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Brave New World - Welchen Beitrag leisten Utopien für die Frage nach der Möglichkeit von Gesellschaft?

Seminararbeit 2006 23 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Gesellschaftsutopien

3 Brave New World
3.1. Der Mensch
3.2 System und soziale Strukturen
3.3 Zusammenfassung: Strukturmerkmale der BNW

4 Schlussbetrachtungen: Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft

Literatur

1 Einleitung

Diese Arbeit ist im Zusammenhang mit dem im Wintersemester 2005/2006 am Institut für Soziologie an der Universität Mainz stattgefundenen Seminar Transzendentalsoziologie - Über die Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft entstanden. In diesem Seminar wurde das ambitionierte Ziel verfolgt, Klarheit in den doch schwammigen Begriff „Gesellschaft“ zu bringen. Mehr noch: Es wurde versucht, die existentiellen Bedingungen für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Gesellschaft herauszufiltern.

Somit erscheint das Thema der vorliegenden Arbeit zunächst irritierend. Was kann die Beschäftigung mit Aldous Huxleys Brave New World, also mit einem fiktionalen Roman, zur Beantwortung der Seminarfrage beitragen? Haben solch „phantastische“ Geschichten überhaupt einen sozialwissenschaftlichen Wert?

Konkret in Frage steht, im zweiten Kapitel, die Unterscheidung und Reflexion des Utopiebegriffes, in Hinsicht auf seine sozial- und kulturtheoretische Verortung. Die Frage nach dem Wert oder Unwert von (literarischen) Utopien für den soziawissenschaftlichen Diskurs, soll hier beantwortet werden, bevor auf das konkrete Fallbeispiel eingegangen wird.

Anschließend wird, im dritten Kapitel, Huxleys Werk insofern analysiert, als die Funktionsweise des Systems und das Sozialverhalten der Menschen der Brave New World (BNW) skizziert werden. Es werden die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Voraussetzungen aufgezeigt, und es wird dargestellt durch welche Maßnahmen die soziale und politische Ordnung der BNW aufrechterhalten wird.

In den Schlußbetrachtungen des vierten Kapitels wird gezeigt, welchen Beitrag Aldous Huxleys Werk zur Beantwortung der Seminarfrage leisten kann. Hierfür wurden die gesellschaftlichen Bedingungen der BNW mit Georg Simmels sozialen Aprioris aus seiner 1908 publizierten Schrift - Exkurs über das Problem: Wie ist Gesellschaft möglich ? - in Beziehung gesetzt.

2 Gesellschaftsutopien

Die Utopie bzw. das utopische Denken hat eine lange Tradition und tritt kulturhistorisch und gesellschaftlich in ganz verschiedenen Ausprägungen und Medien auf.[1] Der Begriff „Utopie“ wird von vielen Fachrichtungen, mit teilweise widersprüchlichen Definitionen beansprucht. So kommt der Utopiebegriff in der Politikwissenschaft ebenso vor, wie in der Soziologie, der Literaturwissenschaft oder der Philosophie; und auch in der Alltagssprache hat er, meist in adjektivischer Form, einen festen Platz.

Der Begriff selbst ist eine genuine Schöpfung des englischen Lordkanzlers Thomas Morus, der 1516 ein Buch mit dem Titel „Utopia“[2] veröffentlichte. Christoph Bode vermutet in dieser Wortschöpfung, eine von Morus beabsichtigte Doppeldeutigkeit, denn sie kann einmal „eu-topos“, also den besten und schönsten, den idealen Ort bedeuten oder „ou-topos“, was soviel heißt wie „Nicht-Ort“, das „Nirgendwo“ [vgl. Bode: 48]. Der Utopiebegriff verweist demnach, zum einen, auf das Nirgendwo der literarischen Fiktion und, zum anderen, auf das optimale oder zumindest andere, in der geschichtlichen Wirklichkeit nicht anzutreffende Sozialsystem. Dieser Doppelsinn berechtigt daher Literatur- und Sozialwissenschaftler gleichermaßen, sich mit dem Gegenstand zu beschäftigen [vgl. Seeber: 237].

Wie der politikwissenschaftliche Utopieforscher Richard Saage bemerkt, ist die Utopie heutzutage in der Regel mit negativen Konnotationen verknüpft [vgl. Saage 2000a: 45].

In der Umgangssprache meint man mit dem Adjektiv „utopisch“ zumeist soviel wie „schwärmerisch“, „übersteigert“, „unrealistisch“, etc. Man meint eine Vorstellung, die vielleicht wünschenswert sei, aber nicht viel mehr darstelle als Phantasterei, somit die soziale Wirklichkeit verkenne und es daher wenig sinnvoll sei, sich mit ihr auseinanderzusetzen [vgl. Waschkuhn: 1].

Im politischen Diskurs wird sowohl die Wirklichkeitsferne als auch das unbestreitbare totalitäre Potential utopischen Denkens hervorgehoben. Pordzik merkt an, dass die Utopie heute grundsätzlich als ideologisch belastet gilt und ihre Unmöglichkeit bzw. Hinfälligkeit durch den politischen Zerfall des Ostblocks als bestätigt erscheint [vgl. Pordzik: 9]. Vor allem aus einer liberalen und zivilgesellschaftlichen Perspektive her, ist daher eine grundsätzliche Utopiekritik ausformuliert worden, die Zweifel daran aufkommen lässt, ob Utopien sozialwissenschaftlich weiterführend sind [vgl. Waschkuhn: 179]. Zu den bedeutsamsten und heftigsten Utopiekritikern gehört Karl Raimund Popper, der einen Kausalzusammenhang zwischen Utopien und Gewalt identifizierte. Er kritisierte grundsätzlich die Finalitätsauffassung von Utopien - die Fixierung auf bestimmte politische Endziele. Der Umsetzungsversuch einer Utopie führe nach Popper zwangsläufig zu einem totalitären System, welches nur durch Gewalt aufrechterhalten werden könne [vgl. Waschkuhn: 183]. Sein negativ-normatives Utopieverständnis führte ihn zu der Behauptung, das „geschlossene System“ Utopias sei stets selbst totalitär, die Sehnsucht danach bedeute nichts anderes als Heimweh nach der Sicherheit des archaischen Rituals und Flucht aus der Zivilisation [vgl. Seeber: 239 f.].

Selbst in der soziologischen Variante als „geschichtsmächtiges Geschehen“, das die Lebenswirklichkeit durch „Gegenwirkung in der Richtung der eigenen Vorstellung“ [Mannheim: 169] transzendiert, ist die Utopie durch die normative Vorstellung eines kommunikativen und „herrschaftsfreien“ Handelns verdrängt worden, das Mehrheiten durch Überzeugung bildet und gesellschaftlich produktive Sinnmuster im Prozeß der wechselseitigen Erkundung konträrer Ansichten schafft [Habermas zit. nach Pordzik: 9]. Die konkrete utopische Praxis wird abgelehnt und durch die „dynamisch-intersubjektive“ Praxis ersetzt .

In der Literatur vollzog sich der Wechsel von einer positiven zu einer negativen Rezeption der Utopie im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert. Waren bis dahin alle (literarischen) Utopien als ideale Gesellschaftsentwürfe konzipiert, trat im Zuge der Industrialisierung ein verstärktes Aufkommen von sogenannten negativen Utopien (Dystopien - von griechisch dys-: schlecht) hervor, welche eine schwarze Zukunftsvision zeichneten und so vor bestimmten, bedrohlich wirkenden gesellschaftlichen Zuständen und Entwicklungen warnen wollten. So kann mit Norbert Elias festgestellt werden, dass „das Anwachsen negativer Utopien im 20. Jahrhundert zum Teil ganz gewiß die echte Widerspiegelung eines Klimas der Furcht und der Angst ist, das in vielen Staatsgesellschaften (...) spürbar wächst“ [Elias: 146].

Utopien wie auch Dystopien sind demnach als Reaktion auf die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit ihrer Zeit zu verstehen. Die Intention ist in beiden Formen dieselbe: Kritikübung an den gesellschaftlichen Verhältnissen. „Jeder Entwurf einer idealen Gesellschaft ist automatisch eine Kritik der schlechten bestehenden; jede Formulierung idealer Verhältnisse klagt die gegenwärtigen an“ [Bode: 44]. Positive Utopien nehmen die Hoffnungen ihrer Zeit auf, die Kritik des schlechten Bestehenden wird vom beschriebenen Ideal hergeleistet, während negative Utopien die Bedrohungen und Ängste verarbeiten und das implizierte Ideal durch die satirische Extrapolierung des schlechten Bestehenden nur indirekt erschlossen werden kann [vgl. Bode: 49]. So ist die Gleichsetzung von Utopie und Ideologie, das schlechte Image der Utopie nicht zwangsläufig, sondern eher irreführend und, wie so oft, ein Definitionsproblem.

Der Politologe Arno Waschkuhn begreift Utopien allgemein „als Modelle sozialen und politischen Theoretisierens“ [Waschkuhn: i. V.]. Christoph Bode bringt den Utopiebegriff auf eine ebenso griffige, wie allgemeine Formel und bezeichnet die Utopie als „durchdachten Entwurf einer idealen Gesellschaft“ [Bode: 42]. Karl Mannheim sieht einen engen Zusammenhang zwischen utopischen Denkens und gesellschaftlichen Fortschritt: Utopien sind unter Umständen durchaus die Wirklichkeit von morgen, denn es gehört nach Mannheim zur Strukturform des modernen Entwicklungsprozesses, dass „im allmählichen Aktivwerden der sozialen Schichten deren geschichtstransformierendes Wirken zunächst nur dadurch zustande kam, dass sie sich stets mit jeweils differenten Formen der Utopie verbanden“ [Mannheim: 177]. Der Utopie muss es nach Mannheim gelingen, „die bestehende historische Seinswirklichkeit durch Gegenwirkung – zumindest im Gedankenexperiment- zu transformieren“. Utopien kommen also vor allem dann zum Zug, wenn Denken und Sein, Möglichkeiten und Wirklichkeit sich im krassen Missverhältnis befinden und das „historisch-gesellschaftliche Sein“ [Mannheim: 179] gesprengt und verändert werden muß. Eine Utopie, als Ausdruck und Wunsch einer „besseren Welt“, ist demnach der Nährboden, die gedankliche Basis gesellschaftlicher Umschwünge.

Der Philosoph Ernst Bloch erkennt, ähnlich wie Mannheim, in der Utopie die notwendige, wenn auch nicht hinreichende Grundlage der Hoffnung auf eine bessere Welt. Er definiert Utopie als „begriffene Hoffnung“, Hoffnung auf ein (noch) mögliches, noch nicht vereiteltes, von Menschen erarbeitetes Glück [Bloch: 728]. Bloch ist der Meinung, Utopien seien Ausdruck schöpferischer Phantasie, ideeller Aufbruch ins „Noch-nicht-Gewordene“, „die Vorhandenes in die zukünftigen Möglichkeiten seines Andersseins, Besserseins antizipierend fortsetzen“ [Bloch: 163]. Utopien „gehorchen einem sozialen Auftrag, einer unterdrückten oder erst sich anbahnenden Tendenz der bevorstehenden gesellschaftlichen Stufe“ [Bloch: 556]. Sie entsprechen also einer in der Realität angelegten Tendenz, die sich jedoch keineswegs in der Zukunft durchsetzen muss.

[...]


[1] Zur Geschichte und Entwicklung des Utopiebegriffes vgl. z.B. Seeber, S. 55-70, Waschkuhn: 1-14; Pordzik: 9-26; Bode: 42-56

[2] Exakter Titel: „Utopia – De optimo rei publicae statu de nova insula Utopia“

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638862974
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80025
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Brave World Welchen Beitrag Utopien Frage Möglichkeit Gesellschaft Transzendentalsoziologie Bedingung

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