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Forciert die deutsche Familienpolitik die Reproduktion der traditionellen Geschlechterrollen oder initiiert sie eine realisierte Geschlechtergleichstellung in Familie und Beruf?

Hausarbeit 2007 43 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Veränderungsdynamiken des generativen Verhaltens und der familialen Lebensformen als Basis familienpolitischer Handlungsressourcen
2.1 Veränderungen familialer Lebensformen ab den 1960er Jahren in Ost- und West-Deutschland
2.2 Familienpolitik im Kontext veränderter familialer Lebensformen und Geschlechterrollen

3. Familienpolitische Maßnahmen – Eine Initiative für die realisierte Geschlechtergleichstellung oder eine Reproduktion traditioneller Geschlechterrollen
3.1 Tabellarische Übersicht der familienpolitischen Maßnahmen
3.2 Auswirkungen der familienpolitischen Maßnahmen auf die familialen und geschlechtsspezifischen Veränderungen in der deutschen Gesellschaft
3.2.1 Das Kindergeld
3.2.2 Das Mutterschutzgeld
3.2.3 Das Elterngeld
3.2.4 Die Elternzeit für Arbeitnehmerinnen und Arbeitsnehmer
3.2.5 Die Anrechnung der Elternzeit auf die Rentenversicherung
3.2.6 Das Lebenspartnerschaftsgesetz (LPartG)
3.2.7 Der Kinderfreibetrag
3.2.8 Der Entlastungsbetrag für Alleinerziehende
3.2.9 Die Absetzung beruflich bedingter Kosten für die Kinderbetreuung
3.2.10 Steuerermäßigungen bei Inanspruchnahme haushaltsnaher Dienstleistungen
3.2.11 Das Ehegattensplitting
3.2.12 Das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG)
3.2.13 Beantwortung der Fragestellung und Schlussbetrachtung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sowie im Zuge der Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse familialer Lebensformen in Deutschland erfuhren die deutsche Familien- und Bevölkerungspolitik mit Beginn der 1970er Jahre einen Bedeutungszuwachs. Beide Politikfelder sehen sich gegenwärtig mehr denn je in der Verantwortung bevölkerungspolitisch und sozialpolitisch motiviert zu handeln, um insbesondere auf den Geburtenrückgang, den Prozess der De-Familialisierung, die wachsende Erwerbstätigkeit von Frauen bei geringer Erwerbs-beteiligung von Müttern sowie auf die steigende Lebenserwartung sinnvoll und nützlich Einfluss zu nehmen.

Hierbei unterscheiden sich jedoch die Handlungssektoren sowie die Maßnahmen zur Einflussnahme der genannten Politikfelder. So zählen zu den wesentlichen Zielen einer quantitativ sowie qualitativ motivierten Bevölkerungspolitik sowohl die Einfluss-nahme auf die Fertilität, Mortalität und Migration als auch die Einflussnahme auf die Erziehung und Ausbildung der Kinder, die Weiterbildung von Erwachsenen, die Gesundheit der Bevölkerung, die Struktur der Einwanderungsströme sowie die gesellschaftliche und ökonomische Integration der Einwanderer.[1] Demgegenüber ist die Familienpolitik bestrebt Maßnahmen zu ergreifen, die Einfluss auf den Lebenszusammenhang und die Lebensführung von Familien nehmen, wie zum Beispiel auf die Zahl, Erziehung und Bildung der Kinder (bevölkerungspolitisch motivierte Familienpolitik) oder auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation von Familien (sozialpolitisch motivierte Familienpolitik).[2]

Die deutsche Familienpolitik ist dadurch gekennzeichnet, dass sie explizit ist, d.h. dass der Staat ein explizites Interesse verfolgt, auf Familien und das familiale Zusammenleben Einfluss zu nehmen.[3] Die familienpolitische Intervention ist dabei ökonomisch geprägt und zielt demzufolge darauf ab, die wirtschaftliche Lage von Familien mittels monetärer Transfers positiv zu beeinflussen. Als Beispiele hierfür lassen sich das Kindergeld und das Elterngeld als finanzielle Familienunter-stützungen anführen.[4] Als Begründung für eine explizite Familienpolitik wird das staatliche Interesse an den Leistungen der Familien genannt.[5] Zu diesen Leistungen zählen u.a. das generative Verhalten sowie die Erziehung und Sozialisation der Kinder, sprich die Bildung von Humanvermögen. Aufgrund der sinkenden Geburten-rate und in Anbetracht des De-Familialisierungsprozesses der letzten Jahrzehnte ist es oberstes Ziel der deutschen Familienpolitik Familien bei der Erbringung dieser Leistungen zu unterstützen. Das heißt, es müssen mittels staatlichen Sach-, Dienst- und Geldleistungen sowie institutionelle Rahmenbedingen Anreize geschaffen werden, die positiven Einfluss auf die Reproduktion der Gesellschaft bzw. die Bildung von Humanvermögen nehmen. Solche Anreize sollten einerseits den Nutzen von Kindern für Eltern signifikant erhöhen oder/und andererseits die Kosten von Kindern für die Eltern signifikant verringern.[6]

Zahlreiche Studien zum generativen Verhalten der deutschen Bevölkerung und zu den Veränderungsdynamiken familialer Lebensformen zeigten bereits, dass die sinkende Geburtenrate und der Trend zur De-Familialisierung auf soziokulturelle und ökonomische Wandlungsprozesse zurückzuführen sind.[7] Gemeint sind beispiels-weise der steigende Wunsch von Frauen nach Erwerbstätigkeit und die damit einhergehenden egozentristischen Lebensplanungen hinsichtlich einer beruflichen Flexibilität und Mobilität. Hinzu tritt die finanzielle (Un-) Sicherheit der Gesellschaft angesichts der steigenden Arbeitslosenquote und mangelnder Arbeitsplätze insbesondere bei der Entscheidung für ein Kind bei beiden Geschlechtern.[8] Darüberhinaus zeigt sich im Vergleich europäischer Länder, dass die Geburtenrate dann besonders hoch ist, wenn Frauen die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf geboten wird, wie zum Beispiel in Frankreich.[9]

Hinsichtlich der Orientierung familienpolitischen Handels in Deutschland erklärte die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt bei einer Bundestagsrede im Jahr 2004: „Familie stabilisiert Gesellschaft, gerade in Zeiten großer Veränderungen. Auf gleicher Höhe mit Arbeit und Bildung zählt Familie zu den Zukunftsfaktoren, denen von der Bevölkerung der mit Abstand höchste Stellenwert zugemessen wird.“[10]

Gemäß diesen Faktoren – Familie, Beruf und Bildung – hat die deutsche Familienpolitik bereits Maßnahmen ergriffen, die das generative Verhalten der Gesellschaft und das familiale Zusammenleben, beeinflussen könnten. So wurde u.a. am 10. November 1998 mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine Neuregelung des Familienlastenausgleichs durchgesetzt, welche die finanziellen Transfers in Form von Sozialleistungen und steuerlichen Förderungen für Haushalte mit Kindern erhöhte, um diese finanziell zu unterstützen.[11]

Unklar bleibt bislang jedoch, welchen Einfluss die familienpolitischen Maßnahmen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - insbesondere bei Müttern – haben.

Vor diesem Hintergrund soll Ziel der vorliegenden Arbeit sein, die folgende Frage zu beantworten: Forciert die deutsche Familienpolitik die Reproduktion der traditionellen Geschlechterrollen oder initiiert sie eine realisierte Geschlechtergleichstellung in Familie und Beruf?

Die Beantwortung der Fragestellung gliedert sich in vier Schritte: zu Beginn werden die wesentlichen Veränderungsdynamiken des generativen Verhaltens und der familialen Lebensformen der deutschen Gesellschaft ab den 1950er Jahren erläutert, da diese aufzeigen werden, inwiefern sich die Geschlechterverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben. Zugleich bilden diese soziokulturellen Veränderungen die Basis familienpolitischer Handlungsressourcen, die es abzuleiten und darzulegen gilt.

Zum besseren Verständnis des Lesers wird im zweiten Schritt ein Überblick der wichtigsten familienpolitischen Maßnahmen in Form einer Tabelle gegeben. Anschließend erfolgt im dritten Schritt die Beantwortung der Fragestellung durch die Bewertung der familienpolitischen Maßnahmen vor dem Hintergrund der soziokulturellen Veränderungen und den sich daraus ergebenen familienpolitischen Handlungsressourcen.

2. Veränderungsdynamiken des generativen Verhaltens und der familialen Lebensformen als Basis familienpolitischer Handlungsressourcen

Um klären zu können, welchen Einfluss die Familienpolitik auf die Geschlechter-verhältnisse in Deutschland hat, ist es vorab vonnöten zu erläutern, welche Veränderungsdynamiken sich hinsichtlich des generativen Verhaltens und der familialen Lebensformen in Deutschland vollzogen haben, da diese insbesondere auf ein neues geschlechtsspezifisches Rollenverständnis der Frau zurückzuführen sind. Durch die Darstellung des soziokulturellen und geschlechtsspezifischen Wandels mit Beginn der 1960er Jahre kann aufgezeigt werden, welche künftigen familien-politischen Handlungsressourcen sich daraus ergeben haben. Anschließend soll Ziel des Kapitels 3 sein, zu klären, inwiefern es der Familienpolitik gelingt adäquat, also den veränderten Geschlechterverhältnissen entsprechend, zu handeln.

2.1 Veränderungen familialer Lebensformen ab den 1960er Jahren in Ost- und West-Deutschland

Die strukturellen Veränderungen des familialen Zusammenlebens begannen bereits Ende der 1950er Jahren. In dieser Zeit dominierten in der BRD und in der DDR zwei divergierende familiale Lebensformen.

In der BRD wurde überwiegend das Modell der Hausfrauenehe gelebt, welches mit Beginn der Adenauer-Ära sozialpolitisch sowohl gefordert als auch gefördert wurde. Die traditionelle Form der Familie, in der die Frau zu Hause blieb, um die Haus- und Familienarbeit zu leisten und der Mann einer außerhäuslichen Erwerbsarbeit nachging, um für die finanzielle Absicherung der Familien zu sorgen, galt in der BRD als zu schützende Institution, welche höher bewertet wurde als die Geschlechter-gleichstellung und die Erwerbsbeteiligung der Frau. Aufgrund des erwerbszentrierten sozialen Sicherungssystems, war die finanzielle Sicherheit der Frau und ihr Anspruch auf Sozialversicherung, an die Bedingung geknüpft, mit einem erwerbstätigen Mann eine dauerhafte Ehe einzugehen.[12]

Demgegenüber lehnte die sozialistische Regierung der DDR in den 1950er Jahren das pure Hausfrauendasein als Lebensform ab. Im Vordergrund stand die sozialistische Erziehung aller Bürger zu einer Gemeinschaft, wobei die Erwerbs-beteiligung und die berufliche Chancengleichheit unabhängig vom Geschlecht politisch programmiert wurden. Um die beruflichen Qualifizierungsmöglichkeiten von Frauen zu fördern und die Erwerbsbeteiligung von Müttern zu erhöhen, wurden Forderungen an Betriebe gestellt, Arbeitsplätze familienfreundlicher zu gestalten und vermehrt Frauen einzustellen, das Kinderbetreuungssystem massiv ausgebaut und Kürzungen der Sozialversicherungen und der Sozialfürsorge vorgenommen, um zum einen die weibliche Erwerbsbeteiligung bzw. Erwerbsbereitschaft zu erhöhen und zum anderen, um den Anreiz zu Hause zu bleiben so gering wie möglich zu halten.[13] Es etablierte sich das Doppelversorgermodell mit staatlicher Übernahme von Betreuungsaufgaben als dominierende familiale Lebensform.[14]

Bereits im Jahr 1961 lag die Erwerbsquote von Frauen bei 64,7% und expandierte in den folgenden Jahren weiter. Da die Planwirtschaft nicht zum gewünschten Erfolg führte, wurde im Zeitraum von 1959 bis 1965 auf politischer Ebene eine Frauen-offensive gestartet, um die schwache Produktion des Staates durch die berufliche Partizipation aller Bürger zu erhöhen.[15] Ziel der Frauenoffensive war es, die weibliche Erwerbsbeteiligung weiter auszudehnen. Im Focus stand die verbesserte Qualifikation von Frauen hinsichtlich der schulischen und beruflichen Ausbildung. Die weibliche Erwerbsquote stieg bis Ende der 1980er Jahre auf 94%.[16]

Eine steigende Erwerbsbeteiligung der Frauen in der BRD war ebenfalls mit Beginn der 1960er Jahre zu verzeichnen, nur wurde diese nicht politisch gefördert, sondern war auf Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozesse innerhalb der Gesellschaft zurückzuführen. Frauen begannen die geschlechtliche Arbeitsteilung in Frage zu stellen und forderten Chancengleichheiten beim Zugang zu qualifizierten Berufs-ausbildungen. Der Wunsch nach Berufstätigkeit trotz Mutterschaft entwickelte sich langsam zu einem neuen Idealbild und erhielt Unterstützung durch die Frauen-bewegung in den 1970er Jahren, die Expansion des Bildungswesens sowie durch die Einführung von Kontrazeptiva und gewann zunehmend an gesellschaftlicher Akzeptanz.[17] Während die weibliche Erwerbsbeteiligung im Jahr 1960 noch bei 20,4 % lag, stieg diese auf 47% bis zum Jahr 1981.[18] Dessen ungeachtet reagierte die Regierung der BRD jedoch nur langsam und mit wenigen wohlfahrtstaatlichen Maßnahmen auf die veränderte Erwerbsbeteiligung der Frauen. So wurden zwar öffentliche Kinderbetreuungsplätze ausgebaut, die Betreuung der Kinder begrenzte sich jedoch lediglich auf den Vormittag, so dass die Versorgung der Kinder am Nachmittag auch weiterhin durch die Frau erfolgen musste. Die Ursache des unzulänglichen Kinderbetreuungsangebotes lag in der tradierten Vorstellung seitens der Regierung begründet, da diese der Auffassung war, dass Kinder wenigstens halbtags häuslich betreut werden sollten.[19]

Die angestrebte finanzielle Unabhängigkeit und berufliche Eigenständigkeit der Frauen, ließen sich demzufolge nur partiell durch eine Teilzeitbeschäftigung erreichen.[20] Darüberhinaus hielt die Sozialpolitik und Familienpolitik weiterhin am Familienmodell der Hausfrauenehe fest, so dass die soziale Sicherung der Frau auch künftig durch die abgeleiteten Ansprüche der Sozialversicherung ihres Ehemannes gegenüber erfolgte.[21] Infolge löste das Vereinbarkeitsmodell der Versorgerehe das Hausfrauenmodell der Versorgerehe ab und etablierte sich als dominierende familiale Lebensform in Westdeutschland. Charakteristisch für diese familiale Lebensform war, dass zwar beide Eltern einer Erwerbsarbeit nachgingen, die Frau jedoch nur in Teilzeit arbeitete, da sie neben der halbtägigen Kinderbetreuung auch die gesamte Familien- und Hausarbeit erledigen musste.[22]

Im Zuge der Veränderungen der beruflichen Integration der Frauen und Mütter bei geringer wohlfahrtstaatlicher Unterstützung sank die Geburtenrate von 2,36 Kindern pro Frau im Jahr 1960 auf 1,28 Kinder pro Frau im Jahr 1985.[23] Eine ähnliche generative Entwicklung zeigt sich auch im Zuge der wachsenden Erwerbsbeteiligung der Frauen in der DDR. So lag die Geburtenziffer in den 1960er Jahren noch bei 2,33 Kindern pro Frau und sank bis zum Jahr 1985 auf 1,73 Kinder pro Frau.[24]

Mit der deutschen Wiedervereinigung in den Jahren 1989 und 1990 trafen nun das Vereinbarkeitsmodell der Versorgerehe Westdeutschlands und das Doppelver-sorgermodell mit staatlicher Kinderbetreuung Ostdeutschlands zusammen, welche es zu vereinen galt. Da das soziale Sicherungssystem weiterhin erwerbszentriert sowie auf das Prinzip der Beitragsäquivalenz ausgerichtet blieb und das Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen, insbesondere in den alten Bundesländern, nur im geringen Maße ausgebaut war, etablierte sich ein institutionelles System, welches die männliche Versorgerehe und somit das tradierte Ernährermodell als familiale Lebensform förderte.

Es ist jedoch davon auszugehen, dass die unterschiedlichen geschlechtskulturellen Ausprägungen in beiden Teilen Deutschlands weiterhin Bestand hatten und sich erst in den folgenden Jahren nach der Wiedervereinigung annäherten.[25] Als Indiz dafür lässt sich der markante Unterschied der Erwerbsquoten von Ehefrauen mit Kindern in Ost- und Westdeutschland im Jahr 1994 anführen. Während in den neuen Bundes-ländern 95,3% der Ehefrauen mit Kindern erwerbstätig waren, belief sich die Erwerbsquote der Ehefrauen mit Kindern in den alten Bundesländern auf lediglich 57,2%.[26] Eine erste Annäherung beider Erwerbsquoten zeigte sich im Jahr 2000. So stieg die Erwerbsquote der Frauen in Westdeutschland auf 62%, während die der Frauen in Ostdeutschland auf fast 72% sank.[27]

Neben der unterschiedlichen Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Kindern zeigte sich nach der Wiedervereinigung Deutschlands jedoch auch, dass demographisch relevante Aspekte, wie zum Beispiel die Geburtenrate und die Scheidungs- sowie Heiratshäufigkeit, negative Entwicklungen, insbesondere in den neuen Bundes-ländern, annahmen.[28] So sank die Geburtenrate in Ostdeutschland auf einen Tiefstand von 0,77 Kindern pro Frau in den Jahren 1993 und 1994.[29] Demgegenüber lag die Geburtenrate in den alten Bundesländern immer hin noch bei 1,34 Kindern pro Frau.[30] Ebenso regressiv war die Heiratshäufigkeit in beiden Teilen Deutsch-lands. Während knapp 90% der in den Jahren 1930 bis 1949 Geborenen heirateten, bleiben ungefähr 40 – 50% von den nach 1960 Geborenen lebenslang unver-heiratet.[31] Demgegenüber stieg die Scheidungshäufigkeit bis zum Jahr 2000 in beiden Teilen Deutschlands stetig an. Ein Vergleich zeigt, dass die Scheidungsrate im Jahr 1970 in der BRD 15,1 % und in der DDR 20,7 % betrug und bis zum Jahr 2000 auf 38,5% in Westdeutschland und auf 32,3% in Ostdeutschland angestiegen ist.[32] Während der Anstieg in den alten Bundesländern kontinuierlich erfolgte, ist im Jahr 1995 in den neuen Bundesländern ein kurzfristiger Rückgang der Scheidungs-rate auf 19,3 % festzustellen.[33] Die Ursachen sehen zahlreiche Bevölkerungs-wissenschaftler in der zunächst großen gesellschaftlichen Unsicherheit hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands nach der Wiedervereinigung und als Ergebnis individueller Problemlösestrategien angesichts der politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesse insbesondere in der ostdeutschen Ge-sellschaft.[34]

Zusammenfassend kann an dieser Stelle also festgehalten werden, dass sich die familialen Lebensformen in beiden Teilen Deutschlands ab den 1960er Jahren bis zur Wiedervereinigung bereits teilweise verändert hatten.

Während sich in Ostdeutschland das Doppelernährermodell mit staatlicher Kinder-betreuung bis zu den Jahren 1989 und 1990 bei einer wachsenden Frauener-werbsquote auf bis zu 94% etablierte, dominierte in Westdeutschland bis in die 1970er Jahre das Hausfrauenmodell der Versorgerehe, welches im Zuge von Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozessen ab Ende der 1970er vom Verein-barkeitsmodell der Versorgerehe schrittweise abgelöst wurde.

Nach der Wiedervereinigung in den Jahren 1989 und 1990 wurde ein institutioneller Rahmen für das gesamte Bundesgebiet geschaffen, welcher auf das Modell des männlichen Familienernährers ausgerichtet war. Trotz dessen blieben in beiden Teilen Deutschlands bis in die 1990er hinein die differenzierten familialen Lebens-formen fortbestehen.

Im folgenden Kapitel werden nun die Veränderungsdynamiken der gesellschaftlichen und familialen Strukturen Deutschlands bis heute näher betrachtet, um letztlich aus den Veränderungen die familienpolitischen Handlungsressourcen ableiten und dar-stellen zu können.

2.2 Familienpolitik im Kontext veränderter familialer Lebensformen und Geschlechterrollen

Im vorangegangenen Kapitel konnte aufgezeigt werden, dass das tradierte Familienmodell mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung – das Hausfrauenmodell der Versorgerehe - durch das Vereinbarkeitsmodell der Versorgerehe in dem die Frau einer Teilzeitbeschäftigung und der Mann einer Vollzeitbeschäftigung nachgeht, in Westdeutschland abgelöst wurde, während das Doppelversorgermodell mit staatlicher Kinderbetreuung in Ostdeutschland bis zur Wiedervereinigung zu-nehmend an gesellschaftlicher Akzeptanz gewann und darüberhinaus bis Mitte der 1990er trotz veränderter institutioneller Bedingungen in der Gesellschaft weiter gelebt wurde.

Im folgenden Kapitel soll nun geklärt werden, inwiefern sich die familialen Lebens-formen und Geschlechterverhältnisse Deutschlands bis heute verändert haben, um aus den geschlechterkulturellen Veränderungen familienpolitische Handlungs-ressourcen ableiten zu können. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die plu-ralisierten Lebens- und Haushaltsformen, die Kinderhäufigkeit bzw. Kinderlosigkeit im Kontext des familialen Zusammenlebens, die Geburtenhäufigkeit, die Erwerbs-beteiligung von Frauen mit bzw. ohne Kinder sowie das Angebot und die Inanspruch-nahme des öffentlichen Kinderbetreuungssystems gelegt.

Während in beiden Teilen Deutschlands bis zu den 1970er Jahren das Familien-leitbild der “Normalfamilie“, bestehend aus Mutter, Vater und durchschnittlich zwei Kindern gelebt wurde, pluralisierten und individualisierten sich die familialen Lebens- und Haushaltsformen in den folgenden Jahrzehnten. Demnach leben zwar noch rund 43 Millionen Menschen Deutschlands das herkömmliche familiale Leitbild, demgegenüber lebt jedoch der andere Großteil der Bevölkerung in alternativen Lebensformen. Das heißt, dass rund 23 Millionen in Paargemeinschaften ohne Kinder leben und 14 Millionen als Singles.[35] Die Anzahl der Menschen, die in einem Ein- bzw. Zweipersonenhaushalt leben, hat demzufolge zugenommen, während die Anzahl der Eltern-Kind-Familien abgenommen hat. In einem Vergleich mit den Jahren 1972 und 1973 wird dies deutlich. Im Jahr 1973 lebte nur in jedem zehnten Haushalt eine Person, während sich heute bereits jeder sechste Haushalt aus einer Person zusammensetzt.[36] Analog ist die Zahl der Paarhaushalte ohne Kinder von 6,6 Millionen im Jahr 1972 auf 9,2 Millionen im Jahr 2004 gestiegen[37] und die Geburten-rate von einem Höchststand von 2,5 Kindern pro Frau in den 1960er Jahren auf 1,34 Kinder pro Frau im Jahr 2003 gesunken.[38] Demzufolge wird das Ersatzniveau der Elterngeneration von 2,1 Kindern pro Frau deutlich unterschritten.[39]

Im Zuge des Geburtenrückganges und der anhaltend niedrigen Geburtenrate seit Beginn der 1990er Jahre zeigt sich jedoch auch ein deutlicher Anstieg der Erwerbs-beteiligung von Frauen und Müttern, insbesondere in den alten Bundesländern ab den 1970er bis heute. So betrug die Erwerbsquote aller Frauen in den alten Bundes-ländern im Jahr 1972 47% und stieg auf 56% im Jahr 1992. Die Erwerbsquote der verheirateten Frauen stieg im gleichen Zeitraum von 41 % auf 51% und die der Frauen mit Kindern unter 15 Lebensjahre von 39% auf 52%.[40] Ab dem Jahr 1992 setzte sich der Anstieg der weiblichen Erwerbstätigkeit im gesamten Bundesgebiet weiter fort. In den Jahren 1992 bis 1999 stieg die Erwerbsquote aller Frauen von 62,5% auf 64%, die der verheirateten Frauen von 60% auf 63% sowie die der Frauen mit Kinder unter 15 Lebensjahren von 57% auf 60,5%.[41] Der Anteil der Frauen mit Kindern unter 18 Lebensjahren betrug im Jahr 1999 62,3% und jener der Frauen mit Kindern unter 6 Lebensjahren betrug 50%.[42] Doch nicht nur hinsichtlich der Lebens-jahre der Kinder lässt sich ein Unterschied der Erwerbsbeteiligung von Müttern fest-stellen, sondern auch bezüglich der Anzahl der Kinder. Demnach lag die Erwerbs-beteiligung von Frauen ohne Kinder bei 80%, die der Frauen mit einem oder zwei Kindern bei 62% und die der Frauen mit drei und mehr Kindern bei 38% im Jahr 2004.[43] Von dem Gesamtanteil dieser erwerbstätigen Frauen gingen 36,3% einer Teilzeitbeschäftigung nach.[44]

[...]


[1] Steinmann (2004)

[2] Steinmann (2004)

[3] Andersen/Woyke (2003:181)

[4] Hofäcker (2003:259)

[5] Andersen/Woyke (2003:182)

[6] Steinmann (2004:10)

[7] Hofäcker (2003:257)

[8] Lewis (2003:63-64)

[9] Andersen/Woyke (2003:183)

[10] Betzendahl (2004)

[11] Schratzenstaller (2001)

[12] Pfau-Effinger (2000:202)

[13] Levecke (2005)

[14] Pfau-Effinger (2000:207)

[15] Levecke (2005)

[16] Levecke (2005)

[17] Pfau-Effinger (204-205)

[18] Levecke (2005)

[19] Pfau-Effinger (2000:206)

[20] Pfau-Effinger (2000:211)

[21] Lewis (2003:62)

[22] Pfau-Effinger (2000:206)

[23] Böcking (2006)

[24] Böcking (2006)

[25] Pfau-Effinger (2000:207)

[26] Statistisches Bundesamt Wiesbaden (1996)

[27] Klenner (2002:17)

[28] Voigt et al. (2006:1)

[29] Statistisches Bundesamt Wiesbaden (2006)

[30] Böcking (2006)

[31] Herden (2000)

[32] Bundeszentrale für politische Bildung (2004)

[33] Bundeszentrale für politische Bildung (2004)

[34] Voigt et al. (2006:1)

[35] Bundeszentrale für politische Bildung (2004)

[36] Bundeszentrale für politische Bildung (2004)

[37] Bundeszentrale für politische Bildung (2004)

[38] Statistisches Bundesamt Wiesbaden (2006)

[39] Statistisches Bundesamt Wiesbaden (2006)

[40] Lampert (2001)

[41] Lampert (2001)

[42] Lampert (2001)

[43] Berger (2005)

[44] Berger (2005)

Details

Seiten
43
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638865128
ISBN (Buch)
9783638865180
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80188
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
1.3
Schlagworte
Forciert Familienpolitik Reproduktion Geschlechterrollen Geschlechtergleichstellung Familie Beruf Deutschen

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Titel: Forciert die deutsche Familienpolitik die Reproduktion der traditionellen Geschlechterrollen oder initiiert sie eine realisierte Geschlechtergleichstellung in Familie und Beruf?