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Von der sozialen Konstruktion der Natur und deren Trennung von der Gesellschaft in der Soziologie

Zur Konstruktion der Natur durch heterogene Akteure und deren Integration in die Gesellschaft in der Akteur-Netzwerk-Theorie

Hausarbeit 2007 31 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedeutung der Natur in der Soziologie
2.1 Entstehung und Aufgaben der Umweltsoziologie
2.2 Zur Konstruktion der Natur in soziologischen Theorien
2.2.1 Die Relevanz von ökologischen Problemen in der System- theorie nach Niklas Luhmann
2.2.2 Das Bild der Natur im Sozialkonstruktivismus

3. Die Akteur-Netzwerk-Theorie
3.1 Auslöser des Paradigmenwechsels und Vorstellung der Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie
3.2 Erläuterung der Grundannahmen anhand der spezifischen Termi- nologie

4. Die Rolle der Natur in der Akteur-Netzwerk-Theorie
4.1 Die Bedeutung der Begriffe Natur, Ökologie und Umwelt
4.2 Der Stellenwert der heterogenen Akteure und das generelle Verhältnis zwischen Natur und Gesellschaft als Resultat der Kritik an der Moderne
4.3 Die Produktion von Milch als Fallbeispiel: Wie aus einer natürlichen Entität ein Hybrid wird
4.4 Die Aushandlung von Rollen zwischen natürlichen, technischen und sozialen Entitäten im Prozess der Übersetzung am Beispiel der Domestikation der Kammmuscheln

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Autofahrer, die ihre Fahrzeuge vor Straßenabsperrungen anhalten mussten und deren Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, Bahnhöfe voller Menschen, die ihre Reise ebenfalls nicht fortsetzen konnten, verschlossene Schulgebäude und Menschen, die in ihren Häusern ohne Licht und Heizung auskommen mussten; all diese Phänomene waren Folgen des Orkans Kyrill, der am 18. Januar 2007 in weiten Teilen Europas wütete und negative Auswirkungen auf die mächtigen Industrienationen hatte. Hier stellt sich die Frage, ob es sich um „höhere Gewalt“ handelte oder ob die Menschen – wie im letzten Monat in den Medien häufig behauptet – an seiner Entstehung sogar beteiligt waren.

Vermehrte Umweltkatastrophen in den vergangenen Jahren haben zu Diskussionen um die Notwendigkeit der Entwicklung eines Konzepts zum Klimaschutz geführt, was bedeutet, dass die Natur gesellschaftliche Relevanz bekommen hat und somit auch aus soziologischer Sicht betrachtet werden sollte. Ist die Natur in soziologische Theorien integriert oder wird sie als von ihnen unabhängig angesehen? Kann man die Gesellschaft überhaupt erklären, ohne die Natur zu berücksichtigen und wie beeinflusst der Mensch die Natur? Wie wird der Naturbegriff überhaupt geprägt und was kann die Akteur-Netzwerk-Theorie, die technische und soziale Akteure nicht länger getrennt betrachten möchte, über das Verhältnis von Natur und Gesellschaft aussagen? Diesen zentralen Fragestellungen werde ich mich im Rahmen der vorliegenden Arbeit zuwenden.

Da ich in ländlichem Gebiet aufgewachsen bin, habe ich die Natur immer als selbstverständlichen Teil meines Lebens wahrgenommen, habe aber in meinem Studium der Soziologie nie über das Verhältnis von Natur und Gesellschaft nachgedacht. Um so interessanter erschien mir die Thematik, als ich auf sie während meiner Beschäftigung mit der Akteur-Netzwerk-Theorie stieß.

Zunächst möchte ich das Naturverständnis in der Soziologie betrachten, um dieses dann später mit dem Naturverständnis in der Akteur-Netzwerk-Theorie vergleichen zu können. Zwei Theorien aus der Soziologie – die Systemtheorie und der Sozialkonstruktivismus – sollen dieses Verständnis aus theoretischer Perspektive beleuchten. Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann wurde hier gewählt, da sie häufig mit der Akteur-Netzwerk-Theorie verglichen wird und der Sozialkonstruktivismus, weil sich der berühmteste Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie dieser Richtung zuerst zugehörig fühlte. Dann erfolgt die generelle Erläuterung der Grundannahmen der Akteur-Netzwerk-Theorie, bevor ich mich konkret dem Naturverständnis in dieser Theorie zuwenden werde. Ich erachte es für notwendig, der Klärung der Begriffe Natur, Ökologie und Umwelt ein Kapitel zu widmen, da diese in der Alltagssprache häufig wie Synonyme verwendet werden. Danach werde ich auf das Verhältnis von Natur und Gesellschaft und den Stellenwert der einzelnen Akteure eingehen. Zwei Fallbeispiele sollen die Vorgehensweise der Forscher aus dem Bereich der Akteur-Netzwerk-Theorie und den Aushandlungsprozess von Rollen verdeutlichen sowie die Verbindung von Natur und Gesellschaft exemplarisch darstellen. Ausklammern möchte ich die politischen Konsequenzen dieses Verständnisses, da dies hier zu weit führen würde.

Ziel der Arbeit ist, den Wandel des Naturverständnisses und dessen Folgen herauszuarbeiten.

2. Die Bedeutung der Natur in der Soziologie

2.1 Entstehung und Aufgaben der Umweltsoziologie

Die Umweltsoziologie hat sich zur Aufgabe gemacht, das Verhältnis der Gesellschaft zu ihrer Naturumwelt zu untersuchen, welches durch gesellschaftliche Kommunikation über Umweltbezüge und der gesellschaftlichen Organisation des Umwelthandelns entsteht (vgl. Huber 2002, S. 1)[1].

Über das Auftreten von Umweltrisiken wird jedoch seit einigen Jahren schon kontrovers diskutiert (vgl. Kropp 2002, S. 50f.). Hier stehen sich der Realismus – Umweltrisiken lassen sich naturwissenschaftlich und somit objektiv erklären – und der Konstruktivismus – Umweltrisiken sind sozial konstruiert – gegenüber. Für die Soziologen steht jedoch außer Frage, dass die Natur mit naturwissenschaftlichen Methoden allein nicht ausreichend erfasst werden kann, da so das subjektive Empfinden der Individuen nicht gemessen wird (vgl. Diekmann/Jaeger 1996, S. 15). Melanie Reddig erläutert die Dimensionen, die bei einer Analyse des gesellschaftlichen Verhältnisses zu ihrer Naturumwelt berücksichtigt werden müssen folgendermaßen:

„Als biologisches Wesen ist der Mensch in die materiellen Produktionsbedingungen eingebettet, beeinflusst sie und wird von ihnen beeinflusst. Als kulturelles Wesen erzeugt der Mensch eine sinnhafte Ordnung, in der er sich zurecht findet, indem er Natur und Gesellschaft als geordnete Sphären der Welt konstruiert.“ (Reddig 2006, S. 130).

Für sie sind also die Beschaffenheit der Natur einerseits und die Konstruktion des Naturbegriffs andererseits notwendige Untersuchungsgegenstände.

Die ökologischen Probleme der Gegenwart können nur gelöst werden, indem die Anreizstrukturen für Handlungsprozesse bzw. die sozialen Normen verändert werden (vgl. Diekmann/Jaeger 1996, S. 11). Deshalb sollen in der Umweltsoziologie die sozial produzierten ökologischen Probleme und die gesellschaftliche Reaktion darauf untersucht werden. Hier stellt sich freilich die Frage, ob es überhaupt rein sozial produzierte ökologische Probleme gibt, was in einem späteren Kapitel noch zu klären sein wird. Technischen Innovationen wird zwar eine Beteiligung an ökologischen Problemen zugesprochen, jedoch entstehen diese auch aufgrund von anreizorientierten Handlungen sozialer Akteure (vgl. ebd., S. 11). Des Weiteren spielen aber auch Lebensstile, Umweltwerte und Handlungsspielräume wie Rechtsnormen eine Rolle, wenn man das Umwelthandeln von Individuen und sozialen Kollektiven verstehen möchte (vgl. ebd., S. 12).

Auch wenn die Umweltsoziologie noch eine relativ junge Disziplin ist – sie entstand Ende der 1970er Jahre – kann sie auf traditionelle Theorien und Forschungsmethoden zurückgreifen (vgl. ebd., S. 15f.). Dennoch hat sich die Umweltsoziologie bis in die 1990er Jahre schwer getan, ein eigenes Forschungsprofil zu entwickeln (vgl. Huber 2002, S. 2). Ursprünglich wurde die Soziologie gegründet, um sich mit dem Sozialen und nicht mit dem Natürlichen zu beschäftigen. Schließlich existierte für die Natur schon eine eigene Wissenschaft. Es erfolgte also eine strikte Trennung zwischen Natur und Gesellschaft. Max Weber, einer der Begründer der Soziologie, erkennt zwar die Natur an, für ihn ist sie aber nicht natürlich, sondern eine Projektion der Gesellschaft (vgl. Kropp 2002, S. 36). Die Natur wird von den Soziologen häufig als gestaltbar angesehen und die Verdrängung der natürlichen Natur und deren Beherrschung durch die westlichen Gesellschaften wird als Überlegenheit gegenüber den „Naturvölkern“ interpretiert (vgl. ebd., S. 37). Der Dualismus zwischen Natur und Gesellschaft wird aber heute in der Soziologie auch immer mehr in Frage gestellt. Die Forderung nach einer interdisziplinären Umweltforschung wird laut (vgl. ebd., S. 34). Als Ursache für diesen Wandel wird das aufkommende Umweltbewusstsein in den Industrienationen seit den 1970er Jahren angeführt (vgl. Huber 2002, S. 2), was durch die Ökologiebewegung und den öffentlichen Diskurs über die „Ökologische Krise“ entstanden ist. Insgesamt lassen sich zwei Arten des Umweltbewusstseins in der Bevölkerung erkennen, die aus den vorherrschenden Weltanschauungen und Werteorientierungen resultieren (vgl. ebd., S. 3): Die Materialistisch-Utilitaristische, die trotz ihrer Nutzenorientierung die Umwelt als Lebensgrundlage anerkennt und die Postmaterialistisch-Idealistische, die die Umwelt als Schöpfung ansieht, in die man sich behutsam einfügen muss. Umweltschutz wird von den Menschen aufgrund ihrer eigenen Lebensqualität und dem Erlebniswert der Natur für wichtig erachtet (vgl. ebd., S. 7).

Zimmermann argumentiert, dass die „Ökologische Krise“ nur aufgetreten ist, da Bestand und Existenz der Gesellschaft bedroht zu sein scheinen, sie also soziologisch relevant und somit auch rein sozial konstruiert worden ist (vgl. Zimmermann 2001, S. 9f.). Die industriell-kapitalistische Moderne ist als Bewältigung des krisenhaften Gesellschaftsverhältnisses zur Natur entworfen worden.

Festzuhalten bleibt, dass der Naturbegriff zwar Einzug in die Soziologie gefunden hat, über dessen Bedeutung und Verhältnis zur Gesellschaft aber noch keinesfalls eine Einigung erzielt werden konnte. Die Auffassung Zimmermanns, dass die „Ökologische Krise“ erst durch die gesellschaftliche Interpretation ihre Relevanz erhält, soll in den folgenden zwei Theoriebeispielen näher betrachtet werden.

2.2 Zur Konstruktion der Natur in soziologischen Theorien

2.2.1 Die Relevanz von ökologischen Problemen in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann

Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann basiert auf der Differenz zwischen System und Umwelt (vgl. Smaus 1998, S. 1). Die Systeme weisen gegenüber der Umwelt ein höheres Maß an Organisation auf, wobei das System die Grenze zwischen System und Umwelt selber steckt (vgl. ebd., S. 1).

Nach Luhmann umfasst Soziales ausschließlich Kommunikation (vgl. Reddig 2006, S. 131). Deshalb ist die Gesellschaft ein geschlossenes Kommunikationssystem, das sich ausschließlich über Kommunikation reproduziert. Somit ist die Gesellschaft als ein selbstreferentiell autopoietisches System zu verstehen, da es das Element Kommunikation in einem fortlaufenden Prozess selber erzeugt. Aus diesen Grundannahmen folgt, dass das Gesellschaftssystem nur Bestand haben kann, wenn die Verarbeitung von Kommunikation aufgrund vorangegangener Kommunikation fortgesetzt wird.

Natürliches ist für die Gesellschaft unzugänglich. Deshalb ist die Trennung von Natur und Gesellschaft für Luhmann unvermeidbar (vgl. ebd., S. 131). Dies bedeutet jedoch nicht, dass keine natürliche Realität existiert, sondern lediglich, dass das Gesellschaftssystem keinen Zugriff auf diese außersystemische Realität hat. Die gesellschaftsexterne Umwelt besteht aus organischen, chemischen und psychischen Systemen (vgl. ebd., S. 135). Die Trennung von Naturwelt und Sozialwelt versteht Luhmann als Konstruktionsleistung (vgl. ebd., S. 133). Da Kommunikation auf Unterscheidungen beruht, werden Natur und Soziales auch als etwas Unterschiedliches konstruiert. Die Differenz zwischen System und Umwelt ist also ein durch das System produzierter und auch nur durch das System beobachtbarer Unterschied. Das System verfügt über Stellen, die es mit der Umwelt verbinden, welche als „Strukturelle Kopplung“ bezeichnet werden (vgl. Smaus 1998, S. 2). Über diese können Systemoperationen von den Umweltbedingungen beeinflusst werden und umgekehrt. Diese Einflüsse erhalten allerdings nur dann Relevanz für das System, wenn sie kommuniziert werden. Dafür müssen sie das Bewusstsein und die Kommunikation durchlaufen, wodurch sie zu sozialen Konstrukten werden. Daher werden ökologische Probleme nur in seltenen Fällen bedeutsam für das Gesellschaftssystem (vgl. Reddig, 2006, S. 129). Die Zuspitzung ökologischer Probleme in der Moderne führt Luhmann auf die Ausdifferenzierung von Teilsystemen zurück, die auf ihre je spezifische Weise Einfluss auf die gesellschaftsexterne Umwelt nehmen (vgl. ebd., S. 140). Ökologische Probleme bekommen nur dann Aufmerksamkeit, wenn sie in dem jeweiligen Subsystem, für das alle anderen Subsysteme Umwelt sind, als bedrohlich angesehen werden, was aber noch nicht bedeutet, dass sie für die gesamte Gesellschaft als relevant eingestuft werden. Probleme können jedoch nur dann gelöst werden, wenn sich mehrere Subsysteme deren bewusst sind und sich an deren Lösung beteiligen. Denn wie soll ein Subsystem Umweltschäden beseitigen, wenn ein anderes diese kontinuierlich verursacht?

Für Luhmann kann der Dualismus zwischen Natur und Gesellschaft, der als soziale Konstruktionsleistung verstanden wird, nicht überwunden werden. Kann dieser nicht aufgelöst werden, indem sich die Einstellungen des Gesellschaftssystems zur gesellschaftsexternen Umwelt wandeln und somit auch die Konstruktion des Naturbegriffs verändert wird?

[...]


[1] Die Seitenzahlen zu dieser Literaturangabe beziehen sich auf die online veröffentlichte PDF-Datei des Textes.

Details

Seiten
31
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638852838
ISBN (Buch)
9783638853774
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v79067
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Schlagworte
Konstruktion Natur Trennung Gesellschaft Soziologie Actor Network Theory Medientheorie

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