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Das Humanistische Credo Erich Fromms als Antwort auf die Probleme unserer Zeit – eine Rezension

Hausarbeit 1997 33 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Bewertung Erich Fromms

Was ist los mit unserer Gesellschaft?

Zur Person Fromms

Das "Humanistische Credo"

Die Psychoanalyse - eine Bedrohung für die Religion?

Fromm unterscheidet zwischen vier religiösen Aspekten:

Psychologie und Theologie - zwei unvereinbare Wissenschaften? - Gemeinsamkeiten und Unterschiede - Wege zur Zusammenarbeit

Was ist Zen?

Begriffserklärungen

Literatur

Einleitung

Hiermit möchte ich meine Hausarbeit "Erich Fromm und die Religion" im Fach Psychologie vorstellen. Ich habe mich sehr gefreut, dieses Thema, mit dem ich mich schon oft in meiner Freizeit auseinandergesetzt habe, in meinem Studium behandeln zu dürfen. Fromms Schriften habe ich zufällig kennengelernt. Im Religionsunterricht in der 13. Klasse beschäftigten wir uns ausgiebig mit Freud, doch je mehr ich von Freud las und lernte, desto lauter wurde meine Kritik insbesondere an seiner Libidotheorie. Eines Tages fand ich in der Stadtbücherei Bensheim ein Buch von Fromm über Freud. Nach der Lektüre dieses Buches konnte ich Freud viel besser verstehen, da Fromm die Zeitumstände, in denen Freud lebte, und den Charakter Freuds beleuchtet und somit erklärt hatte, wie Freud zu seinen Ansichten gekommen war. Fromm hat mit diesem Buch ein gutes, umfassendes und kritisches Porträt über Freud geschaffen, und ich hatte begriffen, warum ich eine tiefe, unterschwellige Abneigung gegen Freud hegte: weil ich ein Jahrhundert nach ihm lebe, und weil ich meine Selbstständigkeit liebe und somit niemals Freud so anhimmeln könnte wie es seine Schüler zum großen Teil getan haben. Danach wollte ich mehr über diesen Philosoph erfahren, der mir Freud so brilliant erklärt hatte.

Vor Studienbeginn absolvierte ich ein Praktikum in den Behindertenwerkstätten in Bensheim-Auerbach, und obwohl mir die Arbeit viel Freude bereitete, war ich nach einiger Zeit froh, wenn ich in den Pausen oder nach Arbeitsende meine Nase in die Bücher von und über Fromm stecken konnte. Die Arbeit mit Behinderten ist zwar sehr lustig, kann aber manchmal - besonders wenn die Klientel schlechter Laune ist - äußerst monoton sein. Gerade in der sozialen Arbeit ist es meiner Meinung nach wichtig, durch Hobbys einen Ausgleich zur Arbeit zu erreichen, um mit neuen Kräften an die Arbeit gehen zu können, die so ermüdend ist, weil selten gute Resultate sichtbar werden. Begeistert war ich von Fromms "Humanistischem Credo", das ich in meiner Hausarbeit kurz vorstellen will.

Meine Arbeit beginnt mit der Beschreibung unserer westlichen kapitalistischen Industriegesellschaft, wie Fromm sie empfunden hat, und der Probleme, die dieses System nach Fromm aufwirft. Es erfolgt ein kleiner geschichtlicher Abriss, wie es zu dieser Gesellschaft gekommen ist. Da viele Menschen hierzulande unglücklich seien, suchten sie Rat bei den Psychologen, einige auch in der Religion. Besonders die katholische Kirche steht der Psychoanalyse jedoch skeptisch gegenüber. Fromm erklärt, dass nicht die Psychoanalyse die Religion schlechthin bedrohe, sondern höchstens einige Aspekte, die in meiner Hausarbeit aufgeführt werden. Ich habe versucht, diese Diskussion weiterzuführen, indem ich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Psychologie und Theologie aufgelistet habe und eine Lösungs­möglichkeit aufzeigen wollte, beide Wissenschaften zu einer Zusammenarbeit zu bewegen.

Nach der Gegenüberstellung dieser beiden Wissenschaften will ich noch kurz auf den Zen-Buddhismus, einer religiösen Richtung, der Fromm in späteren Jahren sehr anhing, eingehen. Die klassische christliche Theologie, die Psychoanalyse und der Zen-Buddhismus - dies sind drei Wege, die ich versucht habe, vorzustellen, da sie ein gemeinsames Ziel haben: das Seelenheil des Menschen. Für welchen Weg sich der einzelne entscheidet, bleibt jedem selbst überlassen.

Viel Vergnügen beim Lesen wünscht

Tanja Schmidt

Bensheim, im Februar 1997

Bewertung Erich Fromms

Wenn man sich näher mit diesem Mann - wohl einer der hervorragendsten Philosophen unserer Zeit - beschäftigt, so wird Fromms Affront (ich möchte fast sagen Attacke oder Rebellion) gegen die westliche kapitalistische Industriegesellschaft nur allzu deutlich. Hierbei stimme ich mit ihm sogar überein, dass unsere Gesellschaft krank ist, weil sie die Menschen zu Waren degradiert, und - sofern sie sich nicht gut verkaufen - durch das gesellschaftliche Raster siebt und als unbrauchbaren Ausschuss auf den Müll wirft. Seine Kritik ist berechtigt und legitim: Damit unsere Gesellschaft sich nicht selbst zerstört oder zu einer Gesellschaft der Unmenschlichkeit verkommt, muss sie sich ändern, muss mehr Mitmenschlichkeit an die Stelle eines rigorosen Leitungsdenkens treten.

Fromm hat für sich eine Lösung gefunden, indem er sich dem Zen zuwandte. Ich bewundere, wie kritisch und distanziert er das System, in dem er aufgewachsen ist - nämlich die westliche kapitalistische Gesellschaft - beurteilt. Er beschreibt es wie eine dritte Person, wie ein Außenstehender, ich möchte sagen mit den Augen eines Asiaten, denn Fromm gibt Lösungsansätze und zeigt Kritikpunkte aus einer fernöstlichen Perspektive auf. Sich so in eine fremde Kultur einzufühlen bedarf großen Könnens, großer Anstrengung und Überwindung, zumal die asiatische Kultur eine völlig fremdartige, oft unverständliche ist. Und großer Enttäuschung über den Westen.

Fromm beurteilt den Osten als das bessere System - so behaupte ich - und würde es als richtig anerkennen, wenn die Lösungen des Ostens auf den Westen transferiert würden. Damit meint er nicht nur den gestressten Manager, der in einem Yoga-Trainingskurs Entspannung lernen will, oder den Intellektuellen, der sich durch Meditationstechniken das Bewusstsein erweitern will. Er meint es umfassender und möchte, dass Errungenschaften des Ostens Eingang finden in das System des Westens. In diesem Zusammenhang möchte ich zur Person Fromms berichten, um zu verdeutlichen, was für ein Mensch Fromm war.

Fromm kommt aus einer jüdischen Familie. Sein Großvater war Chasside und benutzte den Morgen stets zum Thorastudium. Dies hielt er gerade für die Diasporajuden sehr wichtig. Er arbeitete nur soviel, so dass es für den Lebensunterhalt der Familie reichte. Ansonsten widmete er sich ausgiebig dem Thorastudium. Fromm tat es genauso: Morgens las er in der Thora und die Talmud-Kommentare, nachmittags arbeitete er als Psychoanalytiker, aber nur soviel, wie er zum Leben benötigte. Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, morgens zu arbeiten, denn der Morgen war nach Ansicht des Großvaters heilig. Der Großvater lebte noch eine vorindustrielle Lebensweise, als Lebens-, Wohn- und Arbeitsraum im allgemeinen noch nicht streng getrennt waren, die Fromm - so denke ich - sehr bewunderte. Der Mensch war hier sehr viel weniger Stress und Zeitdruck ausgesetzt. Es ging gemütlicher zu.

Trotzdem möchte ich hier auch die Gelegenheit ergreifen, Fromms Glauben an den Osten zu kritisieren. Die Menschen im Osten leben anders als wir, geruhsamer, ruhiger nach dem Motto: "Was wir heute nicht erreichen, gelingt uns morgen!" Fromm fasziniert diese Lebensweise, da sie seinem eigenen jüdischen Lebensstil, den er als Kind kennen gelernt hat, sehr entgegenkommt. Er verklärt dies und idealisiert es meiner Meinung nach. Denn ein bisschen Wettbewerb halte ich für notwendig und wünschenswert. Ein bisschen Stress tut gut, überfordert nicht, sondern spornt den Menschen zu neuen Leistungen an.

Ansonsten beurteile ich Fromm als großartigen Menschen, der schon entdeckt hat, dass mit unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt, als man dem freien oder dem sozialen Kapitalismus in den 50er und 60er Jahren noch begeistert zujubelte. Von größter Wichtigkeit erachte ich es auch, dass er anregt, die Mystik des Osten mit der Ratio des Westens zu verschmelzen, denn wir stehen vor so vielen globalen Problemen - Massenarbeitslosigkeit, Überbevölkerung, Umweltverschmutzung etc. - die nur von allen gelöst werden können, nicht von einigen wenigen Denkern im Alleingang.

Was ist los mit unserer Gesellschaft?

- Die moderne westliche kapitalistische Industriegesellschaft und ihre Probleme -

Die westliche Welt befindet sich nach Fromm in einer Krise. Der Mensch werde täglich aufs neue seiner Arbeit, die er leiste, entfremdet - wie Marx schon vor 150 Jahren konstatiert habe. Seit der Industriellen Revolution könnten wir eine immer stärkere Technisierung und eine damit verbundene Dehumanisierung beobachten. Am Augenfälligsten sei dieser Prozess in der durchrationalisierten Arbeitswelt zu erkennen, aber auch in anderen Lebensbereichen. Die Ratio (Vernunft, Verstand, Kognition, Intellekt) sei zum alles beherrschenden Prinzip geworden. Anstatt die Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit in den Mittelpunkt seines Blickfeldes zu rücken arbeite der moderne Mensch daran, seine Umwelt systematisch zu erforschen, genauestens zu messen und zu wägen und zu katalogisieren im Gegensatz zu seinen kulturellen Vorfahren in der Antike, besonders der alten Griechen und Juden. Seine Psyche vernachlässige er dabei, da er die Vorgänge darin nicht klar mit Verstand beschreiben und deuten könne, und diese schon gar nicht messbar seien. Die Psyche entziehe sich dem Rationalismus und gebe daher dem modernen Menschen ein Rätselraten auf. Durch die immense Verwissenschaftlichung habe der Mensch jedoch nicht mehr Klarheit und Sicherheit gewonnen wie man gerne glauben möchte; vielmehr fühle sich der Mensch des 20. Jhr. hilfloser als zuvor, nicht zuletzt, weil er nicht wie die Menschen der vergangenen Jahrhunderte einen Gott anrufen könne, denn "Gott ist tot" (Friedrich Nietzsche), und nun verzweifelt nach einem Sinn seines Lebens suche.

Besteht der Sinn darin, möglichst viel zu haben oder zu sein? Fromm wählt eindeutig die letztere Möglichkeit. Seit der Renaissance sei das objektive Denken mehr und mehr in den Mittelpunkt des Gesichtskreises getreten; die Religion - bis dahin Dreh- und Angelpunkt im Leben des mittelalterlichen Menschen - sei im Hintergrund verschwunden. Galilei habe den Menschen auf der Erde, die "Krone der Schöpfung", aus dem Mittelpunkt hinaus in eine x-beliebige Ecke des Universums gesetzt. Auch wenn der Mensch dadurch an Freiheit gewinne, so müsse er sich nun eingestehen, dass er völlig auf sich allein gestellt sei. Denn Gott als Helfer und Tröster in der Not gebe es nicht mehr. Freud frohlocke über die schier unbegrenzten Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung (und -erlösung?), die der in religiöse Zwänge eingebundene, infantil gebliebene und von Gott-Vater abhängige Mensch nicht gekannt habe. Doch der Preis sei hoch, den der Mensch zu zahlen habe: Jetzt sei er allein, völlig auf sich gestellt. Der Materialismus könne ihn nur teilweise befriedigen. Der Mensch könne sich dadurch betäuben, doch ein letztes Streben nach Ziel und Sinn seines Lebens bleibt in ihm, vielleicht als nicht immer bewusstes kleines Fünkchen. In den 60er und 70er Jahren gingen viele nach Indien, um dort Antwort auf ihre Fragen zu bekommen, z. B. George Harrison von den Beatles. Auch Fromm wählt den Weg nach Osten. Er begeistert sich besonders für den Zen-Buddhismus, eine Verschmelzung von Taoimus und Buddhismus, weil er sich in der östlichen Mystik von der Vater-Erlöser-Figur befreit sah und die Vorstellung, jeder Mensch könne erleuchtet werden, für den westlichen Menschen als eminent wichtig ansah.

Der Mensch hat großartige Errungenschaften aus den Gebieten der Wissenschaften aufzuweisen. Mit seinem Wissen und Können hat er sich eine künstliche Umwelt erschaffen. Er, in der christlichen Terminologie das Höchste aller Geschöpfe, ist nun selbst zum Schöpfer geworden. Doch er ist nicht nur zu solchen positiven Leistungen fähig, er kann genauso gut zum Homo homini lupus werden, der nur das bellum omnium contra omnes (Hobbes) kennt. Wie ist das nur möglich? Ist dies auf einen allgemeinen Sittenverfall zurückzuführen? Fromm glaubt, dass der Mensch, indem er seine Umgebung gestaltete und perfektionierte, vergaß, sich selbst zu perfektionieren. Der moderne Mensch hat, da das Prinzip der Ratio alle Lebensbereiche erfasst, sich immer mehr zum reinen Verstandesmenschen entwickelt, bei dem Emotionen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke geblieben seien. Die Bilanz über die Schöpfung des Menschen zu ziehen verlaufe enttäuschend. Wie konnte es geschehen, dass wir in dieser Welt, die wir uns geschaffen haben, nicht glücklich sind?

Viele suchen Trost und Sicherheit in einer Religion, aber nicht aufgrund eines Umkehrerlebnisses und religiöser Überzeugung, sondern aus Konvention und nicht zuletzt, weil sie sich in der Hand Gott-Vaters geschützt fühlen und nicht die Vorstellung ertragen zu müssen in einer völlig absurden Welt zu leben, die keine Antwort auf die Frage gibt: "Wozu leben wir?" Viele Religionsanhänger wählen den Weg, den ihre Religion ihnen vorzeichnet, weil sie glauben, ansonsten in einer materialistischen, enttranszendierten Welt leben zu müssen. Für sie ist der einzige Ort, um Seelenheil zu finden, die Kirche. Wenn man die Geschichte jedoch betrachtet, muss man feststellen, dass dies in der Antike nicht so war. Die Philosophen des Altertums beschäftigten sich stets auch mit der Seele. Und auch die Aufklärer führten die Tradition der Antike fort. In ihren Arbeiten gegen Aberglauben und für die Erziehung zum mündigen Individuum finden sich psychologische Aspekte. Nach Fromm wurde der Rationalismus der Aufklärung jedoch bald umgemünzt und musste dem materialistischen Denken weichen: "Berauscht von einem neuen materiellen Wohlstand und vom Erfolg bei der Beherrschung der Natur, hat der Mensch aufgehört, sich selbst für das Wesentliche des Lebens und den wichtigsten Gegenstand der wissenschaftlichen Erforschung zu halten. Statt mit der Vernunft die Wahrheit zu entdecken und mit ihr durch die Oberfläche hindurch zum Wesen der Phänomene vorzudringen, setzte man auf den technischen Verstand als einem bloßen Werkzeug zur Manipulation der Dinge und Menschen." (aus: E. Fromm; Religion , S. 232).

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Details

Seiten
33
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638849890
ISBN (Buch)
9783638849272
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78518
Institution / Hochschule
Fachhochschule Mannheim, Hochschule für Sozialwesen
Schlagworte
Humanistische Credo Erich Fromms Antwort Probleme Zeit Rezension

Autor

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