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Electra von Bénito Pérez Galdós

Figuration eines neuen Mythos im technischen Zeitalter?

Seminararbeit 2007 24 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung
1. Bénito Pérez Galdós – Leben, Werk und Wirkung
2. Gesellschaftliche Lage und soziale Strukturen Ende des 19. Jahrhunderts
2.1. Politisches System und soziale Frage
2.2. Technik, Industrialisierung und Fortschritt

II. Hauptteil: Electra – Entwicklung eines neuen Mythos im technischen Zeitalter
1. Mythos – Versuch einer Definition
2. Figurenkonstellationen
2.1. Electra – eine ambivalente Figur
2.2. Máximo – Rationalität, Vernunft und Wissenschaft
2.3. Die Beziehung Electra – Máximo: Mythos und Technik, Mythos und Logos
2.4. Pantoja und Evarista versus Electra und Máximo: Die Dos Españas
3. Technik und Mythos
3.1. Darstellung der Technik in Electra
3.2. Technik als Mythos einer neuen Ära - Stellenwert der Technik Anfang des 20. Jahrhunderts
3.3. Neuer Mythos im technischen Zeitalter?

III. Schlussbemerkung

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das Ziel dieser Arbeit ist es, sich mit dem Werk Electra von Benito Perez Galdós auseinanderzusetzen. Besonderes Augenmerk soll dabei auf die Entwicklung eines neuen Mythos – der Technik – in diesem Werk gelegt werden. Zunächst soll ein kurzer Überblick über das Leben des Autors gegeben werden, sowie ein kurzer historischer Abriss über die politischen und sozialen Umstände der Entstehung seines Werkes Electra, um die darauf folgende Analyse in einen historischen Kontext stellen zu können. Desweiteren möchte ich näher auf die charakterliche Darstellung und die Verhaltensmuster der Hauptfiguren im Stück eingehen, um diese schließlich in Bezug zueinander zu setzen und ihre Beziehungen untereinander und dessen Bedeutung zu analysieren. Auf diese Analyse aufbauend, folgt eine eingehendere Betrachtung der Thematik Mythos und Technik. Hierbei sollen die Beziehungen zwischen den Figuren in Bezug auf die Thematik untersucht werden. Insgesamt soll versucht werden, den historischen Kontext in dem das Werk entstanden ist, mit einzubeziehen und die Art und Weise der Darstellung hierzu in Bezug zu setzen.

1. Bénito Pérez Galdós – Leben, Werk und Wirkung

Bénito Pérez Galdós wurde im Jahr 1843 in Las Palmas de Gran Canaria geboren, verbrachte den Großteil seines Lebens allerdings in Madrid. Er entstammte einer konservativen Mittelstandsfamilie – sein Vater war ein ranghoher Offizier – weshalb er durch familiären Druck ein Jurastudium begann. Dieses brach er allerdings bald zugunsten der Literatur ab: von 1867 an verdiente sich Galdós - als einer der wenigen seiner Zeit – seinen Lebensunterhalt als Berufsschriftsteller und führte ein von besonderer Arbeitsdisziplin geprägtes Leben.

Auch politisch war Galdós engagiert: zweimal wurde er ins Parlament gewählt, 1886 auf einer progressiv-liberalen und 1907 auf einer republikanischen Liste. An diesem Wechsel kann man bereits erkennen, dass Galdós im Laufe seines Lebens eine ideologische Veränderung durchlaufen hat und politisch immer weiter ins linke Spektrum gerückt ist.

Galdós ist weniger als Revolutionär, wohl aber als Kritiker der politisch versteinerten Restaurationsmonarchie und der wiedererstarkenden Macht der Kirche einzustufen. Seine besonderen Ansichten spiegeln sich auch in der Darstellung der weiblichen Figuren seiner Werke wider. Obwohl er nie verheiratet war, unterhielt Galdós doch mehrere intensive Verhältnisse mit bedeutenden Frauen seiner Zeit, beispielsweise mit der für ihre Zeit sehr modern denkende Schriftstellerin Emilia Pardo Bazán. Durch diesen Umstand gewann er gewissermaßen tiefe Einblicke in weibliche Gedanken, Gefühle und Verhaltensmuster – was sich in Electra durch die Darstellung der Figur Electra und ihrer Rolle als Frau in der Gesellschaft deutlich widerspiegelt.

Desweiteren sympathisierte Galdós mit dem im 19. Jahrhundert aufkommenden krausismo[1] und der damit ideologisch eng verknüpften Institución Libre de Enseñanza, einer privaten Bildungsinstitution die im Gegensatz zum staatlichen Bildungssystem Toleranz, Freiheit, undogmatisches Denken und Handeln sowie eine Erziehung im fortschrittlichen Stil propagierte. Diese Idee einer „neuen Erziehung“ findet sich auch in Electra wieder, deren auf traditionellen Werten basierende Erziehung durch Evarista, Urbano und Pantoja kritisch betrachtet wird.

Trotz der Kritik, die Galdós an der Institution Kirche und deren Einfluss auf die Menschen übt, hält er doch an einem sozial engagierten Christentum und seinen moralischen Grundlagen fest und zieht so auch viel Kritik auf sich.

Das Werk Galdós‘ ist beeindruckend umfangreich: zu den wichtigsten Werken gehören wohl die 46 Romane der episodias nacionales, historische Romane in denen er vom Unabhängigkeitskrieg bis zur Restauration Spaniens Geschichte detailliert erzählerisch aufbereitet und durchleuchtet hat. Hinzu kommen zahlreiche Einzelromane sowie Theaterstücke, zu denen auch das Werk Electra (1901) zählt, das im Folgenden näher untersucht werden soll.

Galdós politische und soziale Einstellung hat sich im Laufe seines Lebens drastisch geändert, was besonders an der Themenverarbeitung und dem Schreibstil in seinen Werken deutlich wird. Anfangs noch fortschrittsoptimistisch und mit dem bürgerlichen Liberalismus sympathisierend, vertritt er später immer deutlicher eine kritisch-aggressive Haltung gegenüber den herrschenden Mächten Kirche, Adel und vermögendem Bürgertum. Zu erklären ist dieser Sinneswandel und die damit einhergehende radikale Spanienkritik mit der Verfestigung der Restauration und der Verschlechterung der Lebenssituation für die Masse der Bevölkerung. Electra ist unter Berücksichtigung dessen, definitiv seiner anfänglichen Einstellung zuzuordnen, in der begeisterter Fortschrittsglaube und Antiklerikalismus eine tragende Rolle spielten. Beides manifestiert sich deutlich im Stück, aber darauf soll später noch eingegangen werden. Electra stach vor allem durch diese bürgerlich-progressistische Weltanschauung, aber auch durch den frauenemanzipatorischen Charakter aus der Masse der insgesamt eher oberflächlich unterhaltenden Theaterstücke des 19. Jahrhunderts (welche auch heutzutage noch, wie beispielsweise die Stücke von Echegaray[2], als mittelmäßig charakterisiert und in der Regel nicht mehr aufgeführt werden) hervor. Im Alter von 77 Jahren stirbt Galdós schließlich am 4.1. 1920 in Madrid.[3]

2. Gesellschaftliche Lage und soziale Strukturen Ende des 19. Jahrhunderts

2.1. Politisches System und soziale Frage

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war Spanien geprägt von politischem und sozialem Wandel; nach jahrhundertelanger Isolation öffnete sich das Land sowohl politisch als auch kulturell nach außen. 1868 wurde Königin Isabella II (sie regierte von 1843 bis 1868) durch eine demokratische Revolution unter General Prim gestürzt. Prim wurde 1870 ermordet, es folgte 1872 ein Bürgerkrieg, die 1. Republik wurde ausgerufen und scheiterte nur zwei Jahre später durch Bürgerkriege und revolutionäre Aufstände. 1874 kam es schließlich zu einem Militärputsch und der Republik wurde ein Ende gesetzt: Die Monarchie wurde wieder hergestellt. Von nun an herrschte das politische System der Restauration, welches auf dem Wechsel der beiden Parteien Partido Liberal Conservador (Antonio Cánovas del Castillo) und der Partei Partido Liberal Fusionista (Práxedes Mateo Sagasta) basierte.

Wahlergebnisse wurden ständig manipuliert, es gab ein Zensuswahlrecht bei dem 1881 weniger als 5% sowie 1886 nur 2,1% der Gesamtbevölkerung wahlberechtigt waren. Auch nach der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts im Jahre 1890 waren nicht mehr als 27% der Spanier wahlberechtigt. Die mannigfaltigen Probleme, die mit der Restauration einhergingen wurden von Galdós, welcher in dieser Zeit noch maßgeblich progressiv-liberal eingestellt war, in Electra moralisch hinterfragt und kritisiert. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch der sogenannte Caciquismo, die politische Instrumentalisierung der zumeist analphabetischen Landbevölkerung durch Großgrundbesitzer (Kaziken) zugunsten der von ihm favorisierten politischen Kandidaten – ein Verfahren ohne das die Politik der Restauration gar nicht erst möglich gewesen wäre. Galdós kritisierte vor allen Dingen die konservative Haltung der Kirche und deren ignorante Haltung gegenüber dem Fortschritt und der Industrialisierung.

Von großer Rolle ist auch das sogenannte „Desaster von 1898“. In diesem Jahr verlor Spanien nämlich seine meisten Kolonien – insbesondere der Verlust von Kuba nach mehrjährigem Krieg (hunderttausende von Soldaten aus zumeist ärmlichen Verhältnissen verloren in diesem Krieg ihr Leben) belastete dann auch die spanische Innenpolitik. Die ohnehin schon kritischen Spannungen der politischen Oberschicht zu den Arbeitern und Bauern verschärften sich und es kam immer häufiger zu radikalen Auswirkungen wie Streiks ect.

2.2. Technik, Industrialisierung und Fortschritt

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte zunehmend der Modernisierungsprozess in Wirtschaft und Industrie ein, vor allem allerdings in der Peripherie (80%) Spaniens. Textilindustrie, Elektrotechnik, chemische Industrie und Maschinenbau entstanden vornehmlich in Katalonien, wohingegen Eisenbahn und Bergbau im Baskenland einen Aufschwung erlebten. Allein im Baskenland wurden zwischen 1886 und 1899 650 Unternehmen gegründet; das Kapital hieraus wurde vor allem für die im Jahre 1900 einsetzende Elektrifizierung des Landes eingesetzt. Das Zeitalter der Industrialisierung hielt also auch in Spanien Einzug, allerdings etwas anders – vor allem langsamer und äußerst regional beschränkt - als im restlichen Europa. Die Industrie siedelte sich nämlich fast nur im Baskenland und in Katalonien an, Andalusien und fast der gesamte Rest Spaniens blieben weiterhin landwirtschaftlich geprägt und vor allem arm. Aufgrund des steigenden Bedarfs an Arbeitskräften, entwickelte sich in den betreffenden Regionen ein Industrieproletariat, dessen Wirklichkeit geprägt von Armut und Elend war. Der bekannte Preis für den Fortschritt und die Industrialisierung also. Telegraphie, Telefon, Fotografie und das elektrische Licht wurden noch vor 1880 erfunden. 1879 wurde die elektrische Eisenbahn erfunden, 1885 erfand Daimler den Benzinkraftwagen, 1895 wurden die Röntgenstrahlen entdeckt, die Forschung und zunehmende Technisierung der Welt waren nicht zu bremsen. Der Fortschritt war in aller Munde.

Trotz desaströser gesundheitlicher Zustände und Hungersnöten, schnellte die Einwohnerzahl Spaniens in die Höhe, insgesamt nahm die Bevölkerung in Europa von 187 auf 406 Millionen Menschen zu. Viele Menschen flüchteten vor der Armut auf dem Land in die Städte, weil sie sich dort ein besseres Leben und ein regelmäßiges Einkommen erhofften. Vom technischen Fortschritt profitierte die allgemeine Bildung der Spanier allerdings keineswegs: 1860 waren 80% der Bevölkerung Analphabeten, 1877 75,5% und 1900 66,5%, was besonders im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien (30 % im Jahre 1900) sehr hoch war. Das elitäre politische System der Restauration fußte ideologisch auf der kirchlichen sowie universitären Doktrin, diesem klerikalen Traditionalismus stand die rationalistische liberale Gegenbewegung des krausismo, der Toleranz, Freiheit, Menschenwürde propagierte, gegenüber.

Insgesamt ergibt sich im Spanien des 19. Jahrhunderts folgendes soziales Bild einer klassischen Klassengesellschaft:

1. kleine oligarchische (politische) Führungsschicht
2. mittlere Bourgeoisie (ca. 80.000) in Agrarsektor und Industriebereich
3. Mittelschichten (clases medias): Hunderttausende von Kleinhändlern, Handwerkern, Angestellten und Beamten, Ärzte, Lehrer, Anwälte, Notare ( zu dieser Schicht zählen alle der von Galdós beschriebenen Charaktere)
4. Basis: Agrarproletarier und Tagelöhner, Kleinbauern, städtische Arbeiter, 500.000 Hausbedienstete, 100.000 Menschen die nur durch Bettelei und Diebstahl überleben

Aus dieser Struktur heraus ergab sich der Gegensatz von verschwenderischem Reichtum und unerträglicher Armut, der nach und nach zur Entstehung sozialistischer und anarchistischer Gewerkschaften führte. Soziale und regionale Schwerpunkte des Anarchismus waren vor allem Andalusien (agrarisch) und Katalonien(industriell). Durch die Zuspitzung der sozialen Gegensätze waren die Gewerkschaften bald nur noch schwer zu kontrollieren, die Verzweiflung und Wut der Bevölkerung über die herrschenden Zustände entlud sich zunehmend in Streiks und Protesten.

Als Spanien 1898 schließlich die letzten Kolonien verlor und schließlich den Kubakrieg mit den USA verlor, brach die Restauration zusammen. Intellektuelle dieser Zeit – und eben auch Galdós - kritisierten die Unfähigkeit der Spanier sich der Modernität von Kapitalismus und Naturwissenschaften anzupassen. Diese vornehmlich ideologisch basierte Haltung gegen die Technisierung und den Fortschritt werden in Galdós Electra durch die Figuren Pantoja und Evarista repräsentiert.[4]

[...]


[1] Auf Karl Christian Friedrich Krause (1781-1832) zurückgehende Bewegung, die auf Liberalität und Rationalität im Einklang mit der Natur basiert und in Spanien großen Zuspruch erhielt

[2] 1904 wurde dem 1832 geborenen Schriftsteller José de Echegary der Nobelpreis für Literatur verliehen – sehr zum Missfallen der jüngeren Schriftsteller seiner Zeit, die in seinen Werken die Repräsentation der Tradition, die es zu überwinden galt, sahen.

[3] Informationen entnommen aus NEUSCHÄFER, Hans-Jörg: Spanische Literaturgeschichte. Stuttgart Weimar 1997 und http://www.cervantesvirtual.com/bib_autor/Galdos/autor.shtml

[4] Die Informationen der Kapitel 2.1 und 2.2 basieren auf BERNECKER, W. : Spanische Geschichte. Vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München 1999 sowie BERNECKER, W.L., PIETSCHMANN, H. : Geschichte Spaniens. Stuttgart Berlin Köln u. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Spaniens#Maria_Christina.2C_die_Carlistenkriege.2C_Isabella_II..2C_Erste_Republik_und_Restauration

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638863803
ISBN (Buch)
9783640139446
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79437
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Romanistik
Note
12/15
Schlagworte
Electra Bénito Pérez Galdós Moderne Mythen Theater

Autor

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Titel: Electra von Bénito Pérez Galdós