Lade Inhalt...

Familienstrukturen und Geschlechterrollen in der sogenannten "Vertreibungsliteratur"

Magisterarbeit 2006 78 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

I. Teil: Einführung
1. Das Thema
2. Erläuterung des zeitgeschichtlichen Kontextes

II. Teil: Die sogenannte Vertreibungsliteratur
1. Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung
2. Was ist Vertreibungsliteratur?
3. Problematik dieser Literatur
4. Ein eigenes Genre?

III. Teil: Theoretischer Ansatz
1. Auswahlkriterien der zu untersuchenden Texte
2. Geschlechterrollen
2.1. Herausbildung der traditionellen Geschlechterrollen
2.2. Geschlechterrollen im Nationalsozialismus
2.3. Familienstrukturen zu Beginn des 20. Jahrhunderts

IV. Teil: Werkanalyse
1. Christine Brückners „Poenichen-Trilogie“
1.1. Familie und Gesellschaft
1.1.1. Familie in der „Großelterngeneration“
1.1.2. Familie in der „Kindergeneration“
1.1.3. Beziehungen außerhalb der Familie
1.2. Die Rolle der Frauen
1.2.1. Sophie Charlotte von Quindt und Maximiliane Hedwig von Quindt
1.2.2. Vera von Jadow
1.2.3. Maximiliane von Quindt
1.3. Die Rolle der Männer
1.4. Die Stellung der Kinder
1.5. NS-Ideologie bei Christine Brückner
2. Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland
2.1. Familie und Gesellschaft im Roman
2.2. Die Rolle der Frauen
2.3. Die Rolle der Männer
2.4. Die Stellung der Kinder
2.4.1. Hermann Steputat
2.4.2.Peter Aschmoneit
3. Christian Graf von Krockow: „Die Stunde der Frauen“
3.1. Familienstrukturen
3.2. Die Rolle der Frauen
3.3. Die Rolle der Männer
3.4. Die Stellung der Kinder

V. Abschlussbetrachtung

VI. Teil: Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

I. Teil: Einführung

1. Das Thema

Der Titel der Arbeit suggeriert die These, dass es ein Kontingent an literarischen Texten gibt, die in ihrem übergeordneten Thema die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den ehemals deutschen Gebieten im heutigen Polen, Russland und in Tschechien, zum Gegenstand haben. Dieses Kontingent wird als so genannte Vertreibungsliteratur bezeichnet.

Nach einem Absatz über das, den Texten zu Grunde liegende Zeitgeschehen, wird die Daseinsberechtigung dieser Literatur zum Gegenstand der Untersuchung. Dazu muss zunächst der gegenwärtige Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung dargestellt werden. Ebenso wird auf die Frage eingegangen was Vertreibungsliteratur ist, aus welcher Art von Texten sie sich zusammensetzt und welche Kriterien ein Text haben muss um ihn dieser Literatur zuordnen zu können.

Der Hauptteil der Arbeit befasst sich dann mit der Art und Weise der Darstellung der Geschlechterrollen und Familienstrukturen in den ausgewählten Texten. Diese sollen in ihrer Differenziertheit ein möglichst breit gefächertes Bild der Gesellschaft im deutschen Osten in der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Dritten Reiches aufzeigen. Die Analyse befasst sich mit dem Rollenverständnis der Menschen, welches in den Geschlechtern stark variiert. Im Fokus der Untersuchung stehen die Veränderungen dieses Rollenverständnisses bei den Frauen, Männern und Kindern. Um dieses mit dem historischen Kontext in Verbindung bringen zu können, geht der Werkanalyse ein Exkurs über die Familienstrukturen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sowie über die Entstehung der traditionellen Geschlechterrollen, mit besonderem Augenmerk auf die Zeit des Nationalsozialismus voraus.

2. Erläuterung des zeitgeschichtlichen Kontextes

In den ehemals deutschen Ostgebieten Ost- und Westpreußen, Schlesien, Pommern, das Sudetenland sowie einigen Teilen des heutigen Baltikums lebten bis zum 12. Jahrhundert überwiegend Slawen. In den darauf folgenden zwei Jahrhunderten wurden sie zunehmend von Deutschen besiedelt. In Bezug auf Ostpreußen hat der deutsche Ritterorden dabei eine tragende Rolle gespielt. Die Herrschaft der so genannten „ostelbischen Junker“ fand somit ihren Anfang.

Die Nähe zu Polen hat die Menschen und ihre Kultur stark beeinflusst. Bis 1939 war die Bevölkerungszusammensetzung in diesen Gebieten sehr vielschichtig. Neben der Mehrheit der deutschen Einwohner lebten dort Polen, Ukrainer, Litauer, Weißrussen und eigenständige Minderheiten wie z.B. Kaschuben oder Masuren.

Das Verhältnis zwischen der polnischen und der deutschen Bevölkerung schwankte seit jeher zwischen einer friedlichen Nachbarschaft, Spannungen und Konflikten. Diese entstanden vor allem durch die drei polnischen Teilungen am Ende des 18. Jahrhundert.

Der Versailler Vertrag, welcher das Ende des Ersten Weltkrieges besiegelte, hatte eine Neuordnung der Grenzen Europas zur Folge. Für das Deutsche Reich bedeutete das unter anderem die Abtretung Elsaß-Lothringens an Frankreich sowie eines Teils des deutschen Reichsgebiets an Polen. Der Anspruch Polens auf einen eigenen Zugang zur Ostsee führte zu der Errichtung des polnischen „Korridors“, welcher Ostpreußen vom Rest des deutschen Reiches abtrennte. Die Gebiete des ehemaligen Westpreußen fielen an Polen, Danzig wurde zur freien Stadt erklärt. Auch die Teilung Schlesiens wurde im Versailler Vertrag festgehalten.[1]

Der am 23. August 1939 vereinbarte Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion sah eine Aufteilung Polens unter den beiden Staaten vor, die kurze Zeit später durchgeführt wurde. Dem deutschen Reich wurden die Gebiete Danzig, Westpreußen, Posen und Oberschlesien wieder zugesprochen. Der Rest Polens zwischen den „eingegliederten Ostgebieten“ und der sowjetischen Einflusssphäre gelegen, wurde zum „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“, somit zu einem „Nebenland“ unter deutscher Aufsicht erklärt. Die ukrainischen und weißrussischen Gebiete Polens fielen an die Sowjetunion. Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen wurden 1940 Sowjetrepubliken.

Am 22. Juni 1941 fasste Hitler den Entschluss, einen Feldzug gegen die Sowjetunion zu beginnen. Der ohnehin schon wenig vertrauenswürdige Pakt zwischen Stalin und Hitler war somit praktisch aufgehoben. Das führte zu einer Veränderung der Bündniskonstellation und die Sowjetunion wurde Teil der alliierten Großmächte gegen Hitler.

Im Verlauf des Krieges wurden Ostdeutschland und Polen vor dem Hintergrund der Pläne zur Neuordnung Europas nach der Niederlage Deutschlands zunehmend zum Verhandlungsgegenstand der alliierten Großmächte. Auf den Konferenzen von Teheran November/Dezember 1943 und Jalta im Februar 1945 wurde die Westverschiebung Polens als Entschädigung für die Verluste im Osten zwischen den Alliierten vereinbart. Der genaue Grenzverlauf wurde jedoch noch nicht festgelegt.

Nachdem für die ostdeutsche Bevölkerung das Kriegsgeschehen nahezu unüberschaubar geworden war und die Rote Armee näher rückte, flohen schließlich im Januar 1945 Millionen von Menschen in Richtung Westen. Offizielle Anordnungen und der weiter bestehende Glaube an den „Führer“ ließen die Menschen jedoch zunächst solange an ihren Heimatorten verharren, bis es für eine organisierte Evakuierung oftmals zu spät war. Da der Weg nach Westen zum Teil durch die Rote Armee schon abgeschnitten war, versuchte ein Teil der Menschen sich nach Norden durchzuschlagen, um über die Ostsee zu flüchten. Dies wurde jedoch durch den harten Winter und den entgegenkommenden Volkssturm erschwert. Auch gab es zu wenig Schiffe, die die Flüchtlinge hätten aufnehmen können. Die Flucht über Land forderte vielerlei Entbehrungen und Opfer, nicht wenige kehrten, nachdem sie von der Front eingeholt worden waren, erfolglos in ihre Heimat zurück. Die meisten der zurückgekehrten arbeitsfähigen Männer und Frauen wurden anschließend in die Sowjetunion verschleppt, wo sie unter teilweise unmenschlichen Bedingungen Arbeitsdienst leisten mussten. Mindestens die Hälfte der Zwangsarbeiter überlebte diese Zeit nicht.

Mit dem Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 wurden die territorialen Veränderungen in Deutschland und Osteuropa festgelegt. Deutschland wurde in drei Besatzungszonen unterteilt, wobei die Hauptstadt Berlin einen Sonderstatus erhielt. In der Sowjetischen Besatzungszone gelegen, wurde die Stadt zur einen Hälfte unter amerikanische, zur anderen Hälfte unter sowjetische Befehlsgewalt gestellt. Als deutsch-polnische Grenze wurde die Oder-Neiße-Linie festgelegt, zunächst jedoch nur vorläufig. Vor dem Inkrafttreten des Potsdamer Abkommens flohen ca. sechs Millionen Menschen aus Polen, der Tschechoslowakei, dem sowjetisch besetzten Teil Ostpreußens und vom Balkan in Richtung Westen. Für die nach dem Inkrafttreten des Potsdamer Abkommens noch in den ehemals deutschen Ostgebieten verbliebenen Deutschen bedeutete das in der Zeit von 1945 bis 1949 die Umsiedlung. Etwa 4,7 Millionen Deutsche waren davon betroffen. Obwohl im Potsdamer Abkommen vereinbart worden war, dass diese Umsiedelungen „human und ordnungsgemäß“ erfolgen sollten, geschah dies zumeist nicht in dieser Art und Weise.

Die Eingliederung der deutschen Ostvertriebenen gelang zunächst nur sehr schwer. Sie kamen in ein stark zerstörtes Land, in dem die Einheimischen selbst um ihr Überleben kämpfen mussten. Sie waren meist wenig willkommen. Etwa zwei Drittel der Vertriebenen gelangten in die westlichen Besatzungszonen, nur ein Drittel in die sowjetische.

Die eigentliche Integration der Vertriebenen in ihrer neuen Heimat verlief im Wesentlichen in drei Phasen: In der vorläufigen Einweisung, der der vorläufigen Einordnung und der der Eingliederung. Diese letzte Phase, einhergehend mit der langsam einsetzenden Sesshaftigkeit, kann jedoch erst mit dem Eintritt der nächsten Generation in Berufs- und Eheleben als abgeschlossen betrachtet werden. Das 1952 vom Bundestag verabschiedete Lastenausgleichsgesetz veränderte die Situation. Die Lastenausgleichspolitik führte zu einer zunehmend erfolgreichen Integrationspolitik, welche mit einem starken wirtschaftlichen Aufschwung verbunden war.[2]

Die Beziehung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen nach 1945 war angespannt. Vor allem der Einfluss der Vertriebenenverbände auf die Politik trug seinen Teil dazu bei. Diese bildeten sich bereits sehr früh, wurden jedoch 1946 von den Alliierten zunächst verboten. Dieses Verbot wurde im Verlauf der Zeit schrittweise gelockert, bis es 1948 in den Westzonen ganz aufgehoben wurde. In Schleswig-Holstein wurde 1950 eine Vertriebenenpartei gegründet, der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE). Diese Partei erhielt bei den Landtagswahlen 23,5 Prozent der Stimmen. 1953 zog die Partei schließlich, wenn auch mit einem knappen Ergebnis, in den Bundestag ein und stellte in der Regierung Konrad Andenauers zwei Minister. Bei den nächsten Bundestagswahlen scheiterte sie dann an der Fünf-Prozent-Hürde. Alle Parteien, mit Ausnahme der KPD, forderten in den fünfziger Jahren die Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937.[3] Im Gegensatz zur Bundesrepublik erkannte die DDR 1950 im Görlitzer Vertrag die Oder-Neiße-Grenze an. In den sechziger Jahren veränderte sich die öffentliche Meinung zur Vertriebenenfrage. Das Vorgehen der Vertriebenenfunktionäre fand immer stärkere Kritik. Die öffentlichen Stimmen häuften sich, die eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze forderten.

Mit der Neuorientierung in der Ostpolitik durch die Regierung Willy Brandt und der Unterzeichnung der Ostverträge im Oktober 1970 trat nach 25 Jahren eine langsame Verbesserung auf politischer Ebene ein, die sich etappenweise fortsetzte. Einer der ersten Schritte Brandts in diese Richtung war es, das Vertriebenenministerium aufzulösen und dessen Abteilungen dem Innenministerium zu unterstellen. In dieser Phase wurden Verträge mit der Sowjetunion, Polen, der CSSR, der DDR sowie ein Berlin-Abkommen ausgehandelt. Mit diesen Verträgen erkannte die Bundesrepublik die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Grenzen Europas an. Diese Anerkennung stand im Kontext von Gewaltverzichtsabkommen im Sinne der Respektierung der Grenzen, was jedoch weder ihre friedliche Veränderung noch ihre Durchlässigmachung ausschloss. Diese Verträge wurden von den Vertriebenenverbänden erbittert bekämpft. Als 1982 die CDU in einer Koalition mit der FDP die Regierung übernahm, keimte noch einmal die Hoffnung der Vertriebenenverbände auf, politisch erneut Einfluss nehmen zu können. Diese Hoffnung wurde jedoch schnell enttäuscht als sich zeigte, dass die Regierung Helmut Kohls die Ostpolitik von Willy Brandt und Helmut Schmidt nur wenig verändert fortsetzte.

Die deutsche Vereinigung setzte die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze voraus, zu der die beiden deutschen Staaten in den „Zwei-plus-Vier“-Verhandlungen aufgefordert wurden. Am 21. Juni 1990 erklärten der Bundestag und die Volkskammer der DDR ihren Willen, die Oder-Neiße-Grenze völkerrechtlich anzuerkennen, so dass mit dem Vertrag vom 14. November 1990 und dem Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit vom 17. Juni 1991 die polnische Westgrenze offiziell und endgültig festgeschrieben wurde.[4]

II. Teil: Die sogenannte Vertreibungsliteratur

1. Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung

In nahezu allen Arbeiten, die sich mit dem Thema Vertreibungsliteratur beschäftigen, wird zunächst betont, dass dieses Feld bisher in der literaturwissenschaftlichen Forschung stark vernachlässigt worden ist. Axel Dornemann nennt in seiner 2005 erschienen Bibliographie zum Thema „Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in Prosaliteratur und Erlebnisbericht seit 1945“[5] nur 15 Titel, die sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Er fügt jedoch hinzu, dass es sich lediglich um eine Auswahl handelt. Dennoch ist die Zahl der Arbeiten im Verhältnis zu den literarischen Werken, welche sich die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ab 1944 zum Thema gesetzt haben, eher gering. Wolfgang Schneiß bemängelt in seiner Arbeit „Flucht, Vertreibung und verlorene Heimat im früheren Ostdeutschland“[6], eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema sei bisher nur in Ansätzen geschehen.[7] Des Weiteren stellt er fest, dass auch in den gängigen literaturgeschichtlichen Darstellungen gar nicht oder nur am Rande darauf eingegangen worden ist.[8] Roswitha Wisniewski schließt sich dieser Meinung an:

„In der Germanistik der Gegenwart ist weder die landschaftlich gebundene und geprägte Literatur […] noch ist der historische Vorgang ´Flucht und Vertreibung´ ein ausgeprägter und besonders berücksichtigter Forschungsgegenstand.“[9]

Die Gründe dafür sieht sie in der bis heute nicht ausreichend erfolgten Entwicklung von Kriterien, die eine zuverlässige literarische Wertung zulassen würden.[10] Die wohl umfassendste, und von der Literaturwissenschaft am meisten beachtete, Arbeit zu diesem Thema hat bisher der amerikanische Germanistikprofessor Louis Ferdinand Helbig verfasst. Ziel seiner Arbeit war es, eine Einführung in die Vertreibungsliteratur zu schaffen und dadurch diese von den zahlreichen Vorwürfen, auf die im Folgenden noch weiter einzugehen sein wird, zu rehabilitieren.[11] Mit der Aufstellung von sechs Thesen versucht er, der geringen Wertschätzung der Texte der so genannten Vertreibungsliteratur in der Literaturwissenschaft entgegenzuwirken. Zusammengefasst geht es um den Nachweis folgender Punkte: 1. Der Existenz eines umfangreichen Korpus belletristischer Texte zu diesem Thema; 2. der Fähigkeit dieser Literatur die Flucht- und Vertreibungserlebnisse als moralisch bewältigt darzustellen; 3. Der Entkräftung des Vorwurfes die Leiden der Deutschen würden in den Vordergrund gestellt werden; 4. Der Nachweis eines neuen Prosa- und Lyriktyps; 5. Das Widerlegen des Vorwurfes völkische- oder nationalistische Tendenzen seien kennzeichnende Merkmale dieser Literatur; 6. Der Nachweis einer großen Anzahl von Werken bedeutender Autoren zum Thema Flucht und Vertreibung.[12]

Die Arbeit von Wolfgang Schneiß setzt sich ebenfalls ausführlich mit dem Thema auseinander, jedoch hat sie einen anderen Schwerpunkt. Während es Helbig darum geht sich einen möglichst umfassenden Überblick über die erschienen literarischen Werke zu verschaffen, ist das Ziel der Arbeit von Wolfgang Schneiß eine detaillierte Werkanalyse ausgewählter Texte. Anhand von sieben Romanen aus unterschiedlichen Zeiten versucht er die Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Entwicklungszusammenhänge herauszuarbeiten.[13] Neben diesen beiden Arbeiten gilt es noch die Dissertation Elwira Pachuras[14] zu erwähnen sowie die Arbeit Ewa Hendryks über „Hinterpommern als Weltmodell in der deutschen Literatur nach 1945“[15]. Erstere Arbeit untersucht die Heimatproblematik in ausgewählten Texten von Horst Bienek, Christa Wolf, Leonie Ossowski sowie Christine Brückner. Die Arbeit Ewa Hendryks untersucht die Darstellung Hinterpommerns sowohl in der Lyrik als auch in der Dokumentarliteratur und in Romanen unter anderem von Hannah Stephan, Christine Brückner, Wolfgang Koeppen, Hans Werner Richter und Uwe Johnson. Dabei liegt der Fokus auf der historischen Dimension der Texte. Zusätzlich gilt es noch, neben einigen weiteren Arbeiten zu diesem Thema, die Textsammlung Elke Mehnerts zu erwähnen, da in dieser das Flucht und Vertreibungsgeschehen nicht nur aus deutscher Sicht untersucht wird. Literaturwissenschaftler wie beispielsweise der Pole Hubert Orlowski stellen das Thema unter einem, noch einmal ganz anderen Blickwinkel dar.

2. Was ist Vertreibungsliteratur?

Als eine der ersten Fragen gilt es zu klären, aufgrund welcher Kriterien die Werke der Vertreibungsliteratur als solche definiert werden können. Axel Dornemann sah sich bei der Zusammenstellung seiner 2005 erschienen Bibliographie vor ebendies Problem gestellt.

„Denn die Flucht- und Vertreibungsliteratur ist zwar in der erzählten Zeit und inhaltlich bestimmbar, in ihren vielfältigen Ausprägungen und thematischen Intensitäten aber äußerst amorph und deshalb nur begrenzt strukturierbar.“[16]

Auf der Suche nach einer einheitlichen Definition findet sich der bereits angesprochene Mangel an wissenschaftlicher Aufarbeitung des Themas nur insofern bestätigt, als dass sich keiner der angesprochenen Autoren bisher zu einer grundlegenden Definition entschließen konnte. Schneiß und Helbig betonen, dass es sich bei ihren Arbeiten lediglich um eine Einführung in das Thema handeln kann, welche zu weiteren Forschungen Anlass geben soll.

Lediglich in einem Wörterbuch der Literatur findet sich ein Eintrag zum Thema Vertreibungsliteratur. Gero von Wilpert definiert den Begriff in seinem Sachwörterbuch der Literatur folgendermaßen:

„Vertreibunsliteratur: Sammelbezeichnung für die meist erzählende Literatur zum Thema der Flucht und Vertreibung Deutscher aus den ehem. dt. besiedelten Ostgebieten Polens, Böhmens, Siebenbürgens u.a.: Grass, Lenz, Surminski u.a.“[17]

Aus den gängigen Werken[18] der literarischen Forschung zu diesem Thema wird deutlich, dass es in erster Linie um drei Aspekte geht:

- die geographische Eingrenzung der Vertreibungsgebiete (im Großen Pommern, Ostpreußen, Schlesien),
- den sozio-kulturellen Lebensraum mit den spezifischen Besonderheiten in kultureller und traditioneller Hinsicht, welcher die Region und die Menschen geprägt hat,
- und den geschichtlichen Aspekt, welcher den Verlust der Heimat und dessen

Voraussetzungen und Folgen einschließt.

Anknüpfend an den letzten Punkt ist auch die Bewertung der Vergangenheit ein wichtiges Kriterium.

Helbig betont, dass die seelische Seite des Flucht- und Vertreibungserlebens der eigentliche Bereich dieser Literatur sei.[19]

Zusammenfassend kann also festgehalten werden: Ein Text kann der Literatur der Vertreibung zugeordnet werden, wenn er zeitlich in etwa zwischen 1933 (Beginn des Dritten Reiches) und 1946 (in etwa vorläufiges Ende der Vertreibungen) spielt, seine Haupthandlung im ehemals deutschen Osten angesiedelt ist (in einem Großteil der Texte Hinterpommern, Ostpreußen oder Schlesien) und die Flucht und/oder Vertreibung der Hauptfiguren in den Westen thematisiert wird.

Dornemann fasst es in Bezug auf die genannten Kriterien folgendermaßen zusammen:

„Alle Literatur, die zumindest mit einem einschlägigen Handlungsstrang ausgestattet ist oder die eine direkt oder indirekt betroffene Person in ihrem Figurenensemble aufweist, welche im Gesamttext eine zentrale Rolle spielt, hat Aufnahme in diese Bibliographie gefunden.“[20]

Diese Bibliographie umfasst etwa 2000 Einzeltitel und 87 Anthologien, entstanden zwischen 1945 und 2005. Sie bietet somit einen umfassenden Überblick über die literarische Produktion zum Thema „Flucht und Vertreibung“ der letzten 60 Jahre.

3. Problematik dieser Literatur

Der Grund für die bis heute geringe Beschäftigung der Literaturwissenschaft mit dem Thema der Vertreibungsliteratur hängt vermutlich damit zusammen, dass mit ihr seit jeher eine tiefer gehende historische Problematik einhergeht. Die in Kapitel 2 des ersten Teils dieser Arbeit vorangestellten Erläuterungen des historischen Kontextes zeigen eben diese auf. Die Ostpolitik, die Interessenkonflikte sowie der Wunsch nach Versöhnung mit Polen, sind die wesentlichen Punkte. Das große Interesse der Vertriebenenverbände an literarischen Texten dieses Themas hat sicherlich einen großen Teil dazu beigetragen.

Kritiker werfen der so genannten Vertreibungsliteratur vor, dass sie Sehnsüchte nach der alten Heimat aufrechterhält oder schürt, die Werke einer Versöhnung mit Polen im Wege stehen sowie Revanchismus betrieben wird. Der am häufigsten geäußerte Vorwurf bezieht sich jedoch auf die Texte selber. Historische Ereignisse würden nur einseitig geschildert, einhergehend mit stereotypen Darstellungen der Figuren.

„Die Publikationen dieser Art unterliegen einer Faustregel: Je weiter sie im 20. Jahrhundert voranschreiten, je mehr Informationen ihren Autoren aus eigener Anschauung zur Verfügung stehen, um so weniger erfährt der Leser über politische Entwicklungen und personelle Strukturen. Nichts erhellendes, Greifbares, Konkretes wird mitgeteilt über politische Kämpfe und soziale Konflikte, über Wehrverbände und Gewerkschaften, über Sozialdaten und Wahlergebnisse, über die Einstellung der Bewohner zu Kaiserreich, Republik und Diktatur, über die Presse, die Parteien, über den Geist in Verwaltung und Justiz, über Strömungen in den Kirchen, über die NS-Bewegung und ihre führenden Köpfe – über Fragen also, die mittelbar und unmittelbar mit politischen Entwicklungen, NS-Machtergreifung, Zweitem Weltkrieg und letztlich auch mit der Vertreibung im Zusammenhang stehen.“[21]

Diese negative Einstellung der Literaturwissenschaft gegenüber der Vertreibungsliteratur zeigt sich neben der Arbeit Doris Neujahrs auch in den Texten Werner Brettschneiders und Norbert Mecklenburgs[22]. Brettschneider entscheidet sich in seinem Buch über die deutsche Gegenwartsliteratur gegen ein Kapitel über den ´Verlust der Heimat´. In seiner Begründung unterstellt er der Literatur eine fehlende adäquate Bearbeitung des Themas. Er nennt zwar sieben Titel, unter anderem Arno Surminskis ´Jokehnen` sowie Siegfried Lenz´ ´Heimatmuseum´ geht aber im Folgenden nicht weiter darauf ein.[23] Mecklenburg schließt sich dieser Meinung an. Seiner Aussage nach könne die Vertreibungsliteratur von einigen wenigen Autoren abgesehen, er nennt unter anderem Siegfried Lenz, Günter Grass und Arno Surminski, nur Texte „fragwürdiger Vertreibungspublizistik“ aufweisen. Er spricht ihr somit eine wirkliche Existenzberechtigung in der Literaturgeschichte ab.[24]

Reaktionen auf Aussagen wie die von Doris Neujahr zeigen die Arbeiten von Wolfgang Schneiß und Louis F. Helbig. Beide nennen als Ziel ihrer Arbeiten eine Rehabilitation des Themas.[25] Wie bereits unter Punkt 1 angesprochen wurde, entkräften vor allem die Arbeiten von Helbig und Schneiß viele dieser Vorwürfe. In Bezug auf die Ansicht Doris Neujahrs lassen sich die Vorwürfe nur in einer ausführlichen Werkanalyse entkräften. In der Arbeit von Wolfgang Schneiß zeigen sich dazu einige Ansätze. Im Einzelnen die Kritikpunkte Neujahrs mit den Ergebnissen Schneiß´ abzugleichen, würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten.

Am Beispiel der Behandlung des Nationalsozialismus in den von Schneiß untersuchten Romanen soll jedoch an dieser Stelle ein kurzer Einblick gewährt werden. Der Vorwurf Neujahrs lautet: In Texten der so genannten Vertreibungsliteratur würde nichts Greifbares, Konkretes über die NS-Bewegung und ihre führenden Köpfe mitgeteilt. Wolfgang Schneiß stellt zunächst einmal fest, dass alle Autoren (Wiechert, Ihlenfeld, Hartung, Grass, Surminski, Lenz und Bienek) dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber stehen. So unterschiedlich die Darstellung desselben in den sieben Romanen erfolgt, wird sie von allen Autoren indirekt thematisiert, in wenigen Fällen treten Protagonisten des Systems auf. Einzig Grass bildet eine Ausnahme. Bei ihm wird der Nationalsozialismus zu dem beherrschenden Thema. Die nationalsozialistischen Verbrechen werden in allen Romanen thematisiert, wenn auch zum Teil nur am Rande.

Diese Ergebnisse entlarven den Vorwurf von Doris Neujahr als haltlos. Dieses stark verkürzt dargestellte Einzelergebnis, kann zwar nicht ansatzweise als repräsentativ für die gesamte Menge an Texten der so genannten Vertreibungsliteratur angesehen werden, es zeigt jedoch auf, wie pauschal Neujahr ihre Vorwürfe generalisiert.

In Bezug auf das Argument Brettschneiders zeigt sich das von Dornemann bereits angesprochene Problem der Eingrenzungskriterien dieser Literatur. Wenn man sich jedoch das Ergebnis der Arbeit Dornemanns anschaut, erscheint der Vorwurf einer nicht adäquaten literarischen Bearbeitung des Themas unbegreiflich. Bringt man jedoch das Erscheinungsjahr der Arbeit Brettschneiders (1979) mit den Ergebnissen Axel Dornemanns in Verbindung könnte hier die Begründung für die These liegen.

„Setzt man die etwa 130 Einzelveröffentlichungen des Jahrzehnts 1951 bis 1960 als einen Wert von 100 Prozent an – zwischen 1946 und 1950 sind etwa 50 Publikationen feststellbar – , so fällt er in der Dekade danach sogar auf 81 Prozent ab und bleibt auch zwischen 1971 bis 1980 unter dem Wert von 100 (97), während von den 1980er jahren an über das Jahrzehnt der 1990er und des ersten im neuen Jahrtausend (die Jahre 2001 bis 2004 aufs Jahrzehnt hochgerechnet) die Kurve exorbitant ansteigt, und zwar von 200 über 284 bis hin zu 354 Prozent!“[26]

Dornemann legt diesem Ergebnis die Vermutung zu Grunde, dass es den Zeitraum einer Generation gedauert hat, bis diese Literatur auch für die breite Öffentlichkeit interessant wurde.[27] Brettschneiders Begründung für seine These liegt somit eine weitaus geringere Zahl an literarischen Publikationen mit dem Thema „Flucht und Vertreibung“ zu Grunde, als in der Gegenwart dieser Arbeit. Dies zeigt sich allein schon im Hinblick auf die ausgewählten Texte, von denen nur drei[28] im Erscheinungsjahr von Brettschneiders schon existierten.

Die Ergebnisse aus diesen ersten beiden Versuchen, die Vorwürfe der Literaturwissenschaft gegen Texte der so genannten Vertreibungsliteratur zu entkräften, zeigen bereits den enormen Forschungsbedarf, der sich auf diesem Gebiet ergibt.

4. Ein eigenes Genre?

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Frage nach der Einordnung des Themas „Flucht und Vertreibung“ in die Literaturgeschichte. Keiner der bereits genannten Autoren hat sich in der Frage der Kategorisierung festgelegt.

Wolfgang Schneiß betont, dass die von ihm analysierten Romane, zu sehr von ihrem jeweiligen Eigencharakter geprägt sind, als dass sie im Rahmen eines neuen Genres zusammengefasst werden könnten.[29] Einen eigenen Kategorisierungsansatz bietet er nicht, verweißt jedoch auf das Konzept des regionalen Romans, welches er in Bezug auf die von ihm analysierten Texte für anwendbar hält. Dieses besagt im Wesentlichen, dass ein Roma,n für dessen Konzeption und Struktur Regionalität eine maßgebliche Bedeutung hat, „Regionaler Roman“ genannt werden kann.[30]

Auch Helbig hält sich bezüglich dieser Frage zurück. Er vermeidet ihre Beantwortung, indem die so genannte Vertreibungsliteratur zwar in Bezug auf die inhaltlichen Kriterien definiert, wie es auch Dornemann in der Einleitung seiner Bibliographie versucht, die ästhetischen Kriterien jedoch vollständig außer Acht lässt.[31]

Hermann Ernst Beyersdorf geht weniger behutsam an dieses Thema heran. Trotzdem er sein Kapitel 2.2. mit der Überschrift „Die Gattung der ›Vertreibungsliteratur‹ und ihre Bewertung in der Kritik“ versieht, geht er in dem darauf folgenden Text auf diese explizite Definition nicht näher ein. Vielmehr diskutiert er die Versuche von Schneiß und Helbig zu einer Definition zu gelangen, was ihn letztlich doch noch zu einer etwas wagen Eigeninterpretation des Begriffs führt:

„Insofern sich die Vertreibungsliteratur mit der Schilderung der Heimat im Osten vor Flucht und Vertreibung befasst, kann sie als Kategorie des Heimatromans betrachtet werden.“[32]

Aus diesen drei ganz unterschiedlichen Herangehensweisen an die Frage der Einordnung der so genannten Vertreibungsliteratur in den Kontext der Literaturwissenschaft wird deutlich, wie unterschiedlich die Auffassungen zu diesem Thema sind.

Letzten Endes muss es zunächst bei einer Kategorisierung nach den Schemata Helbigs oder Dornemanns bleiben, welche sich auf die rein inhaltliche Ebene der Texte beschränken. Eines wird bei der Durchsicht der Forschungsliteratur jedoch deutlich: Der Begriff „Vertreibungsliteratur“ findet als feststehender Begriff zunehmend Eingang in die literaturwissenschaftliche Forschung. Das Fehlen einer konkreten Definition scheint dabei kein Manko zu sein.

III. Teil: Theoretischer Ansatz

1. Auswahlkriterien der zu untersuchenden Texte

Die Texte der so genannten Vertreibungsliteratur lassen sich nach verschiedenen Aspekten gliedern. Eine Möglichkeit ist, sie nach den Vertreibungslandschaften zu ordnen. Diese umfassen die Gebiete Schlesien, unterteilt in Ober- und Niederschlesien, Ostpreußen, Westpreußen, Hinterpommern, das Baltikum, das Sudetenland, sowie noch einige andere weniger bedeutende Gebiete. Helbig bezeichnet diese Vertreibungslandschaften auch als Literaturlandschaften.[33]

Eine andere Möglichkeit wäre es, dem Beispiel Axel Dornemanns zu folgen und die Texte nach Entstehungsjahr zu gliedern. Bei dieser Vorgehensweise ergibt sich eine stringente Entwicklung. Helbig unterteilt diese chronologische Einordnung in drei Schaffensphasen: Eine Erlebnisphase von 1945 bis etwa 1955, in der überwiegend Texte in Form von Tagebüchern oder Chroniken entstanden. Es schließt sich eine Dokumentationsphase an, deren Ansätze sich bereits 1950 zeigten. Sie reicht bis in die sechziger Jahre. In dieser Zeit vollzog sich ein langsamer Übergang von rein biographischen Aufzeichnungen hin zu einer vermehrt literarischen Ausarbeitung. Ab 1975 setzte eine dichterische Phase ein, in der diese literarische Ausarbeitung mehr und mehr verfeinert wurde bis hin zu einer schöpferischen Bewältigung nicht nur des selbst Erlebten in der Dichtung sondern auch durch die Dichtung an sich.[34]

Fraglich ist nun, nach welchen Kriterien die in dieser Arbeit zu untersuchenden Texte ausgewählt werden sollen.

Der Roman ist laut Helbig die literarische Form, die dem Erzählen geschichtlicher Zusammenhänge am umfassendsten gerecht wird.[35] Er weist auf eine Parallele zwischen dem Vertreibungsroman und den erzählenden Epen in Zeiten der rein mündlichen Überlieferung hin. Im Hinblick auf die große Anzahl von Romanen mit dem Thema Vertreibung, wie Dornemann sie in seiner Bibliographie aufzeigt, scheint sich diese Überlegung zu bestätigen. Aufgrund dieser Tatsache fällt die Wahl auf zwei Romanwerke sowie auf einen literarisch bearbeiteten Erlebnisbericht. Dieser wird hinzugezogen, da in Bezug auf das zu untersuchende Thema, die Familienstrukturen und Geschlechterrollen, dieser Text sehr ergiebig ist. Alle ausgewählten Werke sind nach Helbig eindeutig der dichterischen Phase zuzuordnen. Während die ausgewählten Romanwerke alle zwischen 1974 und 1985 entstanden, und somit genau in die von Helbig beschriebene Phase fallen, ist der Text Christian Graf von Krockows erst zu Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstanden und kann somit möglicherweise als eine Spätform der dichterischen Phase angesehen werden, wobei er sich zusätzlich in seiner Form als Erlebnisbericht durch den stark biographischen Hintergrund von den drei anderen Texten abhebt.

Die zu untersuchenden Werke sollten in Anlehnung an Helbig[36] Romane sein und in etwa zeitgleich entstanden sein. Um ein differenziertes Bild zu erhalten, sollten sich die sozialen Gefüge, sowie die geographische Lage, in den einzelnen Texten unterscheiden.

Christine Brückners Roman-Trilogie behandelt das vielleicht populärste Thema der so genannten Vertreibungsliteratur: Die Hauptfigur Maximiliane von Quindt wächst in Pommern auf einem Gutshof in einer spätfeudalen, patriarchalischen Gesellschaftsordnung auf. Mit dem Vorrücken der Roten Armee gerät diese Gesellschaftsordnung zunehmend ins Wanken, bis sie dann mit der Flucht der Protagonistin und dem Freitod ihrer Großeltern, den Repräsentanten des alten Systems, ihr endgültiges Ende nimmt. Diese „alte“ Welt ist geprägt durch das ländliche Leben, in welches die Industrialisierung kaum Eingang gefunden hat und die feudalen Herrschaftsmuster nach wie vor bestehen.

In einer ähnlichen Umgebung, jedoch im ostpreußischen Jokehnen, spielt der Roman von Arno Surminski. In einer ebenfalls ländlich geprägten Gegend, noch abgeschiedener als das pommersche Poenichen in den Romanen Christine Brückners, an der damaligen Grenze zu Polen, liegt das kleine Dorf, welches den Schauplatz der Geschichte darstellt. Diese wird jedoch von einer anderen Seite beleuchtet. Der Protagonist Hermann Steputat wird nicht in adelige Kreise hineingeboren. Er ist der Sohn des Dorfschneiders, welcher zugleich auch die Funktion des Bürgermeisters übernommen hat. Auch diese Gesellschaft ist geprägt von den feudalen Herrschaftsmustern der Zeit. Es gibt ebenfalls einen Gutshof mit einer herrschaftlichen Familie, die jedoch nur am Rande eine Rolle spielt. Vielmehr werden das Leben der einfachen Leute und ihr täglicher Kampf ums Überleben in den Mittelpunkt der Handlung gerückt. Im Gegensatz zu der Protagonistin der Romane Brückners gelingt den meisten Bewohnern Jokehnens die Flucht vor der Roten Armee nicht. Sie kehren nach Hause zurück. Entgegen der gängigen Geschichte der Flucht in den Westen, wie Brückner sie erzählt, befasst sich Surminski mit den Zurückgebliebenen, die zumeist nach 1946 zwangsausgesiedelt wurden.

Der Ort des Geschehens im Erlebnisbericht Christian Graf von Krockows ist das spätfeudale Pommern. Zu Beginn des Textes wird die gräfliche Familie vorgestellt, die mit der Hochzeit der Protagonistin Libussa Fritz-Krockow ein letztes großes Fest in der „alten Welt“ feiert. Mit dem Herannahen der Roten Armee flüchtet die Familie, aber wie schon in Surminskis Roman, werden sie von den russischen Truppen eingeholt und kehren in die Heimat zurück. Der Schwerpunkt der Erzählung liegt in der Schilderung der Zeit nach Kriegsende. Die Schwierigkeiten, die Familie zu ernähren, die Übergriffe durch die Russen und Polen, Auseinandersetzungen mit den ehemaligen Untergebenen, sowie mit verbliebenen Nazis und die letztendliche Aussiedlung in den Westen, werden detailliert dargestellt. Ebenso wird auf die Problematik des Zerfalls der alten Gesellschaft und Werte, der Verlust der patriarchalischen Herrschaftsmuster eingegangen.

Mit der Auswahl dieser drei Texte soll ein möglichst breites Spektrum von Themen und Gesellschaftsformen aufgezeigt werden, auch im Hinblick auf die kulturellen Unterschiede, die aufgrund der spezifischen geografischen Lage entstanden sind. Es soll neben der, in der Trivialliteratur stark aufgegriffenen und somit möglicherweise populärsten, Thematik des ostelbischen Gutsherren, der seinen Besitz verliert, vor der Roten Armee flüchtet und sich später in der westdeutschen Gesellschaft eingliedern muss, auch auf andere Aspekte des Themas „Vertreibungsliteratur“ eingegangen werden. Denn gerade unter diesem Blickwinkel betrachtet, lassen sich die in Kapitel 3 des I. Teils angeführten Vorwürfe am ehesten entkräften. Dass in der Auswahl der Texte auch ein persönlicher Geschmack eine Rolle gespielt haben wird, ist ebenfalls festzuhalten, spielt jedoch eine untergeordnete Rolle.

2. Geschlechterrollen

2.1. Herausbildung der traditionellen Geschlechterrollen

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Funktion, bzw. die Anwendung von Geschlechterrollen in den ausgewählten Texten zu untersuchen. Eine Voraussetzung für diese Untersuchung sollte eine kurze Klärung des Begriffs ‚Geschlechterrolle‛[37] sein.

„Der Begriff ‚Geschlechtsrolle‛ bezeichnet das für das männliche oder weibliche Geschlecht kulturell als angemessen betrachtete (erwartete oder vorgeschriebene) Verhalten der Geschlechter“[38]

Diese Definition aus der Arbeit Irenäus Eibl-Eibesfeldts fasst den Begriff kurz zusammen. Dorothee Alfermann sieht den Begriff ‚Geschlechterrolle‛ als eine Ergänzung des ‚Geschlechterstereotyps‛, welchen sie als Beschreibung typischer Eigenheiten von Männern und Frauen mit der Wirkung von Wahrscheinlichkeitsannahmen und der Möglichkeit den weiteren Handlungsverlauf steuern zu können, definiert.

„Der Begriff der Rolle bedeutet, dass eine Position existiert, an deren Inhaber/Inhaberin bestimmte Erwartungen, die Rollenerwartungen, gerichtet werden.“[39]

Laut Zahlmann-Willenbacher haben sich die heute dominierenden Geschlechterstereotype zu Beginn des 19. Jahrhunderts herausgebildet und damit die religiöse, biblische Rechtfertigung der Ungleichheit der Geschlechter abgelöst.[40]

Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam es zu einer Trennung zwischen Berufs- und Privatsphäre. Der Mann musste, um seiner Arbeit in Fabriken oder handwerklichen Betrieben nachgehen zu können, die häusliche Wirtschaftsgemeinschaft verlassen. Der Arbeitsbereich der Frau jedoch verblieb innerhalb derselben. Die Geschlechtsstereotype wie sie zum Teil bis heute noch verbreitet sind, basieren nach Ansicht Zahlmann-Willenbachers auf der historischen Trennung von Berufswelt und familiärem Zusammenhang.[41] Sie besagen, dass die Frau für den häuslichen Bereich, d.h. in erster Linie für den Haushalt und die Erziehung und Versorgung der Kinder zuständig ist, der Mann die Funktion des Ernährers zu erfüllen hat.

Der Handlungszeitraum der zu untersuchenden Texte spiegelt diese Entwicklung deutlich wider. In allen vier Texten arbeiten die Männer der Elterngeneration noch in der häuslichen Wirtschaftsgemeinschaft, wenn sie nicht, wie in „Die Stunde der Frauen“ militärischen Dienst leisten. Am deutlichsten wird die Entwicklung in Christine Brückners „Poenichen-Trilogie“: Während der alte Baron seinen Arbeitsbereich noch auf seinem Gut hat, und auch die Dorfbewohner in der Wirtschaftgemeinschaft des Deputats verwurzelt sind, sucht sich die folgende Generation, in Person Viktor Quints oder Willem Riepes, sein Berufsfeld bereits außerhalb dieser Welt, der eine beim Reichssippenamt, der andere als Arbeiter bei Siemens in Berlin. Es muss jedoch beachtet werden, dass in den ländlichen Regionen Pommerns und Ostpreußens diese Entwicklung „hinterherhinken“ muss, da diese Regionen auch während des Zweiten Weltkrieges noch sehr stark landwirtschaftlich geprägt waren, und die Industrialisierung, und vor allem die Mechanisierung der Landwirtschaft, noch nicht in diese entlegenen Gebiete vorgedrungen war.

[...]


[1] Alter, P., Hufnagel, G. (Hrsg.): Grundriss der Geschichte, Neuzeit seit 1789, Bd. 2, Stuttgart, 1992, S. 248 f.

[2] Bernd Faulenbach: Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 23.12.2002.

[3] Ebenda.

[4] Ebenda.

[5] Axel Dornemann: Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in Prosaliteratur und Erlebnisbericht seit 1945, Stuttgart, 2005.

[6] Wolfgang Schneiß: Flucht, Vertreibung und verlorene Heimat im früheren Ostdeutschland. Beispiele literarischer Bearbeitung, Frankfurt am Main, 1996.

[7] vgl. Ebenda, S. 15.

[8] vgl. Ebenda, S. 15.

[9] Roswitha Wisniewski: Flucht und Vertreibung in pommerscher Literatur. In: Klaus Weigelt (Hrsg.): Flucht und Vertreibung in der Nachkriegsliteratur. Formen ostdeutscher Kulturförderung, Melle, 1986, S. 46.

[10] vgl. Ebenda, S. 46.

[11] Louis Ferdinand Helbig: Der ungeheure Verlust. Flucht und Vertreibung in der deutschsprachigen Belletristik der Nachkriegszeit, Wiesbaden, 1989, S. XII.

[12] Louis Ferdinand Helbig, S. 41f.

[13] Wolfgang Schneiß, S. 23.

[14] Elwira Pachura: Polen die verlorene Heimat. Zur Heimatproblematik bei Horst Bienek, Leonie Ossowski, Christa Wolf, Christine Brückner, Heidelberg, 2002.

[15] Ewa Hendryk: Hinterpommern als Weltmodell in der deutschen Literatur nach 1945, Frankfurt am Main, 1998.

[16] Dornemann, 2005, S. XV.

[17] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur, 8. Aufl., Stuttgart 2001.

[18] gemeint sind die, im Verlauf dieser Arbeit, zitierten Autoren.

[19] vgl. Ebenda, S. 11.

[20] Ebenda, S. 16.

[21] Doris Neujahr: Nicht nur verlorene Paradiese. Über die lückenhafte Rekonstruktion von „Heimat“ in der Erinnerungsliteratur der Vertriebenen. http://www.jf-archiv.de/archiv00/350yy35.htm, Zugriff: Juli 2006.

[22] Werner Brettschneider: Zorn und Trauer. Aspekte deutscher Gegenwartsliteratur, Berlin 1979, Norbert Mecklenburg: Die grünen Inseln. Zur Kritik des literarischen Heimatkomplexes, München 1986.

[23] Werner Brettschneider, S. 37.

[24] Norbert Mecklenburg, S. 22f.

[25] vgl. Wolfgang Schneiß, 1996, S, 16f; Louis F. Helbig, 1989, S. XII, S. 27.

[26] Dornemann, S. VII.

[27] Ebenda.

[28] Surmisnkis „Jokehnen“ sowie die ersten zwei Romane der Poenichen-Trilogie Christine Brückners.

[29] Wolfgang Schneiß, S. 322.

[30] Wolfgang Schneiß, S. 323.

[31] Louis F. Helbig, S. 65.

[32] Hermann Ernst Beyersdorf: Erinnerte Heimat, S. 14.

[33] Louis F. Helbig, 1989, S. 6.

[34] Ebenda, S. 65.

[35] Ebenda, S. 84.

[36] Ebenda, S. 84.

[37] Die Begriffe ‚Geschlechterrolle‛ und ‚Geschlechtsrolle‛ werden im folgenden synonym verwendet.

[38] Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriss der Humanethologie, München Zürich, 1986, S. 339.

[39] Dorothee Alfermann: Geschlechterrollen und geschlechtstypisches Verhalten, Stuttgart, Berlin, Köln, 1996, S. 31.

[40] Barbara Zahlmann-Willenbacher: Kritik des funktionalistischen Konzepts geschlechtstypischer Arbeitsteilung. In: Roland Eckert (Hrsg.): Geschlechtsrollen und Arbeitsteilung. Mann und Frau in soziologischer Sicht, München, 1979, S. 70.

25 Ebenda, S. 70.

Details

Seiten
78
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638800143
ISBN (Buch)
9783638903882
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78629
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien
Note
2,0
Schlagworte
Familienstrukturen Geschlechterrollen Vertreibungsliteratur

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Familienstrukturen und Geschlechterrollen in der sogenannten "Vertreibungsliteratur"