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Leben als Suche nach dem Glück (Entwurf einer Unterrichtseinheit für die Klassen 9 - 12)

Unterrichtsentwurf 2007 22 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhalt

1. Was ist Glück? - Ansätze zu einer Bestandsaufnahme

2. Bedingungsanalyse
2.1 Organisatorische Rahmenbedingungen für die Unterrichtsreihe
2.2 Anmerkungen zur Schülergruppe

3. Entwurf der Unterrichtseinheit
3.1 Begründung der Themenauswahl und didaktische Strukturierung
3.2 Grobgliederung und Groblernzielformulierung
3.3 Verlauf der Unterrichtsreihe
3.3.1 Be happy, don't worry -Das Phänomen Glück in unserem Alltag
3.3.2 Verweile doch, du bist so schön – Der glückliche Augenblick
3.3.3 Gestaltete Mitte – das glückliche Leben
3.3.4 Forrest Gump – ein moderner Hans im Glück

Literaturverzeichnis

Es gibt Sehnsüchte, die nicht altern. Sie werden höch-stens einmal, von Zeit zu Zeit, unmodern und dann wieder, von Zeit zu Zeit, modern. Zu diesen ewig Jun-gen, Uralten gehört das Glück.

Babylonier, Juden, Inder, Griechen, Römer, Araber, Perser, Byzantiner und viele Glückliche und viele Un-glückliche im Jahrtausend danach haben über das Glück-lichsein nachgedacht. Und heute denkt wieder Einer nach. Und morgen wird wieder Einer nachden-ken. Und nur die Gedankenlosen sagen: Glück ist nichts als eine Vokabel.

(Ludwig Marcuse)

1. Was ist Glück? - Ansätze zu einer Bestandsaufnahme

„Die Frage nach dem Glück, eine uralte Menschheitsfrage, wird heute mit neuer Dringlichkeit ge­stellt.“[1] Dies spiegelt sich nicht nur darin, dass sich nicht nur die wissenschaftliche, d.h. sowohl die philosophische, soziologische, psychologische als auch die theologische, Diskussion dem Phänomen Glück zugewendet hat, sondern dass der Begriff auch in unserer Alltagswelt eine ungeheure Aus­weitung erfahren hat. So gibt es eine ganze Fülle von Literatur unterschiedlichster Couleur, die sich des Themas angenommen hat: Im Internet werden unter dem Motto „Glück ist kein Zufall“[2] Wege zum Glück aufgezeigt, ein Glücksarchiv beinhaltet angeblich „Alles zum Thema ,Glück‘ [3], in Mün­chen hat sich ein „Institut für Glücksforschung und Glückswissenschaft“[4] gegründet, das mit einer 2005 erschienenen TIME-Seite mit dem Titel „Die Glückswissenschaft boomt“ auf sich aufmerk­sam macht – um nur einige Beispiele zu nennen; und die Werbung schließlich nutzt die menschliche Sehnsucht nach einem glücklichen Leben für alle Arten von Produkten schamlos aus.

Angesichts dieses inflationären Umgangs mit dem Thema, der es zunächst auch außerordentlich schwierig macht, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden, soll als erstes versucht wer­den, zum Kern des Begriffs Glück vorzudringen. Schaut man in ein etymologisches Wörterbuch, so stößt man auf die Auskunft, dass der Begriff in der deutschen Sprache seit dem 12. Jh. bezeugt und seine Herkunft dunkel sei. Zu dieser Zeit sei er neben das ältere Wort heil getreten, das unter dem Einfluss des Christentums auch eine christlich-religiöse Konnotation gewonnen habe. Der Begriff Glück hingegen, abgeleitet aus mhd. g(e)lücke bzw. mnd . (ge)lucke, erscheint eher in einer heid­nisch-profaneren Bedeutung von Geschick, Zufall, Schicksal, günstiger Ausgang, Festsetzung, Be­stimmung, Beschluss.[5] Als verbindendes Element beider könnte man zunächst herausstellen, dass sie den Charakter des Nicht-selbst-Bewirkten, Unverdienten, der Zufälligkeit des Ereignisses oder Zu­standes tragen. Blickt man auf unsere heutige Umgangssprache, so würde sich das Gesagte mit dem Ausdruck Glück haben verbinden lassen. Wer das Richtige für eine Prüfung gelernt hat, wer einem Unfall unverletzt entkommt, wer im Lotto gewinnt, der hat Glück gehabt. Doch: Wer einmal Glück hat, muss es nicht dauerhaft halten; schon manchen hat ein Glückslos ins Unglück gestürzt.

Das Gegenteil davon veranschaulicht uns das Märchen von Hans im Glück. Hans hat sein Gold, das er für treue Dienste bei seinem Herrn bekommen hat, zuerst gegen ein Pferd, dann das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und schließlich die Gans gegen einen Stein eingetauscht. So hatte er am Ende, objektiv gesehen, alles verloren, was er besaß, sub­jektiv gesehen jedoch war er zum Glückspilz geworden: Von dem schweren Stein befreit, sprang er nun „mit leichtem Herzen und frei von aller Last (...) fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.

,So glücklich wie ich‘, rief er aus, ,gibt es keinen Menschen unter der Sonne‘.“[6] Hier stoßen wir auf eine zweite grundlegende Bedeutung des Begriffs: auf das Glücklich-Sein, das mit dem Glück-Ha­ben nicht identisch sein muss . Auch hierzu lässt sich eine etymologische Wurzel finden, denn der Ausdruck g(e)lücke könnte auch mit der Bedeutung „eine Lücke schließen und, daraus abgeleitet,: etwas gut beenden“[7] zusammenhängen. Vergleicht man die deutsche Sprache mit anderen europäi­schen Sprachen, so zeigt sich im Hinblick auf den Glücksbegriff ihre Einfachheit. „Die deutsche Sprache muss für Glück haben und Glück empfinden mit einem Begriff auskommen. Andere euro­päische Sprachen unterscheiden stärker, das Englische etwa in luck und happiness. Und das Sans­krit, die Sprache Indiens, kennt gar ein gutes Dutzend Wörter für die verschiedenen Weisen, Glück zu empfinden.“[8]

„Angesichts der so nur in der deutschen Sprache vorgegebenen Mehrdeutigkeit des Wortes Glück – a) Glück als unverfügbarer äußerer Zufall, b) als Summe äußerer Glücks-Güter, also als Glück, das man hat, sowie c) Glück als seelische Binnenbefindlichkeit – ziehen es gegenwärtige Glücksphilo­sophen vor, wenn sie das höchste Gut im Sinne der Alten thematisieren, statt von Glück und Glück-Seligkeit eher von einem erfüllten und gelingenden Leben zu sprechen.“[9] Denn „die Alten verstan­den unter eudaimonia, unter Glück oder Glück-Seligkeit, das höchste durch eine gute Lebenspraxis zu erreichende Gut“,[10] das jedoch in den verschiedenen philosophischen Schulen unterschiedliche Gestalt annahm. Eine besondere Bedeutung kam dem Glücksbegriff in den die Ethik stark ins Zen­trum rückenden hellenistischen Schulen zu: Während das Glücksverständnis der Stoa im Kern da­rauf hinauslief, sich von den Wechselfällen des Lebens und des Schicksals gänzlich frei zu machen und zu einer ruhigen und erhabenen Heiterkeit des Gemüts (αταραξία) zu gelangen, strebte der Epi­kureismus besonders das Erleben von Lust (ηδονή) an, die jedoch – anders als heute – verstanden wurde im Sinne von innerer Zufriedenheit, „leiblichem und seelischem Wohlbehagen“[11]. Noch einen anderen Akzent setzten die Kyniker, wenn sie in der Bedürfnislosigkeit den einzigen Weg zur Glückseligkeit sehen. „Wer einmal dieses selige Gefühl des Losgelöstseins von allem Besitz, von al­ler Sorge um ihn und von allem Wünschen und Begehren erfahren hat, der wird auf diesem Weg im­mer weiter voranschreiten“[12], sagt Diogenes. Die verbreitetste Richtung, deren herausragender Ver­treter Aristoteles war, sah die Erfüllung eines dauerhaften, tiefer begründeten Glücks in einem Le­ben gemäß der αρετή, der Tugend[13]. Übersetzt in heutige Sprache würde das bedeuten: „Eine ge­konnte und beherrschte, mit ausgebildeter Vernunft vollzogene Lebenstätigkeit“[14] verbürge Glückse­ligkeit. Will man also glücklich werden, müsse man eine bestimmte Lebensform wählen und diese dann auch verwirklichen. Das Werk, das daraus hervorgehe, mache Glück erfahrbar. Dazu kommen aber noch weitere Faktoren: Ein ganz wesentlicher Aspekt sei das Leben in sozialer Verflochtenheit, „denn in der Freundschaft vor allem wird das Glück verwirklicht“.[15] Diese könne aber nur von Men­schen gelebt werden, die mit sich selbst eins seien, sich selbst akzeptierten. Schaut man genauer hin, worin nach Aristoteles das Glück besteht, so sieht man dreierlei Arten von Gütern: seelische wie Weisheit, Tugend, Freude, Lust; körperliche wie Gesundheit und Schönheit, die aber eher als Hilfs­mittel und Werkzeuge zur Erlangung von Glück betrachtet werden; und gute äußere Umstände wie gesellschaftlicher Einfluss, eine wohlgeratene Familie, Nachkommenschaft usw. Da Aristoteles das so verstandene Glück – zumindest in einem gewissen Grad – für einübbar und für bewusst gestaltbar hält, ist es eine spezifisch menschliche Fähigkeit, die nicht nur punktuell vorhanden sein, sondern ein ganzes Leben lang bis zu einem vollendeten Lebensende andauern sollte. Weiter ist unter erfüll-tem Leben zu verstehen, dass es auch Negatives und Schicksalsschläge integriert. Dieser zwischen Glück und Erfolg changierende Begriff ist hinsichtlich seines religiösen Ursprungs noch transparent, was bereits in der Bezeichnung eudaimonia – einen guten Dämon, einen Mittler zwischen Mensch und kosmisch gedachtem Gott, in sich haben – deutlich wird. „Das Glück durchbricht die Begrenzt-heit der Endlichkeit und lässt das endliche Wesen teilhaben an der Erfahrung der Unendlichkeit.“[16]

Von hier aus lässt sich der Schritt in den christlichen Eudaimonismus hinein tun. Thomas von Aquin beispielsweise hat die heidnisch-antike Lebenslehre aufgegriffen, in begrenztem Maße akzeptiert, aber insofern überboten, als er betont, dass erst im Jenseits die wahrhaft vollendete Seligkeit erreicht werden könnte. Schaut man in die einschlägigen theologischen Lexika, so scheint Glück kein Thema biblischer Theologie zu sein.[17] Dennoch gibt es schon in der Hebräischen Bibel grundsätzliche Ge­danken zu diesem Thema: etwa in den weisheitlichen Sprüchen, wo das Glück als Ergebnis be­stimmter, als weise geltender Verhaltensweisen wie Langmut, Güte usw. gilt[18] ; dann auch in den Ja­kobsgeschichten und in den prophetischen Weissagungen, wo es als Segen und Verheißung er­scheint.[19] „Aber immer wieder kommt das menschliche Nachdenken über die Bedingungen des Glücks zu dem Ergebnis, dass in der Furcht des Herrn alles Glück begründet ist.“[20] Da die Glückli­chen im Ersten Testament immer zum Stamm Israel gehören, geraten alle Entwürfe des Glücks mit der Exilgeschichte des Stammes in eine tiefe Krise. „Die Verheißungen blieben unerfüllt. Und das Nachdenken über die Weisheit musste zu dem Schluss kommen, dass die Gottesfrucht keineswegs zum Glück führt (Hiob, Pred). Das Verlangen nach Glück, wie es sich in den Geschichten vom Se­gen Gottes, in prophetischen Verheißungen und weisheitlichen Gedanken niederschlug, schien durch die Erfahrung widerlegt.“[21] Diese Erfahrung ist im Neuen Testament, in dem 43-mal Men­schen mit einer makarios- Konstruktion glücklich gepriesen werden, vorausgesetzt. Am berühmtes­ten ist der Katalog von Glücklich- bzw. Seligpreisungen in der Bergpredigt bei Matthäus (5,3-10) und der Feldrede bei Lukas (6,20-23). Hinsichtlich deren Auslegung streiten sich die Interpreten, ob sie vom menschlichen Glück im Hier und Jetzt handeln oder ein prophetisch-apokalyptisches Bild einer zukünftigen Heilszusage entwerfen. Sinnvoll erscheint mir eine Verbindung beider Aspekte, wie sie Gerd Theißen z.B. leistet, wenn er auf die Frage, ob geistiges Heil und irdisches Glück ein Widerspruch seien, sagt: „Zwei Beobachtungen sprechen dagegen: Wenn Jesus vom Heil redet, ge­braucht er Bilder menschlichen Glücks: Das Heil ist wie ein Schatz im Acker, eine kostbare Perle (...). Ferner: Das Heil ist mit der Aufhebung negativer Erfahrungen verbunden: Jesus heilt Kranke, gibt Speise, verschafft sozial deklassierten Menschen Anerkennung. Das Heil will also auch menschliches Glück umfangen (ohne dass menschliches Glück Voraussetzung des Heils ist). Das Glück wiederum ist transparent für das Heil. Was im Irdischen das Glück ist, ist in Beziehung auf Gott Heil“[22], irdisches Glück könnte als Vorausentwurf des Heils verstanden werden. Doch trotz dieser Feststellungen ist im Zweiten Testament insgesamt weniger vom Glück die Rede als im Ers­ten, mehr dagegen vom Leiden in der Nachfolge Christi. Doch „wenn Nachfolge heißt, in Wort und Tat die Liebe Gottes in der Welt wirksam werden zu lassen – so wie Jesus es tat – , so umfasst sol­che Nachfolge auch das Bemühen, die Bedingungen für irdisches Glück herzustellen. [...] Der Un­terschied zwischen Altem und Neuem Testament liegt wohl in dieser Hinsicht nur darin, dass im Al­ten Testament der Segen auch das Kreuz, im Neuen Testament das Kreuz auch den Segen in sich schließt.“[23] Für spätere, auch heutige Christen ergibt sich aus diesen letzten Gedanken die Konsequenz, dass die Suche des Einzelnen nach Heil und Glück nicht als ein isolierter Weg betrachtet werden darf, sondern immer in Zusammenhang mit dem Heil anderer Menschen gesehen werden muss. Glück im christlichen Sinn hat also immer, wie auch in der Goldenen Regel des Zweiten Testaments formuliert, eine soziale Komponente.

Damit grenzt sich das christliche Verständnis von Glück und Heil ab von heutigen, eher egoisti­schen Glücksformen. Ein weiterer zentraler Unterscheidungsaspekt, der sich auf alle vorher beschriebenen Definitionsversuche bezieht, kommt hinzu: „In traditionellen Gesellschaften ist Glück vorwiegend ein objektiver Zustand (z.B. Nähe zu Gott), der sich unabhängig von der persönlichen Gefühlswelt definieren lässt und in eine genauso verbindliche wie statische Lebensordnung eingebettet ist. Ganz anders das subjektbezogene Glückskonzept heutiger Tage: Glück ist selbstverständlich reine Privat­sache. Nur jeder Einzelne kann für sich selbst entscheiden, wann er glücklich ist und wann nicht, was ,Glück bringend‘ ist und was nicht. Radikal selbstbezüglich wird Glück als innerer Zustand de­finiert, in dem man sich eben glücklich fühlt. Glück ist ein Gefühl, sonst nichts.“[24]

[...]


[1] W. Trutwin, a.a.O., S.7. Vgl. Zur anthropologischen Bedeutung des Begriffs auch G. Hunold/T. Laubach, a.a.O., Sp. 757ff., die einen kurzen Überblick über die philosophische Auseinandersetzung mit dem Begriff von der Antike bis zur Gegenwart leisten.

[2] www.psychotipps.de

[3] www.gluecksarchiv.de

[4] www.gluecksforschung.de

[5] Vgl. hierzu: Drosdowski, a.a.O., S.227 und Seebold, E., a.a.O., S.328

[6] Brüder Grimm, a.a.O., S.359

[7] A. Bolha, a.a.O., S.3

[8] Ebd.

[9] G. Hunold, a.a.O., Sp.758f.

[10] Ebd.

[11] Epikur, Brief an Menoikeus 127-130, zit. bei: L. Koreng,a.a.O.,S.22

[12] Diogenes, zit. bei: U. Gerber, a.a.O., S. 42

[13] Im Gegensatz zur heutigen Bedeutung ist Tugend kein moralischer Begriff. Zur besseren Unterscheidung schlägt Schmid, a.a.O., S.8, vor, ihn mit Exzellenz zu übersetzen.

[14] G. Bien, a.a.O., S. 414

[15] W. Schmid, a.a.O., S.9

[16] Ders., S. 10

[17] Die einschlägigen Artikel im LthK und RGG verzichten zumindest auf einen biblischen Abschnitt.

[18] Vgl. Spr 19,11; 19,22

[19] Vgl. z.B. Jers 65,17ff.

[20] Theißen, a.a.O., S. 57 – Vgl. z.B. Auch Spr 1,7

[21] Ebd.

[22] Ebd.; zu einer ähnlichen Auffassung kommen auch H. Buhr, a.a.O., S.59 undA. Bolha, a.a.O., S. 11 ff.

[23] Ders., S. 58, zit. nach: D. Boenhoeffer

[24] T. Müller-Schneider, Katechetsiche Blätter 127/2002, S.164, zit. bei: A. Bolha,a.a.O., S.6

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638872324
ISBN (Buch)
9783638908757
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79623
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Religionswissenschaftiches Institut
Note
sehr gut
Schlagworte
Leben Suche Glück Unterrichtseinheit Klassen Seminar

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