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Die Mechanismen der Übergangsentscheidung von der Primarstufe zur Sekundarstufe I

Eine Analyse der Bedingungen sozialer Selektivität sowie der individuellen Entscheidungsdispositionen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 25 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Institutioneller Rahmen für den Schulübertritt in der BRD
2.1 Soziale Selektivität und Bildungsungleichheit

3 Die Logik individueller Bildungsentscheidungen
3.1 Drei Ebenen der Bildungsentscheidungen
3.2 Der primäre Effekt der Sozialschichtzugehörigkeit
3.2.1 Das kulturelle Kapital als Ressource sozialer Herkunft
3.2.2 Das soziale Kapital
3.3 Der sekundäre Effekt der Sozialschichtzugehörigkeit

4 Empfehlungen und Entscheidungen
4.1 Effekte des sozialen Hintergrundes bei Übergangsentscheidungen
4.2 Bildungsaspirationen der Eltern
4.3 Entscheidungsschritte differenziert nach sozialer Herkunft

5 Fazit

Literatur

Internetrecherche

1 Einleitung

Mit dieser Arbeit werden die Bedingungen für den Übergang von der Primarstufe zu weiterführenden Schultypen der Sekundarstufe I im Schulsystem der BRD analysiert. In diesem Zusammenhang werden insbesondere die Effekte des sozialer Hintergrundes von Schullaufbahnen und Übertrittsentscheidungen genauer beleuchtet. Von besonderer Relevanz sind dabei die Einflussmechanismen bezüglich der Bildungsentscheidungen am Ende der Primarstufe. In diesem Kontext werden empirischen Daten in Verbindung mit einem mikrosoziologischen Entscheidungsmodell erläutert und mit Hilfe von Daten einer Längsschnittstudie aus Bayern exemplifiziert, um die Übergangsmechanismen von Primarstufe zur Sekundarstufe I genauer zu untersuchen.

Die institutionelle Schnittstelle zwischen beiden Schulstufen unterliegt einer Selektionsentscheidung an der Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrer zu unterschiedlichen Gewichten beteiligt sind. Aktuell vollzieht sich in NRW durch das neue Schulgesetz, welches am 22. Juni 2006 verabschiedet wurde und seit dem ersten August 2006 in Kraft getreten ist, eine Änderung der Übergangspraxis von der Grundschule zu weiterführenden Schulen.

Die Zuweisung zu einer weiterführenden Schulform, lässt zukünftig für NRW Konflikte zwischen den Aspirationen der Eltern/Kinder und den Lehrkräften/Institutionen erwarten.

Im Hinblick auf die gesamte Schullaufbahn an weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I hat die Wahl der weiterführenden Schulform nach der Primarstufe eine besonders hohe Bedeutung.

Speziell die frühe Selektion nach vier Jahren Grundschule gilt im internationalen Vergleich als eine frühzeitige Weichenstellung, die im Nachhinein nur schwer zu korrigieren ist, obwohl im weiteren Schulbesuch formal ein Schulformwechsel auf jede der vier weiterführenden Schularten nicht ausgeschlossen wird.

Das Nadelöhr zwischen Sekundarstufe I und Primarbereich bildet bundesweit eine Schnittstelle, die für alle Beteiligten eine komplexe Entscheidungssituation darstellt.

2 Institutioneller Rahmen für den Schulübertritt in der BRD

Für den Übergang von der Primarstufe zur Sekundarstufe I bestehen in der BRD bundesweit unterschiedliche Erlasse der jeweiligen Schulaufsichten bezüglich der Handhabung einer Schulstufenübertrittsregelung.

Die öffentlich-rechtliche Grundlage für diese Praxis begründet sich in der Kulturhoheit der einzelnen Bundesländer.

Im Oktober 1949 entschlossen sich sie die Kultusminister aller Länder erstmalig zu einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft, der Kultusministerkonferenz (KMK). Damit wurde ein Verständigungsgremium eingerichtet, um die kulturellen, bildungspolitischen Belange zwischen den Ländern zu koordinieren. Bildungspolitische Angelegenheiten werden im Schulausschuss der KMK debattiert und als einstimmig gemachte Beschlüsse den Ländern vorgelegt.

Die gefassten Beschlüsse werden in den meisten Fällen mit präjudizierter Verbindlichkeit von der Exekutive der einzelnen Ländern übernommen. (Vgl. Leschinsky, S.161) Eine Präambel der Geschäftsordnung bezeichnet die Aufgabe der KMK als „Angelegenheiten der Kulturpolitik von überregionaler Bedeutung mit dem Ziel einer gemeinsamen Willensbildung und zur Vertretung gemeinsamer Anliegen“ (KMK, 2005, S.1, zitiert nach Leschinsky, 2005, S.161) Für die weiterführenden Schulartenempfehlung seitens der Schulen lässt die KMK offen, ob diese als Grundlage für die endgültige Entscheidung, oder lediglich als Entscheidungshilfe für den weiteren Bildungsgang der SuS verbindlich ist(vgl. KMK, 2003, S.7).

Die Mehrheit der Länder praktiziert eine vierjährige Grundschule, lediglich in Brandenburg und Berlin erfolgt der Übergang in die Sekundarstufe I erst nach einer sechsjährigen Grundschulzeit (vgl. Beck, 2005, S.56).

Aktuell behalten sich fünf Bundesländer die Entscheidung für den Übertritt in die jeweilige Schulform der Sekundarstufe I vor, indem der Übertritt an das Erreichen eines Notenspiegels oder an ein Gutachten gekoppelt wird. In Baden Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen und seit dem 1. August 2006 in NRW liegt die letzte Entscheidung für die Anmeldung zu einer weiterführenden Schule also nicht bei den Eltern (vgl. Einsiedler, 2005, S.296).

Lediglich in einigen Fällen werden Übergangsentscheidungen zum Gegenstand richterlicher Entscheidungen, da grundsätzlich dem elterlichen Erziehungsrecht in der BRD ein hoher Stellenwert eingeräumt. Ein Scheitern eines Schülers, einer Schülerin und die damit verbundenen möglichen psychologischen Folgewirkungen soll eher in Kauf genommen werden, als der vermeintliche Irrtum den Schüler, die Schülerin an einem anspruchsvollerem Curriculum nicht teilnehmen zu lassen. (vgl. Cortina/ Trommer, 2005, S. 356).

In den übrigen elf Ländern haben die Eltern a priori einen stärkeren Einfluss auf die Entscheidung der Wahl einer weiterführenden Schule.

Generell berücksichtigen ohnehin Dreiviertel der Eltern bundesweit die Empfehlung der Grundschule bei der Anmeldung zu einer der drei weiterführenden Schulformen: Hauptschule, Realschule, oder Gymnasium, die Gesamtschule ausgenommen. (vgl. Cortina/ Trommer 2005, S.357)

2.1 Soziale Selektivität und Bildungsungleichheit

Mit dem Blick auf einen Teilbereich der Makrostruktur des Schulsystems der BRD wurden die institutionellen Rahmenbedingungen für den Schulstufenübertritt skizziert. Innerhalb des Schulsystems handeln wiederum individuelle Akteure, nämlich Eltern, Kinder und Lehrkräfte. Im folgenden soll genauer untersucht werden, unter welchen Bedingungen sich Bildungsentscheidungen auf der Mikroebene zu spezifischen Bildungsverläufen verdichten.

Insbesondere an den Scharnierstellen des Bildungssystems finden Selektionsprozesse statt die genauer betrachtet werden sollen.

Diese Übergangspunkte werden auch als sequentieller Entscheidungsprozess interpretiert, da sie institutionell festgelegt werden (vgl. Maaz, 2006, S.300). Der Zugang zu den weiterführenden Schulen ist verbunden mit einem hohem Maß an sozialer Selektivität. Aus diesem Grund sollen nun die Wirkungsmechanismen sozialschichtabhängiger Bildungsbeteiligung erörtert werden.

3 Die Logik individueller Bildungsentscheidungen

3.1 Drei Ebenen der Bildungsentscheidungen

Für die individuellen Bildungsentscheidungen von SuS lässt sich ein Mikroschema individueller Entscheidungsmechanismen nach einem Wert-Erwartungs- oder auch Kosten-Nutzen-Modell generieren.

In diesem Zusammenhang ist der mikrosoziologische Ansatz zur Wahl von Bildungswegen ein wichtiges theoretische Modell, auf dessen Grundlage die Beziehung von Bildungsungleichheit und sozialer Herkunft hergeleitet werden soll.

Demzufolge vollziehen sich Bildungsentscheidungen aus einem inneren Bezug zwischen den drei Ebenen:

1. Der schulischen Leistungen der SuS.
2. Dem familiären Entscheidungsverhalten.
3. Den Selektionsmechanismen des Bildungssystems.

Zunächst erfolgt in den meisten Fällen die Auswahl einer weiterführenden Schule auf der Basis einer individuellen Entscheidung der SuS und der Eltern. Worauf gründen nun diese Entscheidung? Ist die Leistung der SuS ausschlaggebend, falls ja, sind die schulischen Leistungen und die folgenden Bildungswegentscheidungen Resultate sozioökonomischer Implikationszusammenhänge?

Die Beteiligten des Entscheidungsprozesses, die SuS und die Eltern, haben formal verschiedene Wahlmöglichkeiten.

Diese Entscheidungen nähren sich jedoch aus unterschiedlichen sozialschichtspezifischen Bildungsaspirationen und dementsprechenden schulischen Leistungen, so dass die Bildungsaspirationen und Schulleistungen sich letztlich auch in den unterschiedlichen Bildungsentscheidungen wieder spiegeln. (Vgl. Maaz, 2006, S.302)

Entscheidungen für den weiteren Bildungsweg sind demnach gekennzeichnet von sozialschichtspezifischen Bildungsentscheidungen/ -leistungen.

Den schulischen Selektionsmechanismen liegen normierte Übergangsbestimmungen zugrunde, welche sich für die Bundesländer grob aufgeteilt in die dichotomen Ausprägungen von Verbindlichkeit der Schulempfehlung bis zu Entscheidungshilfe der Schulempfehlung kennzeichnen lassen. Ebenso verstärkt die Struktur eines mehrgliedrigen Bildungssystems, zusätzlich die schulischen Selektionsprozesse.

Für die individuellen Entscheidungen der SuS oder auch der Eltern sind verschieden Aspekte relevant. Ausschlaggebend für die Ausprägung individueller Bildungsentscheidungen ist jedoch ein komplexer Wirkungszusammenhang verschiedener Faktoren, wobei die soziale Herkunft dabei eine entscheidende Rolle spielt.

Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht ist geprägt von der jeweiligen familiären Ausstattung der drei Kapitalformen, ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital und soziales Kapital (vgl. Bourdieu, 1992, S.208).

3.2 Primärer Effekt der Sozialschichtzugehörigkeit

Eine grundsätzliche Unterscheidung ist die Aufteilung zwischen primären und sekundären Effekten der Sozialschichtzugehörigkeit.

Die primären Herkunftseffekte beschreiben die schulischen Leistungen der Kinder und Jugendlichen und bewirken ein unterschiedliches Kompetenzniveau unter Berücksichtigung der Sozialisation im Elternhaus, bedingt durch die sozioökonomische Lage. Bei der Berücksichtigung der Ressourcen, welche ausschlaggebend sind für die schulische Perfomanz(Primäre Effekte), werden neben genetischen und ökonomischen vorrangig nichtmonetäre Ressourcen berücksichtigt. Dies sind das kulturelle und soziale Kapital in Anlehnung an Bourdieu. Die Kombination dieser sozioökonomischen Faktoren in Verbindung mit dem Schulerfolg werden in der PISA 2000 Studie auch als sozialer Gradient beschrieben.

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Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638857468
ISBN (Buch)
9783638855495
Dateigröße
1010 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79798
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Pädagogik
Note
1,7
Schlagworte
Mechanismen Primarstufe Sekundarstufe Beitrag Large Scale Assesments Schulentwicklung

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Titel: Die Mechanismen der Übergangsentscheidung von der Primarstufe zur Sekundarstufe I