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Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei den digitalen Kommunikationsformen?

Bachelorarbeit 2007 58 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Geschlechtersozialisation
1.1 Geschlechtsrollen
1.2 Geschlechtsrollenstereotype

2. Geschlechtsspezifische Unterschiede im sprachlichen Verhalten
2.1 Gibt es eine „Frauensprache“ und welchen Stellenwert hat sie?
2.1.1 Verschiedene Untersuchungen und Positionen
2.1.2 Hypothesen zum weiblichen Sprachverhalten
2.2 Merkmale des weiblichen Gesprächsstils
2.2.1 Mittel der Gesprächsarbeit
2.2.2 Abschwächungen
2.2.3 Wortschatz
2.3 Merkmale des männlichen Gesprächsstils
2.3.1 Mittel der Gesprächskontrolle

3. Die Kommunikation im Chat
3.1 Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit
3.2 Gender und Chat
3.3 Sprachliche Konventionen bei der Chat-Kommunikation
3.3.1 Emoticons
3.3.2 Akronyme
3.3.3 ASCII-Kunst
3.3.4 Soundwörter
3.3.5 Aktionswörter
3.3.6 Emoting – Äußerungen in der dritten Person
3.3.7 Disclaimer

4. Empirische Untersuchung zur Chat-Kommunikation
4.1 Methoden
4.1.1 Beschreibung des Materials
4.1.2 Die Gesprächsanalyse
4.2 Arbeitshypothesen
4.3 Empirische Ergebnisse
4.3.1 Quantitativer Teil
4.3.2 Qualitativer Teil
4.4 Diskussion und Interpretation der Ergebnisse
4.5 Schlusswort und Anregungen für neue Untersuchungen

5. Literaturverzeichnis

6. Anhangsverzeichnis
6.1 Theoretischer Teil
6.1.1 Glossar
6.1.2 Emoticon-Beispielliste
6.1.3 Akronym-Beispielliste
6.1.4 ASCII-Beispiele
6.2 Empirischer Teil
6.2.1 Logfile-Statistik: Redezeit und Beiträge
6.2.2 Anzahl und Länge der Redebeiträge
6.2.3 Emoticon- & Aktionswörter-Gebrauch
6.2.4 Adressierungen und Partikel
6.2.5 AnalysierterAusschnitt aus dem Logfile vom Unicum-Chat vom 11.02.2003

0. Einleitung

Nur wenige technische Errungenschaften der letzten Jahrzehnte haben unser Leben in praktisch allen Aspekten so grundlegend verändert wie die Erfindung des Internets und damit verbunden die der neuen digitalen Kommunikationsmittel. Nahezu alles ist möglich: international neue Kontakte zu fremden Leuten knüpfen, mit alten Bekannten und Freunden kommunizieren, Nachrichten verschicken innerhalb weniger Sekunden; es gibt keine zeitlichen oder räumlichen Grenzen und die Welt scheint nur einen Mausklick von uns entfernt. Inzwischen kann man sogar entscheiden, auf welche Art man kommunizieren möchte: chatten, telefonieren, e-mailen – man kann mit Hilfe von Webcams den Gesprächspartner sehen und selbst von ihm gesehen werden. All das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass die digitale Kommunikation immer nur eine virtuelle Kommunikation sein kann. Der Kontakt, den man während dessen ausübt, und das sinnliche Erleben des Gesprächs sind letztlich auf das Medium des Computers beschränkt und der Gesprächspartner in seiner Gesamtheit bleibt im Hintergrund.

Darüber, welche Art von Konsequenzen aus diesen völlig neuen Kommunikationsbedingungen für unser soziales Miteinander erwachsen, existieren viele unterschiedliche Ansichten. Es gibt die Optimisten, welche die große Freiheit propagieren und die aus den kommunikativen Defiziten heraus entstandenen sprachlichen Mittel - wie Emoticons als Ersatz für Nonverbales - als Zugewinn an neuen Gesprächsstrategien feiern. Gleichzeitig gibt es die Skeptiker und Pessimisten, die bereits den Verfall der (deutschen) Sprache und Kultur durch Yahoo, Google & Co eingeläutet sehen. Die Einen hängen der Egalitätshypothese nach und sehen ihr Ideal der absoluten Gleichheit durch Anonymität verwirklicht und die Anderen weisen darauf hin, dass etablierte soziale und gesellschaftliche Grenzen auch vor dem Internet nicht halt machen. Welcher Meinung auch immer man sich anschließen möchte, muss man auf jeden Fall zugeben, dass die Internet-Sprache ein wichtiger Gegenstand der linguistischen Forschung geworden ist – heute vielleicht wichtiger denn je.

Die hier vorliegende Arbeit hat zum Ziel sich mit der Frage zu beschäftigen, inwieweit sich die Anonymität bei der Kommunikation mit Hilfe der digitalen Kommunikationsformen auf das sprachliche Verhalten von Männern und Frauen auswirkt und ob es trotz allem noch geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Gesprächen im virtuellen Raum gibt. Untersucht werden soll das exemplarisch an der Kommunikationsform des Chats (sowohl Webchat als auch IRC). Im ersten Kapitel wird kurz erläutert, wie Geschlechtsunterschiede zustande kommen und wie die Sozialisation als Mann oder Frau vonstatten geht. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den geschlechtsspezifischen Unterschieden, die bei mündlichen Gesprächen zwischen Frauen und Männern auftreten, gibt einen Überblick über die bisherige Forschung, stellt verschiedene Thesen vor, die über die so genannte „Frauensprache“ aufgestellt wurden, und charakterisiert das weibliche und das männliche Gesprächsverhalten. Das dritte Kapitel wendet sich dem Medium des Chat zu, präsentiert bisherige Forschungsergebnisse und erläutert sprachliche Besonderheiten und Unterschiede zwischen der Kommunikation im Chat und der mündlichen Face-to-Face-Kommunikation. Das vierte Kapitel ist eine empirische Studie, die mit Hilfe des Chat-Korpus der Universität Dortmund erstellt wurde und die das Verhalten der User[1] im Chat näher untersucht.

1. Geschlechtersozialisation

Sozialisation wird auch oft als „zweite soziokulturelle Geburt“ bezeichnet. Sie ist der Prozess, „in dessen Verlauf ein Individuum zu einem potentiell handlungsfähigen Mitglied seiner Gesellschaft wird“ (s. Miller & Weißenborn, 1991).

Das institutionelle Merkmal „Geschlecht“ beeinflusst unser Leben von Geburt an bis zu unserem Tod mehr, als die meisten anderen. Sichtbar wird dies z. B. am Vornamen, den die Eltern für ein Kind wählen, an der geschlechtsspezifischen Kleidung, Ausbildungswegen und Berufschancen etc. Man unterscheidet zwei Dimensionen der Geschlechtlichkeit: zum einen das biologische Geschlecht und zum anderen das soziale Geschlecht. Ersteres ist sozusagen das phänotypische Merkmal „männlich“ oder „weiblich“ mit dem Chromosomenabhängig jeder von uns geboren wird. Dieses wird nach der Geburt für unsere Mitmenschen offensichtlich und der Prozess der Geschlechtersozialisation, in welchem aus dem biologischen Geschlecht ein soziales Geschlecht konstruiert wird, beginnt.

Das soziale Geschlecht ist immer von der Gesellschaft geschaffen und wandelbar. Es konstituiert sich in sozialen Interaktionen mit Hilfe von geschlechtsbezogenen Normen und Werten, in Überzeugungen, Erwartungen und Stereotypen, die alle unsere Persönlichkeit und unser Rollenverhalten beeinflussen. Sowohl das biologische und noch viel mehr das soziale Geschlecht sind also grundlegend mitverantwortlich für den Prozess der Identitätsbildung. Die Geschlechtszugehörigkeit durchdringt mittels sozialer Mechanismen den gesamten Alltag und jede Interaktion. Kotthoff schrieb dazu, dass die Geschlechtsunterschiede sichtbar werden als „in Interaktionen hergestellte Formen von typisierten Selbstdarstellungen“ (s. Schmidt, 1998, S. 17). Die Angemessenheit des sozialen Handelns einer Person wird immer auch nach ihrem sozialen Geschlecht beurteilt.

1.1 Geschlechtsrollen

Eine Geschlechtsrolle ist der Komplex von kulturell erwarteten oder vorgeschriebenen Verhaltensmerkmalen für das jeweilige Geschlecht. Dazu zählen Einstellungen, Interessen, Fähigkeiten, Motive und andere Verhaltensweisen. Die Übernahme einer Geschlechtsrolle ist die Entwicklung einer Geschlechtsidentität und entsprechender Handlungskompetenzen. Jeder Mensch muss ein für seine Mitmenschen eindeutig erkennbares Geschlecht haben und es durch Habitus und Verhalten kenntlich machen, sein biologisches Geschlecht also sozial markieren. Der Mensch füllt in seinem Leben verschiedene soziale Rollen gleichzeitig aus, die von Zeit zu Zeit unvereinbar mit der Geschlechtsrolle sein können.[2] Viele soziale Rollen sind situationsgebunden, wogegen unsere Geschlechtsrollen ständig präsent sind:

Es ist eine Binsenweisheit, dass die Geschlechtsrolle des einzelnen die bedeutendste seiner vielen sozialen Rollen ist, keine andere bestimmt in größerem Maße öffentliches Verhalten, emotionale Reaktionen, Erkenntnisvorgänge, innere Einstellungen und allgemeine psychologische und soziale Anpassung (s. Schmidt, 1998, S. 18).

Bei empirischen Untersuchungen ist es wichtig die Situation immer besonders zu betrachten, weil abhängig davon die Geschlechtsrolle unterschiedliche Verhaltensmerkmale enthalten kann, die entweder im Kern der Erwartung stehen oder eher am Rand. Geschlechtsrollen können im Verhaltenspotential und im tatsächlichen Geschlechtsrollenverhalten weniger restriktiv sein, als die Erwartungen daran.

Zur Entstehung von Geschlechtsrollen gibt es zwei verschiedene Erklärungsansätze: den biologistischen und den gesellschaftlich-historischen. Beiden ist gemeinsam, dass sie eine Verbindung zwischen den verschiedenen Geschlechtsrollen von Mann und Frau und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sehen, weil nur Frauen Kinder gebären und stillen können. Der biologistische Ansatz ist in den Sozialwissenschaften inzwischen viel seltener anzutreffen als der gesellschaftlich-historische. Dieser besagt, dass es zwei überlebenswichtige Grundaufgaben auszufüllen gilt: die Sicherung der Produktion und der Reproduktion, wobei beides nur durch die geschlechtliche Arbeitsteilung ermöglicht wird. Verantwortlich für die Ausbildung von Geschlechtsrollen war nach diesem Ansatz also eine historische Entwicklung zur Vergrößerung der Überlebenschancen. Frauen wurden zuständig für die gesamte Reproduktionsarbeit wie Aufziehen des Nachwuchses, sozialpflegerische Arbeiten und für einen Teil der Produktion.[3] Männer übernahmen in der Zeit alle anderen Bereiche der Produktion, also die Jagd auf größeres Wild, Fischerei und Waffenproduktion, sowie den Schutz der Sippe vor Feinden. Durch die dem Menschen angeborene Disposition zur Verhaltensflexibilität ist das Geschlechtsrollenverhalten aber kein starres, unveränderliches Schema, sondern es sind in verschiedenen Kulturen teilweise gravierenden Abweichungen voneinander zu erkennen.[4]

Immer noch lässt sich in der heutigen Gesellschaft die Teilung in berufliche Arbeit und private Hausarbeit und die Übertragung dieser auf die Frau beobachten. Die Männer bilden durch diese Arbeitsteilung bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten stärker aus als Frauen, z. B. eine besondere Beachtung von Ziel- und Kosteneffizienz, ein stärkeres Wettbewerbsverhalten, sowie eine Abgrenzung von Beruf und Privatsphäre. Bei Frauen sind dagegen andere Fähigkeiten besonders ausgeprägt, die z.B. für die Erfüllung der Hausarbeit notwendig sind.[5] Diese These ist aber strittig, weil die absolute Trennung zwischen der Erwerbstätigkeit der Männer und der Hausarbeit der Frauen erst seit einer historisch sehr kurzen Zeit – in besonders krasser Form ab Ende des 18. Jh. mit Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland - existiert. Es gibt andere Hinweise darauf, dass das Geschlechtsrollenverhalten eher aus Macht- und Herrschaftsstrukturen heraus entstanden ist, weil es die Frauen wirtschaftlich zugunsten der Männer benachteiligt. Jedenfalls bestimmt das bürgerliche Frauenbild noch immer die Geschlechtsrollendifferenzierung, bis in die heutige Gesellschaft hinein.

Die Ursachen der Entstehung von Geschlechtsrollen lassen sich letztlich wohl nur aus einer Mischung von verschiedenen Faktoren heraus erklären, worunter die Gestaltung des sozialen Geschlechts ebenso fällt, wie die verschiedenen Arten von Arbeitsteilung, der ideologische Überbau von Gesellschaften, Religionen und Weltanschauungen, sowie die politischen Verhältnisse.

Festzuhalten bleibt, dass sowohl für die ursprüngliche Entstehung der sozialen Geschlechtsrollendifferenzierung als auch der Diskriminierung der Frau biologische Faktoren eine Rolle gespielt haben können, deren zunehmende Stabilisierung aber hauptsächlich auf institutionelle Absicherung zurückzuführen ist. (s. Schmidt, 1988, S. 30)

Geschlechtsrollen werden durch die Geschlechtersozialisation erworben, die schon mit dem geschlechtsbezogenen sozialen Handeln der ersten Bezugsperson beginnt. Diese vermittelt dem Kind nach und nach geschlechtsbezogene Erwartungen, Überzeugungen, Vorurteile, Normen und Werte. Schon Säuglinge und Kleinkinder werden geschlechtsspezifisch unterschiedlich erzogen: Mädchen eher im Hinblick darauf, die Pflegearbeit der Eltern zu erleichtern[6], Jungen werden eher optisch stimuliert und haben mehr Bewegungsfreiheit. Das Verhalten des Säuglings wird von den Eltern u. a. danach beurteilt, welchem Geschlecht er angehört.[7] Dadurch erwerben Kinder schrittweise eine soziale Identität mit geschlechtstypischen Handlungsprofilen. Sogar vierjährige Kinder haben schon relativ klare Vorstellungen von den unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Eigenschaften und Aktivitäten. Die eigene Rolle wird zunächst weiter stereotypisiert und dann ab ca. sieben Jahren wieder relativiert. Durch die Pubertät gibt es dann nochmals einen weiteren Schub der Stereotypisierung.

Die Geschlechtsrolle wird dem Kind sowohl bewusst, als auch unbewusst vermittelt, ganz besonders durch die Wahrnehmung und Imitation des sozialen Umfelds und die Identifikation mit den eigenen Vorbildern. Das Ergebnis der Geschlechtersozialisation ist eine Verbindung von Identitätsmerkmalen, Handlungskonzepten und Verhaltenseigenschaften, die den Menschen für seine Umwelt als männlich oder weiblich ausweisen.

1.2 Geschlechtsrollenstereotype

Geschlechtsrollenstereotype sind Vormeinungen, die auf Bilder zurückgehen, was typisch weiblich oder typisch männlich in unserer Gesellschaft ist (s. Samel, 2000, S. 134).

In Geschlechtsrollenkonzepten, sowie Frauen- und Männerbildern, wird festgelegt, was weibliche und was männliche Geschlechtsrolleninhalte sind, auch bezeichnet als „Geschlechtsrollenstereotype“. Diese sind nicht hinterfragte Merkmalszuschreibungen, die zu Selbst- und Fremdkonzepten führen, allgemein anerkannte Annahmen über unterschiedliche Charakteristika von Frauen und Männern sowie Vorstellungen darüber, was von ihnen als angemessenes Verhalten betrachtet wird. Sie bleiben häufig unabhängig von jedwedem sozialen Wandel bestehen. Frauen sollen z. B. in Gesprächen freundlich, höflich, taktvoll, kooperativ, hilfsbereit und zurückhaltend sein.

Bei den Geschlechtsrollenstereotypen geht es nicht um Merkmale, die nur auf eines der beiden Geschlechter zutreffen, „sondern um tendenziell verschieden auftretende Graduierungen von allgemeinen Merkmalen“ (s. Schmidt, 1998, S. 37). Sie werden im Sozialisationsprozess verinnerlicht und legen unsere Verhaltenserwartungen fest. Die Theorie der Geschlechtsrollenstereotype geht nicht von tatsächlich nachweisbaren Unterschieden im sprachlichen Verhalten von Frauen und Männern aus, sondern davon, „dass Urteile von stereotypgebundenen Erwartungen determiniert [...], d.h. im Sinne einer self-fulfilling-prophecy bestätigt werden“ (Samel, 2000, S. 172). Der real wahrnehmbare Geschlechtsunterschied aktiviert stereotype Vorstellungen, auch wenn das Sprachverhalten an sich identisch ist.

Dies ist, besonders im Hinblick auf die später in dieser Arbeit folgende empirische Untersuchung über die Chat-Kommunikation von Frauen und Männern, eine interessante These. Es ist zu erwarten, dass existierende Geschlechtsunterschiede mit Ausnahme des Nicknames, der auch nicht notwendigerweise stimmen muss, so gut wie nie wahrnehmbar sind, wenn man von den Webcam - oder Voice-Chats einmal absieht. Wenn aber ein Gesprächspartner nicht in der Lage ist, einen Geschlechtsunterschied auszumachen, können auch keine stereotypen Vorstellungen aktiviert werden. Wäre dann die Kommunikation im Chat die von den Differenztheoretikern so angestrebte „androgyne“ Sprache?

Ein Stereotyp ist die Wahrnehmung und Beurteilung einer Person unabhängig von ihren individuellen Charaktereigenschaften aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Über die Jahrhunderte hinweg haben sich aus solchen Stereotypisierungen verschiedene Klischees entwickelt, mit deren Hilfe sich das Verhalten von Männern und Frauen vorausschauend analysieren lassen soll. Das weibliche Stereotyp ist emotional/gefühlsbetont, personenbezogen, passiv, ein- und unterordnend, wenig aggressiv oder destruktiv und ängstlich. Dagegen steht das männliche Stereotyp, wobei der Mann als rational/sachlich, sach- und statusbezogen, aktiv, selbständig, aggressiv und Angst kontrollierend ist. Aus diesen Eigenschaften kristallisiert sich eine Art Wertungshierarchie heraus, nach welcher die stereotyp weiblichen Eigenschaften als schwächer angesehen werden.

Verhaltenseigenschaften, die nicht in das Stereotyp des weiblichen oder männlichen Kommunikationsverhaltens passen, werden bis zu einem bestimmten Grad aus der Wahrnehmung ausgeblendet, was z.B. die Kompetenz und Aktivität von Frauen betrifft. Das wirkt manchmal so stark, dass in einer Situation vom gesamten Kommunikationsverhalten einer Frau nur das übrig bleibt, was in das weibliche Verhaltensstereotyp passt. Somit beeinflussen Stereotype unsere Wahrnehmungen, Interpretationen, Interaktionen und auch die Hypothesenbildung in der Wissenschaft. Das betrifft ebenso unsere Wahrnehmung des Gesprächsverhaltens von Frauen und Männern. Man kann vermuten, dass in der Kommunikation die Stereotype vom weiblichen und vom männlichen Sprechen stärker sind als die tatsächlichen Unterschiede (vgl. Günthner & Kotthoff, 1992).

Ein Beispiel für ein Geschlechtsrollenstereotyp führt Trömel-Plötz (Trömel-Plötz, 1979a, S. 79) an: das der viel redenden Frau, welches in der westlichen Kultur sprachlich in Form von Ausdrücken wie „Klatschbase“, „Schwatzbusen“, „Quasseltanten“ oder „Quasselstrippen“ kodifiziert ist. Für diese Begriffe gibt es keine analogen Ausdrücke, die sich auf Männer beziehen. Dem Klischee nach reden Männer stattdessen weniger und verlässlicher („Ein Mann – ein Wort“).

2. Geschlechtsspezifische Unterschiede im sprachlichen Verhalten

Gleichbleibende Geschlechtsunterschiede sind bisher weder im Umfang des Wortschatzes noch bei der Auswahl von Adjektiven und Adverbien gefunden worden. Auch im Bereich syntaktischer Formen sind keine gleich bleibenden Unterschiede gefunden worden, etwa hinsichtlich der Verwendung bestimmter Fragemuster. Begriffe wie Frauensprache, Männersprache suggerieren mehr gleichgeschlechtliche Ähnlichkeit und gegengeschlechtliche Unterschiede, als tatsächlich existieren (Samel, 2000, S. 158).

Zunächst muss man sagen, dass das Sprachsystem für Männer und Frauen natürlich gleich und einheitlich ist; es gibt also in unserem Kulturkreis keine richtige „Frauensprache“ im Sinne einer ausschließlich von Frauen gesprochenen Sprache, wie sie in der ethnologischen Forschung beschrieben wurde. Die gleiche Sprache wird von den beiden Geschlechtern nur unterschiedlich interpretiert und angewandt (vgl. Gräßel, 1991, S. 29) und man kann höchstens zwischen einem „typisch weiblichen“ und einem „typisch männlichen“ Gesprächsstil unterscheiden.

Laut Kotthoff sind die spezifischen Gesprächsstile von Frauen und Männern nur idealtypisch verkürzte Kategorien. Man kann Frauen und Männer nicht eindeutig je einem Gesprächsstil zuordnen, aber das Konzept eines weiblichen und eines männlichen Gesprächsstils auch nicht komplett verwerfen. Stil ist sozusagen das Verhalten im Gespräch, mit welchem ein Sprecher sich als Er selbst ausdrückt.[8] Gesprächsstil ist die

Gesamtheit aller expressiven Seiten des Sprachverhaltens, anhand derer sich die Sprecherin oder der Sprecher im Kommunikationsprozess immer wieder identifizieren lässt. (Samel, 2000, S. 217)

Deborah Tannen schreibt, dass Frauen und Männer jeweils unterschiedliche Intentionen mit ihrem Kommunikationsverhalten verfolgen: während Frauen zwischenmenschliche Bindungen etablieren wollen („Bindungssprache“), sind Männer eher an Unabhängigkeit und Status interessiert („Statussprache“). Die gleichen sprachlichen Mittel können von beiden zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden (vgl. Tannen, 1993)

Die meisten Verhaltensmerkmale in der Kommunikation werden generell von Frauen und Männern gezeigt und man sollte deshalb die geschlechtstypischen Unterschiede im Gesprächsverhalten nicht überbewerten[9]. Es gibt aber auch einige kommunikative Handlungen, die Frauen eher als Männer ausführen (z.B. sich entschuldigen) und es sind stilistische Präferenzen beim Gebrauch verschiedener sprachlicher Mittel festzustellen, auf die später noch näher eingegangen wird. Geschlechtstypische Kommunikation entsteht aber erst durch den sozialen Kontext eines Gesprächs, und der ist wiederum geprägt von den jeweils gültigen Geschlechtsrollenerwartungen. Werden diese durchbrochen, drohen Sanktionen durch die Gesellschaft. Geschlechtsunterschiede können auch in Bewertung und Deutung durch den oder die jeweiligen Rezipienten entstehen, z.B. indem eine aggressive Sprecherin abgelehnt wird und ein aggressiver Sprecher Anerkennung erhält. Themenbereiche, die als private Frauenthemen gelten (Kindererziehung, Partnerschaft, usw.), werden oft als trivial oder Klatsch abgewertet, was bei privaten Männerthemen (Hausbau, Autoreparatur) nicht der Fall ist.

2.1 Gibt es eine „Frauensprache“ und welchen Stellenwert hat sie?

Frauensprache gibt es natürlich nicht in dem Sinne, dass Frauen eine eigene Sprache sprechen, die Männer nicht verstehen können. Aber wir müssen ein bisschen genauer hinschauen, wie Frauen und Männer, wenn sie zusammen kommunizieren, unterschiedlich reden, wie sie sich untereinander verhalten. (Trömel-Plötz, 1980a, S. 15)

Zunächst werden in einem Abriss einige bekannte Linguisten vorgestellt, die genau das getan haben und ihre Untersuchungen und Positionen kurz zusammengefasst. Anschließend soll auf die wichtigsten drei Hypothesen eingegangen werden, die seit den 1970ern das Verhältnis von Sprache und Geschlecht vor dem Hintergrund des Verständnisses von „Geschlecht“ als sozialer Kategorie in der feministischen Sprachforschung beschreiben und mit denen auch eventuelle Konsequenzen in Bezug auf eine Veränderung des weiblichen Sprachverhaltens verbunden sind. Diese sind die „Defizithypothese“, die „Differenzhypothese“ und der „Doing-Gender-Ansatz“[10].

Wichtig ist noch zu erwähnen, dass in der Fachliteratur immer noch häufig der Begriff „Frauensprache“ kursiert, während aber der des „weiblichen (Gesprächs-)Stils“ sehr viel zutreffender wäre, denn

Das Ersetzen von ‚Sprache/Sprechen der Frauen’ und ‚Sprache/Sprechen der Männer’ durch den ‚weiblichen Stil (female register)’ und ‚männlichen Stil (male register)’ ist sinnvoll, um deutlich zu machen, dass es sich lediglich um ein Repertoire möglicher Verhaltensweisen handelt, das zwar dominant von nur einer Gruppe vertreten wird, diese Dominanz aber auch von anderen Merkmalen außer dem biologischen Geschlecht, wie Sprechsituation, Rollenverteilung und Sozialstrukturen abhängig ist. (s. Heilmann, 2002, S. 32)

2.1.1 Verschiedene Untersuchungen und Positionen

Die Idee von der Existenz eines eigenen weiblichen Gesprächsstils im Sinne einer reinen „Frauensprache“ ist schon relativ alt und kommt ursprünglich aus der anthropologisch-ethnologischen Forschung. Im 17. Jh. wurden erstmalig Berichte von Karibik-Reisenden veröffentlicht, in denen von Sprachen, die ausschließlich von Frauen gesprochen wurden, die Rede war. Der Begriff „Frauensprache“ war so erst auf „primitive“ Kulturen zugeschnitten und wurde dann später auch auf europäische „Kultur“-Sprachen übertragen.[11]

Jens Otto Harry Jespersen (1922) thematisierte als einer der ersten Linguisten in seiner Arbeit zur „Sprache, ihrer Entwicklung und ihrem Ursprung“ die Unterschiede im weiblichen und männlichen Sprachgebrauch in den westeuropäischen Gesellschaften. Er ging dabei immer noch sehr ideologieträchtig vor und blieb den empirischen Nachweis über seine Eindrücke schuldig. Jespersen „trug so zu einem nicht geringen Teil dazu bei, das Reden der Frauen durch Stereotype zu beschreiben und gängige Bewertungsmuster seiner Zeit zu reproduzieren“ (s. Günthner & Kotthoff, 1991, S. 9).

Die amerikanische Linguistin Robin Lakoff beschäftigte sich in der neueren Linguistik erstmalig mit dem Zusammenhang von Sprache und Geschlecht. In ihrem Werk “Language and Woman’s Place” (1973) griff sie die ethnolinguistische Hypothese der „Frauensprache“ („women’s language”) auf und beschrieb „Frauensprache“ als eine „Sprache, die nur Frauen benutzen“ und gleichzeitig als „Sprache, mit der Frauen beschrieben werden“ (s. Samel, 2000, S. 33). Diese unterdrücke die Identität der Frau und sei eine machtlose Sprache. Lakoff stellte die These auf, dass Frauen einen anderen Wortschatz als Männer verwendeten, und erklärte dies durch die Arbeitsteilung innerhalb der Familie und die frauenspezifischen Aufgaben.[12] Außerdem stellte sie fest, dass bei Frauen der Gebrauch von so genannten „leeren“ Adjektiven wie „göttlich“, „nett“ oder „hübsch“ viel verbreiteter als bei Männern sei.[13] Nach Lakoff betonten Frauen ihre Aussagen häufig als Fragen und verwendeten viel mehr Rückversicherungsfragen[14] und Abschwächungen[15] als Männer. Letztere seien der Forscherin zufolge ein Zeichen für mangelndes Selbstbewusstsein und die Unsicherheit der Sprecherin über das Gesagte. Lakoff nahm an, dass Frauen sie deshalb benutzten, weil sie sozialisationsbedingt annähmen, es sei unweiblich, sich zu behaupten. Emphatische Adverbien[16] seien ihrer Ansicht nach ebenfalls ein häufig auftretender Teil des weiblichen Gesprächsstils und wurden von der Linguistin als ein Zeichen für die Scheu der Frau gewertet, sich präziser zu artikulieren. Lakoff schrieb, dass Frauen häufig „überkorrekte“[17] grammatische sowie übertrieben höfliche[18] Formen benutzten und keine Witze erzählten[19]. Ulrike Gräßel kritisierte an Lakoff, dass ihre Untersuchungen zu sporadisch und unsystematisch erfolgt seien (ebda. 1991, S. 20). Trotzdem wurden Lakoffs Hypothesen von vielen nachfolgenden Linguisten – besonders von Anhängern der Defizit-Hypothese - auch im deutschsprachigen Raum übernommen und für weitere Untersuchungen verwendet. So gilt vielen Forschern zufolge bis heute der weibliche Gesprächsstil als persönlicher, kooperativer, beziehungsorientierter und passiv bis inferior (vgl. Schmidt, 1998, S. 11) gegenüber dem männlichen.

Die Schwerpunkte von Mary Richie Key in ihrem Werk „Linguistic Behavior of Male and Female“ (1979) lagen ebenfalls auf der sexistischen Diskriminierung der Frau durch das Sprachsystem und die Sprachverwendung sowie dem weiblichen Sprechen. Im Gegensatz zu Jespersen erkannte sie als einzigen angeborenen Unterschied der Sprache von Männern und Frauen die Stimme an. Alle anderen geschlechtsspezifischen Unterschiede schrieb sie wie Lakoff der Sozialisation zu. Außerdem stellte Key bereits die These auf, dass Männer mehr reden als Frauen und sie häufiger unterbrechen würden, die danach in unzählige Untersuchungen mit aufgenommen und erforscht wurde. Lakoff und Key trugen beide sehr dazu bei, dass geschlechtsspezifisches Sprachverhalten sowohl in Laborstudien als auch in realen Kommunikationssituationen verstärkt empirisch untersucht wurde. Schwerpunkte der nachfolgenden Untersuchungen waren zum Beispiel der spezifische Wortschatz, die Verwendung von Fragen statt Aussagen, tag-questions, Äußerungen, die Unsicherheit ausdrücken, „überkorrekten“ grammatikalischen Formulierungen, Höflichkeitsformen, Unterschieden auf der grammatikalischen Ebene und auch der nonverbalen Kommunikation.

Die deutsche Linguistin Senta Trömel-Plötz, eine Lakoff-Schülerin, die sich mit geschlechtsspezifischen Phänomenen im Sprachsystem einerseits und im Sprachverhalten andererseits beschäftigte, brachte den Stein für die feministische Gesprächsforschung in Deutschland ins Rollen. Sie griff in ihrem Werk „Linguistik und Frauensprache“ (1982) die Thesen von Lakoff und Key auf und stellte die amerikanischen Forschungen im deutschen Sprachraum vor. Zu Trömel-Plötz ist zu sagen, dass ihr von vielen neueren Linguisten sicher zum Teil mit Recht vorgeworfen werden kann, dass manche ihrer Thesen eher den Rang von politischen Statements als von wissenschaftlich fundierten Forschungsergebnissen haben. Sie verweist selbst häufig in ihren Texten darauf, dass es noch an empirischen Ergebnissen mangele und vieles auf ihrer „Intuition“ beruhe. Trotzdem haben sich im Nachhinein doch einige ihrer Hypothesen als wahr erwiesen. Die meisten linguistischen Untersuchungen wollen die alltägliche Geschlechterproblematik anhand von Gesprächsanalysen nachvollziehen, interpretieren und bewerten. Dafür wurden schon Analysen aus den verschiedensten Bereichen als Grundlage herangezogen.[20] Die Ergebnisse der Untersuchungen sind insgesamt sehr heterogen, so dass kaum Verallgemeinerungen möglich sind. Deshalb kann man sagen:

Es ist noch ein großer Bedarf an Untersuchungen in unterschiedlichen Bereichen vorhanden, um geschlechtsverbundene Kommunikationsweisen zu analysieren oder um zu erklären, wie das Konstruieren des sozialen Geschlechts in einer Interaktion jedes Mal vonstatten geht (Samel, 2000, S. 176).

2.1.2 Hypothesen zum weiblichen Sprachverhalten

2.1.2.a Defizithypothese

Die erste Phase feministischer Sprach- und Sprachgebrauchsforschung begann 1970 in den USA und ging bis etwa 1980. In Europa setzten die Forschungen ab 1978 mit dem 8. Weltkongress für Soziologie in Uppsala ein (Klann-Delius, 2005, S. 10). Die ursprüngliche Defizithypothese besagte im Kern, dass „Frauensprache“ eine von der „Männersprache“ (und somit dem normativen Standard) abweichende, minderwertige Sprache sei. Die Unterschiede wurden als naturgegeben und somit unveränderbar verstanden. Der wichtigste Vertreter war Jens Otto Harry Jespersen.

Nach ihm entstand eine neuere und etwas veränderte Position in der Strömung, u. a. von Mary Richie Key, Robin Lakoff und Senta Trömel-Plötz vertreten. Weibliches Kommunikationsverhalten wurde zwar auch dort wieder als defizitär gegenüber dem männlichen charakterisiert. Der Unterschied zu Jespersen bestand aber darin, dass dies nicht als naturgegebenes Gesetz verstanden wurde, sondern als Ausdruck einer untergeordneten, machtlosen gesellschaftlichen Stellung der Frau gegenüber dem Mann.

Nicht weil die Frau so ist, wie sie ist, benutzt sie das weibliche Register oder eine so genannte Frauensprache, sondern weil die gesellschaftlichen Verhältnisse sie dazu zwingen, ihr Sprachverhalten darauf abzustimmen, dass sie trotz ihrer untergeordneten Stellung Gehör findet (Samel, 2000, S. 36).

Das Sprachverhalten des Mannes wurde als das „bessere“ angesehen, das die Frau möglichst anstreben solle. Dieses Streben werde aber nach Lakoff durch die „double-bind“-Situation, in der die Frau sich befinde, unterbunden. Von einer Frau werde in der Gesellschaft erwartet, dass sie weibliche Sprachmerkmale zeige und es differiere von Frau zu Frau, wie stark sie diese Erwartung umsetze. Folge eine Frau nun dieser Norm, werde ihr keine Leistung zugetraut und sie werde nicht ernst genommen; täte sie es nicht, werde auch das sanktioniert und sie als aggressiv oder „Mannsweib“ beschimpft. „Um ernst genommen und gehört zu werden, muss eine Frau so reden, wie ein Mann. Tut sie das, ist sie nicht mehr feminin, sondern männlich und wird als Frau entwertet“ (s. Trömel-Plötz, 1979b, S. 30). Dieser Hypothese folgend ist der Ausgangspunkt aller an Key und Lakoff orientierten Arbeiten die Privilegierung von Männern und die Diskriminierung von Frauen in Gesprächssituationen, was Ingrid Samel als „Dominanz-Unterdrückungs-Konzept“ bezeichnete (s. Samel, 2000, S. 153). Zu untersuchende Indikatoren für das männliche Dominanzverhalten sind Unterbrechungen, Themenwechsel, Themenbestimmungen, erfolgreiche Einführung eines Redebeitrages, längere Redezeiten, Minimalreaktionen und die Frage, wessen vorgeschlagenes Thema schließlich zum Gesprächsthema wird.

Günthner kritisierte an der Defizithypothese, dass Frauen dabei in der Regel als homogene Gruppe behandelt und zahlreiche andere interindividuelle Unterschiede, wie ethnische, soziale, kulturelle oder generationenspezifische, dabei völlig vernachlässigt würden.

Doch ist die Geschlechtsidentität lediglich eine unserer Identitäten, die wir zwar in die Interaktion mit hineintragen, die jedoch nicht unbedingt stets artikuliert werden muss (s. Samel, 2000, S. 159).

Die Defizit-Hypothese wurde unter anderem von Pamela Fishman (1978 und 1984) anhand von Paargesprächen untersucht (Fishman, 1980). Hauptvertreterin im deutschsprachigen Raum war Senta Trömel-Plötz, deren hauptsächlicher Untersuchungsbereich Fernsehdiskussionen waren (1978 und 1984).[21]

2.1.2.b Differenzhypothese

An Lakoff und ihrer Version der Defizithypothese wurde oft kritisiert, dass auch dort das weibliche Kommunikationsverhalten wieder als negativ bewertet werde. Die Differenzhypothese, auch bekannt als Theorie der Zwei Kulturen, lehnte diese Negativbewertung ab und sah - je nach Vertreter - entweder die Frauensprache als Ideal und das Verhalten der Männer als veränderungsbedürftig an, oder aber sie strebte nach einer kompletten Auflösung der Geschlechterrollen und somit nach einer Art „androgynem“ Sprachverhalten.

Die Differenzhypothese wurde durch Studien von John J. Gumperz (1982) gestützt, der Kommunikationen zwischen zwei verschiedenen Kulturen erforschte.[22] Sein Ansatz wurde von den Forschern Daniel Maltz & Ruth A. Borker (1982) auf die Interaktion zwischen den Geschlechtern übertragen. Ebenso wie die Gesprächsteilnehmer bei Gumperz, die in verschiedenen Kulturen aufgewachsen waren und dort im Zuge ihrer Sozialisation jeweils andere Gesprächsstile erworben hatten, „erlernen“ auch Mädchen und Jungen im Alter von ca. 5 bis 15 Jahren Schritt für Schritt die Regeln der Interaktion normalerweise in getrennt geschlechtlichen Gruppen bestimmter Altersstufen[23]. Aus diesen sozialisationsbedingten Gründen sprechen und kontextualisieren Mädchen und Jungen auch im Erwachsenenalter demzufolge anders und müssen sich bemühen, die ansozialisierten Unterschiede im Sprachverhalten teilweise wieder auszugleichen (vgl. Samel, 2000, S. 160). Maltz & Borker (1991) untersuchten u. a. Gesprächskonflikte zwischen Frauen und Männern und erkannten, dass in den verschiedenen Vorstellungen von einem freundlichen Gespräch und dessen Durchführung ein wichtiger Unterschied besteht (s. Maltz & Borker, 1991, S. 55). Sie zogen daraus den Schluss, dass die Muster des Verhaltens gegenüber Gleichgeschlechtlichen Missverständnisquellen beim Umgang mit Andersgeschlechtlichen seien.

Der amerikanischen Linguistin Deborah Tannen zufolge, deren Untersuchungen ebenfalls auf Gumperz Theorien basierten, lieferte der Rahmen des kulturellen Unterschieds ein Erklärungsmodell dafür, wie Dominanz in direkter Interaktion entstehen könne, die den Lakoff-Anhängern zufolge einzig und allein aus der unterdrückten gesellschaftlichen Situation der Frau resultiere (Tannen, 1993, S. 18). Tannen war der Ansicht, dass Frauen oft erst durch die Unterschiede im charakteristischen Gesprächsstil von Frauen und Männern während der Interaktion in einen untergeordneten Stand versetzt würden.[24] Der Unterschied zwischen ihrem Ansatz und dem der Dominanz-Theoretiker war der, dass nicht immer, wenn es in einer Interaktion zu dominantem Verhalten kommt, dieses auch von den Gesprächsteilnehmern beabsichtigt gewesen sein muss. Weibliche Ohnmacht in Gesprächen wurde von Tannen nicht ausschließlich an der Verwendung sprachlicher Mittel wie Indirektheit, Schweigsamkeit, Stillschweigen und Bestätigungsfragen festgemacht, weil dieselben in einer Gesprächssituation ein Zeichen von Dominanz und in der nächsten ein Zeichen von Solidarität sein könnten.[25] Die „wahre“ Absicht des Sprechers ließe sich nicht allein aus der Untersuchung der sprachlichen Form bestimmen.

Daraus folgt, dass eine fundierte Analyse nie bei der rein quantitativen Auflistung von sprachlichen Erscheinungsformen stehen bleiben darf, sondern dass der forschende Linguist immer auch qualitative Methoden hinzuziehen und den Gesprächskontext im Auge behalten muss. Als Konsequenz aus der Differenztheorie lässt sich schlussfolgern, dass Frauen sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst werden müssten, anstatt dem männlichen Verhalten nachzueifern.

2.1.2.c Doing-Gender-Ansatz[26]

Die Registerhypothese entkräftet sowohl die Annahme, dass es sich beim weiblichen Sprechen um eine defizitäre Variante des männlichen Sprechens handeln könnte, als auch die Fixierung auf das Sprechverhalten von Frauen und das Sprechverhalten von Männern (Differenzhypothese), indem deutlich gemacht wird, dass es sich nicht um Normen [...] handelt, an die Männer und Frauen gebunden sind, sondern dass es sich um ein Repertoire von Möglichkeiten handelt, das beiden Geschlechtern zugänglich ist. (Heilmann, 2002, S. 32)

An der Differenztheorie wurde kritisiert, dass sich die kommunikativen Handlungen von Kindern nicht durchgängig in reinen Jungen- und Mädchengruppen vollziehen, und dass das weibliche Interaktionsverhalten weiterhin auf traditionelle Stereotype reduziert würde. Außerdem seien Differenzen im Sprachverhalten von Frauen und Männern weder statisch noch konstant[27] und ethnische und kulturelle Zugehörigkeit, Alter und sexuelle Orientierung dürften in keinem Fall außer Acht gelassen werden. Das Geschlecht könne nicht als einziger Faktor für das gesamte Interaktionsverhalten einer Person betrachtet werden (vgl. Klann-Delius, 2005, S. 11); schließlich sei eine Frau nicht nur Frau, sondern gleichzeitig vielleicht auch Akademikerin, Ausländerin, Expertin, usw. Mit der Begründung, dass das geschlechtsspezifische Kommunikationsverhalten nicht so eingeschränkt sei, wie in der Differenzhypothese dargestellt, wurde die Annahme eines stabilen Genderlekts zurückgewiesen (Samel, 2000, S.163). Mit „gender“ ist das soziale Geschlecht im Gegensatz zum „sex“, dem biologischen Geschlecht, gemeint und der Genderlekt ist ein Begriff für das Sprachverhalten von Frauen und Männern.[28] Der Genderlekt allein reiche nicht aus, um Unterschiede im Sprachverhalten zu erklären, weil andere Faktoren ebenso wichtig seien, z. B. die situative Dynamik des Gesprächs oder die soziale Konstellation der Gesprächspartner. Dazu Samel:

Der Genderlekt kann nur von Differenzen und Ähnlichkeiten kommunikativer Strategien von Frauen und Männern in einer jeweiligen Kommunikationssituation [Hervorhebung vom Verfasser] ausgehen (Samel, 2000, S.165).

Als Alternative zu den beiden bereits vorgestellten Theorien erschien da der „Doing-Gender-Ansatz“, der ebenfalls aus der amerikanischen Ethnomethodologie stammt. Er geht davon aus, dass das Geschlecht nicht im Individuum als Wesensmerkmal begründet liege, sondern sieht es als Element, das erst aus der Handlung – also der sozialen Situation - heraus entstehe. Dadurch ergab sich als neue Fragestellung die, nach den Methoden, mit denen in der Interaktion aus „sex“ „gender“ konstruiert wird. Während einer Kommunikation werden Machtverhältnisse hergestellt, Weiblichkeit oder kulturelle Differenzen konstruiert. Ziel der Geschlechterforschung war es nun, die Konstruktionsprozesse der Geschlechtertypisierung aufzudecken. Das Geschlecht bildete keine statische Größe mehr, sondern wird während der Kommunikation immer wieder neu hergestellt (vgl. u. a. Klann-Delius, 2005, S. 15). Bestimmte Handlungen werden mit Bedeutungen versehen und sind dann entweder Ausdruck der weiblichen oder der männlichen Natur. Kotthoff schreibt, dass

[...]


[1] An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass gerade in Anbetracht des Themas dieser Arbeit bei allen Personenbezeichnungen immer sowohl die Frauen als auch die Männer gemeint sind, der Einfachheit und im Falle der englischen Fachbegriffe auch grammatikalischen Korrektheit zuliebe aber darauf verzichtet wurde, dies jedes Mal explizit mit anzuführen.

[2] zum Beispiel die Frau als toughe Chefin oder der Mann als Hausmann

[3] Dazu zählten das Sammeln von pflanzlicher Nahrung, das Verarbeiten von Nahrung, das Herstellen von Kleidung und die Produktion von Werkzeugen.

[4] Interessant zu diesem Thema sind die Forschungen von M. Mead zu vormodernen Kulturen aus den 20ern. (Margaret Mead, 1970)

[5] wie zum Beispiel Beziehungspflege, Geduld, Empathie, Solidarität und ständige Verfügsamkeit

[6] z. B. durch ein früheres Abstillen oder strengeres Erziehen zur Sauberkeit

[7] Man konnte in verschiedenen Tests nachweisen, dass Eltern schreienden Mädchen eher Angst und schreienden Jungen eher Wut attribuieren.

[8] basierend auf Goffman (1971): Stil ist das, was jemand tut und was ihn unverwechselbar macht

[9] „Obwohl einerseits die Fokussierung weiblichen Sprachverhaltens einen Paradigmenwechsel in der Gesprächsforschung einleitete, führte sie andererseits gleichzeitig zur Ontologisierung der Differenz. Dieser Weg lässt jedoch aus dem Blick verlieren, dass die Differenzen innerhalb der Gruppe der Frauen oft größer sind als die zwischen Frauen und Männern und das umgekehrt Ähnlichkeiten zwischen Frauen und Männern manchmal größer sind als solche zwischen Frauen […]“ (Heilmann, 2002, S. 32).

[10] Für alle drei Ansätze existieren in der Literatur verschiedene Fachbegriffe. So bezeichnet Samel die Defizithypothese als „Dominanz-Unterdrückungs-Konzept“ und Kotthoff verwendet den Begriff „Defizitkonzeption“. Die Differenzhypothese ist auch als „Theorie der Zwei Kulturen bekannt (z.B. Samel) oder „Differenzkonzeption“ und der Doing-Gender-Ansatz als „Code-Switching-Hypothese“.

[11] Als ein Paradebeispiel für eine (angeblich) reine „Frauensprache“ könnte das Prakrit im vorkolonialen Indien angeführt werden, das als Gegenstück zum Sanskrit – der „Männersprache“ – existierte.

[12] Dadurch ergab es sich, dass Frauen ein größeres Vokabular in Bereichen wie Haushalt, Mode, Kindererziehung und ähnlichem erlangten.

[13] Lakoff verwendete natürlich englische Beispiele (wie „cute“); die hier angeführten Beispiele stammen von Trömel-Plötz, die Lakoffs Theorien erstmalig in Deutschland präsentierte.

[14] bei Lakoff: question-tags („isn’t it?“)

[15] z.B. „ziemlich“, „irgendwie“; verba sentiendi wie: „ich glaube“, „ich denke“

[16] z.B. „so“ in „ich mag ihn so gerne“, anstatt „ich mag ihn sehr gerne“

[17] Die These von der weiblichen Hypergrammatik wurde eigentlich erstmals von Labov (1971) aufgestellt und dann von Lakoff als Charakteristikum für die Frauensprache übernommen (Samel, 2000, S. 31).

[18] häufiger „danke“ und „bitte“, weniger unfeine Ausdrücke, andere soziale Konventionen wie Begrüßungsformeln

[19] diese These wird von Kotthoff (1988) falsifiziert. Frauen erzählen auch Witze, aber andere als Männer.

[20] Werner (1983), Kotthoff (1984), Claudia Schmidt (1988, 1992), Antje Schmidt (1995), Günther (1992), Kuhn (1992, 1996) und Zegers (2004) untersuchten Geschlechterdifferenzen in der Institution Universität. Im Bereich Schule forschten Spender (1984), Homes (1996), Fuchs (1998), Baron (1998) und Meißner (1994). Aries (1984) untersuchte die Kommunikation in reinen Frauengruppen. Gespräche unter Freundinnen wurden von Coates (1996) und Trömel-Plötz (1996) erforscht. Fisher (1984) und West (1984, 1992, 1996) beschäftigen sich mit Arzt-Patienten-Gesprächen. Außerdem lassen sich Untersuchungen von Hirsch (1991), Schlyter (1992) und Lakoff (1992) zu Sprachen vor Gericht und von Burkhardt (1990 und Caja Thimm (1993, 1995) zu Sprachen im Parlament finden.

[21] Weitere Untersuchungen zum Bereich Fernsehen u. a. von Hummel (1984), Ulrike Gräßel (1991, 1997), Helga Kotthoff (1992, 1993), Becker (1995) und Gomard (1997).

[22] z B. die Missverständnisse, die kulturell bedingt bei der Kommunikation zwischen indischen Service-Kräften in einem Flughafen-Restaurant in den USA und den amerikanischen Gästen auftraten.

[23] Die in den Sozialwissenschaften als „Peergroups“ bezeichnet werden.

[24] Sie erklärt z.B. Unterbrechungen von Frauen durch Männer dadurch, dass Männer „an ein Gespräch wie an einen Wettstreit herangehen“ und deshalb daran interessiert seien, das Gespräch möglichst in eine Richtung zu lenken, in der sie sich gut in Szene setzen können (z.B. durch einen erzählten Witz oder eine Geschichte).

[25] Unterbrechungen sind z.B. bei Untersuchungen an reinen Frauengruppen sogar zahlenmäßig häufiger als in reinen Männergruppen festgestellt wurden; werden dort aber als ein Zeichen von Solidarität mit der Sprecherin und Ermunterung weiter zu sprechen aufgefasst (Deborah Tannen, 1993, S. 27, 29).

[26] In der Fachliteratur findet man ihn manchmal auch unter der Bezeichnung „Code-Switching-Hypothese“ oder als „Registerhypothese“ (Heilmann).

[27] Siehe dazu u. a. die Untersuchungen von Gräßel (1991), Schmidt (1998), C. Schmidt (1988), Zegers (2004), bei denen sich zeigt, dass der Status z. B. eine große Rolle bei Unterschieden im Gesprächsverhalten spielt.

[28] stammt von West und Zimmermann (1991)

Details

Seiten
58
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638804509
ISBN (Buch)
9783638807784
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79085
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Gibt Unterschiede Kommunikationsformen

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Titel: Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei den digitalen Kommunikationsformen?