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Inflation Targeting

Seminararbeit 2007 20 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inflation Targeting als Zielregel
2.1 Das Modell
2.2 Instrument- und Zielregeln
2.3 Inflation Forecast Targeting

3. Elemente des Inflation Targeting
3.1 Charakterisierung
3.2 Motive
3.3 Transparenz

4. Ausgestaltung der Inflationssteuerung
4.1 Art und Höhe des Inflationsziels
4.2 Form des Ziels und des Politikhorizontes

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Während lange Zeit Zwischenzielregeln wie eine Geldmengen- oder Wechselkurssteuerung praktiziert wurden, spielt seit 1990 ein System, das als Inflation Targeting bezeichnet wird, eine bedeutende Rolle in der Geldpolitik. Seit der Einführung durch Neuseeland übernahm eine Reihe von Staaten diese Form der Gestaltung mit Erfolg. In allen Ländern sanken die durchschnittlichen Inflationsraten sowie deren Volatilität während das durchschnittliche Wirtschaftswachstum zunahm.[1] Das Inflation Targeting erscheint auf den ersten Blick als perfekter geldpolitischer Rahmen. Es ist durch die Ernennung eines Zielwertes für die Inflationsrate gekennzeichnet, dessen Einhaltung oberste Priorität genießt. Durch einen erhöhten Rechtfertigungszwang und eine stark verbesserte Kommunikation mit der Öffentlichkeit erhält die Geldpolitik mehr Transparenz und Glaubwürdigkeit. Die regelmäßige Veröffentlichung von Inflationsprognosen dient ihr als Zwischenziel und als Kriterium für Zinsentscheidungen. So erhöht sie die Leitzinsen, falls die Inflationsprognose über dem Zielwert liegt oder senkt sie, falls die Prognose unter dem Zielwert liegt. Die Effizienz der Geldpolitik kann darüber hinaus ex Post überprüft werden, in dem Abweichungen der Inflationsraten von ihren Zielwerten interpretiert werden. Dennoch gibt es auch zahlreiche Kritiker des Inflation Targeting, die vor allem bemängeln, dass es zu wenig Regelbindung unterliegt und zu viel Flexibilität ermöglicht. Inflation Targeting kann aber als geldpolitische Regel verstanden werden, die durch ihren Rechtfertigungszwang und Transparenz eine starke Bindung an das Erreichen ihres Inflationsziels impliziert. Sie ist jedoch kein System mit einer einfachen Instrumentregel, die ihr einen Instrumenteneinsatz strikt vorschreibt, vielmehr kann allein das Inflationsziel als Regelbindung verstanden werden. Somit kann man eher von einer Zielregel sprechen, dessen Einhaltung mit einem Instrumenteinsatz erreicht wird, der alle für die Zentralbank zur Verfügung stehenden Informationen mit einbezieht.

Seit der Einführung des Inflation Targeting steigt die Anzahl der Forschungen über diesen Ansatz enorm. Eine Studie aller Themenbereiche scheint unmöglich, daher konzentriert sich diese Arbeit auf die Interpretation und Ausgestaltung des Inflation Targeting. Dazu wird auf formale Darstellungen weitestgehend verzichtet und zum besseren Verständnis der folgenden Argumentation ein sehr einfaches Modell vorgestellt. Es wird aufgezeigt, weshalb die Inflationssteuerung als geldpolitische Zielregel verstanden werden kann und welche Rolle dabei das Inflation Forecast Targeting spielt. Anschließend wird das Inflation Targeting charakterisiert und Gründe aufgezeigt, die für einen solchen Ansatz sprechen. Die verschiedenen Ausgestaltungsmöglichkeiten werden im Anschluss daran diskutiert.

2. Inflation Targeting als Zielregel

2.1 Das Modell

Die Inflationssteuerung kann im Rahmen der geldtheoretischen Literatur den Steuerungsregeln zugeordnet werden. Dabei wird eine Regel verstanden, bei der eine Zielfunktion über endogene Variablen optimiert wird.[2] Als Zielfunktion wird meist eine intertemporale Verlustfunktion unterstellt, die standardmäßig linear quadratisch ist und diskontierte Abweichungen der Inflationsrate von ihrem Zielwert sowie Abweichungen des Outputs von seinem natürlichen Level berücksichtigt. Die Form der Verlustfunktion hat nach dem derzeitigen Konsens unter Akademikern und Zentralbanken die Form

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mit den Variablen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] für die Inflationsrate, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]* für das Inflationsziel, sowie y und y* für den Output sowie seines natürlichen Levels. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] bezeichnet den mathematisch bedingten Erwartungswert, Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten dient der Diskontierung zukünftiger Verluste. Der Diskontfaktor ist dabei wahrscheinlich nur marginal kleiner als eins, vor allem, wenn Modelle genutzt werden, deren Zeitperioden weniger als ein Jahr betragen.[3] Der Faktor λ dient als Gewichtungsfaktor für die Stabilisierung der Realwirtschaft in Form der Outputlücke, ausgedrückt als Differenz aus Output und potentiellem (oder natürlichem) Output.[4] Der unrealistische Fall λ=0 wird als strikte Inflationssteuerung bezeichnet. Es ist allerdings unbestritten, dass in der Praxis auch der Outputstabilisierung Bedeutung beigemessen wird und eine Inflationssteuerung durch λ>0 flexibel gestaltet wird.[5] Da dem Stabilisierungsziel für den Output in der Regel kein sehr großes Gewicht eingeräumt wird, führt eine diskretionäre Optimierung der Verlustfunktion nicht zu einem inflationären Bias. Die Inflationsrate ist primäres Ziel, es besteht kein besonders großer Anreiz, den Output über sein natürliches Niveau zu heben.[6] Die quadratische Form der Verlustfunktion impliziert, dass sowohl positive als auch negative Abweichungen zu einem Verlust führen. Im folgenden wird ein einfaches Modell der Volkswirtschaft mit jeweils einer aggregierten Angebots- sowie Nachfragefunktion unterstellt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wobei die Inflationsrate in t+1 abhängig ist von der Inflation im Zeitpunkt t, der aktuellen Outputlücke y-y* sowie einem Angebotsschock [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], welcher erst in t+1 auftritt. Der zukünftige Output ist abhängig von seinem potentiellen bzw. natürlichen Niveau y* in t+1, der aktuellen Outputlücke, der Differenz aus aktuellem Zins i und aktueller Inflation sowie einem Nachfrageschock [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Der Zins ist das Instrument der Zentralbank und wirkt folglich mit einer Verzögerung von einer Periode auf den Output, welcher wiederum eine Periode verzögert auf die Inflation wirkt. Demnach wirken aktuelle Zinsentscheidungen erst zwei Perioden nach ihrer Festlegung auf die Inflation. Die Minimierung der Verluste durch den Einsatz ihrer Instrumente ist folglich die Aufgabe der Zentralbank.

2.2 Instrument- und Zielregeln

Oftmals wird die Definition von Politikregeln sehr eng gesehen, und eine Regelbindung darauf beschränkt, dass eine einfache Reaktionsfunktion befolgt wird. Dabei wird häufig von einfachen Instrumentregeln gesprochen. Eine Politikregel kann aber auch als Zielregel zur Einhaltung der eigenen oder auferlegten Vorgaben unter einer diskretionären Optimierung interpretiert werden. Daher soll zunächst eine Unterscheidung zwischen Instrument- und Zielregeln vorgenommen werden.

Meist wird als Politikregel eine einfache Instrumentregel unterstellt, die der Zentralbank einen Instrumenteinsatz in Abhängigkeit von wenigen impliziten oder expliziten Variablen vorschreibt. Sind die Variablen innerhalb der Instrumentregel durch frühere Entscheidungen determiniert und können als Datum angesehen werden, spricht man von einer expliziten Regel, sind sie hingegen Prognosewerte, spricht man von einer impliziten Regel, die in Folge als Gleichgewichtsbedingung gilt.[7] Die bekannteste dieser Regeln ist die Taylor-Regel, bei der das Instrument lediglich auf Abweichungen der Inflation und des Outputs von ihren Zielgrößen reagiert. Eine solche Reaktionsfunktion hat die Form

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten,

wobei i den Zinssatz in Periode t, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] den durchschnittlichen Zinssatz über einen gewissen Zeithorizont und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] sowie [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] positive Konstanten darstellen. Die Zielvariablen sind [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]* und der potentielle Output y*. Der Zinssatz stellt das Instrument der Zentralbank dar, welches aufgrund der Informationen innerhalb der Regel gewählt wird. Sind [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und y in Periode t vorherbestimmt, ist die Taylor-Regel explizit, sind sie jedoch Prognosen über zukünftige Werte, ist sie implizit. Da in dem bereits erwähnten Modell sowohl Inflation als auch Output durch frühere geldpolitische Entscheidungen beeinflusst werden und sie demnach vorherbestimmt sind, kann man die Taylor-Regel in der oben dargestellten Form somit durchaus als explizite Regel sehen.[8] Legt sich die Zentralbank ein mal auf eine solche Regel fest, verpflichtet sie sich, diese auch unbedingt einzuhalten. Dazu muss sie sich über die Koeffizienten [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] sowie [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] im klaren sein, die Politikregel ankündigen und in der Folge danach handeln. Abweichungen der Inflation von ihrem Zielwert, sowie Abweichungen des Outputs von seinem natürlichen Level führen demnach zu einem Instrumenteinsatz der Zentralbank. Der Vorteil einer einfachen Instrumentregel ist die Möglichkeit, diese einfach zu implementieren und zu verfolgen. Darüber hinaus ist sie auch für die Öffentlichkeit gut nachvollziehbar. Außerdem führen Varianten der Taylor-Regel in Simulationen mit verschiedenen Modellen zu vergleichbar guten Ergebnissen.[9]

Allerdings bestehen auch erhebliche Nachteile. So lässt eine einfache Instrumentregel keinerlei Spielraum für eigene Entscheidungen und den Einbezug anderer Einflussgrößen auf die Zielvariablen. Die Tatsache, dass sich bislang keine Zentralbank auf eine solche Regel festgelegt hat, spricht gegen eine Existenz als direkte geldpolitische Entscheidungsregel, sowohl in Ländern, die eine Inflationssteuerung verfolgen, als auch in anderen geldpolitischen Systemen. Auch als Leitfaden ist eine solche Regel nicht optimal. Taylor selbst argumentiert, dass unter Umständen Abweichungen von der Regel gewünscht sind. Die Regel impliziert allerdings nicht, wann eine Abweichung von der Regel erlaubt ist und in welchen Fällen eine Abweichung nicht gewollt ist und nicht zu einem optimalen Ergebnis führt. Daher ist sie unvollständig.[10]

Im Gegensatz dazu bieten Zielregeln eine Form der Regelbindung mit der Option, die Einhaltung der Regel nach eigenem Ermessen zu realisieren. Eine Zielregel umfasst eine Verlustfunktion, die es zu minimieren gilt sowie Zielvariablen und Zielwerte dieser Variablen innerhalb der Zielfunktion. Die Instrumente der Zentralbank sind demnach so zu wählen, dass die Zielvariablen oder deren Prognosen mit den Zielwerten übereinstimmen.[11] Selbst bei nicht perfekt kontrollierbaren Zielvariablen kann ein Instrument so gewählt werden, dass zumindest ihre Prognosen innerhalb des Transmissionsmechanismus aufgrund aller bekannten Informationen zum Entscheidungszeitpunkt mit den Zielwerten übereinstimmen. Unterschieden werden können die Zielregeln in allgemeine und spezielle Regeln. Eine allgemeine Regel kann als Bindung an explizite Zielvorgaben angesehen werden. Die bereits vorgestellte Verlustfunktion stellt eine allgemeine Zielregel dar, bei der sowohl die Inflation als auch der Output als Zielvariablen dienen. Die Geldpolitik verpflichtet sich zur Einhaltung dieser Ziele. Die meisten Modelle in der Literatur haben eine Verlustfunktion in der selben oder einer sehr ähnlichen Form. Eine spezielle Zielfunktion hingegen ist die Bindung an die Vorgabe, das Instrument der Zentralbank so einzusetzen, dass die Erfüllung der Ziele gewährleistet werden kann.[12] Der Zins der Zentralbank wird demnach so gesetzt, dass die Inflation ihrem Zielwert entspricht und die Outputlücke möglichst geschlossen wird. Eine solche spezielle Regel ist dann optimal, wenn die marginalen Raten der Transformation und Substitution der Zielvariablen übereinstimmen. Dies ist allerdings schon in einfachen Modellen von hoher Komplexität gekennzeichnet.[13] Gleichwohl nutzt die Zentralbank zur Erreichung ihrer Ziele keine strikte Reaktionsfunktion wie die Taylor-Regel, die ihr einen Handlungsrahmen vorschreibt. Die Zielvariablen selbst bestimmen nicht explizit den Instrumenteinsatz, vielmehr nutzt die Geldpolitik alle relevanten Informationen, die sie über den Zustand der Volkswirtschaft zur Verfügung hat. Dies erscheint sinnvoll, da die Politik auf die Indikatoren der Zielvariablen reagieren sollte, statt auf die Zielvariablen selbst. Zielvariablen, in diesem Falle Inflation und Output, wirken auf zukünftige Werte von Inflation und Output. Werden sie gesteuert, hat dies auch Auswirkungen auf zukünftige Werte und kann die Volatilität dieser erhöhen. Indikatoren wirken nur auf die Zielvariablen, sie überschneiden sich meist nicht mit ihnen und sind daher effektiver bei der Realisation der Zielwerte.[14] Dieser Handlungsspielraum lässt Zielregeln im Vergleich zu einfachen Instrumentregeln sinnvoller erscheinen.

[...]


[1] Vgl. Cecchetti, S. / Ehrmann, M (1999), S. 2

[2] Vgl. Sachverständigenrat (2004), S. 88

[3] Vgl. Svensson, L. (2001), S. 4

[4] Vgl. Svensson, L. (2003a), S. 1

[5] Vgl. Svensson, L. (1998), S. 14

[6] Vgl. Svensson, L. (2001), S. 4

[7] Vgl. Svensson, L. (1998), S. 5 f.

[8] Vgl. Svensson, L. (2003b), S. 19 f.

[9] Vgl. Debelle, G. (1999), S. 7 ff.

[10] Vgl. Svensson, L. (2003b), S. 27 f.

[11] Vgl. Svensson, L. (1998), S. 8

[12] Vgl. Svensson, L. (2001), S. 6

[13] Vgl. Svensson, L. (2001), S. 8 f.

[14] Vgl. Svensson, L. (2003b), S. 2

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638835404
ISBN (Buch)
9783638903905
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78770
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Schlagworte
Inflation Targeting Seminar Geldpolitik

Autor

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Titel: Inflation Targeting