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Minderheitensprachen in der DDR: Das Sorbische

von Martin Kragans (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Sprachgeschichte zu DDR-Zeiten – äußere Faktoren
Politische Faktoren
Schulpolitische Faktoren
Sozial-ökonomische Faktoren
Faktoren der Mobilität und der Massenmedien
2.2 Sprachwissenschaftliche Untersuchungen – deutsch-sorbische Interferenzen
und Transferenzen
Phonetische Interferenzen
Grammatische Interferenzen
Lexikalische Interferenz und Transferenzen
Isoglossen
Deutsche und sorbische Onomatopoetika und ihre Interferenzen
Onomastische Aspekte – Ortsnamen
Schwindende (lexikalische) Produktivität der niedersorbischen Sprache

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Sorbische[1] gehört - innerhalb aller slavischen Sprache - zur Gruppe der westslavischen Sprachen und steht selbstständig neben der lechitischen Gruppe[2] und dem Tschechischen und Slowakischen. Das Sorbische hatte und hat schon immer eine Randstellung innerhalb des slavischen sprachlichen Kontinuums innegehabt und grenzte im Westen und Südwesten an den germanischen Sprachraum - im Norden stattdessen an das Elb- und Ostseeslavische, im Südosten an das Tschechische und im Osten an das Polnische. Nur die Verbindung zu letzterer Sprache blieb die längste Zeit erhalten, der Kontakt zu den beiden übrigen Sprachen wurde durch die rasche Ausbreitung des Deutschen „recht früh endgültig unterbrochen.“[3] Beim Sorbischen handelt es sich demnach schon seit längerer Zeit um eine slavische Sprachinsel im deutschen Sprachgebiet der Nieder- und Oberlausitz im heutigen Bundesland Brandenburg.[4]

Für die Entwicklung von Kleinsprachen[5] wie etwa der des Sorbischen sind besonders äußere Faktoren zu berücksichtigen – nur ein geschichtlicher Rückblick, der politische, sozial-ökonomische und gesellschaftlich-religiöse Faktoren einbezieht, kann Aufschluss über die Genese und den gegenwärtigen Zustand einer Kleinsprache geben.

Bestimmend für die Entwicklung des Sorbischen ist die seit 1038 existente (und damit mittlerweile fast 1000-jährige) Zugehörigkeit des sorbischsprachigen Kerngebiets zu deutschen Staaten. Trotzdem herrschte weder eine politische noch eine kirchlich-konfessionelle Einheit. Häufige Herrschaftswechsel führten zu einer inkonsequenten Sprachenpolitik gegenüber den Sorben, aber auch zu einer gewissen inneren Selbstständigkeit der Lausitzer Stände. Komplexe territoriale Gliederungen und ausschließlich deutsche Städte mit natürlicherweise deutschem Sprachgebrauch im sorbischen Sprachgebiet drängten das Sorbische allerdings zurück.

Nach der Reformation hatte auch der Glaubensgegensatz zwischen Reformierten und Katholiken einen starken Einfluss auf die Entwicklung des sorbischen Kleinsprache. Beide Kirchen (einer reformierten Mehrheit vornehmlich im niedersorbischen Sprachgebiet stand eine katholische Minderheit vornehmlich in der Oberlausitz gegenüber) sahen sich gewissermaßen gezwungen, „aus Angst vor Glaubenswechseln, sprachliche Toleranz zu üben.“[6]

Auch die geographische Lage des sorbischsprachigen Kerngebiets spielte für das Sorbische eine Rolle. Es lag abseits wichtiger Verkehrswege und war damit schlecht zugänglich; dieser Umstand führte dazu, dass die Industrialisierung nur zögerlich in jene Gebiete vordrang. Doch schließlich: „Die Eröffnung von Eisenbahnlinien führte dann auch zu verstärkter Germanisierung.“[7] Schließlich kommt noch verstärkend hinzu, dass schon ab dem 17. Jahrhundert zum Teil durch die Ansiedlung deutschsprachiger Kolonisten die sorbische Sprecherzahl kontinuierlich schrumpfte.[8]

Im Allgemeinen lässt sich sagen: Das gesamte Gemeinwesen – Staat, Kirche und Schule, die vom Staat oder der Kirche unterhalten wurde – war eindeutig deutschsprachig konzipiert. Das Sorbische spielte nur (noch) im Umgang mit den Sorben eine Rolle; damit wurden auch Sprachwechsel (etwa im Zusammenhang beruflicher Anforderungen) immer häufiger; diese führten zumeist zumindest zur Zweisprachigkeit.

Gesetzliche Schutzbestimmungen für die sorbische Sprache gab es zunächst in der Weimarer Republik; Ausführungsbestimmungen gab es allerdings keine.[9] Darüber hinaus lag es de facto nicht in der Absicht von Preußen und Sachsen, dem Sorbischen zu einer Ausbreitung zu verhelfen. Stattdessen verfolgte man eher „die Stärkung der Deutschtumsarbeit in den wendischen Gebieten“[10].

1937 schließlich – eine Politik der absoluten Verdrängung des Slavischen aus dem öffentlichen Leben setzte unter der nationalsozialistischen Herrschaft ein – wurden sorbische Publikationen und Organisationen verboten; ebenso wurde es angedacht die sorbischen Namen wieder einzudeutschen.

Wie gesehen, ist eine wechselvolle Geschichte positiver wie negativer sich auf das Sorbische auswirkender äußerer Faktoren seit spätestens 1038 zu konstatieren (ganz abgesehen von den mannigfachen Entwicklungen innerhalb der Sprache, wie zum Beispiel der Entwicklung von sprachlichen Standards des Nieder- wie des Obersorbischen[11] ).

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der DDR als vorgelagertem kommunistischem Satellitenstaat des Sowjetimperiums wurde ein ganz neues Kapitel in der Geschichte der Sorben innerhalb Deutschlands aufgeschlagen. Wie und in welcher Form das geschah, soll im nun folgenden Hauptteil untersucht werden.

2. Hauptteil

2.1 Sprachgeschichte zu DDR-Zeiten – äußere Faktoren

Nicht anders als in den letzten über 900 Jahren nach 1038 sind auch nach 1945 vor allem äußere Faktoren bestimmend für die Entwicklung des Sorbischen gewesen: veränderte ökonomische und soziale Strukturen, eine zunehmende Öffnung des Sprachgebiets durch erhöhte Mobilität (und politischen Wandel), die Wirkung moderner sprachlicher Medien, eine sich verändernde Einstellung zum Sorbischen sowohl im, wie auch außerhalb des eigentlichen Sprachgebiets und schließlich eine radikal umgestaltete Staatspolitik mit all Ihren Implikationen und Konsequenzen.

Nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches war der Weg frei für eine neue Entwicklung der sorbischsprechenden Minderheit in Ober- und Niederlausitz – die Vorzeichen für eine positive Entwicklung standen gut, denn schließlich handelte es sich beim Sorbischen um eine slavische Brudersprache des Russischen. Ein entsprechender Schutz und angemessene Förderungen waren demnach abzusehen und wurden auch tatsächlich realisiert. Trotzdem setzte mit dem Jahr 1945 eine Entwicklung ein, die sich eher negativ auf den Bestand des Sorbischen auswirkte.

Politische Faktoren

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Einstellung zur Sorbischen Sprache grundlegend. Durch die neue Zugehörigkeit zu einem sozialistischen Staat, der einem slavisch dominierten Bündnis angehörte, entwickelten sich positive Veränderungen in allen Bereichen des staatlichen Lebens (offizielle und öffentliche Anerkennung und Förderung, Schulwesen), ausgenommen der kirchliche Sektor. „Das Sorbische kam relativ bald innerhalb der Sowjetischen Besatzungszone in den Genuß kompensatorischer Förderung (...).[12] So wurde es zum Beispiel häufiger in der Öffentlichkeit betont; und dieses nicht nur im sorbischsprachigen Gebiet. Trotzdem: Das Bekenntnis zum Sorbentum musste in der Öffentlichkeit immer an das Bekenntnis zum Sozialismus gebunden sein. Dieser Umstand stand der Entwicklung eines eigenständigen sorbischen Bewusstsein entgegen. Außerdem darf auch nicht vergessen werden, dass es in der deutschen Bevölkerung antisorbische Tendenzen gab und gibt.[13] Diese (auch politischen) Faktoren waren dem Sorbischen so abträglich, wie auch der kirchenpolitische Kurs der DDR: Die Politik der DDR – bekanntlich areligiös bis antireligiös – marginalisierte das kirchliche Leben. Da die Kirche aber als zuverlässigste Trägerin des Sorbischen galt, die Niedersorben die sorbische Standardsprache hauptsächlich aus dem kirchlich-geistlichen Unterricht kannten und die Kirche auch für die Obersorben ein wesentliches Element ihres Selbstverständnisses waren, wirkten sich die allgemein erschwerten Arbeitsbedingungen infolgedessen auch sprachlich negativ aus.

Nichtsdestotrotz kam den Sorben nach 1945 eine besondere Förderung zugute: Nach fruchtlosen Bestrebungen vonseiten der Sorben, sich 1945 und 1947 der Tschechoslowakei mit weitgehender innerer Autonomie anzuschließen, konzedierten zunächst das Land Sachsen und später auch die gesamte DDR den Sorben eine explizite Anerkennung und Förderung.[14] Die Ländererlasse sahen im Einzelnen folgende Förderungsmaßnahmen vor: In den sprachlich gemischten Gebieten wurde das Sorbische als Amtssprache zugelassen. Bei der Besetzung von Staatsstellen wurde Parität vorgeschrieben; darüber hinaus wurden auch verschiedene Amtsstellen eingerichtet, die die ausdrückliche Förderung des Sorbischen zur alleinigen Aufgabe hatten. Speziell in Sachsen (dem Kerngebiet der Lausitz) wurde das Sorbische auch als Gerichtssprache zugelassen[15] ; außerdem wurde mit der entsprechenden Durchführungsbestimmung auch die Zweisprachigkeit von öffentlichen Beschriftungen und die Re-Sorbisierung von Namen autorisiert. De facto entwickelte sich das Sorbische aber nie zu der Art von Amtssprache, wie dies im Allgemeinen verstanden wird.[16] Lediglich Eingaben wurden auch in sorbischer Sprache entgegen genommen. Bekanntmachungen dagegen wurden nach den Angaben von Marti nicht ins Sorbische übersetzt – auch über die tatsächliche Aktivierung des Sorbischen vor Gericht oder die Parität bei der Stellenbesetzung liegen Marti keine Angaben vor.[17] In einer Veröffentlichung der Domowina – dem zentralen Organ der Sorben – aus dem Jahre 1979 wurde dieser Tatbestand wie folgt formuliert: „Unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen beginnen sich heute zwischen dem Sorbischen einerseits und dem Deutschen andererseits qualitativ neue Beziehungen herauszubilden. Es kommt zu einer Art Funktionsaufteilung zwischen den in der Ober- und Niederlausitz gesprochenen sorbischen Sprachen und der deutschen Sprache. Der überwiegende Teil der staatlichen und politisch-gesellschaftlichen Tätigkeit auf Kreis- und Gemeindeebene erfolgt in deutscher Sprache (...) In deutscher Sprache erfolgen auch die meisten amtlichen Bekanntmachungen sowie die amtliche Korrespondenz. Das schließt natürlich nicht aus, dass in einzelnen Fällen in Ansprachen und Diskussionsbeiträgen sowie bei Eingaben von Bürgern an die staatlichen Institutionen auch die sorbische Sprache verwendet wird.“[18]

[...]


[1] Im Folgenden meint der Terminus „das Sorbische“ sowohl die nieder- wie auch die obersorbische Ausprägung dieser slavischen Sprache; diese Vereinfachung wird vorgenommen, weil es in der vorliegenden Arbeit nicht von Bedeutung ist, die eine von der anderen Varianz zu unterscheiden. Näheres dazu lässt sich aus dem gesamten Kontext erschließen.

[2] Polnisch sowie Elb- und Ostseeslavisch

[3] Marti, Roland: Probleme europäischer Kleinsprachen. Sorbisch und Bündnerromanisch, München 1990, S. 22 (künftig: Marti, 1990, S. xy)

[4] Siehe Marti, 1990, S. 21ff

[5] Der Terminus wird von Marti durchgängig verwandt. In der vorliegenden Arbeit ist er synonym mit dem Terminus „Minderheitensprache“ zu verstehen.

[6] Ebd., S. 29

[7] Ebd

[8] Siehe Marti, 1990, S. 29ff

[9] Siehe Marti, 1990, S. 42f

[10] Marti, 1990, S. 43

[11] Siehe Marti, 1990, S. 21ff

[12] Marti, 1990, S. 54

[13] Marti, 1990, S. 56

[14] Gesetz zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung vom 23. März 1948 mit Durchführungsverordnung vom 11.1.1951, Regierungsverordnung zur Förderung und Entwicklung der sorbischen Kulturbestrebungen vom 12.9.1950, Verfassung der DDR von 1949 § 11 und 1960 § 40.

[15] § 5 – mit Gerichtsverfassungsgesetz der DDR vom 2.10.1952 § 73 auch auf das ganze sorbische Gebiet ausgedehnt.

[16] Nur im katholischen Gebiet spielte das Sorbische noch eine Rolle auf Gemeindeebene.

[17] Marti, 1990, S. 56

[18] Die Sorben 1979, 143, zitiert nach Marti, 1990, S. 56

Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638862967
ISBN (Buch)
9783638904193
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v80024
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Deutsche Philologie I
Note
2,0
Schlagworte
Minderheitensprachen Sorbische DDR-Deutsch Deutsch

Autor

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    Martin Kragans (Autor)

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