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Die unterschiedliche Sicht der Multilateral Force in Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland als Ausdruck verschiedener nationaler Rollenkonzepte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung

B Die Rollentheorie als Analyseinstrument von Außenpolitik

C Deutsches und französisches Rollenkonzept
C.I „Umkehr zur Humanität“ – Zivilmacht Deutschland
C.II „Independence, Grandeur, Rang, Gloire“ – Die residuale Weltmacht Frankreich

D Das NATO-Projekt der atomaren Multilateral Force (MLF)
D.I Historischer Kontext
D.II MLF und deutsche Rolle
D.III MLF und französische Rolle

E Schlussbetrachtung

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Bibliographie

A Einleitung

Vor dem Hintergrund gemeinsam durchlittener Geschichte, deren hauptsächliches Kennzeichen in den letzten Jahrhunderten in einer scheinbar unversöhnlichen Feindschaft bestand, kann die Beziehung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Frankreich durchaus als ein gelungenes Projekt europäischer Versöhnung begriffen werden. Dies schloss (und schließt) gelegentliche Spannungen selbstverständlich nicht aus, sind es doch neben ökonomischen vor allem sicherheitspolitische Ziele, die in beiden Staaten bis heute zum Teil unterschiedlichen Bewertungsmustern unterliegen. Eine solche Spannungssituation war infolge des von den USA initiierten Versuches entstanden, eine von den NATO-Partnern getragene Multilaterale Atomstreitmacht (Multilateral Force, MLF) zu realisieren. Dabei ist heute wie damals unstrittig, dass die im Betrachtungszeitraum (1957 – 1965) zu konstatierenden deutsch-französischen Friktionen ihren Ursprung in einer völlig gegensätzlichen Einschätzung des Projektes hatten, was angesichts relativ homogener exogener Rahmenbedingungen und des beiderseits vorhandenen Primärziels, die Sicherheit des eigenen Systems im Kalten Krieg zu gewährleisten, verwundern mag.

Nach den Gründen dieser unterschiedlichen Bewertung zu suchen, soll Gegenstand vorliegender Hausarbeit sein. Es ist überdies zu fragen, welche politikwissenschaftliche Methode hierzu geeignet erscheint, wird doch offensichtlich, dass eine rein phänomenologisch-deskriptive Betrachtung bei der Ursachensuche nur wenig hilfreich sein kann. Allerdings offenbart die Analyse der MLF auch eine Schwäche politologischer Großtheorien aus dem Bereich „Internationalen Beziehungen“ (IB), die auf deren häufig zu starke Betonung von Macht und utilitaristisch-rationalem Verhalten, bei gleichzeitiger Dominanz einer staatszentrierten Perspektive ‚von außen’, gegründet ist (Neo-Realismus und Neo-Institutionalismus). Hauptthese dieser Arbeit und hieraus abzuleitender Analyserahmen ist jedoch, dass bei allen vorhandenen, die außenpolitischen Verhaltensmuster von Staaten mitbestimmenden internationalen Gegebenheiten gerade auch Erklärungskategorien wie Normen, Werte und Ideen bei der vergleichenden Untersuchung von Außenpolitiken herangezogen werden müssen. Es wird im Folgenden nämlich von der Annahme ausgegangen, dass Außenpolitik wie Innenpolitik auch dauerhafte Einstellungen und Verhaltensmuster aufweisen können, die – relative Stabilität vorausgesetzt – mit der Zeit zu einer spezifischen außenpolitischen Kultur gerinnen. Somit ist besser erklärlich, warum sich die Bundesrepublik für und Frankreich gegen die MLF entschied, eine Leistung, die beispielsweise eine neo-realistische Perspektive allein nicht zu erfüllen vermag.

Eine Berücksichtigung von Normen, Werten und Ideen in der außenpolitischen Analyse erfolgt durch die konstruktivistisch-reflexive Rollentheorie. In deren Bedeutung umfassen Rollen also nichts anderes als kulturspezifische und kognitive Variablen, denen sich politische Entscheidungsträger einerseits verpflichtet fühlen, die ihnen andererseits aber vor allem – explizit oder implizit – Verhaltensmuster in bestimmten Situationen liefern. Die unterschiedliche Bewertung des MLF-Projektes in der Bundesrepublik und in Frankreich kann demnach auch als Folge unterschiedlicher Rollenverständnisse in beiden Ländern begriffen werden. Nachfolgend soll also eine vermutete Kausalität zwischen spezifischen Rollenverständnissen in der Bundesrepublik und in Frankreich und der jeweiligen Einstellung zur MLF untersucht werden. Insofern muss in Abschnitt B die Rollentheorie als außenpolitisches Analyseinstrument kurz diskutiert werden, bevor nachfolgend (C) die Rollenkonzepte in beiden Ländern zu identifizieren sind. Unter Verwendung der Ergebnisse dieser Abschnitte erfolgt im Teil D die Bewertung des Umganges mit der MLF in beiden Staaten, so dass eine Falsifizierung oder Verifizierung des vermuteten Kausalzusammenhangs zwischen Rollenverständnis und Bewertung der MLF (E) die Arbeit abschließen wird.

B Die Rollentheorie als Analyseinstrument von Außenpolitik

Der Ausgangspunkt von rollentheoretischen Erklärungsmustern in den IB ist in soziologischen und sozialpsychologischen Ansätzen zu suchen, deren Grundannahme darin besteht, dass Individuen mit umfangreichen normativen Verhaltensanforderungen durch die Gesellschaft konfrontiert werden. Rolle beschreibt also eine an das Individuum herangetragene Erwartung, wobei für die Beschreibung dieser Perspektive ‚von außen’ der Terminus ‚alter-part’ gemeinhin akzeptiert wird.[1] Mit dem Versuch, neue Erklärungsmöglichkeiten für außenpolitisches Verhalten von Staaten zu finden, erfolgte die Übertragung dieser Ansätze auf ein Kollektiv – auch wenn als Rollenträger nicht die Gesamtheit der Einwohner eines Landes angesehen wird, sondern zumeist nur dessen außenpolitische Entscheider. Obgleich der eigentliche Ursprung der Diskussion durchaus in der Idee von der Staatsraison gesehen werden kann, ist der Beginn der rollentheoretischen Diskussion im Fach IB in einem Artikel des kanadischen Politikwissenschaftlers Kal(evi) Holsti (1970) zu finden.[2] Eine Fortentwicklung dieser Gedanken für den deutschen Sprachraum erfolgte durch Peter Gaupp (1983) und in den 1990er Jahren durch Hans Maull, der insbesondere die idealtypische Konstruktion eines Zivilmachtansatzes als Rolle in der deutschen Nachkriegsaußenpolitik entscheidend voranbrachte.[3]

Rollentheoretischen Konzepten in den IB ist die Annahme gemeinsam, dass die Akteursebene das außenpolitische Verhalten eines Staates mitbestimmt. Insofern ist festzustellen, dass die betrachteten Akteure durch Regeln geleitet werden und in ein Netz aus Normen, Werte und Ideen eingebunden sind, ihre Interessen mithin endogen und situativ definiert werden. In dieser Rückbesinnung auf den Akteur und eine konstruktivistische-reflexive Perspektive ‚von innen’ heraus liegt der hervorstechende Unterschied zu positivistisch-utilitaristischen Ansätzen neo-realistischer und neo-institutionalistischer Provenienz mit ihren Vorstellungen von rational handelnden, ihren Nutzen stets zu maximieren suchenden Staaten, deren Interessen als primär exogen bestimmt angesehen werden.[4]

Die außenpolitische Entscheidungen limitierenden Normen, Werte und Ideen können in solche unterschieden werden, die selbst auferlegt sind (‚ego-part’) und solche, die wie beim individuellen Rollenansatz von außen an den Staat resp. die Entscheidungsträger herangetragen werden (‚alter-part’). Rollen können also als Bündel normativer Verhaltenserwartungen begriffen werden, die ein Verhaltensmuster für politische Entscheidungen in bestimmten Situationen bilden. Wenngleich der Fokus der Betrachtung eindeutig auf der Eigendefinition der nationalen Rolle eines Staates in der Welt durch außenpolitische Entscheider liegt, werden weder von außerhalb stammende Rollenerwartungen außer Acht gelassen, noch ‚objektiv’ vorhandene Umwelteinflüsse negiert. Insofern kann der rollentheoretische Ansatz durchaus als integrierend angesehen werden, selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass exogene Einflüsse zwar als Rahmen setzend akzeptiert werden, diese das Verhalten der Akteure aber niemals völlig determinieren.[5]

Für das weitere Verständnis scheint die Definition von Gaupp ausreichend, nach der internationale Rollen „geplante – d.h. kollektiv normierte und individuell konzipierte – und von Repräsentanten realisierte Einstellungs- und Verhaltensmuster von Staaten […] in internationalen Systemen“[6] sind. Sie wird (nach Holsti) durch die Annahmen erweitert, dass außenpolitische Entscheider nationale Rollenkonzepte besitzen und sich an ihnen orientieren und diese vom ‚ego-part’ dominiert werden. Die Quellen solcher Rollen bestehen aus einem Amalgam historischer, geographischer, machtpolitischer und sozioökonomischer Determinanten, werden aber auch von Systemstrukturen und von Idiosynkrasien der außenpolitischen Entscheider beeinflusst. In der Konsequenz beschränken nationale Rollen außenpolitische Entscheidungen von Staaten und wirken auf das internationale System strukturbildend, indem sie dessen Stabilität und Wandel beeinflussen.[7]

Vorausgesetzt, dass Rollen überhaupt existieren und sie im Zeitverlauf über eine gewisse Stabilität verfügen, eignen sie sich gut, um außenpolitische Entscheidungen von Staaten zu erklären. Insbesondere wenn ähnliche exogene Bedingungen bezogen auf ein bestimmtes Politikfeld bestehen, können Entscheidungen von Staaten in vergleichender Perspektive nachvollzogen werden. Neben der Einbeziehung einer normativen Dimension in die Analyse und der daraus erwachsenden Möglichkeit, System- und Akteursebene miteinander zu verbinden, liegt ein weiterer Vorteil des Rollenansatzes in der Vermeidung einer zu statischen Betrachtung. Änderungen außenpolitischer Entscheidungsmuster im Zeitverlauf können ihre Ursache durchaus in veränderten Rollen haben. Auch der sehr enge Bezug auf außenpolitische Eliten muss kein Nachteil sein, sind diese doch gerade in demokratischen Staaten eng mit dem Volk verbunden, resp. hat letzteres durchaus Einflussmöglichkeiten auf die Entscheider.[8] Gewarnt werden muss jedoch davor, dass ein zu starker Wert auf Rollen gelegt wird, mithin der Akteur gleich einem Pawlowschen Hund als nur noch reflexartig reagierend statt agierend betrachtet wird. Die nationale Rolle sollte überdies nicht zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung geraten, auch andere Einflussfaktoren auf den außenpolitischen Entscheidungsprozess sind zu berücksichtigen. Ferner muss der Vollständigkeit halber angemerkt werden, dass die Bedeutung von ‚alter-part’ und ‚ego-part’ für die jeweils getroffenen politischen Entscheidungen praktisch nicht messbar ist.

C Deutsches und französisches Rollenkonzept

C.I „Umkehr zur Humanität“ – Zivilmacht Deutschland

Im vorangegangenen Abschnitt ist gezeigt worden, dass die Rollentheorie insbesondere für den Vergleich von Außenpolitiken geeignet erscheint. Es gilt also zunächst, das spezifische Rollenkonzept der bundesrepublikanischen außenpolitischen Entscheidungsträger zu identifizieren. In diesem Sinne ist für die Bundesrepublik, aber auch für die DDR, häufig ein mit den Gründen ihrer Entstehung zusammenhängender historischer Bruch konstatiert worden, der zumeist vom Ende eines wie auch immer gearteten deutschen ‚Sonderweges’ ausgeht und in Gustav Radbruchs Diktum von der „Umkehr zur Humanität“[9] prononciert zusammengefasst wird. Bundesdeutsche Außenpolitik wird fortan als unter dem Eindruck des begonnenen und verlorenen Zweiten Weltkrieges und der Shoah stehend interpretiert und damit in radikaler Opposition zu außenpolitischen Konzeptionen wilhelminischer und nationalsozialistischer Zeit. Die von Karl Jaspers gestellte „Schuldfrage“[10] sollte Generationen von deutschen außenpolitischen Entscheidungsträgern prägen und mit der Kulmination im Schlagwort ‚never again’ ein wesentliches Strukturelement deutscher Nachkriegsaußenpolitik bilden.

Neben diesen historischen Determinanten deutscher Rollenvorstellungen waren geographische und machtpolitische von ähnlicher Bedeutung: Die direkte Bedrohung durch den sowjetischen Machtblock erleichterte es, die Bundesrepublik in ihrer Rolle als Teil des ‚freien Westens’ zu definieren. Konrad Adenauers präferierte Westeinbindung wurde als einzige Garantin für die Sicherheit des Landes betrachtet, entsprechend war bundesdeutsche Außenpolitik stets auch eine Frage der gesamteuropäischen Ordnung. Die feste außenpolitische Verankerung in der Gemeinschaft westlicher Demokratien stellt damit das zweite Grundaxiom deutscher Außenpolitik dar, welches allen nationalen Alleingängen eine Absage erteilt (‚never alone’).[11]

[...]


[1] Soziologische Begründung der Rollentheorie durch Linton (1936), Fortentwicklung für den deutschen Sprachraum durch Dahrendorf. Vgl. Linton 1976 und Dahrendorf 1958.

[2] Vgl. Holsti 1970. Zur Staatsraison vgl. Meinecke 1963.

[3] Vgl. Gaupp 1983 sowie Maull 1990, 1993 und vor allem den Schlussbericht 1997.

[4] Vgl. Kirste/Maull 1996, S. 284 ff., Kirste 1998, S. 27 ff. und Krotz 2002.

[5] Vgl. Kirste/Maull 1996. Nur für die beiden Supermächte des Kalten Krieges wird jedoch eine Dominanz des ‚alter-part’ angenommen. Vgl. Jönsson 1984, S. 15 ff.

[6] Gaupp 1983, S. 109.

[7] Vgl. Holsti 1970, S. 245 f. Als weiterführende Studie zur Untersuchung der Entstehung von nationalen ‚Rollen’ vgl. Wish 1987.

[8] Zur Interaktion von Bürgern und Eliten in beiden Staaten vgl. Risse-Kappen 1991.

[9] Zitiert nach: Jarausch 2004, S. 10.

[10] Vgl. Jaspers 1946.

[11] Vgl. Link 2004, S. 4 und Maull 2004, S. 19 f.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638873413
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80296
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Sicht Multilateral Force Frankreich Bundesrepublik Deutschland Ausdruck Rollenkonzepte Grenzen Spielräume Außen- Sicherheitspolitik

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Titel: Die unterschiedliche Sicht der Multilateral Force in Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland als Ausdruck verschiedener nationaler Rollenkonzepte