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Matrice républicaine - Kontinuitäten zwischen Vichy und der Dritten Französischen Republik

Essay 2007 11 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Verfall liberaler und demokratischer Grundsätze

3. Gérard Noiriel – Les Origines républicaines de Vichy
3.1. Ursprung eines ländlichen Antirepublikanimus
3.2. Scheitern des compromis républicaines
3.3. Ausgrenzung und Diskriminierung von Ausländern und Juden
3.4. Obsession d’idendité – technokratische und bürokratische Vorraussetzungen
3.5. Sozialwissenschaftliche Grundlagen

4. Kristen Stromberg Childers – Familienpolitik

5. Zeev Sternhells – Faschismus in Frankreich

6. Zusammenfassung

7. Literatur

1. Vorbemerkung

Nach nur wenigen Wochen deutscher Offensive, denen zermürbende neun Monate ohne jegliche Kriegshandlung, bei voller Mobilisierung des französischen Heeres im sogenannten „Drôle de Guerre“ vorausgingen, zeichnete sich im Juni 1940 für Frankreich eine demütigende Niederlage ab. Der „Held von Verdun“ Philippe Pétain wurde vom Präsidenten der Republik Albert Lebrun zum Ministerpräsidenten berufen. Pétain stand für einen raschen Frieden, verbunden mit der Kapitulation gegenüber dem übermächtig erscheinenden Deutschland, und traf somit den Nerv der nach der Niederlage und dem zermürbenden Warten demoralisierten Franzosen. Pétains erste Amtshandlung stellten die Waffenstillstandsverhandlungen mit dem Nazi-Regime dar, die in Compiègne am 22. Juni mit weitreichenden Folgen für Frankreich unterzeichnet wurden. Pétain wurde am 11. Juli von der Nationalversammlung in Vichy mit großer Mehrheit zur Erstellung einer neuen Verfassung ermächtigt, was im Zusammenhang mit der unmittelbaren Erfahrung der vernichtenden Niederlage aber auch mit der außerordentlichen Popularität zu sehen ist, die der 84- jährige Marschall in der französischen Öffentlichkeit inne hatte. Pétain, der es während der gesamten Zwischenkriegszeit verstanden hatte, von seiner Reputation als Kriegsheld zu profitieren und politischen Einfluss auszuüben, wurde zugetraut, die Einheit und das Fortbestehen des Landes über Parteigrenzen hinweg zu sichern. Doch war der der Action fran Vaise nahestehende „Held von Verdun“ weder Befürworter eines Parlamentarismus noch der Republik und war zudem von einem starkem Antisemitismus geprägt.

Am 18. Juli 1940 sprach sich das Parlament mit 569 zu 80 Stimmen für die von Marschall Pétain vorgelegte Verfassungsänderung aus. Pétain wurde dadurch mit großer Mehrheit zum Chef d’État. Er übernahm nicht nur die Funktion des Staatspräsidenten Lebrun, sondern verfügte forthin über das Weisungsrecht der Exekutive, Legislative und Judikative. Das Parlament sollte danach für die nächsten drei Jahren nicht mehr zusammentreffen. An die Stelle der Dritten Republik trat im Zuge der von Marschall Pétain propagierten Révolution Nationale mit dem État Fran Vais eine autoritäre Staatsform.

Neben der autoritären Organisation des Staates waren die vorherrschenden Motive der Révolution Nationale „le retour aux antiques traditions paysannes, le rejet des étrangers, et la discrimination dite raciale“[1], die in einem staatlich verordneten Antisemitismus münden sollte. Doch wie konnte sich in Frankreich, im Land der Revolution von 1789, einem Land mit großer liberaler und republikanischer Tradition, in kürzester Zeit ein Regime etablieren, das diese Ideen verfolgte und durch autoritäre Strukturen auch umzusetzen wusste? In wie weit waren Ideologie und Umsetzung schon in der Dritten Republik angelegt, sozusagen aus der „matrice républicaine“[2], dem republikanischen Prägestock geboren?

In der vorliegenden Arbeit soll die These vertreten werden, dass man zahlreiche „Kontinuitäten zwischen Vichy und seinem Vorgänger finden“[3] kann. Es soll daher darauf verzichtet werden, Vichy rein ereignisgeschichtlich zu bewerten und als Bruch zur aufgelösten Republik zu verstehen. Vielmehr sollen die „Origines républicaines de Vichy“[4] in verschieden Bereichen aufgezeigt, und das Hauptaugenmerk somit auf die langfristigen strukturellen Ursachen gelegt werden. Es wird hierfür explizit auf Forschungsmeinungen zurückgegriffen werden.

2. Verfall liberaler und demokratischer Grundsätze

Als die Republik im Juli 1940 aufgelöst wurde, hatte sie mit der Zwischenkriegszeit eine Phase hinter sich, in der die republikanische Ordnung und liberale Grundsätzen nicht nur in Frankreich zunehmend an Bedeutung und Zuspruch verloren. Vor allem die 1930er Jahre wurden von den Zeitgenossen als eine „période de malaise profond“[5] betrachtet: Wirtschaftsprobleme wurden von Unruhen und Aufständen in den Kolonien begleitet. Zudem fühlte sich Frankreich außenpolitisch zunehmend isoliert. Frankreichs Parlamentarismus mit häufig wechselnden Mehrheiten und freier Wirtschaftsordnung schien den autoritär regierten Nachbarländern unterlegen. In wie weit diese Selbstwahrnehmung wirklich zutraf, sei da hingestellt. Doch entwickelten sich aus der tief verankerten Krisenstimmung Tendenzen weg von den liberalen politischen Grundsätzen des republikanischen Staats- und Kulturmodell und hin zu autoritären Vorstellungen. Dies kann an den zahlreichen Ermächtigungsgesetzen in der späten Phase der Dritten Republik festgemacht werden, die zum einen von bereits in der Spätphase der Republik existenten autoritären Tendenzen und zum anderen von einer zunehmenden Personalisierung in der Politiklandschaft Zeugnis ablegen. Hoffnung wurde auf den einzelnen Politiker übertragen, getragen von der Bereitschaft die Regierungsarbeit vom Parlament unabhängig zu machen. Ein weiterer Punkt ist im hohen Ansehen zu sehen, das den Einheitsregierungen seit der Heiligen Union zu Teil wurde, was nicht gerade dem Wesen eines pluralistischen Parlamentarismus entspricht. Ferner zeigt sich der Verfall der liberalen politischen Kultur im Umgang mit den Kommunisten in den Jahren 1939/1940. Der Linie Moskaus folgend, sprachen die Kommunisten sich im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes gegen den Krieg aus, was von Daladier zum Vorwand genommen wurde, die PCF zu verbieten. Er erfüllte so den schon lange gehegten Wunsch der Rechten. Damit verbunden war der Ausschluss der Kommunisten aus Legislativorganen auf allen Ebenen des französischen Staates sowie zahlreiche Verhaftungen. Diese Maßnahmen standen in starkem Kontrast zum Umgang mit dem rechtsgerichteten Comité France Allemagne, das in regem Kontakt mit den Nationalsozialisten stand, von den Säuberungen aber verschont blieb und nicht verboten wurde. Der Niedergang des liberalen Gedankenguts zeigte sich aber auch schon früher: In den Debatten um die Volksfrontregierung und v.a. um die Person Léon Blums wurde der latente Antisemitismus, in Frankreich seit der Dreyfußaffäre stets vorhanden, immer deutlicher. In den letzten Vorkriegsjahren wurden vor allem Juden und Ausländer durch stark rassistisch geprägte Polemik als Verursacher der nationalen Krise angesehen.

[...]


[1] Régis Meyran, Vichy ou la « face cachée » de la République, L'Homme 160/2001, http://lhomme.revues.org/document131.html (27.6.), S. 178.

[2] MEYRAN: Vichy, S. 178.

[3] BARUCH, Marc-Olivier: Das Vichy-Regime. Frankreich1940-1944, übers. von MARTENS-SCHÖNE, Birgit, Stuttgart 1999, S. 197.

[4] Vgl. den Titel: NOIRIEL, Gérard: Les Origines républicaines de Vichy, Paris 1999.

[5] STERNHELL, Zeev: Ni droite, ni gauche. L’idéologie fasciste en France, Paris² 1987, S. 343.

Details

Seiten
11
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638827850
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78981
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Matrice Kontinuitäten Vichy Dritten Französischen Republik

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