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Das deutsch-polnische Verhältnis in Prosawerken von J. Bobrowski, G. Grass und A. Scholtis

Magisterarbeit 2004 121 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Polen in der deutschen Literatur – Einige Voraussetzungen
1.1. Zur Rolle von Stereotypen
1.2. Aufgaben und Möglichkeiten der Literatur

2. August Scholtis: Ostwind
2.1. August Scholtis – Ein Leben im Grenzland
2.2. Ostwind – Eine kurze Entstehungsgeschichte
2.3. Ostwind – Polen und Deutsche in Oberschlesien
2.3.1. Woicech, Dollny und Trockenbrott
2.3.2. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen
2.3.3. Zeit der polnischen Aufstände und Teilung Oberschlesiens
2.3.4. Kaczmarek

3. Günter Grass: Die Blechtrommel
3.1. Grass' Jugend in Danzig
3.2. Die Blechtrommel entsteht
3.3. Die Polenbezüge der Blechtrommel
3.3.1. Die polnischen Gestalten in der Blechtrommel
3.3.1.1. Joseph Koljaiczek
3.3.1.2. Vinzent Bronski
3.3.1.3. Jan Bronski
3.3.2. Das Triumvirat – Agnes, Matzerath, Jan Bronski
3.3.3. Oskar
3.3.3.1. Oskars kaschubisch-polnisches Erbe
3.3.3.2. Oskar, der Geschichte-Erzähler

4. Johannes Bobrowski: Levins Mühle
4.1. Ein Sarmate im 20. Jahrhundert – Johannes Bobrowski
4.2. Ausweitung des „sarmatischen Kosmos“ – Zur Entstehung von Levins Mühle
4.3. Die Deutschen im Osten – Bobrowskis Modellfall nationaler Interaktion
4.3.1. Der Enkel-Erzähler in Levins Mühle
4.3.2. Der Großvater und seine „Unionsgenossen“
4.3.2.1. Die Geistererscheinungen des Großvaters
4.3.3. Habedank-Gruppe
4.3.4. Direkte Konfrontation zwischen Großvater- und Habedank-Gruppe

5. Günter Grass: Unkenrufe
5.1. Zur Einordnung der Unkenrufe
5.2. Aleksandra und Alexander – ein harmonisch-gegensätzliches Paar
5.3. Der Versöhnungsfriedhof – Tod einer Utopie
5.4. Der Krötenschlucker – Erzähler der Unkenrufe
5.5. Das Motiv der Unkenrufe
5.6. Erna Brakup oder: Das Sterben der Kaschuben
5.7. Chatterjee – Utopie einer asiatisch-europäischen Symbiose

6. Abschließende Betrachtung der behandelten Prosawerke
6.1. Vergleich der Prosawerke in Hinblick auf Erzählhaltung, Einbettung von Geschichte und Zeitgeschichte sowie sprachliche Gestaltung
6.1.1. Ostwind und Die Blechtrommel
6.1.2. Levins Mühle
6.1.3. Unkenrufe
6.2. Das Polenbild bei Scholtis, Grass und Bobrowski
6.2.1. August Scholtis
6.2.2. Günter Grass
6.2.3. Johannes Bobrowski

7. 60 Jahre deutsch-polnisches Verhältnis im Spiegel der Literatur

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Polen in der deutschen Literatur – Einige Voraussetzungen

1.1 Zur Rolle von Stereotypen

Jak świat światem, nie będzie Niemiec Polakowi bratem“[1]

Angesichts des Beitritts Polens zur EU im Mai 2004 scheint diese in Polen zum Gemeingut gewordene Redewendung überholt zu sein. Jedoch darf man nicht davon ausgehen, dass die Schaffung politischer Tatsachen Hand in Hand mit gesellschaftlichen Entwicklungen verläuft. Deutsche und Polen interagieren nun seit über 1000 Jahren als Nachbarn. Die Geschichte dieses Nachbarschaftsverhältnisses ist sehr wechselvoll, aber keinesfalls von Anfang an negativ geprägt, wie es das obige Zitat annehmen ließe.

Zum ersten Mal in der deutsch-polnischen Geschichte prallten während der Teilungen Polens 1772-1795 unvereinbare Auffassungen aufeinander, denn während die Angehörigen „Preußen-Deutschlands primär etatistisch dachten und handelten [...], waren die Polen mehr gesellschaftspolitisch-'volklich' orientiert“[2]. Aus dieser unterschiedlichen Auffassung von Nation und Staat ergab sich für die deutschen Regierungskreise das Bild von Polen als von einem in Anarchie verfangenen Volk, während den Polen das wohl organisierte Staatswesen Preußens als die eigentliche Bedrohung ihrer Freiheit erschien.

Diese Differenz blieb bis zum Zweiten Weltkrieg prägend für das deutsch-polnische Verhältnis. Zwar gab es infolge des polnischen Aufstandes im Jahre 1830/31 eine Welle der „Polenbegeisterung“ in Deutschland, die sich literarisch in den sog. „Polenliedern“[3] niederschlug. Auf diese Weise wurde aber ein Polenbild evoziert, das sich nur kurz aufrecht-erhalten konnte und ohne große Auswirkungen blieb.

Im Rahmen dieser Arbeit stellt sich die Frage nach der Bedeutung eines polnischen Deutsch-landbilds bzw. eines deutschen Polenbilds. Welche Bedeutung kommt ihm in der Interaktion zweier Staaten zu? Welchen Einfluss auf die Mitglieder einer Nation kann es nehmen?

Jacobsen definiert den Begriff „Nationenbild“ in Bezug auf Polen folgendermaßen: „Gemeint ist die Summe der mehrheitlichen kollektiven oder individuellen Vorstellungen und Urteile in Deutschland über den polnischen Staat und das polnische Volk, die verhaltens- und entscheidungssteuernd gewirkt hat.“[4]

Weiter führt er aus, dass solche Bilder „unabhängig von den objektiven Kenntnissen der betroffenen Personen und Sachverhalte“[5] entstehen, es sich bei ihnen vielmehr um „subjektiv gewertete, von ganz besonderen Traditionen geprägte und selektiv wahrgenommene Leitbilder“[6] handelt, die als Stereotype angesehen werden können. Aufgrund ihrer Subjektivität können Stereotype kaum empirisch überprüft werden, doch ist eine Verifizierung/Falsifizierung ohne Belang, da die Existenz von Stereotypen nicht geleugnet werden kann und sie somit eine „gesellschaftliche Realität“[7] darstellen, die nicht ignoriert werden darf, sondern zu einer kritischen Auseinandersetzung herausfordert.

Dabei darf keinesfalls die Tatsache außer Acht gelassen werden, dass es in „einer fremden Ethnie typische Denk- und Verhaltensweisen“[8] gibt. Das Ziel muss stattdessen sein, „Andersartigkeit differenziert wahrzunehmen, um kulturelle Eigenarten besser verstehen und respektieren zu helfen.“[9]

Hahn führt aus, dass gerade die „Existenz von Nationalkulturen und eines übernationalen Kulturbegriffs, eines national-gesellschaftlichen Diskurses und eines internationalen (europäischen) Diskurses“[10] die Beschäftigung mit Stereotypen in Hinsicht auf ihre abgren-zende Funktion, ihre Entwicklung, die Möglichkeit sie zu überwinden und das Aufkommen neuer Stereotype notwendig macht. Bei einer fortschreitenden Ausweitung der EU, in der unterschiedliche Nationen eng zusammenleben, sind solche Fragestellungen aktueller denn je.

Wegen ihres subjektiven Charakters und ihrer verhaltenssteuernden Funktion eignen sich Stereotype „zur politisch mißbräuchlichen Verwendung durch Propaganda, Indoktrination und Manipulation“[11].

Jacobsen sieht Nationenbilder als „Resultanten spezifischer Interessenlagen“[12] an und führt aus, dass bei „entsprechenden Interessengegensätzen und forcierten Rückkopplungs-prozessen“[13] ein Nationenbild sich zum „Feindbild“ entwickeln und im schlimmsten Fall in „offene Aggression münden“[14] kann. Das wohl schlimmste Beispiel für solch einen Missbrauch von Stereotypen bietet die nationalsozialistische Propaganda gegen Juden, aber auch gegen Polen.

Bedenkt man, dass Stereotype die „Tendenz zur Beharrung“[15] sowie eine „Resistenz [...] gegenüber gegenteiliger persönlicher Erfahrung“[16] aufweisen, außerdem häufig die Eigenschaft besitzen, sich den „Veränderungen der Wirklichkeit nicht anzupassen“[17], wird deutlich, wie gefährlich es sein kann, ihr Vorhandensein zu ignorieren.

Das Schaffen politischer Grundlagen ist notwendig und sehr begrüßenswert, ein verständnis-volles und damit friedliches Zusammenleben kann jedoch nur durch eine intensive Auseinandersetzung mit seinen europäischen Nachbarn und Bündnisstaaten erreicht werden.

1.2 Aufgaben und Möglichkeiten der Literatur

Unter den verschiedenen Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit bevorzugt Karl Dedecius die Kooperation auf kulturellem Gebiet vor der im politischen oder wirtschaftlichen Bereich.[18] Das ist nachzuvollziehen, stehen in Politik und Wirtschaft bei aller Zusammen-arbeit doch stets die eigenen Interessen eines Staates/einer Nation im Vordergrund, was – wie oben ausgeführt – zum Missbrauch von Stereotypen führen kann. Kultur hingegen ist immer auf Synthese aus. Dedecius sieht gerade in Wissenschaft und Literatur große Möglichkeiten dazu, denn: „Da, wo sie sich auf der Höhe ihrer Aufgabe befinden, kreieren sie eine interes-sante, harmonisierende, zur Einheit und Ganzheit führende Verbindung von Kontrasten.“[19]

Literatur vermag in Bezug auf Stereotype viel zu leisten, da der „Freiraum, den sie als Fiktion hat“[20], genutzt werden kann, „um verkrustete Vorstellungen aufzubrechen“[21], und sie sogar „Gegenbilder zu tradierten Bildern zu erzeugen“[22] vermag. Letzteres ist besonders bei ungerechtfertigt negativen Stereotypen wünschenswert.

Für die Auseinandersetzung mit dem Polenbild in der deutschen Literatur sind zwar auch Werke der Trivialliteratur von Bedeutung, da sie aufgrund ihrer Popularität viele Leser erreichen. Doch während solche Werke oft nur aktuelle Stereotype bedienen, wird qualitativ hochwertige Literatur über lange Zeiträume hinweg von vielen Lesern rezipiert und vermag lange genug auf das Bewusstsein der Leser zu wirken, um ihr Menschenbild dauerhaft zu ändern.

Da die Politik eines Staates nicht ohne Auswirkungen auf seine Literatur bleibt, ist es wahr-scheinlich, dass das „Polenbild in der deutschen Dichtung mit den Überzeugungsaktivitäten korrespondiert“[23], die von der Politik forciert wurden. Ein weiteres Kriterium für die Auswahl der behandelten Werke war daher das Jahr ihres Erscheinens.

Ausgewählt wurden die Romane Ostwind (1932) von August Scholtis aus der Zeit der Weimarer Republik, Die Blechtrommel (1959) von Günter Grass, Levins Mühle (1964) von Johannes Bobrowski, um auch einen Roman eines ostdeutschen Schriftstellers zu berück-sichtigen, und schließlich die Erzählung Unkenrufe (1992) von Günter Grass. Diese Erzählung erschien nach dem Fall der sozialistischen Regime in Osteuropa und der Wiedervereinigung Deutschlands, folglich in einer Situation, die ganz neue Perspektiven für die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen geboten hat.

Hauptgegenstand der vorgelegten Untersuchung ist die Entwicklung des deutschen Polenbilds, wie sie aus den vorgestellten Texten ersichtlich wird. Mit dem Polenbild in der deutschen Literatur haben sich in erster Linie polnische Germanisten beschäftigt[24] ; Arbeiten deutscher Literaturwissenschaftler sind auf diesem Gebiet jedoch „als Ergänzung und vielleicht auch als Korrektiv wünschenswert, [...] das gilt vor allem für die Publikationen, die in der Zeit des sog. Kalten Kriegs und der politischen Konfrontation zwischen Ost und West entstanden sind.“[25] Als Beispiel für eine solche Publikation soll hier Jan Choderas Die deutsche Polenliteratur 1918-1939[26] genannt werden, die in der Tat sehr von ideologischen Standpunkten beeinflusst ist.

Arbeiten zum deutschen Polenbild in der Literatur verbleiben bei der Auswertung der Quellen „meistens auf der synchronischen Ebene und haben einen evident faktographischen Charakter“[27], was einer reinen „Festhaltung von Oberflächenphänomene[n]“[28] gleichkommt. Natürlich müssen literarische Fakten berücksichtigt werden, denn nur dank diesen wird die „Spezifik des Textes in die Betrachtungen aufgenommen“[29] – dies ist letztlich das konstitu-ierende Moment einer literaturwissenschaftlichen Betrachtung. Es ist dabei nicht von der Hand zu weisen, dass die „Wahl der Fakten, die Art und Weise der Betrachtung literarischer Werke, die Methodologie der Betrachtung [...] nicht von den ontologischen Anschauungen, von der Axiomatik eines Literaturwissenschaftlers zu trennen“[30] ist – das liegt in der Natur der Literaturwissenschaft. Das bloße Aneinanderreihen von Fakten hat jedoch zur Folge, dass der „kausale Zusammenhang des literarischen Geschehens“[31] verloren geht.

Die zu erbringende Leistung der vorliegenden Arbeit muss somit in Anlehnung an die Definition der literaturwissenschaftlichen Imagologie (ohne dass diese Arbeit den Anspruch erhebt, eine imagologische Betrachtung zu sein) die Untersuchung darüber sein, „welche (körperlichen, seelischen, geistigen) Eigenschaften in literarischen Werken bestimmten [...] Gruppen oder deren Mitgliedern zugeschrieben werden“[32], ohne dass der kausale Zusammen-hang des einzelnen Werks verloren geht.

Zudem sind die „geistes- und mentalitätsgeschichtlichen Grundlagen aufzudecken“[33], auf denen das Polenbild basiert. Das bedeutet, dass die „lebensgeschichtliche Situation und der Erfahrungshorizont eines Autors“[34] beleuchtet werden muss.

2. August Scholtis: Ostwind

2.1 August Scholtis – Ein Leben im Grenzland

August Scholtis wurde im August 1901 als Sohn von Fritz Scholtis und seiner Ehefrau Valeska, zweier Bauern aus Bolatitz, geboren. Bolatitz ist ein Dorf im Hultschiner Ländchen, das heute in Tschechien liegt, bis 1920 jedoch zum preußisch besetzten Teil Oberschlesiens gehörte.

Nach Abschluss der Schule arbeitete Scholtis von 1915-1920 als Schreiber für Fürst Lichnowsky, einen preußischen Politiker. Scholtis bewegte sich am Hofe des Fürsten erstmals unter hoch gebildeten Menschen, seine Bewunderung für die diplomatische Tätigkeit sowie die Kenntnisse des Fürsten ist offensichtlich. In seinen Memoiren Ein Herr aus Bolatitz fasst Scholtis den Stellenwert dieser Anstellung zusammen: „[S]o war diese Beschäftigung für mich meine 'Universität'“ (HB, S. 193). Ein kleiner Makel blieb jedoch selbst in Scholtis' Augen an Lichnowsky haften: „[S]eine Abneigung gegen die Polen wirkte etwas anachronis-tisch und wurde von Maximilian Harden mit Recht der Lächerlichkeit preisgegeben“ (HB, S. 208). Hat sich Lichnowskys Antipolonismus tatsächlich auf Scholtis übertragen, wie es Zybura behauptet?[35]

Scholtis' Jugend war vom Leben im Grenzland zu einer politisch hoch aktiven Zeit geprägt. Was sich ihm als Jugendlichen und politischen Laien zunächst im verwirrenden Sprachengeflecht (vgl. HB, S. 29) seiner Heimat offenbarte, eines größeren Zusammenhangs jedoch entbehrte, konnte Scholtis durch die Einblicke, die ihm die Arbeit bei Lichnowsky bot, in einen übergeordneten Kontext integrieren.

Neben dem außergewöhnlichen Sprachengeflecht war Oberschlesien schon seit langer Zeit durch ein einzigartiges Nationalitätengefüge gekennzeichnet. Dort lebten neben Deutschen auch Polen und Tschechen, die alle mit ihren Eigenarten den „oberschlesischen Typ“ prägten.

Die Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg zwangen die Bevölkerung, über ihre Nationalität zu entscheiden. Der Versailler Vertrag sah vor, dass eine Volksabstimmung über die Staatszugehörigkeit Oberschlesiens entscheiden sollte. Alles sprach dafür, dass die meisten Oberschlesier für Polen optieren würden, da ca. 60% der Bevölkerung das Polnische als ihre Muttersprache angaben und nur ca. 40% bestätigten, sich des Deutschen zu bedienen.[36] Im Vorfeld der Abstimmung kam es 1919 sowie 1920 zu polnischen Aufständen.

Die Abstimmung fand am 20. März 1921 statt. Das Abstimmungsergebnis überraschte, denn ca. 60% der Bevölkerung stimmten für Deutschland, nur ungefähr 40% für Polen. Ein solcher Ausgang der Abstimmung ließ deutlich werden, dass in einer Region, in der Sprachen und Nationen so komplex miteinander verwoben sind, objektive Kriterien der Bestimmung von Nationalitätszugehörigkeiten – wie die Sprache – versagen müssen.[37]

Obwohl es eine der Bemühungen seitens Preußens war, die polnische Sprache aus dem religiösen Bereich zu verdrängen, wurde ihre Verwendung hier länger geduldet als an öffentlichen Stellen, so auch an den Schulen. Es ist daher nur natürlich, dass die katholische Kirche zur Anlaufstelle für polnisch-national gesinnte Oberschlesier wurde (vgl. HB, S. 67).

Bevor es nach der Volksabstimmung zur Teilung Oberschlesiens kam, erfolgte im Mai 1921 ein dritter Aufstand von Seiten Polens. Im Oktober 1921 schließlich entschied die Botschafterkonferenz in Genf über die Aufteilung des Gebiets, wobei die wirtschaftlich bedeutsamen Regionen Polen zufielen, während die Städte Beuthen, Gleiwitz, Hindenburg sowie Ratibor und Kreuzburg bei Deutschland verblieben.

Das Hultschiner Ländchen fiel im Januar 1920 ohne Volksabstimmung der damaligen Tschechoslowakei zu. Scholtis sah sich gezwungen, zu entscheiden, ob er als Tschecho-slowake in Bolatitz bleiben oder als Deutscher in deutsches Gebiet übersiedeln möchte. Als Einziger aus seiner Familie optiert er für Deutschland.[38] Verschiedene Anstellungen führen ihn in dieser Zeit an zahlreiche Orte des deutsch verbliebenen Oberschlesiens, Ende 1929 schließlich kommt Scholtis in Berlin an[39], wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1969 bleibt.

2.2 Ostwind – Eine kurze Entstehungsgeschichte

Das bäuerliche Milieu sowie die Herkunft aus einem Grenzgebiet prägten Scholtis erheblich. Die räumliche Distanz zu Bolatitz führte nicht etwa dazu, dass Scholtis seine Herkunft gleichgültig geworden wäre, im Gegenteil:

„In Berlin erst begann ich über meine dörfliche Herkunft gründlich nachzudenken, sie in Zusammenhängen zu begreifen und sicherlich auch zu verklären. Berlin löste bei mir jene Kräfte aus, die ich von der Landschaft meiner Herkunft mitschleppte.“ (HB, S. 293)

Schon früh plante Scholtis einen Oberschlesien-Roman, dessen Thema das „erträgliche Zusammenleben von Deutschen, Polen und Tschechen“ sein sollte, das durch „politische Auseinandersetzungen“ immer öfter in „blutigen Exzessen“ (alle drei Zitate: HB, S. 286) endete. Dazu machte er sich Notizen, die er sammelte.

1931 bekam er dank der Hilfe der Mutter eines Freundes – diese mietete für ihn eine Schreibmaschine – die Gelegenheit, diesen Roman endlich zu schreiben:

„Chaotische Telegrammnotizen und Aufzeichnungen seit Gleiwitz und Prag aus dem schäbigen Karton packend, begann ich mich zu betätigen, um drei Wochen ohne viel Schlaf, zumeist aus dem Stegreif, einen Roman zu fabrizieren, den ich 'Ostwind' nannte, mit dem Untertitel 'Roman der oberschlesischen Katastrophe'.“ (HB, S. 299)

Dass Scholtis diesen Roman „aus dem Stegreif“ geschrieben haben soll, ist unwahrscheinlich. Es ist Joachim J. Scholz zu verdanken, dass eine unvollständige Typoskript-Fassung des Ostwinds bekannt geworden ist[40], die Scholtis selbst niemals erwähnt hat. Scholz kann glaubhaft machen, dass das Typoskript schon vor der Niederschrift des eigentlichen Romans existierte und somit die Grundlage für den in „drei Wochen“ geschriebenen Text bilden musste.[41]

Die Handlung des Romans spielt in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sowie während des Krieges, zeigt die Schrecken der polnischen Aufstände sowie die Teilung Oberschlesiens. Ostwind zeichnet sich in erster Linie durch seine die verschiedenen Handlungsstränge verbindende Figur des Kaschpar Theophil Kaczmarek aus, meist kurz Kaczmarek genannt. Glaubt man den Memoiren Scholtis', dann war die Hauptleistung der drei Wochen, in denen er die endgültige Version des Ostwinds verfasste, diese Figur zu erschaffen:

„Unvorbereitet, von der Zeit gepeitscht, wie ich war, galt es rasch sozusagen als roten Faden der Geschichte eine zentrale Eulenspiegel ähnliche Figur zu erfinden, die ich 'Kaczmarek' nannte und stark autobiographisch ausstattete.“ (HB, S. 300)

Geht man jedoch wie Scholz davon aus, dass die Typoskript-Fassung zuerst existierte, dann muss diese Aussage Scholtis' als nicht wahrheitsgemäß angesehen werden, denn das Typoskript enthält ausschließlich Kaczmarek-Passagen. Bei den Ergänzungen, die Scholtis 1931 vornahm, handelt es sich um die politisch motivierten Abschnitte des Romans.[42]

Die Tatsache, dass die Kaczmarek-Figur stark autobiographisch gestaltet worden ist, stützt diese Annahme. Es erscheint einleuchtend, dass Scholtis zunächst die autobiographischen Kaczmarek-Abenteuer niedergeschrieben hat und sich erst im Augenblick eines ernsthaften Roman-Vorhabens dazu veranlasst sah, seine Erfahrungen mit der Heimat sowie die dadurch geprägte subjektive Sicht der Verhältnisse in Oberschlesien in einen übergeordneten Zusammenhang zu stellen.

Das dem Roman vorangestellte Motto „Mein Herz ist zu groß für ein Vaterland und zu klein für zwei“ von René Schickele dient der Einbettung in einen europäischen Kontext. Schickele hat in seiner Trilogie Das Erbe am Rhein die Situation im Elsass nach dessen Abtrennung von Deutschland dargestellt – die Problematik war dort eine ähnliche wie später in Oberschlesien.

Ferner stellt Scholtis Kaczmarek in die literarische Tradition der Eulenspiegel-Figur. Die Idee hierzu ist wohl während der Lektüre von De Costers Ulenspiegel entstanden: „Unleugbar stand ich stark unter dem Eindruck einer hinreißenden Lektüre des 'Ulenspiegel' von Charles de Coster, in der Übersetzung von Karl Wolfskehl.“ (HB, S. 299)

La légende d'Ulenspiegel von de Coster erschien 1867 und widmet sich dem niederländischen Freiheitskampf im 16. Jahrhundert. Scholtis betont die Verwandtschaft seiner Figur mit der des Ulenspiegel, wenn er beim Vorstellen Kaczmareks im Kapitel „Geburt eines Narren“ auf seine Beinamen im Dorf verweist: „'Kaschparek' statt Kaschpar die Nachbarn. 'Thyll' statt Theophil das Dorf.“ (OW, S. 11) Damit stellt er die Verbindung zwischen dem Till aus La légende d'Ulenspiegel zu seinem Protagonisten her, dem Thyll genannten Kaczmarek. Ähnlich wie der Till des Ulenspiegel agiert Kaczmarek, beide provozieren, spielen Streiche, ziehen durch die Länder. Zugleich verzichten weder de Coster noch Scholtis auf die Einbettung der Hauptfigur in einen durch Fakten gestützten geschichtlichen Rahmen.[43]

Durch solch eine Situierung des Helden Kaczmarek setzt Ostwind die Gattungsgeschichte des Schelmenromans fort. Hierzu kann Näheres bei Martin Hollender nachgelesen werden, der sich vorrangig mit Scholtis' Eichendorff-Rezeption beschäftigt und auch einen Bezug zu Aus dem Leben eines Taugenichts herstellt.

1933, ein halbes Jahr nach seinem Erscheinen, wurde der Roman von den Nationalsozialisten auf die Liste der verbotenen Bücher gesetzt, daher konnte Ostwind seine Wirkung auf das deutsche Publikum nur bedingt entfalten.

2.3 Ostwind – Polen und Deutsche in Oberschlesien

Für die Fragestellung der polnischen Bezüge in Ostwind sind die eingeschobenen politisch motivierten Kapitel von besonderem Interesse. Im Vordergrund stehen die Figuren Woicech und Dollny, zwei polnische Aufständische, die im Roman in ihrer Entwicklung von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis nach der Teilung Oberschlesiens begleitet werden. Ein wesentlicher Punkt ihrer propolnischen Propaganda ist der sog. „Wiemann-Prozess“.

Die Aktionen Woicechs und Dollnys sind untrennbar mit denen ihres direkten Gegenspielers, des Generaldirektors Trockenbrott, verbunden. Scholtis legt großen Wert darauf, die Wechsel-wirkungen zwischen der Vorgehensweise des polnischen Aufstandes mit derjenigen der preußischen Machttragenden in Oberschlesien aufzuzeigen. Es ist folglich unabdingbar, sich in Zusammenhang mit Woicech und Dollny auch mit Trockenbrott auseinander zu setzen.

Durch den Ersten Weltkrieg spitzen sich die Differenzen zwischen Deutschland und Polen zu. Welche Auswirkungen der Erste Weltkrieg auf die Landbevölkerung hat und wie der Erzähler die Rolle Deutschlands und Polens im Krieg beurteilt, soll ebenfalls kurz dargestellt werden.

Die Kaczmarek-Passagen des Romans sind hingegen zunächst unpolitisch, sie stellen das Leben eines einfachen, bäuerlich geprägten Menschen in Oberschlesien dar, den die Frage nach seiner Nationalität kaum berührt. Da die politischen Ereignisse jedoch zur Politisierung selbst der einfachen Bevölkerung führen, ergeht es Kaczmarek nicht anders – auch ihm stellt sich die Frage seiner Nationalität. Dort, wo dies geschieht, soll Kaczmarek näher in den Blick genommen werden.

Der episodenhafte Aufbau des Romans begünstigt es, diese Erzählstränge gesondert zu behandeln. Die kurzen Kapitel des Romans sind großenteils so sehr in sich geschlossen, dass sie als Bilder bezeichnet werden können, wie es auch Wojciech Kunicki tut.[44]

2.3.1 Woicech, Dollny und Trockenbrott

Die Namen der polnischen Irredentisten sind Anspielungen auf reale Personen, bei Woicech an Wojciech Korfanty, einen der Anführer der polnischen Aufstandsbewegung, und bei Dollny an Rechtsanwalt Wollny (vgl. HB, S. 211ff.); der Name des Generaldirektors dient in erster Linie dazu, die Figur negativ zu zeichnen.

Die beiden Polen werden mittels der Figur Sefflik Pitullas ins Romangeschehen eingeführt. Pitulla ist Deutscher, kann sich nur des Wasserpolnischen bedienen, beherrscht somit keine offiziell anerkannte Sprache vollkommen richtig, und trotz des für das preußische Vaterland geleisteten Kriegsdienstes ist er darauf angewiesen zu betteln, damit fungiert er als Kontrast-figur zu den beiden Polen (vgl. OW, S. 12).

Denn Woicech ist ein „eleganter junger Mann“ (OW, S. 13), der es sich leisten kann, an Pitulla eine Zigarre zu verschenken, und kurze Zeit später vom Erzähler als „hundert-prozentiger Oberschlesier, eitel, posenhaft und rednerisch“ (OW, S. 16) charakterisiert wird.

Woicechs Redseligkeit wird im Verlauf des Romans nochmals betont:

„Woicech sprach überdies sehr gern und viel von sich selbst. Gab seinen Lebenslauf zum besten. Er, der Sohn eines oberschlesischen Kumpels, habe auf Kosten eines Pfarrers studieren dürfen. In Deutschland sogar. Auf deutschen Bildungsanstalten. Der Pfarrer habe gewußt, was er tat. Die Industrialisierung Oberschlesiens, die von Tag zu Tag das Volk seinem angestammten Wesen entfremde, müßte einen Damm bekommen.“(OW, S. 156)

Dies ist insofern negativ zu bewerten, als dass man Menschen, die viel reden, unterstellt, sie handelten wenig. Woicechs Stolz auf das Studium in Deutschland befremdet und macht ihn suspekt, als Vertreter des polnischen Volkes sollte er mehr Begeisterung für die polnische Kultur aufbringen. Seine wichtigste Aussage aber ist, dass die Industrialisierung Ober-schlesiens einen Damm brauche, der er sein möchte.

Damit wird die Auseinandersetzung zwischen Polen und Deutschland zu einer zwischen der traditionellen bäuerlichen Lebensweise und der Industrialisierung sowie Modernisierung sämtlicher Lebensbereiche stilisiert, worauf Kunicki in seiner Auseinandersetzung mit Scholtis mehrmals hinweist.[45]

Woicechs Kollege Rechtsanwalt Dollny wird ebenfalls als vermögend beschrieben, er ist es, der Pitulla einen Reichspfennig aus dem Fenster zuwirft. Bezeichnend ist die Motivation Dollnys, der den Pfennig nur „unwillig“ (OW, S. 15) hinunter geworfen hat, um Pitulla loszuwerden, da dieser ihm ausgerechnet mit dem Abspielen des „Noch ist Polen nicht verloren“-Liedes die Laune verdorben hat. Somit wird Dollny als falsch dargestellt, denn als ein wahrer Kämpfer für das polnische Volk hätte er an der polnischen Nationalhymne Gefallen finden müssen.

Die berechnende Art der Irredenta-Führer wird dem Leser verdeutlicht, als zwischen Woicech und Dollny die Sprache auf den Fall Wiemann kommt. Bei dem Fall handelt es sich um die angebliche Verwandtschaft des armen Arbeiters Wiemann mit dem Herzog von Sackowitz, aufgrund derer Wiemann ein Teil an dem enormen Reichtum des Herzogs zustünde. Das werde durch ein Testament beglaubigt, heißt es (vgl. OW, S. 15ff.). Dollny verteidigt Wiemanns Sache gegenüber dem Vertreter des Herzogs, Trockenbrott.

Dollny und Woicech geben vor, den Prozess als einen Kampf der „bodenständig Besitzlosen gegen die landfremden Besitzenden“ (OW, S. 18) zu begreifen. Das ist natürlich absurd, handelt es sich bei Angeklagtem und Kläger doch angeblich um Verwandte, deren Vorfahren in Oberschlesien eingewandert sind und somit beide als „landfremd“ gelten.

Kein Wunder, dass Dollny und Woicech Wiemanns Namen am liebsten durch einen polnischen ersetzen möchten (vgl. OW, S. 17). Von dem Fall können sie jedoch unter keinen Umständen Abstand nehmen, denn er passt so gut in ihren Kampf für Polen, dass „[d]as mit dem gefälschten Testament hätte erfunden werden müssen von uns, wenn es nicht wahr wäre, überdies.“ (OW, S. 17)

Wiemann ist ein einfacher Mann, dem redegewandten Woicech und dem berufsbedingt eloquenten Dollny ist er nicht gewachsen, vielmehr ausgeliefert. Während Woicech Wiemann mit dem Versprechen von einer „knusprigen Kuh“ (OW, S. 20) zu locken versucht, lenkt Dollny kurz darauf davon ab, da er merkt, dass Wiemann dieses Versprechen zu gut gefällt. Zumindest Dollny lässt durch sein Verhalten erkennen, dass die gemachten Versprechen nicht unbedingt eingehalten werden.

Trockenbrott misst dem Wiemann-Prozess zunächst nur geringe Bedeutung zu, ihm nach lässt sich die Angelegenheit mit ausreichend Geld regeln. Doch Dollny schlägt Trockenbrotts Angebot über 500.000 Mark für Wiemann in dessen Angelegenheit mit den Worten „Die Zukunft unserer Sache ist unbezahlbar, Herr Generaldirektor“ (OW, S. 24) aus. Es gereicht Dollny zwar zur Ehre, dass er immerhin während dieses Ausspruchs Trockenbrott „gerade anzuschauen“ (OW, S. 24) vermag, nichtsdestotrotz opfert er damit das Wohl Wiemanns der „Sache“ Polens und steht genauso da wie der Herzog und Trockenbrott, die alles um ihres Profits willen zu tun bereit sind.

Trockenbrott gelingt es, den Prozess hinzuziehen, indem er ihn nach Berlin verlegen lässt. Es vergehen sechs Jahre, ohne dass etwas passiert. Woicech und Dollny sind aufgrund dessen frustriert, entmutigt sind sie zudem, da Zweifel am Erfolg ihrer Arbeit für Polen hinzukommen, denn Dollny stellt fest: „Die Bauern können weder polnisch lesen noch sprechen. Das ist doch ein verwässertes deutsches Gewurstel, was die da reden.“ (OW, S. 47)

In dieser Lage erscheint es Woicech als Ausweg, „das Gebiet für eine Aktivierung zu formieren“ (OW, S. 47) und er proklamiert: „Unsere Bewegung ist geboren.“ (OW, S. 47) Die beiden teilen die Aufgaben untereinander auf: Woicech nimmt sich das „platte Land restlos zur Bearbeitung“ (OW, S. 49) vor, Dollny soll weiterhin am Fall Wiemann arbeiten und damit den „eigentliche[n] Kohlenpott“ (OW, S. 48) abdecken.

Bevor sie sich trennen, überreicht Woicech Dollny einen geheimen Brief, in dem der Regierungspräsident von Oberschlesien seine Beamten anweist, die Stellen der Amtsvorsteher sowie Gendarmerieposten nur mit protestantischen Anwärtern zu besetzen, um „Konspirationen dieser Stellen mit der einheimischen katholischen Landbevölkerung“ (OW, S. 50) zu vermeiden. Zur gleichen Zeit erhält der Amtsvorsteher von Borodin einen Brief vom Regierungspräsidenten, in dem das strenge Verfolgen von allerlei Vergehen genauso gefordert wird wie die Gewöhnung der „kleine[n] Landbevölkerung an die Handhabung der deutschen Amtssprache“ (OW, S. 51). Beide Forderungen haben zum Ziel, den Bemühungen der Irredenta entgegenzuwirken.

Der Kampf zwischen der Irredenta und deutschen Regierungsvertretern hat für die Landbevölkerung negative Folgen. Der Amtsvorsteher ist nicht bereit, die Vorstelligen anzuhören, wenn sie kein Deutsch sprechen. Er wirft sie hinaus, sobald sie es wagen, etwas in ihrem eigenen Idiom zu sagen, obwohl sie ernsthafte Anliegen haben (vgl. OW, S. 51f.). Überall wittert der nach dem Lesen des Briefes nervlich angespannte Amtsvorsteher „[e]inen Angriff auf den Staat“ (OW, S. 54).

Inzwischen hat auch Trockenbrott die politische Dimension des Wiemann-Prozesses erkannt (vgl. OW, S. 65f.). Dadurch sieht er sich gezwungen, härtere Schritte gegen Wiemann einzuleiten, er entlässt ihn und weist ihn aus seiner Dienstwohnung aus (vgl. OW, S. 65), dann, so hofft er, werde Wiemann die Lust am Prozess vergehen, da er sich nun um seinen Lebensunterhalt kümmern muss (vgl. OW, S. 66). Wiemann, der mit der Aufstandsbewegung bis auf seinen Anwalt nichts gemein hat, wird zum Opfer der politischen Händel zwischen Deutschland und Polen. Er sucht Hilfe bei Dollny, doch da dieser ihm weder Geld noch Unterkunft bieten kann, sieht sich Wiemanns Familie gezwungen, ins Ruhrgebiet abzuwandern, da dort die Aussichten auf Arbeit und Wohnung besser sind (vgl. OW, S. 73). Damit geht der Plan Trockenbrotts, Wiemann loszuwerden, mit der Hilfe Dollnys auf.

Als der Wiemann-Prozess endlich zum Ende kommt, gereicht es Wiemann zum Nachteil, Dollny als Rechtsanwalt zu haben, denn der Verteidiger Trockenbrotts verweist auf dessen Tätigkeit in der polnischen Irredenta. Zudem macht er darauf aufmerksam, dass Wiemann als Bodenständigen anzusehen absurd ist, da, wie erwähnt, die Urgroßväter des Klägers sowie des Angeklagten angeblich Brüder waren und beide in Oberschlesien eingewandert sind (vgl. OW, S. 171). Dollny hält ein nur halbherziges Plädoyer für Wiemann, der Erzähler beobachtet: „Man konnte aus seiner Rede entnehmen, daß ihm das Manifest mehr bedeute als der Prozeß.“ (OW, S. 171)

Die Klage wird aus Mangel an Beweisen abgewiesen und das Leiden des Johannes Wiemann war vollkommen umsonst. Die Versprechungen Woicechs und Dollnys ihm gegenüber erweisen sich als leer, sie waren nur Vorwand, um ihn für „ihre Sache“ ausnutzen zu können.

2.3.2 Der Erste Weltkrieg und seine Folgen

Die Rolle Deutschlands im Ersten Weltkrieg sieht der Erzähler als fatal an, vor allem im Blick auf die Zukunft. Über Berlin, die Regierung Deutschlands, bemerkt er:

„[Berlin], das soeben auf unerklärliche Weise auserkoren ward, fünf Jahre lang die Geschicke Mitteleuropas mit gepanzerter Faust zu lähmen und zu lenken. Fünf Jahre lang zu lenken und mit Instinktlosigkeit, fünfhundert Jahre lang für die Zukunft unrettbar zu vergiften ...“ (OW, S. 186)

Mit fast prophetischer Sicherheit analysiert Scholtis die aus dem Ersten Weltkrieg erwachsenen Konsequenzen für das deutsch-polnische Verhältnis, wenn auch zum Glück die tief gehende Spaltung von Deutschen und Polen „schon“ nach ca. 75 Jahren, nicht erst nach „fünfhundert“, überwunden werden konnte.

Gegen Ende des Krieges reflektiert der Erzähler, wie es zu diesem Zeitpunkt um die Bezie-hungen zwischen Deutschland und Polen steht. Seine erste Behauptung ist: „Deutschland hat Polen gegründet.“ (OW, S. 200) Damit meint er, dass Deutschland durch das Provozieren des Ersten Weltkrieges Polen die Chance geboten hat, wieder einen eigenständigen Staat zu errichten. Die polnische Aufstandsbewegung ist dem Roman nach durch den Krieg so stark geschwächt worden, dass es kaum ihr Verdienst ist, wenn Polen nun einen eigenen Staat gründen kann: „Alles..., was problematisch schien ..., in Oberschlesien, war mit einem Schlage durch den Krieg weggeblasen. Es gab keine polnische Bewegung mehr.“ (OW, S. 191)

Er verweist zudem darauf, dass Polen kein souveräner Staat mehr ist, da unter anderem Kaiser Friedrich II. es während der polnischen Teilungen „mit allen unerlaubtesten Mitteln zu zerstören half“ (OW, S. 201). Er kritisiert, dass dieser Umstand aus dem deutschen Ge-schichtsbewusstsein getilgt ist. Diejenigen Kräfte, welche die damaligen Teilungen begrüßten, ignorieren inzwischen den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung: „Heute reden uns dieselben Kreise ein, Polen sei unser Erbfeind (schon immer gewesen).“ (OW, S. 201)

Durch den Krieg werden außerdem die bestehenden Besitzverhältnisse gefestigt. Die vermögenden Magnaten nutzen den Krieg zu ihrem Vorteil. Am Beispiel des Herzogs wird gezeigt, wie er von der Kriegsindustrie profitiert: „Die Bürger zeichneten Kriegsanleihen. Der Herzog kassierte sie für Granaten und Geschütze. Und ließ Woche um Woche das zugelassene Quantum nach der Schweiz abwandern.“ (OW, S. 190)

Auf der anderen Seite verschlechtert sich die Lage für die Landbevölkerung durch den Krieg erheblich. Hat der Amtsvorsteher schon früher die Hilfesuchenden, wenn sie der deutschen Sprache nicht mächtig waren, einfach abgewiesen, werden sie jetzt, wo der Amtsvorsteher viel mehr Gesuche zu bearbeiten hat, noch brüsker mit einem „Lernt deutsch, ihr polnischen Landsäue“ (OW, S. 197) unverrichteter Dinge vor die Tür gesetzt. Die Tatsache, dass die meisten Männer für Deutschland in den Krieg gezogen sind, kümmert ihn wenig.

2.3.3 Zeit der polnischen Aufstände und Teilung Oberschlesiens

Nach Beendigung des Krieges wird in der fiktiven Realität des Romans am Beispiel eines Lehrers die Möglichkeit des friedlichen Zusammenlebens erschlossen.

Dieser rückt von seiner Berufsroutine ab, zu der unter anderem Bestrafung derjenigen gehört, die in den Pausen Polnisch sprechen. Er konzentriert sich darauf, den Kindern möglichst viel Wissen über ihre Umgebung zu vermitteln, so erklärt er ihnen zum Beispiel „lokale geschichtliche Punkte“. (OW, S. 212) Auf diese Weise gelingt es: Die Schüler „faßten endlich Vertrauen zum deutschen Lehrer“ (OW, S. 212).

Das ist nur möglich, da der Lehrer aus dem Bewusstsein agiert, dass „die deutsche Nation dieser Landschaft und ihren Menschen verpflichtet ist, zum mindesten in demselben Maße, als die Menschen willig ihre Pflicht taten um des Vaterlands willen.“ (OW, S. 213) Für den Erzähler steht fest, wenn es mehr solcher Lehrer gäbe, könnte die polnische Aufstands-bewegung nicht so einen großen Einfluss auf die Oberschlesier nehmen, auf diese Weise „ließe sich Oberschlesien für die deutsche Nation retten.“ (OW, S. 213)

Doch da dies nicht der Fall ist, kommt es zu Kämpfen zwischen Polen und Deutschen; die Schilderung der polnischen Aufstände wird mit dem Kapitel „Landhunger“ eingeleitet. Der Vorwurf richtet sich gegen die „junge deutsche Republik“ (OW, S. 215), die von Sozialdemokraten regiert wird. Diese leite zwar eine Bodenreform ein, die die ungleiche Verteilung von Land und Boden aufheben soll, sorge aber nicht dafür, dass die Besitzer der Güter den für die Reform nötigen Boden herausgeben: „Wir hatten also eine Reform, aber keinen Boden.–“ (OW, S. 215) Der Sozialdemokratie wird vorgeworfen, dass sie mit Erringen der Regierungsmacht auf ihren „Lorbeeren eingeschlafen wäre.“ (OW, S. 215) Damit wird dem Wirken Woicechs Vorschub geleistet, landläufig heißt es nun: „Schaffen's nicht die Sozialdemokraten, dann schafft's der Woicech...“ (OW, S. 215)

Woicech gelingt es, die Massen dazu zu mobilisieren, zu den besitzenden Herren ihrer Umgebung zu marschieren, um dort von ihnen Acker einzufordern. Sie ziehen zum herzoglichen Schloss, wo sie Trockenbrott erwartet. Vordergründig geht dieser auf Woicechs Forderungen ein, doch er hofft, die Herausgabe des Ackerlandes hinauszögern zu können. Woicech erkennt dies und fühlt sich provoziert, er ruft die Menge zum Kampf um ihren Boden auf: „Bekommen wir nicht in zehn Tagen das, was wir wollen, dann nehmen wir's mit Gewalt.“ (OW, S. 217) Am Schloss eines Fürsten angekommen spricht Woicech mit diesem in einem „vulgären Ton“ (OW, S. 217), auf den der Fürst sich nicht einlässt. Stattdessen wendet er sich direkt an das Volk, verhält sich ihm gegenüber respektvoll, wenn er fragt, in welcher Sprache es angesprochen werden möchte. Der Fürst bietet den Bauern Boden zum Kauf an, allerdings bittet er von „der politischen Ausschlachtung einer [...] Lebensfrage“ (OW, S. 218), die er durchaus anerkennt, Abstand zu nehmen. Zum Abschluss seiner Rede spricht er noch „Es lebe Deutschland“ (OW, S. 218), die Bauern stimmen darin ein, Woicech ist für sie nun uninteressant.

Mit der positiven Figur des Fürsten, bei der es sich um eine Hommage an den von Scholtis bewunderten Fürst Lichnowsky handelt, stellt der Erzähler heraus, dass ein friedliches Zusammenleben möglich gewesen wäre, wenn die schlesischen Vermögenden bereit gewesen wären, ihren Besitz zu teilen und das Volk zu respektieren.

Währenddessen hat das rabiate Auftreten Woicechs gegenüber Trockenbrott zur Folge, dass dieser sich bedroht fühlt und den Polizeipräsidenten Hörsing einschaltet. Hörsing wiederum ist nur auf die Beruhigung der Lage konzentriert, ohne auf die besonderen Umstände in Schlesien Rücksicht zu nehmen. Alle wasserpolnisch Sprechenden werden von ihm als Polen angesehen, ungeachtet ihrer nationalen Einstellung. Alle jedoch, die als Polen eingestuft werden, werden „mit tödlichen Bleigeschossen“ (OW, S. 219) in Schach gehalten.

Der Erzähler kritisiert das brutale Vorgehen Hörsings gegen die Menschen: „Er wütete wie ein Elefant im Porzellanladen und ritt republikanische Attacken gegen verhungerte Menschen, weil es ja bloß Polen waren...“ (OW, S. 220) Dabei verschleiert er nicht, dass Hörsing nur einen Vorwand brauchte, um leichter gewaltsam gegen die einfache Bevölkerung vorgehen zu können: „Kommunisten kann man unter dem Vorwand, daß sie Polen seien, moralischer umbringen ...“ (OW, S. 220)

Trockenbrott, der die Ereignisse in Bewegung gesetzt hat, ist es ganz recht, dass „die sozialen Wünsche und Rechte auf das polnische Geleise abgeschoben“ (OW, S. 220) werden und die Spaltung von Deutschen und Polen immer weiter geht, denn das erleichtert das Vorgehen gegen die „Polen“ erheblich.

Es ist die Gewalt Hörsings, die dem Erzähler nach „Oberschlesien in die Arme der polnischen Demagogie“ (OW, S. 221) treibt. Durch seine Gewalt werden die stumpfsinnig gewordenen Menschen, die nur Hass gegen die Ungerechtigkeit ihres Daseins empfinden, politisiert und ihr Hass flüchtet sich in die „polnische Fassade“ (OW, S. 221).

In „Berlin“ (OW, S. 227ff.) ist man kaum dazu befähigt, der Situation in Oberschlesien Herr zu werden. Im Gegenteil, durch eigene Propaganda wird der nationale Konflikt in Ober-schlesien zugespitzt. Die „Verquickung der nationalen Sache mit der sozialen durch die polnischen Agitatoren“ (OW, S. 229) wird von der Berliner Regierung übersehen. Die Agigatoren stammen aus dem deutschen Kernland, nicht aus Oberschlesien, sprechen die dortige Sprache nicht, kennen die Bedürfnisse der Menschen nicht, stattdessen halten sie Reden über deutsche Kultur und deutsche technische Errungenschaften. Dabei bemerken sie nicht, dass sie zuweilen mit dem Lob Deutschlands die Zuhörer beleidigen, so wenn sie davon berichten, wie die Deutschen im Mittelalter „die blödsinnigen polnischen Bauern gelehrt hatten, den Pflug zu führen“ (OW, S. 228). Die deutsche Regierung verfehlt durch ihre ignorante Vorgehensweise das Ziel vollends, Oberschlesien für Deutschland zu erhalten, sie helfen sogar der „Gegenseite, die ja ein leichtes Spiel hatte, darum, weil der Bauer jedes einzelne Wort klipp und klar begriff“ (OW, S. 229).

„Warschau“ (OW, S. 230ff.) hingegen weiß die Situation gut zu nutzen. Erstmals im Roman wird eine Charakterisierung Woicechs gegeben, die als positiv gewertet werden kann, wenn auch ein negativer Beigeschmack nicht zu leugnen ist, der sich durch Übertreibungen einstellt: Woicech gilt als „ein erstaunlicher Konzipist von flammenden Reden, Aufrufen und geradezu dichterischen Eruptionen“ (OW, S. 230).

Er macht sich die religiöse Gläubigkeit der Oberschlesier zunutze und stellt die Polen als die Beschützer der katholischen Kirche vor den protestantischen Schergen Deutschlands dar (vgl. OW, S. 231). Die Tatsachen sprechen für ihn, schließlich sind die Ämter in Oberschlesien mit deutschen protestantischen Beamten besetzt.

Der Erzähler verweist wiederum auf das Verständnis der polnischen Sprache bei den Bauern, mit denen Woichech sie für sich gewinnen kann: „Er [der Bauer] hörte Versprechungen in seinen Mutterlauten. Konnte sie kontrollieren. Konnte die Sprache restlos mit seinem Verstande erfassen.“ (OW, S. 231) Diese Argumentation des Erzählers muss kritisch betrachtet werden, weil sich Scholtis hier selbst widerspricht, wie Dorothea Friedrich beobachtet hat.[46] Zuvor wurde behauptet, die Polen verstünden die Agitation Woicechs und Dollnys nicht, da sie weder polnisch lesen noch schreiben könnten, sondern nur das Wasserpolnische beherrschten. (vgl. OW, S. 47)

Kurz vor der Abstimmung kehren viele angestammte Oberschlesier zurück, um ihre Stimme abzugeben. Darunter ist auch Johannes Wiemann zu finden. In Sackowitz, der polnischen Hochburg, angekommen, muss er einsehen, dass er inzwischen „von der polnischen Bewegung vergessen“ (OW, S. 257) ist. Er wird von Polen angespuckt, verfolgt und schließlich ermordert: „Johannes Wiemann war heimgekommen, um zu sterben.“ (OW, S. 258)

Die katholische Kirche greift nun ebenfalls aktiv in das Geschehen ein, was Scholtis kritisiert, da er es als eine unrechtmäßige Beeinflussung der Bevölkerung ansieht. Das wird dadurch deutlich, dass die Kirche selbst davor nicht zurückschreckt, sich eines Wunders zu bedienen, um Einfluss zu nehmen. Die Schwarze Madonna vergieße Tränen, heißt es, alle Menschen strömen zum Klaren Berg, um dem Wunder beizuwohnen und hören dort von den Mönchen: „Vergeßt es nicht am 20. März, eure Stimme für Polen zu geben. Aaaamen“ (OW, S. 259).

Der Abstimmungstag selbst verläuft sehr ruhig, den Menschen auf dem Lande scheint gar nicht recht bewusst zu sein, dass es um ihre eigene Zukunft geht: „Das wichtige Ereignis zwang ihnen keinen Respekt ab. Wie ja nichts ... außer ihrem Gott.– Der Herr Pfarrer wird schon gewußt haben, was er angeraten hat.“ (OW, S. 261)

Die Abstimmung ergibt das problematische Ergebnis von 60:40 Stimmen für Deutschland. Deutschland sieht die absoluten Stimmen und beansprucht ganz Oberschlesien für sich. Die Alliierten jedoch – bis auf England – haben andere Pläne. Der Hauptaspekt ist das Industriegebiet, das unter allen Umständen an Polen fallen soll. Zu Recht muss hier gefragt werden: „Also wozu eine Abstimmung, da das Volk sowieso nicht maßgebend war mit seiner Stimme?“ (OW, S. 272)

Der nationale Konflikt erscheint wie eine Farce, welche die besitzlosen Bauern und Arbeiter von ihren Wünschen ablenken soll, während diejenigen, die schon immer reich und mächtig waren, in Ruhe dafür sorgen können, es auch weiterhin zu bleiben.[47]

So sind die Machenschaften des Herzogs nicht von nationalen, sondern von kapitalistischen Gesichtspunkten geprägt. Im Vorfeld der Abstimmung entlässt er seinen langjährigen Vermögensverwalter Trockenbrott und stellt an seiner Stelle Dollny ein. Trockenbrott übernimmt währenddessen das Amt eines preußischen Staatskommissars. Auf diese Weise gelingt es dem Herzog, seine Besitztümer zu retten, unabhängig davon, an welchen Staat Oberschlesien fällt (vgl. OW, S. 245f.).

Aufgrund des Abstimmungsergebnisses kommt es zu einem erneuten, nun dritten Aufstand der Polen, die befürchten, sie könnten in Oberschlesien übervorteilt werden. Eine „grausame Abschlachtung unschuldiger Menschen“ (OW, S. 275) setzt in der Nacht vom 2. zum 3. Mai ein. Die französischen Alliierten halten die polnischen Aufständischen nicht auf, sondern lassen der Gewalt freien Lauf.

Als der deutsche Selbstschutz, der gegen den polnischen Aufstand ins Leben gerufen wird, Erfolge verbucht, wird seitens der Hohen Kommission ein Waffenstillstand verordnet. Man entscheidet sich für die Lösung des Problems durch eine Demarkationslinie. Sie trennt die von Polen eroberten Gebiete von den von Deutschen eroberten, nimmt dabei auf eine sinnvolle Zueignung keine Rücksicht: „War das Grubengebiet noch von Polen besetzt, die Schächte jedoch bereits in deutscher Hand, behielten die Deutschen die leeren Schächte ohne Kohle und die Polen die Kohlenfelder ohne Schächte.“ (OW, S. 292)

In Genf wird beschlossen, die Grenze entlang der Demarkationslinie zu ziehen, unabhängig davon, dass es sich dabei um eine „groteske Grenze“ (OW, S. 304) handelt. Diese Art der Grenzziehung schadet den armen Menschen, Bauern, die „vormals gemeinsam um den Acker fochten, kämpfen nun getrennt um nichts, aber darum um nichts, damit sie die Gedanken nicht auf den Acker lenken.“ (OW, S. 304)

Dem Herzog hingegen vermag die Teilung Oberschlesiens nichts anzuhaben, seine Pläne sind aufgegangen. Woicech profitiert ebenfalls von den kapitalistischen Machenschaften des Herzogs, denn für ihn „fanden sich Aufsichtsratposten in den nun polnisch gewordenen herzoglichen Direktionen.“ (OW, S. 303) An Johannes Wiemann, mit dem ehemals alles begann, denkt niemand mehr, auch die Besitzlosen, um die es Woicech und Dollny angeblich ging, sind von ihnen vergessen, das eigene Wohl ist das Einzige, was zählt.

Das Elend der Bauern wird darüber hinaus durch Vertreibungen verschärft: Diejenigen, die sich zu Polen bekannt haben, und sei es nur aus Unzufriedenheit über ihr armseliges Leben, werden aus den deutschen Gebieten vertrieben und umgekehrt. Sie werden ausgetauscht wie „Menschenmaterial“ (OW, S. 306), das sie für Trockenbrott schon immer gewesen sind, für Dollny wohl auch, jetzt aber erst kommt sein wahres Gesicht erkennbar zum Vorschein. Wenn sich die Flüchtlinge begegnen, sind sie nicht mehr fähig, sich als Gleichgesinnte zu sehen, sie beschimpfen einander, die nationale Hetze zeigt ihre Wirkung (vgl. OW, S. 306). Oberschlesien ist nicht nur auf der Karte geteilt, sondern auch in den Köpfen der Menschen.

2.3.4 Kaczmarek

Kaczmarek ist ein Produkt des schlesischen Lebensraums und vereinigt all seine Facetten in sich: Bäuerliche Naturverbundenheit, lebensbestimmenden Katholizismus mit seiner mystischen Ausprägung in der Anbetung der Schwarzen Madonna zu Tschenstochau, ein allgegenwärtiges Preußentum und schließlich eine enge Bindung an die Geister der Heimat.

Dies wird im Kapitel „Geburt eines Narren“ herausgestellt, wo die genaueren Umstände seiner Geburt sowie die Eltern beschrieben werden. Seine Mutter ist Milka Balzerova, eine Landstreicherin, durch Schmutz gekennzeichnet, wohnhaft in einer Jauchegrube, jedes Jahr ihre obligatorische Pilgerreise nach Tschenstochau unternehmend.

Gezeugt und geboren wurde Kaczmarek auf dem Rückweg Milkas aus Tschenstochau: „Einer Hindin gleich, ein Knäblein gebärend, auf Gemarkung des 'Allseitigen, Allmächtigen, Edlen und preußischen Junker Udo Toto von Moto Homo', residierend auf Kosbuchna, unweit Pleß“ (OW, S. 11). Kaczmarek wird, die Metapher der „Hindin“ versinnbildlicht dies, in das Preußentum hineingeworfen, indem er elternlos auf preußischem Grund und Boden bleibt, da Milka kurz nach seiner Geburt stirbt.

Kaczmareks Vater begegnet Milka zur Nachtzeit „[u]nweit Kosbuchna im Walde“ (OW, S. 9), er verfolgt sie durch den Wald und das Einzige, was er von sich preisgibt, ist das „Schlipschlap“ seiner Schritte, weshalb er auch später als „Schlipschlapgespenst“ (OW, S. 11) bezeichnet wird. Während der „Verfolgungsszene“ im Wald hört man den Bock brüllen, den „Vogel der Nacht“ (OW, S. 10) brausen und schreien. Sowohl Ort als auch Zeit der Handlung sowie der Bock, das Tier, dessen Züge der Teufel trägt, verweisen auf eine mystische, dem Menschlichen übergeordnete Sphäre der Natur.

Ist man sich dieser mystischen Abstammung Kaczmareks bewusst, ist es nur natürlich, dass er sich im Verlauf des Romans ohne weiteres mit Tieren, Mora, dem schlesischen Volksgeist, sowie dem Teufel selbst verständigen kann.

Der Sphäre der mystischen Naturgeister misst Scholtis für die schlesische Bevölkerung besonderen Stellenwert bei:

„Und so möchte ich meinen, daß auch viele Dinge, die in meinem Heimatdorf geschahen, keineswegs nur lächerlicher Aberglaube, sondern auch moralisches und soziales Regulativ sind. Jenes Terrain, welches weder Kirche noch Staat betreten konnten, beherrscht die Bauernseele mit ihren Gesetzen, Kobolden, Patronen und Kontrolleuren.“ (HB, S. 107)

Die Abstammung von einem mystischen Überwesen sowie die Situierung der Kaczmarek-Figur innerhalb der Schelmenroman-Tradition erschließen ihr im Roman alle Möglichkeiten, als das „Regulativ“ zu fungieren, das auf moralische und soziale Missstände hinweist und allen Widrigkeiten die Stirn bieten kann.

Die Darstellung von Kaczmareks Schulzeit im Roman ist unter dem Aspekt der Sprache interessant. Es wird betont, welchen Stellenwert die deutsche Sprache selbst für die einfache Landbevölkerung einnimmt: Sie wird als „Schlüssel [...] für allerlei Vorrechte“ (OW, S. 45) betrachtet, weshalb sie auch alle „heißhungrig erlernen“ (OW, S. 45) wollen. An der Sprache zeichnet sich zudem der Einfluss des preußischen Staates bis in die Kirche hinein ab. Wurde der Kommunionunterricht noch in polnischer Sprache gehalten (vgl. OW, S. 54), wird während der Feier der Erstkommunion „[d]eutsch, nicht wie sonst polnisch“ (OW, S. 61) gesungen. Kaczmarek ist von dem deutschen Volkslied sehr ergriffen, „zu schön, zu groß, zu gewaltig“ (OW, S. 62) erscheint es ihm, vor Rührung weint er. Schon jetzt, in seiner Kindheit, zeichnet sich Kaczmareks Bewunderung für die deutsche Kultur ab.

Später, während seiner Wanderschaft durch Deutschland, findet Kaczmarek Gefallen an den Menschen dort: „Die Menschen schienen freier wie daheim in Oberschlesien, lustiger, ganz anders wie drunten in den Wäldern“ (OW, S. 94).

Er bleibt längere Zeit im Ruhrgebiet, wo er mit seiner oberschlesischen Heimat konfrontiert wird, als er auf Woicech und Dollny sowie Wiemann angesprochen wird, die er nicht kennt und auch gar nicht kennen möchte, denn er findet: „Ich bin ein Deutscher und damit basta!“ (OW, S. 102) Als seine Kameraden ihm klar zu machen versuchen, dass er gar nicht ein Deutscher sein könne, geht er in sich und legt daraufhin ein Gelübde ab:

„Da ich nun weder ein Pole noch ein Deutscher bin, zu gleichen Teilen beiden angehöre, gab mir die Vorsehung einen Verstand und dazu ein Gefühl zu entscheiden. Ich will auf der Stelle mein Gelübde ablegen. Fortan will ich ein ganzer Deutscher sein und verfluche das Geschick, das mich bislang halbierte...“ (OW, S. 103)

Für die Auseinandersetzung mit Kaczmareks Einstellung zu seiner Nationalität ist dies eine zentrale Stelle, denn obwohl er sich seiner problematischen Herkunft bewusst ist, entscheidet er sich für die deutsche Nationalität – und zwar sowohl dem „Verstand“ als auch dem „Gefühl“ nach. Tatsächlich bleibt das Gelübde von nun an bindend für Kaczmareks Handeln. Zudem kann gerade dieses Gelübde als ein persönliches Bekenntnis von Scholtis selbst gewertet werden.

Bei seiner Rückkehr nach Oberschlesien ist Kaczmarek verändert: „Die Wanderjahre keimten in ihm.“ (OW, S. 116) Dies hat zur Folge, dass Kaczmarek sich vor der Statue des heiligen Johannes von Nepomuk „den Ernst seiner Rolle vom Leibe“ (OW, S. 116) zieht, um sich eine „Narrenkappe“ (OW, S. 116) aufzusetzen.

Nachdem dies geschehen ist, stellt sich Kaczmarek vor das Standbild und überlegt: „Die Menschen regen sich furchtbar darüber auf, hierzulande gäbe es Polen, die da leben auf dem platten Lande, und Deutsche, die da leben in den Städten.“ (OW, S. 117)

Sein Resümee ist nach dieser Überlegung folgendes:

„Das beste nun für die Polen auf dem Lande und für die Deutschen in den Städten wäre, sie kämen sich entgegen, so vielleicht, daß sie sich auf halbem Wege träfen und singen tuten täten: Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.“ (OW, S. 117)

Daraufhin ist Kaczmarek „froh, ein kompletter Narr zu sein.“ (OW, S. 117)

Diese Metamorphose Kaczmareks erhält dadurch, dass sie vor dem Standbild des heiligen Nepomuk stattfindet, eine besondere Bedeutung. Nicht von ungefähr wird es sein, dass der Gedenktag des Heiligen auf den 20. März fällt, den Tag der Abstimmung in Oberschlesien, dass Johannes von Nepomuk sich zudem seinerzeit beim Prager Erzbischof für deutsche Kaufleute eingesetzt hat und eines seiner Attribute die Brücke ist.[48] Wenn Kaczmarek seine Rede ausgerechnet an den heiligen Johannes von Nepomuk richtet, dann bedeutet es wohl, dass er in dessen Gedenken ebenfalls vermittelnd zwischen Deutschen, Polen und Tschechen wirken will. Angesichts der sich zuspitzenden nationalen Konflikte erscheint ein solches Vorhaben dermaßen waghalsig, dass es nicht wundernimmt, dass er sich als „Narr“ betrachtet, überdies eröffnet ihm ein solches Selbstverständnis die für sein Wirken dringend erforderliche Narrenfreiheit.

Von nun an greift Kaczmarek aktiv ins Geschehen ein und erhebt Anklage. In seinem Elternhaus ist er entsetzt über den herrschenden Schmutz und wäscht seine kranke Stiefmutter. Diese weiß es ihm nicht zu danken, sondern beschimpft ihn, er wolle sie vergewaltigen und habe solches Benehmen nur in Deutschland, „[d]em Land der Sünde und der Unzucht“ (OW, S. 118), annehmen können. Kaczmarek lässt sich davon nicht beirren, seine Gegenantwort lautet: „Aus Liebe zu Schmutz und Dreck liebt ihr Polen?“ (OW, S. 119)

Dem hinzugerufenen Gendarmen erklärt er, dass seine Pflegemutter „in Czenstochau Messen lesen läßt zur Stärkung des polnischen Irredentafonds in diesem preußischen Land hier. Aber ihr Nächstliegendes, den eigenen Körper, überläßt sie dem Schmutz.“ (OW, S. 120)

Der Gendarm verhaftet Kaczmarek und er wird dem Amtsvorsteher vorgeführt. Da Kaczmarek sich berufen fühlt, die deutsche Gesetzgebung auszulegen, wirft er dem Amtsvorsteher vor: „Wenn schon die Polen am Unvermögen und Dreck des oberschlesischen Volkes ein Interesse haben, am religiösen Wahn, so sollten die Deutschen es in diesem Punkt nicht noch überaus erleichtern.“ (OW, S. 121f.)

Kaczmarek muss für seine offene Kritik sowohl an den sozialen Umständen, unter denen die Oberschlesier leben, als auch an der Ausnutzung dieser durch die polnische Propaganda sowie an der Unfähigkeit Preußens, angemessen darauf zu reagieren, drei Tage im Gefängnis verbringen.

In den nach den drei Haupttugenden des Christentums „Glaube“, „Hoffnung“ und „Liebe“ benannten Kapiteln wird geschildert, wie Kaczmarek sich im Leben einrichtet und eine Familie gründet. Als Familienvater ergreift Kaczmarek den Beruf des Lumpensammlers, „ein einträgliches, unabhängiges Geschäft“ (OW, S. 136), wie er findet. Fortan wird er mit Lisa, seinem Pferd, durch die Gegend ziehen und mit dem „Tatitata“ seiner Pfeife die Menschen herbeilocken, die ihn meistens freudig begrüßen, sogar feiern: „Tatitata. Laßt ihn leben, den Lumpensammler. Den Mann ohne Vorurteil. Den Mann, der alles hinnimmt. Tatitata.“ (OW, S. 137) Angemerkt sei, dass unter „hinnehmen“ in diesem Fall nicht gemeint ist, dass Kaczmarek sich in sein Los fügt, vielmehr muss diese Stelle dahingehend interpretiert werden, dass er sich allem, was auf ihn zukommt, vorurteilslos stellt. Es wird ihm nicht unbedingt gelingen, wie sich im Folgenden erweisen wird.

Im Kapitel „Kaczmarek spritzt eine Rede“ beschließt Kaczmarek sich anzuhören, was Woicech zu verkünden hat. Während der Rede wird Woicech vom Erzähler mit einer „Drahtpuppe, aufgezogen von allerlei internationalen Banditengruppen, die das Volk im Eigeninteresse austrumpften gegen die Nation der Bismarckschen Ostpolitik...“ (OW, S. 165) verglichen. Ihm wird jede Eigenständigkeit abgesprochen, nichts als eine Marionette in inter-nationalen Händeln um die Kohlegruben Oberschlesiens ist er in den Augen des Betrachters. Kein Wunder, dass Kaczmarek, der selbstständig Handelnde, eine Gegenrede hält, deren Fazit bestätigt, dass ihm eine nationale Argumentation fremd ist: „Ob wir deutsch oder ob wir polnisch sind, Bauern und Industriearbeiter, spielt ja keine Rolle. Daß wir Proleten sind, sollten wir nicht vergessen.“ (OW, S. 166)

Woicech muss Kaczmarek missfallen, zum einen, da Kaczmarek ganz offen sein Gelübde, ein Deutscher zu sein, ablegte, aber auch weil Kaczmarek nichts von dem Schmutz und Dreck, der für ihn typisch polnisch ist, hält und stattdessen das moderne, industrielle und freiere Deutschland bewundert, Woicech sich selbst hingegen als den „Damm“ gegen die Industrialisierung versteht.

Mit den Folgen der Spaltung der Bevölkerung in Deutsche und Polen wird Kaczmarek während einer seiner Fahrten durch das Land unmittelbar konfrontiert. Ein polnischer Bursche überfällt ihn und droht, ihn umzubringen, falls er ein Deutscher sei. Kaczmarek lässt sich auf diesen Burschen nicht ein, sondern antwortet gewitzt am nationalen Thema vorbei. Doch der Bursche ist zu gereizt, er erschießt Lisa. Daraufhin wird Kaczmarek wütend, er fesselt den Polen und misshandelt ihn, bis dieser schließlich stirbt (vgl. OW, S. 237f.).

„[U]nter dem Eindruck von Lisas tragischem Tode“ (OW, S. 239) versucht Kaczmarek nun selbst, die Menschen zu mehr Vernunft aufzurufen und meldet sich in einer weiteren von Woicech organisierten Versammlung zu Worte. Er versucht Verständnis für die deutsche Position zu wecken und führt an: „Oberschlesien aber sei ein Land deutscher Arbeit und die Rechnung stehe mindestens halb und halb...“ (OW, S. 240). Die dort versammelten Polen hören dies nicht gerne und Kaczmarek sieht sich gezwungen zu fliehen.

Für die Tötung des polnischen Burschen muss sich Kaczmarek vor Mora verantworten. Über Mora, den schlesischen Volksgeist, schreibt Scholtis in seinen Memoiren: „Mora steigt aus einem Kuhmagen, gemäß der Logik, daß Dung und Jauche die heimatliche Urwelt in direkter Penetranz des schweren Ackerbodens beherrschen, aus der Frucht im menschlichen Magen rumorend.“ (HB, S. 113)

Mora wirft Kaczmarek vor, er sei ein Fememörder. Kaczmarek widerspricht ihr, denn er habe den Burschen nicht um des Vaterlandes willen, sondern aus Wut über den Verlust Lisas getötet. Mora fragt weiter: „Würdest du auch einen Deutschen totschießen, käme er des Wegs daher und tötete dir deinen Esel?“ (OW, S. 264) Kaczmarek antwortet, dass er mit Sicherheit diesen Deutschen töten würde, wie er es auch mit allen anderen, die seinen Esel miss-handelten, täte. Dem stellt er jedoch voran, dass er ihr nicht sagen könne, was er täte, denn der Esel höre zu. Bald schon wird deutlich, wie diese Worte Kaczmareks aufzufassen sind. Als er ein weiteres Mal durch den Wald fährt, wird er von einem jungen deutschen Mann überfallen, der ihn als „östliche[n] Untermenschen“ (OW, S. 268) ansieht. Kaczmarek gelingt es wiederum nicht, seinen Angreifer zu beruhigen, dieser erschießt Kaczmareks Esel. Darüber ist Kaczmarek erbost, er tritt dem Deutschen in die Geschlechtsteile, lässt ihn aber ansonsten unbehelligt davonziehen. Indirekt hat er Mora gegenüber zugegeben, dass er lügt, wenn er behauptet, dass er auch einen deutschen Angreifer töten würde. Hier haben seine Sympathien für Deutschland überwogen, er konnte den Deutschen nicht gleich dem Polen behandeln. Doch bleibt dies eine vereinzelte Verfehlung seinerseits.

Dem Vorwurf des Teufels, er sei ein „schlechter Pazifist“ (OW, S. 298), kann Kaczmarek ruhig begegnen, denn er ist zwar in der Zeit der Aufstände in den Kampf gegen Polen mit einem Maschinengewehr losgezogen, hat damit aber niemanden getötet: „Ich wollte den Polen nur Angst machen, und mein räudiger Hund ist gefährlicher als das Maschinengewehr.“ (OW, S. 293)

Inzwischen ist die Spaltung der Oberschlesier in zwei Nationen so weit fortgeschritten, dass sie sogar in Kaczmareks Familie Einzug hält. Ludwina, Kaczmareks Frau, scheint alles zu tun, was Hochwürden gefällt, dazu gehört auch, unbedingt auf Polens Seite zu stehen. Ihre Loyalität gilt dem Pfarrer, nicht Kaczmarek, und als „Tiefbau“, ein deutscher Bekannter Kaczmareks, bei ihr Hilfe sucht, liefert sie ihn an die Polen aus. Sie schreckt selbst davor nicht zurück, Kaczmarek zu verraten, doch sein ältester Sohn, bezeichnenderweise Wilhelm benannt, warnt ihn: „Vater..., draußen warten Männer mit Flinten auf dich. Mutter hatte sie geholt“. (OW, S. 296) Kaczmarek flieht und kehrt nicht mehr zu seiner Familie zurück.

Er zieht weiter durch die Lande und erfreut sich an der deutschen Kultur. So lauscht er an einer Kirche einem Orgelkonzert von Johann Sebastian Bach. Trotz seiner Bewunderung für die kulturellen Errungenschaften Deutschlands wird er von den Deutschen zurückgewiesen. Als er die Frage, ob er evangelisch sei, verneint, wird ihm deutlich gemacht: „Dann bist du auch nicht unser Mann. Was bildest du dir ein? Wir haben die Kultur ins Land gebracht. Wir Evangelischen. –“ (OW, S. 313)

Die Achtung, die Kaczmarek der deutschen Kultur entgegenbringt, kann dadurch jedoch nicht geschmälert werden. Kaczmarek fährt nach Lubowitz und erweist dort Josef von Eichendorff durch das Singen zweier Strophen des Liedes „Abschied“ die Ehre (vgl. OW, S. 317f.). Dadurch kündigt er auch seinen Abschied aus dem Romangeschehen an. Er kehrt in die Nähe seines Heimatdorfes zurück, wo sich „plötzlich ein schwerer Sturm von den Beskidenbergen her“ (OW, S. 325) erhebt. Gemeinsam mit seinem Hund marschiert Kaczmarek in den Sturm hinein und nach und nach verschwinden beide.

Dieses letzte Bild von Kaczmarek verweist womöglich darauf, dass der „oberschlesische Typ“ in den stürmischen Zeiten sowie durch die Teilung Oberschlesiens verloren gegangen ist. Die geschichtliche Entwicklung spricht für diese scholtissche Interpretation der Geschehnisse, denn in Oberschlesien leben inzwischen fast ausschließlich Polen, sehr selten trifft man noch einen „echten“ Oberschlesier.

[...]


[1] Solange die Welt besteht, wird der Deutsche dem Polen kein Bruder sein.

[2] Jacobsen, Hans-Adolf: Zur Einführung. Zur Rolle von Nationenbildern. In: Wie Polen und Deutsche einander sehen. Beiträge aus beiden Ländern. Hrsg. von Hans-Adolf Jacobsen und Mieczysław Tomala. Düsseldorf 1973. S. 179.

[3] Einige bekannte Verfasser solcher Polenlieder sind: Uhland, Lenau, Grillparzer, Hebbel, Keller ... Ein differenziertes Bild von Polen vermittelt zu dieser Zeit einzig Heine.

[4] Jacobsen, Hans-Adolf: Zur Einführung. Zur Rolle von Nationenbildern. [s. Anm. 2]. S. 175.

[5] Ebenda.

[6] Ebenda.

[7] Hahn, Hans Henning: Einleitung. In: Historische Stereotypenforschung. Methodische Überlegungen und empirische Befunde. Hrsg. von Hans Henning Hahn. Oldenburg 1995. [Oldenburger Schriften zur Geschichtswissenschaft; Heft 2]. S. 13.

[8] Stüben, Jens: Deutsche Polen-Bilder. Aspekte ethnischer Imagotype und Stereotype in der Literatur. In: Historische Stereotypenforschung. [s. Anm. 7]. S. 54.

[9] Ebenda.

[10] Hahn, Hans Henning: Einleitung. In: Historische Stereotypenforschung. [s. Anm. 7]. S. 12.

[11] Stüben, Jens: Deutsche Polen-Bilder. Aspekte ethnischer Imagotype und Stereotype in der Literatur. In: Historische Stereotypenforschung. [s. Anm. 7]. S. 49.

[12] Jacobsen, Hans-Adolf: Zur Einführung. Zur Rolle von Nationenbildern. [s. Anm. 2]. S. 175.

[13] Ebenda. S. 176.

[14] Ebenda.

[15] Stüben, Jens: Deutsche Polen-Bilder. Aspekte ethnischer Imagotype und Stereotype in der Literatur. In: Historische Stereotypenforschung. [s. Anm. 7]. S. 51.

[16] Hentschel, Gerd: Stereotyp und Prototyp: Überlegungen zur begrifflichen Abgrenzung vom linguistischen Standpunkt. In: Historische Stereotypenforschung. [s. Anm. 7]. S. 28.

[17] Stüben, Jens: Deutsche Polen-Bilder. Aspekte ethnischer Imagotype und Stereotype in der Literatur.

[18] Vgl. Dedecius, Karl: Kulturvermittlung oder die Brücken der Sprache. In: Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe. Hrsg. von Ewa Kobylińska, Andreas Lawaty und Rüdiger Stephan. München, Zürich 1992. [Serie Piper, Bd. 1538]. S. 483.

[19] Ebenda. S. 484

[20] Stüben, Jens: Deutsche Polen-Bilder. Aspekte ethnischer Imagotype und Stereotype in der Literatur.

In: Historische Stereotypenforschung. [s. Anm. 7]. S. 50

[21] Ebenda.

[22] Ebenda.

[23] Kneip, Heinz: Polenbild und Rezeption polnischer Literatur in Deutschland. In: Polen und Deutschland. Nachbarn in Europa. Hrsg. von Hans Henning Hahn, Wolfgang Jacobmeyer, Adam Krzemiński, Mieczysław Tomala, Hubert Orłowski u. a. Hannover 1995. S. 112.

[24] Darauf verweisen: Stüben, Jens: Deutsche Polen-Bilder. Aspekte ethnischer Imagotype und Stereotype in der Literatur. In: Historische Stereotypenforschung. [s. Anm. 7]. S. 47 sowie Kneip, Heinz: Polenbild und Rezeption polnischer Literatur in Deutschland. [s. Anm. 23]. S. 106 u. a.

[25] Kneip, Heinz: Polenbild und Rezeption polnischer Literatur in Deutschland. [s. Anm. 23]. S. 106

[26] Chodera, Jan: Die deutsche Polenliteratur 1918-1939. Stoff- und Motivgeschichte. Poznań 1966. [Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu; Prace wydziału filologicznego, Seria filologia germańska, nr. 3].

[27] Papiór, Jan: Methodologische Probleme der Untersuchung deutsch-polnischer literarischer Beziehungen. In: Der Weg zum Nachbarn. Beiträge zur Thematisierung deutsch-polnischer Beziehungen in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Edyta Połczyńska. Poznań 1982. [Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu; seria filologia germańska, nr. 24]. S. 152.

[28] Ebenda.

[29] Ebenda. S. 154.

[30] Ebenda.

[31] Ebenda.

[32] Stüben, Jens: Deutsche Polen-Bilder. Aspekte ethnischer Imagotype und Stereotype in der Literatur.

In: Historische Stereotypenforschung. [s. Anm. 7]. S. 42.

[33] Ebenda. S. 48.

[34] Ebenda.

[35] Vgl. Zybura, Marek: August Scholtis 1901-1969. Untersuchungen zu Leben, Werk und Wirkung. Paderborn, München, Wien, Zürich 1997. S. 12.

[36] Vgl. Hauser, Przemysław: Zur Frage der nationalen Identität der oberschlesischen Bevölkerung in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. In: Grenzen und Grenzräume in der deutschen und polnischen Geschichte. Scheidelinie oder Begegnungsraum? Hrsg. von Georg Stöber und Robert Maier. Hannover 2000. [Studien zur internationalen Schulbuchforschung; Bd. 104]. S. 205.

[37] Vgl. ebenda.

[38] Vgl. Scholz, Joachim J.: Einleitung. In: Scholtis, August: Erzählungen, Dramen, Romane. Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Joachim J. Scholz. Berlin 1994. [Schriften der Stiftung Haus Oberschlesien: Literaturwissenschaftliche Reihe; Bd. 2,4]. S. 12.

[39] Vgl. ebenda. S. 21.

[40] Veröffentlicht in: Scholtis, August: Erzählungen, Dramen, Romane. [s. Anm. 38]. S. 225-279.

[41] Vgl. Scholz, Joachim J.: Einleitung. In: Scholtis, August: Erzählungen, Dramen, Romane. [s. Anm. 38].

S. 23f.

[42] Ebenda. S. 24.

[43] Vgl. Hollender, Martin: Zwischen Anpassung und Versöhnung. Zur Eichendorff-Rezeption des oberschlesi- schen Schriftstellers August Scholtis. In: Joseph von Eichendorff. Seine literarische und kulturelle Bedeu- tung. Mit Siebdrucken von Theresia Schüllner. Hrsg. von Wilhelm Gössmann und Christoph Hollender. Paderborn, München, Wien, Zürich 1995. S. 286f.

[44] Vgl. Kunicki, Wojciech: „Ostwind“ von August Scholtis. Das Bild einer Provinz zwischen Deutschland und Polen. Das Bild eines Kunstwerkes zwischen Alternativen. Das Bild eines Autors zwischen allen Stühlen. In: Studien zur Kulturgeschichte des deutschen Polenbildes 1848-1939. Hrsg. von Hendrik Feindt. Wiesbaden 1995. [Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt; Bd. 9]. S. 200.

[45] Vgl. ebenda. S. 198 sowie Kunicki, Wojciech: August Scholtis – Die Suche nach den Alternativen der Vernunft. In: Annäherungsversuche. Germanistische Beiträge. Hrsg. von Norbert Honsza. Wrocław 1996. [Acta Universitatis Wratislaviensis; No. 1844]. S. 91.

[46] Vgl. Friedrich, Dorothea: Das Bild Polens in der Literatur der Weimarer Republik. Frankfurt/M., Bern, New York, Nancy 1984. [Europäische Hochschulschriften: Reihe I: Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 772]. S. 205.

[47] Vgl. ebenda. S. 221.

[48] Vgl. hierzu: www.heiligenlexikon.de

Details

Seiten
121
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638815604
Dateigröße
908 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80070
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,0
Schlagworte
Verhältnis Prosawerken Bobrowski Grass Scholtis

Autor

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Titel: Das deutsch-polnische Verhältnis in Prosawerken von J. Bobrowski,  G. Grass und A. Scholtis