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Zum Verhältnis von Theologie und Musik bei Johann Sebastian Bach

Exemplarisch dargestellt am Credo der "Hohen Messe" unter besonderer Berücksichtigung des gegenwärtigen Verhältnisses von Musik und Liturgie

Diplomarbeit 2005 119 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Verhältnis von Musik und Theologie: Komposition als Ausdruck religiöser Verkündigung? – Eine Einleitung –
2. Johann Sebastian Bach
2.1 Das Leben des Musikers unter besonderer Berücksichtigung seines „musikalisch-theologischen“ Werdegangs
2.1.1 Eisenach (1685-1695)
2.1.2 Ohrdruf (1695-1700)
2.1.3 Lüneburg (1700-1702)
2.1.4 Weimar I (1703)
2.1.5 Arnstadt (1703-1707)
2.1.6 Mühlhausen (1707-1708)
2.1.7 Weimar II (1708-1717)
2.1.8 Köthen (1717-1723)
2.1.9 Leipzig (1723-1750)
2.1.9.1 2.1.9.1 Leipzig I (1723-1729)
2.1.9.2 Leipzig II (1729-1741/1744)
2.1.9.3 Leipzig III (1745 - 1750)
2.2 Bach im Zeitalter des Barock
2.2.1 Der Barock als musikgeschichtlich-historische Epoche
2.2.2 Die Bedeutung Johann Sebastian Bachs im Barockzeitalter
2.3 Bach als Komponist und Theologe? – Zur Möglichkeit einer musikalisch-theologischen Deutung der bachschen Kompositionen –
2.3.1 Anhaltspunkte im Leben und in den Werken Bachs als Gründe für eine theologische Beleuchtung des Komponisten und seiner Werke
2.3.1.1 Bach als gläubiger Christ
2.3.1.2 Bachs theologische Bibliothek
2.3.1.3 Das „Soli Deo Gratias“
2.3.2 Verhältnisbestimmung der Einzelwissenschaften: Musikwissenschaften und Theologie innerhalb theologischer Bachforschung

3. Die „Hohe Messe“
3.1 Die Entstehung der Messe
3.1.1 Die Entstehung der unterschiedlichen Messteile
3.1.2 Die „Hohe Messe“ – Einheitliches Werk oder Einzelkompositionen?
3.1.3 „Hohe Messe“ oder „h-moll Messe“ – Zur Entstehung der Begrifflichkeit
3.2 Einordnung der Messe in das Gesamtwerk Bachs

4 Das Credo der h-moll Messe
4.1 Einordnung in die Messe
4.2 Zum Text des Credos
4.2.1 Die Gliederung des Textes und der daraus entstehende musikalische Aufbau des Credos
4.2.2 Theologische Bedeutung des Textes
4.2.2.1 Credo in unum deum
4.2.2.2 Patrem omnipotentem, factorem coeli et terrae, visibilium omnium et invisibilium
4.2.2.3 Et in unum Dominum Jesum Christum, Filium Dei unigenitum et ex patre natum ante omnia saecula. Deum de Deo, lumen de lumine, Deum verum de Deo vero, genitum, non factum consubstantialem Patri, per quem omnia facta sunt. Qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de coelis
4.2.2.4 Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria virgine, et homo factus est
4.2.2.5 Crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Pilato, passus et sepultus est
4.2.2.6 Et resurrexit tertia die secundum scripturas; et ascendit in
coelum, sedet ad dexteram Dei Patris. Et iterum venturus est cum
gloria judicare vivos et mortuos, cujus regni non erit finis
4.2.2.7 Et in Spiritum sanctum Dominum et vivificantem, qui ex Patre Filioque procedet, qui cum Patre et Filio simul adoratur et conglorificatur, qui locutus est per Prophetas. Et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam
2.1.9.1
4.2.2.8 Confiteor unum baptisma in remissionem peccatorum
4.2.2.9 Et expecto resurrectionem mortuorum et vitam venturi saeculi, amen
4.3 Harmonisch-Melodische Analyse mit Interpretation – unter besonderer Berücksichtigung des Wort-Ton Verhältnisses
4.3.1 Erster Satz
4.3.2 Zweiter Satz
4.3.3 Dritter Satz
4.3.4 Vierter Satz
4.3.5 Fünfter Satz
4.3.6 Sechster Satz
4.3.7 Siebter Satz
4.3.8 Achter Satz
4.3.9 Neunter Satz

5. Zum Verhältnis von Musik und Theologie innerhalb der bachschen Kompositionen – dargestellt am Credo der „Hohen Messe“

6. Kirchenamtliche Dokumente als Spiegel für die Entwicklung gottesdienstlicher Musik
6.1 Das Motu proprio von 1903 und sein Kontext
6.2 Die Kirchenmusik in der Liturgiekonstitution des II. Vatikanums

7. Musik als Möglichkeit theologischer Verkündigung – Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft?

Bibliographie

„Und zuletzt ist die wahre Versenkung in Bach auch ein Stück Theologie.“[1]

1. Das Verhältnis von Musik und Theologie: Komposition als Ausdruck religiöser Verkündigung? – Eine Einleitung –

Das Verhältnis von Theologie und Musik bei Johann Sebastian Bach, exemplarisch dargestellt am Credo der „Hohen Messe“ – ein Thema, welches auf den ersten Blick einen relativ engen Ausschnitt innerhalb der Musikgeschichte erfasst.

Es ergibt sich die Frage, warum ein solches Thema für den modernen Menschen der Gegenwart noch interessant sein kann, besonders vor dem Hintergrund der unzähligen bereits vorhandenen Abhandlungen über Johann Sebastian Bach und seine Kompositionen.

Musik und Theologie – zwei Einzelwissenschaften, die in der Kirchenmusik mit-einander verbunden werden. So lag es für mich als Studentin der Musikpädagogik und der katholischen Theologie nahe, den Schnittpunkt der beiden Wissenschaften im Rahmen dieser Arbeit einmal näher zu beleuchten.

Ich möchte untersuchen, ob und wie in der „Hohen Messe“ Johann Sebastian Bachs theologische Texte (in diesem Fall der Wortlaut des Credos) innerhalb einer Komposition einen Mehrwert durch musikalische Unterlegung bekommen können.

Im Rahmen einer ersten Literatursichtung, in der ich mit einer Fülle von unterschiedlichsten Büchern über Johann Sebastian Bach konfrontiert wurde (von unzähligen Biographien bis hin zu detaillierten Analysen und Interpretationsversuchen einzelner Bachwerke), konnte ich mit Erstaunen feststellen, dass zwar einige theologische Untersuchungen im Rahmen von theologischer Bachforschung[2] über die Werke Johann Sebastian Bachs vorhanden, diese allerdings fast ausschließlich als geschichtliche Abhandlungen zum Verhältnis Johann Sebastian Bachs zur Theologie gestaltet sind.[3]

Ich denke allerdings, dass sich auch heute innerhalb kirchenmusikalischer Praxis immer wieder die Frage stellt, ob und wie die Musik als besonderes Ausdrucksmittel menschlicher Gefühle, neben der Verkündigung des Wortes Gottes durch die Sprache und durch die darstellende Kunst ein Mittel zur religiösen Verkündigung sein kann.

Es soll in dieser Arbeit folglich neben der Beschäftigung mit dem historischen Werk der „Hohen Messe“ Johann Sebastian Bachs auch abschließend eine Übertragungsmöglichkeit auf die Gegenwart gesucht werden: Wie kann unter den heutigen Bedingungen das Verhältnis von Theologie und Musik aussehen? Gibt es Anknüpfungspunkte durch die Wiedererinnerung an historisch sinnvolle Verknüpfungen von Theologie und Musik innerhalb von Kompositionen für die Liturgie der Gegenwart?

Ich möchte hier an einige Fragen Meinrad Walters anknüpfen, deren Beantwortung er zu Beginn seines Buches als Zielvorstellungen angibt:

„Inwiefern ist Bachs Verkündigung ein Zusammenspiel von begrifflicher und musikalischer Sprache? Was sagt sie aus, was gibt sie zu verstehen und wie ist diese spezifische Wort-Ton-Sprache noch verstehbar? Inwiefern ist sie überhaupt eine Sprache des Glaubens? (...) Kann die Sprache einer vergangenen Epoche über ihre Zeit hinaus überhaupt verkündigen oder kann das immer nur die gegenwärtige Sprache? (...) Warum spricht sie (diese Sprache) so viele an, die ihrerseits diese Sprache nicht mehr sprechen, weder dem Begriff noch der Musik nach?“[4]

Auch ich möchte mich diesen Fragen stellen, und versuchen mich ihren Antworten durch Untersuchung des Credos aus der „Hohen Messe“ zu nähern.

Besonders zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wo aus unterschiedlichen Gründen die sprachliche Verkündigung des Wortes Gottes teilweise vor unüberwindlichen Barrieren zu stehen scheint, kann die Beschäftigung mit einem geschichtlichen Beispiel von musikalischer Verkündigung daran erinnern, dass es nicht ausschließlich den Weg der Wort-, sondern auch andere Wege der Glaubensverkündigung geben kann.

„Die Musik zählt zu den elementaren Ausdrucksformen des menschlichen Lebens, sie gehört wesenhaft zum Menschen und verbindet unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Weltanschauungen miteinander. Im Erahnen des Unbegreifbaren bringt die Musik den Menschen in Beziehung zu Gott, die Quelle aller Töne, den Urgrund aller Lieder und Harmonien auf eine Weise zum Klingen, wie es Bilder, Gedichte, Romane und wissenschaftliche Enzyklopädien nicht vermögen. Singen und Musizieren ist wie ein Herantasten an die Wirklichkeit Gottes, ein Aufspüren der Berührungspunkte zwischen irdischer Vergänglichkeit und göttlicher Ewigkeit.“[5]

Mit diesen Worten beginnt Armin Kirchner seine Funktionsbestimmung der Musik innerhalb von Theologie. Und er geht noch einen Schritt weiter.

„Dort, wo Worte nicht ausreichen, wo Intellekt und Verstand versagen, wird nach der Musik, der „Schwester der Theologie“, verlangt. Ihr wird die Fähigkeit zugesprochen, daß sie „hinreißt, tröstet und hilft“ (Rainer Maria Rilke) und den Menschen in ihren Klagen und Freuden, ihren Sehnsüchten und Hoffnungen beisteht und begleitet. Sie dringt in die Tiefen des menschlichen Bewußtseins und gibt dem Herzen Nahrung, denn nichts erhebt die Seele auf ähnliche Weise, nichts beflügelt sie so, befreit sie vom Irdischen, löst sie von den Körperfesseln, gibt ihr Liebe zur Weisheit ein und läßt sie alle dem irdischen Sein gehörigen Dinge spöttisch mißachten, wie der melodische Gesang` (hl. Johannes Chrysostomus, genannt „Goldmund“).“[6]

Kirchner bezeichnet die Musik als „Schwester der Theologie“. Wie kann sich diese Funktion der Musik in der Liturgie der Gegenwart ausdrücken? Welche Zusammenhänge lassen sich empirisch in der liturgischen Praxis der Gegenwart nachweisen? Und inwieweit kann das historische Beispiel des Zusammenhangs von Theologie und Musik innerhalb der Komposition Bachs heute noch ein Vorbild sein?

Ich möchte versuchen in dem letzten Teil meiner Arbeit zu diesen Fragen der Gegenwart und Perspektiven für die Zukunft Stellung zu nehmen. Daraus soll sich eine „Funktionsbestimmung“ von Musik in der Liturgie der Gegenwart ableiten.

Im Folgenden beschreibe ich die Aufteilung und thematische Akzentuierung der Kapitel meiner Arbeit.

Um das Werk Bachs besser zu verstehen, wird zunächst Bachs Biographie und die Bedeutung des Komponisten innerhalb seiner Zeitepoche dargestellt. (Kapitel 2)

Daran schließt sich eine allgemeine Einführung zur „Hohen Messe“ an, welche vor allem die Entstehung der Komposition beleuchtet. (Kapitel 3)

Im Hauptteil meiner Arbeit (Kapitel 4 und 5) soll das Credo der h-Moll Messe näher untersucht werden. Vor allem die Analyse und die Interpretation – unter der besonderen Berücksichtigung des Wort-Ton-Verhältnisses (innerhalb des vierten Kapitels) machen einen zentralen Teil der Arbeit aus. Das Verhältnis zwischen dem theologischen Text des Credos und der von Bach komponierten Musik wird herausgearbeitet.

Ein kurzer Rückblick auf die Entwicklung der Bedeutung von Kirchenmusik innerhalb kirchenamtlicher Dokumente, soll ein Fundament für das siebte und damit abschließende Kapitel meiner Arbeit liefern. Für eine Verhältnisbestimmung zwischen Theologie und Musik in der Gegenwart ist es unerlässlich einen Rückblick auf die kirchenamtlichen Dokumente der Vergangenheit zu werfen. Welche Bedeutung wurde der Kirchenmusik seitens der Theologie zugeschrieben? Wie und warum änderte sich der Blick auf die Kirchenmusik? Mit einer abschließenden Darstellung der Bedeutung von Kirchenmusik in der Liturgiekonstitution des II. Vatikanums soll schließlich die Grundlage für die gegenwärtige Bedeutung von Musik innerhalb der Liturgie gelegt werden.

Im siebten Kapitel werde ich abschließend eine Übertragung auf die heutige Zeit wagen, und kurz auf einige Konsequenzen und Möglichkeiten für den Umgang mit Musik im Bereich der Theologie und mit Theologie im Bereich von Komposition verweisen. So soll durch das Verstehen des Zusammenhangs zwischen Musik und Theologie, welches exemplarisch am Credo der „Hohen Messe“ Johann Sebastian Bachs gezeigt wird, nicht nur eine sicherlich einmalige historische Komposition in das Blickfeld genommen, sondern abschließend auch Möglichkeiten theologischer Verkündigung durch Musik in der Gegenwart kurz beleuchtet werden.

2. Johann Sebastian Bach

Um die Werke Johann Sebastian Bachs in ihrer ganzen Dimension verstehen zu können, liegt es nahe, sich zunächst mit dem Werdegang des Komponisten und Musikers vertraut zu machen.

Die Beschäftigung mit der Biographie Bachs lässt Einflüsse der Erziehung und des gesamten Umfelds erkennen, welche sicherlich nicht nur das Leben, sondern auch die Werke des Komponisten wesentlich prägen.

2.1 Das Leben des Musikers unter besonderer Berücksichtigung
seines „musikalisch-theologischen“ Werdegangs

Betrachtet man das Leben Johann Sebastian Bachs, so wird deutlich, dass es sich grob in neun unterschiedliche Phasen aufteilen lässt. Diese Phaseneinteilung nach dem jeweiligen Schaffensort des Musikers ist in den gängigen Biographien über Bach üblich.[7]

Es scheint sinnvoll diese Lebensabschnittseinteilung zu übernehmen, da die unterschiedlichen Lebensorte des Musikers jeweils an ganz konkrete Tätigkeitsbereiche gebunden sind, welche das Leben und Handeln Johann Sebastian Bachs deutlich prägen und beeinflussen.

Folgt man der Reihenfolge der einzelnen Orte, in denen Bach sich alleine oder auch mit seiner Familie niedergelassen hat, so ergeben sich hieraus neun Hauptschaffensstätten des Musikers.

Bach hält sich während seiner Jugendzeit (1685-1703) zunächst in Eisenach, Ohrdruf, Lüneburg und Weimar auf.[8]

Es schließen sich vierzehn Jahre (1703-1717) an, in denen Bach überwiegend als Organist seinen Lebensunterhalt verdient (Arnstadt, Mühlhausen und Weimar).

1717 bis 1723 ist der Musiker als Hofkapellmeister in Köthen tätig. Im Alter von 38 Jahren begibt Bach sich gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern an seinen letzten Wirkungsort: Bis zu seinem Tod im Jahre 1750 arbeitet er als Thomaskantor und Musikdirektor der Stadt Leipzig.[9]

Auffällig ist, dass sich Bachs Leben, trotz der häufigen berufsbedingten Ortswechsel und vieler Reisen, nur in einem sehr engen geographischen Raum abspielt: Der Komponist bewegt sich ausschließlich im Gebiet der Staaten Kursachsen, Brandenburg-Preußen und Hannover.[10]

Es liegt nahe anzunehmen, dass sich dieser enge geographische Raum aus den Schwierigkeiten der damaligen Zeit – größere Ortswechsel vorzunehmen – ergibt. (Es waren entweder viel Zeit oder sehr viel Geld dafür zu investieren.)

2.1.1 Eisenach (1685-1695)

„Es steht fest, daß keine geistige Begabung sich früher zeigt und entwickelt als die musikalische.“[11]

Johann Sebastian Bach wird am 21. März 1685 im thüringischen Eisenach als jüngstes von drei überlebenden Geschwistern geboren.

Bereits zwei Tage nach der Geburt findet die Taufe Johann Sebastians in der Georgenkirche zu Eisenach statt, in der sein Onkel Johann Christoph als Organist tätig ist. Das Kind erhält seinen Namen vom Vater (Johann Ambrosius) und von seinem Patenonkel (Sebastian Nagel), einem aus Gotha stammenden Kollegen des Vaters.[12]

Sein erstes Lebensjahrzehnt verbringt der junge Johann Sebastian in seiner Heimatstadt Eisenach.[13]

Den Alltag in der Fleischergasse, in der sein Elternhaus bis heute steht, prägen der Glaube und die Musik.[14] So ist bereits hier der Ursprung für die außergewöhnliche Musikalität des späteren Komponisten, Musikers und Lehrers zu suchen.

Bach erhält bei seinem Vater, der als Stadtmusiker arbeitet, den ersten Geigenunterricht. Wahrscheinlich unternimmt er auch, von seinem Onkel, dem Georgsorganisten unterrichtet, erste Spielversuche an der Orgel.[15]

Im Alter von sechs bis zehn Jahren besucht Johann Sebastian die lutherische Lateinschule seiner Heimatstadt. Wie bereits im Elternhaus werden hier einerseits die musikalischen Grundfertigkeiten des Kindes ausgebildet, gleichzeitig wird aber auch auf die Vermittlung von Glaubenswissen besonderer Wert gelegt. Die Kinder der Lateinschule erhalten Katechismusunterricht und lernen biblische Geschichten, vorzugsweise die vier Evangelien, in deutscher und lateinischer Sprache.[16] Johann Sebastian fällt durch überdurchschnittlich gute Schulleistungen auf. Schon zu Schulbeginn ist der zukünftige Musiker beinahe zwei Jahre jünger als der Klassendurchschnitt. Dieser Altersabstand vergrößert sich während seiner Schulzeit noch, sodass er als Achtjähriger, trotz häufiger Fehlstunden aufgrund von Kirchendiensten, bereits die Quinta besucht.[17]

Johann Sebastian singt zunächst im Kurrendechor seiner Schule. Als der Schulleiter das musikalische Talent des Jungen erkennt, schickt er Bach in den Chorus Symphonicus, den „Vorzeigechor“ der Schule.[18]

Nachdem bereits am 3. Mai 1694 Johann Sebastians Mutter, die geborene Elisabeth Lämmerhirt, gestorben ist, folgt nur ein dreiviertel Jahr später (am 20. Februar 1695) der Tod des erst fünfzigjährigen Johann Ambrosius Bachs. Obwohl dieser kurz vor seinem Tod die Witwe seines verstorbenen Vetters, die Arnstädter Bürgermeistertochter Barbara Magharetha Keul geheiratet hatte, bleiben seine Kinder nicht bei der Stiefmutter: Sie werden zum älteren Bruder Johann Christoph nach Ohrdruf, ein etwa vierzehn Kilometer südlich von Gotha gelegenes kleines Landstädtchen, geschickt.

Johann Christoph hat, nach seiner dreijährigen Ausbildung bei Johann Pachelbel in Erfurt (1686-1689), gerade geheiratet und arbeitet als Organist in der St. Michaelis-Kirche zu Ohrdruf. Dadurch hat der Dreiundzwanzigjährige das nötige Geld um seine beiden jüngeren Brüder Johann Sebastian und Johann Jakob, welche er kaum kennt, bei sich aufzunehmen.[19]

2.1.2 Ohrdruf (1695-1700)

Johann Jakob kehrt bereits ein Jahr später wieder nach Eisenach zurück, um bei Johann Heinrich Halle eine Ausbildung zum Stadtmusiker zu beginnen. Für Johann Sebastian wird das Haus des Bruders in Ohrdruf für die nächsten fünf Jahre (bis 1700) zum Lebensort.

Der gerade Elfjährige besucht bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr das durch seinen guten Ruf bekannte Ohrdrufer Gymnasium: das Lyzeum. Auch hier fällt er weiterhin durch gute Schulleistungen auf. Bereits im Alter von vierzehn Jahren ist Johann Sebastian Primaner. Er ist durchschnittlich vier Jahre jünger als seine Mitschüler.[20]

Die gute Ausbildung, sowohl im musikalischen als auch im religiösen Bereich, ist in Ohrdruf für den Heranwachsenden gesichert. Der Religionsunterricht des Lyzeums wird von strenger lutherischer Orthodoxie geprägt. Hier stehen sowohl regelmäßiger Katechismus- und Bibelunterricht als auch ein zeitlich umfangreicher Musikunterricht (fünf Wochenstunden) auf dem Stundenplan der Gymnasiasten.[21]

Bach singt im Kurrendechor der Schule, und kann dadurch das eher bescheidene Organisteneinkommen seines Bruders aufbessern.[22]

Johann Christoph erkennt schnell das überdurchschnittliche Talent seines jüngeren Bruders und führt den Jungen in das Klavier- und Orgelspielen ein. Auch erste Generalbassübungen und Kompositionsversuche Johann Sebastian Bachs haben in dieser Zeit ihren Ursprung. Johann Christoph vermittelt dem heranwachsenden Jungen erste Kenntnisse über berühmte Orgelmeister. Johann Sebastian kann erste Bekanntschaften mit den Werken G. Frescobaldis, G. Böhms, D. Buxtehudes und Johann Pachelbels machen, und bekommt dadurch erste Vorstellungen über Kontrapunktik und Methoden der Choralbearbeitungen.[23]

Schenkt man den überlieferten Geschichten[24] Glauben, ist Johann Sebastian so eifrig bei der Sache, dass es für den älteren Bruder schwer ist, ihn Schritt für Schritt an die unterschiedlichen Bereiche der Musik heranzuführen. Der Heranwachsende ist so wissbegierig, dass er am liebsten alles auf einmal kennen lernen würde.

Bach lernt in Ohrdruf einen anderen Schwerpunkt der Musikausübung kennen: Während sein erstes Lebensjahrzehnt in Eisenach, vor allem aufgrund des Berufes seines Vaters (Stadt,- und Ratsmusiker), überwiegend durch den bürgerlich-weltlichen Lebensbereich gekennzeichnet ist, konfrontiert Johann Christoph seinen Bruder mit den Berufsaufgaben eines Kirchenmusikers.

So lernt Bach hier in Ohrdruf die Welt der evangelisch-lutherischen Kirche außerhalb seines Religionsunterrichtes kennen.[25]

Als im Jahre 1700 bereits das dritte Kind Johann Christophs und seiner Frau Johanna Dorothea geboren wird, verlässt der nun fast Fünfzehnjährige Johann Sebastian – aufgrund Platzmangels – das Haus seines Bruders.

Der neue Musiklehrer und Ohrdrufer Kantor Elias Herda sorgt dafür, dass Bach eine Unterkunft findet, in der weiterhin zur Ausbildung seines Talentes beigetragen werden kann. Herda selbst hatte die Lüneburger Michaelisschule besucht, und wusste, dass dort musikalisch talentierte Kinder armer Eltern als Chorsänger aufgenommen werden und dafür kostenlos im Internat der Schule wohnen können. Der Lehrer schickt ein Empfehlungsschreiben an diese Schule, und Bach wird aufgenommen.

Johann Sebastian begibt sich am 15. März 1700, sechs Tage vor seinem fünfzehnten Geburtstag, auf den über 300 Kilometer langen Fußweg nach Lüneburg.

Es bestehen keine gesicherten Kenntnisse darüber, ob der drei Jahre jüngere Klassenkamerad Georg Erdmann, der sich bereits Wochen zuvor im Lyzeum abgemeldet hatte, Bach bei dieser mühseligen Reise nach Lüneburg begleitet.[26]

2.1.3 Lüneburg (1700-1702)

Bach muss spätestens im April des Jahres sein Ziel Lüneburg erreicht haben, denn Unterlagen der Michaelisschule zeugen davon, dass Johann Sebastian in diesem Monat als Sopranist in den Mettenchor der Schule aufgenommen wird. Die Schüler der St. Michaelisschule erhalten kostenlose Unterkunft mit Verpflegung im schuleigenen Internat.

Durch Kontakte zu Schülern der Ritterakademie, einem Internat für junge Adelige, welches direkt neben dem Internat der Michaelisschule liegt, hat Bach die Möglichkeit nach Celle zu reisen. Johann Sebastian lernt hier den französischen Musikstil kennen, den er später in einigen seiner eigenen Kompositionen verarbeiten wird.

Während seines Aufenthalts in Lüneburg macht der anfangs noch fünfzehnjährige Bach erste persönliche Bekanntschaften mit Georg Böhm, der zu dieser Zeit das Organistenamt in der Johanniskirche zu Lüneburg inne hat. Auch eine Verbindung zu Reincken, einem der angesehensten Orgelspieler Norddeutschlands und Lehrer Böhms, sind durchaus möglich. Johann Sebastian soll den sich damals in Hamburg aufhaltenden Reincken mehrmals besucht haben, um dessen Spiel zu lauschen. Bei einer dieser Hamburgreisen lernt er außerdem Vincent Lübeck, den zweiten bedeutenden Organisten der Hansestadt, kennen.[27]

In Lüneburg bildet sich der junge Bach im Bereich des Orgelbaus weiter. Seine anfänglichen Kenntnisse, die er bei seinem Onkel, dem Georgsorganisten, und bei seinem Bruder gewonnen hat, kann er durch das genaue Beobachten der Arbeit des bekannten Orgelbauers Johann Balthasar Held, der zur Restaurierung einer Orgel nach Lüneburg kommt, erweitern.[28]

Trotz weniger gesicherter Kenntnisse über das Schaffen Bachs während seines zweijährigen Aufenthalts in Lüneburg bleibt festzuhalten, dass dieser Zeitraum durchaus Prägekraft für den weiteren Lebensweg des Musikers besitzt.[29]

Johann Sebastian erhält, vor allem durch den Besuch der Michaelisschule, eine gute Allgemeinbildung, und sein bereits durch den Besuch der Lateinschulen in Eisenach und Ohrdruf vorgeformtes lutherisch-orthodoxes Weltbild wird gefestigt.[30]

Nachdem Bach im Frühjahr 1702 die beiden Schuljahre der Prima mit großem Erfolg abgeschlossen hat, schlägt er als siebzehnjähriger bei einem Probevorspiel um das Organistenamt in Sangershausen alle Konkurrenten. Doch erhält Johann Sebastian diese Stelle nicht, da der Landesfürst Herzog von Sachsen-Weißenfels einen Musiker aus seiner eigenen Hofkapelle bevorzugt.[31] Dennoch bleibt Bachs größter Wunsch, wohl vor allem bedingt durch die beim Bruder und bei Böhm und Reincken genossene Ausbildung, seine Fähigkeiten in den Dienst der Kirche und somit in den Dienst Gottes zu stellen.[32]

Bach muss sich entgegen dieser Vorliebe zur Kirchenmusik zunächst als Übergangslösung ein anderes Aufgabenfeld suchen, da er zu dieser Zeit keine Möglichkeit sieht, im kirchlichen Dienst angestellt zu werden. In seinem Umkreis ist keine geeignete Organistenstelle vakant.[33]

Der Siebzehnjährige erinnert sich an den Werdegang seines Großvaters Christoph Bach, welcher als Hofmusiker in Weimar tätig war.[34] Durch Zufall ist am Hof des Herzogs von Sachsen-Weißenfels in Weimar eine Stelle frei, so dass Bach sich dort der höfischen Privatkapelle des Prinzen Johann Ernst, dem Bruder des regierenden Herzogs, als Laquai anschließen kann.[35]

2.1.4 Weimar I (1703)

Die bedeutenderen Ereignisse während Bachs kurzem Aufenthalt in Weimar sind wohl weniger in seiner Tätigkeit als Laquai in der Hofkapelle des Prinzen zu finden, sondern vielmehr in Johann Sebastians sonstigen Tätigkeiten und Begegnungen. Vor allem die zeitweiligen Vertretungen des Hoforganisten Effler führen dazu, dass der junge Bach immer mehr Praxis im Orgelspiel bekommt.

Die Begegnung mit dem Geiger Johann Paul von Westhoff, dem wohl bedeutendsten Vertreter der deutschen Tradition des Violinspiels, hat sicherlich Auswirkungen auf Bachs spätere Solosonaten für Violine. Bei Westhoff lernt Johann Sebastian die unbegleitete mehrstimmige Violinmusik kennen, deren Kennzeichen vor allem eine weit ausgeführte Doppelgrifftechnik ist. Ob Johann Sebastian Bach ohne den Kontakt mit dem bedeutenden Violinisten jemals unbegleitete Violinsonaten dieser Art geschrieben hätte, ist zu bezweifeln.[36]

Anfang Juli des Jahres 1703 wird Bach in das dreißig Kilometer entfernte Arnstadt, die älteste Stadt Thüringens[37] zur Erprobung der neuen Orgel in der wiederaufgebauten „Neuen Kirche“[38] eingeladen.

Die Fähigkeiten Bachs, die sich bei dieser Erprobung der Orgel zeigen, müssen bei den Arnstädtern eine bleibende Wirkung hinterlassen haben. Als nur wenige Monate nach der Erprobung die Stelle des Arnstädter Organisten neu besetzt wird, scheint klar zu sein, dass nur Johann Sebastian Bach der richtige Mann für dieses Amt sein kann. Bach wird vom Grafen zu Schwarzburg und Hohenstein, ohne andere Kandidaten zum Probespiel zu laden, zum Nachfolger ernannt.[39]

2.1.5 Arnstadt (1703-1707)

Am neunten April 1703 übernimmt Bach sein neues Amt als Organist in der Arnstädter „Neuen Kirche“. Da es zu Bachs Lebzeiten üblich ist, von jedem Organisten auch eigene Werke zu verlangen, ist der Musiker nun erstmals gefordert, eigene Werke zu verfassen und öffentlich aufzuführen.[40] Aus diesem Schaffensanlass heraus entstehen nun eine Reihe von Kompositionen, die allerdings noch sehr deutlich die Anregungen durch die Begegnung mit den Werken Pachelbels (Ohrdruf), Böhms (Lüneburg) und Reinckens (Hamburg) zeigen.[41]

Der vierjährige Aufenthalt in Arnstadt ist vor allem durch Konflikte zwischen Bach und seinen Vorgesetzten gekennzeichnet. Insgesamt bezahlt der junge Bach in den Arnstädter Jahren ein hohes Lehrgeld: Zwar kann Johann Sebastian in musikalischer Hinsicht in diesen Jahren immer weiterlernen,[42] da ihm viel Zeit zur persönlichen Verfügung bleibt,[43] es ist aber zu erkennen, dass Bach mit der Realität der Arbeitspraxis in der kleinen Gemeinde überfordert ist.

Besonders im persönlichen Bereich verändert sich Bachs Leben während seiner Dienstjahre in Arnstadt. Der Musiker lernt Maria Barbara, die Tochter eines verstorbenen Cousins seines Vaters, kennen. Die beiden versprechen sich in der Verlobung die spätere Ehe, die dann auch tatsächlich einige Jahre später geschlossen werden wird.

Nachdem Bach im Februar von einer Reise nach Lübeck[44], die er eigenmächtig von vier Wochen auf vier Monate ausgedehnt hatte, wieder in Arnstadt eintrifft, verschlechtert sich das Verhältnis zu seinen Vorgesetzten aufgrund seiner Halsstarrigkeit und seiner beinahe „antibürgerlichen Haltung“[45]. Bach beherrscht zwar die Musik, weniger aber erkennt er die Möglichkeiten und Grenzen derselben im Einsatz des Gemeindegottesdienstes.[46] Weitere Streitigkeiten entstehen in dieser Zeit aufgrund der Unzulänglichkeiten des Bach anvertrauten Schulchores.[47]

Trotz der Geduld und der fachlichen Anerkennung seiner Vorgesetzten, lässt sich Johann Sebastian auf keine Kompromisse ein. Bach verfolgt seine eigenen Auffassungen unabhängig von den Meinungen anderer, seien es auch seine eigenen Vorgesetzten, und reagiert mit Trotz.[48]

Die unterschiedlichen Auseinandersetzungen führen dazu, dass der Musiker schnell erkennt, dass das Organistenamt in der Arnstädter Kirche nicht das Ziel seines noch jungen Lebens sein kann. Deshalb kommt es ihm gelegen, dass im Dezember des Jahres 1706 eine nicht weit entfernt liegende Organistenstelle in Mühlhausen durch den Tod des Organisten der Blasiuskirche, Johann Georg Ahle, vakant wird.[49]

Bach bewirbt sich um diese Stelle, und scheint auch gute Chancen zu haben die Nachfolge Ahles antreten zu können, da Maria Barbara, seine Verlobte, mit einem der Ratsherren in Mühlhausen verwandt ist. Trotzdem lässt man sich in Mühlhausen mit der neuen Stellenbesetzung Zeit. Bevor man Bach am Ostersonntag, den 24. April 1707 zu einem Probespiel einlädt, hatte man bereits eine Reihe von anderen Musikern angehört.

Obwohl Bach durch sein Spiel an Ostern dieses Jahres die Mühlhausener überzeugen kann, muss die Einstellung des Musikers wiederum verzögert werden: Ein Großbrand, der große Teile Mühlheims vernichtet, führt dazu, dass erst im Juni des Jahres der Arbeitsvertrag mit Bach geschlossen werden kann.

Johann Sebastian bittet in Arnstadt um seine Entlassung. Bereits wenige Wochen später wird die Bitte um Entlassung von den städtischen Behörden angenommen.[50]

2.1.6 Mühlhausen (1707-1708)

Johann Sebastians Einkommen ist durch die Übernahme des Organistenamtes an der Blasiuskirche gesichert, allerdings fühlt er sich recht einsam an seinem neuen Wohnort. So holt er nur wenige Wochen nach seinem Dienstantritt (15. Juni 1707) seine Verlobte Maria Barbara zu sich nach Mühlhausen, um diese am 17. Oktober in der Kirche zu Dornheim zu heiraten.[51]

Es scheint, dass Bach sich in Mühlhausen etablieren will. Die Bedingungen hierfür sind zumindest gegeben. Da in Mühlhausen die Leitung eines durchaus fähigen Chores in den Händen Bachs liegt, verwundert es kaum, dass der junge Musiker nun eine bedeutende Menge an Vokalwerken komponiert.[52]

Doch trotz der besonderen Anerkennung des musikalischen Talentes seitens der Obrigkeit[53], scheint der Aufenthalt Bachs in Mühlhausen nicht von längerer Dauer zu werden. Ein theologischer Streit unter den beiden Vorgesetzten der Mühlhauser Gemeinden St. Blasius und der Marienkirche führt schließlich dazu, dass Bach keinen Weg mehr sieht, sein weiteres Leben als Organist der St. Blasiuskirche zu verbringen.[54]

Es mag auf den ersten Blick verwundern, warum ein theologischer Streit in einem für Bach unerträglichen Maße die Ausübung der Kirchenmusik beeinflussen kann. Doch einsichtig wird dies, wenn man den theologischen Streit näher beleuchtet. Es ist der zur damaligen Zeit übliche Kampf zwischen den Anhängern der Orthodoxie und des Pietismus.[55]

Während der Superintendent der Blasiuskirche, und somit der Vorgesetzte Bachs, zum Anhänger des eher „musikfeindlichen“ Pietismus wird, vertritt der Pastor der Marienkirche, Georg Christian Eilmar, ein Freund Bachs, die Position der Orthodoxie.

Bach komponiert seine Musik zur Ehre Gottes, um Menschen durch die Musik den so unnahbaren und unvorstellbaren Gott näher zu bringen.[56]

Johann Sebastian fühlt sich sowohl als Musiker als auch als gläubiger Mensch (vor allem wohl aufgrund seiner Erziehung in den orthodoxen Lateinschulen[57]) dem pietistischen Glauben des ihm vorgesetzten Superintendenten abgeneigt.[58]

Nachdem Bach im Frühjahr des Jahres 1708 von der Möglichkeit einer Anstellung am Weimarer Hof als Nachfolger für den alt gewordenen Effler erfährt, kündigt er nach erfolgreichem Probespiel für das Amt des Hoforganisten am 25. Juni seine Arbeitsstelle an der Blasiuskirche zu Mühlhausen.

Als für die Kündigung ausschlaggebende Gründe nennt der Musiker einerseits sein Einkommen, dass nicht dazu ausreiche mehrere Kinder, die erst noch geboren werden sollten, zu ernähren. Andererseits betont er auch deutlich, dass es ihm durch die Streitigkeiten seiner Vorgesetzten nicht möglich sei, gute Arbeit im Bereich der Kirchenmusik zu leisten.

2.1.7 Weimar II (1708-1717)

Bereits wenige Monate nach Bachs Dienstantritt als Hoforganist und Kammermusiker am Hofe Weimars, wird im Dezember des Jahres 1708 Catharina Dorothea, die erste Tochter Johann Sebastian Bachs und seiner Frau Maria Barbara geboren. Noch fünf weitere Kinder wird Bachs Ehefrau während dieses zweiten dienstlichen Aufenthaltes ihres Mannes in Weimar zur Welt bringen.[59]

Bach kann sich in den ersten Jahren seiner Dienstzeit in Weimar frei entfalten. Er arbeitet als Orgelsachverständiger, Lehrer und Klaviervirtuose.[60]

Für ein harmonisches Verhältnis zu seinem Dienstherren sind die Grundbedingungen gewährleistet, denn am Weimarer Hof ist kein Platz für orthodox-pietistische „Frömmigkeitszänkeleien“. Herzog Wilhelm Ernst nimmt eine streng orthodoxe Glaubenshaltung ein, die für Bach im Bereich der Kirchenmusik kaum zu Nachteilen führen kann.[61]

Trotz der durchaus annehmbaren Bedingungen am Weimarer Hof, zeigt Bach bereits zu Beginn des Jahres 1713 Interesse für ein anderes Amt. Es ist möglich, dass die gute Orgel der Liebfrauenkirche zu Halle ihm dieses Amt der Nachfolge des Organisten Friedrich Wilhelm Zachows schmackhaft gemacht hat. Jedenfalls bewirbt sich Johann Sebastian Bach um diese freigewordene Stelle. Obwohl er die Möglichkeit bekommt seinen Dienst in der Liebfrauenkirche zu Halle anzutreten, lehnt er dieses Angebot, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen, wieder ab.[62] Im gleichen Atemzug bittet Bach seinen Dienstherrn, der um die Bewerbung in Halle weiß, um eine Beförderung. Dieser schätzt durchaus die Qualitäten seines Angestellten, und beruft Bach deshalb nur kurze Zeit später, am 2. März 1714, in das Amt des Konzertmeisters, welches mit einer deutlichen Gehaltserhöhung verbunden ist.

Bach erhält den Auftrag, in monatlichen Abständen eine neue Kantate zu komponieren und diese auch öffentlich aufzuführen, was zur Folge hat, dass Bach in den Jahren 1714-1716 über zwanzig Kantaten verfasst.[63]

Auch dieser dem Anschein nach so gut verlaufende Dienstaufenthalt in Weimar führt nicht dazu, dass Bach sich dort etabliert. Durch die immer größer werdenden politischen Differenzen zwischen Herzog Wilhelm Ernst und seinem offiziell als Mitregenten eingesetzten Neffen Ernst August, wird es für Bach schwieriger, seinen dienstlichen Aufgaben geregelt nachzugehen.[64]

Die Auseinandersetzungen der beiden Herrschenden führen soweit, dass Johann Sebastian durch Herzog Wilhelm Ernst untersagt wird am Hof seines Neffen zu musizieren.[65] Bach aber will Ernst August, von dem er immer eine hohe Anerkennung bekommen hatte, seine Dienste nicht kündigen, was zu großen Auseinandersetzungen Bachs mit seinem ersten Vorgesetzten Herzog Wilhelm Ernst führt.[66]

Während der Hochzeitsfeier von Ernst August und Eleonore Wilhelmine, der Schwester des Fürsten Leopold von Anhalt- Köthen, am 24. Januar 1716, hat Bach die Möglichkeit, den Fürsten von Köthen persönlich kennen zu lernen. Dieser ist von dem Musiker derart begeistert, dass Bach am 5. August 1717, ohne seine Weimarer Stelle vorher gekündigt zu haben, einen Vertrag als Köthener Kapellmeister unterzeichnen kann.[67] Der Ärger in Weimar ist vorprogrammiert. Johann Sebastian Bach erzwingt seine Dimission, was hat zur Folge hat, dass er ab dem 6. November 1717 siebenundzwanzig Tage im Gefängnis unter Arrest steht.[68]

2.1.8 Köthen (1717-1723)

Bach trifft gemeinsam mit seiner Familie am 10. Dezember 1717, nur wenige Tage nach seiner Haftentlassung, im 100 Kilometer nordöstlich von Weimar gelegenen Köthen ein.[69]

Da am Hofe in Köthen der Kirchenmusik kaum Beachtung geschenkt wird,[70] muss Bach sich in den kommenden Dienstjahren auf die weltliche Instrumentalmusik, im Besonderen auf die Arbeit mit den Hofmusikern umorientieren. Durch den Ortswechsel und der damit verbundenen veränderten beruflichen Stellung Bachs, unterzieht sich konsequenterweise auch seine Schaffensrichtung einem Wechsel. Der Musiker ist von gottesdienstlichen Verpflichtungen entbunden, sodass die Kirchenmusik und das Orgelspiel zunächst deutlich in den Hintergrund treten: Bach ist ausschließlich für die Leitung der Hofkapelle verantwortlich, und hat zur Aufgabe deren Repertoire durch eigene Kompositionen aufzubessern.[71]

Johann Sebastian Bach erfährt in Köthen große Anerkennung sowohl als praktizierender Musiker, als auch als Komponist. Es ist zu vermuten, dass die Jahre bis 1720 in Köthen, die zur kompositorisch produktivsten Lebenszeit Bachs gerechnet werden, zu den glücklichsten Jahren im Leben des großen Komponisten und Musikers zählen.

Nach dem frühen Tod Maria Barbaras im Juli 1720, ist Bach tief betroffen. Dennoch muss er sich um die Verpflegung seiner Kinder kümmern. Da er als berufstätiger Mann keine Zeit dazu hat, heiratet Johann Sebastian im folgenden Jahr erneut. Seine zweite Frau Anna Magdalena Wilke hat eine Anstellung als Hofsängerin, und ist eine begnadete Cembalistin. Dreizehn Kinder werden während dieser neugeschlossenen Ehe geboren werden.[72]

Fürst Leopold heiratet im Dezember des Jahres 1721. Dadurch verändert sich die Situation für Bach am Hofe in Köthen. Leopolds neue Frau hat keinerlei Interesse an der Musik, und so lassen auch die musikalischen Aktivitäten des Fürsten deutlich nach. Die Zeit, in der Bach von einem ihn verehrenden und umsorgenden Fürsten verwöhnt wird, nimmt durch die Hochzeit Leopolds ein abruptes Ende. Bach fühlt sich, bedingt durch die neue Situation, am Köthener Hof nicht mehr wohl. Er begründet den Wunsch den Hof zu verlassen allerdings mit wirtschaftlichen Gründen: Die ältesten Söhne des Musikers werden in absehbarer Zeit das studierfähige Alter erreichen, und Bach möchte ihnen ein Jurastudium ermöglichen, welches Angesichts der geographischen Lage in Köthen nicht möglich sei.

Der Tod des Thomaskantors Johann Kuhnau am 5. Juni 1722 weckt in Bach die Hoffnung eine neue Anstellung außerhalb Köthens zu finden. Doch mit großer Enttäuschung muss er erfahren, dass Georg Philipp Telemann bereits zu Kuhnaus Nachfolger bestimmt ist. Telemann lehnt das Amt ab, als er eine Gehaltserhöhung von seinem Dienstherren zugesagt bekommt, und so muss im Dezember des Jahres erneut nach einem Kantor für die Leipziger Kirche gesucht werden. Diesmal bewirbt sich Johann Sebastian Bach neben acht weiteren Bewerbern. Nachdem sich das Entscheidungsgremium schon beinahe auf Graupner geeinigt hat, wird Bach doch am 7. Februar des Jahres 1723 zum Probevorspiel nach Leipzig eingeladen.

Die Leipziger sind vom Können Bachs beeindruckt. Er führt die Kantate „Jesus nahm zu sich die Zwölfe“ (BWV 22) auf. Trotzdem herrscht keine einheitliche Meinung darüber, ob es sinnvoll sei, Bach, der in Köthen im staatlichen Dienst steht, in den kirchlichen Dienst zu übernehmen. Das Ergebnis langer Verhandlungen ist dann ein provisorischer Vertrag[73] für Bach.

Johann Sebastian wird am 13. April die Entlassung in Köthen gewährt, so dass am 22. April dann die entscheidene Wahl des Thomaskantors in Leipzig durchgeführt werden kann. Knappe zwei Wochen später (5. Mai) erfährt der Musiker, dass er (allerdings erst nach einer bestandenen Lateinprüfung für die Zulassung zum Unterichten an der Thomasschule) sein Amt als Thomaskantor antreten darf.[74]

Am 22. Mai bricht Bach gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern nach Leipzig auf, um dort bis zu seinem Tod im Jahre 1750 die längste Zeit seines Lebens zu verbringen.

2.1.9 Leipzig (1723-1750)

Walter Kolneder unterteilt die Dienstjahre in Leipzig nach der jeweiligen Hauptschaffenstätigkeit Bachs, sodass eine Dreigliederung des Leipziger Aufenthalts sinnvoll erscheint.

Es ergibt sich eine Phase zwischen 1723 und 1729 in der der Musiker den größten Teil seiner Kantaten komponiert. Es schließt sich ein Zeitraum von etwa fünfzehn Jahren an (1729-1744), in denen die Haupttätigkeit Bachs darin besteht, das Collegium musicum zu leiten. Die letzten sechs Jahre im Leben des Musikers fasst Kolneder unter der Rubrik „Alterswerk Bachs“ zusammen.[75]

Da mir diese Gliederung Kolneders übersichtlich erscheint, werde ich mich bei der folgenden Darstellung der Leipziger Schaffenszeit Bachs an diese Periodisierung halten.

2.1.9.1 Leipzig I (1723-1729)

Bach hat in den ersten Monaten als Kantor der Thomaskirche und Musikdirektor Leipzigs viele Verpflichtungen.

In dieser ersten Phase in liegt der Schwerpunkt seines Schaffens in der kirchlichen Vokalmusik. Vor allem Kantaten, die zu dieser Zeit als Hauptform der kirchlichen Vokalmusik gelten, wird Bach in den ersten zwei Jahren seines Aufenthalts in Leipzig komponieren: Es scheint, als seien es genug Kantaten für die nächsten Jahre seiner Dienstzeit, denn in den folgenden Jahren komponiert Bach, abgesehen von wenigen Kantaten anlässlich bestimmter Feste, fast ausschließlich Instrumentalwerke.[76]

[...]


[1] Jacobi, E. R.: Zur Entstehung des Bach-Buches von Albert Schweitzer, aufgrund unveröffentlichter Briefe, in: Bach Jahrbuch 61, 1. Auflage, 1975; hier: S. 160.

[2] Die Wurzeln der theologischen Bachforschung sind etwa ab dem Jahr 1950 zu suchen. Ziel
der theologischen Bachforschung ist es, vor allem wortgebundene Kompositionen Bachs
näher auf das Verhältnis von Theologie und Musik hin zu untersuchen. (Vgl.: Walter, Meinrad: Musik – Sprache des Glaubens: Zum geistlichen Vokalwerk Bachs. Frankfurt am Main: Knecht, 1. Auflage, 1994; hier: S. 13) (Walter)

[3] Mit Ausnahme der Arbeit Meinrad Walters, der sich der Frage der Gegenwartsbedeutung
Johann Sebastian Bachs stellt.

[4] Walter; hier: S. 47.

[5] Kirchner, Armin: Ein Hauch der Gottheit ist Musik. Online zu finden unter: WWWa: http://www.kirchen.net/archiv/fs_eder/a_kircher.pdf.html (05-08-08); hier: S.1. (Kirchner)

[6] Kirchner; hier: S.1.

[7] Vgl.: Wolff, Christian: Johann Sebastian Bach. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag; 1. Auflage, 2000. (Wolff) Vgl.: Geck, Martin: Bach: Leben und Werk. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag; 1. Auflage, 2000. (Geck) Vgl.: Korff, Malte: Johann Sebastian Bach. München: Deutscher Taschenbuch Verlag; 1. Auflage, 2000. (Korff)

[8] Die Gründe des Musikers für das Wechseln zu den jeweiligen Orten, werden im Verlauf der Darstellung der Lebensgeschichte noch verdeutlicht.

[9] Vgl.: Otterbach, Friedemann: Johann Sebastian Bach: Leben und Werk. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH und Co; 2. Auflage, 1999; hier S. 9-50. (Otterbach)

[10] Vgl.: Rueger, Christoph: Soli Deo Gloria. Johann Sebastian Bach: Eine Biographie von Christoph Rueger. Berlin: Erika Klopp Verlag; 5. Auflage, 1989; hier S. 16. (Rueger)

[11] Nach Ferdinand von Hiller (Skupy, Hans-Horst: Das Grosse Handbuch der Zitate. Gütersloh/
München: Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH; 1. Auflage, 1993; hier: S. 671.) (Skupy)

[12] Vgl.: Wolff; hier S. 13-15.

[13] Es ist bemerkenswert, dass sich bereits in der frühen Kindheit Johann Sebastian Bachs sämtliche Fundamente der damaligen Musikkultur in einem engen Umkreis um ihn herum vereinen: Sowohl mit Stadt (Ratsmusik-Kompagne) und Hof (Hofkapelle), als auch mit Schule (Chorus musicus) und Kirche (Orgelmusik, Chorgesang) kommt Bach in seinen ersten Lebensjahren in Berührung. (Vgl.: Wolff; S. 22ff.) Diese unterschiedlichsten Stätten der Musikausübung werden ihn nicht nur in den ersten Lebensjahren begleiten. Vielmehr wird sein ganzes Leben vor allem von dem Wechselspiel weltlicher und geistlicher Musik – Musik und Theologie – geprägt sein.

[14] Vgl.: Korff; hier: S. 9.

[15] Vgl.: Kolneder, Walter: J. S. Bach: Leben, Werk und Nachwirken in zeitgenössischen Dokumenten. Wilhelmshafen: Noetzel, „Heinrichshofen-Bücher“, 1. Auflage, 1991; hier S. 19 (Kolneder)

[16] Vgl.: Korff; hier: S. 10.

[17] Vgl.: Kolneder; hier: S. 19ff..

[18] Vgl.: Korff; hier: S. 10.

[19] Vgl.: Otterbach; hier: S. 10-11

[20] Vgl.: Wolff; hier: S. 42 ff.

[21] Vgl.: Korff; hier: S. 12

[22] Vgl.: Wolff; hier: S. 42 ff.

[23] Vgl.: Korff; hier: S. 13

[24] Eine Geschichte, die von Carl Philipp Emanuel Bach weitergegeben wurde, spiegelt in besonderer Weise die kindliche Neugier Johann Sebastians wieder:

„Die Lust unsers kleinen Johann Sebastians zur Musik, war schon in diesem zarten Alter ungemein. In kurzer Zeit hatte er alle Stücke, die ihm sein Bruder freywillig zum Lernen aufgegeben hatte, völlig in die Faust gebracht. Ein Buch voll Clavierstücke, von den damaligen berühmtesten Meistern, Frobergern, Kerlen, Pachelbeln aber, welches sein Bruder besaß, wurde ihm, alles Bittens ohngeachtet wer weis aus was für Ursachen, versaget. Sein Eifer immer weiter zu kommen, gab ihm also folgenden unschuldigen Betrug ein. Das Buch lag in einem nur mit Gittertüren verschlossenen Schrancke. Er holte es also, weil er mit seinen kleinen Händen durch das Gitter langen, und das nur in Papier geheftete Buche im Schrancke zusammenrollen konnte, auf diese Art, des Nachts, wenn jedermann zu Bette war, heraus, und schrieb es, weil er auch nicht einmal des Lichtes mächtig war, bey Mondscheine, ab. Nach sechs Monaten, war diese musicalische Beute glücklich in seinen Händen. Er suchte sie sich, insgeheim mit ausnehmender Begierde, zu Nutzen zu machen, als, zu seinem größten Herzeleide, sein Bruder dessen inne wurde, und ihm seine mit so vieler Mühe verfertigte Abschrift, ohne Barmherzigkeit, wegnahm (...)“ (Kolneder; hier: S. 20)

Wie auch immer die heutige Bachforschung die Authentizität dieser Geschichte beurteilt, besteht wohl, auch unabhängig der Gültigkeit dieser Überlieferung, der Konsens, dass Bach bereits in jungen Jahren überdurchschnittlich viel Eifer und Wissbegierde, vor allem im musikalischen Bereich, gehabt haben muss.

[25] Dieses genauere Kennenlernen des kirchlichen Bereichs im Gegensatz zum bürgerlich-weltlichen Milieu scheint das weitere Leben Bachs sehr stark zu prägen. So fühlt Johann Sebastian Bach sich große Teile seines Lebens der geistlichen Musik verpflichtet: Er arbeitet viele Jahre als Organist in unterschiedlichen Städten und komponiert neben vielen anderen geistlichen Werken eine bedeutende Anzahl an Kantaten zu biblisch-religiösen Texten. (Vgl.: Otterbach; hier: S. 11f.)

Auch die Bezeichnung „Soli Deo Gloria - Gott allein die Ehre“ über vielen Werken Bachs, zeugt von einer Verbindung zwischen Glauben und Musik, die sich wohl vor allem in der Ohrdrufer Zeit entwickelt hat.

[26] Vgl.: Korff; hier: S.14f..

[27] Vgl.: Rueger; hier: S. 40ff..

[28] Vgl.: Rueger; hier: S. 41.

[29] Vgl.: Korff; hier: S. 19.

[30] Vgl.: Wolff; hier: S. 62f..

[31] Vgl.: Otterbach; hier: S. 14.

[32] Vgl.: Korff; hier: S. 21.

[33] Es gab zu dieser Zeit drei freie Orgelstellen. Für die Dienste in Sangershausen war Bach bereits abgelehnt worden. Weiterhin war Johann Sebastians Onkel Johann Christoph verstorben, sodass es eine freie Stelle in der St. Georgen Gemeinde zu Eisenach gab. Es bestehen keine gesicherten Kenntnisse darüber, ob sich Bach in seiner Heimatstadt beworben hat. Gesichert ist allerdings, dass Johann Bernhard Bach, ein älterer Verwandte Johann Sebastians, die Nachfolge Johann Christophs antritt. Die frei gewordene Orgelstelle in Arnstadt konnte noch nicht angetreten werden, da ein Brand im Jahre 1581 große Teile der Kirche zerstört hatte, und die neue Orgel noch nicht fertiggestellt war. (Vgl.: Korff; hier: S. 22)

[34] Vgl.: Wolff; hier: S. 74.

[35] Vgl.: Kolneder; hier: S. 30f..

[36] Vgl.: Kolneder; hier: S. 30-32.

[37] Vgl.: Wolff; hier: S. 85.

[38] Die Arnstädter Kirche heißt seit 1935 Bachkirche. (Vgl.: Rueger; hier S. 46)

[39] Vgl.: Wolff; hier: S. 77ff..

[40] Vgl.: Kolneder; hier: S. 37.

[41] Die heutige Bachforschung zeigt keine Einigkeit über die zeitlichen Anfänge der ersten Kompositionen Johann Sebastian Bachs. Während einige Wissenschaftler die Meinung vertreten, Bach habe bereits im Hause seines Bruders erste Kompositionen niedergeschrieben, betonen andere, dass es eigentlich kaum Kompositionen des jungen Bach vor seinem Dienstantritt in Arnstadt gebe. (Vgl.: Kolneder; S.26ff)

Einigkeit besteht allerdings wohl darüber, dass die Übernahme des Organistenamtes in Arn-

stadt im Jahre 1703 dem jungen Bach erstmalig in seinem Leben einen Schaffensanlass bietet, der dafür sorgt, dass der Umfang der bachschen Kompositionen deutlich steigt.

[42] Vor allem der Umstand, dass Johann Sebastian erstmals in seinem Leben Zugang zu einer technisch fehlerfreien Orgel hat, muss ihn in besonderer Weise zum Orgelüben angespornt haben. (Vgl.: Wolff; hier: S. 88)

[43] Bach hat lediglich vier Gottesdienste pro Woche zu spielen, und ansonsten auch kaum regelmäßige Verpflichtungen. (Vgl.: Wolff; hier: S. 87f.)

[44] Bach will auf dieser Reise Bekanntschaft mit dem geschätzten Dietrich Buxtehude machen. Dieser sucht zu jener Zeit einen Nachfolger für sein Organistenamt in der Marienkirche zu Lübeck. Die Bedingung, die an die Amtsnachfolge Buxtehudes geknüpft ist, scheint allerdings unzumutbar: Der zukünftige Organist muss die Tochter Buxtehudes, Anna Margareta, heiraten. Dies ist aufgrund der äußeren Erscheinung dieser Frau eine derart große Hürde, an der kurz zuvor auch schon Georg Friederich Händel und Johann Matthesen gescheitert waren, dass Johann Sebastian die Amtsnachfolge dankend ablehnt. (Vgl.: Korff; hier: S. 28ff.)

[45] Kolneder; hier: S.37.

[46] Bach irritiert die Gottesdienstbesucher immer mehr durch eine deutliche Aufwertung des instrumentalen Orgelspiels, welches zu einer deutlichen zeitlichen Verlängerung, beispielsweise der Choralvorspiele, führt. Der Musiker reißt die Orgel aus ihren bisherigen Funktionszusammenhängen heraus: Während die Gemeinde bis zu Bachs Dienstantritt das Instrument ausschließlich in einer sich unter den Gottesdienst ordnenden Funktion kennen gelernt hatte, macht Bach nun das konzertierende Orgelspiel zu einem wesentlichen Teil des Gottesdienstes. Eine Neuheit, bei der der Streit bereits vorprogrammiert zu sein scheint, da die Arnstädter Gemeinde einschließlich ihrer Vorgesetzen nicht für diese Neuerung bereit ist. (Vgl.: Otterbach; hier: S. 15f.)

[47] Desweiteren lassen Quellen über den Umgang mit den ihm anvertrauten Schülern keinesfalls auf ein verständnisvolles Verhalten des Musikers gegenüber seinen Schülern schließen. (Vgl.: Kolneder; hier: S. 34)

[48] „Bach reagiert mit Trotz: war sein Spiel auf der Orgel zu lang, fällt es jetzt kurz, extrem kurz aus. Der Geistliche muss sich beeilen, will er die Kanzel rechtzeitig vor dem Schlussakkord erreichen! “ (Korff; hier: S. 31)

[49] Vgl.: Korff; hier: S. 31.

[50] Vgl.: Korff; hier: S. 31-33.

[51] Vgl.: Otterbach; hier: S. 21ff..

[52] Unter anderem gelten die folgenden Werke als gesicherte Kompositionen Bachs während der Mühlhausener Zeit: Ratswahlkantate BWV 71 „Gott ist mein König“; unterschiedliche Kantaten (z.B.: BWV 106,131,196, 223) Vgl.: Kolneder; hier: S. 49ff.

[53] Besondere Anerkennung erhält der Musiker beispielsweise durch den Auftrag eine Kantate zum Ratswechsel zu schreiben. Diese Kantate „Gott ist mein König“ wird dann am Tag des

Ratswechsels am 4. Februar 1708 im Rahmen eines Festgottesdienstes erstmals öffentlich

aufgeführt. Als Zeichen der Hochschätzung der Leistung Bachs veranlassen die Vorgesetzten

die Kantate in Druck zu geben. Diese Kantate ist bis heute als einziges gedrucktes Dokument

einer Kantatenpartitur Johann Sebastian Bachs noch erhalten. (Vgl.: Kolneder; hier: S. 47ff.)

[54] Vgl.: Korff; hier: S. 37ff..

Christian Wolff schreibt in seiner Bachbiographie, dass die Ansicht, theologische Streitig-keiten unter Bachs Vorgesetzten seien der Anlass für den Musiker gewesen, sein Amt zu kündigen, auf einem Irrtum beruhe, da sich Johann Sebastian Bach niemals in diese Auseinandersetzung eingemischt habe. (Vgl.: Wolff; hier: S. 127)

Es ist nicht mehr geschichtlich überprüfbar, ob und in welcher Weise Bach in dieser Auseinandersetzung Partei ergriffen hat. Da es allerdings gesichert ist, dass es diese Auseinandersetzungen gegeben hat, liegt es auf der Hand, dass diese Streitigkeiten nicht ganz an Bach vorbeiliefen, und sie für ein ungünstiges Arbeitsklima gesorgt haben, welches dann ein Grund für die Kündigung hätte sein können.

[55] Der Pietismus ist eine stark frömmigkeitsorientierte Bewegung des Protestantismus. Er betont vor allem, dass der Glaube sich im alltäglichen Leben zu bewähren hat, und geht somit auch von einer stark subjektiv-individualistisch geprägten Gotteserfahrung aus. Während unter den Anhängern des Pietismus die Kirchenmusik einen stark untergeordneten Charakter zugesprochen bekommt, nur als ein Mittel der individuellen Andachtsausübung gilt und im Gottesdienst eher eine weltliche Ablenkung sei, erfüllt die Musik bei den Anhängern der Orthodoxie einen viel höheren Anspruch. Sie hat die Möglichkeit und das Ziel, Menschen Gott näher zu bringen. Sie führt zur Darstellung der Herrlichkeit Gottes, des Schöpfers. (Vgl. Korff; hier: S. 38f.)

[56] Vgl. auch: Zum Verhältnis von Musik und Theologie innerhalb des Credos der „Hohen Messe“ (Kapitel fünf dieser Arbeit)

[57] Vgl.: Abschnitte 2.1.1-2.1.3 dieser Arbeit

[58] Vgl.: Korff; hier: S. 37f..

[59] Im November 1710 wird Wilhelm Friedemann Bach, der erste Sohn geboren. Nachdem im Februar 1713 ein Zwillingspaar (Maria Sophia und Johann Christoph) kurz nach der Geburt stirbt, bringt Maria Barbara am 18. März des folgenden Jahres Carl Philipp Emanuel zur Welt. Das letzte Kind, das während der Weimarer Zeit geboren wird, ist Gottfried Bernhard, der am 11. Mai 1715 das Licht der Welt erblickt. (Vgl.: Wolff; hier: S. 131)

[60] Vgl.: Wolff; hier: S. 151ff..

[61] Vgl.: Korff; hier: S. 44.

[62] Vgl.: Otterbach; hier: S. 28.

[63] Vgl.: Wolff; hier: S. 161.

[64] Vgl.: Wolff; hier: S. 193.

[65] Vgl.: Korff; hier: S. 50-52.

[66] Vgl.: Wolff; hier: S. 133ff..

[67] Vgl.: Korff; hier: S. 55.

[68] Vgl.: Wolff; hier: S. 202.

[69] Vgl.: Korff; hier: S. 58f.

[70] Leopold Fürst von Anhalt-Köthen ist ein überzeugter Calvinist, der seinen ganzen Hof nach dem reformierten Bekenntnis ausrichtet, was zur Folge hat, dass der Kirchenmusik (außer des Singens einfacher Lieder) nur wenig Platz eingeräumt wird. (Vgl.: Korff; hier: S. 59f.)

[71] Vgl.: Kolneder; hier: S. 82.

[72] Vgl.: Korff; hier: S. 66-72

[73] Bach muss nach diesem Vertrag erst eine schriftlich gewährleistete Kündigung seines bisherigen Vorgesetzten einreichen, bevor es zu einer Wahl des Thomaskantors kommen soll.

[74] Vgl.: Korff; hier: S. 77f..

[75] Vgl.: Kolneder; hier: S. 119.

[76] Vgl.: Korff; hier: S. 87ff..

Details

Seiten
119
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638786010
ISBN (Buch)
9783638795913
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78560
Institution / Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule Münster
Note
1,3
Schlagworte
Verhältnis Theologie Musik Johann Sebastian Bach

Autor

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Titel: Zum Verhältnis von Theologie und Musik bei Johann Sebastian Bach