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Freundschaft und Ichbezogenheit bei Aristoteles

von Torben Büngelmann (Autor)

Hausarbeit 2004 17 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Die drei Arten der Freundschaft
2.1 Die Freundschaft um des Nutzens willen
2.2 Die Freundschaft um der Lust willen
2.3 Die Freundschaft der Guten

3 Der Freund als zweites Ich
3.1 Die Einheit der Seele
3.2 Der Wunsch nach dem Guten
3.3 Das Beisammensein

4 Die Selbstliebe
4.1 Bestimmung der Selbstliebe
4.2 Selbstliebe und tugendhaftes Handeln

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Aristoteles (384-322 B.C.E.) liefert in den Büchern VIII und IX der Nikomachischen Ethik bei weitem die gründlichste und ausführlichste Untersuchung der Freundschaft, die aus der Antike überliefert ist. Innerhalb der Nikomachischen Ethik nimmt die Freundschaft einen herausragenden Platz ein. In ihr fließen Tugendhaftigkeit und Glückseligkeit zusammen, denn tugendhaftes Handeln vollzieht sich letztlich immer in menschlichen Beziehungen. Eine eingehendere Beschäftigung mit den Bedingungen des glücklichen Lebens kann ohne die Miteinbeziehung der Freundschaft nicht vollständig sein.

Das griechische Wort für Freundschaft ist φιλία. Seine Bedeutung ist allerdings umfassender als der deutsche Begriff ‚Freundschaft’, φιλία bezeichnet in einem weiteren Sinne alle Arten menschlicher Beziehungen, von der Erotik bis hin zu Geschäftsbeziehungen. Natürlich kreist die Untersuchung in der Nikomachischen Ethik in erster Linie um die Freundschaft in ihrem direktesten Sinn des Wortes als die enge freundschaftliche Verbindung tugendhafter Menschen. Aber sie verliert deswegen ihren universalen Charakter nicht, denn es geht ihr nicht zuletzt darum, die Motive und Beweggründe menschlichen Handelns schlechthin offen zu legen.

Damit wird schon ersichtlich, dass große Teile der Untersuchung weniger entlang der freundschaftlichen Beziehung an sich geführt werden, sondern im Sinne von ‚der Teil und das Ganze’ dasjenige im Mittelpunkt des Interesses steht, was das menschliche Verhalten in freundschaftlichen Beziehungen, und nicht nur in solchen, leitet: Ist es der Wunsch, sozialen Rollen und Erwartungen gerecht zu werden, also der Wunsch nach Harmonie? Ist es reines Nutzenkalkül und stehen hinter jeder Handlung Gewinninteressen? Ist es das Streben nach Lust und Glückseligkeit? – Aristoteles würde milde lächeln und etwas viel Schlimmeres nennen: Rationales Handeln verbunden mit bedingungsloser Selbstliebe. Also eine jämmerliche Ichbezogenheit?

Das klingt spannend genug, um eine genauere Betrachtung und Interpretation zu motivieren. Thema meiner Seminararbeit soll gerade dieser Aspekt der Freundschaft sein, die Ichbezogenheit als wesentliches Strukturmerkmal menschlichen Verhaltens in der Freundschaft, aber auch darüber hinaus. Die Frage, die es zu beantworten gilt, ist die nach der Vereinbarkeit von Ichbezogenheit und Freundschaft. Es wird also zu zeigen sein, dass die Ichbezogenheit nicht in Widerspruch zu tugendhaftem und für die Allgemeinheit gutem Handeln steht, sondern dass sie vielmehr die Grundlage desselben bildet.

Um zu dieser Einsicht zu gelangen, ist ein gewisser Anlauf in der Argumentation erforderlich. Ich orientiere mich in der Abfolge der einzelnen Erörterungsschritte am Aufbau von Aristoteles’ Darstellung des Sachbereichs in den Büchern VIII und IX; dahinter steht ja auch einiger Sinn. Zunächst legt die Unterscheidung von drei Arten der Freundschaft in Kapitel 8.2 (Punkt zwei bei mir) das Fundament der folgenden Diskussion. Dabei wird schon eine wichtige Weichenstellung vorgenommen, indem Aristoteles zwischen zwei Gruppen von Menschen unterscheidet, den ‚Minderwertigen’ und den ‚ethisch Hochstehenden’ bzw. den ‚Tugendhaften.’ Das Augenmerk liegt auf letzteren, denn nur bei diesen entsteht vollkommene Freundschaft.

Im folgenden Argumentationsschritt (Punkt drei) wird die Ichbezogenheit in ihrem ersten, formalen Aspekt thematisiert. Sie besteht darin, das Verhältnis einem Freund gegenüber auf das Verhältnis zu sich selbst zu übersetzen. Darum der Ausdruck „das zweite Ich.“ Dieses Konstrukt ermöglicht es, die scheinbare Widersprüchlichkeit von Freundschaft und Ichbezogenheit auflösen und wesentliche Einsichten in die Bedingungen einer gelungenen Freundschaft formulieren zu können. Viel mehr noch treten aber die strukturellen Eigenschaften des Menschen hervor – insbesondere des tugendhaften Menschen. Der Kontrast zur defizitären Erscheinung des Minderwertigen wirkt dabei erhellend.

Der letzte und abschließende Schritt wird in Kapitel 9.4 erfolgen (Punkt vier), wo von der Selbstliebe als dem zweiten, realen Aspekt der Ichbezogenheit die Rede sein wird. Die Erörterung der Selbstliebe schließt sich logisch an die vorangegangenen Betrachtungen an. Wenn die Bedingungen für ein glückliches Leben nämlich im Verhältnis des Menschen zu sich selbst wurzeln, dann folgt daraus, dass jeder nach dem zu streben hat, was für ihn alleine gut ist. Selbstliebe, so wird die erste Folgerung sein, ist eine natürliche Eigenschaft. Aber sie ist noch mehr. Es soll deutlich gemacht werden, dass Selbstliebe, gezähmt und in die richtige Bahn gelenkt durch einen klaren Verstand, letztlich die Bedingung der Tugendhaftigkeit ist.

Zitate in meiner Arbeit sind, soweit sie aus der Sekundärliteratur stammen, mit Autor und Seitenzahl belegt. Alle (an-)gelesene Literatur ist im Literaturverzeichnis angeführt. Die Aristoteles-Zitate sind der Reclam-Ausgabe mit der Übersetzung von Dirlmeier entnommen; ich habe sie jedoch mit den Stellen in der Berliner Akademie-Ausgabe des griechischen Textes von 1831, nach der Aristoteles-Texte gewöhnlich zitiert werden, belegt. Zur – nachträglichen – Rückverfolgung der Zitate habe ich die Übersetzung von Olof Gigon zur Hilfe gezogen.

2 Die drei Arten der Freundschaft

Aristoteles beginnt die Erörterung der Freundschaft mit der grundlegenden Frage danach, was Gegenstand der Liebe sein kann. Als das Liebenswerte, als „Ziel des Mögens und Strebens“ (Schulz: 156) bestimmt er das Nützliche, das Lustvolle und das Wertvolle[1] (1155b 18). Allerdings gilt das Nützliche nur insofern als liebenswert, wie Aristoteles anmerkt, als es dasjenige bezeichnet, was zu einem Wert oder zur Lust als den Endzielen des Liebenswerten verhilft. Mithin fällt das Nützliche aus dem im engeren Sinne an sich Liebenswerten heraus; ihm kommt lediglich instrumentale Bedeutung zu.

Die drei Gegenstände des Liebenswerten bilden nun die Motive der drei entsprechenden Arten der Freundschaft. Es sind dies die Freundschaft um des Nutzens willen, die Freundschaft um der Lust willen, aber – und diese Nuance im Ausdruck sollte nicht überlesen werden – die Freundschaft der Guten. Freilich müsste man die auf dem Motiv des Nutzens aufbauende Freundschaft als solche in Frage stellen, wenn man den Nutzen als nicht genuin liebenswert erkannt hat. Aristoteles weist ihr in der Tat auch den untersten Rang der drei Freundschaften[2] zu. Die höchste Art der Freundschaft ist die perfekte oder vollkommene Freundschaft der Tugendhaften.

Bevor Aristoteles in die Diskussion der Freundschaftsarten einsteigt, versucht er in Kapitel 8.2 eine vorläufige Definition der Freundschaft. Ausgeschlossen als Freundschaft ist die Liebe zu leblosen Dingen, denn ihnen gegenüber kann niemand Gutes wünschen um ihrer selbst willen[3]. Konstitutiv für die Freundschaft ist aber gerade dieses Wohlwollen. Als weitere Bedingungen werden genannt die Gegenseitigkeit, welche etwa der Wein als liebenswertes, aber lebloses Ding auch nicht leisten kann, sowie die Realisation des Wohlwollens, ohne die alles nur ein Gedankenkonstrukt sein könnte. So lautet Aristoteles’ vorläufige Umschreibung von Freundschaft: „Freunde müssen also – so daß es nach außen hervortritt – Wohlwollen für einander empfinden und sich gegenseitig das Gute aus einem der genannten Gründe wünschen“ (1156a 3-5).

2.1 Die Freundschaft um des Nutzens willen

In dieser Art der Freundschaft lieben sich die Menschen nur insofern, als sie für sich einen Vorteil aus der Beziehung erstreben. Anders ausgedrückt ist also der gemeinsame Nutzen, der sich aus der Freundschaftsbeziehung ergibt, der Gegenstand, auf den sich die eigentliche Wertschätzung bezieht. Das schließt nicht aus, dass zwischen den Freunden nicht etwa auch Wohlwollen bestehen könnte, aber dieses wird dann auf einen selbst gerichtet sein. Denn nur wenn das Wohlergehen des Freundes sichergestellt ist, kann er weiterhin zum eigenen Vorteil sein. Letztlich bleibt also immer das Erlangen eines eigenen Vorteils das Motiv dieser Freundschaft.

Typisch für diese Art der Freundschaft ist, dass sie sich an Gegensätzen entfaltet, etwa zwischen arm und reich, gebildet und ungebildet oder besser: gebildeten Armen und ungebildeten Reichen. Zu der Nutzfreundschaft zählt auch die Gastfreundschaft, bei der sich die gleichen Menschen zu unterschiedlichen Zeiten das Gleiche gewähren. Ferner bemerkt Aristoteles, dass die Nutzfreundschaft gerade unter den Alten verbreitet ist, „denn auf dieser Stufe erstrebt man nicht (mehr) die Lust, sondern den Nutzen“ (1156a 25).

Die Minderwertigkeit der Nutzfreundschaft wird an ihrer Anfälligkeit für Streitigkeiten und ihrer Zerbrechlichkeit deutlich. Da die charakterliche Übereinstimmung nicht der Kern der Freundschaft ist, mithin die Interessen häufig divergieren, erscheinen sich die Partner gegenseitig als unverlässlich und obendrein fordern sie stets den größeren Nutzen für sich. Beides ist in hohem Maße konfliktträchtig. Und schließlich, wenn der Nutzen nicht mehr gegeben ist – „ist da die Auflösung […] noch irgendwie befremdlich?“ (1165b 3).

2.2 Die Freundschaft um der Lust willen

Auch die Lustfreundschaft gründet nicht auf der charakterlichen Übereinstimmung und leidet damit unter einer ähnlichen Wechselhaftigkeit wie die Nutzfreundschaft; sobald Freunde sich keine Lust mehr bereiten, ist auch deren Freundschaft beendet. Hingegen scheint die Lustfreundschaft a priori gegen Streit und Zerwürfnis weitgehend abgesichert. In Kapitel 8.15 weist Aristoteles darauf hin, dass, wenn die Freunde um der Lust willen zusammen sind, ihnen beiden „zur gleichen Zeit das zuteil [wird], wonach sie streben“ (1162b 12). Die Lust als Motiv der Freundschaft ist ein nicht-teilbares Gut, das man in einer Beziehung schlechthin nur gemeinsam verwirklichen kann, kaum aber kann der größere Anteil des einen daran zu Lasten des Anteils des anderen gehen.

Lustfreundschaft, das wird daran deutlich, ist Freundschaft an sich und ohne irgendwelche dahinter stehenden Ziele. Die Beteiligten eint das Streben nach demselben Gut, und das ist nach Aristoteles höherwertig als nur das Streben nach Nutzen allgemein. Weil die Freunde ihre Zeit zusammen verbringen, kommt die Lustfreundschaft, die vor allem mit jungen Menschen assoziiert wird, der vollkommenen Freundschaft schon sehr nahe, „denn nichts kennzeichnet die Freundschaft stärker als das Zusammenleben“ (1158a 9). Die Lust spielt auch in der vollkommenen Freundschaft eine wesentliche Rolle, denn natürlich sind sich die Tugendhaften in ihrem Zusammensein einander eine Quelle der Lust.

[...]


[1] Nach Dirlmeier. In anderen Übersetzungen werden genannt: Das Angenehme anstelle des Lustvollen und das Gute anstelle des Wertvollen. Ich werde im Folgenden von beiden Begrifflichkeiten Gebrauch machen.

[2] Als Freundschaft muss sie in dem Sinn gelten, als die freundschaftliche Zuneigung zwar gegeben, allerdings durch den gemeinsamen Nutzen mediatisiert ist.

[3] Leblose Gegenstände haben kein Bewusstsein, also Bezieht sich etwa ein Wunsch wie „der Wein möge sich gut halten“ (1155b 30) einzig und allein auf den eigenen Nutzen, den man sich daraus erhofft.

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638846585
ISBN (Buch)
9783638845458
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78665
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Philosophisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Freundschaft Ichbezogenheit Aristoteles Nikomachische Ethik

Autor

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    Torben Büngelmann (Autor)

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