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Vertrauen im Management. Eine Alternative zur Kontrolle?

Essay 2004 9 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Die Frage nach der Rolle und Bedeutung von Vertrauen in ökonomischen Prozessen ist eine ist eine der wichtigsten im Kontext einer Suche nach einem neuen Selbstverständnis des betrieblichen Managements. Diese Suche ist notwendig geworden durch veränderte Marktbedingungen, wachsenden Konkurrenzdruck und immer schnellere Informations- und Kommunikationsstrukturen. Obwohl die große Bedeutung von Vertrauen seit langem in der Wirtschaft unbestritten ist, wird Vertrauen oft nur zu einem funktionalen Aspekt in Geschäftsbeziehungen und Produktion (als kostensenkender Effekt) oder als bloß rationales Kalkül zur effizienten Gewinnsteigerung („vertraut der Kunde/Partner, dann kauft er auch mehr“) verkürzt. Dieser verengten Perspektive lässt sich sowohl eine tiefergehende Untersuchung der konstitutiven Rolle von Vertrauen für ökonomische Prozesse überhaupt als auch eine kritische Darstellung des Verhältnisses von Vertrauen zu Kontrollmechanismen des Managements entgegen setzen. Aufgabe dieses Essays soll es sein, über diese beiden Problemfelder einen skizzenartigen Überblick zu liefern und eine bestimmte Umgangsweise im Bezug auf Vertrauen vorzuschlagen.

In einem ersten Schritt soll ein bestimmtes Verständnis von Vertrauen entwickelt werden (I). Hierzu werden verschiedene Erklärungsansätze dargestellt und ihre Implikationen für den Vertrauensbegriff in seiner Verwendung im ökonomischen Kontext näher betrachtet. Ausgehend von der Frage nach der Bedeutung von Vertrauen in diesem gesellschaftlichen Teilsystem werden anschließend die Grundlagen unter den Aspekten ‚Existenz eines Risikos’ und ‚gemeinsames Interesse’ herausgearbeitet (II). Dabei wird sowohl der strukturationstheoretische Ansatz als auch das Problem der doppelten Kontingenz eine zentrale Rolle einnehmen. In einem nächsten Schritt soll versucht werden, die gewonnenen Einsichten über Vertrauen in ein kritisches Verhältnis zur Tendenz der Handlungskoordinierung über Kontrollmechanismen zu setzen (III). Hier steht insbesondere die konstitutive Rolle von personenbezogenem Vertrauen und Systemvertrauen angesichts der Grenzen von Kontrollmöglichkeiten im Mittelpunkt. Abschließend soll Vertrauen als eine reale Alternative zur Kontrolle vorgestellt und auf die Gestaltung einer zukünftig komplexeren Führung durch das Management bezogen werden (IV). Da Vertrauen durch Kontrolle nur komplementär ergänzt werden kann, ist hier ein Prozess von der bisherigen wirtschaftstheoretischen Fokussierung auf Kontrollmechanismen hin zu einer breiteren Vertrauensbildung im praktischen Umgang notwendig und sinnvoll.

(I) Welches Verständnis von Vertrauen existiert, ist wesentlich abhängig von der zugrunde liegenden theoretischen Perspektive. Anders ausgedrückt, Vertrauen kann je nach Interessenlage und subjektiven Überzeugungen etwas anders aufgefasst werden und gerät somit in Gefahr, ein gemeinsames Grundverständnis davon zu relativieren. Wirft man einen kurzen Blick über verschiedene Wissenschaftsbereiche und ihre Aussagen über Vertrauen, wird recht deutlich, wie weit die theoretischen Basisannahmen eine Begriffsbestimmung beeinflussen.

Die Wirtschaftswissenschaften mit ihren jeweiligen Spezialisierungen gehen von einem nach Rationalität und Effizienzstreben geprägten Marktmechanismus aus, innerhalb dessen Menschen als Akteure gemäß bestimmter Gesetzmäßigkeiten auftreten. Vor dieser Perspektive kann man das dominierende Verständnis von Vertrauen in dem Begriff des „Vertrauens kapitals“ recht gut charakterisieren. Dieser von Albach geprägte Begriff im Zusammenhang einer Untersuchung über das aquisitorische Potential von Unternehmen soll verdeutlichen, dass hier das Phänomen des Vertrauens mit rationaler und quantitativer Bestimmung eingegrenzt werden soll. Wenn auch bisher keine exakte Berechnung des Wertes von Vertrauen bekannt ist, bleibt jedoch sein allgemeines Verständnis als Produktionsfaktor oder als ein Mittel zur Effizienzsteigerung innerhalb von handlungskoordinierenden Maßnahmen immer auf einer kosten- und leistungsbezogenen Grundlage.

Betrachtet man nun dieses mehr oder weniger unter wirtschaftliches Handeln geordnete Verständnis von Vertrauen, fällt einem die (noch) fehlende Berechenbarkeit im Zusammenhang mit der Einschätzung auf, Vertrauen sei zwar positiv und wichtig, aber im Übrigen keiner näheren wirtschaftlichen Betrachtung wert. Dieses Verständnis führt zu einer Unterbewertung des Anwendungspotentials und hat seine Ursachen in obiger unzureichender Bestimmung. Wenn man Vertrauen als einen Wirtschaftsfaktor begreifen will, ist er grundlegender aufzufassen.

Auch die Psychologie hat einige interessante Untersuchungen zum Verständnis von Vertrauen beigetragen. Hier liegt eine subjektive und auf menschliche Handlungs- und Verhaltensmuster bezogene theoretische Perspektive vor. Der Psychologe Morton Deutsch bestimmt Vertrauen als Zuversicht und untersucht vorrangig Vertrauensentscheidungen. Seiner Auffassung nach drückt Vertrauen ein Ergebnis rationaler Abwägung verschiedener unsicherer Alternativen aus. Dabei scheint es für den Entscheider vorteilhafter im Hinblick auf die persönlichen Ziele mit ihren Eintrittswahrscheinlichkeiten, zu vertrauen als zu misstrauen. Damit ist das auch in der Ökonomie zugrunde gelegte rationale Entscheidungsmuster zwar beibehalten, aber in der Perspektive einer Welt voller Unsicherheiten bezüglich der intendierten Ziele erweitert worden. Ökonomisches Handeln ist hier nicht mehr Grundlage von Vertrauen. Dennoch bleibt auch in dieser psychologischen Auffassung von Vertrauen das Problem, wie dieses (rein) rationale Abwägen praktisch funktionieren soll, wenn i.d.R. keine ausreichenden Informationen vorliegen, ob es für den Entscheider vorteilhafter ist, zu vertrauen oder nicht.

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Details

Seiten
9
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638868891
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80126
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Vertrauen Management Eine Alternative Kontrolle Soziologie Managements

Autor

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Titel: Vertrauen im Management. Eine Alternative zur Kontrolle?