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Clemens Brentano - Poetologie und poetische Faktur im Weberlied und in "Der Spinnerin Nachtlied"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorüberlegungen zu einer Poetik Clemens Brentanos

3. Die Gedichte
3.1 „Es sang vor langen Jahren“
3.1.1 Das Nachtigall-Motiv und das dichterische Selbst- verständnis in Der Spinnerin Nachtlied
3.1.2 Poetische Selbstreflexion innerhalb des Gedichts
3.1.3 Der Spinnerin Nachtlied als sentimentalische Dichtung
3.2 „Wenn der lahme Weber träumt, er webe“
3.2.1 Analyse
3.2.2 Selbstreflexive und poetologische Ansätze im Weberlied
3.2.3 Von der poetischen zur sozialen Existenz
3.2.4 Die Nachtigall im Weberlied

4. Theoretische Reflexion
4.1 Zum Traumcharakter der Poesie
4.2 Wesen und Funktion des Dichters
4.3 Gottähnlichkeit des Dichters

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Brentanos Lyrik wurde 1934 erstmals von Paul Böckmann in Zusammenhang mit dem Stichwort der poetischen Existenz gebracht[1] ; es deutet an, auf wie vielfältige Weise seine Poesie und die damit zusammenhängenden poetologischen Überlegungen Anbindungen an die Dichterexistenz Brentanos erfahren. Wie sich diese vor dem Hintergrund der ‚handwerklichen’ Machart innerhalb seiner Lyrik verbinden, möchte die vorliegende Arbeit zeigen. Ausgegangen wird dabei von zwei bekannten Gedichten Brentanos, „Der Spinnerin Nachtlied“ sowie dem Gedicht „Wenn der lahme Weber träumt, er webe“. Beide Gedichte eignen sich besonders, die für diese Arbeit relevanten strukturellen Zusammenhänge und literarischen Motive zu untersuchen und zu vergleichen, insbesondere im Hinblick auf das Formprinzip des Webens und die Figur der Nachtigall. In einer kurzen Vorüberlegung sollen Leitfragen für die Arbeit entwickelt werden, die in der anschließenden Analyse genauer zu erörtern sind. Ein weiterer Teil der Arbeit soll sich dann mit den theoretischen Grundlagen der Dichtung Brentanos beschäftigen, insbesondere dem Verständnis vom Dichter als dem Protagonisten der poetischen Existenz, bevor diese Ergebnisse dann in einer abschließenden Zusammenfassung gebündelt werden.

2. Vorüberlegungen zu einer Poetik Clemens Brentanos

Vermutlich mangels einer geordneten kunsttheoretischen Schrift Brentanos gab es innerhalb der Forschung immer wieder die Tendenz, ihn als Nichttheoretiker zu charakterisieren; so führt Enzensberger als Beleg Textstellen an, die diese Distanz Brentanos zu theoretischer Reflexion begründen sollen, etwa:

„Bedenke, liebstes Kind, daß Denken die Heimat der Seele ist… Ein Sichdaheimfühlen im innersten Dasein ist die Region, in der wir in schuldlosem Bewusstsein am Quell des Vertrauens und der Weisheit schöpfen, das heißt: Denken“[2]

Ob diese These, die von der neueren Forschung kritisiert wird, berechtigt ist, soll im Folgenden hinterfragt werden. Weiterhin soll ausgehend vom Begriff der poetischen Existenz auf der Grundlage der Gedichte Brentanos poetologisches Verständnis von Dichter und Werk für die Arbeit zentral sein; hier wird insbesondere auf das Motiv der Nachtigall rekurriert.

Im Rahmen des Weberlieds sollen dann die Grenzen von poetischer und sozialer Existenz untersucht werden, ebenso wie der im Lied anklingende Aspekt des Traumcharakters der Poesie.

3. Die Gedichte

3.1 „Es sang vor langen Jahren“

Innerhalb von Brentanos Gedicht ist die Volksliedhaftigkeit sowohl motivisch angedeutet durch den Topos vom einsamen Mädchen am Spinnrad als auch strukturell erkennbar, beispielsweise in der einfachen Syntax und Strophenform sowie an seinem liedhaften Charakter. Enzensberger weist darauf hin, dass gleichzeitig aber auch eine gewisse Distanz zum Volkslied erkennbar wird: Sowohl der verschränkte Reim als auch der virtuose Aufbau des Gedichts seien dem Volkslied fremd.[3]

Die sechs Strophen des Liedes bilden insgesamt nur vier verschiedene Reime aus, die ausgehend von ihren zwei Reimphonemen wiederum zwei Strophengruppen bilden (a- und ei-Reime). Jede der beiden Strophenarten wird dabei so variiert, dass die jeweils letzte Zeile einer a- bzw. ei-Strophe die erste Zeile der folgenden a- bzw. ei-Strophe einleitet, der Strophenkern jedoch seine Reihenfolge beibehält.

Die einleitende erste Strophe beginnt konform zur Volksliedtradition mit „Es“ anstelle eines Subjekts[4] ; sie ruft die Vergangenheitsmotivik auf und bringt sie in Verbindung mit dem Gesang der Nachtigall, der als „süßer Schall“ charakterisiert wird. Klein sieht in dieser Qualifizierung den Kern der Strophe, da diese ohne sie tautologisch sei.[5] Auch Naumann hebt die Haltung des Lauschens innerhalb dieser Strophe hervor, die er ebenfalls als Anknüpfungspunkt zur Volksliedtradition interpretiert, gleichzeitig aber auch als charakteristisch für Brentanos lyrisches Werk markiert.[6] Innerhalb der Strophe werden weiterhin verschiedene positiv konnotierte Begriffe wie Gesang und Zusammensein in einen Sinnzusammenhang mit dem Phonem /a/ gebracht; dieser Zusammenhang wird erst in der dritten Strophe gebrochen, wenn das Phonem hier nicht mehr positiv belegt ist. Vielmehr offenbart sich an dieser Stelle eine Form poetischer Machart des Gedichts: Ein Teil des Inventars, in diesem Fall das Phonem /a/, ändert seine Bedeutung je nach Umgebung.[7] Die Vergangenheitsbindung der ersten Strophe wird in der folgenden zu Gunsten der Gegenwart aufgegeben, dies wird deutlich in der Opposition der Präsensform von singen in der zweiten Strophe zum Präteritum der ersten Strophe. Die exponierte Stellung des Pronomens unterstreicht das Moment der Einsamkeit, ebenso wie deren explizite Erwähnung in der sechsten Zeile: „Und spinne so allein“. Die Opposition zur ersten Strophe wird weiterhin verdeutlicht durch die verschiedenen Bewusstseinsebenen: Beide Strophen beginnen mit dem Wort singen; während dieser Gesang in der ersten Strophe jedoch ein unbewusstes Singen aus der Erinnerung und ohne eigenes Zutun meint, rückt das Singen in der folgenden Strophe auf eine Ebene des Bewusstseins.[8] Die dritten Strophe bündelt den zuvor konstruierten Kontrast von Gegenwart und Vergangenheit, indem sie beide vereint: So beschreiben die ersten beiden Verse der Strophe die Ebene der Vergangenheit, während die letzten zwei Verse auf der Ebene der Gegenwart anzusiedeln sind. Klein weist jedoch darauf hin, dass auch hier beide Teile inhaltlich durch das Motiv der Nachtigall verknüpft sind.[9] Auch das bereits erwähnte Schema der Bedeutungskonstituierung durch Kontextveränderung tritt hier wieder zum Vorschein, so sang die Nachtigall in der Vergangenheit noch süß, in der Gegenwart hingegen ruft ihr Lied Trauer hervor. Während diese drei ersten Strophen übergreifend dem Thema der Vergangenheitssehnsucht zuzuordnen sind, wird für die zweite Gedichthälfte das Moment der Jenseitssehnsucht dominierend: der erste Vers der vierten Strophe nimmt in einer Variation Vers acht auf, wobei die Formulierung „So oft der Mond mag scheinen“ das Moment der zeitlichen Unabsehbarkeit und Unbestimmtheit betont.[10] In dieser Strophe erscheint auch erstmals die Bezeichnung „Gott“ als neues Element, verbunden mit einem Bruch im Metrum. Während die fünfte Strophe eine weitere Variante der bereits bekannten Elemente und Verse bildet, wirkt die letzte Strophe noch einmal bündelnd für den Grundtenor des Liedes: In den ersten zwei Versen wird die Opposition zwischen Wunsch und Situation des Subjekts hervorgehoben, der Kontrast wird verstärkt durch die anaphorische Positionsgleichheit („Gott“ und „Hier“, bzw. „vereinen“ und „allein“).[11] Dass eine solche Gegenüberstellung von Wunsch und Wirklichkeit ebenfalls ein beliebtes Schema innerhalb der Volksliedtradition darstellt, bemerkt Naumann mit seinem Verweis auf das Volkslied Wenn ich ein Vöglein wär’, das durch eine vergleichbare Dialektik eingeleitet wird. Dennoch werden in Brentanos Lied die Zeitschichten von Gegenwart und Vergangenheit nicht in einer Form gegeneinander ausgespielt, um endlich zu einer verstandesmäßigen Klarheit über den eigenen Zustand des lyrisches Ichs zu gelangen; vielmehr wird hier eine Verschmelzung im Sinne eines fließenden Bewusstseins angesteuert, zu dem notwendigerweise auch die Zukunft gehört, und damit verbunden der genannte Wunsch: „Gott wolle uns vereinen“.[12] Der letzte Vers der sechsten Strophe („Ich sing’ und möchte weinen“) erscheint als Variante des fünften Verses („Ich sing’ und kann nicht weinen“), den Wille in seiner Monografie als Ausdruck der völligen Tränenlosigkeit und damit als höchsten Grad der Trauer deutet[13] ; Hanak versteht in diesem Zusammenhang den abschließenden Vers als einzige wirkliche Neuerung innerhalb des Liedes; verbunden mit dem Wunsch zu weinen ist gleichzeitig das Verlangen, damit das eigene stille Trauern überwinden zu können.[14] Vor dem Hintergrund der Programmatik der poetischen Existenz soll im Folgenden jedoch noch eine weitere Möglichkeit des Verständnisses dieses Verses diskutiert werden.[15]

Enzensberger deutet die hier erkennbare Nähe zum Volkslied ausgehend von der besonderen historischen Situation Brentanos; er stehe „an jenem Punkt, wo die Brechung dieses Verhältnisses (zwischen moderner Dichtkunst und Volksdichtung, Anm. d. Verf.) beginnt, wo jedoch der unmittelbare lebendige Zusammenhang noch nicht verloren gegangen ist.“[16] Auf den historischen Diskurs verweist auch Mayer, der das Lied in einer Schwebeposition zwischen dem Anspruch auf Mündlichkeit und Unmittelbarkeit einerseits und der zunehmenden Literarisierung von Erinnerungen andererseits einordnet. Auch die Annahme einer kreisenden Struktur ist für Mayer nicht vertretbar, vielmehr fange das Gedicht das In-sich-beschlossen-Sein der Spinnerin mit ihrem Schicksal ein: Indem alle Verse im Indikativ präsentiert werden, und lediglich der Optativ in der Zeile „Gott wolle uns vereinen“ mit diesem Muster breche, sei hier der Weg aus der in sich selbst kreisenden Immanenz in die Transzendenz aufgezeigt. Das erlösende Moment bilde somit das einzige Element des Liedes, das selbst nichts Innerweltliches darstellt und dem Wandel nicht unterworfen ist.[17] Wille zitiert Arthur Henkel zum romantischen Bewusstsein bei Brentano: „Eine hochbewusste intellektuelle Magie ist das Ziel, das erreicht werden soll, indem das Bewusstsein im intellektuellen Akt, der das Denken des Denkens denkt, so intensiviert wird, dass es umschlägt in die Heteronomie eines magischen Weltzusammenhangs“.[18]

Dass Brentano die Kunstpoesie aus dem Minnesang gelernt habe, bemerkt Henel in seinem Aufsatz zur europäischen Kunstpoesie; Brentano übersetzte ein sog. Echo-Gedicht des Walthers von Klingen, wobei er beim Weiterdichten Ton und Motivik des Minnesangs immer weiter dem Volkslied annäherte; und auch das Lied „Ich will des Mais mich freuen“ (vermutlich 1802) bietet eine Verbindung des Echo-Motivs mit dem Volksliedhaften. Das Reimwort des vorletzten Verses jeder Strophe kehrt am Anfang des letzten Verses wieder und bildet zugleich einen Binnenreim mit dem letzten Reimwort, das sog. Echo. Ohne solche Anlehnungen wäre die kunstvolle Gestaltung von Der Spinnerin Nachtlied kaum denkbar.[19]

[...]


[1] vgl. Böckmann, Paul: Die romantische Poesie Brentanos und ihre Grundlagen bei Friedrich Schlegel und Tieck, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstift (1934/35), S. 56-176.

[2] Clemens Brentano, Werke, hrsg. von Wolfgang Frühwald, Bernhard Gajek, Friedhelm Kemp, München 1963-1968, Bd. 2, S. 246, im Folgenden zitiert als: Werke.

[3] vgl. Enzensberger, Hans Magnus: Brentanos Poetik, Diss., München 1961 S. 115, im Folgenden zitiert als: Enzensberger.

[4] vgl. Naumann, Walter: Traum und Tradition in der deutschen Lyrik, Stuttgart 1966 S. 74, im Folgenden zitiert als: Naumann.

[5] vgl. Klein, Joachim: Lyrische Fabel und ästhetisches Paradigma. Zu Inhalt und Organisation von C. Brentanos ‚Der Spinnerin Lied’, in: Sprachkunst. Beiträge zur Literaturwissenschaft 5 (1974), S. 18-27 S. 21, im Folgenden zitiert als: Klein.

[6] vgl. Naumann S. 75.

[7] vgl. Klein S. 21f.

[8] vgl. Naumann S. 76.

[9] vgl. ebd., S. 22.

[10] vgl. ebd., S. 23.

[11] vgl. ebd., S. 23.

[12] vgl. Naumann S. 76ff.

[13] vgl. Wille, Klaus: Die Signatur der Melancholie im Werk Brentanos, Bern 1970, S. 66, im Folgenden zitiert als: Wille.

[14] vgl. Hanak, Miroslav John: A Guide to Romantic Poetry in Germany, New York 1987, S. 134.

[15] vgl. Kapitel 3.2.2.

[16] vgl. Enzensberger S. 118.

[17] vgl. Mayer, Matthias: Klassik und Romantik, in: Geschichte der deutschen Lyrik, hrsg. v. F.-J. Holznagel u.a., Stuttgart 2004, 294f, im Folgenden zitiert als: Mayer.

[18] A. Henkel: Was ist eigentlich romantisch?, in: Festschrift für R. Alewyn, hrsg. von Herbert Singer und Benno von Wiese, Köln, Graz 1967, S. 300, S. 19, zitiert nach Wille S. 67.

[19] vgl. Henel, Heinrich: Erfüllte Form. Brentanos Umgestaltung der europäischen Kunstpoesie. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 22 (1978) S. 448f, im Folgenden zitiert als: Henel.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638868631
ISBN (Buch)
9783638868693
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79574
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Clemens Brentano Poetologie Faktur Weberlied Spinnerin Nachtlied Poetische Existenz Brentanos Schreiben Poesie Leben Thema Der Spinnerin Nachtlied

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