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Entstehungskontext, Umsetzung und literarische Grundlage des Films "Geschichtsunterricht" von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet

Seminararbeit 2007 26 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Entstehungskontext
2.1 Die Situation in den 70er Jahren
2.2 Autorenfilm

3. Jean-Marie Straub und Danièle Huillet
3.1 Biographisches
3.2 Werk

4. „Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar“
4.1 Das Romanfragment von Bertolt Brecht
4.2 als inhaltliche Grundlage für den Film

5. „Geschichtsunterricht“
5.1 Personen und Rahmenbedingungen
5.2 Inhalt
5.3 Stilmittel
5.4 Kritiken

6. Gegenwart : Vergangenheit
6.1 Problematik allgemein
6.2 Lösung im Film

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Anfang der 70er Jahre entstand in Rom der deutschsprachige Film „Geschichtsunterricht“, produziert vom Künstlerpaar Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, die im Sinne des Autorenkonzepts auch verantwortlich für Regie und Drehbuch waren. Der Film kann in vielfacher Hinsicht als „Mischung“ bezeichnet werden: eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentarfilm, aus Stadt und Land, aus Erstarrung und Bewegung, aus Vergangenheit und Gegenwart.

Die folgende Arbeit soll sich mit dem „Geschichtsunterricht“ und seinen unterschiedlichen Komponenten beschäftigen. Nach einer kurzen Einführung in den Entstehungskontext des Films der 70er Jahre (Abschnitt 2) wird zunächst auf das Leben und das Werk der Autoren Jean-Marie Straub und Danièle Huillet eingegangen (Abschnitt 3). Abschnitt 4 befasst sich mit der Romanvorlage für den Film, „Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar“ von Bertolt Brecht (Kapitel 4.1) und dessen filmische Aufbereitung (Kapitel 4.2). Der darauf folgende Abschnitt 5 ist der Analyse des Films gewidmet, es wird auf die Personen und Darsteller (Kapitel 5.1), den Inhalt (Kapitel 5.2), die Stilmittel (Kapitel 5.3) und die Kritikerstimmen (Kapitel 5.4) eingegangen. Der letzte Abschnitt (Abschnitt 6) beschäftigt sich abschließend mit der hinter dem Film „Geschichtsunterricht“ stehenden Frage nach dem Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Allgemeinen (Kapitel 6.1) und in der speziellen Umsetzung Straub/Huillets (Kapitel 6.2).

Ziel ist es, „Geschichtsunterricht“ in seinem Entstehungskontext hinsichtlich seiner literarischen Grundlage, seiner filmischen Umsetzung und seiner Aufarbeitung der Geschichtsproblematik zu untersuchen.

2. Entstehungskontext

Der Film „Geschichtsunterricht“ entstand im Jahr 1972 und wird dem Genre des Autorenkinos zugesprochen. Im folgenden Abschnitt soll eine Einbettung dieses Werkes in die Rahmenbedingungen seiner Zeit vorgenommen werden. Da eine Beschreibung der gesamten Entwicklung des Autorenkinos und der künstlerischen Stimmung im Europa Anfang der 70er Jahre den Umfang dieser Arbeit sprengen würde, sollen in den nächsten zwei Kapiteln nur kurz die wesentlichen Schnittstellen der Filmlandschaft und der Filmemacher dieser Zeit dargelegt werden, um so Parallelen zu den damaligen Arbeiten von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet ziehen zu können.

2.1 Die Situation in den 70er Jahren

Was die 70er Jahre in filmischer Hinsicht allgemein betrifft, so kann nicht von einem glücklichen Jahrzehnt gesprochen werden. Es entstanden kaum eigene Formen, der Film scheint rückblickend aus einer Mischung der vergangenen 60er und der zukünftigen 80er Jahre bestanden zu haben - ein „Gemenge aus Übergangsphänomenen“[1].

Eine wesentliche Neuerung, wenn auch vorwiegend in technischer Hinsicht, stellte das Farbfernsehen dar. Bilder gewannen an Buntheit und Aufdringlichkeit und übten trotz willkürlicher, flacher und gekünstelter Dramaturgie eine enorme Kraft auf das Publikum aus.[2]

In der Tradition des Autorenfilms bzw. des Neuen Deutschen Films spielten v.a. Filmemacher der ersten Hälfte des Jahrzehnts mit den Mustern des Genrekinos und arbeiteten mit experimentellen Erzählformen wie Dehnung, Brechung oder Auflösung narrativer Linearität. Der Einsatz von Musik, Stimme und Körper wurde flexibel variiert und dokumentarisches sowie fiktionales Material wurde integriert.[3]

2.2 Autorenfilm

Das Konzept des Autorenfilms existiert bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts und hat sich im Laufe der Zeit wesentlich gewandelt. Während der frühe Autorenfilm der 10er Jahre eine „Verkunstung“ des Kinos zu erreichen strebte, war die „politique des auteurs“ im Frankreich der 50er Jahre um eine Filmtheorie bemüht. Und die deutsche Autorenfilmbewegung der 60er und 70er Jahre stellte v.a. eine filmpolitische Gegenbewegung zum Kommerzfilm der 50er Jahre dar. All diesen Konzepten gemeinsam ist die Etablierung von Regisseuren als kulturelle Größen, die den Film von namenloser Unterhaltung und kommerzieller Industrie wegführen.[4]

In der Bundesrepublik Deutschland war die ästhetische, inhaltliche und ökonomische Situation des Kinos Anfang der 60er Jahre katastrophal. Autorenfilmer sollten dieser Situation entgegenwirken und einen Neuen Deutschen Film schaffen. Im Oberhausener Manifest (1968) wurde dem konventionellen Film eine Absage erteilt und für die Auflösung der Hierarchie zwischen Produzenten und Regisseuren zu Gunsten des Autors, Regisseurs und Produzenten in einer Person plädiert.[5]

Charakteristisch für solche Autorenfilme ist ein hohes Maß an Subjektivität und eine Art Vermittlerrolle des Autors zwischen seinen Phantasien und dem Publikum. „Der Filmemacher muß seine Erfahrungen, Wünsche und Phantasien ernst nehmen und subjektiv einbringen, um damit dem Zuschauer Zugang zu seiner eigenen Erfahrung zu ermöglichen.“[6], schreibt Annette Bauerhoch.

Eine weitere Auffälligkeit im Genre des Autorenfilms ist die hohe Anzahl von Literaturverfilmungen. Neben künstlerischen Gründen - wie die stärkere Orientierung an literarischen denn an filmischen Kunstwerken auf Grund des bereits erwähnten armseligen Zustandes des Kinos – spielen auch Rahmenbedingungen wie die Konzentration der Filmförderung auf bewährte und große Werke oder die Abhängigkeit vom Fernsehen eine wesentliche Rolle. Dieses hatte großen Bedarf an neuen Filmen, Eigenproduktionen waren häufig günstiger als der Einkauf und die Autorenfilmer waren, u.a. durch ihre antikapitalistische Einstellung, relativ billig.[7]

Durch die Autorenfilme wurden also einerseits dem Publikum gelehrt, Filme als Kunstwerke zu betrachten, die nicht nur unterhalten, sondern auch eine Bedeutung haben sollen, andererseits wurden Literaturverfilmungen populär gemacht.[8]

Jürgen Felix ist der Ansicht, dass der Autorenfilm noch immer lebendig ist, da Filmindustrie, Filmemacher, Filmkritiker, Filmwissenschafter und auch das Publikum permanent Autorenpolitik betreiben. Der Name des Regisseurs fungiert stets als Markenzeichen und hegt gewisse Erwartungen bei den Zusehern: „Das Autorenkino ist stets auch eine >vision du monde< des Cineasten.“[9]

„Geschichtsunterricht“ ist eingebettet in die Filmtradition der 70er Jahre, in die Autorenfilmbewegung, in die Tradition der Literaturverfilmungen sowie der Kooperationsproduktionen mit dem Fernsehen. In diesem Sinne wurde der Film mit relativ geringen und nicht einfach aufzubringenden finanziellen Mitteln und in Zusammenarbeit mit einer Film- und Fernsehproduktionsfirma realisiert.

Nach dem folgenden Abschnitt über das Leben und die Arbeit Jean-Marie Straubs und Danièle Huillets wird genauer auf das Werk aus dem Jahr 1972 eingegangen.

3. Jean-Marie Straub und Danièle Huillet

3.1 Biographisches

Die Biographien des Filmemacher-Paares Jean-Marie Straub und Danièle Huillet sind – sowohl privat als auch beruflich – seit ihrer beider Jugend stark miteinander verschmolzen. Als sie sich kennen lernten, war Straub 21 und Huillet 18 Jahre alt. Aufgewachsen im nationalsozialistisch besetzten Metz kam Straub nach seinem dreijährigen Studium in Straßburg und Nancy im Jahr 1954 nach Paris, wo die Zukunft weisende Begegnung der beiden stattfand.[10]

Vier Jahre später ging das Paar nach Deutschland, wo 1962 ihr erster gemeinsamer Kurzfilm „Machorka-Muff“ (nach der Kurzgeschichte „Hauptstädtisches Journal“ von Heinrich Böll) entstand. Dieses wie auch die folgenden Werke, „Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“ (1964, nach dem Roman „Billard um halbzehn“ von Heinrich Böll) oder „Die Chronik der Anna Magdalena Bach“ (1967, auf der Grundlage von Exzerpten verschiedener Originaldokumente von und über Johann Sebastian Bach), stießen beim Publikum auf Ablehnung, Unverständnis und Kritik und lösten teilweise sogar einen Skandal aus. Straub/Huillets erste Arbeiten zogen auch häufige Auseinandersetzungen mit Auftraggebern, Geldgebern und Filmbewertungsstellen nach sich. Trotzdem wurde „Die Chronik der Anna Magdalena Bach“ beim Internationalen Filmfest in London zum besten Film des Jahres gekürt.[11]

Ende der 60er Jahre zog das Paar nach Italien und arbeitete an seinem ersten Farbfilm, „Othon. Die Augen wollen sich nicht zu jeder Zeit schließen oder Vielleicht wird Rom sich eines Tages erlauben seinerseits zu wählen“ (1969, nach dem Schauspiel „Othon“ von Pierre Corneille). Weiterhin wurden auch deutschsprachige Filme gedreht, wie „Geschichtsunterricht“ im Jahr 1972 (basierend auf dem Romanfragment „Die Geschäfte des Herrn Junius Cäsar“ von Bertolt Brecht) oder „Klassenverhältnisse“ aus 1983 (nach dem Romanfragment „Der Verschollene“ von Franz Kafka).

[...]


[1] Lenssen. In: Jacobsen/Kaes/Prinzler, 2004. S. 245.

[2] Vgl. ebd. S. 246.

[3] Vgl. ebd. S. 249.

[4] Vgl. Bauerhoch, 1991. S. 5.

[5] Vgl. ebd. S. 12ff.

[6] Ebd. S. 20.

[7] Ebd. S. 21ff.

[8] Vgl. Felix. In: Ders., 2003. S. 20.

[9] Vgl. ebd. S. 1 und ebd. S. 48.

[10] Vgl. Jean Marie Straub. Biografie. Auf: www.filmportal.de, Zugriff: 24.03.2007.

[11] Vgl. ebd. und vgl. Böser, 2004. S. 235.

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638829700
ISBN (Buch)
9783638832403
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v78270
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Geschichtsunterricht Jean-Marie Straub Danièle Huillet Entstehungskontext Grundlage Umsetzung Aufarbeitung Geschichtsproblematik

Autor

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Titel: Entstehungskontext, Umsetzung und literarische Grundlage des Films "Geschichtsunterricht" von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet