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Russlanddeutsche in der Bundesrepublik Deutschland: fremd, angepasst, integriert?

Mit Russland im Herzen und Deutschland im Sinn

Magisterarbeit 2006 99 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhalt

I Zentrale Begriffe – Versuch einer Klärung
I.1 Annäherung an den Begriff „Integration“
I.2 Akkulturation
I.3 Assimilation

II Theorien zur Integration/Migration
II.1 Der handlungstheoretische Ansatz von Hartmut Esser
II.1.1 Einschätzung und Kritik
II.2 Der historisch sozialstrukturelle Ansatz von Friedrich Heckmann
II.2.1 Einschätzung und Kritik
II.3 Die Theorie des gesellschaftlichen Wandels durch Minoritäten von Serge Moscovici
II.3.1 Einschätzung und Kritik
II.4 Die Theorie der Sozialen Identität von Henri Tajfel
II.4.1 Einschätzung und Kritik

III Die Geschichte der Russlandsdeutschen – Ein historischer Abriss
III.1.1 Vom Mittelalter bis in das Zeitalter Peters des Großen
III.1.2 Von Katharina der Großen bis zu Alexander I
III.1.3 Die Regierungszeit Alexanders II
III.1.4 Der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution
III.1.5 Zwischen den Kriegen
III.1.6 Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 1955
III.1.7 Die Zeit von 1955 bis zur Perestrojka
III.2 Alltag der Russlandsdeutschen in der Sowjetunion ab den 60er Jahren und in den GUS-Staaten
III.2.1 Bildung und Sprache
III.2.2 Arbeitswelt und wirtschaftliche Situation der Russlandsdeutschen in der Sowjetunion und den GUS-Staaten
III.2.3 Religiöses Leben
III.2.4 Politisches Leben
III.3 Rückkehr nach Deutschland

IV Die Aufnahmegesellschaft
IV.1 Die Bundesrepublik Deutschland – Einwanderungsland?
IV.1.1 Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg
IV.1.2 Der Zweite Weltkrieg
IV.1.3 Die Vertriebenen
IV.1.4 Die so genannten Gastarbeiter
IV.1.5 Asylbewerber und Flüchtlinge
IV.1.6 Die Russlandsdeutschen
IV.2 Integration in der Bundesrepublik Deutschland (formal)

V Die Russlandsdeutschen: Migranten in einer unbekannten Heimat
V.1 Was unterscheidet Russlandsdeutsche von Bundesdeutschen?
V.1.1 Die Geschichte
V.1.2 Sozialisation in der Sowjetunion
V.1.3 Das Deutschlandbild
V.1.4 Verständigungsprobleme
V.1.5 Vorurteile und Ängste in der deutschen Aufnahmegesellschaft
V.2 Russlandsdeutsche, andere Aussiedler, Ausländer
V.3 Die Integration der Russlandsdeutschen – Eine Überprüfung anhand der vorgestellten Theorien
V.3.1 Hartmut Essers handlungstheoretischer Ansatz in Bezug auf die Integration Russlandsdeutscher
V.3.2 Friedrich Heckmanns sozialstruktureller Ansatz im Bezug auf die Integration Russlandsdeutscher
V.3.3 Serge Moscovicis Theorie des gesellschaftlichen Wandels durch Minoritäten in Bezug auf die Integration Russlandsdeutscher
V.3.4 Henri Tajfels Theorie der Sozialen Identität in Bezug auf die Integration Russlandsdeutscher
V.4 Fokus auf bestimmte Gruppen
V.4.1 Eine besondere Gruppe: Jugendliche
V.4.1.1 Die Sprache
V.4.1.2 Schule und Ausbildung
V.4.1.3 Familie
V.4.1.4 Freizeit
V.4.1.5 Abweichendes Verhalten: Gewalt, Drogen, Alkohol
V.4.2 Eine besondere Gruppe: Frauen
V.4.2.1 Familie
V.4.2.2 Arbeitsleben
V.4.2.3 Russlandsdeutsche Frauen in der Bundesrepublik
V.4.3 Ein besonderer Gesichtspunkt: die Religion

VI Projekt: Integration von Russlandsdeutschen in die Evangelische Kirchengemeinde Lebach im Saarland
VI.1 Ausgangslage und Konsequenz
VI.2 „Das Russlands-Deutsche Haus“ (Abschlussbericht)

VII Zusammenfassung und Ausblick

VIII Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit Ende der 80er Jahre kommen die Deutschen aus Russland, aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland zurück in ein Land, aus dem ihre Vorfahren vor mehr als 250 Jahren ausgewandert sind. Deutsche aus Russland nennen sich selbst Russlandsdeutsche (Nienaber, 1995, S. 111). Dies respektierend wird in der vorliegenden Arbeit auch von Russlandsdeutschen gesprochen. Nach dem Bundesvertriebenengesetz (BVFG) werden Russlandsdeutsche auch als Aussiedler und Spätaussiedler bezeichnet. Diese Begriffe sind wie folgt definiert:

„Aussiedler sind deutsche Staatsangehörige oder Volkszugehörige, die vor dem 8. Mai 1945 ihren Wohnsitz in den ehemaligen deutschen Ostgebieten bzw. in Danzig, Estland, Lettland, Litauen, der ehemaligen Sowjetunion, Polen, der ehemaligen Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Albanien oder China hatten und diese Länder nach Abschluss der allgemeinen Vertreibungsmaßnahmen vor dem 1. Juli 1990 oder danach im Wege des Aufnahmeverfahrens bis zum 31. Dezember 1992 verlassen haben (§1 Abs.2 Nr. 3 BVFG)

Spätaussiedler sind in der Regel deutsche Volkszugehörige, die die Aussiedlungsgebiete nach dem 31. Dezember 1992 im Wege des Aufnahmeverfahrens verlassen haben und innerhalb von sechs Monaten ihren ständigen Aufenthalt im Geltungsbereich des Gesetzes (also in der Bundesrepublik, d. V.) genommen haben (§4 BVFG).“

(zit. nach Ipsen-Peitzmeier & Kaiser, 2006, S. 13)

Neben dem Begriff Russlandsdeutsche werde ich den Begriff Aussiedler in dieser Arbeit synonym auch für Spätaussiedler benutzen, um sowohl das Schreiben als auch das Lesen der vorliegenden Arbeit zu erleichtern.

Russlandsdeutsche sprechen überwiegend russisch und unterscheiden sich in Sitte und Bräuchen sehr von den Bundesdeutschen.

Etwa vier Millionen russlandsdeutsche Menschen sind bisher eingereist, haben sich in der Bundesrepublik niedergelassen und versuchen, ihr Leben als soziale Minorität zu meistern. In den Medien wird über Russlandsdeutsche meist in Zusammenhang mit Gewalt- und Drogenproblematik berichtet.

Das Thema „Integration“ ist derzeit in aller Munde. In der öffentlichen Wahrnehmung wird Integration zumeist mit Anpassung an die Aufnahmegesellschaft gleichgesetzt. Doch was ist unter Integration genau zu verstehen? Was müssen Migrantinnen und Migranten, was muss die Aufnahmegesellschaft leisten, damit Integration – besser: Eingliederung – gelingen kann?

Anhand der Theorien von Esser, Heckmann, Moscovici und Tajfel möchte ich untersuchen, ob Russlandsdeutsche in unserer Gesellschaft fremd geblieben sind, sich oberflächlich angepasst haben oder tatsächlich angekommen sind. Es war notwendigerweise herauszuarbeiten, ob die vg. Theorien in Bezug auf das Thema „Integration Russlandsdeutscher“ Gültigkeit haben.

In Kapitel II versuche ich, die wichtigsten Begriffe in der Integrations- und Migrationsforschung zu klären, was sich wegen der vielen verschiedenen Definitionen in der Fachliteratur als schwierig herausgestellt hat. In Kapitel III stelle ich die vier von mir ausgewählten Theorien vor.

Kapitel IV beschreibt die Geschichte der Russlandsdeutschen, da ihr historischer Kontext und ihre Sozialisation in einem sozialistischen Staat sie erst zu der sozialen Minorität machten, die sie dort waren und hier sind. Da auch der historische Kontext der Aufnahmegesellschaft meiner Ansicht nach von Bedeutung ist, wird die Geschichte der Bundesrepublik als Einwanderungsland in Kapitel V beschrieben. In Kapitel VI habe ich in einem ersten Teil das Leben der Russlandsdeutschen in der Bundesrepublik und ihre Unterschiede zu den Einheimischen beschrieben, in einem zweiten Teil werde ich nachweisen, dass die Anwendung der ausgewählten Theorien in Bezug auf die Eingliederung Russlandsdeutscher sinnvoll ist. Von Kurt Lewin stammt der Satz: „Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie“ (Marrow, 2002, S. 17). Den Sinn der Sozialpsychologie sah er darin, „Bessere Erklärungen dafür zu suchen, warum Menschen sich verhalten, wie sie es tun, und zu entdecken, wie sie lernen können, sich besser zu verhalten.“ (Marrow, 2002, S. 19) Alle von mir vorgestellten Theorien erfüllen diesen Zweck.

In Kapitel VI.4 habe ich den Blick auf zwei besondere Gruppen von Russlandsdeutschen gelenkt: die Jugendlichen und die Frauen. Als einen weiteren wichtigen Aspekt sehe ich die Religiosität der Russlandsdeutschen an,

was ich in einem weiteren Unterkapitel erkläre.

In Kapitel VII stelle ich den Versuch dar, die Erkenntnisse der Integrationsforschung in praktische Integrationsarbeit umzusetzen. Dies zeige ich am Beispiel der Integrationsarbeit der Evangelischen Kirchengemeinde Lebach im Saarland. Kapitel VIII bildet den Schluss in Form einer Zusammenfassung und eines Ausblicks.

I Zentrale Begriffe – Versuch einer Klärung

I.1 Annäherung an den Begriff „Integration“

Für den Begriff „Integration“ gibt es keine einheitliche Definition. Die verschiedenen wissenschaftlichen Richtungen verwenden ihn in unterschiedlicher Art und auch mit jeweils unterschiedlichen Bedeutungen (Friedrichs & Jagodzinski, 1999, S. 9). Etymologisch leitet er sich ab von dem lateinischen Wort „integer“, was soviel bedeutet wie „ganz, unberührt, unversehrt“ (Heinichen, 1978, S. 235).

Je nachdem, was politisch opportun erscheint oder vermeintlich Wege zu einem friedlichen Zusammenleben der Gesellschaft aufzeigen kann, wird das Thema Integration von Politikern, den Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und den Medien unterschiedlich instrumentalisiert.

Die Schwierigkeiten der definitorischen Einordnung sollen anhand einiger Beispiele verdeutlicht werden:

- „ ‚Integration’ meint einen Einigungsprozess von Teilen und Gliedern zu einer sie umfassenden Einheit, so dass die gewonnene Einheit mehr ist als die Summe der vereinigten Teile. Neue Elemente werden in der Weise in ein System aufgenommen, dass sie sich danach von den alten Elementen nicht mehr unterscheiden als diese untereinander. Bildungs- und Zerfallsprozesse von menschlichen Gemeinschaften verschiedener Entwicklungsstufen werden in der allgemeinen Soziologie mit ‚Integration’ bzw. ‚Desintegration’ bezeichnet.“ (Ackermann, 1990, S. 14)
- „Integration bedeutet …, dass Flüchtlinge ‚nach unseren wie ihren Maßstäben menschenwürdig leben’ können.“ (Gerhart Rudolf Baum, 1980, S. 30, zit. nach Ackermann, 1990, S. 26)
- „Es erscheint sinnvoll, unter der Integration von Fremden in die Wirtsgesellschaft die Tatsache zu verstehen, dass ihnen ein angebbarer Status eingeräumt wird.“ (Francis, 1983, S. 16)
- „… die Frage danach, ob die Gruppen gleichgewichtige und spannungsarme Beziehungen zueinander unterhalten oder nicht. Dies sei mit Integration (bzw. Des-Integration) bezeichnet.“ (Esser, 1983,
S. 29f.)
- Rosemarie Sackmann bezeichnet Integration als „Formen der gesellschaftlichen Eingliederung von Zuwanderern. Der Begriff der Integration bleibt dabei auf die Vorstellung einer gelungenen Ordnung der Gesellschaft als ganzer bezogen.“ (2004, S. 15)
- „Integration kann allgemein als die Verbindung von Einzelpersonen/Gruppen zu einer gesellschaftlichen Einheit – bei Anerkennung und Akzeptanz von kulturellen Unterschieden – bezeichnet werden.“ (Beger, 2000, S. 10)
- Integration ist „… ein Modus der Beziehungen der Einheiten eines Systems in der Weise, dass die Einheiten im Kollektiv derart handeln, dass ein Zusammenbruch des Systems und eine Gefährdung der Stabilität des Systems vermieden werden, einerseits; und auf der anderen Seite, dass die Einheiten so kooperieren, dass das System als eine Einheit funktioniert.“ (Parsons, 1967, zit. nach Nienaber, 1995,
S. 133)
- In und im Sinne einer demokratisch verfassten Gesellschaft kann Integration aber nur gleichberechtigte Teilhabe bedeuten. Integration ist dabei erstens als Prozess und nicht als Zustand zu verstehen und zweitens als ein Prozess, an dem mindestens zwei Parteien aktiv (!) beteiligt sind. Es geht um gleiche Rechte und Pflichten, um Chancengleichheit, um Partizipation und nicht zuletzt um Toleranz, Akzeptanz und beiderseitiges Verstehen.“ (Brommler, 2006, S. 111f.)
- „In der Migrationssoziologie bezeichnet Integration (synonym Eingliederung) die Aufnahme von Immigranten in das Wirtschafts- und Sozialsystem des Zuwanderungslandes. Integration umfasst grundsätzlich alle Bereiche des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens und impliziert in letzter Konsequenz eine gleichberechtigte Partizipation der Zuwanderer am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben des Aufnahmelandes. Integration misst sich nicht an der uneingeschränkten (kulturellen) Anpassung der Zuwanderer an die Aufnahmegesellschaft. Als Integrationsziele lassen sich vielmehr formulieren, dass die Zuwanderer – unter Anerkennung der für alle geltenden Grundrechte des Aufnahmelandes – gleichberechtigt an den gesellschaftlichen Ressourcen teilhaben können ohne ihre eigene Identität aufgeben zu müssen. Integration ist ein wechselseitiger Prozess, der die Zuwanderer und die Aufnahmegesellschaft einbezieht.“ (Dietz, 1997, S. 38)
- „In allen … Konzepten findet sich … die Vorstellung, dass der Integrationsvorgang selbst zunächst als Prozess der Angleichung an einen Standart erfolgt (=Akkulturation), dann als Zustand der Ähnlichkeit bezüglich eines Standart beschrieben werden kann (=Assimilation) und letztlich im Zustand eines Gleichgewichts (=Integration) endet.“ (Esser et al., 1979, zit. nach Lüttinger, 1989,
S. 35)

Die unterschiedlichen Begriffserläuterungen machen deutlich, dass es sinnvoll ist, den Oberbegriff „Integration“ – auch wenn nach wie vor keine einheitliche Definition vorliegt – in Unterbegriffe einzuteilen. In der Literatur wird unterschieden zwischen politischer, kultureller, sozialer, wirtschaftlicher, beruflicher, kollektiver, individueller, personaler, struktureller und identifikatorischer Integration. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die soziale, die kulturelle und die identifikative Integration.

Doch der Begriff „Integration“ wird auch in anderer Weise differenziert. So sieht Ackermann Integration sowohl als Prozess, den Zuwanderer durchlaufen auf dem Weg zu „persönlichem Gleichgewicht und der Geborgenheit“, als auch den daraus folgenden Zustand des Zuwanderers, „der sich durch Gleichgewicht und Spannungsfreiheit des personalen und sozialen Systems auszeichnet.“ (1990, S. 24)

Eine weitere Unterscheidung ergibt sich aus den Fragestellungen „Wer integriert wen?“ oder „Wer integriert sich?“

Integration stellt immer das Verhältnis der Minderheit zur Mehrheit in einer Gesellschaft dar (Ackermann, 1990, S. 24). Wenn die Mehrheit sich nicht verändern muss, sondern die Minderheit sich immer anzugleichen hat, wird Integration zu einer einseitigen Handlung. Ackermann weist darauf hin, dass dies der falsche Weg sei, was auch neueste Forschungen bestätigen, die besagen, dass Integration ein „Sozialprozess auf Gegenseitigkeit“ sein soll (Ackermann, 1990, S. 24).

Der Soziologe Hoffmann-Nowotny betont die Notwendigkeit von „Vorleistungen“, die die Aufnahmegesellschaft zu erbringen hat, damit Integration gelingen kann (Treibel, 1999, S. 104). Klaus Bade warnt in diesem Zusammenhang vor dem „gefährlichen Irrtum, dass Integration eine Frage des persönlichen Einlebens sei“ (1994, S. 162).

Es ergeben sich mindestens zwei gegensätzliche Forschungslinien in der Integrationsforschung. Eine Seite sieht die Verantwortung für eine erfolgreiche Integration bei den Zuwanderern und misst den kulturellen Unterschieden zwischen ihnen und der Aufnahmegesellschaft integrationsrelevante Bedeutung zu (Sackmann, 2004, S. 14).

Die andere Seite sieht die Verantwortung für gelungene Integration bei der aufnehmenden Gesellschaft. Ihre „institutionellen Strukturen“ und ihre jeweiligen Konzepte zur Integration von Zuwanderern werden als relevant angesehen (Sackmann, 2004, S. 14).

Nach Sackmann schließen sich beide Positionen jedoch nicht gegenseitig aus, sondern beide Seiten bieten wichtige Teilaspekte für günstige Integrationsverläufe (Sackmann, 2004, S. 15).

I.2 Akkulturation

Der Begriff „Akkulturation“ wird in der Forschung unterschiedlich verwendet. Silbereisen et al. versteht unter der Akkulturation von Aussiedlern einen Prozess, der bereits vor der Ausreise in die Bundesrepublik beginnt und nach der Einreise lange nicht abgeschlossen ist (1999, S. 22). Für Schmitt-Rodermund ist Akkulturation „ein Sammelbegriff für eine Reihe von prozesshaften Geschehen und deren Ergebnissen, die sich nach der Übersiedlung in einen anderen kulturellen Kontext ergeben.“ (1997, S. 35) Dabei kann dieser neue kulturelle Kontext zu Veränderungen des Verhaltens oder der Einstellungen der einzelnen Person führen, er hat aber auch Auswirkungen auf ganze Gruppen von Zuwanderern (Schmitt-Rodermund, 1997, S. 35).

Hager & Wandel sehen die Ablösung des Begriffs „Integration“, der zu ungenau sei, durch den Begriff „Akkulturation“, der einen „Prozess der wechselseitigen Auseinandersetzung zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. Kultur“ bedeute (Hager & Wandel, 1980, zit. nach Ackermann, 1990,
S. 27).

Die Akkulturationsprozesse werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst. So spielt die kulturelle Distanz zwischen Zuwanderern und Aufnahmegesellschaft eine Rolle. Die Dauer des Aufenthalts der Zugewanderten in der Aufnahmegesellschaft ist ebenso von Bedeutung wie die Einstellung sowohl der aufnehmenden Gesellschaft als auch der Gruppe der Zuwanderer gegenüber dem Thema Integration (Sackmann, 2004, S. 38).

Für Tolksdorf ist Akkulturation eine Integrationsstufe, „bei der Elemente der Eigenkultur und der Fremdkultur soweit verschmolzen sind, dass eine umwelteingepasste Verhaltenssicherheit für die Gruppenmitglieder entsteht (1990, S. 121).

Im Verlauf dieser Arbeit wird auf den Begriff der Akkulturation noch näher eingegangen. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Erforschung der Eingliederung von Russlandsdeutschen in die bundesrepublikanische Gesellschaft.

I.3 Assimilation

Assimilation bedeutet nach einheitlicher Lesart „eine völlige Hinwendung zur Aufnahmekultur“ (Schmitt-Rodermund, 1997, S. 40). Sie ist eine Akkulturationsform, „… in der die Zuwanderer sich an die Mehrheitsgruppe sukzessive bis zur Ununterscheidbarkeit angleichen.“ (Sackmann, 2004, S. 26) Für Tolksdorf ist der Zustand der Assimilation erreicht, „… wenn alle eigenkulturellen Werte, und damit auch die ursprüngliche ethnische und kulturelle Identität, aufgegeben worden sind.“ (1990, S. 121)

Die Aufgabe der eigenen kulturellen und ethnischen Identität ist jedoch mit Gefahren verbunden, denn Assimilation kann zu einer „meist sehr schmerzhaften und für die Entfaltung der Persönlichkeit nicht ungefährlichen Operation“ werden (Francis, 1983, S. 17). Aus diesem Grund setzt Assimilation „Reziprozität voraus, das heißt, den Bestrebungen … der Assimilanten muss die Aufnahmebereitschaft oder Akzeptanz seitens der Wirtsgesellschaft entsprechen.“ (Francis, 1983, S. 17)

Auch auf den Begriff „Assimilation“ wird im Verlauf dieser Arbeit noch näher eingegangen.

II Theorien zur Integration/Migration

II.1 Der handlungstheoretische Ansatz von Hartmut Esser

Hartmut Esser wurde 1943 im Harz geboren. Er studierte von 1965 – 1970 Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Köln, wo er im Jahr 1974 promovierte. Seine Habilitation folgte im Jahr 1981 in Bochum. In den Jahren 1978 – 1982 lehrte er als Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung in Duisburg. Seit 1991 ist er an der Universität Mannheim Professor für Soziologie und Wissenschaftslehre (Greshoff & Schimank, 2006, S. 1).

Seine wissenschaftliche Arbeit umfasst „Arbeiten zur soziologischen Theorie, zur empirischen Sozialforschung sowie zur Wissenschaftstheorie.“ (Greshoff & Schimank, 2006, S. 1)

Im Jahr 1980 legte Esser eine grundlegende Arbeit zum Thema „Migration“ vor: „Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse.“ Hier entwickelte er die „Allgemeine Theorie der Eingliederung von Wanderern“ als Prozessmodell (Esser, 1980, S. 213). Er knüpft mit seiner Theorie an die Arbeiten amerikanischer Wissenschaftler an (Treibel, 1999, S. 105), vor allem an Talcott Parsons, Ronald Taft (Han, 2000, S. 57ff.) und Milton Gordon (Treibel, 1999, S. 106). Er übernahm ihre Theorien aber nicht in allen Punkten.

Essers Ansatz orientiert sich an der Theorie des methodologischen Individualismus und der kognitiven Handlungstheorie, der Wert-Erwartungstheorie (Nienaber, 1995, S. 76).

Soziale Prozesse sind danach Ergebnisse von individuellen Entscheidungen, Handlungen und Einstellungen (Esser, 1980, S. 14). Im Bezug auf Migranten bedeutet das, dass aufgrund von Entbehrungen im Heimatland die Entscheidung getroffen wird, dieses zu verlassen, um in einem Zuwanderungsland diesen Mangel zu beenden (Nienaber, 1995, S. 76). Damit diese Entscheidung getroffen werden kann, darf es weder „attraktive Alternativen zur Wanderung“ geben, noch dürfen die „Kosten der Wanderung deren Nutzen übersteigen“ (Nienaber, 1995, S. 76).

Nach Essers Theorie ist das Handeln des Individuums, unter dem er „alle motorischen und nicht-motorischen Aktivitäten (kognitiver oder evaluativer Art) einer Person, die die faktischen oder die vorgestellten Beziehungen zwischen der Person und ihrer Umwelt (irgendwie) verändern“, versteht (Esser, 1980, S. 182), abhängig von vier Variablen:

1. Motivation
2. Kognition
3. Attribution
4. Widerstand (Han, 2000, S. 59)

Die Motivation wird bestimmt von dem „Anreizwert einer Zielsituation“, die Kognition stellt die „subjektiven und kognitiven Erwartungen über die Verbindung zwischen Handlungen und Situationen“ dar, die Attribution „richtet sich nach der Attribuierungsgewohnheit“ der Person und der Widerstand nach dem „Aufwand als Nebenfolge oder Kosten einer Handlung.“ (Nienaber, 1995, S. 76)

Eine wichtige Bedingung für das Handeln ist das Lernen, unter dem Esser „die Ausbildung und die Veränderung bestimmter Wert-Erwartungszusammen­hänge …“ versteht (1980, S. 190). Beim Lernen und Handeln stehen Person und Umgebung in wechselseitiger Interaktion (Han, 2000, S. 60). Lernen und Handeln werden von folgenden Umgebungsvariablen bestimmt:

1. „Opportunitäten (Gelegenheiten und Bedingungen, die assimilative Handlungen erlauben und unterstützen)
2. Barrieren (Faktoren, die den assimilativen Handlungen entgegenstehen, wie die materiellen und rechtlichen Beschränkungen, sozialen Vorurteilen, Askriptionen und Diskriminierungen)
3. Alternativen (Handlungsmöglichkeiten nicht assimilativer Art)“

(Han, 2000, S. 60)

Mit Bezug auf die vorgestellten Variablen der Person und der Umgebung stellt Esser zwei Hypothesen auf, die sich auf assimilative Handlungen von Migranten beziehen:

1. „Je intensiver die Motive eines Wanderers in bezug auf eine bestimmte Zielsituation; je stärker die subjektiven Erwartungen eines Wanderers sind, dass diese Zielsituation über assimilative Handlungen und/oder assimilative Situationen erreichbar ist; je höher die Handlungsattribuierung für assimilative Handlungen ist; und je geringer der Widerstand für assimilative Handlungen ist, um so eher führt der Wanderer – ceteris paribus – assimilative Handlungen (aller Art: einschließlich Bewertungen, Wahrnehmungen und Informationssuche) aus.“ (Esser, 1980, S. 211)
2. „Je mehr assimilative Handlungsopportunitäten dem Wanderer im Aufnahmesystem offen stehen; je geringer die Barrieren für assimilative Handlungen im Aufnahmesystem sind; und je weniger alternative Handlungsopportunitäten nicht assimilativer Art verfügbar sind, um so eher führt der Wanderer – ceteris paribus – assimilative Handlungen aus.“ (Esser, 1980, S. 211)

Die Eingliederung von Zuwanderern in die Aufnahmegesellschaft kann drei Formen annehmen (Treibel, 1999, S. 105):

1. Akkulturation, darunter versteht Esser „den Prozess der Angleichung, der als Lernen kulturell üblicher Verhaltensweisen und Orientierungen zu verstehen ist“;
2. Assimilation, darunter versteht er den „Zustand der Ähnlichkeit des Wanderers in Handlungsweisen, Orientierungen und interaktiven Verflechtungen zum Aufnahmesystem“;
3. Integration, die er als „einen personalen und relationalen Gleichgewichtszustand“ definiert.

(Esser, 1980, S. 25)

Dieses Gleichgewicht differenziert er in individuelles Gleichgewicht und das Gleichgewicht „eines Makrosystems als spannungsarmes, funktionales Verhältnis der Subeinheiten zueinander.“ (Nienaber, 1995, S. 134)

Akkulturation bedeutet hier den Prozess der Angleichung, der die Assimilation des Zuwanderers zum Ergebnis hat (Treibel, 1999, S. 105).

Assimilation hat Esser in vier Arten unterteilt:

1. Kognitive Assimilation → Sprache, Fertigkeiten, Verhaltenssicher­heit, Regelkompetenz für Gestik und Gebräuche, Normen­kenntnis, Situationserkennung.
2. Identifikative Assimilation → Rückkehrabsicht, Naturalisierungsab­sicht, ethnische Zugehörigkeitsdefinition, Beibehaltung ethnischer Gebräu­che, politisches Verhalten.
3. Soziale Assimilation → formelle und informelle interethnische Kon­takte, De-Segregation, Partizipation an Einrichtungen des Aufnahmesys­tems.
4. Strukturelle Assimilation → Einkommen, Berufsprestige, Positions­besetzung, vertikale Mobilität, De-Segregation.

(Esser, 1980, S. 221)

Obwohl Esser Assimilation als Zustand und als Ergebnis des Akkulturationsprozesses bezeichnet, ist es doch so, dass erst die kognitive Assimilation einen Prozess der Assimilation einleitet. Sie erleichtert die strukturelle und die soziale Assimilation. Den Abschluss dieses Prozesses bildet die identifikative Assimilation (Treibel, 1999, S. 108).

In seinem Werk „Soziologie: Spezielle Grundlagen, Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaft (2000) erklärt Hartmut Esser „…eine weitgehende kulturelle Assimilation“ zur „Voraussetzung für die Herausbildung von identifikativen Bezügen zum Zuwanderungsland“ (zit. nach Sackmann, 2004, S. 16). Er begründet dies damit, dass sich Zuwanderer in der Sozialstruktur des Aufnahmelandes günstig positionieren müssen, um eine positive Beziehung zur Aufnahmegesellschaft haben zu können. Dafür ist Assimilation die Voraussetzung. So stehen kulturelle und interaktive Assimilation am Beginn eines Prozesses, der am Ende zu identifikativer Assimilation führt (Sackmann, 2004, S. 16f.). „In jeder Gesellschaft gibt es zentrale Ressourcen deren Kontrolle die vertikale Position der Akteure über den Mechanismus der Positionierung bestimmen. Dazu gehören vor allem die Ressourcen, die zum Human- oder zum kulturellen Kapital zu zählen sind, wie Sprachkenntnisse, Gewohnheiten, Geschmack, Ambitionen und alle weiteren Eigenschaften und Fertigkeiten, die abgrenzende Distinktionen erlauben oder Diskriminierungen nach sich ziehen.“ (Esser, 1999, S. 27, zit. nach Sackmann, 2004, S. 52)

Der Assimilation setzt Esser den Begriff der Isolation der Zuwanderer entgegen, die sich in „ethnischen Kolonien“ oder „Gettos“ bilden kann (Esser, 1983, S. 28). Beide Begriffe, die Assimilation und die Isolation, können auf zwei unterschiedliche Arten gelesen werden. So kann man unter Assimilation „die Herstellung von Gleichberechtigung unter dem Preis der Aufgabe der kulturellen Eigenständigkeit“ verstehen, sie kann aber auch als „Zwangsgermanisierung“ ausgelegt werden. Gegner der Assimilationsbemühungen können ihre Ablehnung damit begründen, dass sie „ethnischen Gruppen ihre kulturelle Eigenständigkeit“ erhalten wollen, oder aber auch, weil sie diese ethnischen „Gruppen nicht für assimilationsfähig bzw. assimilationswürdig“ ansehen. Esser nennt diese zweite Begründung „zutiefst rassistisch“ (Esser, 1983, S. 28).

Auch die Isolation ethnischer Gruppen ist ein zweischneidiges Schwert. Man kann ethnische Kolonien befürworten, weil sie zur „Ausgestaltung eines eigenethnischen Lebens“ dienen, oder aber um sie als „Abschieberäume in die gesellschaftliche Isolation“ zu missbrauchen. Man kann dagegen sein, weil man den Zuwanderern die „gesellschaftliche Abkapselung und Isolation“ nicht zumuten will, oder „weil man derartige „Krebsgeschwüre“ undeutscher Lebensart … nicht für zumutbar hält …“ (Esser, 1983, S. 29).

Esser nennt vier verschiedene Dimensionen des Zusammenlebens von Zugewanderten und Einheimischen, bezogen auf die o. g. und definierten Begriffe „Integration“ und „Assimilation“:

1. Assimilation und Integration: Die Zuwanderer geben ihre ethnische Eigenständigkeit auf.
2. Assimilation ohne Integration: Dies bedeutet den Zerfall einer kulturell homogenen Gesellschaft.
3. Dissimilation ohne Integration: Hier kommt es zum Konflikt rivalisierender Gruppen.
4. Integration ohne Assimilation: Entstehen einer multikulturellen Gesellschaft, was bedeutet, dass „verschiedene ethnische, kulturelle und religiöse Gruppen in einem gemeinsamen wirtschaftlichen und politischen Rahmen jeweils ihre Eigenständigkeit behalten und dabei in geregelten und spannungsarmen (Austausch-)Beziehungen zueinander stehen.“ (Esser, 1983, S. 30)

In diesem Zusammenhang warnt Esser vor den Gefahren der „ethnischen Schichtung“ und der „ethnischen Segmentation“ (Esser, 1983, S. 31).

Mit ethnischer Schichtung ist gemeint, dass sich „soziale Ungleichheit (Macht, Einkommen, Lebensqualität) mit der ethnischen Zugehörigkeit verbindet.“ (Esser, 1983, S. 31) Die ethnische Segmentation führt dazu, „dass sich die ethnischen Gruppen – nicht zuletzt unter dem Druck der Migrationssituation – enger untereinander zusammenschließen und ein System eigenständiger ethnischer Einrichtungen aufbauen, das es ihnen gestattet, sämtliche Probleme der alltäglichen Lebensgestaltung im inner-ethnischen Raum abzuwickeln.“ Diese Entwicklung führt dann zu den nicht gewollten „Parallelgesellschaften“ (Esser, 1983, S. 32).

Allerdings stellt er auch fest, „dass eine Tolerierung und gar Förderung kultureller Eigenständigkeiten mittelfristig den Prozess der Absorption einer Minderheit in die Mehrheit befördert – mindestens aber: der Betonung ethnischer und kultureller Eigenarten ihre politische Signalwirkung und Brisanz nimmt.“ (Esser, 1983, S. 8)

II.1.1 Einschätzung und Kritik

Obwohl Hartmut Esser in seinem Vorwort des Buches „Die fremden Mitbürger – Möglichkeiten und Grenzen der Integration von Ausländern“ darauf hinweist, „ dass die „Grenzen“ der Eingliederung, dass die „Aufnahmefähigkeit“ eines Landes, dass die „Integrationsfähigkeit“ bzw. die „Integrationswilligkeit“ bestimmter Gruppen keine von vornherein feststehenden und unveränderlichen Größen sind, sondern in einem ganz erheblichen Ausmaß von der Art und Weise abhängen, wie das Aufnahmeland mit seinen Minderheiten umgeht.“ (1983, S. 8), ist sein handlungstheoretisches Konzept zur Eingliederung von Zuwanderern nach meiner Ansicht zu einseitig auf die Migranten ausgerichtet. Nach seiner Theorie hängt der Integrationserfolg hauptsächlich von den Zuwanderern ab, die sich durch verschiedene Arten von Assimilation in die Aufnahmegesellschaft integrieren.

Aber Essers Konzept ist grundlegend in der deutschen Migrationsforschung und eine Anzahl von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen bauen ihre Arbeiten zumindest zum Teil darauf auf., Annette Treibel (1999), Irene Tröster (2003) und auch Rosemarie Sackmann (2004) sind nur einige wenige Beispiele.

Essers Theorie, obwohl 1980 als Arbeit über die Integration der so genannten Gastarbeiter entwickelt, hat in weiten Teilen Gültigkeit auch für die Integration von Russlandsdeutschen, was in den folgenden Kapiteln belegt wird.

II.2 Der historisch sozialstrukturelle Ansatz von Friedrich Heckmann

Friedrich Heckmann wurde 1941 geboren (Bade, 1994, S. 228). Er studierte in Münster, Kiel, Lawrence (USA) und Erlangen-Nürnberg die Fächer Soziologie, Geschichte und Ökonomie. An der Universität von Kansas machte er im Jahr 1967 den Master of Arts. In Erlangen-Nürnberg promovierte er 1972 im Fach Soziologie, seine Habilitation folgte im Jahr 1980 an der Universität Bamberg, wo er seit 1992 als Professor im Fachbereich Soziologie mit Schwerpunkt „Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland“ lehrt. Er ist Leiter des „Europäischen Forums für Migrationsstudien“ (efms) (Bosswick, 2005, S.1). Neben vielen anderen wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte er 1981 das Buch „Die Bundesrepublik Deutschland: Ein Einwanderungsland?“ und 1992 das Buch „Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Soziologie inter-ethnischer Beziehungen“. Er beteiligte sich an Klaus J. Bades „Manifest der 60“ (1994), das „ein engagiertes Plädoyer für eine langfristige und gezielte Migrationspolitik“ in der Bundesrepublik Deutschland ist und von „60 namhaften Wissenschaftlern“ mitgestaltet bzw. unterschrieben wurde (Bade, 1994, Rückentext).

Friedrich Heckmann entwickelte anhand von „konkreten historischen Ereignissen“ eine Typologie unterschiedlicher Minoritäten (Fischer & Kneher, 2003, S. 6). Mit dem soziostrukturellen Ansatz seiner Forschung unterstreicht er die Wichtigkeit „struktureller Gegebenheiten, die … die objektiven Rahmenbedingungen des sozialen Handelns darstellen.“ (Fischer & Kneher, 2003, S.6)

Nach Heckmann haben hauptsächlich folgende drei historische Prozesse zum Entstehen von Minderheiten beigetragen:

1. Die Entstehung der modernen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert (Heckmann, 1981, S. 22ff.).
2. Der Migrationsprozess, der „Teilmoment der Auflösung der feudalistisch-agrarischen Gesellschafts- und Sozialstruktur und der Herausbildung einer neuen Gesellschaftsformation“ ist (Heckmann, 1981, S. 29).
3. Der neuzeitliche Kolonialismus und die „Begründung der „jungen“ Nationalstaaten.“ (Heckmann, 1981, S. 67)

Heckmann begreift Sozialstruktur als „ … empirische Differenzierung der Gesellschaftsmitglieder in bestimmte Bevölkerungsgruppen“ (1981, S. 143) und unterscheidet drei Dimensionen des Sozialstrukturbegriffs:

1. Die ökonomisch-soziale Stellung: Darunter versteht er „die objektive Stellung einer Bevölkerungsgruppe im Arbeits-Produktionspro­zess“ (1981, S. 144).
2. Die soziale Lage: Sie ist im Grunde eine Folge der ökonomisch-sozia­len Stellung. Heckmann definiert sie als „Ensemble der Lebensverhält­nisse einer Bevölkerungsgruppe außerhalb des Arbeits-Produktionsprozes­ses.“ (1981, S. 183) Die soziale Lage von Bevölkerungs­gruppen wird determiniert über ihr Einkommen, ihre sozi­ale Sicherheit, bei Migranten über ihren Status im Aufnahmeland, ihre Familien­verhältnisse, Ausbildung ihrer Kinder, ihre Wohnverhältnisse (Heckmann, 1981, S. 183), aber auch über die sozialen Kontakte zu ih­ren Landsleuten und den Einheimischen (Fischer & Kneher, 2003,
S. 13).
3. Die Situation: Damit bezeichnet Heckmann die „Momente der Instabilität und Zyklizität innerhalb der Lage“ (1981, S. 223). So kann sich die wirtschaftliche Lage des Gastlandes ändern und damit auch das Ein­kommen der Einwanderer (Heckmann, 1981, S. 223), es zählen aber auch Gesetzesänderungen, politische Geschehnisse im Herkunfts- oder im Gastland oder auch das verstärkte Aufkommen fremdenfeindlicher Akti­onen im Gastland dazu (Fischer & Kneher, 2003, S. 14).

Die ökonomisch-soziale Stellung, die soziale Lage und die Situation finden ihren Niederschlag im Bewusstsein der Migranten. Bewusstsein definiert Heckmann in diesem Zusammenhang

„als das Ensemble der ideellen und psychischen Tätigkeit des Menschen gegenüber der natürlichen und gesellschaftlichen Realität, die auf Erkenntnisgewinnung und Handlungsorientierung angelegt ist. Bewußtsein ist Tätigkeit, umfasst aber, als Bedingung dieser, Resultate vorausgegangener Bewußtseinstätigkeit in strukturierter Form, ist also zugleich Struktur und Prozeß, Festes und sich Veränderndes. Die analytische Differenzierung des Bewußtseins erfolgt nach Bewußtseinsformen. Zu diesen zählen als wichtigste Wahrnehmungs-, Denk-, Gefühls- und Vorstellungsweisen, Erinnerungen, Bewertungen, Motive und Handlungsabsichten.“ (1981, S. 230, Hervorhebung im Original)

Für den Einwanderer bedeutet das, dass sein Bewusstsein auf drei zentralen Säulen aufbaut:

1. seinen Erfahrungen im Herkunftsland
2. seinen Zielen, die er mit dem Aufnahmeland verbindet und die eine wichtige Rolle beim Entschluss zur Wanderung bilden
3. seinen Wahrnehmungen von der Aufnahmegesellschaft

(Fischer & Kneher, 2003, S. 15).

Nach der Einreise muss der Einwanderer sich entscheiden, ob er bleiben, weiter- oder gegebenenfalls zurückreisen will. Entscheidet er sich für das Bleiben, so muss er erneut eine Entscheidung treffen: Soll er sich assimilieren oder behält er die kulturellen Eigenheiten seines Herkunftslandes bei (Fischer & Kneher, 2003, S. 16).

Heckmann sieht in der Einwanderung einen Prozess, der nicht von „einer einmaligen und endgültigen Entscheidung“ abhängt (Fischer & Kneher, 2003, S. 17).

Durch Kulturkontakte mit anderen ethnischen Gruppen, insbesondere mit den Einheimischen des Aufnahmelandes, kommt es zu „Veränderungen von Personen, Gruppen, Kulturen und Institutionen.“ Dies führt zu Akkulturation (Heckmann, 1992, S. 162). Die Minderheit – in diesem Fall die Migranten – muss von der Mehrheit lernen, um mit ihr kommunizieren zu können (Heckmann, 1992, S. 162). Diese „funktionalen Lernprozesse“ bezeichnet Heckmann als Akkomodation. Dazu gehört in erster Linie das Erlernen der Sprache, aber auch z. B. der Verkehrsregeln, der Art, im Aufnahmeland Rechnungen zu bezahlen, oder was zu tun ist, wenn man krank ist (Heckmann, 1992, S. 167). Um diese Dinge zu erlernen, ist es nicht nötig, „grundlegende Überzeugungen, Werte, Vorlieben oder Denkweisen“ zu ändern (Heckmann, 1992, S. 168). Erst durch die Akkulturation verändern sich durch die Kulturkontakte Werte, Normen und Einstellungen (Heckmann, 1992, S. 168).

Die Akkomodation, also das Erlernen von Kenntnissen und Fähigkeiten, ist Voraussetzung für das Einsetzen des Akkulturationsprozesses, der zu neuen Verhaltensweisen und „Lebensstilen“ führt und auch eine „Veränderung der Selbstidentität“ notwendig macht (Heckmann, 1992, S. 168).

Heckmann unterscheidet zwischen „Personen-Akkulturation“ und „Gruppen-Akkulturation“. Die Gruppen-Akkulturation „bedeutet eine Veränderung kollektiver Werte und Normen.“ (Heckmann, 1992, S. 168) Sie ist ein wechselseitiger Prozess. Auch die Minderheit beeinflusst die Mehrheit, doch lange nicht in dem gleichen Ausmaß wie dies umgekehrt geschieht (Heckmann, 1992, S. 169).

Übernimmt die Minderheit vollständig die kulturellen Regeln der Mehrheit, spricht Heckmann von Assimilierung. Sie bewirkt ein völliges Verschwinden der Kultur der Minderheit (Heckmann, 1992, S. 170). Heckmann zieht den Begriff „Assimilierung“ dem Begriff „Assimilation“ vor, weil Assimilation einen Zustand beschreibt, während Assimilierung den Prozess der Angleichung meint (Heckmann, 1992, S. 170).

Führt der Kulturkontakt zu einer gleich starken wechselseitigen Beeinflussung der ethnischen Gruppen, lösen sich beide Kulturen auf und es kommt zu einer „kulturellen Neubildung“ (Heckmann, 1992, S. 171).

Zu ethnischer Dissimilierung führt eine starke Betonung ethnischer Unterschiede, so dass sich innerhalb einer ethnischen Gruppe das „Bewußtsein und die Identität einer separaten Existenz“ bilden (Heckmann, 1992, S. 171).

Heckmann stellt die Tatsache heraus, dass bei der Akkulturation von ethnischen Gruppen die Minderheit die „’materiellen’ Aspekte und Inhalte der Kultur des Einwanderungslandes“ (Konsumgüter, Technik) schneller übernimmt als die „immateriellen“ (Werte, Religion, Weltanschauung) (Heckmann, 1992, S. 182). „Massenkulturelle Gemeinsamkeiten“ wie Fernsehen, Musik oder Sport machen heute Akkulturation leichter (Heckmann, 1992, S. 183).

Allerdings ist bei der Akkulturation die Art der ethnischen Minderheit von Bedeutung (Heckmann, 1992, S. 184). Hier kommen die „ethnischen Kolonien“ ins Spiel, die auch Heckmann – ebenso wie Esser, s. o. – als zweischneidig ansieht. (Heckmann, 1992, S. 184f.). In ethnischen Kolonien bewahrt die Minderheit ihre Kultur (Heckmann, 1992, S. 185). Das kann dazu führen, dass die Kultur der Mehrheitsgruppe völlig abgelehnt wird, dass es sogar „Widerstand gegen Akkulturation“ geben kann. Es kann aber auch zu einer „bikulturellen Orientierung“ der Minderheit führen, die dann sowohl die Mehrheits- als auch die Minderheitskultur erwirbt (Heckmann, 1992, S. 185).Eine wichtige Rolle spielen dabei die Familie, die Verwandtschaft und die sozialen Kontakte der Zuwanderer. Sie können den Akkulturationsprozess behindern oder unterstützen. Weitere wichtige Faktoren bei der Akkulturation sind Bildungsstand und Alter der Zuwanderer (Heckmann, 1992, S. 185).

Friedrich Heckmann stellt für gelungene Akkulturation von Zuwanderern auch Bedingungen an die aufnehmende Gesellschaft. Es ist von großer Bedeutung, ob diese offen ist für die Migranten. Drei Faktoren bestimmen über „Offenheit“ oder „Geschlossenheit“ einer Mehrheit gegenüber einer Minderheit:

1. Die rechtlich-politische Dimension:
- Sicherheit des Aufenthalts
- Zugänge zum Arbeitmarkt
- Sozialleistungen
- Bildungsangebote
- Möglichkeiten der politischen Partizipation
- Möglichkeiten der Erlangung der Staatsbürgerschaft

2. Die materiell-ökonomische Dimension:
- Ausmaß der ökonomischen Chancen

3. Die soziale Dimension:
- Arten und Grade von Vorurteilen
- Rassismus
- Kulturzentrismus
- Nativismus

(Heckmann, 1992, S. 186)

Ein weiterer Faktor, der sich auf Akkulturation auswirkt, ist die Art der Beziehungen, die Mehrheits- und Minderheitsgruppe zueinander haben (Heckmann, 1992, S. 187). Die Beziehungen zwischen den Gruppen stellen sich dar anhand der Machtverhältnisse: Welche Gruppe übt den größeren Einfluss auf die andere Gruppe aus? Welche kulturellen Regeln setzen sich durch?

Sie stellen sich weiterhin dar anhand der Verteilung der sozialen und ökonomischen Chancen, der Intensität inter-ethnischer Kontakte, der Ausbildungsmöglichkeiten beider Gruppen, der Einberufung zum Militärdienst (Heckmann, 1992, S. 188).

Unter „Integration“ versteht Heckmann „auf einer allgemeinen Ebene die Eingliederung neuer Bevölkerungsgruppen in bestehende Sozialstrukturen und die Art und Weise, wie diese neuen Bevölkerungsgruppen mit dem bestehenden System sozio-ökonomischer, rechtlicher und kultureller Beziehungen verknüpft werden.“ (Heckmann, 2005, S. 2) Er teilt sie ein in vier Dimensionen:

1. Strukturelle Integration, womit er „den Erwerb eines Mitgliedersta­tus in den Kernsituationen der Aufnahmegesellschaft“ meint.
2. Kulturelle Integration, womit er „Prozesse kognitiver, kultureller, ver­haltens- und einstellungsmäßiger Veränderungen der Migran­ten“ und der Aufnahmegesellschaft meint. Sie ist also gleichbedeu­tend mit Akkulturation.
3. Soziale Integration, womit er den „Bereich sozialer Verkehrskreise, einschließlich Freundschafts- und Partnerwahlstrukturen, Gruppen- und Vereinsmitgliedschaften“ meint.
4. Identifikative Integration, womit er die „die neue gesellschaftliche Mitgliedschaft in Zugehörigkeits- und Identifizierungsgemeinschaf­ten und –gefühlen mit ethnisch-nationalen, regionalen und/oder loka­len Strukturen“ meint.

(Heckmann, 2005, S. 2)

Damit Integration gelingen kann, stellt Heckmann Anforderungen an die Migranten und die Aufnahmegesellschaft.

Zu den Anforderungen an die Migranten gehört die Bereitschaft zu einer „umfassenden Neu-Sozialisation“, zu der das Erlernen der Sprache und Kenntnisse der Kultur des Aufnahmelandes gehören. Dieser „aufwändige Lernprozess“ braucht „Bereitschaft zur Veränderung“ (Heckmann, 2005, S. 3). Eine weitere Anforderung besteht darin, „ihre Nachkommenschaft auf die Gesellschaft des Einwanderungslandes einzustellen“ (Heckmann, 2005, S. 4).

Die Anforderungen an die Aufnahmegesellschaft sind bereits bei der Darstellung der Faktoren einer offenen Gesellschaft erläutert. Die geforderte Offenheit der Gesellschaft unterliegt den Gegebenheiten der gesellschaftlichen Realität und ist von verschiedenen Einflüssen abhängig:

„In ‚schlechten Zeiten’ mit Arbeitslosigkeit, Wohnungsproblemen, Überlastungen der öffentlichen Haushalte, der Sozialleistungen und der Infrastruktur, kurz im Kampf um knapper werdende Ressourcen, setzen in Marktgesellschaften Prozesse der Ausgrenzung von Minderheiten und Zuwanderern ein; in ‚guten Zeiten’ ist die Offenheit größer.“

(Heckmann, 1994, S. 158)

II.2.1 Einschätzung und Kritik

Friedrich Heckmanns sozial-struktureller Ansatz ist ebenso grundlegend wie der Ansatz von Hartmut Esser. Die beiden Ansätze widersprechen sich nicht, lediglich die Begrifflichkeiten sind unterschiedlich. Heckmann hat eine andere Herangehensweise an das Thema Migration – Integration. Sein Schwerpunkt liegt auf den Beziehungen der Minderheit zur Mehrheit in einer Gesellschaft und seine Arbeit bezieht sich daher mehr auf die Untersuchung von Gruppen als auf die Untersuchung von Individuen. Das Entstehen von Minderheiten führt er auf historische Prozesse zurück.

Im Unterschied zu Esser legt er sehr genau die Bedingungen zum Gelingen der Akkulturation der Minderheitsgruppe und ihrer Integration in die Mehrheitsgruppe für beide Seiten fest.

Auch Heckmann hat seine Theorie Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Integration der so genannten Gastarbeiter in die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland entwickelt. Auch sein Ansatz spielt eine Rolle bei der Erforschung der Integration von Russlandsdeutschen.

II.3 Die Theorie des gesellschaftlichen Wandels durch Minoritäten von Serge Moscovici

Serge Moscovici wurde im Jahr 1925 in Rumänien geboren. Da sich Rumänien im Zweiten Weltkrieg dem nationalsozialistischen Deutschland anschloss, musste Moscovici, weil er Jude war, die Schule abbrechen und wurde in ein Arbeitslager verbracht (Balzan-Stiftung, 2003, S. 1).

Nach dem Ende des Krieges arbeitete er als Schweißer und begann zu studieren. Als der Kalte Krieg ausbrach, flüchtete er nach Paris, wo er eine neue Heimat fand. Er studierte an der Pariser Sorbonne, in Princeton (USA) und Stanford (USA) Psychologie (Balzan-Stiftung, 2003, S. 1).

Er gilt als einer der Vordenker der 68er Bewegung und als einer der Wegbereiter einer eigenständigen europäischen Sozialpsychologie, die sich von der bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts dominierenden amerikanischen Sozialpsychologie abhebt (Balzan-Stiftung, 2003, S. 1).

Im Jahr 1979 veröffentlicht Moscovici das Buch „Sozialer Wandel durch Minoritäten“, in dem er seine „Theorie des gesellschaftlichen Einflusses der Minderheit“ vorstellt und in dem er dem bis in die 60er Jahre geltenden „funktionalistischen Standpunkt“, der „Konsens, Kontrolle und Konformität“ als Faktoren sozialen Einflusses festlegte, den „genetischen Standpunkt“ entgegensetzte, der sozialen Einfluss determiniert durch die Faktoren „Konflikt, Innovation und soziale Anerkennung“ (Moscovici, 1979,
S. 7f.).

Moscovici hat in Anlehnung an die Konformitätsstudien von Asch (1956) untersucht, ob und welchen Einfluss Minderheiten auf Mehrheiten ausüben können (Brandstätter, 1997, S. 184). Das Verhalten der Minderheit ist von großer Bedeutung für die Ausübung eines solchen Einflusses (Moscovici, 1979, S.131). Insbesondere muss die Minderheitengruppe sich konsistent verhalten: “Verhaltenskonsistenz wird als Zeichen von Sicherheit wahrgenommen und bestätigt eine Entscheidung, unerschütterlich einen bestimmten Standpunkt beizubehalten, und spiegelt eine Bindung an eine kohärente, kompromißlose Entscheidung wider.“ (Moscovici, 1979, S. 146) Ein konsistenter Verhaltensstil drückt demnach Sicherheit und Überzeugung aus (Maass, 1997, S. 248). Konsistenz muss von der Minderheit in zweifacher Hinsicht gezeigt werden:

1. Die Minderheitengruppe muss sich einig sein in Bezug auf eine von der Mehrheitsgruppe abweichenden Meinung.
2. Die Minderheitengruppe muss auch „über die Zeit hinweg“ auf ihrer Meinung bestehen.

(Fischer & Wiswede, 2002, S. 567)

Das konsistente Verhalten kann jedoch auch ins Gegenteil verkehrt werden und als Unbelehrbarkeit und Rigidität ausgelegt werden (Moscovici, 1979, S. 153). Nemeth et al. haben belegt, dass eine Minderheit, die zwar an ihrer abweichenden Meinung festhält, aber sich der Mehrheit gegenüber kompromissbereit zeigt, überzeugender wirkt: „ …nur bei konsistentem Verhaltensstil und flexiblem Verhandlungsstil lässt sich die Attribution auf Rigidität vermeiden.“ (Fischer & Wiswede, 2002, S. 567) Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Eigeninteresse, das die Minderheit mit ihrer Beeinflussung der Mehrheit verfolgt. Je größer das eigene Interesse der Minorität, umso weniger überzeugend wirkt sie (Fischer & Wiswede, 2002, S. 568).

Moscovicis Theorie beinhaltet als weiteren bedeutenden Faktor die Konversionstheorie, die besagt, dass Einstellungs- und Verhaltensänderungen, die die Minderheit bei der Mehrheit bewirken, tiefer gehender und umfassender sind, als dies der Einfluss der Mehrheit auf die Minderheit bewirken kann (Fischer & Wiswede, 2002, S. 568). Der Einfluss der Mehrheit bewirkt nur eine äußerliche Anpassung, die oberflächlich bleibt (Brandstätter, 1997, S. 184).

II.3.1 Einschätzung und Kritik

Moscovicis Ansatz war in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts neu und erfrischend. „Moscovici war nicht nur ein Erneuerer, sondern auch ein Vorreiter, ein „Vorwegnehmer“.“ (Balzan-Stiftung, 2003, S. 2)

Seine Theorie ist fundiert und einleuchtend, seine Experimente (Moscovici, 1979, S. 148ff.) sind plausibel. Moscovicis vordringliches Ziel war es allerdings, „das Verständnis der mentalen Prozesse des einzelnen“ zu entwickeln (Balzan-Stiftung, 2003, S. 2). Es ist nicht einfach, seine Theorie auf größere gesellschaftliche Gruppen zu beziehen. Sicher übt die Gruppe der Russlandsdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland keinen erkennbaren Einfluss auf die bundesrepublikanische Gesellschaft als Ganzes aus, doch auf der Ebene der kleineren Kommunen, der Kirchengemeinden, der Vereine, der Kindergärten und Schulen ist ein solcher Einfluss denkbar. Aus diesem Grund habe ich Serge Moscovicis Theorie in aller Kürze hier vorgestellt.

II.4 Die Theorie der Sozialen Identität von Henri Tajfel

Henri Tajfel wurde im Jahr 1919 in Polen geboren. Auch er war jüdischer Abstammung. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, studierte er in Paris Chemie (EASP, 2004, S.2). Er meldete sich freiwillig bei der französischen Armee, kam aber schon bald in deutsche Kriegsgefangenschaft. Seine jüdische Abstammung konnte er verbergen und so den Krieg überleben, allerdings wurden seine Familie und viele seiner Freunde von den Deutschen ermordet (EASP, 2004, S.2). So wuchs nach dem Krieg sein Interesse an den Themen Vorurteil und Gruppenidentität (EASP, 2004, S.2). Im Jahr 1946 begann er ein Psychologie-Studium, das er 1954 in Großbritannien beendete. Von 1967 bis zu seinem Tod im Jahr 1982 lehrte er als Professor für Sozialpsychologie an der Universität von Bristol (EASP, 2004, S.3).

Berühmt wurde Tajfel durch seine „minimal-group-Experimente“, anhand derer er nachweisen konnte, dass nur wenige Faktoren notwendig sind, damit Unterschiede zwischen Gruppen entstehen und von den Gruppenmitgliedern wahrgenommen werden (Lück, 1993, S. 148). Für die Gruppenmitglieder besteht die Mitgliedschaft in einer Gruppe aus drei Komponenten:

1. Die kognitive Komponente: Hierbei handelt es sich um das Wissen einer Person, zu einer Gruppe zu gehören.
2. Die evaluative Komponente: Das Bewusstsein, zu einer Gruppe zu gehören, oder das Wissen über eine Gruppe kann positive oder negative „Wertkonnotationen“ besitzen (Lück, 1993, S.148).
3. Die emotionale Komponente: Sowohl die kognitiven als auch die evaluativen Komponenten können von positiven oder negativen Empfindungen begleitet werden (Lück, 1993, S. 149).

Tajfel bewies durch die „minimal-group-Experimente“, dass Individuen ein ingroup-outgroup-Verständnis schon bei geringfügigen Bedingungen entwickeln, die Mitglieder der eigenen Gruppe bevorzugen und die Mitglieder der Fremdgruppe diskriminieren (Schäfer & Six, 1978, S. 211f.). Er entwickelte darauf aufbauend die Theorie der Sozialen Identität (Social-Identity-Theory SIT), die sich aus vier Teilen zusammensetzt (Lück, 1993, S. 149):

1. Soziale Kategorisierung

Viele unterschiedliche Reize strömen auf eine Person ein, die sie „ordnen und reduzieren“ muss (Lück, 1993, S. 150). Personen, Objekte und Ereignisse werden in Gruppen zusammengefasst (Lück, 1993, S. 150), so dass es dem Individuum leichter fällt, in dieser von ihm aufgestellten Ordnung seinen „eigenen Standort“ zu finden (Mummendey, 1997, S. 340).

2. Soziale Identität

Tajfel selbst definiert soziale Identität auf folgende Weise: „…soziale Identität als den Teil des Selbstkonzepts eines Individuums …, der sich aus seinem Wissen um seine Mitgliedschaft in sozialen Gruppen und aus dem Wert und der emotionalen Bedeutung ableitet, mit der diese Mitgliedschaft besetzt ist.“ (1982, S. 102)

3. Sozialer Vergleich

Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach einem „zufrieden stellenden Selbstkonzept oder Selbstbild“ und jeder Mensch ist Mitglied in einer Anzahl unterschiedlicher sozialer Gruppen (Tajfel, 1982, S. 101). Das Wissen um die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen vermittelt ihm, ob er seinen eigenen Standpunkt, seine soziale Identität, aufgrund dieser Zugehörigkeit eher positiv oder eher negativ bewerten kann. Dazu muss er seine eigenen Gruppen mit anderen Gruppen vergleichen (Fischer & Wiswede, 2002, S. 659).

4. Positive Distinktheit

Um das Bedürfnis nach einem positiven Selbstwert befriedigen zu können, muss das Individuum die Eigengruppe von anderen Gruppen in positiver Weise abheben (Lück, 1993, S. 150). Die Zugehörigkeit zu einer Minderheit kann bei den Gruppenmitgliedern zu negativer Distinktheit führen (Fischer & Wiswede, 2002, S. 660). Wichtige Faktoren für den Vergleich mit anderen Gruppen sind der soziale Status und Macht (Fischer & Wiswede, 2002, S. 660). Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, die eigene Gruppe von anderen Gruppen zu differenzieren und positiv abzuheben. Dazu gehören der soziale Wettbewerb, soziale Mobilität, soziale Kreativität und die Segregation der eigenen Gruppe (Fischer & Wiswede, 2002, S. 659).

Im sozialen Wettbewerb ist es das Ziel der Minderheit, der Mehrheit ähnlicher zu werden und auf diese Weise, unter Beibehaltung der eigenen Identität, „hochbewertete Ziele der Gesellschaft und Symbole des Respekts“ zu erhalten (Fischer & Wiswede, 2002, S. 668).

Soziale Mobilität hat eine „homogene gesellschaftliche Struktur“ zum Ziel und bedeutet, dass auch den Mitgliedern der Minderheitengruppe der gesellschaftliche Aufstieg möglich ist (Fischer & Wiswede, 2002, S. 666). Soziale Mobilität kann sich zum Beispiel über regionale Mobilität ausdrücken, durch den Auszug von Mitgliedern der Minderheitengruppe aus einem Ghetto in die Wohngebiete der Mehrheitsgruppe. Der soziale Vergleich richtet sich hier ebenfalls nach der Mehrheit und die Angleichung wird durch Anpassung erreicht (Fischer & Wiswede, 2002, S. 666).

Durch die soziale Kreativität kann die Minderheitengruppe ihren Vergleich mit der Mehrheitsgruppe auf verschiedene Arten angehen (Schäfer & Petermann, 1988, S. 39). So kann sie den Vergleich auf andere Lebensbereiche beziehen und sich mit der Mehrheitsgruppe zum Beispiel in kultureller oder sportlicher Hinsicht messen (Fischer & Wiswede, 2002, S. 669).

Sie kann sich eine andere Gruppe, die gesellschaftlich unter ihr steht zum Vergleich heranziehen oder sie kann versuchen, eine Veränderung der Bewertung „salienter Vergleichsattribute“ zu erreichen (Schäfer & Petermann, 1988, S. 39). In diesem Fall ist eine gewisse Toleranz der Mehrheitsgruppe eine wichtige Voraussetzung (Fischer & Wiswede, 2002, S. 669).

Sowohl die räumliche Segregation – durch den Rückzug in ein Ghetto – als auch die kulturelle Segregation – durch die Bildung von Subkulturen – erleichtert der Minderheitengruppe die Entwicklung einer positiven und sicheren Identität (Fischer & Wiswede, 2002, S. 667), doch wird durch diesen Rückzug ihr sozialer Status festgeschrieben (Fischer & Wiswede, 2002, S. 668).

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Details

Seiten
99
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638817431
ISBN (Buch)
9783638818551
Dateigröße
893 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79174
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,1
Schlagworte
Russland Herzen Deutschland Sinn Russlanddeutsche Bundesrepublik

Autor

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Titel: Russlanddeutsche in der Bundesrepublik Deutschland: fremd, angepasst, integriert?