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Der Wandel des Männlichkeitsbildes im Neuen Britischen Kino

Analysiert auf der Grundlage der dargestellten Männlichkeiten in Billy Elliot von Stephen Daldry

Seminararbeit 2005 23 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Männlichkeitsbild im Free Cinema

3 Männlichkeit in der Krise
3.1 Männlichkeit im Spiegel der Gesellschaft
3.2 Die Auswirkungen des Thatcherism auf das britische Männlichkeitsbild

4 Die Antwort des britischen Kinos auf das veränderte Männlichkeitsbild
4.1 Verschiedene Formen von Männlichkeit
4.2 Männlichkeit in The Full Monty

5 Hegemoniale Männlichkeit in Billy Elliot
5.1 Billys Vater
5.2 Billys Bruder Tony
5.3 Die Bedeutung des Bergarbeiterstreiks in Billy Elliot

6 Alternative Männlichkeit in Billy Elliot
6.1 Billy als Repräsentant alternativer, polymorpher Männlichkeit
6.2 Billys Freund Michael
6.3 Billy und sein Vater

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis
Internetquelle:

9 Filmografie

1 Einleitung

„Lads do football.“ Lange schien für die Männer der britischen Arbeiterklasse festzustehen, was männlich und was „unmännlich“ ist. Ausgehend von dem Verlust tradierter Männerberufe bildeten sich jedoch nach und nach neue, alternative Formen von Männlichkeit heraus. In den vergangenen Jahren hat das Neue Britische Kino mit Filmen wie The Full Monty / Ganz oder Gar nicht vermehrt auf diese Entwicklung reagiert. Der Begriff der Männlichkeit ist dabei eng mit der Working Class verknüpft, weil es vor allem Arbeiter sind, die auf Grund der gesellschaftlichen Umbrüche nach neuen Identifikationsmodellen suchen.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Wandel des Männlichkeitsbildes im Neuen Britischen Kino. Als Grundlage der Analyse dienen vor allem die dargestellten Männlichkeiten in Stephen Daldrys Billy Elliot / Billy Elliot – I will dance. Vor dem Hintergrund des Bergarbeiterstreiks von 1984/85 zeigt der Film verschiedene Formen von Männlichkeit auf, die an Hand des Konflikts zwischen Billy und seinem Vater und Bruder einander gegenübergestellt werden.

In der Hausarbeit wird zunächst auf die englische Filmbewegung des Free Cinema eingegangen. Der Exkurs soll einen Vergleich zwischen Mr. Elliot und den Angry young men des Free Cinema an späterer Stelle ermöglichen. Im Anschluss werden gesellschaftliche Faktoren beleuchtet, die auf lange Sicht zu einer Veränderung des Männlichkeitsbildes beigetragen haben. Als besonderer Faktor wird für Großbritannien der Einfluss der Politik Margret Thatchers berücksichtigt.

Ein eigenes Kapitel widmet sich der Antwort des britischen Kinos auf das veränderte Männlichkeitsbild, wobei insbesondere auf Peter Cattaneos Film The Full Monty eingegangen wird, weil er exemplarisch für eine neue Form von Männlichkeit steht. Mit der Analyse der verschiedenen Männlichkeitsbilder in Billy Elliot folgt der umfassendste Teil der vorliegenden Arbeit. Es wird zunächst gezeigt, welche Art von Männlichkeit Billys Vater und Bruder vertreten und welche Rolle der Bergarbeiterstreik im Film spielt. Anschließend folgt eine Analyse der von Billy und seinem Freund Michael dargestellten Männlichkeit, bevor näher auf den Vater-Sohn-Konflikt zwischen Billy und Mr. Elliot eingegangen wird.

Bei der Analyse waren vor allem die Publikationen von Kerstin Gutberlet und Claudia Brenneisen behilflich. Auch die Ausführungen von Wolfgang Schmale und Thomas Kühne über Männlichkeit und ihren Wandel haben die vorliegende Arbeit um einige interessante Aspekte erweitern können, die sich in vielen Fällen gut auf den zu analysierenden Film übertragen ließen.

2 Das Männlichkeitsbild im Free Cinema

Lohnend ist ein Exkurs über das Männlichkeitsbild des Free Cinema, der englischen Filmbewegung von Mitte der 50er bis Mitte der 60er Jahre, als deren führende Regisseure Tony Richardson, Lindsay Anderson und Karel Reisz zu nennen sind. In vielen ihrer stark dokumentarisch geprägten Filme gehörte der männliche Protagonist zu den Angry young men, die ihr Vorbild in der zeitgenössischen englischen Literatur und im Theater hatten.[1] Diese zornigen jungen Männer aus der Arbeiterklasse begehrten gegen die Elterngeneration auf, in der sie die selbstzufriedene britische Nachkriegsgesellschaft versinnbildlicht sahen. Sie wollten nicht so werden wie ihre Väter und schworen deren Konsumgeist ab. In der Figur des Jimmy Porter aus Tony Richardsons Film Look back in Anger / Blick zurück im Zorn fand der erste Angry young man seinen Weg auf die Leinwand.[2] Er verkörperte eine hegemoniale und brutale Männlichkeit. Zwar fand auch hier ein klarer Wandel des Männlichkeitsbildes statt - vom angepassten Bürger zum rebellischen, zornigen jungen Mann - jedoch mutet Jimmy mit seiner frauenfeindlichen Einstellung aus heutiger Sicht sehr rückwärtsgewandt und abschreckend an.

Auch in anderen Filmen des Free Cinema, wie beispielsweise in Karel Reisz‘ Saturday Night and Sunday Morning / Samstagnacht bis Sonntagmorgen oder John Schlesingers A Kind of Loving / Nur ein Hauch Glückseligkeit, agieren die Männerfiguren nach sehr stark patriarchalischen Mustern. Kerstin Gutberlet betont in diesem Zusammenhang die Rolle der Frauen als naive Objekte männlicher Begierde und Bedrohung der bestehenden Sozialsysteme.[3] Männer werden als überlegen, stark und bestimmt dargestellt. Eine alternative Männlichkeit, wie sie in den britischen Filmen der neunziger Jahre und der Gegenwart dargestellt werden, ist nicht in Sicht.

Stephen Daldrys Film Billy Elliot kann in vielerlei Hinsicht in der Tradition des filmischen Sozialrealismus rezipiert werden: Im Mittelpunkt steht die Arbeiterklasse, re-präsentiert durch Billys Vater und seinen Bruder Tony. Sie leben ärmlich in beengten familiären Verhältnissen und ihr Alltag ist gezeichnet von Eintönigkeit. Obwohl Billy zu jung ist, sich darüber bewusst zu werden, wird ihn sein Traum, Balletttänzer zu werden, aus der Arbeiterklasse hinausführen, ein Wunsch, den die meisten Männerfiguren in den Filmen des Free Cinema hegen. Billy Elliot macht Klassenzwänge und soziale Barrieren in Großbritannien deutlich. Billys Vater und Bruder tragen zudem klare Züge der Angry young men, worauf an späterer Stelle näher eingegangen wird.

Auf der anderen Seite bricht Billy Elliot jedoch klar mit den Traditionen des sozialrealistischen Films. Fantastische Elemente wie Debbie, die eben noch vor einer Wand steht, bevor sie von einem vorbeifahrenden Auto gleichsam weggewischt wird, stehen in klarem Widerspruch zu dem dokumentarischen Anspruch des Free Cinema. Auch das Ende des Films ist für einen sozialrealistischen Film zu versöhnlich, wie auch die plötzliche Wandlung von Billys Vater wenig glaubwürdig anmutet. Trotz dieser Anmerkungen muss bei der Analyse von Billy Elliot der Einfluss des Sozialrealismus und der Angry young men des Free Cinema im Hinterkopf bleiben.

3 Männlichkeit in der Krise

3.1 Männlichkeit im Spiegel der Gesellschaft

Die Darstellung von Männlichkeit im Film ist, wie deren Analyse und Rezeption, abhängig von gesellschaftlichen Normen.[4] Daher soll an dieser Stelle auf den Wandel des Männlichkeitsbildes eingegangen werden, der in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren spürbar war. Lange Zeit schien selbstverständlich, was männlich und was „unmännlich“ ist. Jahrhundertelang war der Mann das Familienoberhaupt, verdiente das Geld und befand sich in einer klaren hegemonialen Stellung gegenüber der von ihm abhängigen Frau. Die Rollen der Geschlechter waren klar verteilt. Seit den 60er Jahren jedoch verschwimmen die Grenzen zwischen dem, welche Rollen als männlich oder weiblich gelten, immer mehr. Thomas Kühne betont in diesem Zusammenhang:

Kulturelle Vielfalt und historischer Wandel zeigen, daß Männlichkeit und Weiblichkeit nicht ein für allemal feststehen, sondern „gemacht“ werden. Geschlecht, Weiblichkeit und Männlichkeit sind gesellschaftliche Konstrukte (...).[5]

Wolfgang Schmale spricht von einem hegemonialen Modell der Männlichkeit, dem in der Gegenwart durch überkommene männliche Leitbilder die Vorausbedingungen abhanden gekommen sind. Er konstatiert, dass zwar die Frage nach der Männlichkeit sehr präsent ist, vertritt aber die Meinung, dass alles auf die Feststellung von Männlichkeiten im Plural und folglich auf ein polymorphes Männlichkeitsbild hinausläuft. Die Veränderungen werden von vielen Männern als Bedrohung ihrer Identität und Krise der Männlichkeit empfunden.[6]

Kerstin Gutberlet spricht hier vom „Härte-Ideal“ früherer Jahrzehnte, das nach und nach von dem Ideal „weicherer“ Männlichkeit verdrängt wird.[7] Diese oft in der Werbung propagierte „weiche“ Männlichkeit stößt allerdings bei vielen Männern auf Ablehnung und wird von ihnen der Homosexualität zugeordnet.[8] Eben dies ist der Fall bei Billys Vater, dem die Tanzleidenschaft seines Sohnes fremd ist. Sie kommt ihm „unmännlich“ vor und er fürchtet, Billy könnte homosexuell sein.

3.2 Die Auswirkungen des Thatcherism auf das britische Männlichkeitsbild

In Großbritannien wurde der Wandel des Männlichkeitsbildes neben den oben genannten Faktoren durch die konservative Regierungspolitik Margret Thatchers noch verstärkt. Die „Eiserne Lady“ setzte sich seit 1979 für eine möglichst staatsfreie Form der Marktwirtschaft ein. Den ehemals mächtigen Gewerkschaften machte sie eine offene Kampfansage und sorgte dafür, dass unrentabel gewordene Betriebe des Industriesektors sukzessive stillgelegt wurden. Die daraus resultierende Arbeitslosigkeit und Armut, die besonders die Kohlebergarbeiter im Norden des Landes traf, nahm Thatcher in Kauf. Billy Elliot spielt 1984/85 vor dem Hintergrund des von der mächtigen Bergarbeitergewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers) organisierten Streiks, der für das Schicksal der britischen Gewerkschaften symbolische Bedeutung hatte.[9]

Der Verlust von Arbeitsplätzen traf folglich vor allem tradierte Männerberufe der Arbeiterklasse. Das Bild des arbeitenden Mannes, der die Familie ernährt, geriet dadurch in den vergangenen beiden Jahrzehnten stark ins Wanken. John Hill betont:

Insofar, as work (...) has been central to the way in which the working class has been defined, these changes have also led to a weakening of the ideologies of masculinity which had tradi-tionally underpinned work (pride in hard, physical labour) and also trade union power (a capacity for ‚strong‘ industrial action).[10]

4 Die Antwort des britischen Kinos auf das veränderte Männlichkeitsbild

4.1 Verschiedene Formen von Männlichkeit

Nach der durch Arbeitslosigkeit in der Working Class und weiblicher Emanzipation in allen Gesellschaftsschichten bedingten Abkehr vom traditionellen hegemonialen Männlichkeitsbild gab es zunächst keine alternativen Identifikationsmodelle für viele verunsicherte Männer. Diverse britische Filme der 80er und 90er Jahre und der Gegenwart reagieren auf die postulierte männliche Krise und präsentieren „harte“ und „weiche“ Männlichkeit. So kann zum Beispiel Johnny in Mike Leighs Naked / Nackt der „harten“ Männlichkeit zugerechnet werden, während Charles in Mike Newells Four Weddings and a Funeral / Vier Hochzeiten und ein Todesfall eher ein Vertreter „weicher“ Männlichkeit ist. In Filmen wie The Full Monty und Billy Elliot schließlich werden Formen alternativer Männlichkeit aufgezeigt.

Die Rollenzuweisungen an die Geschlechter haben sich nicht nur in Großbritannien geändert - der Paradigmenwechsel ist in allen westlichen Industrienationen offensichtlich. Kerstin Gutberlet macht jedoch deutlich, dass sich gerade das britische Kino der 90er Jahre bis heute mit diesem Strukturwandel und dem daraus entstehenden Verlust tradierter Identitätsmodelle befasst. Viele Filme zeichnen das Bild einer „Nation im Umbruch“, wobei Männlichkeit als Schlüsselbegriff dient, durch den der gesellschaftliche Wandel sichtbar wird.[11]

4.2 Männlichkeit in The Full Monty

„Few years and men won’t exist – except in zoos. We’re not needed no more, obsolete, dinosaurs, yesterday’s news.“ Dieser Ausspruch von Gaz, dem zentralen Charakter in The Full Monty, fasst die männlichen Identitätsverlustängste auf humorvolle Weise prägnant zusammen. Überspitzt zeigt sich hier die Sorge der Männer, durch den Verlust des Arbeitsplatzes und die Emanzipation der Frauen überflüssig, schlichtweg nicht mehr gebraucht zu werden. Regisseur Peter Cattaneo macht in seinem Film klar die gesellschaftlichen Umstände für die Misere der Männer verantwortlich. Jedoch trauert er dem überholten hegemonialen Männlichkeitsbild nicht nach, sondern zeigt Alternativen auf. Kerstin Gutberlet konstatiert, dass in The Full Monty das Mannsein so präsentiert wird, wie es potenziell sein könnte und spricht von einem „hypothetischen Zukunfts-Zustand“.[12] Dies gilt sogar noch mehr für Billy Elliot, der, wie The Full Monty, ein Plädoyer für Individualität darstellt und die polymorphe Männlichkeit betont, die in Zukunft noch mehr als heute die hegemoniale ablösen wird.

[...]


[1] Vgl. Vossen, Ursula: Free Cinema. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des
Films. Stuttgart 2002, S. 230-232.

[2] Vgl. Arnold, Frank: Die Einsamkeit des Langstreckenläufers. The Loneliness of the Long
Distance Runner. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker (Bd. 2 ; 1947-1964). Stuttgart
2002, S. 499-503.

[3] Vgl. Gutberlet, Kerstin: The State of the Nation. Das britische Kino der neunziger Jahre. St. Au-
gustin 2001.

[4] Vgl. Hißnauer, Christian, Thomas Klein: Visualität des Männlichen. Skizzen zu einer
filmsoziologischen Theorie von Männlichkeit. In: Christian Hißnauer, Thomas Klein
(Hrsg.): Männer-Machos-Memmen. Männlichkeit im Film. Mainz 2002, S. 17-48.

[5] Kühne, Thomas: Männergeschichte als Geschlechtergeschichte. In: Thomas Kühne (Hrsg.):
Männergeschichte-Geschlechtergeschichte. Männlichkeit im Wandel der Moderne. Frank-
furt/Main 1996, S. 7-30.

[6] Vgl. Schmale, Wolfgang: Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450-2000). Wien 2003.

[7] Vgl. Gutberlet, Kerstin, a.a.O., 2001, S. 78.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. Brenneisen, Claudia (Hrsg.): Billy Elliot – I will dance. Stephen Daldry GB 2000. Film-
Heft von Claudia Brenneisen. Köln 2002.

[10] Hill, John: British Cinema in the 1980s. Oxford 1999.

[11] Vgl. Gutberlet, Kerstin, a.a.O., 2001, S. 13.

[12] Vgl. ebd., S. 189.

Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638846530
ISBN (Buch)
9783638925488
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78647
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Filmwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Wandel Männlichkeitsbildes Neuen Britischen Kino British Cinema

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