie totalitärer Propaganda mit einem irrationalen Weltdeutungsmuster, die oftmals in eine erfahrungsunabhängige Ideologie mündete. Mit dem Verlust der Projektion auf Kaiser, Monarchie und unbesiegbarer Armee kam dem Paramilitarismus in der Weimarer Republik die Funktion einer Wehrersatzideologie zu, die die Traumata des fahnenflüchtigen Kaisers, der gestürzten Staatsform und der durch die „Schmach“ des Versailler Friedens amputierten Armee zu kompensieren suchte. Das juristische Urteil verweist in den vorliegenden Fällen auf eine Rechtsprechung, die politisch motiviert auftrat. Deren Einseitigkeit begünstigte das Szenario des Bürgerkrieges, dem erst nach den Angriffen auf prominente Repräsentanten der Republik Einhalt geboten wurde.

Allen Bemühungen der Forschung zum Trotz lassen sich nur zwei Typen der großen politischen Gewalt relativ klar definieren: das Attentat und der Aufstand, während der Putsch Elemente beider Typen beinhaltet. Damit sind die spektakulären Formen der politischen Gewalt in der Weimarer Republik erfasst. Die Spezifizierung meiner Untersuchung lässt sich in vier Punkten benennen:

1) die Schwerpunktsetzung auf die sogenannte große politische Gewalt, die sowohl Aufstände und revolutionäre Herrschaft (bzw. Ihre Niederschlagung), als auch Putschversuche und politischen Mord umfasst
2) daran anschließend die Fragestellung, ob und inwieweit die politischen Morde in Form und Ausmaß dem Begriff Lynchjustiz zuzuordnen sind
3) die Untersuchung, ob die abfallende Tendenz der politischen Morde im Untersuchungszeitraum mit einer Veränderung der Form der politischen Morde (Attentat) und der gesellschaftspolitischen Stellung der Opfer korrespondiert
4) und ob der damit implizierten Provokation (des als feindlich empfundenen Establishments) ein strategischer Charakter zugesprochen werden kann.

I. Ideelle und strukturelle Ordnungsfaktoren im Kaiserreich

1. Nationalismus und (Para)Militarismus

Mit dem Erreichen der Nationalstaatlichkeit, „eine historisch wandelbare und politisch-kulturell manipulierbare Ordnungsvorstellung“[1], konnte der Nationalismus, ursprünglich eine liberaldemokratische „Emanzipationsideologie“, dem deutschen Weltmachtstreben dienstbar gemacht werden. Neben diesem aggressiven, völkisch-rassisch begründetem Herrschaftsinstrument stützte sich der kolonialistische Chauvinismus („Platz an der Sonne“) auf eine föderalistisch und zugleich preußisch-hegemonial verschränkte Organisation der Reichsregierung, die in der Reichsverfassung von 1871 die „konstitutionelle Monarchie“ sanktioniert hatte. Damit war die vollständige Bindung des Offizierkorps an die Person des Kaisers und der auf die Budgetbewilligung reduzierte Einfluss[2] des Parlamentes auf die Armee garantiert. In Preußen war die Machtlosigkeit der Masse der Bevölkerung zusätzlich durch das Dreiklassenwahlrecht festgeschrieben, welches die Wertigkeit einer Stimmabgabe an den Besitz des Wählers koppelte.

Den strukturellen Vorgaben des deutschen Weltmachtstrebens und der zunehmenden Industrialisierung begegnete die Arbeiterbewegung unter Führung der seit 1890 legalisierten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die bereits wenige Jahre später zur weltweit mitgliederstärksten und einflussreichsten Klassenorganisation angewachsen war, mit der Orientierung an der Eschatologie des Marxismus.[3] Unter dem Banner der beiden großen Ideen des Wandels, des Nationalismus und des Sozialismus, begannen sich am Horizont der Entwicklung die gesellschaftlichen Träger des zukünftigen Kampfes um die politische Macht herauszukristallisieren.[4] Mit dem Aufkommen überparteilicher außerparlamentarischer Bewegungen vor dem Ersten Weltkrieg (Deutsche Kolonialgesellschaft, Alldeutscher Verband, Wehrverein, Flottenverein, Jungdeutschlandbund etc.), von denen die beiden Letztgenannten jeweils über 700.000 Mitglieder umfassten, war dem Militarismus des deutschen Bürgertums für alle Altersgruppen ein organisatorischer Rahmen bereitgestellt.[5] Gegenüber der militärischen Strategie im Krieg, die durch rational kalkulierte Anwendung militärischer Machtmittel bestimmte Kriegsziele anstrebt, umfasst der Militarismus alle Denk- und Wertesysteme, sowie alle Gefühlskomplexe, die militärische Institutionen und Formen höher stellen als zivile Lebensformen. Die Handlungs- und Entscheidungsweisen tragen eine militärische Mentalität in die zivile Sphäre. Aus der Tradition der Wehrbewegung und ihrer Radikalisierung durch Kriegserlebnis und -verlauf entwickelte sich der Weimarer Paramilitarismus in Gestalt von Freikorps, bürgerlichen Selbstschutzorganisationen, Wehrverbänden, politischen Geheimbünden und Parteimilizen. Diese Auffangorganisationen von sozialer Deklassierung bedrohter Schichten, insbesondere von nicht in die Reichswehr übernommenen Militärangehörigen, sollten unter dem Einfluss von Propagandaorganisationen des Völkischen Radikalismus eine bis dahin in Deutschland nicht bekannte militante „Massenmobilisierung gegen das demokratische Prinzip“[6] erreichen. Die Auflösung der bewaffneten Macht zum Ende des Jahres 1918 stellte einen tiefgreifenden Einschnitt am Übergang vom Kaiserreich zur Republik dar, der nur aus der katastrophalen Politik der Dritten Obersten Heeresleitung (Ludendorff, Hindenburg) verständlich werden kann. Diese 1916 einsetzende Entwicklung, die parallel durch den ersten Aufbau einer nationalistischen Presse („Deutsche Zeitung“) gekennzeichnet war, stützte sich auf eine soziale Basis von Militärangehörigen und Kleinbürgertum. Durch die Einbindung der republikfeindlichen Kräfte als militante Ordnungsmacht sowohl im Innern (Freikorps Potsdam, Marinebrigade Ehrhardt, etc.) als auch an den Außengrenzen (Aufstellung der Grenzschutztruppen Ost unter General Rüdiger Graf von der Goltz, Freikorps Oberland) verlor das Reformprojekt der regierenden Sozialdemokratie zunehmend an Glaubwürdigkeit. Ihr Zusammengehen mit der konterrevolutionären Offiziersbewegung, die durch die Bedingungen des Versailler Vertrages den Verlust jeglichen Einflusses zu befürchten hatte, eröffnete dem politischen Radikalismus ohne Not, geschweige denn Notwendigkeit, unheilvollen Raum.

Der organisatorische Rückhalt des militanten Völkischen Nationalismus verlagerte sich nach dem Scheitern des Kapp-Putsches nach Bayern, wo mit Ritter von Kahr ein Sympathisant der Rechtsextremen ins höchste Regierungsamt gelangte. Ebendort blieben die aktivistischen, oft studentischen Kräfte bis 1923 virulent, als die verzweifelte Ideologiesuche des militanten Nationalismus an seine politischen Grenzen stieß. Die politischen Morde an den linksradikalen Gegnern fanden im Attentatismus auf exponierte Repräsentanten der Republik ihre Fortsetzung. Analog wandelte sich der Täterkreis von bewaffneten Formationen, die als uniformierte Verteidiger der Republik auftraten, zu autonom und konspirativ operierenden Kommandos, die ihre militante Sozialisation größtenteils nicht im Krieg, sondern durch seine nachfolgende Mythologisierung erfahren hatten („Frontsoldatentum“).

Die psychologischen Wirkungen des neuartigen Massenkrieges, an dem allein von deutscher Seite über acht Millionen Wehrpflichtige beteiligt waren, die Niederlage und die daraus folgenden Friedensbedingungen bildeten die Grundlage für den ausgeprägten politischen Paramilitarismus. Auch wenn sich nur ein „verschwindend geringer Teil der 1918 demobilisierten sechs bis sieben Mikkionen Kriegsheimkehrer“[7] im soldatischen Nationalismus neu organisierte, zeigte sich die Militarisierung der politischen Kultur in keinem westeuropäischen Land ähnlich wirkungsmächtig wie im Weimarer Deutschland. Die Verlängerung der Kriegsideologie war von einem moralischen Wertezerfall begleitet, der neben der militärischen insbesondere durch die als politische Niederlage empfundene Republikgründung hervorgerufen wurde

2. Die Transformation der kaiserlichen Armee

a. im Heer

Die ein halbes Jahrtausend währende Herrschaft der Hohenzollern in Berlin und dem umgebenden Grenzland (Mark) Brandenburg hatte mit dem Aufstieg Preußens, den siegreichen Kriegen gegen die monarchische Dynastie Österreich –Ungarns (1866), gegen Frankreich (1870) und der Reichsgründung (1871) ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die neugewonnene Großmacht- Stellung Preußens war untrennbar mit den staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen wie Monarchie, Beamtentum, lutherischer Kirche und Armee verbunden. Von diesen zentralen Ordnungsfaktoren, die allesamt auf einem starren Autoritarismus gründeten, genoss die Armee, deren leitende Positionen dem Adel vorbehalten waren , ein hervorzuhebendes Ansehen und eine extraordinäre Stellung. Die mit der Industrialisierung einhergehenden dramatischen Innovationen der Waffentechnologie mündeten im Ersten Weltkrieg in einer ausufernden Bereitstellung von Gewaltmitteln (Rüstung), deren Zerstörungspotential das „klassische Kriegshandwerk“ revolutionierte. Damit war der industrialisierte Großkrieg funktional von Anfang an durch einen Prestigeverlust des monarchistischen Offizierskorps gekennzeichnet, der in der Kriegsniederlage und dem politischen Systemwechsel nur seinen sichtbarsten Ausdruck fand.

Nach der Okkupation Belgiens im Sommer 1914 und der Ermordung von über viertausend belgischen Zivilisten bei Vergeltungsaktionen fiel in den ersten Kriegsmonaten ein beträchtlicher Teil der alten, adligen Frontoffiziere[8]. Mit dem Scheitern des von General Schlieffen bereits 1905 entworfenen Konzeptes eines Überraschungskrieges blieb auch die allseits erwartete siegreiche Rückkehr bis zur Weihnachtszeit 1914 aus. Der akute Munitionsmangel Ende 1914[9] veranlasste den deutschen Generalstab, dem im April 1915 von Prof. Fritz Haber angeleiteten[10], völkerrechtswidrigen Giftgaskrieg zuzustimmen.[11] Die Stellungskriege (1916) vor Verdun und an der Somme mit hunderttausenden Toten auf deutscher, französischer und englischer Seite führten zu einer weiteren Technisierung der Armee, da erstmals schwere Artillerie und Luftwaffe zum Einsatz kamen. Im neuartigen Massenkrieg wurde von vornherein jede Form der geltenden Kriegsregeln („soldatischer Ehre“) außer Kraft gesetzt, die bis dahin ( zumindest bezogen auf Kriege zwischen den sogenannten zivilisierten Weißen[12]) das Selbstbild der kaiserlichen Armee bestimmt hatten.

Die durch den Kriegseintritt mobilisierten nationalen Werte wie Volksgemeinschaft, Opferbereitschaft und Vaterlandsliebe wurden durch die Auseinandersetzungen um die Wahlrechtsfrage und den Kriegszielen alsbald ihrer vorgeblichen Haltbarkeit enttarnt. Damit einher ging der Machtverlust des entscheidungsschwachen Kaisers, der sich auch durch seine häufige Anwesenheit im Großen Hauptquartier in Spa nicht aufhalten ließ. Dort leitete seit Ende August 1916 die neugebildete Dritte Oberste Heeresleitung (OHL) mit Hindenburg und Ludendorff die Geschicke der Armee. Von vornherein nahm die OHL auch an politischen Entscheidungen maßgeblichen Anteil.[13] Insbesondere Ludendorff verkörperte den Typus des „Politischen Soldaten“, der es mit seinen Gefolgsleuten geschickt verstand, ihre annexionistischen Kriegsziele hinter einer angeblichen Friedensbereitschaft zu verbergen. Im Juli 1916 hatte Professor Dietrich Schäfer mit Unterstützung aller Kapitalfraktionen[14] einen "Unabhängigen Ausschuss für einen deutschen Frieden" ins Leben gerufen, der über Ludendorffs Adjutanten Max Bauer unmittelbar mit der Obersten Heeresleitung zusammenarbeitete.[15] Daran angelehnt initiierte der Germanenorden (der einflussreichste politische Geheimbund im Deutschen Reich) den antisemitischen "Freien Ausschuss für einen deutschen Arbeiterfrieden“.[16]

Mit dem sogenannten Hindenburg-Programm vom 30.9.1916, das in enger Zusammenarbeit mit der Rüstungsindustrie entstanden war, wurde der materielle Kern der propagandistischen Initiativen freigelegt. Die Produktion von Munition sollte verdoppelt, die von Geschützen, Maschinengewehren und Flugzeugen verdreifacht und die Förderung von Kohle um eine Million Tonnen, die von Eisenerzen um achthunderttausend Tonnen monatlich gesteigert werden. Dabei war die Vorgabe weniger als ein „Programm der Verzweiflung“, sondern als eines der „Selbstüberschätzung“[17] anzusehen. Die für die Umsetzung notwendige totale Erfassung aller Arbeitsfähigen sollte mit Hilfe des „Gesetzes über den vaterländischen Hilfsdienst“ vom 5. Dezember 1916 erreicht werden. Danach musste die gesamte männliche Bevölkerung zwischen 17 und 60 Jahren, soweit sie nicht Militärdienst leistete, zivilen Hilfsdienst in Behörden, Industriebetrieben und vielen anderen Berufen und Einrichtungen ableisten, die für Zwecke der Kriegsführung bedeutsam waren (was nicht hieß, das nicht auch unter 17-jährige funktionalisiert und damit in Dienst genommen wurden.

Um auf diese Art Wehrpflichtige für die Front freizumachen, wurden zahlreiche Betriebe, die als nicht kriegswichtig eingestuft waren, teilweise oder ganz stillgelegt. Zur Durchführung des Gesetzes wurde gleichzeitig eine neue Behörde, das Kriegsamt[18] geschaffen, mit dessen Leitung Generalleutnant Gröner, der seit 1914 die Eisenbahntransporte von Kriegsmaterial, Soldaten und Nahrungsmitteln koordiniert hatte, beauftragt wurde. Zur Vorbereitung hatten Gröner und der neuernannte Staatssekretär des „Reichsamtes des Inneren“, Karl Helfferich[19], schon am 7. November 1916 mit Großindustriellen (u.a. Hugo Stinnes) verhandelt, um eine System von Arbeiter- und Angestelltenausschüssen durchzusetzen.[20]

Die Aufnahme des uneingeschränkten U-Boot Krieges Anfang 1917 setzte die Zeichen auf einen „Totalen Krieg“[21], wobei der Kriegseintritt der USA billigend in Kauf genommen wurde. Gleichzeitig wurde die Transformation der alten Armee von einem monarchischem Instrument zu einem Volksheer weiter beschleunigt,[22] welches nicht nur in der Masse, sondern auch in der Führung „politische Soldaten“ hervorbrachte. Neben Ludendorff gilt dies für Tirpitz, den „Vater des Flottenausbaus“ und Hans von Seeckt, den letzten Generalstabschef der kaiserlichen Armee. Max Bauer gehörte mit General Groener zu den Spezialisten des industrialisierten Massenkrieges. Sie waren die neuen Halbgötter, die den modernen Erfordernissen als „Sachverwalter der Rüstung“ gerecht wurden. Die jüngeren Stabsoffiziere, die operative, kriegswirtschaftliche und politische Entscheidungen vorbereiteten, besaßen oft mehr Einfluss als die ranghöheren Oberbefehlshaber, die in den Loyalitäten und Traditionen des preußischen Königsheeres gefangen waren.[23] „ Leistung und Effizienz zählten, nicht Standesmäßigkeit und Monarchismus.“[24]

b. in der Marine

Die innere Struktur der seit der Jahrhundertwende als Prunkstück der Kaiserlichen Armee gepriesenen deutschen Seemacht sah sich bereits im Verlauf des Krieges schwersten Erschütterungen ausgesetzt. Im Gegensatz zu der ihr bis 1914 zugewiesenen Rolle als Kernstück deutscher Weltgeltung sah sie sich während des Krieges, abgesehen von der Skagerrakschlacht am 31.5.1916, zur Untätigkeit „verdammt“.[25] Unter den Offizieren war es selbstverständlich, „die Verantwortung für diese Entwicklung auf die politische Führung abzuwälzen.“[26] Der Reichstag und der Parteienstaat wurden von den Marineoffizieren ohnehin als Ausgeburt einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung angesehen, der sie befremdet bis feindlich gegenüberstanden. Schon die Aufnahme in die Kieler Marineschule, Ausgangspunkt aller Offizierskarrieren in der Kaiserlichen Marine, war derart kostspielig, daß Kinder aus Arbeiterfamilien oder dem Kleinbürgertum praktisch von vornherein ausgeschlossen waren.[27] Als künftige Elite im Deutschen Reich, die sich in der Tradition der preußischen Gardetruppen begriff, waren die jungen Kadetten in einem Ehrenkodex gefangen, der allein der militärischen Hierarchie folgte. Über sich allein die Vorgesetzten bis zur höchsten Autorität, dem Kaiser; unter sich die einfachen Matrosen, mit denen jeder persönliche Kontakt verpönt war. Der Standesdünkel war derart eingeschliffen und ausgeprägt, daß der bereits beim Kaiserlichen Heer beschriebene Transformationsprozess auch unter den Marineoffizieren besondere Konkurrenzsituationen schuf. Gemäß der von Tirpitz schon vor der Jahrhundertwende eingeleiteten Strategie, sich bei der Flottenaufrüstung auf den Bau großer Schlachtkreuzer zu konzentrieren, sah sich die oberste der vier Kasten des Leitungspersonals, die „Offiziere zur See“, in einem wachsenden Abgrenzungsdruck gegen die zahlenmäßig anwachsenden „unteren“ Klassen.

Da waren zunächst die Deckoffiziere, sozusagen inoffizielle Offiziere, die zwar den Namen, nicht aber den Rang besaßen, wohl das Steuer, aber keine Mannschaften führten.[28] Ihnen übergeordnet waren die Fachoffiziere als Verwalter des Kriegsmaterials, denen wiederum die Ingenieuroffiziere vorstanden, welche das Maschinenwesen kontrollierten. Da diese den Seeoffizieren zunächst standen, wurden sie häufig deren Zielscheibe im Kleinkrieg um Privilegien, Uniformen und Kasinositten.[29] Das Verhältnis der Seeoffiziere zu den Mannschaften, die auf den Schlachtkreuzern bis zu tausend Mann umfassten,[30] offenbarte mit Andauer des Krieges zunehmende Brüche. Die Todesurteile gegen die Berliner Matrosen Kölbis und Reichpietsch, an denen wegen Befehlsverweigerung ein Exempel statuiert werden sollte, steigerten die Verbitterung der Mannschaften zusätzlich. Zu diesem Zeitpunkt war längst klar, daß den Schlachtschiffen nur eine Schutzfunktion zukam, die nichts mehr mit der ruhmvollen Aura der Kaiserlichen Marine gemein hatte, die sie vor dem Krieg umgab.[31]

3. Friedensresolution und Vaterlandspartei – Verständigungs- contra Siegfrieden

Im Juli 1917 brachten die Vertreter der Elektro- und Chemiekonzerne[32] im Reichstag eine „Friedensresolution“ ein, um der abzusehenden vollständigen Niederlage zuvorzukommen. Diese Resolution, die auf die von den Ruhrkonzernen erhofften Eroberungen im Westen verzichtete, konnte von der Fortschrittlichen Volkspartei mit Hilfe der Sozialdemokratie und der katholischen Zentrumspartei durchgesetzt werden. Um dieser von den militaristischen Junkern und der mit ihnen verbündeten Schwerindustrie als Verrat der nationalen Interessen gebrandmarkten Resolution entgegenzuwirken, wurde vom ostpreußischen Landschaftsdirektor, Wolfgang Kapp, und Admiral v. Tirpitz die Deutsche Vaterlandspartei ins Leben gerufen. Sie sollte als überparteiliche Einheitspartei eine außerparlamentarische Sammlungsbewegung bündeln, um quasi eine Militärdiktatur mit plebiszitärer Absicherung zu erreichen.

Die vom Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger eingebrachte Friedensresolution, die später den ersten Baustein einer von den Alldeutschen betriebenen systematischen Hetze gegen ihn bildete,[33] wurde am 19. Juli 1917 mit 212 gegen 120 Stimmen angenommen. Eine knappe Woche später, am 25. Juli 1917, reichte General Gröner eine Denkschrift an Reichskanzler Michaelis ein, welcher Gröner einen befürwortenden Begleitbrief beilegte. Die Denkschrift war von Dr. Richard Merton, dem Leiter der Frankfurter Metallgesellschaft,[34] verfasst worden, der im Range eines Rittmeisters als Gröners rechte Hand im Kriegsamt tätig war. In ihr wurde von einem überhöhten Preisniveau der Rüstungsindustrie und offen von Kriegsgewinnlertum gesprochen. Daraus wurde die Forderung erhoben, das Kriegsamt zu ermächtigen, Rüstungsunternehmen, die weiterhin ungerechtfertigte Preise für ihre Lieferungen verlangten, unter Zwangsverwaltung zu stellen. Nach bekannt werden der „Denkschrift über die Notwendigkeit eines staatlichen Eingriffs zur Regelung der Unternehmehrgewinne und Arbeiterlöhne“ erwirkte der Rüstungsindustrielle Stinnes bei Generalquartiermeister Ludendorff die sofortige Absetzung Gröners.[35]

Die Auseinandersetzungen um die Friedensresolution wurden durch ein weltgeschichtliches Ereignis überschattet, daß für die Entwicklung in Deutschland genauso unabsehbare wie ambivalente Auswirkungen zeitigte. So versprachen die revolutionären Ereignisse in Russland den Kriegsbefürwortern eine Entlastung an der Ostfront, die sich im März 1918 durch den Friedensschluss von Brest-Litowsk endgültig realisierte. Gleichzeitig erhielten die Kriegsgegner in Deutschland durch den endgültigen Sieg der Russischen Revolution im Herbst 1918 weiteren Auftrieb, da sie Vorbildcharakter für den Sturz eines monarchischen Systems bot. Diese Friedenshoffnungen fanden Ende Januar 1918 in einer mächtigem Streikbewegung ihren Ausdruck, die einen Großteil der deutschen Rüstungsproduktion für einige Tage zum Erliegen brachte.

Nach dem Scheitern der Frühjahrsoffensive, als selbst monarchistische Heerführer schon im März 1918 den Krieg für „verloren“[36] erklärten, zerschlug die OHL durch militärischen Aktionismus die bis dahin noch wehrhaften Restbestände der Kaiserlichen Armee. Im Juni 1918 informierte der Leiter der militärischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, Oberst von Haeften, den zuständigen Staatssekretär Kühlmann über die Aussichtslosigkeit des Krieges. Als dieser in seiner Reichstagsrede vom 24. Juni 1918 in vorsichtigen Worten öffentlich machte, daß der Krieg mit militärischen Mitteln nicht mehr zu gewinnen sei, folgte ein Sturm der Entrüstung. Am folgenden Tag äußerte der spätere Außenminister Gustav Stresemann: „ Nie hätten wir weniger Veranlassung gehabt, an unserem Sieg zu zweifeln als gegenwärtig...“[37]. In eitlem Opportunismus forderte die Oberste Heeresleitung, die die Äußerung des Staatssekretärs letztlich selbst veranlasst hatte, nunmehr seine Entlassung;[38] eine der letzten Amtshandlungen der OHL. Während seit Ende 1917 bis zu 250.000 US-Amerikaner die alliierten Truppen verstärkten, erlebte die kaiserliche Armee einen „verdeckten Militärstreik.“ 750.000 –1.000.000 deutsche Soldaten gingen in den letzten Kriegsmonaten in alliierte Gefangenschaft oder entfernten sich „unerlaubt von der Truppe.“[39]

II. Die erste Phase der Revolution

1. Die Suche der Volksbeauftragten nach einer Bewaffneten Macht

Die Aufstandsbewegung wurde durch den unsinnigen Befehl der Marineleitung vom 27. Oktober 1918 an die Hochseeflotte in Wilhelmshaven ausgelöst, den verlorenen Krieg durch einen Angriff auf die englische Flotte zu verlängern. Die revolutionäre Dynamik entfaltete sich somit bezeichnenderweise als eine Reaktion auf den Versuch der Seekriegsleitung, die bereits laufenden Waffenstillstandsverhandlungen der Regierung Max von Baden zu durchkreuzen. Damit war die Matrosenmeuterei letztlich keine Rebellion gegen die Regierung, sondern für sie.[40] Der genauso aussichtslose wie heroische Endkampf sollte das verloren gegangene Ansehen der Hochseeflotte wieder herstellen, die durch ein verfehltes Flottenprogramm während des Krieges zur Untätigkeit verdammt war. Die politische Kurzsichtigkeit der Kriegsführer wurde zum Stein des Anstoßes für den Staatsumsturz: „die Kaserne revolutionierte die Fabrik.“[41] Am Nachmittag des 3. Novembers hatten die Aufständischen von dem Gouverneur des Reichskriegshafens Kiel, Admiral Wilhelm Souchon, die Freilassung der gefangenen Matrosen und die Anerkennung der neugebildeten Räte erzwungen. Bereits am folgenden Tag traf aus Berlin der SPD-Politiker Noske ein, um die revolutionäre Bewegung in Kiel zu kanalisieren. Er quartierte sich in das Zimmer Souchons, des früheren Oberbefehlshabers der Osmanen-Flotte, ein und erlangte schon am 7.November das Kommando über 80.000 Soldaten, wohlgemerkt als Zivilist. Ein bisher einmaliger Vorgang in der deutschen Geschichte und gleichzeitig ein makabrer Erfolg der revolutionären Erhebung.

Nachdem am 9. November 1918 in der Reichshauptstadt Berlin die Sozialistische Republik ausgerufen worden war, wurde am folgenden Tag auf einer Vollversammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte als oberstes Regierungskollegium der sechsköpfige Rat der Volksbeauftragten gewählt.[42] Da die meisten der nunmehr als Fachminister bezeichneten Staatssekretäre von Zentrum und Liberalen in ihren Positionen verblieben[43], war die Regierung des 10. November „eine etwas sozialistisch verschleierte Herrschaft der alten Reichstagsmehrheit, ergänzt durch den rechten Flügel der USPD.“[44] Die beiden gesetzgebenden Organe des Kaiserreichs, Bundesrat und Reichstag, blieben erhalten. Der Richterschaft wurde freigestellt, ob sie sich in den Dienst der Republik stellen wollte. Die übergroße Mehrheit verblieb im Amt, allerdings ohne die Frage in der Praxis positiv zu beantworten. Auch im preußischen Staatsministerium wurden die meisten der dort tätigen Beamten mit der Weiterführung der Geschäfte beauftragt. Lediglich das Kabinett wurde umgebildet, in dem sich bis zum Jahresende - als sich die USPD aus der Regierung zurückzog - jeweils ein Vertreter der großen Arbeiterparteien SPD und USPD die Macht teilten. Damit war die gesellschaftliche Umwälzung, wenn überhaupt, eine „Revolution light“.

Am 11. November 1918 wurde im Wald von Compiègne der Waffenstillstand unterzeichnet[45] - jedoch nicht von den Generälen, sondern von einer Delegation, die vom Zentrumsabgeordneten Erzberger geleitet wurde.[46] Allerdings stellte sich vor der nun endgültigen Rückführung der Truppen die Frage, welche bewaffneten Formationen der Republik loyal zur Seite standen. Im Verlauf des November 1919 wurde in Berlin die Volksmarinedivision (VMD) gebildet. Sie bestand im Kern aus 600 Matrosen, die auf Anforderung des Vollzugsrates, den gewählten Vertretern der Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte, von Cuxhaven nach Berlin gekommen waren.[47] Ihr Quartier bezog die VMD in Schloss und Marstall im Berliner Zentrum. Da der provisorischen Regierung diese revolutionäre Matrosendivision suspekt war, versuchte Friedrich Ebert, eine loyale Sicherheitswehr in Berlin zu etablieren. Nachdem dieser Versuch gescheitert war und Ebert sich nicht allein auf die Republikanische Schutztruppe unter dem Parteigenossen und Stadtkommandanten Otto Wels verlassen wollte, hoffte er auf die heimkehrenden Truppen. Auch wenn die Staatsumbildung bisher bemerkenswert friedlich verlaufen war und nur wenige Opfer zu beklagen waren[48], drängten die Militärs auf ihren künftigen Einfluss. In den ersten Dezembertagen 1918 beriet sich der Leiter der innenpolitischen Abteilung der Obersten Heeresleitung - Kurt von Schleicher - mit den Führern der neu zusammengestellten, sogenannten Gardetruppen, um deren Einmarsch in Berlin vorzubereiten. Am 10. Dezember begann der sich über fast zwei Wochen erstreckende Einzug von zehn Gardedivisionen, unter anderen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD). Auf dem Pariser Platz neben dem Hotel Adlon wurde zur Begrüßung eine Rednertribüne errichtet, auf der sich neben dem Oberkommandierendem der Gardetruppen, Generalleutnant Lequis, fast sämtliche Volksbeauftragte und Minister befanden.[49] Auch wenn Friedrichs Eberts Ansprache („Im Felde unbesiegt“) der konkreten Erfahrung der von der Westfront heimkehrenden geschlagenen Kriegern widersprach, qualifizierte sie den sozialdemokratischen Zivilisten in den Augen führender Militärs als potentiellen Bündnispartner.[50] Diese Zusammenarbeit erfolgte seitens der Offiziere aus taktischen Erwägungen. Sie stellten ihre antirepublikanischen Vorbehalte angesichts des bedrohlichen Einflusses der Soldatenräte innerhalb der Truppen fürs Erste zurück.[51]

Vom 16.-21.Dezember 1918 fand in Berlin die erste Reichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands statt. Von den rund 500 Delegierten gehörten ca. 300 zur SPD und ungefähr 100 zur USD. Der Rest sympathisierte mit der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) oder bezeichnete sich als parteilos.[52] Auf Antrag der SPD sprachen sich ca. 400 Delegierte für den baldigen Zusammentritt einer Nationalversammlung aus, deren Wahl auf den 19.Januar 1919 festgelegt wurde. Diese Entscheidung für den Parlamentarismus offenbarte die organisatorische Schwäche der revolutionären Massenbewegung, die dem unter „kriegswirtschaftlichen Bedingungen eingeübten Konsens“[53] zwischen Militärbehörden, Gewerkschaften und Unternehmern keine ausgereifte Alternative entgegenzustellen vermochte. Am 22. Dezember 1918 war der Einzug von zehn Divisionen Gardetruppen (10.-22.Dezember) in Berlin abgeschlossen. Nun, sahen Regierung und Militärführung die Möglichkeit, die ungeliebte Volksmarinedivision, die sich ihrer Auflösung widersetzte, zu entmachten. Die Matrosen begriffen sich als Garant des Fortschreitens der Revolution und waren nicht bereit, der Republikanischen Soldatenwehr unter dem Stadtkommandanten Wels (SPD)[54] die alleinige Macht zu überlassen. Am Morgen des 24. Dezember 1918 versuchten die Gardetruppen die Erstürmung von Schloss und Marstall, wo die Volksmarinedivision ihr Quartier aufgeschlagen hatte. Der Angriff scheiterte und forderte unter den Truppen mehrere Dutzend Tote. Auf Seiten der revolutionären Matrosen mussten elf Verteidiger ihr Leben lassen. Aus Protest gegen den Überfall wurde am 25. Dezember das nach der Parteizeitung der SPD benannte Vorwärts- Gebäude zum ersten Mal kurzzeitig besetzt.[55] Wels musste zurücktreten und ab dem 28. Dezember amtierte sein Stellvertreter Anton Fischer als Berliner Stadtkommandant. Von den ursprünglich zehntausend Mann der einmarschierten Divisionen hatten sich viele Soldaten gleich nach ihrer Ankunft in Berlin abgesetzt und sich zum Teil sogar der revolutionären Arbeiterschaft angeschlossen. So war die Anzahl der Gardetruppen mittlerweile auf tausendfünfhundert Mann gesunken. Ebenfalls am 29. Dezember gaben die USPD -Volksbeauftragten Haase[56], Dittmann und Barth ihre Entscheidung bekannt, von der Regierung zurückzutreten, da Ebert in entscheidenden Fragen offensichtlich das Militär als Gesprächspartner bevorzugte. Die freiwerdenden Plätze im „Rat der Volksbeauftragten“ (RdV)` wurden von Rudolf Wissel und Gustav Noske besetzt. Mit den verbliebenen Ebert, Landsberg, Scheidemann war der RdV nunmehr rein sozialdemokratisch besetzt.[57] In Berlin formierte Reinhard sofort nach den Weihnachtskämpfen aus Resten der Gardetruppen das Regiment Reinhard.[58] Während das Freiwilligenregiment Reinhard in Berlin /Moabit stationiert war, wurden die übrigen Verbände im Berliner Umland konzentriert. Die Garde-Kavallerie-Schützen-Division wurde in Teltow gesammelt und ebenfalls durch Freiwillige aufgefüllt. Sie galt als das militärische Rückgrat des Generalkommandos, welches am Jahresende General Walther Freiherr von Lüttwitz vom erfolglosen Generalleutnant Lequis übernommen hatte. Schon nach kurzer Zeit hatten die konterrevolutionären Stoßtrupps wieder ihre Sollstärke von zehntausend Mann erreicht.

Am 3.Januar 1919 traten die USPD- Mitglieder auch von der preußischen Regierung zurück, nachdem sie ohne weitere Prüfung der Ernennung des Obersten Walther Reinhardt zum Kriegsminister zustimmen sollten. Das Freiwilligenregiment des neuernannten Kriegsministers wurde am selben Tag der Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD) unterstellt. Der Stab des GKSD mit seinem Chef Hauptmann Waldemar Pabst hatte am 1.Januar an Friedrich Ebert geschrieben:“ ...Solange Spartakus sich der Förderung des Polizeipräsidenten Eichhorn und ähnlicher Leute erfreut, wird es unmöglich sein, „Ruhe zu schaffen...“ Daraufhin verfügte der preußische Ministerpräsident Hirsch (SPD) am 4. Januar 1919 die Entlassung des seit dem 9. November 1918 amtierenden Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD).[59] Eichhorn und der ihm ergebene Teil der Sicherheitswehr verschanzten sich daraufhin im Polizeipräsidium am Alexanderplatz.

2. Die ersten politischen Morde

Am Sonntag, dem 5. Januar 1919, begaben sich Stadtkommandant Anton Fischer und der preußische Innenminister Eugen Ernst ins Polizeipräsidium. Ernst wollte von Emil Eichhorn das Amt des Polizeipräsidenten übernehmen, was dieser verweigerte. Am selben Abend kam es zu den Besetzungen im Zeitungsviertel,[60] die zum Teil von bezahlten Spitzeln provoziert wurden.[61] Am frühen Morgen des 6. Januar begab sich Fischer in den Marstall, der angeblich umkämpft sei. Stattdessen traf er auf eine Versammlung, bei der Eichhorn, Liebknecht, Ledebour u.a. das weitere Vorgehen besprachen. Fischer wurde den ganzen Tag gefangen gehalten, so daß sich statt seiner ein Kommandanturrat formierte. Dessen Vorsitzender Klawunde, der bisher dem Soldatenrat von Potsdam vorstand, wurde von Ebert und Noske eiligst bestätigt.[62] Auf Veranlassung des Oberjägers Klawunde war am 6. Januar in Potsdam ein Regiment zur Verwendung in Berlin zusammengestellt worden:

I. Bataillon: 160 Mann des 1. Garde-Regiments zu Fuß und 40 Mann der Gardes du Corps[63]
II. Bataillon: 160 Mann des Garde-Jäger-Bataillons und sechs schwere Maschinengewehre
III. Bataillon: 200 Mann der Unteroffizierschule in Potsdam.

[...]


[1] Lepsius, M. Rainer: Nation und Nationalismus in Deutschland, in: Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus. Hg. Hening Ritter und Michael Jeismann, Reclam-Verlag, Leipzig 1993, S.194

[2] Der durch die gesetzliche Festlegung der Friedenspräsenzstärke, die Abstriche an der einmal bewilligten Stärke faktisch unmöglich machten, weiter eingeschränkt wurde; vgl . Dülffer, Jost: Hitler und die Marine, Droste Verlag, Düsseldorf 1973, S. 20

[3] Der Klassenbegriff wurde von Rainer M. Lepsius durch den Arbeitsbegriff des „Milieus“ verfeinert und quergestellt, wobei er sich der Unterscheidungskriterien von Geschlecht, Generation, Konfession und sozialer Lage bediente. Dabei konnte er für das Kaiserreich folgende vier Milieus herausfiltern: neben dem erwähnten sozialistischen sind dies das ostelbisch geprägte konservative, das katholische und das liberal-bürgerliche Milieu (vgl. Mallmann, Klaus-Michael: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1996, S.14)

[4] Neben den Auseinandersetzungen in den 1890er Jahren zwischen den SPD-Parteiführern August Bebel und Wilhelm Liebknecht einerseits und den radikaleren „Jungen“ andererseits, von denen viele später in die Führung der Partei- und Gewerkschaftshierarchie aufsteigen sollten, ist besonders der „Putsch“ innerhalb der Redaktion der SPD-Parteizeitung „Vorwärts“ im Jahr 1905 hervorzuheben. Selbiger und die Revisionismus –Debatte (Bernstein) muss als ein erstes Donnergrollen der sich ausdifferenzierenden Konfliktlinien innerhalb der Arbeiterbewegung angesehen werden. Durch den geschickt entfachten Patriotismus zu Beginn des Ersten Weltkrieges, in dem das zaristische Russland als Aggressor dargestellt wurde, gelang die Einbindung großer Teile der sozialdemokratischen Parteifunktionäre in das nationale Projekt. Damit war die Grundlage zur Freilegung und Emotionalisierung des künftigen Kernwiderspruchs geschaffen, der sich in einer einfachen Formel widerspiegelte: Reform oder Revolution!

[5] Der Begriff, der um 1870 aus dem Französischen ins Deutsche überführt worden war, kennzeichnet eine Übersteigerung und Überschätzung des Soldatentums. Im normalen Sprachgebrauch wird er als politischer Kampfbegriff eingesetzt.

[6] Mauch, Hans-Joachim: Nationalistische Wehrorganisationen in der Weimarer Republik. Zur Entwicklung und Ideologie des > Paramilitarismus<. Verlag Peter Lang, Frankfurt am M. 1982, S.10

[7] Dülffer, S.9

[8] Rosenberg, Arthur: Entstehung der Weimarer Republik, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1974, S.85

[9] Schon eine Woche nach Kriegsbeginn wurde der AEG-Vorsitzende Walther Rathenau bei General Erich von Falkenhayn vorstellig, um den hochrangigen Militär darauf hinzuweisen, daß die Fixierung auf einen kurzen Krieg eine Katastrophe erwarten lasse. So seien keine Nachschubpläne für einen langen Krieg erstellt worden und die Rolle der Industrie gänzlich vernachlässigt worden. Er wies den General auf die natürliche Rohstoffarmut Deutschlands hin, das vom Import von Öl, Gummi, einiger Metalle und Nitrate abhängig sei. Sollten diese Rohstoffe für längere Zeit ausfallen, würden einige kriegswichtige Produktionszweige zum Stillstand kommen. Außerdem sei das für die Schießpulverherstellung notwendige Salpeter nur in Chile zu bekommen. Schon jetzt seien durch die Blockade der britischen Flotte erste Rohstoffverknappungen spürbar. Rathenau entwarf ein System von Kontrollen zur Rationierung und Verteilung kriegswichtiger Rohstoffe und forderte ein Programm zur Erforschung und Herstellung synthetischer Alternativen.

Falkenhayn war schnell überzeugt und wies innerhalb des Kriegsministeriums die Einrichtung einer Kriegsrohstoffbehörde an, zu deren Leiter er Rathenau ernannte. Rathenau besetzte die Behörde mit ausgesuchten Wissenschaftlern und Industriellen, die eine Untersuchung von neunhundert Unternehmen der Kriegsindustrie vornahmen. Sie kamen zu dem fatalen Ergebnis, daß Deutschlands Rohstoffvorräte nur noch für sechs Monate ausreichten. Sollte die Seeblockade bis dahin nicht durchbrochen sein, würde Deutschland den Krieg mangels Munition verlieren.

Um diesem Problem beizukommen, wurde der Leiter des Kaiser Wilhelm Institutes für Physikalische Chemie und Elektrochemie, Professor Dr. Fritz Haber, zum Leiter der Chemie-Abteilung der Kriegsrohstoffbehörde ernannt. Während die preußischen Offiziere Rathenau zu Anfang als Juden und Zivilisten ablehnten, mussten sie nach der Marneschlacht in der zweiten Septemberwoche 1914 einsehen, daß der Krieg ohne die Hilfe der Behörde des Juden wohl verloren werden würde. Die deutsche Offensive war in Frankreich unweigerlich steckengeblieben und hatte mehr als erwartet von der ´wertvollen‚ Munition verbraucht. Von nun an bestimmten Rathenau und Haber die Bedingungen, die eine uneingeschränkte Kooperation von Staat und Industrie verlangten. Sie luden den Ingenieur Robert Bosch zu einem gemeinsamen Treffen mit hochrangigen Militärs, auf welchem dieser die Generäle darüber aufklärte, daß man das von Haber erfundene synthetische Ammoniak erst in Salpetersäure umwandeln müsse, bevor es zur Schießpulverherstellung genutzt werden könne. Das sei zwar im Labor kein Problem, sehr wohl aber bei der Umsetzung in industriellen Dimensionen. Obwohl im Hafen des besetzten Antwerpen 100.000 Tonnen Chile-Salpeter entdeckt und ganz Deutschland und die besetzten Gebiete nach weiteren Nitraten durchsucht wurden, war bald auch dem letzten der Eingeweihten klar, daß es im Frühjahr 1915 keine Munition mehr geben würde. Die militärische Zukunft Deutschlands war nunmehr vom Erfolg des Zivilisten Bosch abhängig. Um so mehr, da ein Versuch des deutschen Admirals Graf Spee scheiterte, die von England besetzten Falkland - Inseln am Südende Amerikas zu erobern, um von dort das chilenische Salpeter zu beschaffen ( das gesamte Geschwader mitsamt dem Admiral wurde zerstört; einzig der Kreuzer „Dresden“ unter dem Kommandanten Wilhelm Canaris entkam den britischen Geschützen; vgl. Höhne, Heinz: Canaris – Patriot im Zwielicht. Bertelsmann Verlag. München (nach) 1975, S.34ff).

Dabei hatten die Briten noch nicht einmal die Absicht von Admiral Spee durchschaut, wie sich aus den Worten von Winston Churchill ergibt, der an der Schlacht um die Falkland - Inseln als Erster Lord der Admiralität teilnahm: „Wir kennen die Gründe für Spees Unternehmung nicht und wissen auch nicht, was er im Falle eines Erfolgs vorgehabt hätte..“(Churchill, Winston: The World Crisis. Bd.1, London 1919, S.474). Mittlerweile hatte General Falkenhayn den Feldmarschall von Moltke als Chef der Obersten Heeresleitung abgelöst. Er betraute den jungen Major Max Bauer mit der Aufgabe, die Verbindung zwischen der deutschen Schwerindustrie und der Wehrmacht zu gewährleisten. Er nahm Kontakt mit dem „Büro Haber“ auf, der in der Zwischenzeit mehrere Nobelpreisträger um sich geschart hatte. Da Boschs industrielle Produktion von Salpeter noch auf sich warten ließ, einigten sich Bauer und Haber auf den Einsatz des international geächteten Chlorgases; vgl. Borkin, Joseph: Die unheimliche Allianz der I.G.Farben, Campus-Verlag. Frankfurt/New York 1979, S.18ff (Borkin leitete von 1938-1946 die Patent-und Kartellabteilung der Anti-Trust-Behörde des amerikanischen Justizministeriums und war verantwortlich für die Ermittlungen gegen die amerikanischen Tochtergesellschaften der I.G.Farben.

[10] Haber, der nach dem Krieg den Nobelpreis erhielt, probte das Gift am eigenen Leibe, indem er bei den Tests in Belgien vorne weg ritt. Als er von seinem Einsatz nach Hause kam, forderte ihn seine Frau Clara auf, seine Hilfe für den Giftgas-Einsatz zu stoppen. Haber schlug ihre Einwände in den Wind. Nachdem er an die Ostfront aufgebrochen war, um auch dort das Giftgas einzusetzen, nahm sich Clara Haber, die selber Chemikerin war, das Leben. Dasselbe Schicksal sollte ihr gemeinsamer Sohn einige Jahrzehnte später wählen.

[11] In der „Haager Landkriegsordnung“ hatte man sich 1899 und 1907 darauf geeinigt, keine Gifte und „erstickende Gase“ zu militärischen Zwecken einzusetzen. An den Folgen des Gaskrieges laborierte am Ende des Krieges in einem Lazarett im mecklenburgischen Pasewalk ein Gefreiter namens Adolf Hitler. Er sollte seine kurzfristige Erblindung später als Ausgangspunkt einer Vision mystifizieren, in welcher ihm das Traumbild eines künftig wiedererstarkenden großdeutschen Reiches erschien, nachdem er die „beängstigenden“ Nachrichten von der ausbrechenden Revolution erfahren hatte; vgl. Kershaw, Ian: Hitler 1889-1936. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998, S. 143 f

[12] Der Burenkrieg in Südafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann als Ausnahme der Regel gelten.

[13] Bethmann-Hollweg, (Felix v.: Betrachtungen ..., Zweiter Teil, S.20) kennzeichnete diese Periode mit den Worten: „..., als das Gestirn der beiden großen Heerführer alles zu überstrahlen begann.“

[14] So z. B. von der Chemie-Industrie der Gröner -Vertraute Carl Duisberg.

[15] Schädlich, Karl-Heinz: Politik im Krieg 1914-1918’, Berlin, 1964; Opitz, Reinhard: Faschismus und Neofaschismus. Akademie-Verlag, Berlin 1984, S.397 (trotz des kommunistisch verengtenen Blickwinkels ein sehr detailreiches und ergiebiges Standardwerk).

[16] Zu dessen Führung stellte sich der Leiter des gelben ‘Werkvereins’ auf der Kruppschen „Grosschiffwerft AG –Weser “ in Bremen, der Schlosser Wilhelm Wahl, zur Verfügung. Wie aus dem Nachlass von Oberst Max Bauer hervorgeht (Opitz, Faschismus, S.397), stand auch Wahl in Verbindung mit der Obersten Heeresleitung.

[17] Helfferich, Karl: Der Weltkrieg. 3 Bde. Berlin 1919; zitiert in: Mai, Gunther: Das Ende des Kaiserreichs. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997, S.117

[18] Statt des bis 1916/17 für die Rüstungsaufträge verantwortlichen preußischen Kriegsministeriums, welches der zivilen Regierung unterstellt war.

[19] Helfferich war zu Kriegsbeginn Staatssekretär des Reichsschatzamtes gewesen. Obwohl das Deutsche Reich 1914 5 Mrd. Reichsmark Schulden hatte, verlangte der siegesgewisse Helfferich weitere Anleihen und Kredite, da er die Reparationszahlungen „nach dem Sieg“ mit 164.300 Milliarden ansetzte, was die späteren Forderungen im Versailler „Diktatfrieden“ bei weitem überstieg (Thimme, Annelise: Flucht in den Mythos. Die Deutschnationale Volkspartei und die Niederlage von 1918. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1969, S.119).

[20] Dieses versprach die „Mitwirkung“ - nicht die „Mitbestimmung“ - der Arbeiter in Bezug auf Lohn- und Arbeitsverhältnisse im Betrieb.

[21] Auch wenn Ludendorff diesen Begriff in der Endphase des Ersten Weltkrieges geprägt hatte, wurde das Konzept der Mobilisierung der gesamten eigenen Bevölkerung und Wirtschaft erst im Zweiten Weltkrieg vollständig verwirklicht.

[22] So klagte der letzte Chef des stellvertretenden Großen Generalstabes in Berlin, Hugo Freiherr von Freytag-Loringhoven: Ehedem „ begrüßte der höhere Führer die Truppe hoch zu Roß, von ihr mit Jubel empfangen“, jetzt käme er zu ihr in die Schützengräben „herabgerutscht“. (Dülffer, S.149 ff).

[23] Dülffer, S.157/58

[24] vgl. Geyer, Michael: Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am M. 1984, S.99

[25] Die Ursachen für diese Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit sind unter Historikern umstritten.

[26] Und zwar vornehmlich auf die Person des Reichskanzlers; vgl. Dülffer, Weimar, Hitler..., S.27

[27] So musste die Mutter des 1905 aufgenommenen Wilhelm Canaris einen Verpflichtungsschein unterschreiben, der ihr für die ersten vier Jahre der Laufbahn ihres Sohnes 4.800 Mark abverlangte; vgl.: Höhne, Heinz: Canaris. Patriot im Zwielicht. Bertelsmann Verlag, München. S.21

[28] Aus ihnen sollte sich im Winter 1918/19 das Gros der konterrevolutionären Marinebrigaden rekrutieren.

[29] So ereiferte sich Kapitän zur See Willbrandt: „ Ein Kommandant soll sogar seinen leitenden Ingenieur zu sich in seine Familie eingeladen haben.“ Vgl.: Höhne, Canaris, S.24

[30] Sie wurden zurecht als potentielle Sympathisanten der verachteten SPD angesehen, da viele Matrosen gewerkschaftlich organisiert waren.

[31] Die militärischen Erfolge blieben von vornherein den von Tirpitz stiefmütterlich behandelten Kreuzern vorbehalten; zum Kriegsbeginn insbesondere durch den Kreuzer-Kommandanten Wilhelm Souchon (Tuchmann, Barbara W.: August 1914. Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S.171ff); im Kriegsverlauf der Einsatz von Wilhelm Canaris ( vgl. Höhne: Canaris, S.13 ff). Die strategische Bedeutung der Torpedoboote verlagerte sich ab 1917 auf die U-Boote. Aus diesem Grund wurden viele der jüngeren Offiziere auf diese Waffengattungen beordert, während die Besatzungen der in der Ostsee festsitzenden Schlachtschiffe sich dem mehr und mehr als Schikane empfundenen Drill durch die zumeist älteren Offiziere ausgesetzt sahen.

[32] deren vorrangige Kriegsziele im Südosten lagen und den Erdölvorkommen von Rumänien bis zum persischen Golf galten

[33] Hier tat sich besonders Karl Helfferich hervor. Nachdem Erzberger (1875-1921) als Mitglied der Budgetkommission (1905/06) im Reichstag Missstände in der Kolonialverwaltung aufgedeckt hatte und die Behörde einen neuen Direktor erhalten hatte, musste dieser (Prinz zu Hohenlohe-Langenburg) nach weiteren Enthüllungen mit seinem Mitarbeiter, Karl Helfferich, zurücktreten; vgl. Gebhardt, Cord: Der Fall des Erzberger-Mörders Heinrich Tillessen. J.C.B. Mohr, Tübingen 1995, S.8

[34] In der Berg- und Metallbank in Frankfurt am Main war von 1907-1909 Alfred Hugenberg als Direktor tätig gewesen (bevor er zu Krupp wechselte). Hugenberg hatte 1890 den „Alldeutschen Verband“ aus der Taufe gehoben. Im Jahre 1900 heiratete er die Tochter des amtierenden Bürgermeisters (1891 bis 1912) von Frankfurt am Main, Gertrud Adickes, die eine Cousine zweiten Grades war. Nach neunjähriger Tätigkeit in der Posener Ansiedlungskommission verließ er die Stadt im Jahr 1903, um als Vortragender Rat ins preußische Finanzministerium zu wechseln. 1909 erlangte Hugenberg den Vorsitz im Krupp-Direktorium.

[35] Der Verfasser der Denkschrift, Richard Merton, sollte auf Befehl Ludendorffs sogar zum Fronteinsatz in den Schützengraben geschickt werden. Das konnte jedoch von Gröners „Lieblingssohn“ unter den Nachwuchsoffizieren, Generalstabsoffizier Kurt von Schleicher (1882-1934), mit dem Bemerken verhindert werden, daß Dr. Merton noch zu Besserem gebraucht werde. Mit Gröner und Schleicher ist der militärische Kern jener einflussreichen Gruppierung benannt, die die Vormachtstellung der Schwerindustrie zu brechen suchte. Obwohl der in der Eisenbahnabteilung tätige Schleicher Schlimmeres verhindern konnte, war sein ehemaliger Vorgesetzter, General Gröner, fürs erste aufs Abstellgleis geschoben.

[36] So der bayrische Kronprinz Rupprecht; vgl.: Kolb, Eberhard: Der Frieden von Versailles. Verlag C.H. Beck, München 2005, S.18

[37] Thimme, Flucht, S.175

[38] ebd. S.70

[39] Kolb, S.20

[40] Mallmann, Kommunisten, S.21

[41] Kluge, Revolution, S.54

[42] Paritätisch von SPD (Ebert, Landsberg, Scheidemann) und USPD (Haase, Dittmann, Barth) besetzt

[43] Von den zwölf Staatssekretären wurden lediglich vier ausgetauscht.

[44] Rosenberg, Entstehung, S.241. „Es ist merkwürdig, daß der Ruf nach dem Sozialismus nicht eine Ursache, sondern eine Folge der Novemberrevolution gewesen ist“ (ders.: Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt am M. 1961, S.19)

[45] Der Waffenstillstand war auf 36 Tage begrenzt, bis er nach mehrmaliger Verlängerung am 16. Februar 1919 mit unbegrenzter Frist unterzeichnet wurde (Kolb, Versailles, S. 37/38).

[46] Ursprünglich war ein Militär (General von Gündell) als Leiter vorgesehen. Nachdem ein Agent aus Bern gemeldet hatte, daß die Alliierten einen Zivilisten wünschten, schlug der amtierende Reichskanzler Prinz Max von Baden in der Kabinettssitzung am Vormittag des 6. November 1918 den führenden Zentrumspolitiker Matthias Erzberger vor ( Kolb, Frieden, S.33). Nach der Friedensresolution vom Juli 1917 war dies das zweite, noch bedeutendere Schriftstück, für dessen Unterzeichnung Erzberger den Hass der militanten Nationalisten auf sich zog. Das Abkommen gab schon einen bitteren Vorgeschmack auf den kommenden Friedensvertrag von Versailles, dem wohl folgenreichsten Vertragswerk des 20. Jahrhunderts.

[47] Lindau, Rudolf: Revolutionäre Kämpfe 1918-1919, Dietz-Verlag, Berlin 1960, S.128

[48] Vornehmlich durch Schießereien mit fanatisierten Offizieren. Die Toten vom 9. November 1918 wurden im Volkspark Friedrichshain auf dem Friedhof der Märzgefallenen (1848) beigesetzt.

[49] Ebert führte in seiner Ansprache aus: „ Eure Opfer und Taten sind ohne Beispiel. Kein Feind hat euch überwunden...Nie haben Menschen Größeres geleistet und gelitten als ihr.“ Das war in Anbetracht des Kriegsverlaufs nicht nur eine völlige Fehlleistung (-einschätzung), sondern bereitete auf fatale Weise der „Dolchstoßlegende“ den Boden. Möglicherweise war es seine Art, den Tod zweier (Heinrich und Georg) seiner vier Söhne zu verarbeiten. Nach dem Tod seines zweiten Sohnes im Mai 1917 begab sich der mit Ebert befreundete Gustav Bauer auf eigene Initiative zum zuständigen Militärbefehlshaber und bat um Zurückstellung des dritten Sohnes, der sich nach einer schweren Verwundung erneut an der Front befand. Als der General einen Antrag des Vaters verlangte, antwortete ihm Bauer, daß der einen solchen niemals stellen werde. Die Zurückstellung des Sohnes erfolgte dann auch ohne Antrag. Der machte davon allerdings „mit Genehmigung seines Vaters“ niemals Gebrauch (Rintelen, Karlludwig: Ein undemokratischer Demokrat: Gustav Bauer. Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 1993, S.159).

[50] Immerhin gab es neben Friedrich Ebert, dem ehemaligen Sattlergesellen und Gastwirt, während der Revolutionszeit keinen Politiker in Deutschland, „dessen Meinungen und Entscheidungen ein gleiches oder höheres Gewicht besessen hätten.“ Vgl.: Rürup, Reinhard: Friedrich Ebert und das Problem der Handlungsspielräume in der deutschen Revolution !918/19; in: Friedrich Ebert und seine Zeit. Bilanz und Perspektiven der Forschung. R. König/ H. Soell/ H.Weber (Hg.).R. Oldenbourg Verlag, München 1991, S.72

[51] Am 8. Dezember 1918 hatte Hindenburg (der ohne förmlichen Auftrag in der OHL verblieben war) an Ebert geschrieben: „[...] Auf Schritt und Tritt ist der Offizier schutzlos Beschimpfungen und Kränkungen ausgesetzt, er ist geradezu als vogelfrei erklärt; [...] Die S.-Räte müssen aus der Truppe verschwinden;[...].“ (vgl. Ritter, Gerhard A . /Miller, Susanne (HG.): Die deutsche Revolution 1918-1919-Dokumente. Fischer Bücherei, Frankfurt am M. 1968, S. 121 ff)

[52] Von der innerhalb der USPD organisierten „Spartakusgruppe“, die sich am 1. Januar 1919 mit der Gründung der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ einen selbständigen organisatorischen Rahmen gab, waren lediglich Fritz Heckert und Eugen Levine´ zugelassen.

[53] Kluge, Revolution, S.78

[54] Otto Wels (1873-1939) verweigerte seit dem 21. Dezember die Löhnung der Matrosen

[55] Diese Besetzung wurde wesentlich durch einen Artikel provoziert, in dem Friedrich Stampfer (1874-1954), der Schriftleiter (von 1916-1933) des ´Vorwärts` am Vorabend unter der Überschrift „Volksherrschaft oder Verbrecherherrschaft?“ geschrieben hatte:

„ (...) daß ein paar junge Wirrköpfe und verschiedene unlautetere Elemente sich einem wüsten Radaufritzentum hingeben und in der Aufrichtung einer asiatischen Hunger- und Schreckensherrschaft, wie in Rußland, ihr Ziel erblicken, das sei noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste sei - daß tausend Berliner Arbeiter den Kompaß im Gehirn verloren zu haben scheinen (...)“ („Vorwärts“ vom 24. Dezember 1918

[56] Der Rechtsanwalt Hugo Haase (1863-1919), der 1913-1915 mit Friedrich Ebert Parteivorsitzender der SPD war, hatte mit der Gründung der USPD (1917) entscheidende parlamentarische Weichenstellungen für die Antikriegsbewegung vollzogen.

[57] Gustav Noske, als Verantwortlicher der Regierung für die Freikorps eingesetzt, war erst am 26.Dezember 1918 auf einen Hilferuf Eberts von Kiel nach Berlin zurückgekehrt.

[58] Ritter, Gerhard A ./Miller, Susanne (HG.): Die deutsche Revolution 1918-1919-Dokumente. Fischer Bücherei, Frankfurt am M. 1968, S.170; durch Freiwillige verstärkt sollte das „Regiment Reinhard“ bis zum 10.Januar 1919 zweitausendfünfhundert Söldner umfassen. Der spätere SS-Obergruppenführer Reinhard sollte nicht mit Oberst Walther Reinhardt (1872-1930) verwechselt werden, der vom 3. Januar bis September 1919 als letzter Preußischer Kriegsminister amtierte und anschließend bis Mai 1920 erster Chef der Heeresleitung der Reichswehr war (vgl.: Paulus, Günter: Die soziale Struktur der Freikorps in den ersten Monaten nach der Novemberrevolution; in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, III. Jg., Heft 5, Rütten&Loening, Berlin 1955, S.691 und Wohlfeil/Dollinger: Die Deutsche Reichswehr. Verlag F. Englisch, Wiesbaden 1977, S.27).

[59] Er hatte sich tags zuvor geweigert, sein Amt freiwillig niederzulegen.

[60] Es gibt keine Fotos von der Besetzung, da zu jener Zeit noch keine technische Möglichkeit bestand, im Wintermonat Januar nach 16.00 Uhr zu fotografieren. Damit sind alle Fotos, die auf den 5. Januar 1919 datiert sind, sachlich falsch zugeordnet. Diesem Denkfehler ist sowohl die BRD-, als auch die DDR-Geschichtsschreibung erlegen (auch der hervorragende Bildband: Revolution und Fotografie - Berlin 1918/19.Hg. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst. Verlag Dirk Nishen 1989, ebenda S.47). Der Berliner Fotograf der Revolution, Willy Römer(1887-1979), wurde trotz seiner langen Lebenszeit zu diesem Umstand nicht befragt, geschweige denn in seinen letzten fünfzehn Lebensjahren konsultiert

[61] So hatte sich der Kellner Alfred Roland in den „Roten Soldatenbund“ eingeschleust und während der Demonstration am 5. Januar 1919 zur Besetzung des Vorwärts aufgerufen. Er war nach eigener Aussage seit dem 6. Dezember 1918 als Spitzel im Dienst der Stadtkommandantur tätig und lieferte Berichte an die Redaktion des „Vorwärts“ und an die Staatsanwaltschaft. Der Kommandant des besetzten „Mosse - Gebäudes“, Fritz Drach, war ebenfalls ein bezahlter Agent (vgl. Müller, Bürgerkrieg, S.41ff) .

[62] Anton Fischer, Die Revolutions-Kommandantur Berlin, Selbstverlag des Verfassers (Berlin NW.40, Alexander-Ufer3, 1922, S. 54-65). Am selben Tag wurde Noske von Ebert zum „Oberkommandierenden in den Marken“ ernannt, dem mit Zustimmung des Zentralrates der Arbeiter- und Soldatenräte nach den Bestimmungen des preußischen Belagerungszustandsgesetzes vom 4. Juni 1851 die Vollziehende Gewalt zum Zwecke der Wiederherstellung geordneter Verhältnisse in und um Berlin übertragen wurde (Wohlfeil, Reichswehr, S.28).

[63] Der Hauptteil des Regiments kehrte erst im Februar 1919 aus Russland nach Potsdam zurück. In der Reichswehr übernahm in der Folgezeit das 1. Eskadron der Reiter-Regiments Nr. 4 die Mythen- und Traditionspflege des ehemaligen Elite-Regimentes (Tradition des deutschen Heeres. Traditionsheft Nr. 273. Die Tradition des ehem. Regiments Garde du Corps führt Regt.-Stab und I. Abtlg. des Panzer-Regiments 6. Berlin: o. J. S. 9-14).

Details

Seiten
106
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638830294
ISBN (Buch)
9783638832830
Dateigröße
870 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80451
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,5
Schlagworte
Politischer Mord Kriegskultur Wiege Weimarer Republik

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Titel: Politischer Mord und Kriegskultur an der Wiege der Weimarer Republik