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Mitmach-Medien

Wie eine stärkere Publikumsbeteiligung den Journalismus verändert

von Daniela Bolsmann (Autor) Lisa Seiler (Autor)

Studienarbeit 2006 106 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Publikumsbeteiligung im Journalismus

2. Abgrenzung und Definition von partizipativem Journalismus
2.1 Traditioneller Journalismus
2.1.1 Begriffsbestimmung
2.1.2 Kritik am traditionellen Journalismus
2.1.3 Interaktionsmodell
2.2 Public Journalism
2.2.1 Begriffsbestimmung
2.2.2 Entwicklung
2.2.3 Philosophie und Ziele
2.2.4 Vorgehensweise
2.2.5 Kritik und Probleme
2.2.6 Interaktionsmodell
2.3 Webbasierter Bürgerjournalismus
2.3.1 Begriffsbestimmung
2.3.2 Entwicklung
2.3.3 Formen des webbasierten Bürgerjournalismus
2.3.3.1 Weblogs
2.3.3.2 Podcasts
2.3.3.3 Wikis
2.3.4 Konkurrenzverhältnis
2.3.5 Interaktionsmodell
2.4 Partizipativer Journalismus
2.4.1 Begriffsbestimmung
2.4.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den anderen Interaktionsmodellen

3. Formen des partizipativen Journalismus
3.1 Die Anfänge: Medien nutzen ihr Publikum
3.1.1 Katastrophenberichterstattung – Augenzeugen beliefern Medien
3.1.2 OhmyNews
3.2 Grundsatzentscheidungen
3.3 Modelle des partizipativen Journalismus
3.3.1 Stufe 1 – Das Publikum als Kommentator
3.3.2 Stufe 2 – Das Publikum als Assistent
3.3.3 Stufe 3 – Das Publikum als Produzent
3.3.4 Stufe 4 – Das Publikum als Redakteur (Wiki-Journalismus)
3.3.5 Überblick über das Vier-Stufen-Modell
3.4 Fallbeispiele
3.4.1 Saarbrücker Zeitung: Leser-Reporter
3.4.2 Rheinische Post: Opinio
3.4.3 Netzeitung: Readers Edition
3.4.4 Bakersfield Californian: Northwest Voice
3.4.5 Minnesota Public Radio
3.4.6 Current TV
3.4.7 BBC

4. Mögliche Folgen des partizipativen Journalismus
4.1 Chancen
4.1.1 Verbesserung der journalistischen Qualität
4.1.2 Verbesserung der wirtschaftlichen Situation
4.2 Risiken und Probleme
4.3 Auswirkungen auf das journalistische Berufsbild

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung - Publikumsbeteiligung im Journalismus

Seit 20 Jahren lehrt Jay Rosen an der New York University Journalismus. Im Jahr 2003 startete er sein Blog „Press Think“, in dem der Eintrag vom 27. Juni 2006 wie folgt beginnt: „The people formerly known as the audience wish to inform media people of our existence, and of a shift in power that goes with the platform shift you’ve all heard about.“ (Rosen, 2006a) Die neue Plattform, von der Rosen spricht, das Internet, hat viel Bewegung in den Journalismus gebracht – unter anderem in dessen Verhältnis zu seinem Publikum. Auch Jeff Jarvis, ebenfalls Blogger und Professor in New York, sieht den Einfluss des Publikums durch das Internet gestärkt: „The Internet is the first medium owned by the audience. [...] In the Internet, the audience finally gets a voice.” (Jarvis, 2002)

Das Internet gibt dem Publikum also mehr Macht. Es verwandelt passive Rezipienten in aktive Teilnehmer. Inhalte werden ihnen nicht einfach vorgesetzt, sondern die Rezipienten arbeitet aktiv mit an ihrer Konstruktion (Morris, 2002, 15). Der Blogger und Journalist Dan Gillmor ist davon überzeugt, dass die neue Rolle des Publikums den Journalismus tiefgreifend verändern wird: „Tomorrow’s news reporting and production will be more of a conversation, or a seminar. The lines will blur between producers and consumers, changing the role of both in ways we’re only beginning to grasp now.” (2006a, xxiv)

In einer Zeit, in der sich der Journalismus in ein Gespräch verwandelt, wird die Position der Journalisten radikal in Frage gestellt. Ihre Vormachtstellung als Gatekeeper, als Schleusenwärter von Informationen, wird ihnen streitig gemacht – ausgerechnet von dem Publikum[1], dem sie dienen (Bowman/Willis, 2005, 5). In welchem Maße Journalisten dadurch an Bedeutung verlieren, hängt letztlich davon ab, ob und wie es ihnen gelingt, sich am „Gespräch Journalismus“ zu beteiligen (Gillmor, 2005, 11). Immer mehr Wissenschaftler sagen den Medien in ihrer jetzigen Form ihr Ende voraus, sollten sie es nicht schaffen, das Publikum stärker in die eigene Arbeit einzubinden (Bowman/Willis, 2003, 58; Lennon, 2003, 79; Marx, 2006; Pitzke, 2005). Die simple Botschaft der neuen Entwicklungen bringt der Journalist und Medienberater Tim Porter in seinem Blog auf den Punkt: „The ‚audience’ is out there. Journalists need to be out there, too.” (2006b)

Inzwischen existieren zahlreiche journalistische Reformbewegungen, die versuchen, genau das zu tun, was Porter verlangt: auf das eigene Publikum zugehen, ihm eine aktivere Rolle zusprechen. Die Begriffe, mit denen diese Versuche bezeichnet werden, sind enorm vielfältig. So ist in diesem Zusammenhang unter anderem die Rede von: Citizen Journalism/Media oder Bürgerjournalismus/-medien, Grassroots Journalism/Media, Individual Journalism, Open Content, Open Source Journalism, Participatory Journalism oder partizipativem Journalismus, Personal Journalism/Media, Public Journalism, User-Provided Content, User-Generated Content bzw. nutzergenerierten Inhalten und We Media (z.B. Lasica, 2003b; Witt, 2006).

Wissenschaftlich problematisch ist, dass hinter keiner dieser Bezeichnungen ein klar definiertes und allgemein anerkanntes Konzept steckt. Nahezu jeder Autor, der sich mit dem Thema befasst, scheint eine andere Vorstellung von der Bedeutung der Begriffe zu haben, die er verwendet. „There is no agreed upon terminology“, konstatiert der Journalismus-Dozent Leonard Witt von der Kennesaw State University (2006). Der Mangel an allgemeingültigen Definitionen führt zu viel Verwirrung rund um die unterschiedlichen Ansätze (Outing, 2005a). In einigen Artikeln und Aufsätzen werden Begriffe synonym verwendet, die in anderen Publikationen scharf voneinander abgegrenzt werden (Henig, 2005; Rosenberry, 2004, 29). Weiter erschwert wird diese Problematik dadurch, dass sich das Phänomen der Publikumsbeteiligung im Journalismus, genau wie das Internet insgesamt, noch immer ständig weiterentwickelt und verändert: „The ever-changing, rapidly evolving nature of the online world adds to these problems by giving researchers a ‚moving target’ that they’re trying to hit.” (Rosenberry, 2004, 29)

Diese Arbeit widmet sich einer speziellen Form der Publikumsbeteiligung, die hier in Anlehnung an die Definition von Joyce Nip (2006) als „participatory journalism“, als partizipativer Journalismus also, bezeichnet wird. Unter diesem Stichwort versteht die vorliegende Arbeit einen Journalismus, der die Nähe seines Publikums sucht, indem er dieses an den eigenen Prozessen und Produkten beteiligt. Professionelle Journalisten werden dadurch nicht überflüssig, ihre Arbeit wird vom Publikum lediglich unterstützt bzw. ergänzt. Aufgrund seines hohen Potentials an Interaktivität ist das Internet für eine Zusammenarbeit mit dem Publikum besonders geeignet, aber auch in die Berichterstattung anderer Medien kann das Publikum stärker einbezogen werden.

Eine solche Form von Journalismus ist aus zweierlei Gründen interessant. Die neue Vorgehensweise wendet sich klar gegen den traditionellen Journalismus, in dem ein passives Publikum von einer journalistischen Elite informiert wird. Wie ein dominanter Vater glaubt diese Elite ganz genau zu wissen, was für die Schützlinge am besten ist. Der partizipative Journalismus wendet sich gegen diese elitäre Bevormundung, zugleich jedoch will er die Revolte der mündig gewordenen Schützlinge stoppen. Er grenzt sich damit ab von dem Phänomen, das sich als Gegenbewegung zum traditionellen Journalismus versteht: den neuen Formen von Amateurjournalismus im Internet. Interessanterweise versucht der partizipative Journalismus dabei den webbasierten Bürgerjournalismus mit den eigenen Waffen zu schlagen: mit mehr Interaktion und Transparenz, mit Blogs und Wikis. Der partizipative Journalismus folgt somit dem Leitspruch von Blogger Jarvis: „Online, you have to give up control to gain power“ (2003).

Ziel dieser Arbeit ist es, den partizipativen Journalismus innerhalb des Spannungsfeldes zwischen den traditionellen und den von Amateuren bestimmten Formen zu verstehen: Wie ist er entstanden? Wie lassen sich partizipative Projekte umsetzen? Und wie wirken sie sich auf den Journalismus insgesamt aus? Die Literatur zum Thema hat diese Fragen bisher noch nicht systematisch und zusammenhängend beantwortet. Diese Arbeit wird die verschiedenen Ansätze daher systematisieren und modellhaft darstellen.

Der partizipative Journalismus, den Joseph D. Lasica (2003c) zu Recht als „a slippery creature“, eine schwer zu fassende Kreatur also, kennzeichnet, wird in der vorliegenden Arbeit greifbar gemacht, indem das Phänomen in Kapitel 2 zunächst von den drei anderen Modellen der Beziehung zwischen Journalisten und Publikum abgegrenzt wird: dem traditionellen Journalismus, dem Public Journalism und dem webbasierten Bürgerjournalismus. Im Anschluss an die Abgrenzung wird der partizipative Journalismus definiert und die Interaktionsmodelle der vier Phänomene werden miteinander verglichen.

Das dritte Kapitel setzt sich dann mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen von partizipativem Journalismus auseinander. Nach einem Überblick über die Anfänge des Phänomens werden die Grundsatzentscheidungen dargestellt, die jede Redaktion treffen muss, wenn sie sich partizipativen Formen widmen möchte. Anschließend wird ein vierstufiges Schema der verschiedenen Modelle von partizipativem Journalismus etabliert. Um eine konkrete Vorstellung davon zu vermitteln, wie die theoretischen Modelle in der Praxis in Deutschland, den USA und Großbritannien tatsächlich umgesetzt werden, wird dann auf sieben Fallbeispiele genauer eingegangen. Bevor der partizipative Journalismus im Fazit der vorliegenden Arbeit abschließend diskutiert und bewertet wird, widmet sich das vierte Kapitel den möglichen Folgen des neuen Phänomens. Sowohl die Chancen, Probleme und Risiken, die dieser mit sich bringt, als auch die Auswirkungen auf das journalistische Berufsbild werden dabei angesprochen.

2. Abgrenzung und Definition von partizipativem Journalismus

Der partizipative Journalismus wird in diesem Kapitel gegen drei andere journalistische Formen abgegrenzt: den traditionellen Journalismus, den Public Journalism und den webbasierten Bürgerjournalismus. Alle vier genannten Phänomene werden in dieser Arbeit als Journalismus bezeichnet, was jedoch keine journalismustheoretische Wertung darstellt. Eine Erörterung der Frage, welche Formen von Publikumsbeteiligung sich zu Recht als Journalismus bezeichnen lassen, wäre im Rahmen dieser Arbeit nicht zielführend. Denn der Gegenstand der Untersuchung, der partizipative Journalismus, soll nicht mit Hilfe vorgefertigter Kategorien bewertet, sondern deskriptiv erfasst werden[2].

Die Benennung als „Journalismus“ spiegelt hier zum einen den allgemeinen Sprachgebrauch wider. Zum anderen setzt eine Beschäftigung mit der wachsenden Publikumsbeteiligung im Journalismus automatisch eine weit gefasste Journalismus-Definition voraus. Schließlich würden beispielsweise akteurszentrierte Ansätze, die mit Kriterien journalistischer Professionalität arbeiten und die Zugehörigkeit zu bestimmten Medieninstitutionen zur Voraussetzung für journalistische Tätigkeit machen, Bürgerjournalismus jeglicher Art von vornherein ausschließen[3].

Das Verständnis von Journalismus, das dieser Arbeit zugrunde liegt, ist daher funktional bzw. inhaltlich geprägt. Es orientiert sich etwa an der „besonderen Zuständigkeit“, die der Hamburger Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg dem Journalismus in seinem systemtheoretischen Ansatz zuweist. Aufgabe von Journalismus ist es demzufolge, „Themen zu selektieren und zu präsentieren, die neu, relevant und faktisch sind“ (Weischenberg, 2005, 132). Ganz ähnlich argumentiert William Woo von der Stanford University, für den ein essentielles Merkmal von Journalismus dessen öffentlicher Nutzen ist (2005, 31). Journalismus wird in dieser Arbeit zudem, in Übereinstimmung mit Weischenberg, als eine soziale Konstruktion begriffen, „die in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit bestimmte Merkmale aufweist“. Es gibt folglich kein eigentliches und unabänderliches „Wesen“ des Journalismus (Weischenberg, 2005, 133).

2.1 Traditioneller Journalismus

2.1.1 Begriffsbestimmung

Essentielles Kriterium des traditionellen Journalismus[4] ist ein weitgehender Verzicht auf Interaktion mit dem Publikum. Informationen fließen fast ausschließlich in eine Richtung: vom Journalisten als Kommunikator zum Publikum als Rezipient. Morris charakterisiert den traditionellen Journalismus daher als einen „one-way, delivery-of-information product approach“ (2002, 1). Den Journalisten ist dabei die aktive, dem Publikum die passive Rolle zugeordnet – ein Rollentausch ist unmöglich (Kunczik/Zipfel, 2005, 50).

Mit dieser einseitigen Informationsvermittlung ist der traditionelle Journalismus derzeit noch das klar dominierende Interaktions-Modell auf dem Medienmarkt. Weischenberg zufolge zeigt die empirische Evidenz, „dass Leser/Hörer/Zuschauer zwar eine zentrale Referenz des Journalismus bilden, aber bei der Aussagenentstehung schon aufgrund der Rollentrennung zwischen Produzenten und Rezipienten nur über Erwartungserwartungen mitwirken“ (2005, 134). Abgesehen von einer solchen indirekten Form der Mitwirkung bleiben dem Publikum im traditionellen Journalismus nur wenige Möglichkeiten. „The people do not play any part in the news process except as news sources from which journalists gather information and opinion“, schreibt beispielsweise Nip. „But most people, except government officials and those who bear titles, have little chance of becoming news sources.“ (Nip, 2006, 216) Der Philosoph Vilém Flusser merkt an, dass die Distanz zwischen Journalisten und ihrem Publikum so groß geworden sei, dass letzteres für Journalisten nahezu unsichtbar werde. Aus journalistischer Perspektive befinde sich das Publikum „am Horizont, beinahe schon außerhalb des Diskurses“ (Flusser, 1998, 28).

Dennoch sind traditionell arbeitende Journalisten heute nicht gänzlich von ihrem Publikum abgeschottet. Niemand kann einen Leser, Hörer oder Zuschauer von einem Anruf in der Redaktion eines Mediums abhalten, und es steht dem Publikum ebenfalls frei, Leserbriefe zu verfassen. Ein geringes Maß an Interaktion ist also möglich. Es werde jedoch zu wenig Wert auf den Kontakt zum Publikum gelegt, meint Morris: „Interactivity was secondary in the traditional journalism of the past half-century; it was typically referred to as feedback and treated as incidental to the main business of information delivery.” (2002, 3)

Nur in Ausnahmefällen wird vom Publikum generiertes Material wie Texte, Bilder oder Filmaufnahmen über traditionell arbeitende Medien verbreitet. Ein besonders frühes und prominentes Beispiel für eine solche Ausnahme sind die Fernsehbilder von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, die ein Amateur mit der eigenen Kamera festgehalten hatte (Merritt, 1995, 36). Es handelt sich hierbei jedoch eher um Zufälle. Der traditionelle Journalismus fordert sein Publikum nicht explizit zur Mitwirkung an seinen Produkten auf.

2.1.2 Kritik am traditionellen Journalismus

Der Zurückhaltung gegenüber Publikumsbeteiligung liegt die Annahme zugrunde, eine gewisse Distanz sei „konstitutiv für den Journalismus, will er seine gesellschaftliche Funktion als professioneller Beobachter von Gesellschaft wahren“ (Scholl, 1997, 474). Journalisten müssen neutral bleiben, um möglichst objektiv berichten zu können, so das Credo des traditionellen Journalismus. Dürften die Bürger plötzlich mitreden, so verlöre der Journalist ein Stück seiner kritischen Distanz (Haas/Steiner, 2006, 247).

Kritiker des traditionellen Journalismus und seiner Interaktionsformen plädieren hingegen für eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Neutralität und Distanz gegenüber politischen Institutionen und Quellen der Berichterstattung und der Distanz gegenüber dem eigenen Publikum: „In their professional competition to be the most objective, however, many journalists apparently have objectified their readers, too, even though they are not observing their readers but trying to communicate with them.” (Morris, 2002, 52)

Die Redaktionskultur des traditionellen Journalismus bezeichnet der amerikanische Journalist Patrick Dougherty als „priesthood, delivering truth to the masses“ (2005, 48). Mit einem solchen Ansatz verhindere man Leserbindung und fördere Misstrauen, argumentieren weitere Kritiker (Lowrey/Anderson, 2005). Auch Morris geht davon aus, dass der traditionelle Journalismus das eigene Publikum zum Rückzug veranlasst. Grund dafür sei vor allem, dass Feedback oft kaum zur Kenntnis und vor allem nicht ernst genug genommen werde:

“[Journalists] routinely shield reporters from public responses to their work [...]. Editors often consider readers’ opinions inferior to those of their reporters and the experts they interview. This is a form of arrogant elitism, and the declining news audience may be a sign that citizens are moving away from this arrogance to news media that at least appear to understand and value their opinions.“ (Morris, 2002, 15)

Viele Wissenschaftler aber auch Medienunternehmer wie Rupert Murdoch (2005) sehen im Mangel an Interaktion ein zentrales Problem des traditionellen Journalismus und den Grund für die Rückgänge bei Auflagen und Zuschauerzahlen.

2.1.3 Interaktionsmodell

Die Illustration der Interaktion[5] im traditionellen Journalismus (Abbildung 1) ist dabei aufgrund von dessen Einseitigkeit am einfachsten: Journalisten (J) senden über ein Medium (M) Informationen an ein Publikum (P), wobei das Publikum in der Regel passiv bleibt. Ein Rückkanal, etwa für mögliches Feedback, ist im traditionellen Journalismus nur in rudimentärer Form vorhanden. Rückmeldungen bleiben die Ausnahme und werden von den Journalisten nicht bewusst gefördert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Interaktionsmodell des traditionellen Journalismus (eigene Graphik)

Von den vier in diesem Kapitel thematisierten Modellen von Journalismus ist der traditionelle Journalismus damit durch das geringste Maß an Publikumsbeteiligung gekennzeichnet. Er ist sowohl Ursprung als auch dominierender Gegenspieler und Feindbild der in den folgenden Abschnitten vorgestellten Modelle Public Journalism, webbasierter Bürgerjournalismus und partizipativer Journalismus. Diese drei Modelle wenden sich – geleitet von der Kritik am traditionellen Journalismus – als Reformbewegungen gegen den Mangel an Publikumsbeteiligung und Interaktion.

2.2 Public Journalism

2.2.1 Begriffsbestimmung

Im traditionellen Journalismus ist die direkte Kommunikation mit dem Leser zweitrangig, wenn nicht gar völlig unbedeutend. Im Public Journalism[6] ist das Gegenteil der Fall. Zu den grundlegenden Anliegen der journalistischen Reformbewegung gehören die Verringerung der Distanz und die Verbesserung des Verhältnisses zum Publikum (Kurpius, 2002, 853). So meint etwa der Journalist Davis Merritt: „[Public Journalism] moves from worrying about proper separations to concern with proper connections“ (1995, 113). Sein Kollege Cole Campbell ergänzt: „The essence of public journalism is that it values citizens.” (2000, 694)

Das Publikum soll nicht bloß passiver Empfänger journalistischer Produkte ohne Kontakt zum Journalisten sein, sondern mit seinen Überzeugungen und Problemen als Gesprächspartner ernst genommen werden (Merritt, 1995, 114). Public Journalism versucht, den Rezipienten von Nachrichten nicht nur in seiner Rolle als Konsument zu sehen. Vielmehr soll der Leser, Zuhörer oder Zuschauer als verantwortungsbewusster Bürger innerhalb einer Demokratie angesprochen und sein politisches Engagement gefördert werden (Glasser, 1999, xxxi; Lauterer, 2000, 307). Denn es gehört zu den Grundüberzeugungen des Public Journalism, dass Funktionsfähigkeit und Beständigkeit der Demokratie von den Leistungen des Journalismus abhängig sind (Black, 1997, vi; Glasser, 1999, xxxi; Mc Devitt et al., 2002, 87).

Unklarheiten bei der Benennung und konkurrierende Termini gibt es bei der Diskussion um den Public Journalism (Voakes, 2004, 25; Zelizer, 1999, 153). „The nascent movement has gone by various names“, stellt beispielsweise Jay Black fest und schließt eine Aufzählung an: „public journalism, civic journalism, communitarian journalism, community journalism, even good-journalism-done-the-way-it-ought-to-have-been-done-all-along” (1997, vi)[7]. Neben der Bezeichnung Public Journalism taucht vor allem der Name Civic Journalism oft auf. Da jedoch Public Journalism die am häufigsten verwendete Bezeichnung ist, wird sie in dieser Arbeit übernommen[8]. Während die Begriffe Public und Civic Journalism in der Literatur als weitgehend deckungsgleiche Konzepte auftreten, so wird Community Journalism nur selten als Synonym für die beiden erstgenannten Begrifflichkeiten verwendet (z. B. Lünenborg, 2000, 70). Viele Autoren sehen zwar deutliche Parallelen zwischen Community und Public Journalism (Lauterer, 2000, 309), weisen jedoch darauf hin, dass der Community Journalism im Grunde spezifisch für die Berichterstattung in Kleinstädten sei (Lauterer, 2000, 8; Morris, 2002, v-vi)[9].

Auch wenn man die Kontroverse um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Community Journalism außer Acht lässt, bleibt festzuhalten, dass es sich beim Public Journalism um ein Phänomen ohne eine klare und allgemein anerkannte Definition handelt (Black, 1997, vi). So stellt beispielsweise Theodore Glasser von der Stanford University fest: „The available answers to key questions about the nature of public journalism are themselves the source of considerable confusion.” (1999, 5) Da es neben einem einheitlichen theoretischen Konzept auch an praktischen Richtlinien für die Anwendung fehlt, verbinden Befürworter und Gegner ganz unterschiedliche Ideen mit dem Public Journalism (Voakes, 2004, 32). Diese Unklarheiten bezüglich des Phänomens führten oft zu absurden Verhältnissen, meint der amerikanische Journalismus-Professor Steve Davis: „Many everyday editors can’t really define it, altough they lead newsrooms that say they practice it. This is a problem.“ (2000, 686)

Als einer der bedeutendsten akademischen Fürsprecher des Public Journalism weist Jay Rosen auf dessen Vielschichtigkeit hin: „If we are going to understand the thing that goes by the name ‚public journalism’, we have to see it as many things going simultaneously” (1999, 21). Das Phänomen sei zu komplex, um es mit einer einfachen Definition zu erfassen. Es könne sowohl als journalistische Denkweise wie auch als ein Experiment, als eine Reformbewegung, eine Debatte oder aber ein journalistisches Abenteuer ohne vorbestimmtes Ziel verstanden werden (Rosen, 1999, 22-23). Die Definition, die Rosen für den Public Journalism vorschlägt, ist dementsprechend umfangreich:

„Public journalism […] would (1) address people as citizens, potential participants in public affairs, rather than as victims or spectators; (2) help the political community act upon, rather than just learn about, its problems; (3) improve the climate of public discussion, rather than simply watch it deteriorate; and (4) help make public life go well, so that it earns its claim on our attention; (5) speak honestly about its civic values, its preferred view of politics, its role as a public actor.” (Rosen, 1999, 44)

2.2.2 Entwicklung

Michael Schudson, Professor an der University of California, beschreibt den Public Journalism als die am besten organisierte journalistische Reformbewegung in der US-amerikanischen Pressegeschichte (1999, 118). Die weitgehend auf die USA beschränkte Bewegung entstand Ende der 80er Jahre, vorangetrieben sowohl von Journalisten als auch von Akademikern, Stiftungen und anderen Vereinigungen (Rosen, 1999, 44). Als Geburtsstunde des Public Journalism wird in der Regel die Zeit nach dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 1988 angeführt (Carey, 1999, 58; Forster, 2006, 48). „In the aftermath of the 1988 election there was widespread disgust with American politics and with the press itself“, schreibt James Carey von der Columbia University. Die Wahlberichterstattung war damals von den PR-Strategen der Politik dominiert worden, die Wahlbeteiligung hatte mit nur knapp über 50 Prozent ein Rekordtief erreicht, und auch die Leser- und Zuschauerzahlen nahmen ab (Lünenborg, 2000, 70; Merritt, 1995, 79; Witt, 2004b, 4). Soziologen diagnostizierten einen gesellschaftlichen Wandel: Das Vertrauen in Medien und politische Institutionen nehme rasant ab, bürgerliches Engagement und öffentliches Leben schrumpften bedenklich (Lünenborg, 2005, 143; Merritt, 1995, xv; Voakes, 2004, 26-27). Eine völlig neue Form von Journalismus war für viele die logische Konsequenz.

Als erstes Beispiel für in die Praxis umgesetzten Public Journalism gilt das Projekt „Your Vote Counts“, welches die Zeitung Wichita Eagle während eines Wahlkampfs 1990 umsetzte (Rosen, 1999, 24). Der Chefredakteur des Blattes, Davis Merritt, beschloss, diesmal aus einer anderen Perspektive zu berichten. Er wollte Kandidaten dazu bringen, auch über ihnen unangenehme Themen zu reden, vor allem aber über genau die Themen, die Wählern am Herzen lagen (Merrit, 1995, 81). In den Jahren danach folgten andere Zeitungen dem Beispiel und begannen, verstärkt mit dem eigenen Publikum zu kommunizieren. Während sich die Projekte anfangs auf Wahlberichterstattung konzentrierten, richtete der Public Journalism seinen Fokus später stärker auf so genannte Community-Projekte[10]. Dabei wurden bestimmte Themen wie etwa die Rassenfrage, Jugend oder Immigration über einen längeren Zeitraum unter die Lupe genommen und intensiv diskutiert (Voakes, 2004, 31).

Der Begriff Public Journalism etablierte sich erst 1993, zeitgleich mit der Gründung zweier Institutionen, die sich der Förderung dieser Bewegung verschrieben: dem „Project on Public Life and the Press“ und dem „Pew Center for Civic Journalism“ (Nip, 2006, 213; Rosen, 1999, 24-25). Trotz der Förderung blieb der Public Journalism größtenteils auf Zeitungen, vor allem mit lokalem oder regionalem Schwerpunkt, begrenzt (Kurpius, 2002, 856). Studien zu den Leistungen des Public Journalism kommen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Einige bescheinigen ihm beachtliche Erfolge, andere können keine nachhaltigen Effekte durch die veränderte Berichterstattung feststellen (Witt, 2004a, 49-59).

Kritiker fand der Public Journalism besonders in dem Teil der Presse, den Rosen als „high church of journalism“ bezeichnet: Große Qualitätszeitungen wie New York Times, Washington Post und Los Angeles Times stellten sich gegen die Bewegung (Kovach/Rosenstiel, 2003, 59; Witt, 2004a, 49). Die Diskussion um den Public Journalism ist Margret Lünenborg zufolge „am deutschen Journalismus nahezu spurlos vorübergegangen“. Nur wenige Projekte hätten die Ideen aus den USA aufgegriffen (2005, 156).

Nach den umfangreichen Diskussionen der 90er Jahre wurde es nach dem Jahrtausendwechsel ruhig um den Public Journalism. Im Jahr 2003 schloss das „Pew Center for Civic Journalism“, und selbst die Verfechter der Bewegung sahen diese am Ende (Witt, 2004a, 49). Inwieweit der Public Journalism und dessen Ideen durch neue Technologien in anderen Bewegungen wie dem webbasierten Bürgerjournalismus oder dem partizipativen Journalismus aufgehen, wird an einer anderen Stelle in dieser Arbeit diskutiert (vgl. Punkt 2.4.2).

2.2.3 Philosophie und Ziele

Auch wenn der Public Journalism den traditionellen Journalismus und dessen Verhältnis zum Publikum teils sehr scharf kritisiert, möchte er die etablierten Formen von Journalismus doch nicht völlig ersetzen, sondern lediglich ergänzen. So schreibt Davis Merritt:

„Public journalism is additive. It builds on telling the news by recognizing (a) the fundamental connection between democracy and journalism, (b) the need for public life to go well, for democracy to fulfill its historic promise, and (c) journalism’s rational self-interest, both economic and intellectual, in public life’s going well.” (1995, 114)

In der Philosophie des Public Journalism[11] sind Journalismus und Demokratie also aufs Engste verbunden. „Without journalism there is no democracy”, stellt beispielsweise Carey fest, „but without democracy there is no journalism either.” (1999, 51) Selbstverständlich sehe auch der traditionelle Journalismus sich als wichtiger Teil des demokratischen Systems, allerdings gebe es in Bezug auf das Verhältnis zur Demokratie einen entscheidenden Unterschied, meint Jay Rosen: „Traditional journalism assumes that democracy is what we have, and information is what we need. In public journalism we think the reverse is often true: Information is what we have – we live in a sea of information – while democracy is what we need.” (zit. n. Schudson, 1999, 118)

Der Journalismus soll, in den Augen der Verfechter des Public Journalism, also einen gewissen Mangel an Demokratie ausgleichen. Er müsse sich dafür einsetzen, dass das gesellschaftliche Leben gut funktioniert. Merritt sieht den Public Journalism gar als eine Art Klebstoff, der eine vielseitige, teils widersprüchliche Gesellschaft zusammenhält (1995, 124). Um eine solche Funktion ausfüllen zu können, reiche es nicht aus, den Bürger einfach nur zu informieren. Man müsse ihn dazu anregen, sich eine Meinung zu wichtigen Themen zu bilden und sich aktiv am öffentlichen Leben zu beteiligen (Leonard, 1999, 85; Rosen, 2000, 680). Dazu sei es zunächst wichtig, viel näher als bisher an die Bürger heranzukommen und sie zu Wort kommen zu lassen. Nur so könne man herausfinden, welche Themen ihnen am Herzen liegen. „The mortal sin for a public journalist is falling out of touch“, meint Arthur Charity. Darüber hinaus sei es essentiell, anzuerkennen, dass sich das eigene Publikum aus potentiell handlungsfähigen Bürgern zusammensetzt, deren Einsatz für die Gesellschaft einen Unterschied machen kann (Carey, 1999, 62; Rosen, 1999, 22).

Diese Grundeinstellung des Public Journalism orientiert sich an den demokratietheoretischen Überlegungen von John Dewey. Dieser hatte sich in den 1920er Jahren einen wissenschaftlichen Schlagabtausch mit Walter Lippmann geliefert. Lippmann war davon ü­ber­zeugt, dass die Gesellschaft inzwischen so komplex geworden sei, dass der einzelne Bürger nicht mehr in der Lage sei, aktiv am demokratischen Geschehen teilzuhaben. Die Rolle der Journalisten sei deshalb die der Experten, die ihn über alles Wichtige informieren (Campbell, 1999, xxiv). Dewey hingegen legte Wert auf die Feststellung, dass die Bürger sehr wohl in der Lage seien, einen aktiven Beitrag zu leisten – nur müsse der Journalismus sie dazu befähigen, dieses Potential auch auszuschöpfen (Kovach/Rosenstiel, 2003, 26-27; Voakes, 2004, 25-26).

Der Public Journalism erwartet nicht nur von seinem Publikum mehr Aktivität als der traditionelle Journalismus, sondern auch die Journalisten selbst sollen von passiven Beobachtern des gesellschaftlichen Geschehens zu aktiven Verfechtern der Demokratie werden. Der Public Journalism richtet sich damit klar gegen das klassische Rollenverständnis vom Journalisten als objektivem und absolut neutralem Beobachter. Wenn ein Journalist über ein Problem berichtet, sollte er zwar nicht eine bestimmte Lösung favorisieren, er sollte aber schon ein Interesse daran zeigen, dass überhaupt eine Lösung zustande kommt. Merritt spricht in diesem Zusammenhang vom Journalisten als „fair-minded participant“ (1995, 94) und vergleicht dessen Rolle mit der eines Schiedsrichters: „Like the referee, to maintain our authority – the right to be heard – we must exhibit no partisan interest in the specific outcome other than that it is arrived at under the democratic process.“ (1995, 95) Der Public Journalism will den Bürger also bei der Lösungssuche unterstützen (Haas/Steiner, 2006, 249; Mc Devitt et al., 2002, 89). Eine solche Lösungsorientierung mache es nötig, die Berichterstattung anders zu gestalten als im traditionellen Journalismus üblich: Konflikte dürften nicht überhöht, Situationen nicht zu negativ dargestellt werden (Merritt, 1995, 115; Voakes, 2004, 29). Es sollten nicht immer nur Experten mit extremen Meinungen zu Wort kommen. Auch moderate Stimmen müssten eine Chance haben, gehört zu werden. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass sich das Publikum in der Berichterstattung nicht wiederfände (Morris, 2002, 53).

Auch wenn die Ziele des Public Journalism idealistisch klingen, so ist doch festzuhalten, dass es sich bei dem Phänomen um keine völlig selbstlose Bewegung handelt. So weist beispielsweise Lünenborg darauf hin, dass das Phänomen schon früh von großen Verlagsgruppen gefördert worden sei, weil man sich einen ökonomischen Nutzen von der stärkeren Orientierung am Bürger versprach (Lünenborg, 2005, 144).

2.2.4 Vorgehensweise

Um seine Ziele tatsächlich erreichen zu können, hat der Public Journalism einige für ihn spezifische Werkzeuge entwickelt (Champbell, 1999, xvii).[12] Unter dem Begriff „Public Listening“ werden Techniken zusammengefasst, die es ermöglichen sollen, die Berichterstattung stärker auf Belange und Interessen des Publikums auszurichten. Ein recht einfaches Mittel sind dabei quantitative oder qualitative demoskopische Befragungen (Forster, 2006, 64). Um die Motivation der Befragten zu steigern, versprechen einige Zeitungen ihren Lesern sogar kostenlose Pizza, sollten sie das Top-Thema der Berichterstattung diskutieren und einen Fragebogen dazu ausgefüllt zurückschicken (Charity, 1995, 13). Der Public Journalism versucht zudem, klassische journalistische Tätigkeiten wie die intensive Vor-Ort-Recherche wieder zu beleben (Lünenborg, 2005, 149). So schickte die Zeitung The Olympian ihre Reporter auf so genannte „field trips“ in bestimmte Stadtviertel, in denen sie an Türen klopfen und sich mit den Bürgern unterhalten sollten (Charity, 1995, 36).

Andere Zeitungen lassen sich bei Themenfindung und Berichterstattung von so genannten Panels, mit eigenen Lesern besetzten Gruppen, unterstützen. Die Cape Cod Times zog 1992 eine Gruppe repräsentativ ausgewählter Bürger heran, um Prioritäten für die Wahlberichterstattung mit ihnen gemeinsam festzulegen (Charity, 1995, 13). Andere Zeitungen überredeten Lesergruppen, ihnen während des gesamten Wahlkampfs als Berater zur Seite zu stehen (Charity, 1995, 35). Wieder andere ließen Lesergruppen über Problem-Themen wie Rassenunruhen beraten (Merritt, 1995, 101). Oft organisieren Medien, die sich dem Public Journalism verschrieben haben, selbst Versammlungen, in der Tradition der New England Townhall-Meetings des 17. und 18. Jahrhunderts (Forster, 2006, 64). Sie nutzen diese, um gemeinsam mit den Bürgern über die Themen und Probleme der Community zu sprechen und anschließend über den Verlauf der Diskussion zu berichten (Lünenborg, 2005, 148-149; Nip, 2006, 231).

Dass die Bürger auch in der Berichterstattung öfter zu Wort kommen, ist für die Verfechter des Public Journalism besonders wichtig. Campbell kritisiert die New York Times, die auf die Erschießung eines Schwarzen durch einen weißen Polizisten 1999 lediglich mit Experten- und Politikerinterviews reagiert hatte:

„It might have eased tensions as citizens read about other citizens working through issues. At a minimum it would have reassured average people that their wrestling with these questions mattered and was being taken into account by at least one powerful institution in the city – the newspaper.” (Campbell, 2000, 694)

Oft ermutigen dem Public Journalism verpflichtete Zeitungen auch ihre Leser, selbst Fragen an Politiker oder Experten zu stellen. Diese werden dann an die Adressaten weitergeleitet, die Antworten erscheinen in der Zeitung (Charity, 1995, 34-36).

Gerade Werkzeuge wie die Community Meetings unterstützen die Zeitungen nicht nur bei ihrem Versuch, mehr Lesernähe zu erreichen, sondern können auch zur Förderung der öffentlichen Meinungsbildung beitragen. Wichtig sei es in diesem Zusammenhang, Themen möglichst langfristig zu behandeln, auch dann, wenn sich Veränderungen nur langsam zeigten, betonen die Verfechter des Public Journalism. Gerade bei komplexen Themen sei es unumgänglich, sowohl auf mögliche Lösungswege als auch auf deren denkbare Konsequenzen hinzuweisen (Forster, 2006, 70). Denn nur so könne sich jeder tatsächlich eine Meinung bilden, so dass anschließend gemeinsame Lösungswege erarbeitet werden können (Charity, 1995, 17).

2.2.5 Kritik und Probleme

Seit seiner Entstehung Anfang der 90er Jahre hat der Public Journalism nicht nur Anhänger, sondern auch zahlreiche Kritiker gefunden. Einige bezeichnen die Bewegung als „quasi-religious movement“, andere werfen ihr vor, im Grunde nicht viel Neues zu bieten (Haas/Steiner, 2006, 239; Lünenborg, 2005, 156). Ein besonders häufig kritisierter Punkt ist das nicht genau festgelegte theoretische Fundament der Bewegung. Noch immer sei nicht klar genug, was genau Public Journalism sei und was er erreichen wolle. Viele Ideen seien noch immer unausgegoren, bemängelt beispielsweise Barbie Zelizer (1999, 155).

Das schwache Konzepte zog Probleme bei der Umsetzung nach sich. Aus Angst vor Auflagenrückgängen hätten viele kleinere Zeitungen sich dem Public Journalism verschrieben, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu haben, was das eigentlich bedeute, meint Steve Davis. So sei oft der Eindruck entstanden, Arbeit würde auf das Publikum abgewälzt: „Public journalism has even led to silly things, such as inviting readers in to scan the columns of copy for typos.” (Davis, 2000, 687) Auch bei den betroffenen Journalisten habe die überstürzte Umstellung auf Public Journalism oft zu Verwirrung und Unstimmigkeiten geführt (Davis, 2000, 687-688). Derartige Erfahrungen bestärken viele Kritiker in ihrem Glauben, hinter der ideologischen Fassade des Public Journalism stecke im Grunde nur die Profitgier der Verleger (Hardt, 1999, 208; Voakes, 2004, 30).

Andere Skeptiker bescheinigen dem Public Journalism eine naive Vorstellung von Demokratie und Öffentlichkeit. Der Public Journalism sei sich vieler Hindernisse, die der Verwirklichung seiner Ziele in der heutigen Gesellschaft im Wege stehen, nicht bewusst, meint etwa Peters (1999, 99). Verfechter der Bewegung ignorierten, dass die meisten Pro­ble­me in Zeiten der Globalisierung nicht auf der Ebene regional begrenzter Communities zu lösen seien (Peters, 1999, 103). Außerdem operiere der Public Journalism auf der Grundlage des jederzeit rational agierenden Bürgers. Irrationalitäten würden nicht einkalkuliert (Peters, 1999, 108; Schudson, 1999, 123). Kritiker fürchten daher, dass eine von Bürgern gesetzte Agenda nicht zwingend eine gute Agenda sei. So wäre es möglich, dass sich die Mehrheit der Bürger für – aus journalistischer Sicht – wichtige Themen wie etwa AIDS nicht interessiere (Zelizer, 1999, 166). Folge man in diesen Fällen der Leitlinie, den Bürger und dessen Interessen ernst zu nehmen, so könnten Lokales und Alltägliches die Berichterstattung dominieren, andere Bereiche wie die Auslandsberichterstattung würden leiden (Lünenborg, 2000, 71).

Ebenfalls kritisiert wird der Anspruch des Public Journalism, sich für die Lösung von Problemen aktiv einzusetzen. Damit überschreite er seinen Aufgabenbereich (Schudson, 1999, 128; Zelizer, 1999, 167-168). Der Verzicht auf Distanz und Neutralität könne zudem die redaktionelle Autonomie untergraben, die unabhängige Berichterstattung gefährden und zu einem Verlust an Glaubwürdigkeit für die Presse im Ganzen führen (Hardt, 1999, 198; Voakes, 2004, 30).

Während die meisten Kritiker bemängeln, dass der Public Journalism zu viele Kompetenzen an sein Publikum abgebe, indem er die Bürger die Agenda mitbestimmen lasse, stören sich andere daran, dass die Macht über das Endprodukt im Grunde noch immer allein beim Journalisten liegt. „Trotz des lobenswerten Anspruchs, im public journalism die Interessen von ‚Normalbürgern’ zu artikulieren, behält der Journalist die Rolle des Ich-Erzählers bei und maskiert sie zugleich, indem er den Eindruck eines veränderten kommunikativen Settings weckt“, schreibt etwa Lünenborg (2005, 155). Obwohl der Public Journalism aktiv versucht, zur Teilnahme zu ermutigen, behalten die Medienunternehmen die Kontrolle, indem sie die Themen setzen, die Teilnehmer auswählen und die Kommunikation moderieren (Bowman/Willis, 2003, 9). Von einem gänzlich neuen Modell von Journalismus, das alle Macht auf das Publikum überträgt, kann daher keine Rede sein (Schudson, 1999, 122).

2.2.6 Interaktionsmodell

Das dem Public Journalism zugrunde liegende Interaktionsmodell (Abbildung 2) ist dem des traditionellen Journalismus in der Grundstruktur sehr ähnlich. Der Hauptinformationsstrom läuft in eine Richtung: vom Journalisten zu seinem Publikum. Allerdings gewinnt dieses Publikum deutlich an Aktionsmöglichkeiten. Wenn es das Medium auch nicht direkt beeinflussen kann, so ist der Kontakt zum Journalisten über den Feedback-Kanal doch erheblich verstärkt.

Dem Bürger werden mehr Möglichkeiten gegeben, auf den Journalisten zuzugehen. Vor allem aber nutzen die Journalisten die Chance, auf Bürger zuzugehen und direkt mit ihnen zu kommunizieren. Im Gegensatz dazu findet die Kommunikation vom Journalisten zum Publikum im traditionellen Journalismus in der Regel nur indirekt, über das jeweilige Medium statt. Allerdings bleibt festzuhalten, dass die Macht über das Medium im Public Journalism noch immer allein in den Händen der Journalisten liegt. Verändert wird dieses Machtverhältnis erst in den beiden Modellen von Journalismus, die in den folgenden Unterkapiteln vorgestellt werden: im webbasierten Bürgerjournalismus und im partizipativen Journalismus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Interaktionsmodell des Public Journalism (eigene Graphik)

2.3 Webbasierter Bürgerjournalismus

2.3.1 Begriffsbestimmung

Die Entstehung des Web-based Citizen Journalism bzw. des webbasierten Bürgerjournalismus[13] lässt sich ähnlich wie die des Public Journalism zum Teil durch die Unzufriedenheit mit dem traditionellen Journalismus erklären. Während sich aber im Public Journalism die Verdrossenheit vieler Journalisten über den traditionellen Journalismus ausdrückt, spiegelt sich im Bürgerjournalismus der Unmut großer Teile des Publikums wider. Beim Public Journalism handelt es sich also um eine Reformbewegung, die sich aus dem Inneren des Journalismus entwickelt hat, während der webbasierte Bürgerjournalismus eine Art vom Publikum initiierte Gegenbewegung zum traditionellen Journalismus darstellt. Diese Gegenbewegung entstand unabhängig von den etablierten Medien und wurde nicht von diesen gefördert. „To its proponents, citizen journalism represents a democratization of media, a shattering of the power of the unelected elite, a blow against the empire of Big Brother”, schreibt der Journalismus-Professor Samuel Freedman von der Columbia University (2006).

Diese Arbeit definiert den Bürgerjournalismus im Sinne Nips als ein Modell „where the people are responsible for gathering content, visioning, producing and publishing the news product“ (2006, 218). Die Bürger recherchieren, produzieren und publizieren also selbst. Professionelle Journalisten sind in diesem Modell höchstens in ihrer Eigenschaft als Bürger, auf keinen Fall aber als bezahlte Mitarbeiter an der Entstehung des Produktes beteiligt. Während es sich beim traditionellen Journalismus um reinen Profijournalismus handelt und die Journalisten beim Public Journalism nur wenig von ihrer Macht abgeben, liegt diese beim Bürgerjournalismus komplett in den Händen der Amateure. Diese Voraussetzung ist zum Beispiel auch bei Produkten wie Schülerzeitungen, Vereinszeitungen und zum Teil auch bei Sendungen offener Kanäle erfüllt. Da diese Publikationsformen aber in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand, nämlich den partizipativen Journalismus, keine Rolle spielen, beschränkt sich diese Arbeit hier auf eine Beschreibung der neueren, webbasierten Formen des Bürgerjournalismus, die das Potential haben, ein erheblich größeres Publikum zu erreichen. Dadurch ist es ihnen eher möglich, in Konkurrenz zum traditionellen Journalismus zu treten und diesen zu beeinflussen. In welcher Form dies geschehen kann wird unter anderem unter Punkt 3.3.4 in diesem Kapitel diskutiert.

2.3.2 Entwicklung

„Today anyone with access to a computer can have the equivalent of a printing press – indeed, everyday citizens can have a multimedia publishing house with global reach, at their fingertips”, schreibt Leonard Witt 2004 in einem Aufsatz in der National Civic Review (2004a, 49). Zu verdanken haben die Bürger ihr persönliches “Verlagshaus” mit der globalen Reichweite dem Internet, das sich inzwischen zum größten Publikationssystem der Welt entwickelt hat.

Bis Anfang der 90er Jahre war das Internet eine relativ kompliziert zu bedienende Plattform, die hauptsächlich von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Wissenschaftlern und vom Militär genutzt wurde. Das änderte sich als der englische Physiker Tim Berners-Lee 1989 als Berater am Kernforschungszentrum CERN in Genf ein globales Hypertext-Projekt vorschlug, das unter dem Namen „World Wide Web“ (WWW) bekannt wurde. Berners-Lee und seine Kollegen entwickelten das Adressensystem Uniform Resource Locator (URL), das allen Dokumenten im World Wide Web eine eigene Adresse zuordnet, so dass sie über das Hypertext-Prinzip miteinander verlinkt werden können, sowie die standardisierte Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language), auf der die einzelnen Webseiten basieren. Am 30. April 1993 gab das CERN das WWW und die mit ihm verbundenen Möglichkeiten zur kostenlosen und lizenzfreien Nutzung frei. Die Grundlagen des massentauglichen World Wide Web waren geschaffen (Loosen, 2005, 115-116).

Das Publizieren im World Wide Web ist kostengünstig und unkompliziert, die Zugangsbarrieren sind niedrig. Im Mai 2003 existierten nach Angaben von Bowman und Willis bereits mindestens 40,4 Millionen Websites, jeden Tag kommen Tausende weitere hinzu (2003, 15). „Wir stecken mitten in einer publizistischen Revolution“, stellt der Blogger Mario Sixtus 2004 fest. „Vom alten Sender/Empfänger-Schema wird sie wenig übrig lassen. Die Demarkationslinien zwischen aktiver und passiver Information werden durchlässig, lösen sich sogar auf.“ (Sixtus, 2004, 51) Das World Wide Web habe sich für Millionen Nutzer von einem Konsum- zu einem Produktionskanal entwickelt. Der Journalist und Blogger Tim Porter stellt sich die Aktivitäten der User im Netz als eine Art lustiges Wechselspielchen vor: „Metaphorically, they sit at their keyboards, switching hats during their digital days – publisher, audience, publisher, audience, etc.” (Porter, 2006b) Vereinfacht wird diese Doppelrolle dank neuer leicht zu bedienender webbasierter Publikationswerkzeuge, wie den so genannten Weblogs oder Blogs, von denen die Blog-Suchmaschine Technorati in diesem Jahr weltweit bereits 30 Millionen zählte (Kowalewsky, 2006; McIntosh, 2006, 5). Weblogs und einige andere webbasierte Publikationsformen, die von Bürgerjournalisten genutzt werden, werden im Folgenden kurz vorgestellt.

2.3.3 Formen des webbasierten Bürgerjournalismus

Die Arbeit konzentriert sich an dieser Stelle auf diejenigen Formen des webbasierten Bürgerjournalismus, die von etablierten Medien im partizipativen Journalismus besonders häufig übernommen und genutzt werden. Auf die Vorstellung kollaborativer Websites[14] wird hier bewusst verzichtet, weil es sich bei diesen fast nie um reinen Bürgerjournalismus im Sinne der in dieser Arbeit gebrauchten Begriffsbestimmung handelt. Außerdem bestehen kollaborative Websites oft einfach aus einer Sammlung von Weblogs oder sind kaum von diesen oder anderen Formen des webbasierten Bürgerjournalismus zu unterscheiden (Bowman/Willis, 2003, 25).

2.3.3.1 Weblogs

„To date, they’re the closest we’ve come to realizing the original, read/write promise of the Web. They were the first tool that made it easy – or at least easier – to publish on the Web”, schreibt der Journalist und Weblog-Enthusiast Dan Gillmor in seinem Buch „We the Media” über Weblogs[15] (2006a, 28). Doch nicht jeder ist ein solcher Blog-Fan. Jan Schaffer etwa, die Direktorin des J-Lab an der University of Maryland, gestand bei einer Podiumsdiskussion, dass sie Blogs für ineffektiv, narzisstisch und nicht sehr nützlich hält (Schaffer, 2004a, 13). Andere Kritiker haben Blogs schon als „Klowände des Internet” (Brauer, 2006, 43) oder „Lauffeuerklatsch“ (Sixtus, 2005) geschmäht.

Der Begriff Weblog – kurz Blog – bezeichnet eine Webseite, die in regelmäßigen Abständen und ohne größere Unterbrechungen mit neuen Einträgen bestückt wird, wobei der jeweils neueste Eintrag, auch „Post“ genannt, an oberster Stelle steht (Neuberger, 2004). Zu den typischen Bestandteilen eines Blogs zählen neben den Posts auch Links, mit denen die Blogger auf andere Online-Inhalte verweisen und diese kommentieren, sowie die Kommentarfunktion, die es Lesern erlaubt, ihre Meinung zu den Einträgen zu äußern (Gillmor, 2006a, 29). Obwohl fast immer mehrere Einträge eines Blogs gemeinsam auf einer Seite stehen, ist es dank so genannter Permalinks möglich, sich auf einzelne Posts eines Weblogs zu beziehen (Blood, 2003, 61).

Als Erfinder des Begriffs „Weblog“ gilt der Blogger John Barger, der 1997 damit begann, täglich Links zu veröffentlichen und diese mit Beschreibungen und Kommentaren zu versehen. Diese Anmerkungen waren vor allem deshalb wichtig, weil ein Klick auf den Link zu einer für den User belanglosen Seite wegen der damals noch sehr langsamen Internetverbindungen viel Zeit kosten konnte (Armborst, 2005, 21). In seinem Aufsatz „Anatomy of a Weblog“ griff der Blogger Cameron Barett den von Barger erfundenen Begriff Weblog 1999 auf und beschrieb die Charakteristika dieser speziellen Art von Website. Einige Zeit später schlug der Blogger Peter Merholz im Scherz vor, nicht länger „Web log“ sondern „We blog“ zu sagen und leitete daraus die Abkürzung „Blog“ ab, die sich in der Blogger-Szene schnell durchsetzte (2002).

Ab 1999 entwickelten die ersten Blogger Softwarelösungen, die es auch Leuten ohne große Programmierkenntnisse ermöglichen sollten, Blogs einzurichten und zu betreiben. Die ersten „Blog Hosts“, also Anbieter einfacher Content-Management-Systeme, starteten ihre Unternehmen. Einige davon „beherbergen“ inzwischen Millionen Blogs auf ihren Servern. Zu den bekanntesten der frühen Host-Unternehmen gehört Blogger.com, das Anfang 2003 von Google übernommen wurde. Während die Blogger-Szene noch Anfang 1999 aus nur etwa 30 Leuten bestand, die fast alle Informatiker, Programmierer oder Web-Designer waren, explodierte die Anzahl der Blogger dank der vereinfachten Handhabung der Blogs in der Folgezeit. Ende 2001 gab es weltweit schon knapp eine Million Weblogs (Armborst, 2005, 22). Mittlerweile entstehen nach Schätzungen täglich etwa 70.000 neue Blogs (Kowalewsky, 2006; Bowman/Willis, 2005, 7). Genaue Zahlen zur Größe der Blogosphäre – so wird die Gesamtheit aller Blogs genannt – existieren allerdings nicht. Klar ist nur eines: „die Lawine rollt“ (Tittel, 2005). Ob und inwieweit sie dabei dem traditionellen Journalismus in die Quere kommt, wird unter Punkt 3.3.4 in diesem Kapitel diskutiert. Die Rolle der Weblogs im partizipativen Journalismus wird unter den Punkten 3.3.1 und 3.3.3 dieser Arbeit näher beleuchtet.

[...]


[1] Der Begriff Publikum ist in dieser Arbeit sehr weit gefasst und bezeichnet alle potentiellen Konsumenten journalistischer Medien – sei es Print, Online, Radio oder Fernsehen. Die Gruppe der Konsumenten bzw. des Publikums bestimmt sich in Abgrenzung von denjenigen Personen, die als professionelle Journalisten an den Inhalten der Medien haupt- oder freiberuflich mitarbeiten. Das Publikum besteht also aus journalistischen Amateuren, es hat – im Gegensatz zu professionellen Journalisten – in der Regel keine journalistische Ausbildung und verdient kein Geld durch journalistische Tätigkeiten. Die hier verwendete Definition von professionellen Journalisten orientiert sich an der Begriffsbestimmung von Siegfried Weischenberg, Maja Malik und Armin Scholl (2006, 347).

[2] Mit den Grenzen des Journalismus im Bereich der Bürgerbeteiligung befassen sich beispielsweise Armborst (2005), Dudek (2006), Henig (2005), Stegers (2005b) und Woo (2005).

[3] Ein Beispiel für eine eng gefasste Journalismusdefinition, die auf mehreren Ebenen Kriterien für journalistisches Handeln aufstellt, bietet die Arbeit von Armin Scholl (1997). Scholls Ziel ist es „Journalismus von Public Relations, Werbung, Kunst, Publizistik und Laien-Kommunikation unterscheiden zu können“ (482f.). Im Gegensatz zum Journalismus sei Laien-Kommunikation beispielsweise erkennbar „an Ehrenamtlichkeit oder am fehlenden Presseausweis“ (474).

[4] Ist in dieser Arbeit von „traditionellem Journalismus“ die Rede, so bezieht sich „traditionell“ nicht auf die Art des Mediums, in welchem Journalismus praktiziert wird, sondern auf die Form der Interaktion mit dem Publikum. Oft werden als „traditionelle Medien“ Print, Radio und Fernsehen bezeichnet – in Abgrenzung zu neueren Medien wie dem Internet, so auch in dieser Arbeit. Traditioneller Journalismus, im Sinne dieser Arbeit, kann durchaus auch im Internet praktiziert werden. „Die Massenmedien übertragen im Wesentlichen den traditionellen Journalismus ins Internet“, stellt Neuberger (2004) fest und spezifiziert diese Diagnose in Bezug auf die zugrunde liegende Interaktionsform wie folgt: „Die Kommunikation verläuft überwiegend einseitig, unter Verzicht auf die interaktiven Möglichkeiten des Internets.“

[5] Um den Überblick über die vier in diesem Kapitel vorgestellten Varianten von Publikumsbeteiligung im Journalismus zu erleichtern, werden im Anschluss an die Beschreibung der einzelnen Modelle die grundlegenden Charakteristika der jeweiligen Interaktionsform graphisch dargestellt.

[6] Da es sich beim Public Journalism um ein weitgehend auf die USA beschränktes Phänomen handelt, verzichtet diese Arbeit auf eine Übersetzung des Terminus.

[7] Die Diskussion um den richtigen Namen führte so weit, dass von Einigen in Zweifel gezogen wurde, dass das Phänomen Public Journalism überhaupt eines Namens bedarf: „Editor Buzz Merrritt and academic Jay Rosen once agreed that they ought to just call it ‚banana’ and get on with it.“ (Black, 1997, vi-vii)

[8] Auch Margret Lünenborg gibt an, dass sich der Begriff Public Journalism durchgesetzt habe. Sie bedauert dies jedoch, da der Begriff Civic Journalism überzeugender sei. Im Gegensatz zum Terminus Public Journalism verweise er auf das Ziel der journalistischen Arbeit, nämlich das Publikum in seiner Funktion als Bürgerschaft zu stärken (Lünenborg, 2005, 143-144).

[9] Eine genauere Vorstellung vom Community Journalism vermittelt Jock Lauterer: „It’s the kind of journalism practiced by newspapers where the readers can walk right into the newsroom and tell an editor what’s on their minds. It’s the kind of newspaper that covers the town council, prints the school lunch menus, leads the sports page with the high school football game, tells you who visited Aunt Susie last week and runs photos of proud gardeners holding oddly shaped vegetables.” (2000, xix)

[10] Der Begriff Community wird in dieser Arbeit aufgrund seiner vielschichtigen Bedeutung aus dem Englischen übernommen. Einen Eindruck von der Bedeutung des Wortes vermittelt Nip, die feststellt, das Community zumindest folgende vier Merkmale impliziere: „1. A sense of belonging among members. 2. Shared forms among members. 3. Interactions among members. 4. Social ties among members.” (2006, 215) Nip fügt hinzu, dass ein begrenztes geographisches Gebiet kein Kriterium für eine Community sei, so dass auch im Internet von Communities gesprochen werden kann.

[11] Bereits unter Punkt 3.1.1 in diesem Kapitel wurde beschrieben, dass der Public Journalism über kein einheitliches Manifest, keine allgemein anerkannte Definition verfügt. Aus diesem Grunde gehen auch die Meinungen über Philosophie und Ziele des Public Journalism in einigen Punkten auseinander. Da hier ohnehin nur ein kurzer Überblick gegeben werden soll, um das Phänomen besser vom partizipativen Journalismus abgrenzen zu können, wird auf die Darstellung von Widersprüchen und strittigen Punkten verzichtet. Die hier dargelegten Grundannahmen und Ziele tauchen in der Literatur zum Public Journalism immer wieder auf und können daher als eine Art Minimalkonsens betrachtet werden.

[12] Während sich die Forschungsliteratur sehr intensiv mit der Idee, der Theorie und den Zielen des Public Journalism beschäftigt hat, sind wissenschaftliche Studien oder Aufsätze zu den konkreten Vorgehensweisen eher selten.

[13] Ähnlich wie beim Public Journalism werden auch für dieses Phänomen von unterschiedlichen Autoren unterschiedliche Bezeichnungen verwendet. Neben dem Begriff Citizen Journalism finden sich zum Beispiel die Bezeichnungen Personal Journalism, Grassroot Journalism, Do-it-yourself-Journalism oder We Media. Da sich in der deutschsprachigen Literatur der Terminus Citizen Journalism bzw. dessen deutsche Übersetzung Bürgerjournalismus durchgesetzt hat, findet letztere auch hier Verwendung.

[14] Bowman und Willis definieren kollaborative Websites wie folgt: „A collaborative publishing environment is designed to enable a group of participants (large or small) to play multiple roles: content creators, moderators, editors, advertisers and readers. While the environment may be owned by an individual creator or host organization, the goal of these systems is distributed ownership and deep involvement from its community of users.” (2003, 25) Als Beispiele für eine kollaborative Website nennen Bowman und Willis Slashdot.org und Kuro5shin.org.

[15] Das Wort Weblog ist ein Kunstwort, das sich aus den englischen Begriffen Web und Log, also Logbuch, zusammensetzt (Martin-Jung, 2005, 3). Jemand, der ein Blog betreibt, wird Blogger genannt. Die Tätigkeit selbst nennt sich bloggen.

Details

Seiten
106
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638868860
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79621
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Institut für Journalistik
Note
1,3
Schlagworte
Mitmach-Medien

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Titel: Mitmach-Medien