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Georg Kerschensteiner und Eduard Spranger - Konfliktlinien in der Berufsbildung in Hinblick auf die höhere Allgemeinbildung

Seminararbeit 2006 18 Seiten

Didaktik - BWL, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung (Problemstellung)

2. Berufsbildung
2.1. Berufsbildung nach Georg Kerschensteiner
2.2. Berufsbildung nach Eduard Spranger

3. Bildungsverständnis der höheren Allgemeinbildung
3.1. Verständnis nach Georg Kerschensteiner
3.2. Verständnis nach Eduard Spranger

4. Konfliktpunkte der beiden Theorien

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Problemstellung

Um ein besseres Verständnis für die Theorien der beiden Klassiker der Pädagogik, Georg Kerschensteiner (1854-1932) und Eduard Spranger (1882-1963) gewinnen zu können, muss man einen kurzen Blick auf die geschichtlichen Hintergründe der damaligen Berufserziehung werfen. Das Ende des 19. Jahrhunderts war geprägt von einer Periode der Großen Depression, die der entscheidenden Wende zum Wirtschaftswachstum zugrunde liegt. Durch die zunehmende Industrialisierung brachte „der endgültige Übergang zum Massenzeitalter […] den alten Mittelstand, insbesondere das Handwerk in massive ökonomisch-existentielle Bedrängnis.“ (Greinert, 1998, S. 38) Durch diese Entwicklung wurden die Heranwachsenden immer mehr als reine Werksarbeiter erzogen, die nur für die Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit ausgebildet wurden. Die weit umfassende Ausbildung bei den „Handwerkerfamilien“ konnte nicht mehr gewährleistet werden. „Beim Handwerk zeigt sich dieser Strukturwandel als Auflösung der ständischen Welt des „ganzen Hauses“, einem Sozialzusammenhang, der zugleich die sittliche, kulturelle, politische und beruflich-fachliche Erziehung der Lehrlinge garantierte.“ (ebenda, S. 46) Den großen Betrieben, die die Jugend zur Massenproduktion „missbrauchten“ war es „nicht mehr möglich […] eine im Sinne sozialer Handlungsorientierung umfassende erzieherische Wirkung auszuüben.“ (ebenda, S. 46/47)

Folge dieser Entwicklung war eine Erziehungslücke, die durch den frühen Abbruch der Volksschule und dem erst später einsetzenden Militärdienst entstand. Ein Umdenken in der Frage der Berufsausbildung war aus gesellschaftlichen Gesichtspunkten unabdingbar.

Georg Kerschensteiner konnte mit seiner Theorie eine Lösung dieses Problems einleiten. „Erstens konnte er das von den Reformern propagierte eigenständige, beruflich organisierte Fortbildungsschulmodell erstmals in München 1900 durchsetzen und zweitens vermochte er eine schlüssige Legitimationsgrundlage für diese neue Schule zu formulieren.“ (ebenda, S. 53) Georg Kerschensteiner muss daher als Begründer der Berufsschule und des Dualen Systems angesehen werden.

Auch Eduard Spranger erkannte das Problem der Bildung der breiten Massen und befasste sich mit den Bildungszielen für das gesamte Schul- und Erziehungswesen. „Schulpolitisch hat er sich vor allem für eine Verbesserung der Volksbildung eingesetzt. Schon 1915 forderte er die Verlängerung der Volksschule auf neun Schuljahre und die Umgestaltung der Fortbildungsschulen zu einem dualen Pflichtberufsschulsystem.“ (Löffelholz, 1979, S. 272) Aus sozialgeschichtlicher Sicht sind „Sprangers Bemühungen um die Aufwertung der Volksschule, vor allem auch der Berufsbildung […] als Versuche zu interpretieren, den elitären Charakter der höheren Bildung zu schützen und zu bewahren. (Drewek, 2003, S. 147)

Es wird deutlich, dass die Motive Kerschensteiners und Sprangers bei der Bewältigung des Problems der Berufsbildung im frühen 20. Jahrhundert in die gleiche Richtung gehen. Demzufolge vertreten sie auch sehr ähnliche Standpunkte in der Betrachtung von Berufsbildung und höherer Allgemeinbildung.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Konfliktpunkte beider Theoretiker in der Berufsbildung in Hinblick auf das Bildungsverständnis der Allgemeinbildung zu erarbeiten. Im Folgenden werden die Theorien der beiden Klassiker der Berufsbildung näher erläutert. Abschließend findet eine Gegenüberstellung der konfliktträchtigen Punkte statt. Dabei wird auf mehrere Punkte eingegangen. Es wird zu sehen sein, dass sich das Verständnis des Begriffs Beruf bei beiden Autoren in gewissen Punkten unterscheidet. Angefangen von der Frage der Berufswahl bis zur Ansicht über den inneren Beruf können Unterschiede festgestellt werden. Diese sind geprägt von den Anforderungen, die Kerschensteiner und Spranger an das Berufsbild stellen.

Weiterhin steht die zeitliche Einordnung der höheren Allgemeinbildung im Interesse dieser Arbeit. Während Kerschensteiner einen parallelen Verlauf zwischen Berufsbildung und Allgemeinbildung sieht, setzt Spranger den Prozess der höheren Allgemeinbildung erst nach Ablauf der Ausbildung für den Beruf. Gründe hierfür können im abweichenden Anforderungsprofil an den Zustand der Allgemeinbildung gefunden werden, das einen weiteren Diskussionspunkt darstellt.

2. Berufsbildung

2.1. Berufsbildung nach Georg Kerschensteiner

Die Gedanken Kerschensteiners zur Berufsbildung beginnen mit der Ansicht über die Zukunftspläne eines aus der Volksschule kommenden Jugendlichen. Dessen Interessen liegen „nicht in der Richtung der allgemeinen Bildung, sondern in der Richtung ihres speziellen gewerblichen Berufes. Es ist der Berge versetzende Erwerbssinn“ (zitiert in: Müllges, 1967, S. 40), der den Schulabgänger zur Berufswahl und zu der Bereitschaft zur Erlernung eines Berufes treibt. Da dieser keine Interessen an einer Vermittlung theoretischen Wissens hat, sondern vom Erwerbssinn getrieben wird muss die grundlegende Ausbildung zur Berufsausübung nach Kerschensteiner in einer Schulwerkstatt, die die Nachteile der Meisterlehre ausgleichen kann, beginnen. Denn „wie jede andere Fertigkeit, so ist auch das Treiben und Ziselieren, Hobeln und Schmieden nicht durch Zuschauen und durch Bücher zu erlernen, sondern nur bei seiner praktischen Ausübung.“ (zitiert in: Müllges, 1967, S. 30) Die elementaren, rein mechanischen Fertigkeiten des Ausbildungsberufes werden dem Lehrling also durch „learning-by-doing“ vermittelt. Jedoch stößt diese einseitige Ausbildung schnell an ihre Grenzen, denn Kerschensteiner führt aus, „dass die berufliche Leistung nicht nur auf eingeübten Praktiken und gekonnter Handhabung beruht.“ (Müllges, 1967, S. 32) Reines Werkkönnen reicht nicht aus. Es bedarf auch einen geschulten Kopf, der in der Lage ist auftretende Probleme zu lösen. Daher muss eine Kombination aus Werkkönnen und Werkwissen vermittelt werden, um einen Beruf selbständig ausüben zu können. Das Wissen wird durch die eigenständige Arbeit stets erweitert, da „der Ursprung alles Denkenwollens im praktischen Tun“ (ebenda, S.33) liegt und somit den Anreiz zur Weiterbildung liefert. Der wahre Weg zur Berufsbildung führt also über die praktische Arbeit. „Das was uns eben am wertvollsten ist am wahrhaft gebildeten Menschen, die Stärke, Kraft und Geschlossenheit des sittlichen und ästhetischen Charakters, entwickelt sich zunächst nur beim wirklichen Handeln. (Kerschensteiner, 1904, S. 96)

Doch Werkkönnen und Werkwissen alleine können nicht den Anspruch einer gewünschten Berufsbildung erheben. „Hinter der bloßen Berufsbildung im arbeitstechnischen Sinne stehen die Gefahren der banausischen Verknöcherung und der einseitigen Interessenbildung.“ (Kerschensteiner, 1926, S. 46) Dadurch „kann sich eine Einengung der Interessen, eine Niedrigkeit der Motive und eine Beschränktheit der Lebensanschauung einstellen, die im krassen Gegensatz zu jeder Vorstellung der Menschenbildung stehen.“ (Müllges, 1967, S. 37)

Es ist also Aufgabe der Berufserziehung eine weit angelegte Ausbildung zu bieten, damit der Mensch nicht nur zur Ausübung seines Berufes gebildet wird. Man muss vielmehr „mit der Erziehung für die Berufsaufgaben jene Erziehung […] verbinden, die den Einzelnen befähigt, auch die Aufgaben des Ganzen, dem er angehört, zu würdigen und an ihnen nach Maßgabe des Platzes, an dem er steht, sich zu beteiligen.“ (Kerschensteiner, 1904, S. 94) Mit dieser Theorie gilt Kerschensteiner als Begründer des dualen Systems, das die Ausbildung in Betrieb und Berufsschule gewährleistet.

Die Berufsbildung erhält den Anspruch, dass sie einen brauchbaren Menschen hervorbringt, der ein Verständnis für die Ausübung seines Berufes zeigt. Er soll diese Aufgabe als Anforderung für sich selbst und die Gesellschaft sehen. Dadurch muss sich eine Bereitschaft entwickeln sich in seinem Beruf zu engagieren und produktiv zu arbeiten. Ziel der Berufsausbildung sind nach Kerschensteiner „Menschen, die ihr Gewerbe um des Gewerbes willen lieben, es durch eigen gelenkte Kraft und eigene Erfindsamkeit verbessern und dadurch ihre intellektuellen Kräfte kultivieren, ihren Charakter veredeln, ihre Genüsse erhöhen.“ (ebenda, S. 96)

„So sind bloße Berufsausbildung und eigentliche Menschenbildung weit enger aufeinander bezogen als die althergebrachte Unterscheidung beider wahrhaben will. Sie sind die Komponenten der einen und ganzen Bildungsaufgabe, die sich nur miteinander und durcheinander erfüllen lassen, und nicht beziehungslos nebeneinander stehen oder aufeinander folgen.“ (zitiert in: Müllges, 1967, S. 38) Eine Berufsausbildung ohne Förderung der Allgemeinbildung kann es folglich nicht geben. Andererseits vermag die Berufsausbildung nur die Grundlage für die allgemeine Menschenbildung zu leisten, da diese weiterführt und andere Wissens- und Sozialaspekte beinhaltet, die durch die Berufsausübung nicht betroffen sind. Kerschensteiner kommt folglich zu dem Schluss: „An der Pforte der allgemeinen Menschenbildung steht die Berufsbildung.“ (Wilhelm, 1979, S.113)

Zusammenfassend basiert die Anschauung Kerschensteiners über die Berufsbildung auf drei Anforderungen. Zum einen wird die wirtschaftliche Komponente der Berufsausübung berücksichtigt. Der Erwerbssinn treibt den Jugendlichen in einen Beruf um eigenständig für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. Andererseits hat die Berufsbildung die Aufgabe, den Menschen zu einem brauchbaren Bürger zu erziehen, was die sittliche und soziale Komponente in Kerschensteiners Theorie zu Berufsbildung darlegt.

2.2. Berufsbildung nach Eduard Spranger

Um die Ansichten Eduard Sprangers zur Berufsbildung betrachten zu können, muss man zuerst einen Blick auf die damalige Situation der Berufsschulen richten. „Die Berufsschulen die man kannte […] bemächtigten sich ihrer Zöglinge in einem ganz frühen Alter und begnügten sich damit, sie direkt für eine bestimmte, enge Funktion abzurichten.“ (Spranger, 1918, S. 192) Dies widerspricht jedoch Sprangers Vorstellung von Berufsbildung. „Berufsbildung darf nicht nur eine Abrichtung für bestimmte Leistungen sein“ (Spranger, 1920, S. 12) und „die Berufsschule darf ihren Namen nicht missbrauchen, den jungen Menschen beruflich zu versklaven.“ (Spranger, 1950, S. 57) Denn „Ziel der Berufsbildung ist nicht der einseitige Fachmann, sondern der gebildete Mensch, der sich wohl seiner besonderen Aufgabe bewusst, aber in seinem Verhältnis zum Leben offen und vielseitig ist.“ (zitiert in: Vanselow, 1927, S. 41) Dies bedeutet, dass bei der Ausbildung nicht nur materiales Wissen, sondern auch formale Fertigkeiten gelehrt werden müssen. Spranger belegt, dass „Berufsbildung und formale Bildung sich nicht etwa ausschließen, sondern dass gerade sie eine sehr fruchtbare Verbindung miteinander eingehen können.“ (Spranger, 1920, S. 10)

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Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638852883
ISBN (Buch)
9783638853590
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79137
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,0
Schlagworte
Georg Kerschensteiner Eduard Spranger Konfliktlinien Berufsbildung Hinblick Allgemeinbildung Ideen- Aspekte Berufskonzepts

Autor

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