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Selbstverletzendes Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen - Möglichkeiten der Hilfe

Diplomarbeit 2002 149 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I EINLEITUNG

II DEFINITION UND DIAGNOSTIK DES SELBSTVERLETZENDEN VERHALTENS

III URSACHEN DES SELBSTVERLETZENDEN VERHALTENS

IV FUNKTIONEN DES SELBSTVERLETZENDEN VERHALTENS

V MÖGLICHKEITEN DER HILFE FÜR DIE BETROFFENEN

VI SCHLUSSBEMERKUNG

ANHANG A-1

1 Tabelle zur Abgrenzung der verschiedenen selbstschädigenden Verhaltensweisen im Klassifikationssystem ICD 10

2 Rückgesendete Fragebögen

3 Literaturverzeichnis

4 Verzeichnis der Internetadressen

5 Abbildungsverzeichnis

I EINLEITUNG

„(...) Die Täter sind Jugendliche, meist Mädchen. Messer, Scheren oder Rasierklingen sind ihre Tatwaffen. Der eigene Körper ist das Opfer. (...) Eine von 200 Personen der Allgemeinbevölkerung hat selbstverletzende Tendenzen.“[1]

Dieser kurze Ausschnitt aus der Wochenzeitung „Die Welt“ aus dem Jahr 2000 offenbarte mir die Aktualität und Brisanz der Symptomatik des selbstverletzenden Verhaltens (SVV), das, so die Experten, die Funktion der Anorexie in den 70er und der Bulimie in den 80er Jahren abgelöst hat.[2]

Die Symptomatik des SVV ist seit einigen Jahren der Öffentlichkeit bekannt, sei es durch ausreichende Publizierung in Fachzeitschriften, als auch in der populären Presse mit reißerischen Überschriften und Bloßstellung prominenter SVVlerinnen[3], wie Prinzessin Diana, die Schauspielerin Angelina Jolie, oder wie im September 2002, die Schwester der Schlagersängerin Michelle. Über die Hintergründe, aber auch Medienwirksamkeit dieser anscheinend betroffenen Prominenten ist mir nichts bekannt und ist hier personenbezogen auch nicht weiter relevant.

In meiner Arbeit ist es vielmehr mein Anliegen, die Ernsthaftigkeit und Komplexität dieser Symptomatik darzustellen, Hilfsmöglichkeiten zu erörtern, die einerseits im psychiatrischen Bereich angesiedelt sind, andererseits die Selbsthilfe betreffen. Die Symptomatik der schweren Selbstverletzung ist mir nicht unbekannt, habe ich doch den Weg miterlebt, den eine gute Bekannte von mir gegangen ist. Schwere Selbstverletzungen in Verbindung mit einer Borderline- Persönlichkeitsstörung ließen sie von einer Klinik in die nächste, von einer Lebenskrise in die andere stürzen und mich als Ansprechpartnerin und Freundin mit.

Ein Schwerpunkt meiner Arbeit beinhaltet die psychoanalytische Sichtweise, da ich mich mit SVV als psychiatrische Störung in Verbindung mit einer BorderlinePersönlichkeitsstörung auseinandersetze.

Es geht hier nicht um Jugendliche, die sich irgendwann einmal die Arme geritzt haben, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Auch geht es nicht um das Symptom der Selbstverletzung durch Nachahmung, wie es beispielsweise in Psychiatrien oder in Bereichen der Jugendhilfe vorkommt, wo Jugendliche das Ritzen von anderen imitieren. Auch beschreibe ich nicht explizit vielfältige andere selbstschädigende Verhaltensweisen, wie Rauchen, Essstörungen, Drogen- oder Alkoholmissbrauch und Medikamentenabusus, es sei denn es ist mit SVV verbunden. Vielmehr beschreibe ich eine Störung die einen langen Leidens- als auch Heilungsweg nach sich zieht.

Auf meinem Weg der Recherche zu einem so vielschichtigen Symptom wie dem SVV stieß ich in Bibliotheken und im Internet auf eine Reihe von Fachliteratur, Aufsätzen und Artikeln, größtenteils von männlichen Experten verfasst. Es wird ein Symptom beschrieben, analysiert und therapiert, von dem etwa 80 Prozent der Betroffenen weiblich sind.[4] Die betroffenen Mädchen und Frauen, die in unserem patriarchalen System leben, waren oft schon von klein auf Gewalt, Missbrauch oder Grenzüberschreitung ausgesetzt oder sind es noch immer, was für viele ExpertInnen den prozentual größeren Unterschied in der Epidemiologie des SVV im Gegensatz zu männlichen Betroffenen ausmacht. Aufgrund dieser hohen Prozentzahl an weiblichen Betroffenen entschloss ich mich in meiner Arbeit nur auf Mädchen und jungen Frauen einzugehen. Dabei beziehe ich mich auf die Altersspanne von 15- 38 Jahren, da gerade diese die zurückgesendeten Fragebögen meiner Studie beinhaltete (siehe unten).

Ein Hauptpunkt meiner Arbeit beinhaltet einerseits die Hilfsmöglichkeiten durch die Psychotherapie, andererseits aber auch die Selbsthilfe. Um mit betroffenen Mädchen und Frauen in Kontakt zu kommen, nutzte ich das Internet und beschloss auf diesem Weg den Mädchen einen Fragebogen zukommen zu lassen, den Borderline- Syndrom-Index. In meiner Arbeit stelle ich die Frage, wie viel Prozent der Selbstverletzerinnen zusätzlich an einer Borderline-Störung leiden, die nicht immer Bestandteil des SVV sein muss. Darüber hinaus versuche ich einen Überblick über die Nutzung des neuen Kommunikationsmediums Internet für die Selbsthilfe bei SVV zu geben.

Insbesondere ist meine Arbeit zur tiefer gehenden Auseinandersetzung dieser Symptomatik für alle Personen, die in Helferberufen tätig sind und mit Betroffenen in Kontakt kommen, gedacht.

Überdies ist mein Anliegen diese Störung genau zu betrachten, Ursachen, Funktionen und Hilfsmöglichkeiten zu ergründen, um auf diesem Weg (mehr) Verständnis für die Betroffenen zu erwecken, deren Verhalten auf nicht Betroffene beängstigend und verunsichernd wirken und HelferInnen hilflos machen kann.

II DEFINITION UND DIAGNOSTIK DES SELBSTVERLETZENDEN VERHALTENS

1 Zur Begriffserklärung „selbstverletzendes Verhalten“

Der Begriff „selbstverletzendes Verhalten“ (SVV)[5] wird in der psychiatrischen oder psychologischen Fachliteratur für eine Reihe unterschiedlicher Symptome bzw. Syndrome verwendet.

Ich werde mich im Rahmen meiner Arbeit auf die in Kapitel II. 2, II. 2.1, II. 2.3, II. 3 vorgestellten Definitionen begrenzen und den Begriff SVV für einen Symptomkomplex des so genannten „offenen selbstverletzenden Verhaltens“ gebrauchen, von dem die betroffenen Mädchen und Frauen selbst von ritzen, schneiden, schnippeln oder brennen sprechen.[6]

In der psychiatrischen Literatur werden für SVV Begriffe wie Automutilatio, Selbstverstümmelung, Selbstschädigung und Autoaggression verwendet,[7] während die englische Fachliteratur von deliberate self harm syndrome, self injury, self mutilation oder delicate self cutting spricht.[8]

Alle diese Begriffe beschreiben die Symptomatik des SVV, können jedoch eine Reihe verschiedenartigster selbstschädigender Verhaltensweisen bzw. Störungen implizieren, auf die ich auszugsweise in Kapitel II. 2.2 näher eingehen werde.

2 Definition des selbstverletzenden Verhaltens nach Sachsse

Der Psychiater und Psychotherapeut Ulrich Sachsse erforscht als Oberarzt der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Göttingen seit gut 15 Jahren die Symptomatik des SVV und gilt auf diesem Gebiet in Deutschland als führend, weshalb ich auf seine Darstellung genauer eingehen möchte.

Sachsses Ausführungen beruhen auf Erfahrungen in der Anamnese, Diagnostik, Forschung und Therapie mit insgesamt 50 Patientinnen des SVV.[9] Er sieht die Leitsymptomatik des SVV in der offenen Selbstbeschädigung der Haut mit Gegenständen wie Messern, Zigarettenglut, Scherben, Rasierklingen oder Flammen eines Feuerzeugs, die sich die Mädchen und Frauen selbst zufügen. Oft kommen Manipulationen an den bereits vernarbten Wunden hinzu, was zu schweren Folgeschäden, wie schmerzhaften Entzündungen oder entstellenden Narben führen kann. Chirurgische Eingriffe zur Unterbindung massiver Blutungen bei tiefen und schweren Selbstverletzungen der Haut bleiben oftmals nicht aus.

Verletzte Hautareale werden, einer Studie aus Großbritannien zu folge, bei denen 240 Frauen untersucht wurden, zu 74 Prozent an den Armen, besonders Unterarmen, zu 44 Prozent an den Beinen, zu 25 Prozent am Bauch, zu 23 Prozent am Kopf, zu 18 Prozent am Brustbereich und zu 8 Prozent an den Genitalien lokalisiert.[10] Sachsse spricht in seinen Ausführungen hauptsächlich über Verletzungen an Armen und Beinen.

Da nach Sachsse das Symptom des SVV niemals isoliert als bloße Hautschädigung zu sehen ist, sondern auch immer mit anderen Störungen und selbstschädigenden Verhaltensweisen verbunden ist,[11] werde ich zunächst den Begriff des offenen SVV in Abgrenzung zur heimlichen Selbstverletzung erklären. Da letztere sich in ihrer Erscheinung grundlegend vom offenen SVV unterscheidet. Später soll dann der Bezug zum gesamten Symptomkomplex des SVV aufgezeigt werden (vgl. II. 2.3).

2.1 Der Begriff des offenen selbstverletzenden Verhaltens

Der Begriff des offenen SVV bezieht sich auf die Patientinnen, die sich aktiv bewusst oder unbewusst ihre Verletzungen zufügen und sich nach einer gewissen Zeit auch anderen Personen bezüglich ihrer Störung anvertrauen können.[12] Es geht also nicht vordergründig darum, dass die Selbstbeschädigung der Haut offene Wunden bzw. Narben hinterlässt, sondern dass die Betroffenen diese Störung im Gegensatz zur heimlichen Selbstschädigung nicht verleugnen.

Die Symptomatik des offenen SVV wird ferner in der psychiatrischen Fachliteratur als offene Selbstbeschädigung, Para-Artefakte oder Selbstverstümmelung bezeichnet. In der anglo- amerikanischen Fachliteratur wird von self mutilation, self injurious behavior, delicate self cutting, delicate self harm syndrom, oder syndrome of the wrist cutter gesprochen.[13]

In meiner Arbeit beschäftige ich mich zwar ausschließlich mit dem offenen SVV, möchte aber die heimliche Selbstverletzung kurz darstellen, um die Abgrenzung zur offenen Selbstverletzung zu verdeutlichen.

2.2 Der Begriff des heimlichen selbstverletzenden Verhaltens

Heimliche Selbstbeschädigung bzw. „selbstgemachte Krankheit“[14] liegt dann vor, wenn „(...) Menschen körperliche und/oder seelische Krankheitssymptome künstlich erzeugen oder vortäuschen.“[15] Diese Verhaltensweisen sind für die Betroffenen nicht kontrollierbar und nicht nachvollziehbar.

Sie thematisieren ihre selbstschädigenden Handlungen nicht offen und werden in Krankenhäuser eingewiesen, ohne dass die Ärzte oder das Personal die zugrunde liegende schwere psychische Erkrankung der heimlichen Selbstverletzung diagnostizieren.

Die Patientinnen „(...) glauben offenbar selbst, dass sie an einer komplizierten Erkrankung leiden. Nur so ist es erklärbar, (...) dass es erst nach mehrmonatigem bis mehrjährigem Krankheitsverlauf zur richtigen Diagnosestellung kommt.“[16] Als Untergruppe des heimlichen SVV wird außerdem das Münchhausen-Syndrom beschrieben, das ebenfalls mit Krankheitsvortäuschungen und dem so genannten „Krankenhauswandern“ einhergeht. Hiervon sind hauptsächlich Männer betroffen, die sich von einem Krankenhaus in ein anderes einweisen lassen und sich selbst wieder entlassen. Ihnen ist nicht bewusst, unter einer schweren seelischen Störung zu leiden, was den Zugang der Betroffenen aufgrund ihres nicht vorhandenen, da verleugneten Leidensdrucks zu einer psychotherapeutischen Behandlung erschwert. Das so genannte erweiterte Münchhausen-Syndrom „(...) bei dem Mütter an ihren Kindern Krankheitssymptome vortäuschen (…)“[17] und erzeugen, gehört ebenfalls zu den heimlichen Selbstverletzungen, bei denen die Mütter die eigentlichen Patientinnen darstellen.

Im Rahmen dieser Arbeit ist eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Symptom der heimlichen Selbstverletzung nicht möglich, da hier andere ätiologische Faktoren und somit andere therapeutische Maßnahmen notwendig sind als beim offenen SVV. Zudem würde eine genauere Beschreibung der abzugrenzenden Symptome, wie beispielsweise dem Münchhausen-Syndrom eher Verwirrung als Verständlichkeit bieten, da auch in Fachkreisen hinsichtlich des Begriffs „SVV“ und seiner Definition auf verschiedene Störungen unterschiedlicher Symptomatik verwiesen wird. Eine Tabelle zur Unterscheidung und Abgrenzung der verschiedenen Selbstverletzungen findet sich im Anhang (Anhang 1, S. A-2).

2.3 Zum Symptomkomplex des offenen selbstverletzenden Verhaltens

Sachsse diagnostizierte bei den Patientinnen mit Selbstverletzungen der Haut zusätzlich vor allem Mehrfachabhängigkeiten wie Essstörungen und Alkoholmissbrauch und/oder Medikamentenabusus. „Beispielsweise leidet ein Drittel der Selbstverletzerinnen unter Bulimie. In stationären Einrichtungen der Drogenhilfe ritzen oder schneiden sich rund 65 Prozent der Klientinnen.“[18] Jeder einzelnen Sucht, vor allem den Essstörungen liegt insbesondere eine Störung des Körpererlebens bzw. Körperbildes zugrunde, an dem die Patientinnen zusätzlich leiden.[19] Im Zusammenhang mit der Störung des Körperbildes finden sich bei manchen Patientinnen körperbezogene Phobien, wie Dysmorphophobie (wahnhafte Angst vor körperlicher Missbildung[20]) oder Erythrophobie (Angst vor Blut[21]).[22] Es zeigte sich insgesamt, „(…) dass die Häufigkeit des SVV mit der Ausprägung der Störung des Körperbildes korrespondiert.“[23].

Neben diesen körperbezogenen Ängsten sind vor allem Ängste vor dem „mit sich selbst“ Alleinsein für die Betroffenen charakteristisch. Außerdem betont Sachsse, dass fast alle Patientinnen suizidale Handlungen hinter sich haben. Demgegenüber liegt aber dem eigentlichen hier beschriebenen SVV keine suizidale Intention zugrunde.

Auf die Funktionen bzw. Intentionen der Betroffenen in Bezug auf ihre selbstschädigenden Verhaltensweisen werde ich in Kapitel IV noch näher eingehen. Grundsätzlich kann SVV bei der diagnostischen psychiatrischen Zuordnung Begleitsymptom einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer narzistischen Persönlichkeitsstörung oder auch Borderline - Persönlichkeitsstörung sein.[24] Den Zusammenhang einer Borderline - Persönlichkeitsstörung mit SVV werde ich in Kapitel II. 5 ebenso genauer betrachten.

SVV kann darüber hinaus bei Symptomen wie endogener oder agitierter Depression, Epilepsie, Schizophrenie, Oligophrenie und psychoorganischen Syndromen bei Hirnschädigungen auftreten. Dies sind alles Symptome bzw. Syndrome, die bei der Diagnose des offenen SVV auszuschließen sind.[25]

Bezeichnend für die Symptomatik und diagnostische Zuordnung des SVV ist die Komplexität von Symptomen. So fragt sich Sachsse: „Welches Symptom kommt bei dieser Patientengruppe eigentlich nicht vor?“[26]

3 Definition des selbstverletzenden Verhaltens nach Levenkron

Bevor ich die diagnostischen Kriterien für SVV nach Levenkron anführe, der bemängelte, dass der Symptomkomplex des SVV nicht im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV Manual) gesondert erwähnt wird, möchte ich kurz auf die diagnostische Zuordnung des SVV innerhalb der psychiatrischen Klassifikation eingehen.[27]

In der Fachliteratur der Kinder- und Jugendpsychiatrie wird die Symptomatik des selbstverletzenden Verhaltens unterschiedlich, aber nie als isoliertes Störungsbild definiert.

„Die gebräuchlichen Klassifikationsschemata subsumieren das SVV unter die Kategorie stereotyper Bewegungsstörungen mit selbstverletzendem Verhalten (307.3; DSM-IV).

Diese Formen der Selbstbeschädigung treten meist in Verbindung mit einer Intelligenzminderung oder auch [geistiger Behinderung] auf.“[28]

Beim offenen SVV verfügen die untersuchten bzw. therapierten Mädchen und Frauen über eine gesunde Intelligenz und keinerlei geistige Behinderung. SVV findet sich dagegen wie bereits angeführt, gehäuft und vor allem in Krisenzeiten bei Patientinnen vom so genannten Borderline Typus und wird als diagnostisches Kriterium innerhalb des Klassifikationssystems ‚Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision’ (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) (ICD-10) separat erwähnt (F.60.31) (vgl. II. 2.3), (vgl. Anhang, S. A- 2). Deshalb werde ich mich in Kapitel II. 5 eingehender mit dieser Persönlichkeitsstörung beschäftigen.

In Ermangelung einer Darstellung des SVV im DSM-IV erarbeitete Levenkron Kriterien zur differenzierten Diagnostik selbstverletzenden Verhaltens, an denen ich zusätzlich zur Definition Sachsses meine Arbeit orientiere.

SVV beinhaltet nach Levenkron ein

- „wiederholtes Verletzen der eigenen Haut durch Schneiden oder Verbrennen,
- ein Gefühl der Anspannung unmittelbar vor dem entsprechenden Handeln,
- der körperliche Schmerz geht einher mit Gefühlen von Entspannung, Befriedigung und einer angenehmen Betäubtheit, das Gefühl von Scham und Angst vor sozialer Ächtung bewirkt, dass die Betroffenen versuchen Narben, Blut oder andere Anzeichen für das selbst zerstörerische Verhalten zu verbergen.“[29]

Die in diesem Kapitel vorgestellten Symptome, für die der Begriff SVV gilt, können keine Vollständigkeit beanspruchen, da darüber hinaus in der Fachliteratur viele andere Störungen mit dem exakten Terminus „selbstverletzendes Verhalten“ beschrieben wurden.

4 Die in der vorliegenden Arbeit verwendete Definition des selbstverletzenden Verhalten

Angelehnt an die Definitionen von Sachsse und Levenkron beschreibe ich in der vorliegenden Arbeit offenes selbstverletzendes Verhalten als Symptom wie folgt:

Bei selbstverletzendem Verhalten fügen sich die Betroffenen mit Gegenständen wie Rasierklingen, Scherben, Messern, Zigarettenglut oder Flammen eines Feuerzeugs selber schwere und tiefe Verletzungen der Haut zu. Während des Akts der Selbstverletzung befinden sich die vorwiegend traumatisierten Betroffenen in einem dissoziativen Zustand.

5 Die Borderline - Persönlichkeitsstörung in Bezug auf das selbstverletzende Verhalten

Wie in Kapitel II.3 zuvor genannt, findet sich SVV bei der diagnostischen Zuordnung im DSM-IV Manual, einzig bei der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline- Typus.[30]

Sachsse erwähnt allerdings, dass die Selbstverletzerinnen nicht dauerhaft sondern phasenweise, vor allem in Krisenzeiten an einer Borderlinestörung leiden. Im Wechsel mit der Borderlinestörung zeigen sich darüber hinaus andere Persönlichkeitsstörungen, wie eine narzistische Persönlichkeitsstörung.[31] Auffallend war für mich dennoch bei der Recherche im Internet zum Thema SVV die Tatsache, dass viele Betroffene die Diagnose Borderline Syndrom von ihren PsychiaterInnen oder TherapeutInnen erhalten hatten.

Eine umfassende Darstellung des Syndroms würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen, weshalb zunächst die Kriterien dieser Persönlichkeitsstörung, auf Grundlage der 10. Auflage der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10,1991) erwähnt werden.

„Im ICD-10 zeichnet sich die (...) emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline- Typus (...) vor allem durch Identitätsunsicherheit, Suiziddrohungen und selbstschädigendes Verhalten aus.“[32]

Weiterhin „(...) sind oft das eigene Selbstbild, Ziele und ‚innere Präferenzen’ (einschließlich der sexuellen) unklar und gestört.“[33]

In der Interaktion mit anderen neigen Borderline-Patientinnen einerseits dazu, Beziehungen zu idealisieren und sich dadurch in ein Abhängigkeitsverhältnis zu begeben, andererseits können sie aber ihre starken Ängste vor Nähe nicht bewältigen und reagieren mit oberflächlichen, unbeständigen Kontakten.[34]

Insbesondere wird innerhalb der zwischenmenschlichen Beziehungen auf die außerordentliche Verletzbarkeit der Patientinnen auf Kritik durch andere hingewiesen. Die Patientinnen reagieren auf Kritik, ebenso wie Betroffene der narzistischen Persönlichkeitsstörung mit einer emotionalen Krise, die sie mit impulsivem Verhalten oder Selbstbeschädigung zu bewältigen versuchen. [35] Hier ist die bereits erwähnte Wandelbarkeit von einer zur nächsten Persönlichkeitsstörung, wie Sachsse es diagnostizierte, zu sehen.[36]. Um genauer herauszufinden, in wie weit Selbstverletzerinnen, die sich im Internet austauschen an einer Borderlinestörung leiden, wie sie ihre eigene derzeitige Befindlichkeit einschätzen und wie die Resonanz diesen Fragebogen zu beantworten, ausfällt, stellte ich den „Borderline- Syndrom- Index“ (BSI) Selbstbeurteilungsfragebogen in das Internetforum. Mein diesbezügliches Vorgehen werde ich im nächsten Kapitel erläutern.

6 Der Borderline- Syndrom- Index (BSI) - Fragebogen und die Befragung mit Hilfe des Internets

Zunächst möchte ich einen Überblick über die Nutzungsmöglichkeiten des Internets in Bezug auf das SVV geben, die ich dann in Kapitel II.6.4 diskutiere.

6.1 Die Internetseiten zum selbstverletzenden Verhalten

Gibt man in den verschiedenen Suchmaschinen[37] des Internets den Begriff „selbstverletzendes Verhalten“ ein, erhält man eine Vielzahl von links[38] zum Thema. Aufgrund der hervorragenden Informationen, (wie z.B. über Therapie, Literatur oder Adressen zum SVV) und den Austausch der Betroffenen, als auch deren Angehörige über die Selbstschädigung müssen folgende Internetseiten hervorgehoben werden: http://www.versteckte-scham.de

http://www.rotetraenen.de

http://members.tripod.de/UnderPressure/

Darüber hinaus gibt es einen so genannten Webring, wo sich die einzelnen Internetseiten vernetzen.

Auf all diesen Seiten befinden sich so genannte Foren und/ oder Chatrooms[39]. In den Foren können sich die Betroffenen über jegliche Themen austauschen, auch Hilfe oder Ermutigung holen und Probleme „besprechen“. Ein Forum lässt sich als „schwarzes Brett“ beschreiben, da alle Nachrichten (Postings), die jemals verfasst wurden eine unbestimmte Zeit lang einsichtig und beantwortbar sind. Eine genauere Erklärung eines Forums in Form einer Graphik findet sich in Kapitel V.2.2.1.

Ein solches Forum nutzte ich, um mit den sich selbstverletzenden Mädchen und jungen Frauen in Kontakt zu kommen.

Im Gegensatz zu den Foren können die Betroffenen in den Chatrooms oft nach Anmeldung bei den Hauptverantwortlichen der Webseite direkt mit anderen per Tastatur diskutieren bzw. miteinander „sprechen“.

Im nächsten Kapitel stelle ich das Forum der Internetseite http://www.versteckte- scham.de und meine Vorgehensweise, den Fragebogen zur Verfügung zu stellen, vor.

6.2 Zur Vorgehensweise der Befragung im Internetforum http://www.versteckte-scham.de

Zu Beginn versuchte ich in einem Chatroom „direkt“ SVV-lerInnen anzusprechen. Als ich mich aber als Nichtbetroffene zu erkennen gab, schrieben die Internetnutzerinnen keine Antwort zurück und machten mich darauf aufmerksam, dass sie unter sich bleiben wollten. Aus dieser Schwierigkeit heraus Kontakt aufzunehmen, entschied ich mich das Forum zu nutzen. Auf diesem Weg konnten die Betroffenen freiwillig auf meine Anfrage antworten und so mit mir in Kontakt treten.

Um den Mädchen und jungen Frauen, die an SVV leiden, den Borderline- Syndrom- Index- Fragbogen zur Verfügung zu stellen, beschrieb ich im Forum der Internetseite http://www.versteckte-scham.de mein Anliegen, das so genannte „Posting“. Die Abbildung des Postings (vgl. Abb.1) zeigt meine Anfrage mit dazugehörigen ausgewählten Antworten (RE). Durch das Klicken mit der Maus auf eine Zeile der Antwort erhält man die dazugehörige Frage bzw. Antwort.

Das Forum ist so eingerichtet, dass der Benutzer durch Eingabe in die Suchfunktion des Forums Antworten oder Fragestellungen zu zurückliegenden Themen erhalten kann. Gibt der User seine E-Mail[40] Adresse an, gelingt es Interessierten mit dem Frage- oder Antwortsteller in Kontakt zu treten. Die Anonymität bleibt jedoch immer gewährleistet, wenn der Benutzer keine E-Mail Adresse angibt. Um von den Betroffenen ihre Antwort zu erhalten und somit zu gewährleisten ihnen den Fragebogen zuschicken zu können, musste ich notwendigerweise meine E-Mail Adresse angeben. Zu meiner eigenen Abgrenzung und da ich im Vorfeld nicht einschätzen konnte, wie die SVV-lerInnen auf meine Anfrage reagieren, benutzte ich eine Adresse, aus der mein Name nicht ersichtlich ist. Das heißt ich gab nicht claudiaguolo@web.de, sondern joinme@freakmail.de, die ich zuvor gesondert als Adresse eingerichtet hatte, an. Die Schwierigkeit, dass die Betroffenen aufgrund meiner ‚Phantasie- Adresse’ meine Anfrage nicht ernst nehmen könnten, bestätigte sich nicht, dementsprechend benutzten die meisten Betroffenen ebenfalls ‚PhantasieAdressen’.

Mein Posting richtet sich ausschließlich an weibliche Betroffene des SVV. Aufgrund der Anonymität des Internets kann ich jedoch nicht ausschließen, dass auch männliche Betroffene diesen Fragebogen angefordert haben und ihn mir mit ihrem Pseudonym, aus dem meist nicht ersichtlich ist, welchen Geschlechts die Betroffenen zugehörig sind, zurück geschickt haben.

In meinen Ausführungen gehe ich aber davon aus, dass die „Interviewten“ alle weiblichen Geschlechts sind, gerade auch deshalb, weil einige Betroffene den Fragebogen kommentiert hatten und sich so dem weiblichen Geschlecht zugehörig zu erkennen gaben (vgl. Anhang S. A-3 bis A-35).

Ich entschied mich für diesen so genannten Selbstbeurteilungs- Fragebogen, [41] da diagnostische halbstandardisierte Interviews für Borderline-Patientinnen (DIB)[42] im Internet wegen des fehlenden persönlichen Kontakts zu den Betroffenen nicht möglich sind.

Das Layout des Fragebogens konzipierte ich so, dass die „Interviewten“ Ja oder Nein ankreuzen mussten, indem sie in die vorgegeben Spalten ein „x“ einfügen konnten. Im Anhang finden sich 16 Fragebögen die mir die Mädchen und Frauen zurückgeschickt hatten und die ich für meine Auswertung hinzuzog. Manche Betroffene schickten nicht meinen originalen Fragebogen zurück, sondern jeweils nur die Antworten mit der entsprechenden Zahl der Frage (vgl. Anhang, S. A3-A35). Dies erschwerte die Auswertung in der Form, dass sich die Übertragung der Antworten in eine Excel-Tabelle unübersichtlich gestaltete. In Gesprächen mit Computerexperten erfuhr ich jedoch, dass diese Schwierigkeit dahingehend geändert werden kann, indem man auf einer eigens eingerichteten (oft kostenpflichtigen) Homepage den Fragebogen zur Verfügung stellen kann, wo jede Person anonym antwortet und die Auswertung automatisch über ein Computerprogramm der Homepage erfolgt. Natürlich sind hierfür spezialisierte Informatiker nötig, die über weitreichende Kenntnisse der Programmierung verfügen. Diesen Aspekt möchte ich jedoch nur für zukünftige Projekte, die sich mit Befragungen auseinandersetzen, angesprochen haben.

Zur Auswertung und Ansicht des Fragebogens sei noch hinzuzufügen: Der ausgewertete Fragebogen zeigt jeweils entweder eine „0“ für eine Nein- Antwort, oder eine „1“ für eine Ja- Antwort. Vertikal unter der jeweiligen Spalte einer Person, die durch das Alter kenntlich gemacht wurde, befindet sich die Summe der individuellen „Ja“ Antworten. Horizontal zeigt sich bei jeder beliebigen Frage der gesamte Prozentsatz, mit dem alle die Frage mit „ja“ beantwortet haben. Zum besseren Verständnis sei jeweils ein Beispiel angeführt. Bei Frage Nummer 1 „Ich habe niemals das Gefühl, als ob ich dazugehöre“ antworteten 88 Prozent der Befragten mit „ja“. Die erste Person mit 17 Jahren in der ersten Spalte hat insgesamt 16 Ja- Antworten (vgl. Abb.2).

Insgesamt fühlten sich zwanzig Mädchen und Frauen durch mein Posting angesprochen und berichteten von einem großen Interesse herauszufinden, ob sie an einer Borderlinestörung leiden oder nicht. Jedoch war ich mir meiner Verantwortung bewusst und stellte keinerlei Diagnose.

Ich machte die Betroffenen im E-Mail Kontakt aufmerksam, dass sie diesen und weitere Tests bei PsychologInnen machen könnten, und mein Interesse lediglich an den jeweiligen Antworten der Mädchen und Frauen liege.

Viele Betroffene reagierten mit großem Interesse auf meine Arbeit und erzählten mir in ihren E-Mails persönliche Erfahrungen mit dem selbstverletzenden Verhalten und der Selbsthilfe via Internet, die ich in Kapitel V.2.2.2 in anonymer Form wiedergeben werde.

Überwiegend schrieben mir Mädchen und Frauen im Alter von 15- 38 Jahren, die sich sehr aktiv am Internet Forum beteiligten, um sich mit anderen Selbstverletzerinnen auszutauschen.

Der Borderline- Syndrom-Index Fragebogen und die Auswertung wird im Folgenden dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung meiner Anfrage mit Antworten im Internetforum[43]

6.3 Der Borderline- Syndrom- Index - Fragebogen

Der Borderline- Syndrom- Index Fragebogen (BSI) von Conte et. al. zählt zu den Selbstbeurteilungsfragebögen bei denen die Patientinnen Ja oder Nein Antworten geben müssen.

Im klinischen Bereich ist er wegen seiner unzureichenden Gültigkeit und zu geringen klinischen Erprobung umstritten[44] und wird „(...) deshalb nicht als psychometrisches Verfahren eingesetzt (...).“[45]

Da er aber einen Eindruck gewährt, wie die Mädchen und Frauen sich zur Zeit der Befragung selber wahrnehmen und wo sie übereinstimmend Ja-Antworten gegeben haben, stellte ich diesen Fragebogen den Usern[46] des Internetforums „Versteckte Scham“ zur Verfügung.

Der Fragebogen besteht aus 52 Fragen, die eine eindeutige Ja oder Nein Antwort verlangen (vgl. Abb. 2).

Werden 25 oder mehr Fragen mit Ja beantwortet kann eine Borderline- Diagnose nahe liegen. Bei nur 13 oder weniger Ja- Antworten muss eine andere Diagnose in Betracht gezogen werden.[47]

Vier der insgesamt 20 beantworteten Fragebögen konnte ich nicht für die Auswertung hinzuziehen, da die Betroffenen doppeldeutig geantwortet hatten. So kreuzten sie manche Fragen mit Ja und Nein an, weil sie sich nicht für eine Antwort entscheiden konnten.

Diese Unentschlossenheit kann einerseits auf Unsicherheiten, Instabilität oder Entscheidungsunfähigkeit der Betroffenen beruhend, als diagnostisches Kriterium der Borderline- Störung gedeutet werden, andererseits ist es nachvollziehbar, dass es in einem Selbstbeurteilungsfragebogen schwierig erscheint, sämtliche Fragen eindeutig zu beantworten, wenn den „Interviewten“ eine sie so festlegende Antwort befremdlich ist.

Dies spiegelt sicherlich auch die klinische Unzulänglichkeit dieses Fragebogens wider, denn auch Personen ohne psychische Erkrankung kann es schwer fallen sich immer eindeutig festlegen.

Im Folgenden werde ich darstellen, ob gegebenenfalls nach oben genannten Kriterien eine Borderline- Störung vorliegen könnte.

Außerdem beschäftige ich mich mit den einzelnen Fragen und Antworten der Mädchen und Frauen, die am häufigsten mit Ja beantwortet wurden und was diese Fragen für das Selbstbild der Betroffenen im Bezug zum selbstverletzenden Verhalten bedeuten könnten.

Alter:17 Alter:38 Alter:18 Alter:29 Alter:17 Alter:27 Alter:19 Alter:22 Alter:18 Alter:25 Alter:32 Alter:32 Alter:17 Alter:15 Alter:25 Alter:27 % Ja-Antworten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Ausgewerteter Fragebogen[48][Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

6.3.1 Die Auswertung des Borderline- Syndrom- Index- Fragebogens

Da bei der Auswertung keine empirischen Forschungsdaten zugrunde liegen, werde auch ich keine wissenschaftlich korrekte Nutzbarmachung des Fragebogens bzw. der Antworten beanspruchen.

In Bezug zum SVV ist mir weder bekannt, wie lange die „Interviewten“ an diesem Symptom leiden, noch in welchem Ausmaß bzw. Schweregrad eine Störung vorliegt. Außerdem kann ich keinerlei Aussage darüber machen, in welchem Zustand sich die Betroffenen zum Zeitpunkt der Befragung befanden, ob die Fragen ernsthaft beantwortet wurden oder aus einer voreiligen Laune heraus, etwa in der Art eines Selbsterfahrungstests. Die Ernsthaftigkeit und Motivation einer Selbsterfahrung von Seiten der „Interviewten“ nehme ich dennoch an, da viele Mädchen und Frauen im E-Mail-Kontakt von mir eine Diagnose erhalten wollten, obwohl ich diese Option für die Betroffenen von Anfang an ausgeschlossen hatte (vgl. Abb.1).

Mein Anliegen ist es, aufzuzeigen, ob die Mädchen und Frauen akut an einer Borderline - Persönlichkeitsstörung leiden und wie sich ihre Befindlichkeit zum Zeitpunkt der jeweiligen Beantwortung des Fragebogens darstellt. Ferner beschäftige ich mich damit, inwieweit das Medium Internet als Kommunikationsmittel solchen Forschungsinteressen, aber auch den Interessen der Betroffenen Raum geben kann (vgl. hierzu auch V.2.2 ff).

6.3.2 Die Borderline - Persönlichkeitsstörung in Bezug auf den Borderline- Syndrom- Index- Fragebogen

Wie bereits erwähnt, kann bei 25 und mehr Ja-Antworten des Selbstbeurteilungsfragebogens eine Borderline-Diagnose in Betracht gezogen werden. Insgesamt konnten 16 Fragebögen von Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 38 Jahren für die Auswertung berücksichtigt werden.

Von diesen 16 „Patientinnen“ läge nach Conte et. al. bei 14 Mädchen oder Frauen eine Borderline Diagnose nahe.[49] Dementsprechend lag bei diesen die Spanne der gegebenen Ja-Antworten bei 26 bis 44 Ja- Antworten.

Diese Reichweite der Ja- Antworten zeigt sich unabhängig vom Alter des jeweiligen Mädchens oder der jeweiligen Frau.

Beispielsweise hatte die älteste Probandin mit 38 Jahren 33 Ja- Antworten, die jüngste mit 15 Jahren 41 Ja- Antworten. Bei beiden könnte also eine Borderline - Persönlichkeitsstörung vorliegen.

Dies untermauert auch die Aussage Sachsses, der wie bereits in Kapitel II. 5 erwähnt, behauptet, dass die Borderlinestörung in Bezug zum SVV diagnostiziert werden kann, aber die Patientinnen während der Behandlung „(...) nicht durchgängig (…) [eine Borderlinestruktur zeigen] (…).“[50]

Indessen stellt Sachsse auch dar, dass bei SVV die Borderlinestörung gehäuft in Krisenzeiten der Betroffenen zu diagnostizieren ist, wodurch sich mir die nicht zu beantwortende Frage stellt, inwiefern sich nun 14 der 16 Mädchen und Frauen, bei denen eine Borderlinediagnose vorliegen könnte, bei Beantwortung des Fragebogens in einer Krise steckten.

Um eine explizitere Beurteilung der gegebenen Antworten vornehmen zu können, werde ich im nächsten Kapitel einzelne Fragen und diesbezügliche Antworten genauer betrachten. Ich erlaube mir im Folgenden eigene Interpretationen, da hier keine empirischen Daten zur Evaluation vorhanden sind.

6.3.3 Betrachtung der prozentual bedeutsamsten Fragen für die Mädchen und Frauen innerhalb des BSI

Wie aus dem abgebildeten Fragebogen ersichtlich (vgl. Abb. 2) wurden von insgesamt 52 Fragen fünf Fragen von 94 Prozent der Mädchen und Frauen mit Ja beantwortet. Das bedeutet, dass von diesen fünf Fragen nur eine von den 16 interviewten Mädchen und Frauen mit Nein antwortete.

Diese Fragen bzw. Vorgaben waren im Folgenden:

- Frage Nr.7: Ich habe das Gefühl, als könnte ich mit dem Leben nicht fertig werden.
- Frage Nr.9: Ich fühle mich innerlich leer.
- Frage Nr.18: Ich habe Angst vor der Zukunft.
- Frage Nr.32: Ich habe keine Achtung vor mir selbst.
- Frage Nr.47: Es fällt mir schwer, Freundschaften festzuhalten.

Diese fünf Äußerungen zeigen, dass die innere Befindlichkeit der Betroffenen von großer Angst, wenig Selbstvertrauen, Achtungslosigkeit sich selbst gegenüber, aber auch Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit geprägt ist.

In Bezug zum SVV stelle ich die Behauptung auf, dass diese Mädchen und Frauen wenig bis keinerlei Vertrauen auf Heilung mitbringen und geringe Fähigkeiten besitzen, sich anderen anzuvertrauen. Dies zeigt sich darin, dass die Betroffenen es schwierig finden zwischenmenschliche Beziehungen aufrecht zu erhalten. Das Gefühl der Leere, das 94 Prozent der Befragten bejahten, ist darüber hinaus ein Zustand, der durch die Selbstverletzung gelindert werden soll[51] (vgl. IV). Hierzu eine Betroffene: „Wenn man sich seelisch tot, leer fühlt, dann hat Blut etwas unglaubliches Belebendes.“[52]

Darüber hinaus wurden nur eine von 52 Äußerungen von nur 6 Prozent der Mädchen und Frauen mit Ja beantwortet. Das heißt 15 der Betroffenen beantworteten die Äußerung (Frage Nr.49:) „ Ich habe oft Sex mit Leuten, die mir gleichgültig sind.“ mit Nein und nur ein 15 jähriges Mädchen mit Ja.

Das zeigt in diesem Fall die geringe Bedeutung abweichender Sexualität in Bezug zum SVV. So wird bei der Diagnostik einer Borderlinestörung darauf hingewiesen, dass die Impulsivität der Betroffenen in verschiedenen Bereichen gestört sein kann, sei es Geldausgeben, Sexualität, Suizidalität, Substanzmissbrauch oder Fressanfälle.[53]

So möchte ich abschließend noch hinzufügen, dass die Beantwortung der Äußerung „Ich möchte mich selbst verletzen.“ bei der Auswertung auffällt. Hier haben nicht wie angenommen 100 Prozent mit Ja geantwortet, sondern, „nur“ 88 Prozent. Das heißt zwei von 16 Betroffenen beantworteten die Frage mit Nein. Hier liegt die Vermutung nahe, dass diese Frage unterschiedlich interpretiert wurde. Einerseits möchten sich die Mädchen und Frauen nicht selbst verletzen, verspüren aber einen inneren Druck sich selbst zu schädigen, dem sie nachgeben. Weshalb sie die Äußerung mit Ja beantworten. Nimmt man die Äußerung aber wörtlich, haben die zwei Betroffenen mit der Nein- Antwort, nicht den Wunsch sich zu verletzen. Es ist bei beiden, also nicht ersichtlich, ob sie sich selbst verletzen oder nicht.

6.4 Betrachtung und Diskussion des Mediums Internet als

Kommunikationsmittel in Zusammenhang mit selbstverletzendem Verhalten Zunächst stelle ich allgemeine Aussagen das Medium Internet betreffend voran, um nachfolgend den Bezug zu den SVVlerinnen herzustellen.

Begreift man Kommunikation als interaktiven Prozess, der zwischen Sender und Empfänger verläuft, so bietet das Medium „Internet“ vielfältige Möglichkeiten in Form von Chats, E-Mail Austausch, Mailinglisten oder Newsgroups etc. neue Beziehungen einzugehen, die neben den realen sozialen Beziehungen, sog. „face-to- face- Kontakten“ bestehen können.[54] Es kann also auf ein mehr oder weniger großes Spektrum von anonymen Kontaktformen zurückgegriffen werden.

Das Medium Internet führt nicht zwangsläufig, wie oft vermutet zu Vereinsamung oder Isolation. Vielmehr ist es wichtig, das Internet- Engagement des Einzelnen zu betrachten und zu sehen, wie es sich in den Beziehungsalltag integriert.[55] Gerade für Mädchen und Frauen, die unter SVV und einer Borderlinestörung, die Kontaktschwierigkeiten beinhaltet, leiden, besteht hier die Möglichkeit, Kontakt zu anderen Betroffenen aufzunehmen und neben vermutlich sehr wenigen realen sozialen Begegnungen, zumindest online- Kontakte zu pflegen, ohne in Konflikt zu geraten, ob das für die Betroffenen erträgliche Maß an Nähe, aber auch Abgrenzung „eingehalten“ wurde.

Bei den von mir befragten Selbstverletzerinnen liegt allerdings die Vermutung nahe, dass sie aufgrund von angenommenen Beziehungsproblemen in der Realität in den Foren oder Chats einfacher Kontakt finden können als in realen sozialen Beziehungen (vgl. Abb. 2, Frage Nr. 47).

Hier ist vor allem der Nutzen des Internets für die Betroffenen zu sehen. In ihrem jeweiligen Beziehungsalltag wird es mühsam zu gestalten sein, ebenfalls Betroffene des SVV kennen zu lernen. „Nicht nur trifft man in öffentlichen medialen Foren Menschen, denen man im sozialen Umfeld nicht begegnet wäre, man hat durch den medialen Erstkontakt auch die Möglichkeit sich in anderer Weise darzustellen (…)“[56] und sich unter dem Symptom SVV zu kontaktieren.

Diese Möglichkeit sich anders darzustellen birgt für die Betroffenen die Gefahr, sich in ihrer Identität als subjektiv wichtiges Selbstkonzept[57] noch weniger sicher zu sein, da durch das Internet die Wahrnehmung und Reaktion auf ihre Person durch die Umwelt fehlt.

In den Foren und Chats zum SVV wird eine Gruppenzugehörigkeit erkennbar, die sich nicht über das einzelne Individuum, sondern durch die gemeinsame Symptomatik des SVV definiert. Durch die Kommunikation mit Hilfe des Internets „(...) erweitern sich die Möglichkeiten, soziale Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Unterstützung und Selbstwerterhöhung zu befriedigen.“ [58] Es scheint vor allen Dingen für Betroffene des SVV eine Möglichkeit zu sein, in den Foren und Chats Verständnis und Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Krankheit zu erhalten. Sie sind hier anonym und haben die Möglichkeit über ihr Verhalten zu sprechen und werden nicht aufgrund ihres für die Umwelt beängstigenden Äußeren durch entstellende Narben an Armen oder Beinen und dem nicht nachvollziehbaren Verhalten gemieden.

Abschließend kann gesagt werden, dass das Internet als Kommunikationsmittel im Zusammenhang mit SVV geeignet erscheint mit Betroffenen in Kontakt zu kommen oder, wie in meinem Fall Mädchen und Frauen für den Fragebogen zu erreichen. Der Ausgangspunkt darf dabei allerdings nicht reines empirisches Forschungsinteresse sein, da Genauigkeiten in Bezug auf die Validität des Fragebogens im Internet wegen der Anonymität nicht gewährleistet sein können.

Für die Betroffenen bedeutet jedoch diese Form der Kontaktaufnahme nicht nur sich auszutauschen, sondern gegebenenfalls auch reale soziale Kontakte aufzubauen. Diese können gelingen, wenn Personen sich zunächst schriftlich austauschen und so etwas voneinander erfahren, vergleichbar mit Brieffreundschaften, um sich dann wirklich zu treffen, wenn die örtliche Nähe vorhanden ist. Eine Gefahr besteht in solchen online Kontakten allerdings, wenn die Betroffenen sich ausschließlich über ihr Symptom definieren und so noch mehr der Bezug zur Realität, aber auch zu ihren inneren Stärken und Ressourcen abhanden kommt.

Den Aspekt der Selbsthilfe durch das Internet und die persönlichen Erfahrungen der Betroffenen werde ich im Kapitel V.2.2 ff. genauer erörtern.

III URSACHEN DES SELBSTVERLETZENDEN VERHALTENS

1 Erklärungsansätze für das selbstverletzende Verhalten

Für die Entstehung des SVV gibt es in der Literatur keine übereinstimmende Herleitung, weshalb der Versuch eines Erklärungsansatzes keine Allgemeingültigkeit beanspruchen kann.

Hinsichtlich der Entstehung selbstschädigender Verhaltensweisen beschränke ich mich in dieser Arbeit ausschließlich auf psychodynamisch- psychoanalytische Erklärungsmodelle. Als HauptvertreterInnen dieser Sichtweise sind Sachsse und Eckhardt anzuführen. Beide behandeln, wie ich in Kapitel V.1 ff. darstellen werde, SVV-Patientinnen psychoanalytisch. Die im Folgenden vorzustellenden Begrifflichkeiten und Inhalte bilden die Basis der Theorie und Praxis psychoanalytischer Sichtweise, sowie Therapie[59] in Bezug auf das SVV.

2 Die psychoanalytische- psychodynamische Sichtweise in

Zusammenhang mit der Persönlichkeitsstruktur und den Kindheitserfahrungen sich selbstverletzender Patientinnen Zentraler Ausgangspunkt des psychoanalytischen Forschungsinteresses ist unter anderem die Akzentuierung auf frühe Kindheitserlebnisse und die sexuelle Entwicklung in der Kindheit.[60]

Dabei wird bei der Ätiologie des SVV dem kindlichen Körper eine besondere Bedeutung zu teil.

Das psychoanalytische Erklärungsmodell bei Patientinnen mit SVV besagt, dass der Körper aufgrund von Missbrauchs- und/ oder Deprivationserfahrungen abgespalten wird. Das heißt, es kommt zu dissoziativen Prozessen, die wiederum die Symptombildung selbstverletzenden Verhaltens begründen.[61] (vgl. III. 3.1.2) In den Familien der Selbstverletzerinnen finden sich oft depressive und/ oder aggressive Mütter bzw. Väter, die den kindlichen Körper als so genanntes Übergangsobjekt[62] benutzen.[63] „Entscheidend für die Symptomatik des selbstverletzenden Verhaltens ist, dass der Körper von Anfang an nicht ins Selbst integriert werden kann, dem er eigentlich zuzurechnen ist.“[64] Das bedeutet, die Betroffenen haben keine Beziehung zu ihrem Körper. Er ist ihnen fremd. Genauso wie sie nicht die Fürsorglichkeit der Bezugspersonen erfahren haben, so gehen sie zum Zeitpunkt ihrer Erkrankung mit sich selbst um. Sie fügen sich Schmerzen zu, um sich selbst wieder spüren und auf diesem Weg für sich sorgen zu können (vgl. IV. 2).

Die Kinder, so Sachsse, waren für die oft „(...) psychisch kranken Mütter [oder Väter] Selbstobjekte, (...) die für (…) [deren] psychische Stabilität (…) gebraucht, (...) wenn nicht benutzt wurden.“[65]

[...]


[1] Bordlein 2000, http://www.welt.de/daten/2000/11/06/1106med200627.htx?search=Jugendliche&searchHILI=1 vom 05.06.2002.

[2] Vgl. Interview Sachsse- Schneider 1998, S.4.

[3] Grundsätzlich schreibe ich immer in der weiblichen Form; bei den SVVlerinnen beinhaltet dies nur die weibliche Form - bei SozialpädagogIn, TherapeutIn… aber auch die männliche. Die rein männliche Schreibweise „Therapeut“ beinhaltet auch nur den männlichen Therapeuten, wie z.B. den oft zitierten Sachsse.

[4] Vgl. Eckhardt 1994, S.42, vgl. verschiedene Studien zitiert nach Sachsse 1999,S.37 ff.

[5] In den folgenden Ausführungen verwende ich für den Begriff „selbstverletzendes Verhalten“ meist die in der Fachliteratur gebräuchliche Abkürzung „SVV“.

[6] Vgl. Bierther, 2000, S.11 ff; Interview Sachsse- Schneider 1998, S.16.

[7] Vgl. Tölle 1991, S.70, Eckhardt 1994, S.42 ff.

[8] Vgl. Eckhardt 1994, S.42 ff, Smith et. al.1999, S.7, Plassmann 1993, S.37.

[9] Vgl. Sachsse 1999,S.7

[10] Vgl. Smith et.al. 1999, S.9 ff.

[11] Vgl. Sachsse 1999, S.35/ 36.

[12] Vgl. Interview Sachsse- Schneider 1998, S.9.

[13] Vgl. Sachsse 1999, S.36, vgl. Eckhardt 1994, S.42.

[14] Interview Sachsse- Schneider 1998, S.9.

[15] Eckhardt 1994, S.45.

[16] Eckhardt 1994, S.46.

[17] Ebd. 1994, S.62 ff. ; vgl. ebd.1994, S.72 ff.

[18] Interview Sachsse- Schneider 1998, S.2.

[19] Vgl. Sachsse 1999, S.39.

[20] Anm. d. Verf.

[21] Anm. d. Verf.

[22] Vgl. Sachsse 1999, S.37.

[23] Ebd.1999, S.37.

[24] Vgl. ebd., S.36/ 37, S.54 ff.

[25] Sachsse 1989, S.96.

[26] Ebd., S.55.

[27] Vgl. Levenkron, S.24 ff.

[28] Remschmidt 2000, S.307.

[29] Levenkron 2001, S.24.

[30] Machleidt et.al. 1999, S.105.

[31] Vgl. Sachsse 1989, S.105, vgl. Sachsse 1999, S.55.

[32] Rohde- Dachser 1995, S.201.

[33] Ebd., S.201.

[34] Vgl.: http://www.borderline-community.de/borderline/3.htm.vom 18.07.02.

[35] Vgl. Rohde- Dachser 1995, S.201.

[36] Vgl. Sachsse 1999, S.55.

[37] Beispiele für Suchmaschinen: http.//www.yahoo.de, http://www.lycos.de.

[38] Link: Verknüpfung zu einer Internet- Seite.

[39] Chatroom: Räume zum Abhalten eines Chats (= synchroner online Dialog),vgl. Döring 1999, S.95.

[40] E-Mail: elektronische Post im Internet.

[41] Rohde- Dachser 1995, S.206.

[42] Vgl. ebd.1995, S.202.

[43]http://www.forumromanum.de/member/forum/forum.cgi?USER=user_65188&ACTION=view& ENTRY=1016630130&mainid=1016630130 vom 20.03.02.

[44] Vgl. Rohde- Dachser 1995, S.206 ff.

[45] Plassmann 1993, S.107.

[46] User: Benutzer des Internet.

[47] Vgl. Rohde- Dachser 1995, S.208.

[48] vgl. Rohde- Dachser 1995, S.207/8.

[49] Vgl. Rohde- Dachser 1995, S.208.

[50] Sachsse 1999, S.55.

[51] Vgl. Eckhardt 1994, S.101.

[52] Bierther 2000, S.11 ff.

[53] Vgl. Rohde- Dachser 1995, S.197.

[54] Vgl. Döring 1999, S.326 ff.

[55] Vgl. ebd.1999, S.332.

[56] Döring 1999, S.330.

[57] Vgl. ebd. 1999, S.258.

[58] Ebd. 1999, S.276.

[59] Vgl. Eckhardt 1994, S.170.

[60] Vgl. Grubitzsch, Weber 1998, S.438 ff.

[61] Vgl. Sachsse 1999, S.45; vgl. ebd., S.36.

[62] Vgl. Hirsch 1989, S.10.

[63] Vgl. Sachsse 1999, S.45.

[64] Ebd. 1989, S.98.

[65] Vgl. ebd. 1989, S.96.

Details

Seiten
149
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638150149
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7915
Institution / Hochschule
Hochschule München – Fachbereich Sozialwesen
Note
2
Schlagworte
Therapie Psychologie Sozialpädagogik SVV selbstverletzendes Verhalten Selbsverletzung Psychoanalyse Verhaltenstherapie Selbsthilfe Internet

Autor

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Titel: Selbstverletzendes Verhalten bei Mädchen und jungen Frauen - Möglichkeiten der Hilfe