Lade Inhalt...

Was ist Vertrauen? Der Vertrauensbegriff im interdisziplinären Diskurs

Hausarbeit 2006 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Vertrauensbegriff im interdisziplinären Diskurs
2.1 Vertrauen in der Philosophie
2.2 Vertrauen in der Psychologie
2.2.1 Das Urvertrauen
2.2.2 Fünf Stufen der Vertrauensentwicklung
2.2.3 Indikatoren für vertrauensvolles Verhalten
2.3 Vertrauen in der Soziologie
2.4 Vertrauen aus ökonomischer Perspektive

3 Formen von Vertrauen
3.1 Systemisches Vertrauen
3.2 Personales Vertrauen
3.2.1 Vertrauen in Freundschaften
3.2.2 Vertrauen in Liebesbeziehungen

4 Sonderformen des Vertrauens
4.1 Gottvertrauen
4.2 Selbstvertrauen

5 Funktionen von Vertrauen

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

“[…] It is impossible to go through life without trust: that is to be imprisoned in the
worst cell of all, oneself” (Greene 1960: 44).

Vertrauen gilt als die Basis sozialer Beziehungen (vgl. Dernbach/Meyer 2005: 12). Tagtäglich werden Menschen angehalten, anderen Personen ihr Vertrauen zu schenken. Die Liste derjenigen, die Vertrauen einfordern, ist lang und ließe sich beliebig erweitern: Ärzte, Politiker, Verwandte, Freunde, Versicherungsvertreter, Verkäufer, Handwerker – die Interaktion mit Repräsentanten dieser Gruppen erfordert an einem gewissen Punkt, dass geglaubt wird, was sie sagen, dass die Diagnosen, die sie stellen, richtig sind oder die Produkte, die sie verkaufen, bedenkenlos konsumiert werden können.

Menschen vertrauen jedoch nicht nur auf der Mikroebene. Der Vertrauensbegriff ist auf allen nur erdenklichen Gebieten relevant. Ohne das Vertrauen in Organisationen, Institutionen, Wissenschaft und Technik wäre das Funktionieren unserer modernen Gesellschaft nicht vorstellbar. Gerade weil sich der Vertrauensbegriff auf so viele unterschiedliche Bedeutungsfelder beziehen lässt, hat sich bislang keine klare und eindeutige Definition herausgebildet, die von allen Vertrauensforschern einvernehmlich benutzt wird (vgl. Laucken 2005: 95).

Der Versuch, eine solche zu formulieren, wird zudem dadurch erschwert, dass sich sehr unterschiedliche Wissenschaften mit dem Phänomen Vertrauen auseinandersetzen und die Materie jeweils aus einer anderen Perspektive betrachten. Neben der Soziologie, Psychologie, Philosophie und Publizistikwissenschaft beschäftigt sich auch die Betriebswirtschaftslehre mit dem Themenkomplex (vgl. Petermann 1996: 9). Im Rahmen dieser Arbeit soll eine Annäherung an den Vertrauensbegriff vorgenommen und auf seine verschiedenen Aspekte eingegangen werden. Ziel ist eine interdisziplinäre Analyse, die versucht, eine Antwort auf die Frage Was ist Vertrauen? zu finden. Es soll untersucht werden, wie Vertrauen entsteht, welche Funktionen es erfüllt und in wen es aus welchen Gründen gesetzt wird. Verschiedene Formen des Vertrauens werden aufgezeigt und unterschiedliche Definitionen miteinander verglichen.

Die vorliegende Hausarbeit hebt sich mit dieser Zielsetzung bewusst von dem üblichen Forschungsbereich der Publizistikwissenschaft ab, die sich auf diesem Gebiet hauptsächlich mit dem Themenkomplex Vertrauen in Massenmedien auseinandersetzt. Grundlegend hierfür ist jedoch zunächst eine ausführliche Analyse des Vertrauensbe- griffs. Einen solchen Ausgangspunkt für eine weiterführende Beschäftigung mit dem Thema möchte diese Arbeit erreichen.

2 Der Vertrauensbegriff im interdisziplinären Diskurs

Sowohl interdisziplinär als auch in jedem Fachbereich selbst haben sich bezüglich des Phänomens Vertrauen diverse nebeneinander existierende Überlegungen und Definitionen herausgebildet. Die Übergänge sind dabei oft fließend und eine trennscharfe Zuordnung ist nicht immer möglich. An dieser Stelle soll ein Überblick über die klassischen Anschauungen zum Vertrauensbegriff in der Philosophie, Psychologie, Soziologie und Ökonomie folgen. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der Psychologie.

2.1 Vertrauen in der Philosophie

Die Beschäftigung mit dem Vertrauensbegriff hat in der Philosophie eine lange Tradition. Schon Aristoteles hob in seinen Überlegungen zur Freundschaft die Wichtigkeit des Vertrauens hervor[1]. Der heilige Thomas von Aquin pries die Tugend des Glaubens und der Hoffnung und sagte damit etwas über das Vertrauen in Gott aus. James Locke, der große politische Philosoph der Moderne, untersuchte das Vertrauen in Regierungen und Amtsinhaber (vgl. Baier 2001: 40 f.). Der Grundstein für eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema wurde allerdings erst 1651 durch Thomas Hobbes gelegt. In seinem der politischen Philosophie zuzurechnenden Werk Leviathan geht er davon aus, dass bei einem Vertragsschluss zwischen zwei Parteien immer dann Vertrauen nötig ist, wenn die vereinbarten Leistungen nicht sofort, sondern zeitlich versetzt ausgetauscht werden (vgl. Hobbes 1991: 94). Die meisten Philosophen der Gegenwart kritisieren diese Orientierung am Vertragsdenken und weiten den philosophischen Blick auf Formen intimer zwischenmenschlicher Beziehungen aus (vgl. Hartmann 2001: 12).

Die Philosophie beschäftigt sich heute verstärkt mit der Frage, warum und unter welchen Bedingungen Menschen vertrauen. Vertrauen wird in diesem Zusammenhang oft als Geisteszustand verstanden, der jedoch größtenteils unbewusst abläuft und dessen man sich erst gewahr wird, wenn er zerstört ist. „Wir bewohnen ein Klima des Vertrauens, so wie wir in der Atmosphäre leben; wir nehmen es wahr wie die Luft, nämlich erst dann, wenn es knapp wird oder verschmutzt ist“ (Baier 2001: 42).

Annette Baier betont, dass eine Person, die einer anderen vertraut, von deren Wohlwollen abhängig sei, wodurch sie sich notwendigerweise verletzbar mache in Hinblick auf die Grenzen dieses Wohlwollens. Es bedürfe folglich einer Zuversicht des Vertrauenden, dass die andere Person die Gelegenheit der Verletzung nicht wahrnehmen werde: „In dieser ersten Annäherung steht das Vertrauen […] für die akzeptierte Verletzbarkeit durch die möglichen, aber nicht erwarteten schlechten Absichten […], deren Ziel man ist“ (Baier 2001: 43). Vertrauen zu schenken sei stets mit einem Risiko verbunden. Felix Schottlaender relativiert diese Ansicht, indem er Vertrauen auf das Ausmaß an Hoffnung auf das Gute im Menschen zurückführt. Ähnlich argumentiert Don D. Jackson, wenn er Vertrauen als den Glauben definiert, dass der andere das, was man für ihn getan hat, auch für einen selbst tun wird. Dieser Auffassung liegt das Wiedergutmachungsprinzip respektive die Norm der Reziprozität zu Grunde (vgl. Petermann 1996: 12).

2.2 Vertrauen in der Psychologie

2.2.1 Das Urvertrauen

Die bis heute am weitesten verbreitete Auffassung von Vertrauen basiert auf dem tiefenpsychologischen Entwicklungsmodell von Erik H. Erikson. Der Entwicklungspsychologe geht von einem Ur- oder Grundvertrauen aus, das den Eckstein einer gesunden Persönlichkeit darstellt (vgl. Petermann 1996: 12). Dieses Urvertrauen zeichne sich bei einem Kleinstkind durch ein Gefühl der Geborgenheit, des inneren Ausgleichs und dem Bewusstsein aus, sich im Einklang mit seiner Umwelt zu befinden. Um die Entwicklung dieses Gefühls zu gewährleisten, spiele das Verhalten der Eltern eine entscheidende Rolle. Die Mutter befriedige durch ihre Sorge zum einen die grundlegenden kindlichen Bedürfnisse, zum anderen fördere sie durch ihre liebevolle Zuwendung bei dem Kind ein Gefühl für die eigene Vertrauenswürdigkeit und damit für seine Eingebundenheit in die äußere Welt (vgl. Lahno 2002: 324).

Das Grundvertrauen setzt sich nach Erikson folglich aus dem Gefühl zusammen, sich auf seine Umwelt verlassen zu dürfen und selbst ein verlässlicher Teil dieser Welt zu sein. Da es als universelle positive Haltung gegenüber der gesamten Umwelt keinen Adressaten besitzt, unterscheidet es sich grundlegend von anderen Formen des Vertrauens. Das Urvertrauen gilt als Bedingung der Möglichkeit, Vertrauensbeziehungen zu anderen Menschen überhaupt aufbauen zu können. Es bildet damit die Grundlage von Selbstvertrauen und eines gefestigten Identitätsgefühls (vgl. Lahno 2002: 325 f.). Erikson nimmt an, dass sich das Fehlen von Urvertrauen in einem schizoiden und depressiven Persönlichkeitsbild äußert (vgl. Erikson 1995: 242).

Bei einem Kind könne man dann von der Ausbildung eines Grundvertrauens sprechen, „wenn es die Mutter aus seinem Gesichtsfeld entlassen kann, ohne übermäßige Wut oder Angst zu äußern, weil die Mutter inzwischen außer zu einer zuverlässig zu erwartenden äußeren Erscheinung auch zu einer inneren Gewissheit geworden ist“ (Erikson 1995: 241). Die Vertrauensentwicklung eines Menschen hängt für Erikson somit entscheidend von den frühkindlichen Erfahrungen ab. Dabei komme es weniger auf die Quantität der Nahrung und Zuneigungsbekundungen an, als vielmehr auf die Qualität der Mutter-Kind-Beziehung (vgl. Erikson 1995: 243). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Erikson davon ausgeht, Vertrauen werde ausschließlich von positiven Erfahrungen getragen, wohingegen negative Verhaltensweisen wie Drohungen oder Strafen Vertrauen reduzieren oder gar verhindern (vgl. Petermann 1996: 12 f.). Er bezeichnet Verbote jedoch dann als legitim und Vertrauen fördernd, wenn das Kind das Verhalten der Eltern als sinnvoll erachtet: „Letzten Endes werden Kinder nicht durch Versagungen neurotisch, sondern durch den Mangel oder Verlust der […] Bedeutung dieser Versagungen“ (Erikson 1995: 243). Dieser Ansatz blieb nicht unkritisiert. So nimmt etwa Julian B. Rotter in Abgrenzung zu Erikson an, dass nicht nur angekündigte und eingehaltene Versprechen, sondern auch wahr gemachte Drohungen jeder Art zur Glaubwürdigkeit beitragen und somit Vertrauen aufbauen (vgl. Petermann 1996: 13).

2.2.2 Fünf Stufen der Vertrauensentwicklung

Nach Robert L. Selman kann die Vertrauensentwicklung in fünf Stufen unterteilt werden, welche der Mensch in verschiedenen Altersstufen durchläuft. Die erste Stufe wird Kindern von drei bis fünf Jahren zugeordnet. In diesem Alter erfolge die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit einer Person auf Grund von wahrgenommenen physischen Fähigkeiten. Im Alter von fünf bis elf Jahren hänge das Vertrauen vor allem von den angenommenen Absichten des anderen ab und davon, was dieser bereit ist, für einen selbst zu tun. Für Sieben- bis Vierzehnjährige sei der Aspekt der Gegenseitigkeit von zentraler Bedeutung. Es herrsche die Erwartung vor, dass der andere für einen das tun wird, was man selbst für ihn getan hat. Ab dem Alter von zwölf Jahren werde in Bezug auf eine Vertrauensbeziehung der Aspekt der Beständigkeit betont. Die fünfte und letzte Stufe, die nach Selman im Jugend- oder Erwachsenenalter einsetzt, sei gekennzeichnet durch die Fähigkeit, auf Grund des Glaubens an die Stabilität der Beziehung für Wachstum und Veränderung offen zu sein (vgl. Petermann 1996: 51 f.).

Studien von Kenneth J. Rotenberg zeigen, dass Kinder im Vorschulalter, die beurteilen sollen, ob sie einer Person vertrauen, sich vor allem an beobachtbarem Verhalten orientieren. Ältere Kinder hingegen gründen ihr Urteil auf die Konsistenz zwischen Versprechen und Verhalten einer Person (vgl. Petermann 1996: 52 ff.).

[...]


[1] Vgl. hierzu Abschnitt 3.2.1 Vertrauen in Freundschaft.

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638836081
ISBN (Buch)
9783638925471
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78640
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Publizistik
Note
1,3
Schlagworte
Vertrauen Vertrauensbegriff Diskurs Medien Realität

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Was ist Vertrauen? Der Vertrauensbegriff im interdisziplinären Diskurs