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Ordnung und Chaos im Erzählwerk Adalbert Stifters

Examensarbeit 2007 76 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Strömungen und Tendenzen in einer schwierigen Zeit

I. Teil Un-Ordentliche Ordnung
I. 1 „Bergkristall“ – (un)geordnete Erzählräume
I. 1.1 Problematisches Weihnachtsidyll
I. 1.2 ‚Tal-Welt’
I. 1.3 Schneekatastrophe: Orientierungsverlust
I. 1.4 Ordnungsversuche
I. 1.5 Rettung
I. 2 „Turmalin“ – Fragmentarische Lebensbilder
I. 2.1 Der ‚verschachtelte’ Rentherr
I. 2.2 Der ‚Ehe-Bruch’
I. 2.3 Die ‚Ordnungs-Stifterin’ und das unterirdische Paar
I. 2.4 Das ‚kopflastige’ Mädchen

II. Teil Ordentliche Un-Ordnung
II. 1 Der Nachsommer – die ‚andere’ Rosen-Welt
II. 1.1 Das Rosen-Panorama
II. 1.2 Heinrich Drendorf – ein schweigender Erzähler
II. 1.3 Strategien eines schweigenden Erzählers
II. 1.4 Rückblickende Entzifferung: ‚Rosen - Zeichen’
II. 2 Welt des Nichts – „Der fromme Spruch“
II. 2.1 ‚Figuren-Spiel’ in einer entleerten diegetische Welt
II. 2.2 Der Chronist: ein unsichtbarer Erzähler
II. 2.3 Grenzen der Kommunikation
Das Spiel zwischen Ordnung und Chaos bei Adalbert Stifter – Versuch eines Fazits

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es ist doch mehr und anderes als das bekannte noble ennui.“[1]

Dieses von Thomas Mann in Bezug auf Stifters Œuvre beobachtete ‚mehr’ soll ins Zentrum der vorliegenden Arbeit gerückt werden. Schon von Zeitgenossen als „das überschätzte Diminutiv-Talent“[2] bezeichnet, hat gerade Stifter immer wieder negative Einschätzungen erfahren, die im zweifelhaften Prädikat ‚Poet der Langeweile’ kulminieren.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die immer wieder thematisierte Langatmigkeit, die scheinbar endlos idyllisierenden Beschreibungen, die dem Leser bei der Rezeption Stifterscher Erzählprosa begegnen, aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten. Thomas Mann bezeichnet den Österreicher als „Ehrenretter der Langeweile“[3] und betont des Weiteren, „was für ein aufregender, außerordentlicher, alle Augenblicke ins Extreme [...] vorstoßender Erzähler“[4] er ist. Seine Beobachtung soll in diesem Rahmen als erste Motivation herangezogen werden, innerhalb der Ordnungssysteme Stifters tatsächlich nach ‚mehr’, nach anderen Strukturen zu suchen, an denen sich der jeweils dargestellte Kosmos reibt und so seine ‚Außer-Ordentlichkeit’ bedingt.

Innerhalb der Forschung wird oftmals „Das Abgründige Biedermeier“[5] und „Das schwierige neunzehnte Jahrhundert“[6] thematisiert, somit also die Ambivalenz gerade der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert betont. Auch vor diesem Hintergrund erscheint die Absicht, das ‚Un-Ordentliche’, Chaotische, Beunruhigende in Texten Stifters zu suchen, lohnenswert. So sollen Überlegungen zu Strömungen und Tendenzen, wie sie Gesellschaft und auch literarisches Schreiben zu dieser Zeit beeinflusste, an den Anfang dieser Arbeit gestellt werden, sozusagen ihren Rahmen bilden. Aufgrund des textzentrierten Vorhabens kann dies jedoch nur in Form einiger Grundannahmen erfolgen.

Im weiteren Verlauf der Arbeit erscheint es sinnvoll, von der Oberfläche der Texte ausgehend in ihre tieferen Strukturen vorzudringen und sich so der Problematik zu nähern, in welchem Maße, auf welchen Ebenen und mit welchen Darstellungsstrategien die ausgewählten Erzählungen und der Roman Stifters das oben angenommene Zusammenspiel von Ordnung und Chaos tatsächlich vollziehen.

Zunächst werden in einem ersten Teil mit „Bergkristall“ und „Turmalin“ Erzählungen zur Untersuchung herangezogen, die in der Erzählsammlung Bunte Steine 1852 erschienen. Sicherlich verweisen sie schon auf der histoire-Ebene darauf, dass sie Elemente der Beunruhigung enthalten, die sich innerhalb ihrer Ordnungswelten zeigen, so dass sie eine ‚un-ordentliche Ordnung’ repräsentieren. In der Weihnachtserzählung „Bergkristall“ schreibt sich das Chaos in Form einer unberechenbaren Natur in den Text ein, „Turmalin“ präsentiert zutiefst ‚un-geordnete’ Figuren. Neben der Skizzierung dieser Elemente soll sich jedoch der Fokus in diesem Teil der Arbeit auch darauf richten, zu untersuchen, wie diese Erzählungen Tendenzen der histoire-Ebene auch auf der discours-Ebene repräsentieren und reflektieren[7].

Es soll so der Versuch unternommen werden, aus der Behandlung dieser Erzählungen heraus erste Hinweise zu erlangen, mit deren Hilfe die Un-Ordnung bei Stifter näher gekennzeichnet und dargestellt werden kann.

In einem zweiten Schritt sollen diese Kriterien an weitere Texte Stifters herangetragen werden, die eine ordentliche ‚Un-Ordnung’ aufweisen. Sie lassen an der Handlungsoberfläche wenig oder keinen Raum für ‚Un-Ordnung’ und werden somit in der Beweisführung gegen den Langweiler Stifter an erster Stelle herangezogen. Zentral wird in diesem Teil sicherlich die Frage sein, wie sich die angenommene Unordnung auch in diese scheinbar ordentlichen Texten Stifters drängt. Primär wird Stifters Roman Der Nachsommer zu behandeln sein, die Kunst-Welt Risachs. Im Anschluss soll auch seine letzte Erzählung „Der fromme Spruch“ vor dem Hintergrund der im ersten Teil erlangten Hinweise näher betrachtet werden.

Das soeben skizzierte Verfahren erfordert ein recht textnahes Vorgehen, eine langsame Lektüre vermeintlich langsamer Texte, um ihrer Doppelbödigkeit auf die Spur zu kommen, sie näher fassen und charakterisieren zu können.

2. Strömungen und Tendenzen in einer schwierigen Zeit

Beschäftigt man sich mit verschiedenen Beiträgen zur Biedermeierforschung, so lässt sich schnell feststellen, dass die für diese Zeit zu verzeichnende Heterogenität oft dazu geführt hat, das literarische Biedermeier lediglich als epigonalen „Zwischenraum“[8] zu klassifizieren, als Brücke von der Romantik zum Realismus.[9]

Interessant erscheint jedoch die Beobachtung Bietaks, der „einen Ausgleich von Ideal und Wirklichkeit durch die Resignation“[10] beobachtet, den hier zu verortende Texte immer wieder repräsentieren. Dies ist also ein Motto, das gerade in Anbetracht gesellschaftlicher Tendenzen und Strömungen, die noch näher zu bestimmen sein werden, durchaus als Vorzeichen für hier verwurzeltes literarisches Schaffen gelten kann. Eine somit geleistete Reflexion der Doppelbödigkeit einer von massiven Umbrüchen geprägten Zeit, die sich in literarischen Texten sicherlich widerspiegelt, leistet mehr als ein reines Nachahmen literarischer Traditionen, hier offenbart sich die Einzigartigkeit dieser Epoche. Sie erschließt sich nicht als geschlossene bürgerliche Welt, verweist immer auch auf die ihr innewohnenden „Kultur des reaktiven Rückzugs, der Angst“[11]. So erklären sich auch Prägungen wie das von Politzer in seiner Grillparzer-Monographie genutzte ‚abgründig’ als mögliches Schlagwort für das literarische Biedermeier.

Innerhalb seiner umfassenden Untersuchung Biedermeierzeit stellt Sengle eine deutliche Tendenz zur Harmonisierung und Vermittlung in verschiedensten Biedermeiertexten fest[12]. Dennoch erscheint es fraglich, ob dies gelingt und wo derartige Idyllen vielmehr in starre, zwanghafte Konstrukte umschlagen müssen. Neben und unter quietistischen Oberflächen präsentieren sie zusätzliche Ebenen, die ein durchaus vorhandenes Bewusstsein für gesellschaftliche Zustände spiegeln[13]. In ihrer Notiz zu Stifter betont auch Sagarra Harmonierungsstrategien des Österreichers. Seine Ordnungssysteme dürfen jedoch nicht als gegeben, müssen vielmehr als ‚erkämpft’ angesehen werden, als permanente Überzeugungsarbeit[14]. Ohne bleibende Spannungen, die auch unter der Oberfläche der Texte existieren, scheint diese jedoch unmöglich.

Als Rahmen der Epoche des Biedermeier wird zumeist der Zeitraum von 1815 bis 1848 mit den markanten Eckdaten Wiener Kongress und Märzrevolution angenommen, die stellvertretend Grundtendenzen der gesamten Periode spiegeln. Kennzeichnend ist hier die Opposition zwischen zutiefst repressiven Strukturen der Metternichschen Ära und liberalen Strömungen – eine umfassende, alle Bereiche des Lebens beeinflussende „Enge“[15], aber auch der Versuch liberaler Strömungen, diese zu unterlaufen. So ist auch Sengles Einschätzung, die Restaurationszeit sei „äußerlich friedlich, sonst aber ziemlich zerstritten, ja schließlich explosiv“[16] zu verstehen.

Ein Beispiel für das schwierige Verhältnis liberaler und restaurativer Strömungen stellt unter anderem die Bewegung der deutschen Burschenschaft dar, die durch die restriktiven Instrumente der Karlsbader Beschlüssen von 1819 vehement unterdrückt wurde[17]. Dürfen derartig rigide Ordnungsinstrumente, die den gesamten Vormärz prägten und tief mit gesellschaftlichen Strukturen verwachsen waren, auch nicht unterschätzt werden, überdeckte jedoch gerade der vehemente Ausbau solcher Strukturen am Vorabend der Revolution die „innere Schwäche“[18] der Metternichschen Regierung, die trotz aller Repression nicht Bestand haben konnte. Erwies sich sein restauratives politisches System zu diesem Zeitpunkt als nicht durchsetzungsfähig, konnte es wiederum im Nachfeld der Revolution von 1848, die sicherlich einen Höhepunkt des oben skizzierten Kräftemessens darstellt, wieder zur Erstarkung eines „Neoabsolutismus“[19] kommen.

So kann das instabile Verhältnis revolutionärer und restaurativer Parteien als Grundkonflikt gewertet werden, der weite Teile des 19. Jahrhunderts prägte und zu massiven Gegensätzen auf geistiger, religiöser und politischer Ebene führte. Immer wieder wurde zum Beispiel das Verhältnis von Kirche und Staat neu ausgelotet.[20] Weiterhin stellten sicherlich Fragen nach nationaler Identität ein zentrales Problem im komplexen europäischen Staatengefüge des 19. Jahrhunderts dar.[21] Massive Veränderungen im täglichen Leben, die immer auch mit wirtschaftlicher und sozialer Labilität einhergingen, ergaben sich zudem infolge rasanter Entwicklungen, zum Beispiel im Bereich der Industrie.[22] Wichtig hierbei ist, dass diese Umbrüche in ihrer Omnipräsenz eine Macht darstellten, der sich kein Mensch entziehen konnte, die das kollektive Bewusstsein der Menschen also zutiefst prägte[23].

Bedeutende Horizonterweiterungen, die unter den oben skizzierten Bedingungen auf den verschiedensten Gebieten erfolgen konnten und mussten, brachten gleichzeitig die Gefahr eines Orientierungsverlustes mit sich und mündeten in einer allgemeinen Unsicherheit, einem „Unbehagen“[24], einem Gefühl der Entfremdung in Bezug auf traditionelle Ordnungsmodelle. Letztlich führten diese Entwicklungen zu einer „Desillusion“[25], die auf befriedigende Art und Weise nicht überbrückt werden konnte. Unter anderem folgte diese Unsicherheit sicherlich aus einer neuen Reflexion „letzter Sinn- und Wertfragen“[26]. Vor dem Hintergrund einer Welt, die sich immer schneller erschloss, gleichzeitig aber auch abstrakter und vermittelter, weniger greifbar und unverständlicher wurde, erwies sich eine Neuorientierung auch hinsichtlich christlicher Wertsysteme als nötig[27]. Ein Bewusstsein für diese Umbrüche führt sicherlich dazu, die massive Ambivalenz dieser Zeit zu erfassen.

So ist gerade auch Stifter sicherlich zutiefst in der literarischen Strömung des Biedermeier verwurzelt: Sein „dichterisches Werk entspricht dem Erschrecken des Autors vor dem Abgrund des Nichts, auch und gerade da, wo es Harmonien beschwört und in der Beschwörung dementiert.“[28]

Diese kurze Skizze kann sich im Hinblick auf die folgende Arbeit insofern sicherlich als hilfreich erweisen, als dass sie Stifters Texte im Licht der beschriebenen Gegensätze erscheinen lässt, als Reflexion einer im entfremden begriffenen Zeit, als zutiefst erarbeitete Ordnungs-Welten. Dennoch war es sicherlich nicht möglich, sich dieser ‚schwierigen’ Epoche in ihrer gesamten Komplexität zu nähern, wie es nur die herangezogene Forschungsliteratur zu leisten vermag[29]. Die Strategien, die solchen Erzählwelten zugrunde liegen, rücken im weiteren Verlauf der Arbeit in den Mittelpunkt des Interesses um dem Phänomen der Doppelbödigkeit, dem Wechselspiel zwischen Chaos und Ordnung, in Stifters Texten näher zu kommen.

I. Teil Un-ordentliche Ordnung

I. 1. „Bergkristall“ – (un)geordnete Erzählräume

„Seltener ist beobachtet worden, daß hinter der stillen, innigen Genauigkeit gerade seiner Naturbetrachtung eine Neigung zum Exzessiven, Elementar-Katastrophalen, Pathologischen wirksam ist [...].“[30]

Auch an den Beginn der Überlegungen zu „Bergkristall“ soll ein Eindruck aus der Stifterlektüre Thomas Manns gestellt werden. Zunächst einmal rekurriert Mann hier auf das zutiefst Ambivalente in der Naturbeschreibung Stifters. Er beobachtet, dass Stifters Naturbild von stillen Momenten gekennzeichnet ist, die jedoch immer auch hintergründig auf Gegensätzliches, Beunruhigendes verweisen. Freud stellt innerhalb seiner Untersuchung zum Unheimlichen Ähnliches fest: „Das Unheimliche ist [...] das ehemals Heimische, Altvertraute.“[31] Gestützt auf etymologische Betrachtungen verweist er auf enge Verknüpfungen zwischen gewohnten, geordneten Verhältnissen und denjenigen Elementen, die diese Ordnung zerstören können, ja sogar darauf, dass Unheimliches, Unberechenbares immer schon in scheinbar geordnete Situationen einfließt[32], so dass auch hier eine Ambivalenz deutlich wird, die im Folgenden sicherlich an prominenter Stelle zu behandeln sein wird.

Überträgt man diese Gedanken auf Stifters Erzählung „Bergkristall“, auf die beunruhigende Begegnung Sannas und Konrads mit der eigentlich vertrauten Natur, so ist angesichts der katastrophalen Situation, die eintritt, generell von einer tiefen „Alienation“[33] auszugehen, die nachvollzogen und näher gekennzeichnet werden soll. Wie bereits angemerkt, ist gerade bei Überlegungen des ersten Teils zunächst einmal von der Handlungsoberfläche auszugehen um dann zu beobachten, wie hier festgestellte Tendenzen auf der discours-Ebene reflektiert werden. Daher stehen das Panorama des Anfangs und die folgende Schneekatastrophe im Zentrum des folgenden Kapitels.

I. 1.1 Problematisches Weihnachtsidyll

Im Vorfeld soll jedoch eine Problematik angerissen werden, die innerhalb der Gesamtkonzeption der Erzählung immer wieder begegnen wird und ihre Strukturen somit fundamental bestimmt. Dies soll anhand einer Betrachtung der Anfangssequenz erfolgen, die in harmonisierenden Bildern ein scheinbar idyllisches Weihnachtsfest präsentiert, auf den ersten Blick ein sicheres Fundament aus dem sich die gesamte Erzählung heraus verstehen lässt.

Ein näherer Blick lässt es jedoch zu dieses Idyll zu hinterfragen und auf seine ‚intakte’ Sinnhaftigkeit hin zu prüfen. Die Schilderungen implizieren nämlich einen Kontrast, der durch die spezifische Perspektivierung herbeigeführt wird und sich als signifikant an verschiedenen Stationen der Erzählung zeigt. Aus kindlicher Sicht wird ein Sinnhorizont aufgebaut, der mit dem Weihnachtsfest einhergeht. Den Kindern ist es möglich die Geschehnisse dieses Fest als „als ein heiteres glänzendes feierliches Ding“[34] aufzunehmen, für sie ist der Nachthimmel noch erfüllt mit „Englein“ (184). Wird diese Sinnhaftigkeit durch die Unbestimmtheit der hier angewandten Begriffe unterlaufen, so gilt dies gerade auch für die kontrastierend eingeführte Perspektive: Diese lässt sich in der Position der Erwachsenen auf die eines außenstehenden Zuschauers festlegen, dem es nicht möglich ist unmittelbar an kindlichem Ordnungs- und Sinnglauben zu partizipieren[35]. Die Erwachsenen können nur über den „öden, traurigen und ausgeleerten Nachthimmel“ (184) verfügen, so dass die kindliche Perspektive sich ihnen nur aus dem „Rückblik“ (184) eröffnet:

„Weil dieses Fest so lange nachhält, weil sein Abglanz so hoch in das Alter hinauf reicht, so stehen wir gerne dabei, wenn Kinder dasselbe begehen und sich darüber freuen.“ (185)

Beide Perspektiven werden zunächst einmal in ihrer Verschiedenheit nebeneinander gestellt. Folgende Überlegungen sollen die Dynamik dieser scheinbaren Kontrastbeziehung durch die Erzählung hindurch nachvollziehen.

I. 1.2 ‚Tal-Welt’

Im Anschluss nähert sich der Erzähler einem Panorama der Umwelt Sannas und Konrads um den „diegetischen Raum zu erkunden“[36], dem Tal von Gschaid. Mit Hilfe dieser Erläuterungen ist eine exakte Orientierung im Kosmos der Erzählung möglich, wird er doch topographisch und im Wandel der Jahreszeiten von einer unbeteiligten Erzählinstanz erschlossen. Zusammen mit den archaischen Bewohnern stellt diese Umgebung „eine eigene Welt“ (186) dar, von außen her schlecht zugänglich, durch landschaftliche Begebenheiten sogar vermeintlich hermetisch verschlossen. Das Tal um Gschaid wirkt „fast wie ein länglicher Kreis“ (185, Herv. I.W.), es nähert sich also einer geschlossen wirkenden geometrischen Figur. Einerseits spiegelt sich der gleichförmigen Lebenszyklus, der hier scheinbar stattfinden kann, in der Kreisfigur. Zugleich verweist das Geschlossene, Exakte auf die Konstruiertheit dieser Welt. Das Tal wird präsentiert als ein scheinbar bis ins letzte Detail und auf allen Ebenen geordnetes System, das „stettig“ (187) in immer wiederkehrenden Jahreszyklen gleiche Abläufe und Zustände erfährt. Verallgemeinernd ist die Natur hier eine bewahrende Instanz, die den Bestand dieser Ordnung garantiert[37]. Jedoch ist, wie bereits angedeutet, die Abgeschiedenheit des Tals eine „Täuschung“ (192), äußere Einflüsse können also durchaus in diese Ordnung eindringen, sie beeinflussen.

Den Mittelpunkt und zugleich eine „Merkwürdigkeit“ (187) dieser ‚Tal-Welt’ bildet sicherlich der Berg Gars. Seine Rolle wird deutlich hervorgehoben. In seiner Normalität wirkt der Berg überschaubar. Die Dorfbewohner sind mit ihm vertraut, sie verfügen über seine Topographie, können Fremde auf ihren Wanderungen begleiten. Die Kenntnis seiner Beschaffenheit wird darüber hinaus zum Garanten für Sozialprestige innerhalb der Dorfgemeinschaft (vgl. 177f).

Konrad ist in der Lage, sich unter normalen Umständen in diesem begrenzten Raum zu bewegen und zu orientieren, er kann Orte und Fixpunkte im Gebirge benennen (vgl. 201). Scheinbar sicherer Mittelpunkt der Orientierung in der Talwelt ist sicherlich die Unglückssäule, die an einer exponierten Stelle des Gebirges die Wahl des richtigen Weges gewährleistet. „Bei dieser Säule biegt man von dem Wege ab, und geht auf der Länge des Halses fort, statt über seine Breite in das jenseitige Thal hinüber zu wandern.“ (190) Jedoch liegt bereits in der Bezeichnung der Säule eine nicht aufzulösende Ambivalenz begründet: Die ‚Säule’ als Orientierungsmarker und Stabilitätsgarant ist verbunden mit einem ‚Unglück’, dem Tod des Bäckers, eines anderen Bergbewohners. So findet sie erst ihre ‚Ein-Ordnung’ in das Tal, verweist somit auf Spannungen, die im Weiteren beobachtet werden sollen.

Gerade diese Erzählung Stifters enthält mit der Schneekatastrophe ein Element der Störung, des Chaos, dem Sanna und Konrad ausgesetzt sind. Es bricht auf der Textoberfläche ein und erhält dort einen wichtigen Stellenwert. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang jedoch zunächst die Beschreibung des Morgens, der den Beginn der Wanderung markiert. Nicht weiter kommentierte Beobachtungen des heterodiegetischen Erzählers, dass sich „ein dünner trockener Schleier“ am Himmel befinde, Verweise auf die „schiefe und ferne Sonne im Südosten“, den „undeutlichen rothen Fleck“, stehen in nicht aufzulösender Diskrepanz zur Einschätzung der Situation durch die Eltern, die ihre Einwilligung zum Unternehmen der Kinder geben, „‚weil ein so angenehmer Tag ist’“ (203). Diese Widersprüchlichkeit, vom Erzähler nicht ausgesprochen, ist sicherlich Motor einer Spannung, die den Text bis an sein Ende bestimmen wird.[38] Beunruhigende Elemente tauchen in der Erzählung so bereits im häuslichen Bereich, im Raum des Tals, auf.

Die Katastrophe bricht also vor diesem Hintergrund nicht erst auf dem Berg plötzlich über die Kinder hinein, sondern zeichnet sich schon am Morgen der Wanderung ab. Die Ebene der Farbsymbolik reflektiert und verstärkt diese Spannung, sie lässt sich durch die Erzählung verfolgen: Das Rot, hier die Farbe der kaum zu erkennenden Sonne, ist fest innerhalb der geordneten Welt verankert. Es zeigt sich beispielsweise am „Kirchthurme“ (185) Gschaids, weiterhin erhält die „roth angestrichene“ (190) Unglückssäule ihren Platz als Mittelpunkt der Orientierung durch diese Signalfarbe. Als Symbol der Ordnung und des Lebens kann rot als Farbe an dieser Stelle nur noch undeutlich erscheinen. Es wird langsam durch die Natur aus dem Text verdrängt.[39]

I.1.3 Schneekatastrophe: Orientierungsverlust

Der langsame Prozess des allmählichen Wetterumbruchs und zugleich der ‚Entfärbung’ des Textes setzt sich auf dem Weg der Kinder zu den Großeltern fort. Hier häufen sich Indizien, die auf den dramatischen Wetterwandel schließen lassen: Sie finden ihren Ausdruck in einer ‚langsamen’ reihenden Aufzählung, die Ausdrücke wie „kein Schnee“, „Fahlroth“, „unbeschneit und ruhig“, „noch nicht gefroren“, „mit einer zarten Feuchtigkeit überzogen“, „kein Reif“, „baldigen Regen“ (204) enthält und somit das begriffliche Inventar der allmählichen Veränderung verzeichnet. Diese Begriffe stellen einen Bezug her zu den Beobachtungen am Morgen. Gerade durch ihre langsame Ausführlichkeit erhält diese Aufzählung ihre Bedeutsamkeit und zeigt nicht nur, „dass gerade die ‚Monotonie’ der Stifterschen Erzählweise geeignet ist, Spannung zu erzeugen, so dass es im Leser zu einem dialektischen Umschlag vom Zustand der Langeweile in den der Spannung kommt.“[40] An derartigen Passagen kann zudem exemplarisch gezeigt werden, dass durch ihre Langsamkeit ‚Un-Ruhe’ in den Text gelangt, in dem sie, schon rein quantitativ, ihren Raum in der Diegesis bekommt, langsam in seine Strukturen einsickert und sie stetig verändert.

Des Weiteren erscheint es besonders signifikant, dass der – ohnehin ambivalente – Ordnungs- und Orientierungsgarant der ‚Tal-Welt’, die Unglückssäule, umgestürzt ist[41]:

„Sie gingen zu dem Plaze hinzu, und sahen, daß der runde roth angestrichene Balken, der das Bild trug, in dem dürren Grase liege, das wie dünnes Stroh an der Stelle stand, und den Anblick der liegenden Säule verdekte.“ (205)

Die bereits angedeutete Verblassung des Textes, das langsame Ausbreiten der Farblosigkeit, des Chaos, die ‚verdeckte’, immer schwieriger werdende Orientierung – diese Entwicklungen schreiten hier also fort, so dass die ‚Tal-Welt’ nicht mehr übersichtlich erscheint, sondern nur noch schwer definierbar ist. Mit ihrem Weitergehen zeigt sich bereits hier, dass die Kinder sich aus dem scheinbar geordneten Raum in ein anderes Terrain begeben.

Der Schneefall, der die Kinder auf dem Rückweg ereilt, bedingt die Zuspitzung der Situation. Tritt dieses Naturphänomen zunächst langsam und gemächlich in den Text ein, steigert es sich schließlich ins Unermessliche[42]: Zunächst ist nur „Flaum“ zu entdecken, der Schneefall wird „dichter“, bis die Schneeflocken eine „ungemeine Fülle“ (209-212) erreicht haben. Der Rhythmus des Schneefalls ist analog zur textuellen Verarbeitung dieser beunruhigenden Strukturen zu betrachten, die sich ebenfalls langsam in den Text einschreiben um ihn schließlich tiefgreifend zu verändern.

Schneefall und Tal-Welt sind dabei nicht strikt im Sinne einer dichotomischen Trennung von Kultur und Natur zu trennen: Begemann verweist innerhalb seiner Untersuchung auf diese „verwischte Grenze“[43]. Prinzipien der Gleichförmigkeit, wie sie im Raum der Tal-Welt und auch für den Jahreszyklus des Berges als Ordnungsgaranten angenommen werden, bestimmen auch den Schneefall. Beide Räume, Ordnung und chaotische Situationen können also nicht voneinander getrennt aufgefasst werden, sind immer schon miteinander verwoben[44]. Gerade diese Tendenzen der Differenz- und Grenzlosigkeit führen zu einer starken Verunsicherung, die sich nicht mehr aufheben lässt. Auf textueller Ebene wird dies durch ein Verweisungsgeflecht geleistet, auf das bereits hingewiesen werden konnte, mit Hilfe dessen sich chaotische Strukturen bereits in der ‚Tal-Welt’ zeigen.[45]

Schließlich führt der Schneefall zu einer nun massiven Orientierungslosigkeit, der die Kinder ausgesetzt sind. Sie zeigt sich durch die Ausschaltung verschiedenster Sinneswahrnehmungen. Zu Anfang fallen auditive Eindrücke aus, die auf dem Hinweg zu den Großeltern noch vorhanden waren: „Es war große Ruhe eingetreten.“. So muss der Wald wie „ausgestorben“ wirken. Es wird „ruhig und heimlich“ (210) um die Kinder. Auch die visuelle Wahrnehmung wird durch die „Monochromie“[46] des Schnees und der daraus resultierenden Differenzlosigkeit verhindert – Tendenzen, die nur noch durch scheinbar paradoxe Wendungen ausgedrückt werden können:

„Es war wieder nichts um sie als das Weiß, und ringsum war kein unterbrechendes Dunkel zu schauen. Es schien eine große Lichtfülle zu sein, und doch konnte man nicht drei Schritte vor sich sehen; alles war, wenn man so sagen darf, in eine einzige weiße Finsterniß gehüllt.“ (215f., Herv. I.W.)

Die schon anfänglich beobachtete Verdrängung der Farben wird durch „das stumme Schütten“ (213) des Schnees ins Unendliche potenziert. Farbliche Gegensätze existieren nicht mehr, fallen vielmehr zusammen, wie obiges Zitat zeigen konnte. So kann nicht mehr in den Koordinaten oben-unten, rechts-links, bergauf-bergab (vgl. 214) gedacht werden. Auch eine zeitliche Dimension entfällt aufgrund des „immer gleichmäßig grau“ (211) wirkendenden Himmels, ohne Sonne. Das Weiß des Schnees wird so also zur Chaos-‚Farbe’, zur Farbe des Nichts, die jedoch gleichzeitig paradoxerweise die Wahrnehmungsmöglichkeiten der Kinder übersteigt: „Mir thun die Augen weh“, sagte Sanna (216).[47]

Auch die Eislandschaft des Gletschers ist letztlich in ihrer Unübersichtlichkeit nicht zu erfassen. Zunächst scheinen die Kinder der weißen Differenzlosigkeit entkommen zu sein, da sie wieder zu „Gegenständen“ (216) gelangen. Dies geht einher mit Versuchen des Erzählers, die ‚Gletscher-Welt’ durch Vergleiche mit der ‚Tal-Welt’ zu erfassen: Einzelne Elemente erscheinen „so hoch wie der Kirchthurm in Gschaid oder wie Häuser“ (217). Neben diese Wendungen tritt jedoch Vokabular wie zum Beispiel „riesenhaft“, „Trümmer“, „Klüfte“, „durch einander“, „schief“, „eingefressen“ und „schrekhaft“ (217), es kommt also zu einer Entfremdung der gewohnten Gegenstände. Auch hier greifen keinerlei Ordnungskriterien, so dass Gletscher und Schneechaos gleichermaßen ‚sinn-los’ auf die Kinder wirken müssen. Die Eisschollen sind groß, existieren in vielen Formen, erlauben den Kindern ebenfalls keine Orientierung. Eine derart entartete Wirklichkeit fasst Nobbe mit verschiedenen Konzepten des Erhabenen. Interessant erscheint im vorliegenden Fall die Konfrontation mit dem ‚Außer-Ordentlichen’, die mit dem Erhabenen einhergeht, das Exzeptionelle der Natur in diesem chaotischen Zustand[48], so dass die Kinder vom Erzähler nur als „winzigkleine wandelnde Punkte“ (219) wahrgenommen werden können. Die Eishöhle, ein erster Anlaufpunkt Konrads und Sannas, wirkt ähnlich. Da das Eis so „schrekhaft blau“ (219) leuchtet, dass es ihre sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit übersteigt, verlassen die Kinder sie schnell wieder[49].

Der Natur kann in ihrer Außerordentlichkeit nur passiv begegnet werden. Sie tritt in einer Fremdheit auf, die unüberwindbar erscheint. Sie kann und muss in diesem Chaos in ihrer Erhabenheit ambivalent auf den Menschen wirken. Ihr Janusgesicht verdeutlicht sich im Bild des Berges. Wirkt er, wie im vorhergehenden Abschnitt verdeutlicht, aus der Entfernung, in den Köpfen der Dorfbewohner überschaubar, geordnet, so erweist er sich, aus der Nähe betrachtet, letztlich als lebensfeindlicher Raum[50]. Konrad und Sanna versuchen dennoch, diese Situation zu entwirren, sich neu zu orientieren und somit einzuordnen. Derartige Prozesse werden im Folgenden zu beobachten sein.

I. 1.4 Ordnungsversuche

Anstrengungen der Kinder, eine gewisse Ordnung wiederherzustellen, sind sicherlich innerhalb ihrer Kommunikation zu verorten, die sich bei näherer Betrachtung als ‚Nicht-Kommunikation’ erweist. Sie schreibt sich in Form bloßer Rede-Antwort-Muster zwischen Konrad und Sanna in den Text ein.

Konrad äußert sich Sanna gegenüber immer wieder hinsichtlich neuer Handlungsmöglichkeiten und -strategien, er erklärt seiner Schwester, was zu tun ist. Immer wieder bleibt er stehen, sucht nach Fixpunkten, an denen er sich, wie gewohnt, orientieren kann (vgl. z.B. 214f.). Diese Suche kulminiert in der konstanten Suche nach dem Weg als Orientierungsgaranten, der aber in der Differenzlosigkeit nicht zu entdecken ist. Konrads Entscheidungen und Aussagen erweisen sich im Gesamtkontext der Erzählung als gefährliche Fehleinschätzungen, die sich aus der Differenzlosigkeit der Schneelandschaft ergeben.

Die Natur tritt, in scharfem Kontrast zur im Rahmen präsentierten, ordnungsgarantierenden Instanz, die topgraphisch zu erschließen war, verschlossen auf. Sie erscheint farb- und sinnentleert. Konrad verfügt nicht über die Ressourcen, sich auch in dieser Sinnlosigkeit zurechtzufinden, muss also deshalb falsche Entscheidungen treffen, sich in Widersprüchen verfangen. Die Kinder selbst scheinen in den Schneefall verwoben: „Sie selber waren so bedekt, daß sie sich von dem allgemeinen Weiß nicht hervor hoben [...]“ (216)

So enden alle ‚Dialoge’ der Kinder zwangsläufig in Sannas oftmals wiederholter statisch anmutenden Formel „Ja, Konrad“ (z.B. 216). Sie markiert Anfangs- und Endpunkt der Gefahrensituation, begleitet rhythmisch den gesamten Weg der beiden, parallel zu den gleichförmig niederfallenden Schneeflocken. Bei Zuspitzung der Lage taucht ihre affirmative Floskel gehäuft auf. Als sie schließlich auf den Eisschollen nicht mehr weiterkommen, somit also die Klimax der Gefahr erreicht ist, signalisiert sich dies durch das einzige ‚Nein’ Sannas, das umso vehementer ihre Situation als eindeutig prekär deklariert[51]:

„Sanna, da können wir nicht gehen“, sagte der Knabe.

„Nein“, antwortete die Schwester. (BK, 220)

Ebenso zeigt sich in Sannas ständigen Affirmation, die dann auch noch mit der direkten Anrede Konrads einhergeht, nochmals die mangelnde Sinnhaftigkeit der Schneesituation. Die Wiederholung als sprachliches Muster markiert hier das Versagen referentieller Sprachfunktionen. Sannas immer wiederkehrende Antwort scheint einerseits „blatantly misplaced“[52], scheint andererseits vor dem Hintergrund der chaotischen, alle Orientierungsoptionen außer Kraft setzenden Situation die einzig angemessene: Wo es nichts mehr zu bezeichnen gibt, kann Sprache auf keinen außersprachlichen Kontext verweisen, sie muss vielmehr auf ihre eigene Sprachlichkeit rekurrieren.[53]

Menschliche Handlungsoptionen, insbesondere Sprache als menschliches Kommunikationsinstrument, sind unter diesen Umständen nicht in der Lage, eine Restitution der Ordnung herbeizuführen. Die Monotonie, die sich in Sannas Satz erkennen lässt, reflektiert und potenziert das Chaotische der Situation, in der sich die Kinder befinden, vielmehr: Jedes ‚Ja’ Sannas, jede Fehleinschätzung Konrads führt die Kinder faktisch weiter in die Schneewelt hinein.[54] Ihr unbedingtes Vertrauen muss also in dieser Situation tendenziell sinn-entleert erscheinen, generell wirken hier Konzepte wie Loyalität und Vertrauen hier nicht mehr[55]. Letztlich bleiben alle menschlichen Ordnungsversuche in der ‚außer-ordentlichen’ Situation, wie die Antwortformel Sannas, sinn-leer, ihr Kommunizieren kann somit gerade nicht zu ihrem „Rettungsgrund“[56] werden.

Als einzige Möglichkeit der Kinder erweist es sich, zu „gehen“ (z.B. 212ff.), ein Verb, das gehäuft im Text auftaucht und sich in den Rhythmus von Schneefall und kindlicher Nicht-Kommunikation einfügt. Das Wandern stellt somit einen weiteren Orientierungsversuch der Kinder dar. Es verliert jedoch in der Differenzlosigkeit jedes Ziel, so dass die Kinder, am höchsten Punkt ihrer Wanderung angelangt, vor dem Nichts stehen: „Jenseits wollten sie wieder hinabklettern. Aber es gab kein Jenseits.“ (220) Das Hinaufklettern führt somit nicht zu einem Erkenntnisgewinn. Traditionelle Raummetaphern erfahren hier ihre Umkehrung ins Gegenteil, werden von einer Kontingenz bestimmt, die den Naturraum zum lebensfeindlichen macht – in der hier präsentierten Bergwelt ist keine auf ein Ziel ausgerichtete Wanderung möglich[57]. Da die Natur in ihrer Außerordentlichkeit unlesbar ist, stehen die Kinder vor einer ausweglosen Situation. Auch durch eine außerhalb des Geschehens befindliche Erzählinstanz wird das Geschehene nicht gedeutet oder kommentiert, die sich in der Vermittlung der Ereignisse zumeist auf gegenständliche Betrachtungen beschränkt[58]. Der Erzähler bleibt in seiner Funktion auf ein „Phantasieverbot[59] (Herv. im Original) verpflichtet, dass aufgrund seiner neutralen, gegen alle sinngebende Deutung gerichtete Tendenz als ordnungsfeindlich aufzufassen ist. Aus seiner Perspektive heraus kann der Erzähler ausschließlich die Andersartigkeit der Situation verzeichnen und ihr einen breiten Raum in den Strukturen der Erzählung einräumen.[60]

I.1.5 Rettung

Wurde im letzten Abschnitt gezeigt, dass menschliche Orientierungs- und Kommunikationsmöglichkeiten die chaotische Situation nicht in einen Zustand der Ordnung zurückführen können, so ist es nun wichtig, Sannas und Konrads Nacht in der Bergwelt näher zu untersuchen um zu beobachten, wie sich die Verblassung des Textes, seine Differenzlosigkeit, wieder auflösen lässt und ob dies vollständig gelingt.

Zunächst finden die Kinder Unterschlupf in einer Hütte, der ihnen wieder den Kontakt zu „ihrer Erde“ (vgl. 221) ermöglicht, sie also aus dem unmenschlichen Eis führt. Orientierung scheint zunächst einmal auch hier nicht möglich: Obwohl die Sterne auch Licht in der Finsternis der Nacht bieten, kann das Tal doch nicht ausfindig gemacht werden, sie erkennen „überall nur Weiß“ (225). Hier erfolgt geradezu eine Umwertung der traditionellen Assoziation des Lichts mit Orientierung, wie sie bereits im vorherigen Abschnitt behandelt wurde.

Die von den Kindern erlebte ‚Berg-Welt’ wird nochmals aufs Schärfste mit der ‚Tal-Welt’ kontrastiert[61]. Ist im Tal der normale Ablauf des Heiligen Abends möglich, im Text mit visuellen Eindrücken (wie z.B. „erhellen“ und „glänzen“ (224) verankert, so sind die Kinder völlig von diesen Wahrnehmungen abgeschieden: „[...] von den vielen Lichtern [...] kam nicht ein einziges zu ihnen hinauf.“ (224) Auch auditive Eindrücke des Tals, die „Tonwelle“ (227) der verschiedenen Kirchenglocken, die alle benannt werden können, ihren Platz in der Tal-Ordnung haben, werden von der verschlossenen ‚Berg-Welt’ abgehalten. Für die Kinder sind diese ‚Tal-Zeichen’ nicht erfahrbar, „denn hier war nichts zu verkündigen.“ (227). Gerade vor dem Hintergrund dieser scharfen Kontrastierung scheint es notwendig davon auszugehen, dass die Kinder einer den Menschen in ihre Gesetzmäßigkeiten nicht einschließende Natur begegnen müssen.[62]

Der Text verdeutlicht jedoch auch, wie es zur Rettung kommen kann: „[...] die Natur in ihrer Größe“ (227) hat die Kraft, auch als ordnendes Element zu fungieren. Sie durchbricht die Schneefinsternis, die Stille, somit also auch das Chaos – und macht damit wieder geordnete Orientierung möglich. Einerseits suggeriert das vom Erzähler eingesetzte Verb eine Art karitativ-ethische Komponente in ihrem Wirken[63]. Dennoch muss sie dabei unberechenbar für den Menschen bleiben, so dass ihr nicht eindeutig „Sinn und eine metaphysische Bedeutung“[64] zugeschrieben werden können. Dennoch sind es die nächtlichen Erscheinungen, die den Kindern lebensrettende Sinneseindrücke verschaffen (227f.).

Allein Sanna ist es möglich diese Naturerscheinungen dahingehend zu interpretieren, dass ihr der heilige Christ erschienen sei. Jedoch wird diese Aussage nicht vom Erzähler im Sinne einer Integration in einen christlichen Diskurs (vgl. 239) kommentiert, die Wahrnehmung Sannas wird somit von keiner anderen Instanz eindeutig bestätigt[65].

[...]


[1] Thomas Mann: „An Fritz Stich“. In: Mann, Erika (Hg.): Thomas Mann. Briefe 1937-1947. Frankfurt a.M. 1963, 458.

[2] Friedrich Hebbel: „Das Komma im Frack“. In: Werner, Richard Maria (Hg.): Friedrich Hebbel. Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe. Zwölfter Band. Berlin 1903, 193.

[3] Thomas Mann, Stich, 458.

[4] Thomas Mann, Stich,458.

[5] Heinz Politzer: Franz Grillparzer oder Das Abgründige Biedermeier. Wien 1972.

[6] Jürgen Barkhoff (Hg.): Das schwierige neunzehnte Jahrhundert (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 77). Tübingen 2000.

[7] Mit diesen Begriffen ist zugleich der theoretische Hintergrund der Arbeit geklärt: In Anlehnung an Genettes Untersuchung und der Einführung von Martinez und Scheffel soll die Erzähltheorie ihren Rahmen bilden.

[8] Auckenthaler, Karlheinz: „Das österreichische Biedermeier- eine Annäherung“. In: Karlheinz Auckenthaler (Hg.): Lauter Einzelfälle. Bekanntes und Unbekanntes zur neueren österreichischen Literatur. Bern u.a. 1996, 105.

[9] Vgl. Karlheinz Auckenthaler, Das österreichische Biedermeier, 105.

Wie Karlheinz Auckenthaler in seiner Abhandlung zum österreichischen Biedermeier feststellt, äußert sich dies zum Beispiel in einer fehlenden Programmatik, and denen sich hier verwurzelte Texte in irgendeiner Art abarbeiten. Des Weiteren liegen keine umfassenden theoretischen Überlegungen der Dichter vor, so dass diese Epoche uneinheitlich erscheint.

[10] Wilhelm Bietak: Das Lebensgefühl des Biedermeier in der Österreichischen Dichtung. Wien u.a. 1931, 250.

[11] Wolfgang Matz: „Gewalt des Gewordenen. Adalbert Stifters Werk zwischen Idylle und Angst. In: DVjs 63 (1989), 716.

[12] Vgl. Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815-1848. Band 1. Allgemeine Voraussetzungen, Richtungen, Darstellungsmittel. Stuttgart 1971, 81.

[13] Vgl. Auckenthaler, Biedermeier, 108.

[14] Vgl. Edda Sagarra: Tradition und Revolution. Deutsche Literatur und Gesellschaft 1830 und Gesellschaft 1830 bis 1890. München 1972, 302.

[15] Sagarra, Tradition, 111.

[16] Sengle, Biedermeierzeit , 1, X.

[17] Vgl. Eduard Winter: Frühliberalismus in der Donaumonarchie. Religiöse, nationale und wissenschaftliche Strömungen von 1790-1868. Berlin 1968, 62.

[18] Eduard Winter: Romantismus, Restauration und Frühliberalismus im österreichischen Vormärz. Wien 1968, 192.

[19] Winter, Frühliberalismus in der Donaumonarchie, 231.

[20] Vgl. Winter, Frühliberalismus in der Donaumonarchie, 150ff.: Es geht hier um Gruppierungen innerhalb der katholischen Kirche, die verschiedene Standpunkte bezüglich einer eher österreichisch-katholischen beziehungsweise römisch-katholischen Ausrichtung der Kirche vertraten.

[21] Vgl. Winter, Romantismus, 159ff.

[22] Vgl. Winter, Romantismus, 188.

[23] Vgl. Sagarra, Tradition, 400.

[24] Politzer, Grillparzer, 243.

[25] Politzer, Grillparzer, 376.

[26] Sengle, Biedermeierzeit 1, 26.

[27] Vgl. Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815-1848. Band 3. Die Dichter. Stuttgart 1980, 975.

[28] Laufhütte, Hartmut: „Der Nachsommer als Vorklang der literarischen Moderne“. In: Laufhütte, Hartmut, Möseneder, Karl (Hg.): Adalbert Stifter. Dichter und Maler, Denkmalpfleger und Schulmann. Neue Zugänge zu seinem Werk. Tübingen 1996, 120.

[29] Hier ist insbesondere auf die bereits zitierten Untersuchungen zu verweisen: In Bezug auf literarische Strömungen wurde die Monographie Sengles herangezogen, des Weiteren auch die Untersuchungen Sagarras und Politzers. Winters Überlegungen sensibilisieren insbesondere für das Janusgesicht dieser Zeit als geschichtlicher Epoche im Konflikt liberaler und restaurativer Kräfte.

[30] Thomas Mann: „Die Entstehung des Doktor Faustus. Roman eines Romans.“ In : Thomas Mann. Gesammelte Werke in zwölf Bänden XI. Frankfurt a. M. 1960, 237.

[31] Sigmund Freud: „Das Unheimliche“. In: Freud, Anna (Hg.): Gesammelte Werke 12. Frankfurt a.M. 19866, 259.

[32] Vgl. Freud, Das Unheimliche, 237.

[33] Helena Ragg-Kirkby: „‚Sie geht in ihren eigenen Gesetzen fort, die uns in tiefen Fernen liegen, [...] und wir können nur stehen und bewundern:’ Adalbert Stifter and the Alienation of Man and Nature“. In: The German Quarterly 72 (1999), 349.

[34] Stifter, Adalbert: „Bergkristall“. In: Doppler, Alfred, Frühwald, Wolfgang (Hg): Adalbert Stifter. Werke und Briefe. Historisch-Kritische Gesamtausgabe. Band 2,2 herausgegeben von Helmut Bergner. Stuttgart u.a. 1982, 183. Im Folgenden werden Zitate, die sich auf diese Erzählung beziehen, im Text nachgestellt.

[35] Vgl. Martin Swales: „Litanei und Leerstelle. Zur Modernität Adalbert Stifters“. In: VASILO 36 (1987), 79f.

[36] Gerard Genette: Die Erzählung. Aus dem Französischen von Andreas Knop. München 19982, 215.

[37] Vgl. Pál Kelemen: „Metaphorische Konstruktionen und Leserrollen in Adalbert Stifters Bergkristall (1852)“. In: Neohelicon XXVII (2000), 169.

[38] Vgl. Peter Küpper: „Literatur und Langeweile. Zur Lektüre Stifters“. In: Enklaar, Jattie (Hg.): Geborgenheit und Gefährdung in der epischen und malerischen Welt Adalbert Stifters (Duitse Kronik 55). Würzburg 2006, 69.

[39] Vgl. Frank Nobbe: „Das Erhabene in Stifters Bergkristall“. In: Hilmes, Carola, Mathy, Dietrich (Hg.): Die Dichter lügen, nicht. Über Erkenntnis, Literatur und Leser. Würzburg 1994, 157.

[40] Küpper, Literatur und Langeweile, 70.

[41] Vgl. Kelemen, Metaphorische Konstruktionen, 171.

[42] Vgl. Michèle Godau: „Wirkliche Wirklichkeit“. Mythos und Ritual bei Adalbert Stifter und Hans Henry Jahn (Epistemata. Würzburger Wissenschaftliche Studien 542). Würzburg 2005, 196.

[43] Christian Begemann: Die Welt der Zeichen. Stifter-Lektüren. Stuttgart 1995, 315f.

[44] Vgl. Begemann, Zeichen, 315f.

[45] Hier ist sicher nochmals der Morgen vor der Wanderung zu nennen. Die vom Erzähler bemerkten Wetterphänomene stehen in nicht aufgelöster Diskrepanz zu den Beobachtungen der Eltern steht.

[46] Kelemen, Metaphorische Konstruktionen, 173.

[47] Andere Text Stifters zeigen ähnliche Tendenzen: „Aus dem Bayrischen Walde“, eine Notiz Stifters, die sich auf das Erlebnis eines Schneesturms 1866 bezieht, entwirft die ‚un-ordentliche’ Umgebung, die nur noch als „Gemisch von Grau und Weiß“ (583) wahrgenommen werden kann, mithilfe von Oxymora und paradoxer Vergleiche: „Die Starrheit des Wirbelns wirkte fast sinnbetäubend.“ (586) So muss der Schneefall wirken, „[...]wie wenn Mehl von dem Himmel geleert würde“ (584) – zitiert nach: Adalbert Stifter: „Aus dem Bayerischen Walde“. In: Die Mappe meines Urgroßvaters. Schilderungen. Briefe. München 1954, 567-596.–Vgl. auch Eva Geulen: Worthörig wider Willen. Darstellungsproblematik und Sprachreflexion in der Prosa Adalbert Stifters. (Cursus Band 7. Texte und Studien zur deutschen Literatur) München 1992, 25ff.

Besonders eindrucksvoll parallelisiert „Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842“ den Einbruch der des beunruhigenden Naturphänomens mit der ‚Entfärbung’ der Normalität, die in der Dunkelheit mündet: „der Fluß schimmerte nicht mehr, sondern war ein taftgraues Band, matte Schatten lagen umher [...] der schöne sanfte Glanz des Himmels erlosch [...] kühles Lüftchen [...] Ohnmacht [...] leer und inhaltslos [...]“ – zitiert nach: Adalbert Stifter: „Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842“. In: Die Mappe meines Urgroßvaters. Schilderungen. Briefe. München 1954, 501-512.– Vgl. auch Hans-Dietrich Irmscher: „Die Verkündigung auf dem Berge. Zur Theodizee in Adalbert Stifters Erzählung ‚Bergkristall“’. In: Sprachkunst. Beiträge zur Literaturwissenschaft 30 (1999), 6. – Das Chaotische erscheint also auch hier im Bereich des menschlich letztlich nicht Erfassbaren, muss mithilfe von paradox anmutenden Bildern seinen Weg in den Text finden.

[48] Vgl. Frank Nobbe, Das Erhabene, 159.

[49] Vgl. Nobbe, Das Erhabene, 159f.

[50] Vgl. Kelemen, Metaphorische Konstruktionen, 172.

[51] Vgl. Godau, Wirkliche Wirklichkeit, 196ff.

[52] Swales, Narrative Mode, 40.

[53] Vgl. Kelemen, Metaphorische Konstruktionen, 172.

[54] Vgl. Küpper, Literatur und Langeweile, 66.

[55] Vgl. Swales, Narrative Mode, 40.

[56] Küpper, Literatur und Langeweile, 67.

[57] Vgl. Kelemen, Metaphorische Konstruktionen, 174f.

[58] Irmscher, Verkündigung, 2f.

[59] Hans-Jürgen Piechotta: „Ordnung als mythologisches Zitat. Adalbert Stifter und der Mythos“. In: Bohrer, Karl Heinz (Hg.): Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion. Frankfurt a.M. 1983, 86.

[60] Vgl. Swales, Narrative Mode, 41.

[61] Vgl. Irmscher, Verkündigung, 2.

[62] Vgl. Irmscher, Verkündigung, 7.

[63] Vgl. Swales, Litanei, 76.

[64] Begemann, Zeichen, 319.

[65] Vgl. Kelemen, Metaphorische Konstruktionen, 178.

Details

Seiten
76
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638815109
Dateigröße
745 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79363
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Schlagworte
Ordnung Chaos Erzählwerk Adalbert Stifters

Autor

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Titel: Ordnung und Chaos im Erzählwerk Adalbert Stifters