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Jugendsprache in französischen Jugendzeitschriften?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 20 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Theorie der Jugendsprache
2.1 Problematik der Definition
2.2 Jugendsprache als soziolinguistisches Phänomen
2.3 Elemente der (gesprochenen und geschriebenen) Jugendsprache
2.3.1 Metapher
2.3.2 Metonymie
2.3.3 Verlan
2.3.4 Apokope und Aphärese
2.3.5 Resuffigierung nach Wortverkürzung:
2.3.6 Invariable Verben ohne typische Endung
2.3.7 Entlehnungen aus anderen Sprachen/Dialekten
2.3.8 Anglizismen / Entlehnungen aus angloamerikanischem Slang
2.3.9 Phonetische Schreibung und Graphostilistik

3 Analytischer Teil
3.1 Vorstellung der Zeitschriften und Einordnung
3.2 Anglizismen
3.3 Phonologische Schreibungen und graphostilistische Mittel
3.4 Metaplasmen
3.5 Sonstige Phänomene
3.6 Aufmerksamkeitsattraktion und Werbung

4 Schlussgedanke

5 Literaturangaben
5.1 Jugendmagazine
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internetquellen

1 Einleitung

Die Gefahr und das gleichzeitige Problem der Jugendsprachforschung bestehen darin, Jugendsprache als medial funktionalisiertes Phänomen zu sehen, wie dies in manchen populistisch anmutenden, kommerziellen Wörterbüchern[1] der Fall ist. Problematisch ist auch die Betrachtung als Argot bzw. Soziolekt der Jugend, der von der Standardsprache abweicht und Jugendliche bzw. ihre Kultur stigmatisiert, sie in die „Sperrbezirke der normalen Gesellschaft verbannt.“[2] Das kann soweit gehen, dass Jugendsprache groteskerweise wie bei Eike Schönfeld mit Knastsprache in Verbindung gebracht wird.[3]

Jugendliche, ihre Sprache und ihre Kultur ändern sich ständig und sind für die Erwachsenwelt schwer greifbar. In diesem Zusammenhang ist folgende Fragestellung sehr interessant: Greifen Jugendzeitschriften, als Produkt der Medien und damit der Erwachsenwelt, gewisse noch zu definierende jugendsprachliche Elemente auf und wenn ja, inwiefern und wozu?

Wir wollen hier untersuchen, wie sich die französische Jugendsprache in einer Auswahl von Jugendzeitschriften von Herausgeberseite bewusst manifestiert und ob sich daraus pragma/-soziolinguistische Schlüsse ziehen lassen. Für die Untersuchung wurden die Zeitschriften Salut ! (N° 127), Star Club (N° 218) 20 Ans (N° 235), Jeune & Jolie (N° 223) und Super (N° 205) herangezogen. Ein Akzent soll am Ende noch auf den Bereich Werbung sowie auf die Techniken zur Aufmerksamkeitsattraktion gelegt werden, da die vorliegenden Zeitschriften in diesen Kategorien vermehrt mit hier zunächst als „jugendsprachlich“ charakterisierbaren Elementen arbeiten.[4] Die Problematik der Analyse von Zeitschriften, also von verschriftlichten Formen der Jugendsprache, liegt darin, dass jugendsprachliche Varietäten in der Regel oral sind und die Verschriftlichung immer der Gefahr der Stilisierung unterliegt. Im Bewusstsein des raschen Sprachwandels kann die vorliegende Arbeit also nur einen kleinen Einblick in die Verwendung von Jugendsprache in französischen Jugendmagazinen geben, der zum Zeitpunkt des Drucks der vorliegenden Exemplare vielleicht bereits als nicht mehr aktuell gesehen werden darf.

2 Zur Theorie der Jugendsprache

2.1 Problematik der Definition

Die Schwierigkeiten, die beim Versuch einer Definition von Jugendsprache auftreten, sind im zweiten Bericht des Ministère de la culture et de la Communication aus dem Jahr 2003 mit dem Titel Langue et Cité folgendermaßen beschrieben:

De fait, il n’y a aucune pertinence à parler de « la (sic) langue des jeunes » face à l’hétérogénéité et à la fluidité de ces pratiques, mais aussi face à l’impossibilité à définir « les jeunes » comme une communauté homogène.[5]

Bezeichnet man Jugendsprache schlicht als Argot bzw. Soziolekt der Jugend, der von der Standardsprache abweicht, schwingen hierbei zum Beispiel in Deutschland sprach- und ideologiekritische Argumentationszusammenhänge mit, die mit dem immer wieder postulierten Sprachverfall durch die Jugend seit den späten 50er Jahren einhergingen. Die Betrachtung von Jugendsprache als Sondersprache impliziert, wie einleitend angemerkt, eine Stigmatisierung und mag überdies zu Pauschalisierungen führen, die dem Facettenreichtum und dem stetigen Wandel dessen, was wir hier schlichtweg Jugendsprache nennen, nicht gerecht wird. Behelfen kann man sich vielleicht mit dem Vorschlag Helmuth Hennes, der Jugendsprache weniger als Sondersprache, sondern eher als „spielerisches Sekundargefüge“[6] mit gewissen strukturellen Merkmalen beschreibt. Dieses Gefüge bestehe aus Grüßen, Anreden, Partnerbezeichnungen (vgl. Tussi), griffigen Namen und Sprüchen (Mach’n Abgang), flotten Redensarten und stereotypen Floskeln (Ganz cool bleiben), metaphorischen, zumeist hyperbolischen Sprechweisen (Obermacker = „Direktor“), Repliken mit Entzückungs- oder Verdammungswörtern (saugeil), prosodischen Sprachspielereien, Lautverkürzungen und Lautschwächungen sowie graphostilistischen Mitteln (wAhnsinnig), Lautwörterkommunikation (bäh, würg), Wortbildungsverfahren wie Neuwörtern, Neubildungen, Neubedeutungen (ätzend, Macke) und Worterweiterungen (abfahren, Schleimi). Die Gesamtheit dieser Elemente bezeichnet Henne als einen besonderen Sprachstil, den er „Jugendton“ nennt.[7] Ein Kritikpunkt bei Hennes Vorgehensweise ist sicher, dass seine Erhebung auf einem Fragebogen basiert, der Sprachwissen erfragt, weniger aber den tatsächlichen situativen und sozialen Kontext jugendlichen Sprachgebrauchs widerspiegelt. Eine diesbezüglich differenziertere Herangehensweise bietet die Sozio- und Pragmalinguistik.

2.2 Jugendsprache als soziolinguistisches Phänomen

Das Interesse liegt hier auf der Tatsache, dass Jugendliche ihren eigenen Jargon prägen und ihn entsprechend ihrem spezifischen, aktuellen soziokulturellen Kontext und seinen sich wandelnden Kommunikationsbedürfnissen ändern. Daraus ergibt sich nach Uta Helfrich die Beschreibung von Jugendsprache „auch synchron korrekterweise als divergierende jugendsprachliche Varietät.“[8]

Der Akzent soll hier also weniger auf einzelnen Bausteinen des Lexikons – wenngleich sich dort vom Standard abweichende Sprachmuster sehr deutlich zeigen – als vielmehr dem spezifischen, konkreten, situationsgebundenen Sprachgebrauch und dessen Funktion liegen. Nach Goudaillier ist Jugendsprache charakterisiert durch ihre

fonction identitaire afin de marquer sa différence par rapport aux autres groupes. Ce Francais contemporain est lié à une fracture sociale. Une fracture sociolinguistique se met en place en utilisant des mots qui ne sont pas connus de la langue française.[9]

Die wesentlichen Motive Jugendlicher, sich einer eigenen Sprache zu bedienen, sind auf der einen Seite Distinktion von der Erwachsenenwelt sowie von anderen Jugendlichen, auf der anderen Seite Selbstdefinition und Identitätsfindung sowie die Positionierung unter Gleichaltrigen bzw. in der Peer Group. Auch wenn sich Goudaillier in seinen Ausführungen hauptsächlich auf die Sprache der Jugendlichen in den Cités bezieht, die in einem hochexplosiven sozialen Kontext anzusiedeln ist und damit ein Extrem darstellt, soll sie als Ausgangspunkt für die Analyse der Jugendzeitschriften gelten. Ähnliches gilt für Boris Seguins und Frédéric Teillards Les Céfrans parlent aux Francais, die die Potentiale der langue de la cité mit der „liberté de cette langue qui se donne et se renouvelle et l’inventivité de ceux qui la parlent, leur capacité à l’adapter, à l’enrichir “ beschreiben, aber zugestehen, dass diese Sprache „à la fois un espace de liberté et une prison...“[10] ist.

Die Brisanz der sozialen Missstände sowie die durch Sprache transferierte prekäre Situation der Cité-Jugendlichen ist für unsere Analyse nur von peripherer Bedeutung, soll aber dennoch sowohl als alarmierendes Extremum im Hinterkopf bleiben, als auch einen Ausblick geben auf alles, was mit der französischen Sprache unter gewissen Umweltbedingungen, zum Beispiel der Cité bei Seguin/Teillard, möglich ist. Ausgehend von einer Bestandsaufnahme der Elemente jugendlichen Sprachgebrauchs nach Goudaillier sollen im Anschluss die Zeitschriften untersucht werden.

2.3 Elemente der (gesprochenen und geschriebenen) Jugendsprache

2.3.1 Metapher

Ein wesentliches Charakteristikum von Jugendsprache ist eine ausgeprägte Metaphorik, die je nach sozialem Umfeld entsprechend gefärbt ist. So stehen airbags und ananas für seins/poitrine de femme, arhnouch für policier, bombax für fille très belle, bounty für einen noir voulant ressembler à tout prix à un blanc, cagoule sowie gumschwi für préservatif. Eine caisse beschreibt ein voiture/véhicule automobile, fax oufindus steht für fille parti, culièrement maigre [sans poitrine], fouetter für sentir mauvais, galère für eine situation matérielle difficile und Mururoa für fille très belle.

2.3.2 Metonymie

Eng verwandt mit der metaphorischen Kodierung ist die Metonymie, die wie die Synekdoche ebenfalls zu den Tropen zählt. Genau genommen handelt es sich bei den von Goudaillier angegebenen Beispielen um eine Kombination aus metonymischer und metaphorischer Ersetzung, wenn das Attribut einer Person oder eines Amtes für dessen Träger steht. So ersetzt bleu den policier/flic, casquette den contrôleur, képi ebenfalls den policier. Minch steht für petite amie/copine, pélo für homme.

2.3.3 Verlan

Eine speziell für das Französische typische Erscheinung bildet das Phänomen des Verlan, das ursprünglich für eine von der Jugend entwickelte Spielsprache steht, sich aber mittlerweile auch in der Umgangssprache manifestiert hat. So existiert dort das Wort Beurs (zu Arabes) neben Maghrébins. In den 90er Jahren entstand der Ausdruck "Black, blanc, beur" in Anlehnung an das "Bleu, blanc, rouge" der Tricolore. Dieser Ausdruck sollte die Multi-Ethinizität Frankreichs unterstreichen und war überdies besonders beliebt im Zusammenhang mit der französischen Fußballnationalmannschaft.

[...]


[1] Vgl. http://www.bpb.de/files/P4LENB.pdf (24.8.2006)

[2] Ibid.

[3] Vgl. Schönfeld, Eike, Abgefahren – Eingefahren, ein Wörterbuch der Jugend- und Knastsprache, Straelen, 1986.

[4] Bezgl. der Schwierigkeiten einer exakten Begriffsklärung sei auf Punkt 1.1 verwiesen.

[5] http://www.culture.gouv.fr/culture/dglf/Langues_et_cite/Langues_et_cite_Numero_2_Septembre_2003.pdf (12.4.2006)

[6] Henne, Helmuth, Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik, Berlin-New York 1986, S. 208.

[7] vgl. ibid., S. 211.

[8] Helfrich, Uta, „Jugendsprache in Frankreich. Erkenntnisse und Desiderata.“ In: Neuland, Eva (Hrsg.), Jugendsprachen – Spiegel der Zeit. Internationale Fachkonferenz 2001 an der Bergischen Universität Wuppertal, Frankfurt, Peter Lang 2003, S. 93.

[9] http://casnav.scola.ac-paris.fr/docs/conf/langue_des_jeunes_des_cit%C3%A9s.pdf (25.01.2006)

[10] Seguin, Boris/Teillard, Frédéric, Les Céfrans parlent aux Francais, Chronique de la langue des cités, Paris 1996, S. 17f.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638863025
ISBN (Buch)
9783638863070
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80037
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät
Note
sehr gut
Schlagworte
Jugendsprache Jugendzeitschriften

Autor

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