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Epochenimagination zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart - Mittelalterinszenierung in 'Das Glasperlenspiel' von Hermann Hesse

Seminararbeit 2007 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Kulturgeschichte der Weimarer Republik
1.1. Der Georgekreis
1.2. Der Rilke- Kult

2. Die Weimarer Kultur und ihr Mittelalter
2.1. Wertevorstellungen

3. Mittelalter als Epochenimagination
3.1. Wir brauchen ein neues Mittelalter

4. Paul Ludwig Landsberg: „Das Mittelalter und wir“
4.1. Literarische Transformation von Landsbergs Buch

5. Hermann Hesse in seiner Zeit
5.1. Teilnahme Hesses an der deutschen Diskussion

6. Literarischer Ausdruck

7. Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel
7.1. Inhaltsangabe
7.2. Das feuilletonistische Zeitalter

8. Mittealterinszenierung in Das Glasperlenspiel
8.1. Der kastalische Orden als das Neue Mittelalter

9. Motive der Mittelalterimagination
9.1. Motiv Ganzheit
9.2. Motiv Hierarchie
9.3. Motiv Individualismus vs. Gemeinschaft

Einleitung

Die Vergangenheit selbst ist zwar abgeschlossen, das Vergangenheitsbild kann dagegen nie endgültig sein.“( Graus 1975: oexle 1938) Dem Vergangenheitsbild des Mittelalters scheint eine besondere Bedeutung zuzukommen. Berühmte Beispiele sind sowohl Jeanne d` Arc wie die Romane von R. Tolkien.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts kann von einem konstitutiven Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung der Moderne und der Deutung des Mittelalters gesprochen werden. (Oexle 1996:138) Dieser Zusammenhang kann in einer starken Form auch in der Weimarer Zeit in Deutschland festgestellt werden, und findet in vielen Bereichen seinen Ausdruck, so auch stark in der Literatur.

Diese Arbeit soll am Beispiel der Zeit der Weimarerrepublik zeigen, wie sich eine Zeit einer Epochenimagination des Mittelalters bedient, um sich mit der gegenwärtigen Zeit auseinander zu setzen. Es soll dabei in keiner Weise darum gehen, die Frage zu stellen, ob die Motive und Werte, die dem Mittelalter in dieser Imagination zugeschrieben werden, einem historischen Authentizitätsanspruch des Mittelalters genügen. Die Fragen sollen sein, welche kulturgeschichtlichen Hintergründe zu dieser Epochenimagination des Mittelalters führen, welche Wertvorstellungen mit dem Mittelalter verbunden werden, und inwiefern sie in einen zeitgeschichtlichen Kontext passen.

Zuerst soll ein kulturgeschichtlicher Überblick der Weimarer Republik gegeben werden. Wie kommt es aus diesem Hintergrund zu einer Epochenimagination? Welche Werte werden dem Mittelalter zugeschrieben? Am Beispiel des jungen Autors Landsberg soll skizziert werden, welchen Forderungen die zeitgenössische Intellektuelle stellt.

Als Hauptteil dieser Arbeit soll dann dargestellt werden, wie diese Reflexionen Ausdruck in der zeitgenössischen Literatur der Weimarer Republik finden. Am Beispiel Hermann Hesses Glasperlenspiels soll gezeigt werden, wie sich auch die Literatur dieser Epochenimagination bedient. Es sollen Motive im Roman Hermann Hesses die der Epochenimagination vom Mittelalter entspringen im herausgearbeitet werde. Welche Mittelalterinszenierungen können im Glasperlenspiel gefunden werden? Um diese aufzuzeigen, werden zentrale Motive aus dem Roman mit Aspekten aus dem Schlüsselwerk von Landsberg verglichen, da dieses als repräsentativ für die Debatte angesehen werden kann.

1. Zur Kulturgeschichte der Weimarer Republik

„Die Weimarer Republik ist 1933, also vor noch nicht vierzig Jahren, gestorben und ist doch schon ein Mythos. Ihr qualvolles, kurzes Leben mit denkwürdigen Hervorbringungen und ihr tragischer Tod- teils Mord, teils Auszehrung, teils Selbstmord - haben sich dem menschlichen Geist eingeprägt, oft vielleicht nur vage, aber immer glanzvoll. Denken wir an Weimar, so denken wir an die Moderne in Kunst, Literatur und Philosophie, wir denken an die Auflehnung von Söhnen gegen Väter, von Dadaisten gegen die Kunst, von Berlinern gegen vollgefressenes Spiessertum, von Freigeistern gegen altmodische Moralisten. Wir denken an die Dreigroschenoper, an Das Kabinett des Dr. Caligari, an den Zauberberg, das Bauhaus und Marlene Dietrich. Vor allem aber denken wir an die Emigranten, welche die Weimarer Kultur in alle Welt hinausgetragen haben.“( Gay 1968: 13) Viele dieser Emigranten schufen ihre bedeutendsten Werke, währenddem sie sich im Exil befanden. Mit Albert Einstein, Thomas Mann, Erwin Panowsky und Berthold Brecht sind in diesem Zusammenhang nur einige unter vielen Namen genannt. Diese grossen kulturellen Errungenschaften, so Gay, führen nebst dem Mythos der goldenen zwanziger Jahre dazu, dass die Kulturgeschichte der Weimarer Republik oft idealisiert wird.(Gay: 1968: 14) Die Weimarer Kultur war aber vor allem auch geprägt durch Spannungen. Diese entsprangen „(...) einem Überschwang an Schöpferkraft und Experimentierfreude, zum grossen Teil nährte sie sich aus Sorge, Angst und einer wachsenden Ahnung des Untergangs.“ (Gay 1968: 14)

Trotz diesem Einwand lässt sich nicht bestreiten, dass der Weimarer Stil, der nach Gay zweifellos schon vor der Weimarer Republik entstanden ist (Gay 1968: 23), sich als ein freigeistiger beschreiben lässt. Das mag daher kommen, dass die Maler, Dichter, Dramatiker Komponisten etc in der Republik schon immer in einem inspirieren, freien internationalen Austausch standen. Man darf wohl von einer Art Weltbürgertum sprechen, was sich an vielen Biographien von Kulturschaffenden erläutern liesse.[1]

Trotzdem manifestieren sich auch die Schwierigkeiten der Weimarer Republik unweigerlich in der Kultur. Gay spricht von einem Geburtstrauma der Republik. (Gay 1968: 17) Weimar hatte eine symbolische Verpflichtung, einen Neuanfang nach dem Krieg zu bieten. Die idealistischen Ideen von Weimar waren nicht aus der Luft gegriffen. Sie entstammten der Erfahrung des Krieges, der Revolution und der Demokratie. Die Erwartungen an die Republik waren von den verschiedensten Gruppen her gross. Konservative Ideologen hofften auf eine neue Verkörperung des Konservativen. Demokraten, Sozialisten, Pazifisten und Utopisten hofften auf einen Neuanfang. (Gay 1968: 27) Besonders die ersten vier Jahre der Republik waren aber von diversen politischen, und damit auch unweigerlich gesellschaftlichen Krisen verbunden: Bürgerkrieg, das Wiederauftauchen des Militärs als politischer Faktor, diverse politische Attentate, Inflation etc. Die Wirren waren gross. Ebenso gross war die Kritik an der Politik. In der Republik herrschte eine breite Unzufriedenheit mit der Politik. Es war eine gewisse Apathie festzustellen. In diesem Zusammenhang erinnert sich Hannah Arendt daran, dass der Grossteil der jungen Studenten, zu denen sie damals gehörte, zu dieser Zeit keine Zeitungen las. (Gay 1968: 99) Die Kulturschaffenden zogen sich mehrheitlich aus der politischen Öffentlichkeit zurück, schirmten sich in einer gewissen Weise von der Realität ab. Gay spricht sogar von einer Art Vereinbarung: „Führende Intellektuelle, Dichter und Wissenschaftler in Deutschland schlossen eine zwangslose, weitgehend stillschweigende Vereinbarung mit ihrem Staat: Sie würden sich der Kritik und sogar der Politik im allgemeinen enthalten, wenn im Gegenzug der Staat ihnen Freiheit liesse, ein etwas ungewöhnliches Privatleben zu führen und in Philosophie und Religion einigermaßen unorthodoxe Ansichten zu vertreten.“ (Gay 1968: 101)

Als sehr gutes Beispiel einer kulturellen Gruppe, bei welcher diese Tendenzen festzustellen sind, lässt sich der Georgekreis anfügen. Auch ist er deswegen interessant, weil er in seiner Struktur und Art stark an den Orden in Hermann Hesses Glasperlenspiel erinnert.[2]

1.1. Der Georgekreis

Der Kreis wurde 1892 gegründet, und ist nach seinem Gründer Stefan George benannt. Es ging dabei um Gespräche mit jungen Männern über Poesie und Polemik. In diesem Kreis fand George auch das Publikum für seine Gedichte. Dieser Kreis hatte klar benannte Struktur oder Definition seiner Mitglieder. Er entwickelte sich aus der Gruppe um die von George herausgegebenen Blätter für die Kunst. Der Kreis setzte sich die Aufgabe der „Verewigung kultureller Werte“. (Gay 1968: 73) So befassten sie sich z. B viel mit Übersetzungen und Interpretationen von Goethe. Stefan George wollte sich sein eigenes Reich gründen, ein „heimliches Deutschland.“ Gay 1968: 71) War der Kreis zuerst mehr eine Ansammlung von Schülern und Dichter um Stefan George wurde er immer mehr zu einer elitären Organisation. Der Zugang zu ihm war äusserst schwierig, und nur wenigen vorenthalten. Mit dem Wachsen des Kreises bildeten sich interne kleinere Kreise, die Struktur wiederholte sich. Inhaltlich versuchte George unter dem Titel eines geheimen Deutschlands eine bündische Struktur mit klaren Hierarchien aufzubauen, die sich durch ästhetische Überlegenheit kennzeichnen und von der Realität abgrenzen sollte. Es ging ihm offenbar um eine mystisch fundierte, antimoderne Gesellschaft. Nach 1945 wurde dieses geheime Deutschland mehrmals als mögliches Widerstandsmodell gegen den Nationalsozialismus bezeichnet. Der Kreis erbrachte nicht zu unterschätzende Leistungen an Übersetzungen, Veröffentlichungen von Aufsätzen, Literaturkritik, Versen. Aufgrund seiner Naturmystik, seiner Ablehnung der Zivilisation und seines elitären Gestus wird der George-Kreis oft im Einflussbereich der konservativen Revolution verortet, und lässt sich so sehr gut als kulturelle Gruppe einordnen, welche die Forderungen nach einem Neuen Mittelalter unterstützten.[3]

[...]


[1] z. B Kadinsky: Er war in Russland geboren, lernte viel von der französischen Fauves und fand seinen Styl in München.(Gay 1968: 23)

[2] Siehe dazu Kapitel:

[3] Kapitel Wir brauchen eine Neues Mittelalter

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638828611
ISBN (Buch)
9783638832687
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80044
Institution / Hochschule
Universität Luzern – Kultur- und Sozialwissenschaftliches Insitut
Schlagworte
Epochenimagination Auseinandersetzung Gegenwart Mittelalterinszenierung Glasperlenspiel Hermann Hesse Mittelalterinszenierungen

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Titel: Epochenimagination zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart - Mittelalterinszenierung in 'Das Glasperlenspiel' von Hermann Hesse