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Ursachen und Motive aggressiven Verhaltens bei Fussballfans

Hausarbeit 2006 22 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1. Historisches
1.1. Zivilisationsprozess, aggressive Handlungen und deren Motive im Sport

2. Fußball und Gewalt
2.1. Ursachen der Gewalt im Fußballsport
2.2. Ursprünge von Gewaltmotiven im Fußballsport
2.3. Sozialökonomische Motive der Gewalt

3. Zuschauer,- und Fanverhalten
3.1.Motive der Zuschauer und Fans
3.2. Die Hooligan-Problematik, Motivation zur Gewalt bei Fallbeispielen
3.3.Aussagen von Hooligans
3.3.1. Bewertung der Aussagen

4.Erklärungsversuche aggressiver Handlungen
4.1.Pluralistischer Ansatz zur Erklärung aggressiver Handlungen

5.Diskussion

Einleitung

Der moderne Zuschauersport bezieht seine Popularität nicht ausschließlich aus den erwarteten Ausnahmeleistungen der Athleten, sondern zu einem erheblichen Teil aus der Erwartung illegitimer, spektakulärer, insbesondere gewalttätiger Aktionen von Aktiven und Zuschauern.

Je nachdem, ob es sich um die Gewalt der Spieler, von Funktionären oder eben Fans und Hooligans handelt, legt man eine unterschiedliche Meßlatte der Toleranz an. Im Einzelnen:

Die Gewalt der Sportler wird verniedlicht als die Gewalt der „Cleveren“, der „Schlitzohren. Sie wird verharmlost und heruntergespielt oder nur vordergründig im Sinne einer öffentlich propagierten „Umweltmoral“ (Bette 1999) bzw. „Moral der öffentlichen Lippenbekenntnisse“ (Lenk 1988) bekämpft.

Die Gewalt der Fans, der Hooligans wird dämonisiert, kriminalisiert und dramatisiert als die Gewalt von „kriminellen Gewalttätern“ und als die Gewalt von „Chaoten“. Diese Gruppe hätte mit dem Sport an sich nichts zu tun und würde „unseren geliebten Sport“ kaputt machen. Das allerdings diese Art der Gewalt mit der ersten Art sehr viel gemeinsam hat, wird leider immer wieder übersehen oder einfach ignoriert, oftmals auch einfach geleugnet. In der folgenden Arbeit möchten wir diese These in Form einer interpretierten Collage von Fallbeispielen ein wenig detaillierter darlegen.

Dabei werden wir nach einem kurzen geschichtlichen Ausflug in den Zivilisationsprozess einen soziologischen Exkurs über die Bedeutung des Er- und Auslebens von Emotionen und Motivationen im Altertum und in modernen Industriegesellschaften machen. Wir untersuchen die Wandlungen im Fußballsport anhand einiger Fallbeispiele aus dem Bereich der Hooliganproblematik. Schließlich werden unsere Ausführungen mit einer sozialkritischen Klammer umschlossen und Fragen nach möglichen Konsequenzen diskutiert.

1.Historisches

1.1. Zivilisationsprozess, aggressive Handlungen und deren Motive im Sport

Neben dem Doping gehört die Gewalt im Umfeld von Fußballspielern zu den in den letzten Jahren am häufigsten diskutierten Problemfeldern des Sports. Als ein völlig neues Problem dabei werden Zuschauerausschreitungen betrachtet. Im Anschluss an die Ereignisse von 1985 um das Europapokalendspiel zwischen Liverpool und Turin in Brüssel, als 39 Fußballfans bei Ausschreitungen ums Leben kamen, entwickelte sich die Lage zu einem gravierenden sozialen Problem.

Es sind uns allerdings bereits von den Wettkämpfen der Antike Zuschauerausschreitungen bekannt. So wurden bereits in der Antike Gladiatorenkämpfe veranstaltet, um die Gunst der Massen zu gewinnen und ihre Schaulustigkeit zu befriedigen. Um den Sensationsgehalt der Kämpfe zusätzlich zu steigern wurden die weichen Lederriemen durch harte Kernlederstreifen mit spitzen Metallstacheln ersetzt.

Im 11. und 12. Jahrhundert vollzog sich allmählich ein Wandel. Grund dafür war, dass Besitztum verteidigt werden musste. Es bildeten sich Schichten und auch Standesunterschiede zwischen den Kriegern. Somit wurde die Gewalttätigkeit bis heute aus der Alltagsrealität verbaut und von der Realität auf die Bühne der Ästhetik verschoben.

Die Analysen und Ratschläge des Militärschriftstellers TACITUS in seinem Buch über die Verteidigung befestigter Plätze und über die Sicherheitsmaßnahmen bei den Dionysien in Chios lesen sich „wie der Einsatzplan eines heutigen Polizeipräsidenten für eine sportliche Großveranstaltung“ (Lämmer 1986).

In Olympia beispielsweise gab es besondere Einheiten, die für die Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung bei Sportfesten sorgten.

Diese Beamten wurden „Stock- und Peitschenträger“ genannt. Sie sorgten bei diesen Festen für Ordnung und hatten das ausdrückliche Recht körperlicher Züchtigung.

Die Heiligtumverwaltung des Stadions von Delphi sah sich um 450 vor Christus dazu genötigt, die Mitnahme von Wein in den inneren Bereich des Stadions zu untersagen, nachdem wiederholt betrunkene Zuschauer bei wettkämpfen randalierten. Dabei wurde

Denunzianten die Hälfte des Strafgeldes in Aussicht gestellt um dieser unpopulären Maßnahme zum Erfolg zu verhelfen. Die jüngsten Alkoholverbote in bundesdeutschen Fußballstadien hatten also berühmte antike Vorbilder. Auch aus dem Mittelalter sind uns gewalttätige Auseinandersetzungen im Umfeld von Sportwettkämpfen überliefert.

Ende des 19. Jahrhundert sorgte man sich in England „um die steigende Zahl unkontrollierter Fans“ (Dunning 1984, 124). Der Fußballverein SV Werder Bremen wendet sich 1908 aus ganz offensichtlich ähnlichen Beweggründen an die Polizeidirektion Bremen mit der Bitte der Bereitstellung von 2 Beamten, um vor herumpöbelnden Zuschauern geschützt zu werden.

„Der Grund unseres Gesuches ist unsere Schutzlosigkeit gegenüber dem pöbelhaften und auch schädigenden Benehmen ganzer Truppen halbwüchsiger und auch älterer Burschen“ (Wallenhorst/Klingebiel 1988). Wir können also feststellen, dass die Gewalt im Umfeld von Fußballspielen kein neues Problem ist. Bezüglich der Ursachen und Anlässe hat sich jedoch ein wesentlicher Wandel vollzogen. Heute haben sich die Motive der Gewalt von Fans und vor allem der Hooligans weitestgehend vom Zusammenhang mit dem Spielgeschehen gelöst und eine Eigendynamik, Verselbstständigung erfahren. In der Antike und im Mittelalter waren die Zuschauerausschreitungen noch weitestgehend im Kontext mit der gesellschaftlich erheblich höheren Gewalttoleranz und Akzeptanz individueller körperlicher Gewalt zu sehen, und die Pöbeleien, der Vandalismus, die Gewalt Ende des 19. Jahrhunderts/ Anfang des 20. Jahrhunderts noch sehr viel stärker im Zusammenhang mit dem eigentlichen Spielgeschehen zu sehen.

2. Fußball und Gewalt

2.1. Ursachen der Gewalt im Fußballsport

Die Motive, welche Fußballfans haben um Gewalt zu rechtfertigen sind vielfältig.

Der Einfachheit halber werden „Sozio-kulturelles Wertsystem“ und „politisch-ökonomische Bedingungen“ zusammengefasst, da sie alle anderen sportübergreifenden Faktoren entscheidend beeinflussen.

2.2. Ursprünge von Gewaltmotiven im Fußballsport

Der Ursprung für das Auftreten von Aggressivität und Gewalt im Sport kann wie schon oben erwähnt im Wandel unserer Gesellschaft gefunden werden, da unsere Gesellschaft zu einer elitären umgeformt wird. Ihre Eliten sind die Leistungseliten. Aber der Sport bietet mehr. Zum Beispiel die große Chance, sich zu beweisen, den Sprung ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu schaffen und das Gefühl zu erlangen, etwas Besonderes zu sein. Heute allerdings stehen neben Siegen und Überlegenheit 2 viel wichtigere Ziele, nämlich Macht und Geld. Und nicht nur für den Athleten selbst spielt das eine wichtige Rolle, auch Trainer, Vereine, Verbände und Funktionäre wollen Geld bzw. Profit.

Es hat sich somit ein Konkurrenzkampf entwickelt, der sich von spielerischen zu ernsten Absichten und von Selbst- zu Fremdzweck entwickelt hat. So tragen Veränderungen im kommerzialisierten Fußballsport, die Emotionalisierung der Zuschauer, die Wandlung von der schönsten Nebensache der Welt, zur Hauptsache, zum harten, manchmal leider sogar brutalen Existenzkampf, zur Unterhaltungsware, mit dazu bei, dass die traditionelle Anhänger- und Fangemeinschaft mehr und mehr auseinander fällt. Aus dem Spieler zum Anfassen, dem „greifbaren subkulturellen Repräsentanten“ (Lindner/Breuer 1982) wurde der distinguierte Star, dessen Treue und Verbundenheit zum Verein nicht einmal mehr langfristige Verträge, geschweige denn die soziokulturelle, lokale Verwurzelung, sondern allein die Höhe der finanziellen Zuwendungen bestimmen. Ebenso wandelte sich auch der kumpelhafte Anhänger zum leidenschaftlichen Fan und schließlich zum coolen distinguierten Hooligan, als letzte Stufe der Distanz von Spieler, Verein und Zuschauer.

Der Fan und Star sind - wie Bott 1988 treffend schreibt - zwei Seiten einer Medaille, deren „aktuelle und fortgeschrittene Variante der ausgekochte Profi ist, der flexibel und cool wie ein elitärer Hooligan die regionale Vereinsgebundenheit ebenso abstreift wie sein Trikot und dort auftritt, wo das meiste Geld bezahlt wird, respektive beim Hooligan, wo die beste action abgeht“.

Dadurch gelangt Gewalt und Aggressivität zum Vorschein und Fairness und humane, menschenwürdige Verhaltensweisen haben keinen Platz mehr.

2.3. Sozialökonomische Motive der Gewalt

Die Menschen moderner Industriegesellschaften sehen sich im Laufe des Zivilisationsprozesses zunehmend einem zivilisatorischen Druck ausgesetzt. Sie müssen sich und ihr Verhalten ständig und stetig unter Kontrolle halten, ihre Affekte und Emotionen zurückdrängen, unterdrücken oder - wie Elias 1977 es nennt - „ihren Triebhaushalt und Affekthaushalt kontrollieren“. Wir haben uns praktisch laufend unter Kontrolle. Oder im wahrsten Sinne des Wortes in der Gewalt. Wir unterdrücken unsere aktuellen Befindlichkeiten, unsere aktuellen Bedürfnisse, um andere nicht zu stören, um ein so hochkomplexes Zusammenleben, wie dies in modernen Industriegesellschaften erforderlich ist, zu ermöglichen. Das alles bleibt natürlich nicht ohne Folgen: So fragt Keim 1997 zu recht, ob „nicht mit unserer gesellschaftlichen Entwicklung ein Stau überdisziplinierten Ansichhaltens einhergeht, der sich dann zunehmend häufiger entlädt in Aggressionen, unterschiedlichen Formen von Selbstzerstörung oder Fluchtbewegungen“. Dies umso mehr, als Spannung und Affektivität wesentliche Triebfedern menschlichen Verhaltens sind. Wird nun der Trieb- und Affekthaushalt gedämpft, führt dies entsprechend zu einem verstärktem Bedürfnis nach affektiven Erlebnissen. Gemeint sind Erlebnisse, die immer schwerer in zivilisierten Industriegesellschaften real ausgelebt werden können. Die Erprobungs- und Erfahrungsspielräume für affektive Erlebnisse werden immer seltener und enger.

Elias, 1977 schreibt hierzu:

„Wir müssen heute die Balance halten zwischen der gefühlsmäßigen Reserve, die uns vor allem das Berufsleben auferlegt, und den Sphären, in denen eine gemäßigte Affektivität ihre Befriedigung finden kann.

Das letztere ist beispielsweise möglich, wenn wir einen Wildwestfilm ansehen, an Fußballspielen teilnehmen oder ins Konzert gehen und uns vor der Musik Beethovens erregen lassen.“

Griese, 1997 geht noch weiter:

„Das zunehmende Risikoverhalten vieler junger Menschen, vor allem junger Männer mit fanatischen Einstellungen und diffusen Zukunftsperspektiven, muss als Teil einer neuen (Über)Lebensstrategie interpretiert werden. „Was schert mich mein Raucherbein in 30 Jahren, ein blaues Auge am Wochenende, wenn jeden Moment die Menschheit verdampfen kann“?! - Lebensgefühle der jungen Generation! Die Attraktivität eines gewissen gesundheitlichen Risikoverhaltens in der jugendlichen Subkultur und die Versuche, durch Extremverhalten Anerkennung zu erheischen scheinen zuzunehmen.“ Die erlebnisarmen Wohngebiete und die Eintönigkeit des Alltags vieler Kinder und Jugendlicher führen zu vermehrten Raten „abweichenden“ Verhaltens. Es ist also durchaus nicht ungewöhnlich, dass in einer verampelten Gesellschaft, in der viel zu viele Ampeln auf „rot“ stehen und in der Verbotsschilder jeglichen kindlichen und jugendlichen Bewegungsdrang bereits im Keim ersticken, abweichende Verhaltensweisen auftreten. In einer Gesellschaft, in der Gerichtsurteile Sportplätze und überhaupt Bewegungsräume in unmittelbarer Wohnungsnähe schließen, in der die Räume zur freien Entfaltung und Bewegung immer geringer werden, ist Gewalt entsprechend vorprogrammiert und die zuweilen irritierenden, gewaltförmigen Verhaltensweisen Jugendlicher als durchaus „angemessene“ emotionale Antwort zu verstehen.

Die zunehmende ordnungspolitische Besetzung von Stadion führt dazu, dass den Jugendlichen zusätzlich ein wichtiger Freiraum für ihr jugendspezifisches Verhalten genommen wird. So wies Stollenwerk 1979 in seiner Untersuchung nach, „dass 50% der jugendlichen Fußballfans das Stadion als Freiraum für Verhaltensweisen empfinden, die ihnen im normalen sozialen Umfeld Unannehmlichkeiten bereiten würden“.

Dies gilt im Übrigen keineswegs nur für die jugendlichen Fans und Hooligans, sondern auch für die erwachsenen „Oberschicht-Fanatiker“.

Wer sich einmal während eines Fußballspiels im Sitzplatzbereich oder gar in der „VIP- Lounge“ aufgehalten hat, dem wird dies schnell klar werden. Was dort an Emotionen freigesetzt wird, geht nicht auf die sprichwörtliche Kuhhaut. Auch der ehemalige Bundesligaschiedsrichter bekundete offen, dass er von Fans noch nie so übel beschimpft worden sei, wie von den Herren im Ehrengastbereich. Ebenso gilt diese Aussage für die vielen fremdenfeindlichen und rassistischen Sprüche, die man im Stadion leider immer wieder zu hören bekommt. Sportveranstaltungen sind gute Gelegenheiten, den inneren Emotionen freien Lauf zu lassen, zu brüllen, zu schreien und seinen Alltagsfrust abzulassen. Fußballfans verdeutlichen dies durch Parolen und Lieder, mit denen sie die Stärke der eigenen Mannschaft demonstrieren wollen, aber auch die gegnerische Mannschaft und die gegnerischen Fangruppen provozieren wollen.

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Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638852685
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78968
Institution / Hochschule
Fachhochschule Sozialpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Ursachen Motive Verhaltens Fussballfans Psychologie

Autor

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Titel: Ursachen und Motive aggressiven Verhaltens bei Fussballfans